7. Juli 2026
ArtikelEssay

Die Bildung eines europäischen Liberalen

Ich bin ein Liberaler. Ich bin es, seit ich als Jugendlicher begann, ernsthaft über Politik nachzudenken. Und doch bezeichne ich mich öffentlich nur selten als Liberalen, weil die meisten Menschen heutzutage missverstehen, was das Wort liberal eigentlich bedeutet. Viele, infiziert vom polarisierten us-amerikanischen Diskurs, der das Internet durchdringt, halten einen Liberalen für einen Linken. Ich war nie ein Linker. Ironischerweise halten viele andere — gerade hier in meiner Heimat, in Kontinentaleuropa — einen Liberalen für den Jünger irgendeiner starren angelsächsischen Ideologie der Marktanbetung, irgendeines -ismus: Libertarismus oder Liberalismus, sei er nun neo- oder klassisch. Oder noch schlimmer: Sie glauben, dass Liberalität das wäre, was die FDP (der ich selbst zugegebenermaßen 2018 – 2023 angehörte) aktuell verzapft. Alle drei irren, und alle drei Missverständnisse haben dieselbe Ursache: Wir — und mit wir meine ich heute vor allem die Europäer, aber auch die Amerikaner — haben unsere eigene Geschichte vergessen.

Die Liberalität ist die Seele der europäischen Zivilisation. Die Geschichte der europäischen Zivilisation ist die Geschichte des Liberalen Denken — von seiner Geburt im antiken Rom bis zu seinem Niedergang im heutigen Kalifornien. Ein guter Europäer zu sein heißt, ein Liberaler zu sein. Dieser Essay handelt davon, warum Amerika fallen wird — und Europa sich nicht wieder aufraffen wird, ohne sich dessen zu wieder bewusst zu werden.

Die Liberalitas in Rom

Beginnen wir ab ovo, bei den lateinischen Ursprüngen des Wortes liberal selbst. Liber: frei. Libertas: die Freiheit. Liberalis: einem freien Menschen gemäß. Liberalitas: die Liberalität. Die Wörter und die Begriffe verdanken wir — wie so vieles der europäischen Zivilisation — den alten Römern, die 509 v. Chr. den letzten ihrer Tyrannenkönige stürzten. Fast fünf Jahrhunderte lang blühte die Freiheit danach in der römischen Republik — doppelt so lange wie bislang in der US-amerikanischen —, ehe sie von Caesar, dem zum Tyrannen gewordenen Populisten, ausgelöscht wurde.

Im republikanischen Rom frei zu sein hieß, Bürger zu sein und nicht Sklave — unter keines Herrn Willkür zu stehen. Die Römer wussten, dass dieser Zustand nur unter der Herrschaft des Rechts und einer auf das Gemeinwohl, die res publica, ausgerichteten Verfassung bestehen konnte. Aus dieser Einsicht entstand der Konstitutionalismus — eine Idee, die sich über die folgenden Jahrtausende in der ganzen Welt verbreiten sollte.

Doch eine Verfassung allein, das lernten am Ende die alten Römer, lernten die Deutschen 1933 und lernen die Amerikaner heute aufs Neue, schützt die Freiheit nicht. Freiheit verlangt von den Freien einen bestimmten Charakter, eine bestimmte Geisteshaltung, damit sie die Generationen überdauert: eine Tugend, die einem freien Menschen gemäß ist — liberalis. Cicero nannte diese liberalitas das Band der menschlichen Gesellschaft: eine großzügige Gesinnung der Bürger zueinander, ein Geben und Nehmen, das das gemeinsame Leben, den geteilten Wohlstand und die geteilte Freiheit stärkt. Ihr Gegenteil war die illiberalitas — wörtlich übersetzt: das Verhalten, das eines freien Mannes unwürdig ist; und diese Illiberalität definierte sich vor allem durch avaritia (Habgier) und sordes (Schäbigkeit). Nur für den eigenen Profit und das eigene Vergnügen zu leben hieß im Vokabular der römischen Republik, wie ein Sklave zu handeln — ganz gleich, welchen Rechtsstatus man besaß. Seneca stellte die liberale Tugend später als Reigen der drei Grazien dar: Geben, Empfangen, Erwidern. Das ist es, was es tatsächlich heißt, ein Liberaler zu sein: die Tugenden zu kultivieren und zu praktizieren, die eines freien Bürgers würdig sind — und die zugleich notwendig sind, um die freie republikanische Ordnung und Zivilisation zu bewahren.

