Illustration der Künstlerin Sabrina Laura

Heyyy [Kurzgeschichte]

Die Nachricht, die den Lauf der Menschheitsgeschichte für immer verändern sollte, erreichte die UN-Generalsekretärin Milena Piłsudski als Push Up Meldung auf ihrem Smartphone.

Das „Heyyyyyyyyyyyyyyyy“ kam von einer unbekannten Nummer und sie wischte sie prompt mit einem Schwenk des Daumens weg. Es war 13:27 in New York, genau zwischen dem 15:26 geendeten Meeting mit dem Präsidenten von Ghana und dem 15:30 Meeting mit der Präsidentin von Singapur.

Die Assistenten in den grauen Anzügen tauschten bereits hastig die Flaggen an den Wänden und die Wasserkaraffen und Gläser auf den Tischen aus. Milena hatte gerade genug Zeit ihrem Mann zu schreiben, dass es heute voraussichtlich wieder später werden würde mit dem Abendessen, und um kurz die müden Augen zu schließen. Kurz erholsame Dunkelheit. Das Rauschen der Klimaanlagen, das Klicken und Piepen von Kameras und das niemals endende, hektische Stimmgewirr rückten in den Hintergrund.

Bis das Smartphone in ihrer Hand vibrierte. Ein zweites, noch längeres „Heyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyy“ schob sich über den oberen Bildschirmrand. Irritiert starrte sie auf die Nachricht. Nun bemerkte sie die Nummer und das Profilbild: +00 000 000 000 und ein fröhlich zwinkerndes Animegirl mit pinken Haaren. Was sollte das bedeuten? Niemand außer hochrangigen Politikern hatte ihren Kontakt … und?

Gleich würde sie wichtige Hände schütteln, freundlich in blitzende Kameras lächeln, die Lage des Atlantiks … nein, des Pazifiks besprechen müssen. Ihr Messenger quoll über mit hunderten ungelesenen Nachrichten, aber keine davon gab ihr so ein beklemmend unheimliches Gefühl wie diese scheinbar harmlose Begrüßung.

Sie blickte auf. In der Menschentraube vor dem Konferenzraum erkannte sie bereits das schwarze glänzende Haar und das strenge Gesicht der Präsidentin von Singapur, die flankiert von ihren bulligen Leibwächtern auf sie zu stolzierte. Sie lächelten sich an. Melina ließ das Smartphone in der Innentasche ihres Blazers verschwinden – für skurrile Nachrichten würde noch später genug Zeit sein, dachte sie.

„Hallo Melina, eine Freude dich wiederzusehen“, sagte die Präsidentin.

„Ganz meinerseits, Puay!“ Sie grinsten vor den Flaggen posierend und händeschüttelnd in die Kameras. Blitze. Schwarze Flecken tanzten durchs Sichtfeld. Sie nahmen Platz am Konferenztisch und begannen die Gespräche.

Gerade diskutierten sie fokussiert die vom internationalen Seerecht gesetzten Grenzen für die Aufschüttung einer weiteren künstlichen Insel vor Singapur, als plötzlich die Gesichter um sie herum sich zu den Fenstern wandten. Melina folgte den Blicken beiläufig und zuckte zusammen.

Zwischen den Wolken am Himmel funkelte in einer verspielten regenbogenfarbenen Schrift leuchtend ein kilometerlanges Heyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyyy?.

Für einen Augenblick war es still im Raum – abgesehen von dem niemals endenden Klicken der Fotographen und Kugelschreibern der Protokollanten.

Melina Piłsudski schluckte und fragte laut: „Sehen Sie das auch?“ – und zu sich selbst: oder bin ich nun endgültig vor Überarbeitung wahnsinnig geworden?

