Vom Generationenkonflikt und dem gelbgrünen Backlash der Gen Z

Als nach den ersten Hochrechnungen am letzten Sonntag die FDP mit 23% die meisten Erstwähler-Stimmen bei der Bundestagswahl erhielt, ging eine Welle der Verwirrung durch die Medienlandschaft. Die Stärke der Grünen war laut dem Konsens im medialen Diskurs zu erwarten, aber der Siegeszug der Liberalen bei den jungen Erstwählern hat doch einige in ihrer Bubbel hart erwischt. Was? Die Kids von heute wählen am liebsten die Kapitalisten- und Aktionärspartei?

Die SPD-Wähler und Ex-Stasileute bei DieLinke scheißen sich vor Schreck in ihre Seniorenwindel. Die linksgrünen Millenials in den ach so hippen funk-Redaktionen stammeln ganz irritiert Rationalisierungen zusammen, warum die Gen Z nicht geschlossen ihrem retropischen neu-68er-Zombie-Denken hinterhertrottet. Billige Witze a la „Ich wusste gar nicht, dass es unter den Jugendlichen so viele Milionäre gibt“ werden gern vermengt mit diffusen Erklärungen: Es müsse an der TikTok- und Meme-Präsenz von Christian Lindner liegen. Die Jugendlichen wären einfach nur von fieser PR auf Abwege gebracht worden. Vielleicht, sinniert unter anderem Markus Feldenkirchen in dem oberflächlichen Erguß seiner Spiegel-Kolummne, ist es nur ein Effekt der Lockdowns, dass sich die Jungen nach Freiheit sehnen. Alles schöne Erklärungen, die sicherlich ein klitzekleines bisschen Erklärungskraft haben, aber vor allem darauf hinauslaufen die Erstwähler als Idioten abzuschreiben, die aus Versehen oder Verwirrung FDP wählten.

Was irgendwie aber gern vergessen oder aufgrund der ideologischen Scheuklappen übersehen wird, ist die schlichte Tatsache, dass man als junger Mensch in dieser Renterrepublik aus rationalem Eigeninteresse nur zwei Parteien wählen kann: FDP und Grüne. Mich persönlich wundert es daher eher, warum die beiden Parteien nicht noch besser unter meinen Altersgenossen abschnitten.

Warum ist es meiner Meinung nach aus Sicht von jungen Menschen einzig rational Grüne oder FDP zu wählen? Das Stichwort ist Generationengerechtigkeit.

Wie mittlerweile jeder Mensch, der nicht unter einer Kiesgrube lebt, mitbekommen haben sollte, ist Deutschland ein verdammt altes Land. Da es eine Demokratie ist, sammelt sich die politische Macht entsprechend bei den Alten. 57,8% aller Wahlberechtigten in Deutschland war 2021 fünfzig Jahre alt oder älter; die Gruppe Ü60 macht allein 38,2% der Wahlberechtigten aus. Im Gegensatz dazu, sind nur 14,4% aller Wahlberechtigten jünger als 30. Noch dazu trotten die Rentner, die nicht davon abgelenkt sind sich mit Minijobs ein Studium zu finanzieren, viel zuverlässiger zu den Wahlurnen.

Der Großteil der Bevölkerung, die man als Politiker überzeugen muss, um alle paar Jahre eine Wahl zu gewinnen, ist also alt, strebt bereits der Rente entgegen oder befindet sich bereits in ihr. Entsprechend liegt der Fokus der Politik darauf, dieses Klientel in kurzen vier Jahres Zeiträumen zu befriedigen, statt langfristige Visionen zu verfolgen. Ein bequemer Lebensabend wird wichtiger als die Investition in die Zukunft; moderne Technologien werden als Neuland sowieso nicht verstanden und irritieren nur; Universitäten und Schulen verkommen; Aufstiegschancen für junge Menschen sind keine Priorität und schwinden. Die soziale Mobilität nimmt ab. Die Agenda dominiert die Frage, wie man Renten finanziert auf Kosten der Gegenwart, statt in die Zukunft zu investieren. Auf den Klimaschutz –  der für das Überleben und dessen Qualität aller wichtig wird, die noch so über das Jahr 2050 hinaus zu leben gedenken – nun, auf den wird abgesehen von etwas performativen Greenwashing auch geschissen. Man kann schließlich dem 89 jährigen Günter nicht verbieten, bei 250 km/h auf der Autobahn ganz komatös vom Schweinebraten vor sich hin zu sabbern. Er könnte ja sonst die AfD wählen, die ihm eine Zeitreise zu seiner Greta-Thunberg freien, unbeschwerten Jugend bei der HJ verspricht. Oder?

