8. September 2026
Essay

Der Europäische Traum

Eine Familiengeschichte von Exil, Rückkehr und Europas Erneuerung

Vor Kurzem verließ ich München für eine Reise. Sie führte mich zunächst nach Berlin und von dort in einem unscheinbaren Reisebus zu einem Flugplatz irgendwo im brandenburgischen Umland, auf dem das European Defense Tech Festival stattfand. Einige Tage später kam ich schließlich in Warschau an: um mich mit der polnischen euroföderalistischen Szene zu vernetzen, den Börsengang von Thorium Space mitzuerleben, meine Familie zu besuchen – und vor allem zum 60. Geburtstag meines Vaters.

All das spielt eine Rolle in der Geschichte, die ich erzählen möchte: die Geschichte über Europas Jahrhundert der Demütigung und sein Ende, über den Europäischen Traum und über eine neue Zukunft, die am Horizont aufscheint.

Fabryka Norblina

An einem Abend während meines Aufenthalts in Warschau zog ich mit einem anderen euroföderalistischen Medienunternehmer, The Polish Dane, durch die Stadt. Wir sprachen darüber, wie sich ein geeintes Europa bauen ließe und wie das wachsende Netzwerk euroföderalistischer Medien aussehen könnte. Zum Abendessen machten wir Halt in der Fabryka Norblina – dem alten Norblin-Metallwerk, einem gewaltigen Industriekomplex aus Ziegelstein, Stahl und Glas mitten in der Stadt.

Vor einem Jahrhundert arbeitete mein Urgroßvater in genau diesem Gebäude als Werkmeister. Er beaufsichtigte Männer und Maschinen in der Metallverarbeitung; dort wurden silberne Löffel für Paläste ebenso geschmiedet wie Munition für das Militär. Ein anderer meiner Urgroßväter verschoss Letztere als Kavallerieoffizier im Polnisch-Sowjetischen Krieg von 1919 bis 1921.

Polen gewann diese Runde gegen Russland. Doch der Frieden hielt nicht lange. 1939 schlossen Sowjets und Nationalsozialisten ihren Pakt und überfielen Polen gemeinsam von beiden Seiten. Es folgten deutsche Besatzung und Völkermord, die nur knapp verhinderte Deportation meines Urgroßvaters, der Tod der Hälfte meiner Großonkel, die noch als Jugendliche im Widerstand kämpften, dann sowjetische Besatzung, stalinistischer Terror und neue Säuberungen, Kommunismus, Kollektivierung – und irgendwann Stille. Die Öfen erloschen, die Hallen leerten sich.

Und nun, einige Jahrzehnte später, saß ich vor einer Woche in eben diesen Hallen, aß Frühlingsrollen und diskutierte mit einem anderen Euroföderalisten darüber, wie wir Europas gemeinsame Zukunft bauen könnten. Um uns herum: erhaltene Backsteinmauern und restaurierte Maschinen, Kinos, Büros, Geschäfte, junge Menschen, die in einer Pianobar zu Live-Jazz tranken und tanzten. Danach traten wir hinaus in eine kühle Nacht voller Licht und Leben.

Eine Architektur des Ehrgeizes

Warschau hat sich verändert.

Wo einst Asche und Ruinen lagen, sind heute Schönheit und Leben. Schicht um Schicht eines zerstörten Europas – begraben, wiederentdeckt, umgenutzt und irgendwie immer wieder neu geboren, neu geschmiedet.

Glas, Stahl, Marmor, Springbrunnen, Grünflächen. Neue Unternehmen, neue Restaurants, neue Straßen. Kräne am Horizont, wo graue kommunistische Wohnblöcke verschwinden und neue Hochhäuser und Einkaufszentren emporwachsen. Über allem erhebt sich inzwischen der 310 Meter hohe Varso Tower, das höchste Gebäude der Europäischen Union, selbst den stalinistischen Pałac Kultury i Nauki überragend.

Wenn man aus Deutschland kommt, ist der ästhetische Kontrast und der sichtbar gewordene Ehrgeiz beinahe peinlich. Wie provinziell wirkt selbst meine Heimatstadt München daneben – obwohl München tatsächlich erheblich mehr Hightech-Forschung und Finanzkapital beherbergt als Warschau. Man sieht es nur nicht. Man spürt es nicht.

Wie alt und uninspiriert wirkt selbst Frankfurts Mainhattan im Vergleich? Wie dreckig und dysfunktional erscheint Berlin daneben – auch wenn sich die Stadt in den vergangenen Jahren deutlich verbessert hat?

Deutschland war einmal ein Titan. Es ist noch immer einer, aber ein stagnierender. Faxgeräte, verfallende Bahnhöfe und Bauprojekte, deren Zeitmaßstab sich eher in geologischen Epochen bemisst, sind zum Alltag geworden. Öffentliche Infrastruktur verfällt, der öffentliche Raum wird zunehmend vernachlässigt, und eine Verwaltungskultur behandelt Verzögerung, Funktionsstörung und Kontrolle wie den natürlichen Zustand der Dinge.

Und dann kommt man in den angeblich rückständigen postkommunistischen Osten und findet eine Metropole vor, die wie eine architektonische Explosion des Ehrgeizes in den Himmel wächst.

Man braucht nur auf die Bahnprojekte zu schauen. Stuttgart 21, der neue Stuttgarter Hauptbahnhof, wurde erstmals 1994 vorgestellt und soll nach mehr als drei Jahrzehnten voller Planung, Bauarbeiten und explodierender Kosten frühestens 2031 fertig werden. Münchens Zweite Stammstrecke sollte eigentlich dieses Jahr eröffnet werden; mittlerweile ist vor 2035 nicht mehr damit zu rechnen, wahrscheinlicher ist 2037 – bei ungefähr dem Dreifachen der ursprünglich veranschlagten Kosten.

Während Deutschland große Infrastrukturprojekte zu generationenübergreifenden Psychodramen aus Bürgerbeteiligung, Gerichtsverfahren, Kostenexplosionen und jahrzehntelangen Verzögerungen gemacht hat, baute Warschau einfach weiter. Allein zwischen 2015 und 2022 eröffnete die Stadt 18 neue Metrostationen, grub Tunnel unter der Weichsel hindurch und verlängerte das Netz nach Osten und Westen. Von 2020 bis 2025 wurde gleichzeitig Warszawa Zachodnia, Polens meistfrequentierter Eisenbahnknotenpunkt, grundlegend erneuert.

Natürlich sind diese Projekte technisch nicht identisch. Darum geht es nicht.

Der Punkt ist: Deutschland verbringt zunehmend Jahrzehnte damit zu entscheiden, wie etwas gebaut werden soll. Warschau baut.

Das heutige Warschau hat wenig mit der grauen postkommunistischen Stadt zu tun, an die ich mich aus meiner Kindheit erinnere. In seinem Geist ähnelt es wahrscheinlich eher wieder jener Stadt, die meine Urgroßväter kannten.

Bevor Warschau im Zweiten Weltkrieg in Schutt und Asche gelegt wurde, nannte man es häufig Paryż Północy – das Paris des Nordens. Gemeint war seine Mischung aus französisch inspirierter Architektur, kosmopolitischer Kultur und lebendigem Straßenleben.

Damals war das als Kompliment gemeint.

Ich bin mir nicht sicher, ob der Vergleich heute noch genauso schmeichelhaft wäre.