„Das … das Hey?“, antwortete Puay, langsam nickend. „Ja. Wie schön das nur aussieht. Die Marketingleute werden heutzutage auch immer gewiefter, aber wofür das wohl nur – Alles in Ordnung, Melina?“

Die Generalsekretärin war blass wie ein Leichentuch. Mit zitternden Händen nahm sie ihr Glas und trank einen Schluck Wasser. „Alles gut, lass uns weitermachen. Ich dachte nur kurz an meinen Terminkalender und da wurde mir schwindelig.“

„Wie uns allen, die unsere Seelen dem Dienst der Menschen verschrieben und an die endlose Politik verkauft haben“, sagte Puay schmunzelnd, dann kehrten sie zurück zu den Paragraphen, rund um Baugenehmigungen, Fischereirechte und Handelszonen.

Melina warf immer wieder verstohlen einen Blick zum Himmel, wo das Hey langsam verblasste und verschwand. Als das Gespräch mit erneutem Lächeln, Posen und Händeschütteln endete, fühlte sie sich fiebrig. Ein kalter Schweißausbruch lief ihren Nacken hinab. Ohne daran zu denken, dass sie bereits in sieben Minuten ein Meeting mit einem berühmten Hollywoodschauspieler hatte, der mit seiner Stiftung Schulen in Mali bauen wollte, rannte sie aus dem Konferenzraum. Begleitet von ihren omnipräsenten Leibwächtern erkämpfte sie sich einen Weg durch die Menschenmassen in den Gängen zu den Toiletten.

Sie knallte die Tür der Kabine hinter sich zu, verriegelte sie von innen und setzte sich auf den Deckel des weißen Porzellanthrons. Sie öffnete die Messenger App und starrte den Chat mit der 0er Nummer an. Sie wollten glauben, es wäre einfach nur eine ausgeflippte Marketingaktion – aber es schien ihr zu verrückt. Weil sie nicht wusste, was sie sonst denken oder tun sollte, schrieb sie:

„Waren Sie das gerade mit dem Schriftzug am Himmel?“

Prompt kam die Antwort:

„Ja. Sorry, dass wir so aufdringlich in Ihre DMs sliden, aber die Zeit ist knapp. Wie Sie sicherlich an der Verwendung der y lesen können.😉“

„Was meinen Sie damit?“

„Ist es nicht Brauch unter Menschen mit der Anzahl der y nach dem He anzugeben, wie sehr man an dem Kommunikationspartner interessiert ist? 🤨 Zumindest ergaben das die Analysen ihrer globalen Kommunikationssphäre, des Internets.🤓 Wir sind nämlich sehr interessiert!!!! 😊“

Melina hob die Augenbraun. Kniff die Augen kurz zusammen und atmete tief durch. Dann las sie die Nachricht nochmal. Und noch einmal kopfschüttelnd.

„Wer seid ihr?“

„Wir sind Oizyaner von Oizys ✨

„Seid ihr ein Unternehmen? Warum wollt ihr mich kennenlernen?“, tippte Melina perplex, wobei eine dunkle Ahnung, begleitet von einem mulmigen Gefühl sich von ihrer Magengrube ausbreitete.

„Nein. Wir sind kein Unternehmen. Aber eine Unternehmung. 😂 😉Wir wollen dich, CEO der Menschheit, kennenlernen, weil wir dringend parken müssen, sonst sinkt unser Schiff😢🥺 Wir bitten die Menschheit um einen Parkplatz für unser kaputtes Schiff. Wir bitten die Menschheit um Asyl auf eurem Planeten.🙏“

Melina starrte die Nachricht an. Die kleine Kabine um sie herum schien zu kollabieren, als würde der Boden unter ihr zusammenfallen. Alles drehte sich in ihrem Kopf. Sie konnte es nicht glauben, was sie gerade las, aber dann schrieb sie zuerst: „Wenn ihr mich belügt, wird das rechtliche Konsequenzen haben“, dann sich mehrmals vertippend: „Seid ihr Außerirdische?“

Diesmal kam die Antwort nicht so prompt. Eine gefühlte Ewigkeit starrte sie den Bildschirm an. Von draußen hörte sie ihre Leibwächter bereits klopfen, zu den Terminen rufen und sich selbst irgendetwas zurückrufen. Dann kam die Nachricht.

„Wir kommen in Frieden. Wir wollen nur Asyl. Wir wollen nur Hilfe. Bitte tötet uns nicht. Ja, wir sind Außerirdische von Oizys und wir freuen uns die Menschheit kennenzulernen.😊“

Melina atmete tief durch. „Könnt ihr das beweisen?“

Ein Foto folgte. Es zeigte einen grauen Schleimhaufen aus dem acht dunkle Murmeln – wohl soetwas wie Augen – herausragten, und drunter war ein gehobener dunkler Spalt voller schiefer Fangzähne. Der Hintergrund war rot durchleuchtete und mehrere weitere Schleimhaufen mit Tentakeln schmiegten sich an den Schleimhaufen im Vordergrund. Erst nach einer Weile begriff sie, was sie da sah. Es war ein Selfie, auf dem die Aliens offensichtlich versuchten, ein freundliches Lächeln zu imitieren – und grandios scheiterten mit ihrem Aussehen wie aus einem lovecraftschen Horrorfilm.

Melinas Hände sanken das Smartphone umklammernd schwach in ihren Schoß. Einen Moment lang blieb sie mit offenem Mund benommen sitzen. Dann sprang sie auf, rannte aus der Kabine und zum Waschbecken. Unter den Blicken ihrer verdutzten Leibwächter spritzte sie sich kaltes Wasser ins Gesicht und atmete tief ein und aus. Im Spiegel oszillierten ihre Pupillen krankhaft. Das Gewicht der Welt zog an ihren Schultern.

„Frau Generalsekretärin, Herr Brod Put wartet …“, sagte einer der Männer in dunklen Anzügen, aber sie fuhr ihn nur an:

„Nicht jetzt! Sagt ihm, dass ich das Meeting verschieben muss.“ Der Mann nickte routiniert und gab den Befehl weiter.

Melina sah wieder auf ihr Smartphone.

„Werden Sie uns helfen, Melina?🥺“

„Ich werde tun was ich kann. Wo ist euer Schiff?“

„Wir haben soeben einen 50.000km Orbit um die Erde erreicht. Unser Schiff ist jedoch schwer beschädigt durch Asteroidentreffer. Wir können es nicht mehr steuern.😭 Wir müssen abgeschleppt werden. Wir brauchen so schnell wie möglich Hilfe!“

„Könnt ihr es nicht reparieren und weiterfliegen?“, fragte sie und dachte: Die Menschheit ist alles andere als bereit dafür Aliens zu begegnen, und ich erst recht nicht. Eigentlich muss ich zum nächsten Meeting, und Abendessen und … so viel anders. Ihre eigenen Gedanken erschienen ihr absurd.

„Wir sind vor über umgerechnet 25.000 Jahren von unserer Heimat aufgebrochen.  ☄️Niemand auf unserem Schiff war zu dieser Zeit bereits am Leben. Niemand auf unserem Schiff weiß, wie man es reparieren könnte. Wir können nicht zu unserer Heimat zurückkehren. Sie existiert nicht mehr. Daher bitten wir die Menschheit um Hilfe und Asyl. Wir versprechen uns erkenntlich zu zeigen!“

Zum ersten Mal war sich Melina sicher, was sie schreiben sollte:

„Die Menschheit wird das besprechen. Bitten geben Sie uns ein paar Stunden, um zu uns entscheiden“, schrieb sie zurück – und meinte mit der Menschheit den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen.

„Danke❤️“

Es dauerte nur rekordverdächtige drei Stunden, bis die Anführer der 15 im Sicherheitsrat vertretenen Staaten aus ihren Sitzungen, Reden, Betten und Urlauben geholt wurden und sich zu der dringenden, geschlossenen Konferenz einwählten.

Drei quälend lange Stunden, in denen Melina weiter Prominenten, Politikern und Aktivisten die Hände schüttelte, als wäre nichts, während es unter ihrer Haut kribbelte, als wäre sie mit Ameisen übersät. Sie fühlte sich in einem grotesken Theaterstück gefangen, die ruhige Bürokratin spielend, während die Welt aus den Fugen geriet. Sie konnte nicht anders, als zum Fenster zu sehen, nach weiteren Nachrichten Ausschau zu halten, nicht anders als ihr Smartphon zu zücken und immer wieder die Nachrichten der Oizyaner zu lesen. Sie konnte kaum den wichtigen Gesprächen folgen und nickte nur – mal zu Menschenrechten, mal zur Legitimität der Todesstrafe, mal zum Kohlebergbau, mal zum Klimawandel, wie sie später in den Protokollen nachlesen sollte. Zwischenzeitlich rief sie alle wichtigen und unwichtigen Persönlichkeiten zusammen – und erhielt weitere Nachrichten der Oizyaner, die sie dazu drängten sich zu beeilen, da das Schiff immer mehr Funktionen verlor.

Das Abendessen mit der Familie verpasste sie damit endgültig, stellte sie fest, während sie den Saal des Sicherheitsrats betrat mit ihrer Delegation im Schlepptau. Aber ihrem Mann die Lage zu erklären? Lieber nicht. Sie verstand selbst den wirren Traum nicht, durch den sie gerade stolperte.

Am runden Tisch im Saal saß von den Politikern nur die amerikanische Präsidentin, mit ihrem Botoxlächeln grinsend. Die restlichen Vertreter der Staaten starrten müde als übergroße Gesichter auf Bildschirmen auf den Tisch herab.

Melina trat ans Podest und gab ein kurzes Briefing, erläuterte den Kontakt, zeigte das Alienselfie – auf das einiges an Gemurmel, Gewitzel und Stirnrunzeln folgte – und stellte die Frage: „Was tun wir?“

Beklemmende Stille. Der britische Premierminister schnäuzte sich die Nase. Der deutsche Kanzler sah bedächtig von links nach rechts um.

Die amerikanische Präsidentin erhob als erste das Wort: „Haben wir … ähm, ich meine die UNO nicht irgendeine Spezialeinheit dafür eingerichtet, die sich mit soetwas beschäftigen sollte? XCOM oder so?“

„Das war ein amerikanisches Videospiel, wenn ich mich nicht täusche“, sagte der russische Präsident.

„Oh“, die US-Präsidentin fuhr filigran mit den Fingern durch ihr platinblondes Haar. „Also sind wir nicht vorbereitet?“

„Doch“, sagte Melina. „Wir haben die UNOOSA, das United Nations Office for Outer Space Affairs. Laut allen internationalen Protokollen sollte der Leiter der UNOOSA im Falle eines Kontakts mit Außerirdischen als Botschafter der Menschheit fungieren. Der Herr Astrophysiker Dr. Kagheli aus Zimbabwe ist sogar hier“, sagte Melina und deutete auf einen kleinwüchsigen Mann, der sich an einem Tischende in seinem eindeutig viel zu großen Anzug zu verstecken schien. Alle realen und virtuellen Köpfe im Raum richteten sich erwartungsvoll auf ihn. Dieser starrte aber nur auf ein leeres Blatt Papier vor ihm und fummelte nervös an der dicken Hornbrille auf seiner Nase herum.

„Sie haben sicher einen Plan für eine Situation wie diese ausgearbeitet?“, fragte Melina. Der Wissenschaftler saugte scharf die Luft den Zähnen ein und schüttelte zaghaft den Kopf.

„Haben Sie nicht?“

„Ich befürchte, leider nicht.“

„Was haben Sie mit ihrem Budget gemacht? Sie haben jedes Jahr 5 Millionen Dollar zur Verfügung“

Der Astrophysiker murmelte etwas leise vor sich hin.

„Wie bitte?“

„Ich sagte: Wir haben mit unserem Budget Kampagnen gegen den Klimawandel finanziert … und gegen Umweltverschmutzung. Dann ist dann noch unsere Space4All Initiative, um die Frauenquote in der Astronomie zu erhöhen.“

Ein resigniertes Stöhnen ging durch den Raum.

„Warum beschäftigen Sie sich mit Klimawandel und Umweltverschmutzung?“, fragte die französische Präsidentin, wofür sie einen vernichtenden Blick vom deutschen Kanzler erntete.