Die Rentnerrepublik Deutschland ist in den vergangenen Jahren verkommen: Zu einem Land der Stagnation, des beginnenden Abstiegs und einer fürchterlich selbstgerechten Dekadenz. Man ruht sich auf den Lorbeeren der Vergangenheit aus, frisst sie, quetscht mit einem immer größeren Steuerappart die Gegenwart aus und scheißt mit dem demokratischen Segen der grauen Mehrheit auf die Zukunft und damit die Jugend. Die ah so Großen Parteien SPD und CDU haben den jungen Generationen nichts zu bieten; außer der Sicherheit, dass man sie wie Limetten ausquetschen wird, um im Zuge ihrer Klientelpolitik Werbegeschenke an Rentner zu garnieren – oder durch Korruption in die eigene Tasche zu wirtschaften.

„Die Rente ist sicher“ tönt es vom selektiv dementen und konsequent inkompetenten Sparbucholaf – dass das auf Pump und auf Kosten der jungen Generationen geschieht, wird gern verschwiegen. Gleichzeitig verfallen Infrastruktur und Bildungseinrichtungen. Die Gesetze und die Bürokratie werden vor allem daran ausgerichtet, wie man der alten Industrie mehr Geld abnehemen kann, statt wie man jungen Gründern es ermöglicht die Wirtschaft in die Zukunft zu bringen; wodurch das sich selbst aus Ingenieursstandort feiernde Deutschland dem Silicon Valley und Unternehmen wie Tesla und Nio um Jahre hinterherhinkt. Die Boomer – die in den 60er,  70er und 80ern Jahren selbst von massiven Investitionen in ihre Generation und von einer damals starken demokratischen Wahlmacht profitierten – sitzen währenddessen wie Drachen auf ihren angehäuften Besitztümern, während die jungen Generationen einem immer härteren Wettbewerb ausgesetzt sind. Als junger Mensch wundert man sich, ob man sich selbst jemals eine Familie wird leisten können – oder auch nur einen Platz im Bunker zwischen den zurückgelassenen Ruinen. Rentseeking oder eher Rentenbeschaffung ist in Deutschland wortwörtlich ein Volksjagdsport; das Wild ist jeder unter 30 und je mehr er Ambitionen er hat, desto härter wird er beschossen.

Rente ist auch so ein Stichwort. Dass für Wiederwahlstimmen SPD, Linke und CDU sie ganz fröhlich anheben wollen, auf Kosten des restlichen Bundeshaushalts, ist klar. Dass unsere Generation Z sich – aufgrund der perversen Konditionen des Zwangsgenerationenvertrags und mit Blick auf den demographischen Wandel – nicht darauf verlassen kann, ebenso. Dass ein Erbe hier eventuell eines Tages Abhilfe schaffen könnte, ist im Hinblick auf den Anspruch selbst etwas zu schaffen und die Erbschaftssteuer auch alles andere als tröstlich. Deswegen nehmen immer mehr junge Menschen die Absicherung selbst in der Hand und legen Sparpläne für Aktien und ETFs an. 53,5% der unter 30 Jährigen sind mittlerweile Aktionäre – während die Alten angeführt vom Sparbucholaf das Sparbuch glorifizieren und Aktien verteufeln und höchstens als eine Quelle für noch mehr Steuererhebungen sehen, als ob das investierte Kapital nicht bereits zuvor versteuert wurde. Wenn man dem Staat nicht mehr vertraut seinen Job zu machen und sich mit Selbstverantwortung und den Kapitalmärkten beschäftigt, dauert es nicht mehr lange, bis man die Schönheit des Kapitalismus für sich entdeckt – und damit die FDP.

Die FDP hat sich im Gegensatz zu vielen alten Klischees in den vergangenen Jahren neuerfunden und erneuert; weg von der Klientelpartei derer, die schon haben, zu der Interessensvertretung jener, die durch Chancengleichheit,Generationengerechtigkeit und Aufstiegsmöglichkeiten vorankommen wollen. Die FDP ist dabei natürlich weiterhin gegen sozialistische Umverteilung – und genau diese findet aktuell in die Deutschland statt. Durch die Schäden am Klima, die Verschuldung und Ausquetschung der Jugend wird von Jung nach Alt umverteilt. Dass die FDP Generationengerechtigkeit und Vorschläge wie das elternunabhängige Bafög, Investitionen in Digitalisierung und Bildung und einem Nein zu einer Verschuldung zu Ungusten der kommenden Generationen fett in ihr Wahlprogramm schreibt, lässt viele junge Wähler aufhorchen. Schließlich bietet ihnen die FDP damit das, was sie von den alten Parteien und der aktuellen BRD nicht bekommen: Mehr Freiheit, Chancen sich selbst etwas aufzubauen, den Anschluss an das 21. Jahrhundert, die Möglichkeit sich von einem ungerechten und korrupten Staat zu emanzipieren; und schließlich die Hoffnung auf eine Zukunft, die es verdient so genannt zu werden.