Aus derselben Wurzel wächst die liberale Bildung, die artes liberales, die den Untergang der römischen Republik überdauerten: keine Ausbildung für einen Beruf, sondern für einen tugendhaften Charakter; die Formung von Bürgern, die der Freiheit würdig sind. Das ist die Geschichte und die Wahrheit, die von den dummen Kulturkämpfen und den ideologischen -ismen unserer Tage gleichermaßen begraben wird. Liberalität ist ein moralisches und bürgerliches Ideal — keine Theorie atomisierter Nutzenmaximierer, kein Kapitalismuskult um des Kapitalismus willen, kein Blankoscheck an Rechten, kein Fetisch für den großen oder den kleinen Staat. Rechte und Freiheiten sind keine Geschenke der Natur; sie wurden dem brutalen Naturzustand, den Tyrannen und Königen in blutigen Revolutionen abgerungen, und sie ruhen auf Pflichten und Tugenden — bewahrt durch Rückgrat, Bildung und Empathie. Liberalität ist die Disziplin, dieser Freiheit würdig zu sein. Und wer heute auf die westliche Welt blickt, hat allen Grund zu zweifeln, ob wir ihrer noch würdig sind.

Keine Freiheit ohne Solidarität

Dass Liberalität mehr bedeutet als schroffen Individualismus, ist für mich keine bloße akademische Theorie und keine etymologische Klugscheißerei; es ist europäische Geschichte — und in meinem Fall sehr konkrete — Familiengeschichte. Meine beiden Eltern wuchsen im kommunistisch beherrschten Polen auf. Nicht lange nach der Verhängung des Kriegsrechts zwang sein antikommunistischer Aktivismus meinen Vater zur Flucht. Er kam als staatenloser Asylant nach Westdeutschland. Wenige Jahre später fiel die Tyrannei — und zwar nicht durch irgendeine Rand’sche Fantasie mächtiger Einzelner, die allein gegen das Kollektiv stehen, und auch nicht durch Freihandel. Die Ketten des Kommunismus wurden gesprengt, indem die Proletarier sich vereinigten und erhoben; gesprengt von einer Arbeitergewerkschaft, von Solidarność: Werftarbeiter, die in Gdańsk streikten, obwohl die kommunistischen Machthaber sie dafür in den 1970er Jahren niederschießen ließen; kirchliche Netzwerke, die den Widerstand organisierten; Untergrunddruckereien; zehn Millionen Arbeiter, die sich danach dem System zum Trotz in der Solidarność gewerkschaftlich organisierten und protestierten, bis 1989 die freien Wahlen kamen. Menschen, die individuell fast nichts besaßen — und doch kollektiv alles teilten und alles riskierten. Der Name der Bewegung war ihre politische Theorie: Solidarność, Solidarität. Wie viele Polen es damals sagten und heute wieder sagen, wenn sie an der Seite der Belarussen, Georgier und Ukrainer gegen den russischen Imperialismus unserer Tage stehen: Nie ma wolności bez solidarności. Es gibt keine Freiheit ohne Solidarität.

Liberalität — in dem tiefen Sinne, der der europäischen Zivilisation zugrunde liegt und sie definiert — war nie die Rand’sche Größenwahnfantasie der Trumps und Thiels von heute, nie ein Freibrief für Oligarchen, sich auf Kosten ihrer Mitbürger zu bereichern. Sie war Tugend, sie war Kampf gegen die Tyrannei. Bürger, die den Mut und die Würde aufbringen, sich gegen die Tyrannei zusammenzuschließen und für ihre gemeinsame Freiheit zu sterben, wie es die Arbeiter der Danziger Werft 1970 taten — das hat weit mehr mit dem gemein, was die Gründerväter der europäischen Zivilisation, republikanische Römer wie Cicero, als die Tugend der liberalitas beschrieben. Die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts — der Totalitarismus der Nazis, der Faschisten und der Kommunisten — haben uns Europäer gelehrt, nicht nur die Tyrannei des Kollektivs und der Regierungen zu fürchten, sondern auch zu verstehen, dass der Kampf gegen solche Übel niemals allein gewonnen werden kann — sondern nur von den freien Bürgern, von der freien Welt, gemeinsam.