„Wissen Sie“, rief der Wissenschaftler empört. „Wie viele Treibhausgase so eine verdammte Rakete ausstößt? Wie viel Müll vom Himmel regnet bei jedem Start? Wissen Sie eigentlich …“

„Scheiße“, entwich es dem russischen Präsidenten. „Was machen wir jetzt?

„Das ist doch offensichtlich“, sagte der deutsche Kanzler. „Als vereinte Menschheit unsere Differenzen beiseitelegen, uns für unser Wohl einigen und das in diesem historischen Moment moralisch Richtige tun.“

„Natürlich. Das funktioniert ja jedes Mal so glänzend“, sagte der Britische Premierminister verschnupft. „Warum brauchen diese Außerirdischen überhaupt Asyl? Hat das jemand mal durchdacht? Vielleicht sind das Terroristen, die auf der Flucht sind. Wenn wir ihnen helfen, haben wir möglicherweise ein diplomatisches Problem mit einer offensichtlich uns technologisch überlegenen Zivilisation.“

Die Präsidenten von Argentinien und Tansania nickten bedächtig. Einer murmelte sogar: „Ja, Kontakt mit Arschlöchern mit zu viel Technologie kann wirklich gefährlich werden.“

„Warum fragen wir sie nicht einfach, warum sie von ihrem Planeten weg sind? Es gibt sicher einen guten Grund“, fragte der Präsident von Uruguay.

„Als ob sie uns die Wahrheit sagen werden!“, rief der britische Premier. „Es geht um ihr eigenes Überleben. Sie werden lügen wie gedruckt, um ihre Haut zu retten.“

Die Vertreter der Staaten begannen wild durcheinander zu diskutieren, wie weit man Außerirdischen vertrauen dürfte und noch mehr, wie sehr sie einander vertrauen sollten die richtige Entscheidung zu treffen.

Melina spürte das Smartphone an ihrer Brust vibrieren.

„Weitere Systeme unseres Schiffes sind ausgefallen.😭 Wir brauchen dringend Hilfe. Hat sich die Menschheit geeinigt?“

„Noch nicht. Ich tue alles, was ich kann“, und nach kurzem Zögern schickte sie🫂❤️ .

Melina räusperte ins Mikrofon. Das Stimmengewirr schwoll nur noch lauter an.

„Meine Damen und Herren…. Meine Damen und Herren hören Sie mir bitte zu“, schrie sie. „Die Oizyaner haben mir gerade mitgeteilt, dass ihr Schiff immer mehr Probleme hat. Wir müssen schnell handeln, wenn wir ihre Leben retten wollen. Wir müssen sofort ein Rettungsmission entsenden. Eine Rakete von SpaceX, von der NASA, von Blue Origin, von der ESA, von Roskom. Es ist mir egal. Aber wir müssen sofort reagieren!“

Die blassen Gesichter verstummten und drehten sich zu ihr um.

„Frau Generalsekretärin Piłsudski“, entgegnete der deutsche Kanzler. „Bei aller Ehre gegenüber Ihnen, der Situation und unseren unerwarteten Gästen. Das hier ist ein Wendepunkt der Menschheitsgeschichte. Wir müssen wohlüberlegt und durchdacht und vor allem gemeinsam handeln.“

„Aber wir müssen schnell handeln“, entgegnete Melina verzweifelt, die auf ihrem Bildschirm bereits die nächsten Nachrichten des oizyanischen Animegirls aufpoppen sah.

„Wenn wir zu schnell handeln, riskieren wir das Überleben der Menschheit“, sagte der britische Premier kühl. „Wir wissen gar nichts über diese Oizyaner. Nur, dass sie uns technologisch wohl um Jahrtausende überlegen sind. Allein dass sie mühelos unserer Sprache übersetzen und sich in unsere Kommunikationssysteme einloggen können, ist besorgniserregend. Es könnte eine Falle sein, die Vorhut einer Invasion. Sie könnten fremde Krankheitserreger mit sich bringen, die die Menschheit auslöschen, weil wir keine Heilmittel gegen sie haben.“

„Etwas, was das Pentagon ebenso so sieht“, fügte die US-Präsidentin hinzu.