Generationengerechtigkeit ist auch ein Thema bei den Grünen. Grundlegend wollen sie genau wie die FDP das Land der längst überfälligen Modernisierung und Digitalisierung unterziehen. Ihr Rezept ist aber natürlich etwas anders. Statt die Jungen vor den grauen Blutegeln zu verteidigen, sieht es vor allem vor, etwas von den Alten wegzunehmen, von ihnen umzuverteilen und damit zu investieren, vor allem in den Klimaschutz, damit die jungen Generationen zumindest nicht für die Klimasünden der Alten zahlen müssen. Annalena Baerbock verkörpert als eine relativ junge Politikerin mit Kindern, die die Konsequenzen heutiger Politik noch voll erleben werden, ebenso die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, wie Lindner mit seinem unternehmerischen Spirit die Möglichkeit solch eine ökonomisch und individuell zu schaffen.

Zusammen gleichen sich FDP und Grüne sehr gut aus. Wo die FDP zu Laissez-faire und zimperlich ist, greift die Grüne dirigistischer durch wie bei Maßnahmen gegen den Klimawandel. Wo die Grünen zu anstrengend ideologisch und repressiv sind, ist wiederrum das Laissez-faire der FDP eine Weg zur individuellen Freiheit. Den Staub der Vergangenheit schütteln beide Parteien ab, beide haben als einzige zwei relevante Parteien wirklich die Zukunft dieses Landes im Blick und vertreten damit die Interessen der Jugend.

Dieser hier skizzierte Generationenkonflikt durchzieht alle großen sozialen Bewegungen in der westlichen Welt der Gegenwart. Diese Bundestagswahl, Fridays for Futur Demos, Black Lives Matters, die Attacke der WallstreetBets Apes auf die HegdeFunds … Das sind die ersten Symptome eines anschwellenden Generationenkonflikts, dessen stärksten Konsequenzen sich in den kommenden Jahren nur weiter zuspitzen werden. Linke Medien schreiben gern vom Kampf oder Hass auf den weißen alten Mann und segregieren die Gesellschaft nach Ethnien und Geschlechtern. Mir persönlich – und so geht vermutlich den meisten – ist es allerdings egal, ob jemand weiß oder männlich ist (als Slawe bzw. Pole finde ich auch persönlich diese Hautfarbenaufteilung äußerst irrtierend im Hinblick auf die Geschichte der westlichen Kolonialisierung Osteuropas). Das sind auch nur oberflächliche Kategorien, die weniger stark mit der materiellen Wirklichkeit korrelieren und in einer globalisierten Welt weniger eine Rolle spielen, als die demographische Repressionsstruktur. Was zählt, ist, dass die Alten mit ihrer Überzahl die Jungen ersticken. Das Alte muss aber nun mal Platz machen, damit das junge Neue gedeihen und leben kann. Ihr hattet eure Chancen, ihr hattet eure Leben, jetzt wollen wir sie auch.

Die daraus geforderte neongrünliberale Politik führt eventuell dazu, dass Getrudes Rente sinkt und sie das Tafelsilber mit dem Reichsadler drauf verscherbeln muss? Dass sie am Ende statt auf Mallorca die Falten zu bräunen, Pfandflaschen sammeln muss? Dass ihr Sparbuch dahinschmilzt, weil sie ihr Geld dort gelassen hat, während sie viel zu sehr davon abgelenkt war auf die Kinder mit ihren Trading-Apps zu schimpfen? Dass Herbert seinen Oldtimer nur noch in der Garage angaffen kann, weil er damit nicht mehr fahren darf? Dass die Steaks auf dem Grill pflanzlichen Alternativen weichen werden und AfD-Markus daher einen Herzinfarkt erleidet?  Ist mir egal. Let the Boomers hit the floor. Lass uns auf die E-Scooter aufsteigen, Tofu kauen und Geld in Meme-Stocks und ETFs ballern, während wir die Vergangenheit hinter uns lassen und nicht nur an den Wahlurnen Generationengerechtigkeit einfordern. Ab diesem Jahr wird intensiv zurückgeschissen. Dass die 16 Jahre Internet-ist-Neuland-Merkel-Stagnation nun aufhören und sich zumindest die Regierung erneuert, gibt Hoffnung. Und wenn das nicht wirkt, nun, dann werden die jungen Generationen mit den Füßen abstimmen. Das tun sie bereits seit Jahren, indem vor allem die hochqualifizierten, gut gebildeten Menschen aus Deutschland auswandern, in Länder, wo man die Zukunft noch auf dem Schirm hat.


Wenn dir dieser Artikel weitergeholfen oder dich unterhalten hat, dann würde es mich freuen, wenn du mir einen Kaffee spendieren würdest. 😉 Der Kaffeetreibstoff beschleunigt meinen Schreibprozess sowohl bei meinen Artikeln als auch bei meinen Romanen.
Kaffee spendieren via Ko-Fi

Nikodem

Nikodem Skrobisz, auch unter seinem Pseudonym Leveret Pale bekannt, wurde am 26.02.1999 in München geboren. Er ist als Journalist und Schriftsteller tätig und hat bereits mehrere Romane und Kurzgeschichten publiziert, die meist philosophische und gesellschaftliche Themen behandeln. Er studierte Kommunikationswissenschaften und Psychologie, und studiert zurzeit Philosophie und Sprache, Literatur und Kultur. Halbprivate Einblicke gibt es auf Instagram

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.