Die kalifornische Abenddämmerung

Heute haben viele von denen, die sich am lautesten als Verteidiger der Freiheit inszenieren, ein verkümmertes Verständnis von ihr. 2009 argumentierte Peter Thiel in seinem berüchtigten Essay „The Education of a Libertarian“ (zu Deutsch: „Die Bildung eines Libertären“), Freiheit und Demokratie seien unvereinbar. Die Postliberalen und Neoreaktionäre in seinem Kielwasser — die Trumps, Musks und Yarvins — predigen mehr oder weniger offen, dass Freiheit und Demokratie Feinde seien, dass die Politik ein Sumpf sei, dem man entkommen müsse, statt ein Gemeinwesen, das es zu gestalten gelte, und dass die Zukunft souveränen Individuen gehöre, die den Exit wählen: in den Cyberspace, hinaus ins Weltall. Im Namen ihrer eigenen Freiheit praktizieren sie das Laster, das die Römer illiberalitas nannten: Sie machen ihre Vermögen, indem sie menschliche Selbstbestimmung durch süchtig machende, polarisierende Algorithmen aushöhlen, den öffentlichen Diskurs nach Engagement-Metriken kuratieren und die freiheitliche Ordnung demontieren — und sie vermarkten ihre Angriffe als Kampf für die Freiheit. Ein irreführendes Branding, das sich kaum von den Lügen unterscheidet, die vor zwei Jahrtausenden Oligarchen wie Crassus und Populisten wie Julius Caesar erzählten — jene, die die römische Republik zerschlugen und dem autoritären Kaiserreich den Weg bahnten. Ihr Exit aus der Demokratie ist die Tyrannei der Oligarchie: Freiheit für wenige, Tyrannei für viele, liberalitas für niemanden.

Im Kalten Krieg kam die größte Bedrohung der Liberalität von der sozialistischen Linken. Und obwohl auch heute noch antiliberale linke Kräfte die liberale Ordnung angreifen, trägt die weitaus größere Bedrohung von heute Nationalflaggen als Kostüm. Der Trumpismus, die AfD, die Identitären und ihresgleichen gerieren sich als Retter der europäischen Zivilisation; doch sie sind ihre Verräter. Kleingeistiger Nationalismus, Rassismus, Tribalismus sind keine Kennzeichen unserer Zivilisation, sondern Symptome ihres Verfalls. Die Oligarchen, die die Nationalisten finanzieren, und die Nationalisten, die die Oligarchen abschirmen — beide sind illiberal, im ideologischen wie im wahrsten moralischen Sinne. In Ciceros Vokabular sind beide nicht stolz, sondern sklavisch: Seelen, die nur den eigenen Profit, den eigenen Stamm und die eigene Kränkung kennen. Die meisten von ihnen haben die Zivilisation, die sie zu verteidigen behaupten, nie begriffen; zu irregeleitet, zu aufgehetzt und zu ressentimentgeladen, um zu erkennen, dass sie das Haus niederbrennen, das zu schützen sie vorgeben. Der Rest lügt darüber — und weiß sehr genau, welch schmutzigen Verrat er für die Gehaltsschecks der Oligarchen begeht.