Paris ist weiterhin großartig. Nur wenige Städte Europas besitzen so viel angehäufte alte Schönheit. Doch zunehmend wirkt Paris, wie große Teile Westeuropas, wie die prachtvolle Ruine einer verschwindenden Zivilisation: monumental, reich und schön, aber zugleich dreckig, chaotisch und erschöpft; immer ängstlicher gegenüber der Welt, geistig auf der Flucht in Retropien aus Xenophobie und Degrowth, lebend von einem Erbe, das Menschen geschaffen haben, die deutlich jünger und ehrgeiziger waren als jene, die es heute verwalten.

Paris und Wien zeigen sichtbar, was sie geerbt haben.

Warschau zeigt zunehmend, was es werden will.

Und diese neu entstehende Dynamik im Osten beginnt den ererbten Glanz des westlichen Teils unseres Kontinents zu überstrahlen.

Vielleicht verfolgte mich deshalb, als ich aus der zur urbanen Begegnungsstätte umgebauten Fabrik trat, nicht der Geist der Vergangenheit, sondern der Geist einer Gegenwart, die uns genommen wurde – einer Welt, die nie existiert hat.

Wie zur Hölle würden diese Stadt und unser Kontinent heute aussehen, wenn Polen nicht ein halbes Jahrhundert gestohlen worden wäre?

Und ich begann mich zu fragen, ob das, was ich dort sah, wirklich nur Polen war, das verlorenen Boden aufholte – oder ob darin bereits etwas Größeres sichtbar wurde:

das Ende eines Jahrhunderts europäischer Demütigung.

Aber der Reihe nach.

Das Europa, das wir verloren haben

Wie würde Warschau heute aussehen, wäre es nicht erst von den Nationalsozialisten beinahe vollständig zerstört und danach, statt sich frei erholen zu dürfen, den Sowjets überlassen worden – von einem blutrünstigen totalitären Imperium an das nächste?

Wie würden Prag, Budapest, Tallinn, Riga, Vilnius oder Kyjiw heute aussehen?

Wie sähe Europa aus, wenn der Eiserne Vorhang niemals über unseren Kontinent gefallen wäre; wenn seine östliche Hälfte in Jalta nicht verraten und den sowjetischen Geiern zum Fraß vorgeworfen worden wäre?

Oder noch besser: Was wäre gewesen, wenn es die Weltkriege überhaupt nie gegeben hätte?

Es ist kaum vorstellbar, wie viel wohlhabender wir heute sein könnten, wäre nicht so ungeheuer viel zerstört worden.

Wir können das Europa, das wir verloren haben, nicht kennen.

Aber wir wissen, was Europa erleiden musste – insbesondere seine östliche Hälfte. Ein großer Teil unseres Kontinents wurde vom russisch-sowjetischen Imperium besetzt und hinter Stacheldraht eingeschlossen. Unternehmen wurden enteignet, Kapitalmärkte abgeschafft, Unternehmer kriminalisiert oder ermordet. Das geistige Leben wurde zensiert, Universitäten der sowjetischen Ideologie unterworfen, demokratische und liberale Dissidenten eingesperrt, Grenzen geschlossen.

Viele der talentiertesten Menschen flohen vor diesem Terror. Sie emigrierten – und mit ihnen verließen Fähigkeiten, Wissen und Ambition unseren Kontinent.

Europas Verlust wurde Amerikas Gewinn

Andy Grove, als András Gróf in Budapest geboren, überlebte sowohl die Nationalsozialisten als auch den Stalinismus. Nach der Niederschlagung des ungarischen Aufstands von 1956 floh er aus Ungarn und gelangte in die Vereinigten Staaten. Dort wurde er der dritte Mitarbeiter von Intel und später jener CEO, der das Unternehmen entscheidend prägte – und damit half, Silicon Valley hervorzubringen.

Charles Simonyi floh ebenfalls aus dem kommunistischen Ungarn. Er landete zunächst bei Xerox PARC und entwickelte später bei Microsoft maßgeblich Word und Excel.

Sergey Brins Familie brachte ihn aus der Sowjetunion heraus, bevor er Google mitgründete.

Max Levchins Familie floh aus der sowjetisch besetzten Ukraine, die von Łukasz Nosek aus Polen. Beide wurden Mitgründer von PayPal und Mitglieder der sogenannten PayPal Mafia.

Jan Koum verließ die Ukraine und baute später in Kalifornien WhatsApp auf.

Natürlich bedeutet das nicht, dass Intel, Google, PayPal oder WhatsApp zwangsläufig in Warschau, Budapest oder Kyjiw gegründet worden wären, hätte es den Zweiten Weltkrieg und die sowjetische Besatzung nie gegeben. Geschichte funktioniert nicht so sauber.

Aber Silicon Valley konnte auch deshalb so erfolgreich werden, weil es Menschen anzog, die von unserem brennenden Kontinent – und aus vielen anderen Teilen der Welt – flohen. Amerika bot liberale und demokratische Institutionen, tiefe Kapitalmärkte, enorme Konzentrationen technischen Talents und eine beinahe pathologische Bereitschaft, absurde Summen auf unwahrscheinliche Ideen zu setzen.

Während in Kalifornien die Zukunft gebaut wurde, gab es in der Hälfte Europas nicht einmal Kapitalismus oder grundlegende demokratische Rechte.

US-Amerikaner erzählen solche Einwanderergeschichten gerne als Beweis amerikanischer Größe.

Und das sind sie.

Sie sind zugleich Beweise unserer europäischen Katastrophe.

Amerika wurde im 20. Jahrhundert zu einem Magneten für weltweites Talent und Kapital, für Innovation und Fortschritt, weil Europa zur Zentrifuge wurde. Aufeinanderfolgende Wellen von Verfolgung, Nationalismus, Antisemitismus, Nationalsozialismus, Faschismus und Kommunismus schleuderten ungeheure Mengen europäischen Talents aus dem Kontinent hinaus.

Nationalsozialisten und Kommunisten vertrieben und ermordeten unsere Intellektuellen. Millionen wurden im Holodomor und im Holocaust ermordet.

Wir Europäer bombardierten einander – und damit unsere eigenen Labore. Wir legten unsere Industriestädte in Schutt und Asche. Wir verschwendeten Generationen junger Männer in Schützengräben. Wir teilten den Kontinent.

Kein Wunder, dass viele intelligente und fähige Europäer dieses Chaos betrachteten und beschlossen, den Atlantik zu überqueren und die Zukunft anderswo zu bauen – an einem besseren Ort, etwa unter der kalifornischen Sonne.

Große wissenschaftliche Köpfe wie Einstein, von Neumann, Fermi und viele andere flohen in die Vereinigten Staaten und halfen ihnen, einen technologischen Vorsprung aufzubauen, Atomwaffen und moderne Computer zu entwickeln.

Der Aufstieg Nordamerikas im 20. Jahrhundert lässt sich nicht vom europäischen Selbstmord des 20. Jahrhunderts trennen.

Man könnte all das leichter als Geschichte abtun, würde mich dieselbe Dynamik nicht jedes Mal wieder einholen, wenn ich mit Freunden spreche, die Europa nicht vor achtzig Jahren, sondern erst vor wenigen Monaten verlassen haben.

Einer meiner engsten Freunde promoviert in Harvard. Ein anderer ging nach Silicon Valley, um Risikokapital zu finden. Eine weitere Freundin beschleunigte ihre Karriere, indem sie für einen amerikanischen Big-Tech-Konzern Robotikforschung betreibt. Und wie es sich für einen stereotypischen Polen gehört, habe natürlich auch ich Verwandte in Chicago, die ein Vielfaches dessen verdienen, was ähnlich qualifizierte Europäer zu Hause bekommen.

Früher oder später kommt dann die Frage:

Warum bist du eigentlich noch in Europa? Das Geld ist hier. Das Kapital ist hier. Die ehrgeizigen Menschen, mit denen du dich umgeben willst, sind hier. Hier passieren Dinge schneller. Hör auf, diesen alten Kontinent reparieren zu wollen, und komm zu uns. Bau mit uns etwas auf.

Manchmal überzeugen sie mich fast.

Aber dann denke ich an meinen Vater.

Der Europäische Traum

Der wichtigste Grund für meine Reise nach Warschau war der 60. Geburtstag meines Vaters.

Seine Lebensgeschichte erzählt eine andere Variante jener Geschichte vom europäischen Brain Drain in die Vereinigten Staaten.

Auch er floh als junger Mann aus Warschau. In den 1980er-Jahren litt Polen unter der kommunistischen Herrschaft und dem Kriegsrecht. Wegen seines eigenen antikommunistischen Engagements wurde er verfolgt.

Wie viele ehrgeizige junge Europäer vor ihm wollte er raus. Eigentlich wollte er nach Amerika, um sich dort ein neues Leben aufzubauen.

Doch auf dem Weg dorthin wurde er zu einem staatenlosen Flüchtling, erhielt schließlich politisches Asyl in Westdeutschland – und blieb.

Amerika bekam ihn nicht.

Das freie Europa bekam ihn.

Mein Vater kam in den 1980er-Jahren im Grunde mit nichts an und arbeitete sich von dort nach oben: vom staatenlosen Flüchtling, der Deutsch lernen und Schulprüfungen erneut ablegen musste, zum deutschen Staatsbürger und schließlich bis in den Vorstand eines internationalen Konzerns.

Drei Jahrzehnte später, Mitte der 2010er-Jahre, faltete sich die Geschichte gewissermaßen auf sich selbst zurück.

Er kehrte in ein freies Polen zurück, erhielt seine polnische Staatsbürgerschaft wieder und brachte Wissen und Kapital mit, das er im Westen aufgebaut hatte. Er investierte es in das Land und wurde Investor und Business Angel.

Und deshalb stand ich schließlich neben ihm auf dem Parkett der Warschauer Börse, als Thorium Space an die Börse ging: ein polnisches Deep-Tech-Unternehmen, das souveräne Satellitenkommunikation entwickelt, notiert an einer europäischen Börse und finanziert mit europäischem Kapital – ein Teil davon im Besitz eines Mannes, den die Kommunisten vierzig Jahre zuvor aus genau dieser Stadt vertrieben hatten.

Mein Urgroßvater war Werkmeister in einer Warschauer Metallfabrik.

Mein Vater wurde aus derselben Stadt vertrieben, fand in Deutschland Schutz und Chancen, baute sich aus dem Nichts ein Leben auf – und kehrte als Investor zurück.

Auch das ist Europa.

Nicht nur der Kontinent, der Grove, Brin oder Levchin an die Vereinigten Staaten verlor, sondern auch jener Kontinent, auf dem ein staatenloser Pole mit nichts in Deutschland ankommen und es trotzdem schaffen konnte.

Und es gibt viele ähnliche Geschichten: von Polen, Italienern, Griechen, Ungarn, Tschechen und Ukrainern, aber ebenso von Türken und Syrern, die als Gastarbeiter oder Flüchtlinge nach Westeuropa – insbesondere nach Deutschland – kamen und es zu ihrer Heimat machten.

Dieses Deutschland verblasst derzeit nach Jahren der Stagnation, erstickt an seiner Überregulierung, während Xenophobie und Populismus wachsen und die AfD beginnt, Wahlen zu gewinnen.

Aber dieses Deutschland ist noch nicht verschwunden.

Es kann gerettet werden. Seine Demokratie kann sich erneuern.

Und die Chancen innerhalb Europas verschwinden nicht – sie verschieben sich, entstehen anderswo neu und wachsen.

Manche Teile Europas leiden heute. Doch wenn man den Kontinent als Ganzes betrachtet, befindet er sich noch immer in einem langen Prozess der Erholung von Weltkriegen und Kaltem Krieg. Er wächst wieder zusammen und profitiert von der Europäischen Union und den Freiheiten, die wir gewonnen haben.

Der Trend zeigt nach oben, auch wenn er mancherorts langsamer geworden oder zeitweilig ins Stocken geraten ist.

Vielleicht ist genau das der Europäische Traum.

Nicht bloß, dass man sich frei über den Kontinent bewegen kann.

Sondern dass man es hier wieder schaffen kann.

Dass Europa wieder ein Ort sein kann, an dem ein ehrgeiziger Mensch aufsteigen, aus dem Nichts etwas aufbauen und sein Potenzial verwirklichen kann – in der Wirtschaft, in der Wissenschaft, in der Kultur –, ohne Angst vor Tyrannei haben zu müssen.

Amerika erzählt der Welt seit mehr als einem Jahrhundert: Wenn du talentiert bist, hungrig und verrückt genug, dann komm zu uns.

Europa kann dieses Versprechen wieder geben.

Unser Europäischer Traum besitzt noch eine zweite Dimension.

Wir schaffen nicht einfach neuen Wohlstand. Wir bauen eine unterbrochene Zivilisation wieder auf.

Warschau ist nicht Shenzhen oder San Francisco, das quasi aus dem Nichts entsteht. Budapest ist nicht Dubai. Kyjiw ist keine Grenzsiedlung, die erst vor hundert oder zweihundert Jahren gegründet wurde.

Es sind alte, teils jahrtausendealte europäische Städte, deren Entwicklung brutal unterbrochen wurde: durch Krieg, Besatzung, Diktatur, Ausbeutung, Isolation und Jahrzehnte verschwendeten menschlichen Potenzials.

Osteuropa hat in den vergangenen fünfunddreißig Jahren nicht einfach Entwicklung nachgeholt.

Es holt die Zukunft nach, die ihm verweigert wurde.

Europa ist ein Kontinent verschwendeten Potenzials.

Aber es muss keiner bleiben.

Und das ändert sich gerade erstaunlich schnell.

Viele Menschen, insbesondere in Westeuropa, beklagen Europas Niedergang. Ich glaube jedoch nicht, dass Europa – zumindest absolut betrachtet – einfach nur schrumpft oder verfällt.

Etwas Komplizierteres geschieht.

Der Kontinent wächst zusammen und ordnet sich neu.

Jahrzehntelang folgte die innereuropäische Migration einem offensichtlichen Gefälle von Ost nach West: von Polen nach Deutschland, aus ärmeren postkommunistischen Volkswirtschaften in reichere westliche.

2024 wanderten erstmals seit Beginn der Statistik im Jahr 2000 mehr Menschen aus Deutschland nach Polen als aus Polen nach Deutschland: 90.807 gegenüber 82.082. Deutschland verlor damit netto 8.725 Menschen an Polen. Selbst unter deutschen Staatsbürgern kippte die Bilanz um etwa zweieinhalbtausend Personen nach Osten, und Polen gehört inzwischen zu den wichtigeren Zielländern deutscher Auswanderer.

Die Zahl der dauerhaft im Ausland lebenden Polen ist innerhalb von sieben Jahren um fast 200.000 zurückgegangen. Die Löhne in Polen haben sich vervielfacht. Die Wirtschaft wuchs 2025 um 3,6 Prozent und soll dieses Jahr um weitere rund 3,5 Prozent wachsen. Polen ist inzwischen die sechstgrößte Volkswirtschaft der Europäischen Union.

Jahrzehntelang war die offensichtliche europäische Erfolgsgeschichte: den Osten verlassen und in den Westen gehen.

So offensichtlich ist sie nicht mehr.

Und zunehmend ist es auch für einen Deutschen keine Selbstverständlichkeit mehr, dass Bleiben in Deutschland die bessere Option ist.

Polen ist ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie viel verborgenes Potenzial politische und wirtschaftliche Systeme unterdrücken können – und wie schnell ein Teil davon zurückkehren kann, sobald die Fesseln verschwinden.

Fünfunddreißig Jahre Freiheit und zwei Jahrzehnte Unterstützung durch die Europäische Union haben aus einem Land, das Nationalsozialisten und Sowjets verwüstet hatten, die sechstgrößte Volkswirtschaft unserer Europäischen Union gemacht.

Und Polen ist noch lange nicht fertig.

Die anderen postkommunistischen Staaten ebenfalls nicht.

Große Teile des Ostens verloren Jahrzehnte an Besatzung, Diktatur und Isolation und befinden sich noch immer im Aufholprozess. Große Teile des Westens verfügen dagegen über außergewöhnlichen angesammelten Wohlstand und enorme institutionelle Fähigkeiten, wachsen aber seit Jahren langsam und bauen zu wenig.

Europas Problem ist deshalb nicht einfach Niedergang.

Es ist die gewaltige Diskrepanz zwischen dem, was dieser Kontinent bereits besitzt, und dem, was er daraus derzeit macht.

Es gibt Städte, die noch transformiert werden können. Industrien, die neu entstehen können. Unternehmen für Verteidigung und Robotik, die gebaut werden müssen. Eine Raumfahrtindustrie, die wachsen kann. Kapitalmärkte, die vertieft werden müssen. Energiesysteme, die neu aufgebaut werden müssen. Ganze Technologiefelder, in denen noch niemand einen uneinholbaren Vorsprung besitzt.

Von Warschau bis Kyjiw gibt es Städte und Länder, deren wirtschaftliche Entwicklung noch radikal offen ist.

Gewaltiges Potenzial wartet darauf, freigesetzt zu werden – wenn es uns gelingt, die Zersplitterung unserer Kapitalmärkte und Institutionen zu überwinden.

Wir stehen nicht am Ende der europäischen Entwicklung.

Vielleicht stehen wir nahe am Anfang ihrer nächsten Beschleunigungsphase.

Mein Vater musste nicht in die Vereinigten Staaten gehen, um seinen American Dream zu verwirklichen.

Er verwirklichte einen Europäischen Traum.

Er schaffte es hier.

Und drei Jahrzehnte später schaut er nicht sehnsüchtig über den Atlantik auf das, was Amerika zu bieten hat, sondern gibt etwas zurück, indem er in Europa investiert.

Das ist die Antwort, die ich dem nächsten Freund geben sollte, der mich aus Amerika fragt, warum ich noch immer meine Zeit hier „verschwende“:

Come Home, We’re Building.

Ich verschwende sie nicht.

Ich glaube nicht, dass die Chance an uns vorbeigezogen ist. Im Gegenteil: Ich glaube, dass die größten europäischen Chancen noch vor uns liegen – und dass wir es denen, die vor uns kamen, schuldig sind, sie zu nutzen.

Amerika hatte bereits sein Jahrhundert, in dem es europäische Ambition ernten konnte.

Doch die Gezeiten drehen sich.

Ich verbringe meine Zeit lieber damit, Europa zu helfen, seine Talente zu behalten – und jenes Potenzial zu heben und freizusetzen, das bislang verschwendet wurde.

Doch das größere Problem bleibt.

Der Eiserne Vorhang ist verschwunden, aber der Strom des Talents fließt weiter ab. Insbesondere Deutschland, erneut der kranke Mann Europas, verzeichnet seit 2005 jedes Jahr eine Nettoabwanderung seiner eigenen Staatsbürger – und der Abfluss wird größer, nicht kleiner.

Der Aufstieg des Trumpismus hat diesen Brain Drain zwar verlangsamt und in manchen Bereichen sogar leicht umgekehrt. Doch noch immer verlassen viele der klügsten Köpfe Europas den Kontinent in Richtung USA.

Unzählige Europäer ziehen fort und gründen Unternehmen oder schaffen Arbeitsplätze bei Unicorns wie Stripe, Datadog oder Hugging Face – in den Vereinigten Staaten statt in Europa.

Europa bildet aus. Amerika erntet noch immer.

Wir geben Vermögen dafür aus, Mathematiker, Physiker, Programmierer, Ingenieure und Wissenschaftler auszubilden, und beobachten anschließend, wie sie feststellen, dass die besseren Forschungsbudgets am MIT liegen, der Investor, den sie brauchen, in Menlo Park sitzt, das gewünschte Gehalt in New York gezahlt wird und der Kapitalmarkt, der das Unternehmen, von dem sie träumen, am besten bewerten kann, die NASDAQ ist.

Europa produziert Humankapital – und exportiert Ambition.

Während irgendwo in Brüssel jemand den nächsten Bericht darüber veröffentlicht, warum wir kein Google haben.

Das Jahrhundert der Demütigung

Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass künftige Historiker die Epoche, die 1914 begann und irgendwo in unserer Gegenwart endet, einmal als Europas Jahrhundert der Demütigung beschreiben könnten.

Ein Jahrhundert, in dem jener Kontinent, der große Teile der Welt dominiert hatte, Dutzende Millionen Menschen verlor, ungeheure Mengen seines eigenen Wohlstands zerstörte, zwischen auswärtigen Mächten geteilt wurde, einen großen Teil seiner strategischen Autonomie aufgab – und allmählich sogar den Glauben daran verlor, Geschichte gestalten zu können, statt sich ihr nur anzupassen.

Dieses Jahrhundert der Demütigung erinnert in mancher Hinsicht an das chinesische, das von 1839 bis 1949 dauerte: eine Epoche, in der europäische, russische und japanische imperialistische Mächte einer Zivilisation, die sich selbst als Zentrum der Welt verstanden hatte, militärische Niederlagen, ausländische Konzessionen, Teilungen und politische Abhängigkeit aufzwangen.

Es besitzt eine bittere Ironie, wenn Europa irgendwann beginnt, sein eigenes 20. Jahrhundert durch eine ähnliche Linse zu betrachten.

Die Geschichten sind natürlich nicht identisch.

Ein Großteil unserer Demütigung war selbstverschuldet.

Wir begannen damit, einander abzuschlachten.

Die europäischen Kriege von 1914 bis 1945 verschlangen Millionen Menschenleben, verbrannten über Jahrhunderte angesammeltes Kapital, vernichteten zahllose alte Gemeinschaften und Infrastrukturen und beendeten Europas Stellung als Zentrum von Wissenschaft, Finanzwesen, Industrie und Macht.

Das haben wir uns selbst angetan.

Dann kam die Teilung.

Der Osten fiel unter russische imperiale Herrschaft.

Der Westen trat in eine amerikanisch geprägte Ordnung ein.

Die Vereinigten Staaten schafften die Demokratie in Westeuropa nicht ab – im Gegenteil, sie verteidigten sie gegen die Sowjets. Doch dieser Schutz hatte einen hohen Preis: Abhängigkeit.

Westeuropa lagerte seine Sicherheit an die US Army aus. Später seine Technologie und digitale Infrastruktur an Silicon Valley. Seine Kapitalmärkte an Wall Street. Schließlich einen guten Teil seiner kulturellen Imagination an Hollywood und Big Tech.

Die eine Hälfte Europas wurde von Moskau eingesperrt.

Die andere wurde von Washington beschützt, zugleich aber finanziell und kulturell vasallisiert.

Russische Herrschaft und amerikanische Hegemonie waren moralisch nicht gleichwertig.

Doch aus der Perspektive europäischer Souveränität verbrachte unser Kontinent Generationen in Abhängigkeit von zwei äußeren Machtzentren.

Nach 1989 eröffnete sich Europa eine außerordentliche historische Chance.

Der Kontinent war weitgehend wiedervereinigt. Das sowjetische Imperium war zusammengebrochen. Die Vereinigten Staaten waren freundlich gesinnt. Westeuropa war reicher und sicherer als beinahe jede Zivilisation zuvor.

Doch statt diesen Moment zu nutzen, erklärte ein großer Teil Westeuropas – insbesondere Westdeutschlands – die Geschichte für beendet und lehnte sich zurück.

Deutschland baute seine Streitkräfte ab, kaufte russisches Gas, verließ sich auf amerikanische Sicherheit, importierte chinesische Industrieprodukte, verwendete amerikanische Software, speicherte unsere Daten in amerikanischen Clouds und finanzierte die eigenen vielversprechendsten Unternehmen mit amerikanischem Kapital.

Die Amerikaner bauten Gegenwart und Zukunft mit Unternehmen wie Google, Tesla, Microsoft, Amazon, Meta, SpaceX, Nvidia, Anthropic und OpenAI – teilweise finanziert mit europäischen Ersparnissen, die in die amerikanischen Kapitalmärkte wanderten statt in unsere fragmentierten und ineffizienten europäischen Märkte.

Die Chinesen errichteten industrielle Lieferketten in einem Maßstab, den Europa heute kaum noch begreifen kann.

Wir schrieben Verordnungen und nannten uns eine normative Supermacht – ein exquisit europäischer Euphemismus für Ohnmacht, verpackt als moralische Überlegenheit.

Die tatsächlichen Supermächte sammelten Flugzeugträger, Raketen, Rechenzentren, Satelliten, Halbleiterfabriken, Sprengköpfe, Kontrolle über Informationsströme und industrielle Kapazitäten.

Wir wurden Weltmeister darin, anderen Menschen zu erklären, wie jene Produkte beschriftet werden müssen, die wir selbst nicht mehr herstellen können.

Es war bequem.

Dann kamen die Rechnungen für diese Hybris.

Der Wendepunkt heißt Ukraine

Am 24. Februar 2022 rollten russische Panzer auf Kyjiw zu.

Und die Geschichte kehrte selbst in die Aufmerksamkeit jener Menschen zurück, denen es seit 2014 gelungen war, den Krieg in der Ukraine zu ignorieren: brennende Städte, Massengräber, Mobilisierungsbefehle, junge Europäer, die in Schützengräben sterben, über ihnen der Himmel voller Drohnen, Kampfjets und Artilleriedonner.

Die trumpistische USA versetzte Europa schließlich den zweiten Schock aus der entgegengesetzten Richtung, indem sie ihre Unterstützung zurückfuhr und damit die beruhigende Annahme zerstörte, Washington werde – ganz gleich, wie schwach wir uns selbst werden ließen – auf ewig unser wohlwollender Vormund bleiben und seine Sicherheitsgarantien selbstverständlich einlösen.

Es wäre eine finstere historische Ironie, sollten ausgerechnet Wladimir Putin und Donald Trump als zwei der unbeabsichtigten Katalysatoren eines europäischen Erwachens in die Geschichte eingehen.

Jahrzehntelang schrieben Euroföderalisten Manifeste, organisierten Konferenzen, sammelten Fördergelder und erklärten die wirtschaftlichen Vorteile der Integration.

Putin erreichte mit seinen Panzern mehr für Europas strategisches Bewusstsein.

Trump erreichte mit seinen Drohungen und selbstzerstörerischen Zöllen mehr.

Plötzlich spielen Verteidigung, Grenzen, Energie und industrielle Kapazität auch im öffentlichen Bewusstsein wieder eine Rolle.

Europa zählt wieder.

Die Ukraine zählt.

Grönland zählt.

Strategische Autonomie, lange als exzentrische gaullistische Fantasie belächelt, wird nun mit ernster Miene von Politikern und Akademikern in Kameras gesprochen, die das Konzept jahrelang abgetan hatten.

Gut.

Besser spät als nie.

Erst jetzt, nachdem die Mauern gefallen sind und auf unserer östlichen Grenze wieder Blut die Schützengräben füllt, beginnen wir etwas Erschreckendes zu begreifen:

Wir hatten die ganze Zeit geblutet.

Nicht nur wörtliches Blut – das bereits 2008 in Georgien und ab 2014 im Osten der Ukraine vergossen wurde –, sondern Talent, Kapital, Unternehmen, Patente, Selbstvertrauen, Macht, Ehrgeiz.

Ingenieur für Ingenieur.

Gründer für Gründer.

Unternehmen für Unternehmen.

Seit Jahrzehnten.

Vermutlich haben wir es kaum bemerkt, weil ein Niedergang, der sich in Prozentpunkten des Welt-BIP und abwandernden Doktoranden ausdrückt, weniger fotogen ist als ein brennender Wohnblock.

Bis die Wohnblöcke brannten und russische Panzerkolonnen über die Bildschirme des ganzen Kontinents rollten.

Die Erneuerung kommt aus dem Osten

Es besitzt eine gewisse Ironie:

Europas Erneuerung kommt aus dem Osten.

Während des größten Teils der Nachkriegszeit blickte Westeuropa mit einer Mischung aus Arroganz und Mitleid nach Osten.

Der Westen war modern, der Osten rückständig. Paris, London und München waren die Zukunft, während Warschau, Riga, Vilnius, Tallinn, Budapest, Prag, Kyjiw und Bukarest aufholen sollten.

Westliches Kapital floss nach Osten.

Westliche Institutionen expandierten nach Osten.

Westliche Experten reisten nach Osten, um zu erklären, wie ein modernes Europa funktioniert.

Der Osten war der Schüler.

Und er hat noch immer viel zu lernen. Der demokratische Rückschritt unter Fidesz in Ungarn und unter PiS in Polen erinnert deutlich daran, dass sich demokratische Kultur nicht über Nacht wiederaufbauen lässt.

Doch zunehmend reisen die Lektionen auch in die andere Richtung.

Manche Unterschiede wirken aus westlicher Perspektive beinahe komisch.

Eifriger Antikommunismus ist hier keine schrullige Marotte alter Konservativer. Man begegnet ihm sogar unter jungen akademischen Großstadtmenschen mit grün gefärbten Haaren, die Jahrzehnte nach dem Ende des Kommunismus geboren wurden.

Dieselbe Temperamentsdifferenz zeigt sich in kleineren Dingen.

In Polen darf man auf dem eigenen Grundstück ein kleineres Einfamilienhaus unter bestimmten Voraussetzungen ohne klassische Baugenehmigung errichten, lediglich über ein vereinfachtes Anzeigeverfahren.

Für einen Deutschen, der in einem Staat aufgewachsen ist, in dem bereits das Versetzen eines Gartenhauses eine Lawine monatelanger Bürokratie auslösen kann, besitzt allein die Vorstellung genehmigungsfreien Bauens etwas leicht Psychedelisches.

Vermutlich würden einigen deutschen Beamten die Köpfe explodieren, erführen sie davon.

Natürlich kann man solche Unterschiede leicht karikieren. Auch Polen besitzt mehr als genug Bürokratie.

Aber darunter liegt ein Unterschied im politischen Instinkt.

Die osteuropäischen Gesellschaften, die jahrzehntelang in von Russland kontrollierten totalitären Staaten gefangen waren, haben sich einen gewissen Hunger nach Freiheit und ein Misstrauen gegenüber der Vorstellung bewahrt, nichts dürfe geschehen, bevor jemand seine Erlaubnis erteilt hat.

Der Westen brachte dem Osten Wohlstand und Institutionen bei.

Vielleicht muss der Osten den Westen nun daran erinnern, dass man manchmal einfach das verdammte Ding bauen muss.

Und die Ukraine hat unter Bedingungen, die für komfortabel lebende Westeuropäer kaum vorstellbar sind, aus der brutalen Notwendigkeit des russischen Angriffs eine außergewöhnliche Demonstration von Mut und militärischer Innovation gemacht: Drohnen, Software, Kommunikation, autonome Systeme, Maschinen, die über Nacht umgebaut werden, weil gestern auf dem Schlachtfeld etwas Neues passiert ist.

Ausgerechnet jene Gesellschaften, denen die Geschichte am wenigsten Grund gegeben hat, ihr zu vertrauen, besitzen heute den stärksten Glauben an die Zukunft.

Das sollte uns nicht überraschen.

Je weiter man nach Osten reist, desto weniger abstrakt wird Geschichte.

In Paris, Berlin oder Brüssel kann russischer Imperialismus noch immer ein Seminarthema sein, ein Policy Paper, eine Debatte über Begriffe.

In Warschau, Tallinn oder Kyjiw – von Charkiw ganz zu schweigen – gehört er zum Alltag.

Die Menschen erinnern sich an Besatzung und Deportation, an Panzer, daran, welche Nachbarn verschwanden.

Lange ließ diese Erinnerung Osteuropa in den Augen mancher Westeuropäer paranoid erscheinen.

Als Russland die Ukraine überfiel, stellte sich heraus, dass jene „Paranoia“, die Berlin belächelt hatte, Realität war.

Der Osten hatte sich erinnert.

Und heute sieht er jeden Tag aufs Neue, was der Westen vergessen hatte:

Hard Power existiert noch immer.

Grenzen zählen.

Fabriken zählen.

Armeen zählen.

Genügend Munition zählt.

Und Freiheit ist am Ende kein abstrakter Wert, der in einem Vertrag festgeschrieben oder in Sonntagsreden performativ aufgezählt wird.

Sie überlebt nur, wenn Menschen bereit sind, für sie zu kämpfen – und manchmal für sie zu sterben.

Freiheit ist kein gottgegebenes Geschenk.

Sie muss Tyrannen, Königen und Oligarchen immer wieder aus den blutigen Händen gerissen werden.

Der Osten verbrachte drei Jahrzehnte damit, wirtschaftlich zu Westeuropa aufzuschließen.

Westeuropa muss nun psychologisch zum Osten aufschließen.

Wohlstand ohne Ehrgeiz und Willen ist nur ein Erbe.

Prosperität ohne Selbstvertrauen verkalkt.

Frieden ohne die Bereitschaft, ihn zu verteidigen, ist eine Einladung, erneut von fremden imperialen Mächten versklavt zu werden.

Deshalb wirkt Warschau so stark auf mich.

Nach jeder konventionellen Logik des 20. Jahrhunderts müsste diese Stadt erschöpft sein.

Die Nationalsozialisten versuchten, sie physisch auszulöschen.

Der Stalinismus wollte sie politisch deformieren.

Der Kommunismus machte sie arm.

Der russische Imperialismus stahl ihr Jahrzehnte.

Und trotzdem steht sie dort:

Kräne über der Skyline.

Glastürme rund um Stalins grotesken Pałac Kultury.

Start-ups.

Restaurants.

Kapital.

Junge Menschen.

Der Varso Tower ist im Grunde ein 310 Meter hoher, aufgerichteter Mittelfinger an den historischen Determinismus.

Verlorene Jahrzehnte bleiben verloren.

Aber verlorene Jahrzehnte verlangen keine verlorene Zukunft.

Wenn man genauer hinsieht, enthält die Fabryka Norblina eine ganze Philosophie Europas – und des Europäischen Traums.

Die Ruinen der Vergangenheit wurden weder abgerissen noch einbalsamiert.

Man hat auf ihnen weitergebaut.

Die alten Maschinen stehen noch dort, während Büros und Unternehmen die Hallen um sie herum füllen. Das 19., 20. und 21. Jahrhundert teilen sich dieselben Quadratmeter.

So sollte Europa sein:

kein Museum, sondern ein Palimpsest.

Alte Mauern mit neuen Maschinen darin.

Geschichte als Fundament, auf dem wir bauen – nicht als Kette, die uns zurückhält.

Berlin

Einige Tage bevor ich mit The Polish Dane in der Fabryka Norblina saß, hatte ich bereits gesehen, wie ein wiederbelebtes Europa aussehen könnte.

Auf meiner Reise machte ich Halt in Berlin.

Auch Berlin verändert sich – nicht so schnell wie Warschau, aber die Wunden der Teilung durch den Kalten Krieg heilen sichtbar.

Noch 2019, als ich im Deutschen Bundestag ein Praktikum machte, war Berlin dreckiger, heruntergekommener und sichtbar stärker von Armut geprägt.

Heute ist die Stadt sauberer geworden. Die Gebäude wirken gepflegter. Die Bevölkerung ist gewachsen und wohlhabender geworden. Die Start-up-Szene hat sich zu einem der bedeutenden Technologieökosysteme Europas entwickelt. Selbst einige besonders hartnäckige soziale Indikatoren – etwa Kinderarmut und Transferabhängigkeit – haben begonnen, sich in die richtige Richtung zu bewegen.

Vielleicht sollte uns das gar nicht überraschen.

Berlin war jene Stadt, in der die Teilung Europas einmal buchstäblich aus Beton bestand – als eine Mauer Straßen, Familien und ganze Leben durchschnitt.

Vielleicht brauchte es nach dem Verschwinden dieser Mauer schlicht eine oder zwei Generationen, bis die Stadt richtig zu heilen begann.

In diesem Sinne gehört auch Berlin zu dieser Geschichte:

die ehemalige Frontstadt eines geteilten Kontinents, die sich langsam in die Hauptstadt eines Europas verwandelt, das wieder zusammenwächst.

Der europäische Defense-Tech-Hub

Ich war nach Berlin gekommen, um das European Defense Tech Festival auf einem Flugplatz außerhalb der Stadt zu besuchen.

Dort traf ich unter anderem auf den Unternehmer Felix Hosse und den EDTH-Mitgründer Benjamin Wolba – zwischen Investoren, jungen Gründern, ukrainischen Offizieren direkt von der Front und Ingenieuren, die Prototypen von Drohnensystemen präsentierten.

Der Hangar vibrierte vor Energie.

Überall wurde über autonome Systeme gesprochen, über Sensorik, Kommunikation, Produktion, Feedbackschleifen zwischen Brigaden und Entwicklern – und über all die praktischen Probleme, von deren Lösung auf dem Schlachtfeld abhängt, ob ein Mensch überlebt.

Es fühlte sich nicht wie jenes Europa an, über das die Menschen ständig klagen.

Besonders auffällig war, wie genuin europäisch – und zugleich international – das Publikum war.

Nicht nur Ukrainer, Polen, Balten und Deutsche waren dort: Nationen, von denen man erwartet, russische Macht ernst zu nehmen, weil ihre Geografie ihnen keine andere Wahl lässt.

Auch Gründer aus Spanien und Portugal waren gekommen – aus Ländern, die beinahe so weit von Donezk und der Krim entfernt liegen, wie man es auf diesem Kontinent sein kann.

Und trotzdem waren sie nach Berlin gereist, um Maschinen zu bauen, die verhindern sollen, dass Russland Europas Zukunft bestimmt.

Auch mehrere Einwanderer der ersten Generation aus Asien und dem Nahen Osten waren dort, die ihre Fähigkeiten für die Sicherheit ihrer neuen Heimat einsetzen wollten.

Ein portugiesischer Ingenieur, der gemeinsam mit einem ukrainischen Soldaten und einem tunesischen Einwanderer an europäischer Verteidigung arbeitet, ist ein bedeutungsvollerer Akt europäischer Integration als weitere tausend Seiten Erklärungen über eine europäische Identität.

Politische Gemeinschaften entstehen durch gemeinsame Gefahr.

Durch gemeinsame Arbeit.

Gemeinsames Geld.

Gemeinsame Technologie.

Gemeinsame Opfer.

Ein gemeinsames Gefühl von Zugehörigkeit.

Einen gemeinsamen Traum.

Und dieser Europäische Traum – der Traum eines ehrgeizigeren, sichereren und souveräneren Europas – war überall spürbar.

Das Ende von Europas Jahrhundert der Demütigung

Vielleicht werden Historiker das Ende von Europas Jahrhundert der Demütigung weder auf 1989 datieren, als die Mauer fiel, noch auf 1991, als sich die Sowjetunion auflöste.

Diese Momente brachten Freiheit.

Aber Freiheit ist noch keine Souveränität.

Vielleicht war der eigentliche Wendepunkt der 24. Februar 2022.

Nicht nur der Tag, an dem Russland seine umfassende Invasion der Ukraine begann.

Sondern der Tag, an dem Europa begann, aus seinem geopolitischen Koma zu erwachen, seinen Dämmerschlaf abzuschütteln und wieder auf eigenen Beinen zu stehen.

Kyjiw kämpfte.

Warschau und die baltischen Staaten bewaffneten und unterstützten.

Schweden und Finnland traten der NATO bei.

Und langsam begann sich auch der Rest des Kontinents zu bewegen.

Selbst der alte Titan Deutschland erhebt sich allmählich aus seinem Schlaf und beginnt ernsthaft in eine gemeinsame europäische Zukunft und Sicherheit zu investieren.

Die alten Mauern sind verschwunden.

Der alte Beschützer wird unzuverlässig.

Und der alte moskowitische Feind steht wieder vor den Toren.

Über Regierungsgebäuden von Helsinki bis Lissabon weht eine blaue Fahne mit einem Kreis aus zwölf goldenen Sternen.

Jahrzehntelang behandelten wir sie wie administratives Branding: ein Logo auf Pässen, eine Kulisse für Pressekonferenzen, ein Symbol neben Förderbescheiden, Agrarsubventionen und Erasmus-Broschüren.

Erst jetzt beginnen wir kollektiv zu begreifen, was sie werden könnte:

eine Standarte.

Eine Fahne, um die wir uns versammeln können.

Ein neuer europäischer Patriotismus entsteht.

Zivilisation ist ein Akt der Tollkühnheit

Europa besitzt noch immer beinahe alles, was es für positive Größe braucht:

Hunderte Millionen gebildete Menschen.

Enormen angesammelten Wohlstand.

Große Universitäten.

Expertise in Luft- und Raumfahrt.

Nukleartechnologie.

Hochentwickelte Industrie.

Jahrhundertealte Handelszentren.

Dichte Infrastruktur.

Und eines der reichsten geistigen Erben, das je eine Zivilisation hervorgebracht hat.

Was uns fehlt, ist nicht Potenzial.

Uns fehlt der Wille, es Wirklichkeit werden zu lassen.

Zu viele Europäer haben Angst vor Größe bekommen.

Wächst ein Unternehmen zu stark, wollen Bürokraten es regulieren.

Wird ein Gebäude zu hoch, legen NIMBYs Einspruch ein.

Wirkt eine Technologie gefährlich, regulieren oder verbieten unsere Parlamente sie.

Wird ein Unternehmer zu ehrgeizig, nennt man ihn gierig.

Wird eine neue Bahnstrecke geplant, konsultiert man fünfzehn Jahre lang Stakeholder.

Wird ein Infrastrukturprojekt groß, begräbt man es unter Machbarkeitsstudien.

Wir haben Vorsicht so lange mit Weisheit verwechselt, dass wir etwas Fundamentales vergessen haben:

Zivilisation selbst ist ein Akt der Tollkühnheit.

Ein wahnsinniger Ausbruch aus der brutalen, nackten Existenz des Dschungels in eine Welt, die durch menschlichen Willen geformt wurde.

Zivilisation ist ein Akt der Auflehnung gegen die Grenzen, die uns die Natur setzt:

gegen Knappheit.

Gegen Entfernung.

Gegen Dunkelheit.

Gegen Krankheit.

Gegen die Schwerkraft.

Und gegen die Annahme, die Welt müsse so bleiben, wie wir sie vorgefunden haben.

Kathedralen waren tollkühn.

Eisenbahnen waren tollkühn.

Raketen waren tollkühn.

Magellan war tollkühn, als er 1519 nach Westen aufbrach – auf jener Expedition, die zur ersten Weltumsegelung werden sollte.

Zivilisationen schreiten voran, weil gelegentlich eine Gruppe Verrückter zu der Überzeugung gelangt, dass gerade die Tatsache, dass etwas noch nie getan wurde, ein verdammt guter Grund dafür ist, es endlich auszuprobieren.

Europa wurde von Menschen gebaut, die arrogant genug waren zu glauben, dass die Welt nicht so bleiben müsse, wie sie sie vorgefunden hatten.

Dass der Einzelne sie formen könne.

Dass man sie verändern könne.

Von dieser Arroganz brauchen wir etwas zurück.

Nicht die tyrannische Arroganz, andere Völker zu beherrschen.

Die heroische Arroganz, uns selbst nicht beherrschen zu lassen.

Wir brauchen ein Europa, das Moskau Nein sagen kann – und dieses Nein notfalls militärisch durchsetzt.

Ein Europa, das Washington Nein sagen kann, ohne sich fragen zu müssen, ob am nächsten Morgen seine gesamte Sicherheits- und IT-Infrastruktur verdampft.

Ein Europa, das Peking nicht als drei Dutzend Märkte gegenübertritt, die gegeneinander ausgespielt werden können, sondern als eine andere kontinentale Macht.

Wir brauchen ein Europa, in dem unsere besten Ingenieure nicht automatisch den Gehaltsaufschlag für die Auswanderung berechnen.

In dem der nächste Andy Grove in Budapest bleibt.

Der nächste Levchin in Kyjiw baut.

Der nächste Nosek in Warschau Milliarden einsammelt.

In dem meine Freunde keinen Ozean überqueren müssen, um eine Zivilisation zu finden, die noch daran glaubt, dass man Großes bauen kann.

Ich bin fest davon überzeugt, dass wir heute an der Schwelle zu einem solchen Europa stehen.

Jahrzehntelang zog Europa sich zurück:

von Schlachtfeldern.

Aus Industrien.

Aus Technologien.

Aus Verantwortung.

Aus der Macht.

Während eines großen Teils des vergangenen Jahrhunderts hatte Europa gute Gründe, seinem eigenen Machthunger zu misstrauen.

Dieser Kontinent verursachte und erlebte Leid in einem Ausmaß, das einen schon beim Versuch, es zu begreifen, zum Weinen bringen kann.

Das verlangte Demut, Zurückhaltung und Erinnerung.

Doch Tugenden können zu Pathologien werden, wenn man sie über ihren vernünftigen Bereich hinaustreibt.

Demut kann in Selbstverachtung verfallen.

Vorsicht in Lähmung.

Pazifismus in Hilflosigkeit und Passivität gegenüber dem Bösen.

Wohlstand in Selbstzufriedenheit.

Es kommt ein Punkt, an dem reine Erinnerung ohne den Ehrgeiz, besser zu handeln, in die Unfähigkeit umschlägt, überhaupt noch Macht auszuüben.

Europa darf nicht vergessen, was es getan hat.

Es darf seine Verpflichtung auf das „Nie wieder“ nicht aufgeben.

Aber Europa muss sich auch daran erinnern, dass Schwäche ebenfalls moralische Konsequenzen hat.

Eine Zivilisation, die unfähig ist, sich zu verteidigen, in großem Maßstab zu bauen oder ihre politische Unabhängigkeit zu schützen, wird dadurch nicht tugendhaft.

Sie wird abhängig von jenen, die weniger Skrupel haben, Macht einzusetzen.

Und sie verliert die Fähigkeit zu verhindern, dass Verbrechen und Katastrophen erneut über Unschuldige hereinbrechen.

Genau damit sind wir heute konfrontiert.

Also ist es Zeit, sich im Namen der Zivilisation wieder aufzurichten und jene genozidalen Wahnsinnigen und Tyrannen zurückzuschlagen, die unseren Kontinent erneut teilen wollen.

Zeit, die Türme zu errichten.

Die Reaktoren zu bauen.

Die Labore zu finanzieren.

Die Grenze zu bewaffnen.

Den Kontinent zu einen.

Und Kyjiw hineinzuholen.

Bauen wir Kapitalmärkte, die unsere Gründer halten können, und Universitäten, die unsere Wissenschaftler halten.

Industrien, die aus Prototypen Millionen Maschinen machen können.

Streitkräfte, die unsere Feinde draußen und unsere Zivilisten am Leben halten können.

Machen wir Europa zu einem Ort, an dem ein ehrgeiziger Flüchtling sein Vermögen aufbauen kann – und seine Kinder niemals zwischen Europa und Ehrgeiz wählen müssen.

Machen wir Europa zu einem Ort, den niemand verlassen muss, nur um im großen Maßstab träumen zu dürfen.

Denn ich will nicht, dass wir zu einem gewaltigen Freilichtmuseum werden, in dem hochgebildete Kellner amerikanischen und chinesischen Touristen – oder russischen Besatzern – erklären, wie bedeutend unsere Zivilisation einmal war.

Ich will nicht, dass Paris auf ein Denkmal dessen reduziert wird, was wir geerbt haben.

Ich will nicht, dass unsere große Errungenschaft des 21. Jahrhunderts darin besteht, Technologien zu regulieren, die in Kalifornien erfunden und in Shenzhen produziert werden.

Das Europa, das wir verloren haben, ist verschwunden.

Seine Toten werden nicht zurückkehren.

Seine ermordeten Gemeinschaften können nicht wiederauferstehen.

Seine Städte können nicht unzerstört werden.

Und die Jahrzehnte, die Faschismus, Kommunismus, Krieg, russischer Imperialismus und Abhängigkeit den Menschen gestohlen haben, können ihnen nicht zurückgegeben werden.

Aber die Geschichte hat uns nicht unsere Fähigkeit genommen, über die Zukunft zu entscheiden und sie zu formen.

Die gehört noch immer uns.

Warschau beweist es.

Die Ukraine kämpft und blutet dafür.

Und von Berlin bis Tallinn, von Warschau bis Kyjiw zieht jener Teil Europas, den die Geschichte am brutalsten zu zerbrechen versuchte, den Rest des Kontinents wieder auf die Beine.

Mein Urgroßvater stand zwischen Öfen und Metallpressen in Warschau.

Mein Vater floh aus dieser Stadt mit beinahe nichts, baute sich in Deutschland ein Leben auf und kehrte Jahrzehnte später als Investor zurück.

Eine Generation später saß ich in denselben Hallen und diskutierte mit einem Gleichgesinnten über Europas Zukunft.

Jahrzehntelang haben wir Europäer nach unten geschaut:

auf unsere Ruinen.

Unsere Fehler.

Unsere Narben.

Unsere ererbten Katastrophen.

Unsere Grenzen.

Unsere Vorschriften.

Unsere Beschränkungen.

Genug.

Europas Jahrhundert der Demütigung geht zu Ende.

Und der Sonnenaufgang kommt aus dem Osten.

Über uns stehen zwölf goldene Sterne.

Und dahinter warten noch viel mehr.

Es ist Zeit, wieder nach ihnen zu greifen.

Wieder groß zu denken, zu träumen und zu handeln.

Nicht indem wir die Lektionen der Vergangenheit vergessen – sondern indem wir aufhören, uns vor dem Versuch zu fürchten, eine bessere Welt zu schaffen.

Es ist Zeit, dass Europa wieder verdammt tollkühn wird.

Und wenn ich auf Warschau schaue, auf Berlin und auf diesen Flugplatz in Brandenburg, auf diese neue Generation europäischer Föderalisten: Wir sind bereits auf einen gutem Weg zurück.

 

Und ich selbst bin inzwischen wieder in München.

In jener Stadt, in der einst beide meiner Eltern mit beinahe nichts ankamen.

In der Stadt, in der ich geboren wurde.

Und in jener Stadt, der meine Familie einen großen Teil ihres Europäischen Traums verdankt.

Bei all meiner Frustration über München liebe ich diese Stadt genauso, wie ich Warschau liebe – und genauso, wie ich Europa als Ganzes liebe.

Nicht weil irgendeiner dieser Orte perfekt wäre.Sondern weil sie alle Heimat sind. Und ich liebe sie zu sehr, um aufzuhören, daran zu glauben, was aus ihnen werden könnte. Oder um sie zurückzulassen.

Nikodem Jan Skrobisz

Nikodem Skrobisz wurde 1999 in München geboren und nebenbei als Schriftsteller tätig. Bereits als Schüler hat er, zunächst unter dem Pseudonym Leveret Pale, bereits mehrere Romane und Kurzgeschichten publiziert, die meist philosophische und gesellschaftliche Themen behandeln. Er studierte Kommunikationswissenschaften, Psychologie, Philosophie sowie Sprachen und Literatur. Seine Masterarbeit schrieb er an der LMU München über Künstliche Intelligenz und Evolution. Halbprivate Einblicke gibt es auf Instagram

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