„Und deswegen“, ergänzte der russische Präsident. „Hat es genauso wie unsere Streitkräfte, das nukleare Arsenal reaktiviert und auf den Himmel gerichtet.“

„Spionieren Sie uns etwa aus?“, rief die US-Präsidentin empört.

„Spätestens seit 1922“, entgegnete der Russe trocken. „Beruft auf reiner Gegenseitigkeit.“

„Das verstößt gegen alle Abkommen. Sie können sich auf Sanktionen gefasst machen, dass …!“

Der russische Präsident winkte ab. „Ihre Sanktionen können sie gleich mal ihren Verbündeten weiterreichen. Ich befürchte, es sind im Pazifik vor Sibirien gerade sehr viele französische U-Boote mit startbereiten M51 aufgetaucht. Ganz zu schweigen von gewissen britischen Raketen, die in ihren Silos aktiviert wurden. Erstaunlicherweise registrieren wir sogar Aktivitäten bei den Israelis, die eigentlich noch gar nichts von unseren Besuchern wissen sollten. Haben Sie etwas dazu zu sagen?“

Die amerikanische Präsidentin grummelte: „Sie haben ihre Chinesische Kommunistenfreunde und Indien vergessen. Deren Nuklearraketen sind ebenfalls startbereit.“

Der chinesische Präsident zuckte mit den Schultern und hob die leeren Handflächen nach oben. „Die Volksrepublik sieht sich in der Lage und der Pflicht die Menschheit zu verteidigen. Entsprechende Vorkehrrungen haben wir entsprechend getroffen.“

„Aha“, rief die amerikanische Präsidentin „Das hätte ich damals gern im Dezember 2019 gehört und gesehen …“

„Hüten Sie ihre Zunge, sonst könnten ihnen noch Wörter entgleiten, die Sie bereuen werden“, antwortete der Chinesische Präsident.

„Das ist Wahnsinn“, murmelte Dr. Kagheli. „Nukleare Explosionen im Orbit könnten den Van-Allen-Gürtel dauerhaft destabilisieren. Erinnert sich niemand mehr an Starfish Prime?“, aber niemand hörte ihm zu.

„Jedenfalls“, sagte der Britische Premierminister laut. „Frau Generalsekretärin, schreiben Sie bitte das an ihre Alienfreunde. Wenn Sie der Erde zu nahe kommen, werden sie vernichtet. Für unseren Teil wartet das Vereinigte Königreich lieber noch ein paar Jahrhunderte, bis wir unsere Probleme auf der Erde geregelt haben, bevor wir Ausländer reinlassen.“

„Du meinst Außerirdische“, fügte die Französische Präsidentin hinzu.

„Habe ich doch gesagt“, schnaubte der Brite.

„Aber Asyl ist ein Menschenrecht“, erinnerte der deutsche Kanzler, sich bedächtig am Kinn kratzend. „Es wäre skandalös, wenn wir Ihnen kein Asyl gewähren. Ganz zu schweigen davon, Atomwaffen auf Flüchtlinge abzufeuern. Das verstößt nicht nur gegen den Atomwaffensperrvertrag, sondern auch ganz sicher gegen die Genfer Flüchtlingskonvention.“

„Menschenrechte sind soweit ich weiß, nur auf Menschen anwendbar“, wandte der Chinesische Präsident ein.

„War natürlich klar, dass das von Ihnen kommt“, entgegnete die US-Präsidentin. „Ihr Verständnis von Menschenrechten ist – sagen wir mal limitiert.“

Jemand hustete und räusperte „Guantanamo Bay“ ins Mikrofon.

Der russische Präsident verbarg sein Lachen hinter der vorgehaltenen Hand. Die Staatspräsidenten der anderen Länder kicherten dagegen ganz unverhohlen, woraufhin ein wüster Streit über Sanktionen, Raketen, Gesetze und Spionage entbrannte. Melina seufzte und nahm ihr Smartphone. Keineswegs überrascht sah sie, dass auch ihr Mann fragte wo sie blieb … aber dafür war keine Zeit. Sie schrieb an die Oizyaner: „Die Menschheit kann sich noch nicht einigen. Ihr dürft aber auf keinen Fall der Erde näherkommen. Manche hier glauben, ihr seid gefährlich. 😢Ich versuche sie vom Gegenteil zu überzeugen.“

Prompt kam die Nachricht. „Beeilt euch. Bitte. Die Lebenserhaltungssysteme versagen. Wir haben Tote. Wir sind keine Gefahr für die Menschheit. Wir haben keine Waffen bei uns. 🤞“

Melina sah seufzend auf die Runde wild gestikulierender, verwirrter nackter Affen in maßgeschneiderten Anzügen, die über alles redeten, außer das Wichtige. Sie hatte das Gefühl gegen Windmühlen anzukämpfen.

„Meine Damen und Herren“, schrie sie. Einmal. Zweimal. Dreimal. Beim vierten oder fünften Mal hörten ihr zumindest die meisten wieder zu. „Wir müssen jetzt handeln. Die Außerirdischen von Oizys versichern, dass sie keine Gefahr darstellen – und von mir aus, können wir sie ja noch immer nuken, wenn sich das Gegenteil erweist. Wer kann Raketen bereitstellen, um sie abzuschleppen? Dr. Kagheli, haben Sie einen Überblick? Wer hätte das nötige Werkzeug?“

Der Wissenschaftler rutschte nervös auf seinem Stuhl umher und schob die Brille gegen den Nasenrücken. „Nun … Meines Wissens nach könnten einige Raketen, die normalerweise Satelliten in die Umlaufbahn bringen, recht schnell so umfunktioniert werden, dass sie zu dem Raumschiff der Ozyianer fliegen und sie zumindest soweit ziehen könnten, dass es auf die Erde hinabstürzt. Wir wissen nichts über ihr Raumschiff, aber es wird wohl den Eintritt überstehen, wenn es schon so lange im Weltraum unterwegs ist.“

„Großartig“, sagte Melina und versuchte so enthusiastisch und hoffnungsvoll wie sie nur konnte zu klingen. Sowohl um sich selbst zu überzeugen, als auch zu verhindern, dass ihr jemand widersprach. „Dann nehmen wir einfach die erstbeste Rakete, die zur Verfügung steht. Es ist am Ende egal welche.“

„SpaceX hat sicher …“, begann die US-Präsidentin.

„Egal“, unterbrach Melina. „Wir nehmen, was da ist.“

„Und wohin sollen wir die Oizyaner abstürzen lassen?“, fragte der Russische Präsident. „Wir können sie nicht überall abstürzen lassen. Wenn sie in eine Stadt stürzen, wird das ein Desaster. Vor allem müssen wir uns auch eine Strategie überlegen, wie wir der Menschheit diesen Wendepunkt in der Geschichte kommunizieren, um Massenpaniken zu verhindern. Ich würde daher Sibirien vorschlagen. Weite, menschenleere Fläche, die die Russische Föderation gern freiwilig absichert. So bleibt genug Zeit, um danach alles weitere durchzusprechen.“

„Wie wäre es mit neutralen Gebiet?“, schlug der deutsche Kanzler vor, bevor die US Präsidentin mit erhobenem Zeigefinger losfluchen konnte.

„Ich wiederhole das nur ungern“, sagte der chinesische Präsident räuspernd. „Aber die Schweiz ist alles andere als neutral. Sie ist von der EU umzingelt und verfolgt ganz eigene Interessen.“

„Ich dachte eher an internationales Gebiet“, sagte der Kanzler. „Wie zum Beispiel den Nordpol.“

„Das ist russisches Gebiet.“

„Kanadisches und US-amerikanisches, um korrekt zu sein“, entgegnete die US-Präsidentin spitz und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Wie kommt denn das? Ich glaube mich da an eine andere Abmachung zu erinnern“, meinte der russische Präsident.

„Wie wäre es mit dem Südpol?“, fragte Melina verzweifelt. „Das ist unumstritten internationales Gebiet.“

Der britische Premier schnalzte mit der Zunge. „Nun, das kann man so sehen, aber nicht unbedingt.“

„Dem muss ich zustimmen“, fügte die französische Präsidentin hinzu. „Frankreich würde aber sofort ein Ariane Rakete zur Verfügung stellen, sollten wir uns darauf einigen, die Flüchtlinge im Adélieland aufschlagen zu lassen.“

„Das ist eine bodenlose, schamlose Frechheit“, warf ihr der chinesische Präsident entgegen. Wieder brach ein wilder Streit los.

In dem Augenblick vibrierte das Smartphone erneut. Mit klopfendem Herzen öffnete Melina den Messenger.

„Feuer. Es brennt an Bord  🔥😭Wir brauchen sofort Hilfe. Ist sie unterwegs?“

Melina sah auf, sah die streitenden Gesichter, die herumfuchtelnden Hände, hörte das endlose Herumargumentieren und Paragraphenzitieren.

„Es tut mir leid, die Menschheit ist noch nicht bereit. 😭

„Wir verstehen. Dank für dein Hilfe, Melina ❤️“

„Bitte. Haltet durch. Ich werde es schaffen!“, schrieb sie zurück. Aber diesmal erschien hinter ihrer Nachricht nur ein Häkchen: Die Nachricht wurde versendet, aber der Empfänger ist offline.

Es dauerte eine halbe Stunde, bis jemanden auffiel, dass die Generalsekretärin ihr Gesicht in den Armen vergraben hatte und weinte. Nach und nach verstummten die hitzigen Debatten.

„Frau Generalsekretärin?“, fragte der Deutsche Kanzler. „Geht es Ihnen gut?“

Sie wäre am liebsten aufgesprungen und hätte sie alle angebrüllt, für ihre Dummheit, für ihre Trägheit, für ihre Inkompetenz. Stattdessen stütze sie sich nur erschöpft auf und sprach ins Mikrofon: „Der Kontakt zu den Oizyanern ist abgebrochen. Ein Feuer brach auf ihrem Schiff aus. Vermutlich sind sie alle tot“, dann klappte sie zusammen.

„Vielleicht sind noch Überlebende an Bord“, mutmaßte die amerikanische Präsidentin.

„Auf jeden Fall aber wertvolle Alientechnologie. Der Erste vor Ort, bringt alle Schätze heim“, flüsterte der russische Präsident, der bereits sein Smartphone am Ohr hatte mit dem Stab von Roskosmos in der Leitung. Er war nicht der Einzige. Die Führer der Staaten telefonierten hektisch mit ihren Weltraumbehörden und privaten Weltraumunternehmen. Melina Piłsudski starrte auf den Bildschirm ihres Smartphones, las immer wieder durch den Tränenschleier die Nachrichten des ersten Kontakts. Das Schlimmste waren die kalten Krallen der Einsamkeit, die ihr Herz mit dem Wissen umschlossen, dass der Kosmos wieder etwas dunkler und leerer geworden war.


“Heyyy” ist eine Sci-Fi Geschichte aus den Feder des Schriftstellers Nikodem Skrobisz a.k.a. Leveret Pale. Die Illustration stammt von der Künstlerin Sabrina Laura ( Insta: @miss_sabrina_sunshine )


Wenn dich diese Kurzgeschichte gut unterhalten hat, dann würde es mich freuen, wenn du mir einen Kaffee spendieren würdest. 😉 Der Kaffeetreibstoff beschleunigt meinen Schreibprozess sowohl bei meinen Artikeln als auch bei meinen Romanen.
Kaffee spendieren via Ko-Fi

Nikodem

Nikodem Skrobisz, auch unter seinem Pseudonym Leveret Pale bekannt, wurde am 26.02.1999 in München geboren. Er ist als Journalist und Schriftsteller tätig und hat bereits mehrere Romane und Kurzgeschichten publiziert, die meist philosophische und gesellschaftliche Themen behandeln. Er studierte Kommunikationswissenschaften und Psychologie, und studiert zurzeit Philosophie und Sprache, Literatur und Kultur. Halbprivate Einblicke gibt es auf Instagram

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.