Nichts davon macht mich  vertrauensseliger gegenüber dem Staat. Ein Pole braucht keine Belehrung darüber, dass der Staat der Feind der Freiheit sein kann; er ist es oft. Weder die Konzentrationslager der Nazis noch die sowjetischen Gulags wurden allein von privaten Unternehmen errichtet. Doch der Staat ist zugleich das einzige Instrument, das Freiheit jemals im großen Maßstab sichern kann. Die bürgerliche Freiheit, wie Machiavelli in den Discorsi zeigte, lebt nicht von der Tugend Einzelner, sondern von dem Patt, das eine Republik erzeugt — Freiheit überlebt dort, wo private und öffentliche Macht einander in Schach halten; wo Pluralismus Verschiedenheit gedeihen lässt. Daher gilt: Wer die Tyrannei des Staates bekämpft aber dabei der oligarchischen dient, ist nicht der Freund der Freiheit, sondern der Herold des nächsten Herrn.

Die liberale Renaissance

Die libertas ist im Niedergang, und mit ihr der Geist Europas — die Seele, die wir von unseren Vorfahren geerbt haben, die die Zivilisation aus dem blutigen Naturzustand und aus dem Griff der Tyrannen herausgemeißelt haben. Heute ist unser Kontinent gefangen in einem Dämmerzustand aus Duckmäusertum, Nepotismus, Visionslosigkeit und wirtschaftlicher Stagnation. Wir werden belagert: von Imperialisten und Oligarchen von außen, von Tribalisten und Populisten von innen.

Die europäische Zivilisation wird sich wieder erheben — wenn sie sich wieder erhebt —, indem sie ihre Einheit annimmt und sich ihre Seele, ihre Liberalität, wieder zu eigen macht. Wir müssen uns erinnern, wer wir sind, und entsprechend handeln.

Konkret bedeutet das: eine wehrhafte und konsequente Rechtsstaatlichkeit. Es braucht eine föderale republikanische Verfassung für den Kontinent, denn nur in europäischer Einheit wird sich die europäische Freiheit verteidigen lassen. Es bedeutet, Kartellrecht und Algorithmenregulierung nicht als bürokratische Lasten zu behandeln, sondern als existenzielle Verteidigungslinien menschlicher Selbstbestimmung. Es bedeutet die Ablehnung der Chatkontrolle und anderer Versuchungen der Massenüberwachung. Es verlangt Märkte, die für echtes Unternehmertum befreit werden, statt als Spielwiesen subventionierter Altkonzerne manipuliert zu werden. Und es erfordert eine Wiederbelebung der artes liberales, zumindest dem Konzept, wenn nicht dem Inhalt nach: ein Bildungssystem, das tugendhafte Bürger formt, nicht bloß gefügige Angestellte — eine Aufgabe, die umso dringlicher geworden ist, da sowohl die Pandemie als auch der Aufstieg generativer KI die zivilgesellschaftlichen Fundamente unserer jüngeren Generationen erodiert haben.

Cicero hat es elegant formuliert: Non nobis solum nati sumus. Nicht für uns allein sind wir geboren. Niemand hat die kommunistischen Kader allein besiegt, und niemand wird die Techno-Oligarchen und die Autocracy, Inc. allein besiegen. Es gibt keine Freiheit ohne Solidarität. Nur wenn wir uns daran erinnern, dürfen wir hoffen, unserer Freiheit würdig zu bleiben — und sie nicht nur überleben, sondern gedeihen zu sehen; und mit ihr die ganze europäische Zivilisation.


Wenn dir dieser Artikel weitergeholfen oder dich unterhalten hat, dann würde es mich freuen, wenn du mir einen Kaffee spendieren würdest. ? Der Kaffeetreibstoff beschleunigt meinen Schreibprozess sowohl bei meinen Artikeln als auch bei meinen Romanen.
Kaffee spendieren via Ko-Fi


Dieser Essay erschien ursprünglich auf English auf meinem Substack unter dem Titel „The Education of a European Liberal„.

Nikodem Jan Skrobisz

Nikodem Skrobisz wurde 1999 in München geboren und nebenbei als Schriftsteller tätig. Bereits als Schüler hat er, zunächst unter dem Pseudonym Leveret Pale, bereits mehrere Romane und Kurzgeschichten publiziert, die meist philosophische und gesellschaftliche Themen behandeln. Er studierte Kommunikationswissenschaften, Psychologie, Philosophie sowie Sprachen und Literatur. Seine Masterarbeit schrieb er an der LMU München. Halbprivate Einblicke gibt es auf Instagram

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner