Arschageddon [Kurzgeschichte]

Dies ist mein letzter Bericht. Sobald ich ihn hochgeladen habe, werde ich das Apartment in Flammen setzen und darin hoffentlich restlos verbrennen. Es gibt keine Hoffnung mehr für mich, und wenn es eine für die Menschheit geben soll, muss sofort gehandelt werden. Dieser Bericht muss an die oberste Führung weitergeleitet werden. Das Militär muss unverzüglich intervenieren. Ich empfehle den Abwurf eines atomaren Sprengkopfs auf Sinzone und eine komplette Abriegelung des Distrikts mit einer anschließenden Säuberung durch schwerbewaffnete Agenten und sibirische Kampfhamster. Wenn Sie diesen Bericht gelesen haben, werden Sie verstehen, dass dies die einzige vernünftige Option darstellt und dass jegliches Zögern tödlich ist.

Mir ist ganz schwindelig von den Benzindämpfen, die mich einhüllen. Die Tastatur klebt vor Blut, aber ich gebe mein Bestes, in meiner wenigen verbliebenen Zeit die Dinge so ausführlich zu erklären wie möglich und kein noch so scheinbar unbedeutendes Detail, welches sich nachträglich als relevant entpuppen könnte, auszulassen. Dies wird mein letzter Bericht sein. Mein Vermächtnis sozusagen. Das werde ich gründlich machen und nicht wieder so versagen, wie bei der Erfüllung meines Auftrags.

Es begann vor zwei Wochen, als mir mein Kontaktmann in der Tangerbar in Kekistan die Unterlagen für den Auftrag übermittelte.

Es spielte sich wie üblich ab.

Durch die vereinbarte Reihenfolge der von mir bestellten Drinks – Zwei Whiskycola, einen Hut Laudanum, eine Pina Colada, zwei Shots Lotuswein und eine alkoholfreie Margarita – gab ich mich ihm zu erkennen. Er tippte mir auf die Schulter; ein schmaler, blonder Twig in einem blauen Hawaiihemd, mit langen, gliedrigen Fingern und dicken Lippen. Er lächelte mich an. Ich nickte, exte die Kindermargarita und stand auf. Er führte mich durch das betrunkene, zugedröhnte und halbnackte Chaos der Bar. Wildgewordene Araber tanzten um unbeschnittene Juden und sangen zusammen mit ihnen die Nationalhymne Taiwans. Die Luft war schwer vom blauen Tabakdunst und weißem Shorerauch. Ein nackter Papagei sprang umher und warf mit gebrauchten Tampons nach mir. Ich zog meine Pistole und schoss. Mit einem ohrenbetäubenden Knall explodierte das Federvieh und verteilte sich als rote Grütze auf der halben Tanzfläche. Für einen Augenblick hielten alle inne und starrten mich an. Die Musik stoppte. Der Tintenfisch, der als DJ auflegte, fixierte mich mit seinem glasigen Blick. Man hätte einen Pudding zu Boden fallen hören können.

»Alles in Ordnung Leute«, sagte ich und schob die Waffe wieder in das Brustholster.

»Der Papagei ist tot«, schrie eine alte Hexe. Die Menge brach in Jubel aus. Die Überreste des Vogels wurden in die Luft geworfen und hin und her geschleudert. Die Eingeweide flogen wie Konfetti durch die Neonlaserstrahlen. Die Musik sprang wieder an. Aus den Boxen donnerten die Marschlieder noch nicht existenter Imperien. Heiho, heil Havler, bomba da Eidner!

Die Barbesucher versanken erneut im ekstatischen Tanz. Der alltägundnächtliche Tangerbarwahnsinn brach wie ein Tropenfieber aus.

Wie eine Flunder glitt ich meinem Kontaktmann folgend durch den psychedelischen Strudel.

Wir schlüpften hinter den Vorhang eines Darkrooms. Er drehte sich zu mir um; sein trockener Atem streichelte mir übers Gesicht. »Das war nicht sehr professionell ihn zu erschießen.«

Ich zuckte mit den Schultern.

»Er ging mir auf die Nerven. War ein dummer Vogel.«

»Das stimmt auch wieder.« Er steckte mir einen dicken, schwarzen Umschlag zu. »Darin ist alles, was Du brauchst«, sagte er. Ich bedankte mich mit einem Bruderkuss und schob den Umschlag in meinen Mantel. Als die Luft rein war, schlüpfte ich durch die schwitzende Masse aus tanzenden und drogenkonsumierenden Körpern zum Ausgang und torkelte hinaus in die Nacht.

In meiner Absteige angekommen, öffnete ich den Umschlag. Er enthielt eine Disc, auf der alle Unterlagen waren, sowie ein Flugticket nach Sinzone.

Ich sollte für die Organisation einen Gegenstand aufspüren, welcher vor kurzem aus dem Germania Museum im Reich gestohlen worden war. Laut unseren Informanten war das Objekt der Begierde in den Händen einer okkulten Sekte in Sinzone gesichtet worden. Es handelte sich um ein Artefakt aus den Ruinen der Stadt Ur: Der in Gold gegossene Hintern des legendären Gottkönigs Gilgamesch. Oder zumindest dafür hielten es die deutschen Archäologen offiziell. Doch bereits unsere Informanten hatten genug an Fotos und Protokollen angefertigt und Material zusammengetragen, so dass sich mir ein haarsträubendes Schema der wahren Natura dieses Gegenstandes abzeichnete:

Es gab einen geheimen Kult um ihn: eine perverse, obszöne Vereinigung, die seit Jahrtausenden den menschlichen Hintern als ihren Götzen verehrte. Alle Indizien deuteten darauf hin, dass diese Spinner daran glaubten, dieses goldene Prachtexemplar hätte magische Kräfte. Rückblickend komme ich nicht drumherum ihnen widerwillig recht geben. Ich kann mir die folgenden Ereignisse nicht anders erklären, als durch das Einwirken übernatürlicher Mächte, die jenseits allem liegen, was die gegenwärtige materialistische Wissenschaft erfassen und analysieren kann. Es wäre im Interesse der Führung eine Kommission zur Erforschung dieser paranormalen Phänomene einzusetzen. Es besteht die Möglichkeit, dass es auf dieser Welt noch mehr solcher Artefakte gibt. In diesem Fall wäre es gemäß der Doktrin unsere oberste Pflicht sie aufzuspüren und unschädlich zu machen, so wie es seit jeher unsere Aufgabe war, die Welt vor parapsychologischen, literarischen, polytoxischen, prohibitionistischen, psychischen, politischen, xenomorphischen und anderen Gefahren zu verteidigen. Diesem Pflichtbewusstsein folgend, verließ ich am nächsten Morgen noch vor Sonnenaufgang nach einer gründlichen Reinigung meine Absteige und fuhr mit der Bahn zum Flughafen. Ich flog nach Sinzone, wo ich meine Nachforschungen betreiben und den Goldhintern finden wollte.

Sinzone ist eine kranke Stadt, wie ein Sterbender liegt sie eingekesselt in einem Tal und rottet vor sich hin. Das Herz, das moderne Zentrum mit nagelneuen Gebäuden und Instituten, schlägt noch lebendig und kräftig im glänzendem Licht des Konsumismus, doch je weiter man sich von ihm entfernt, desto verfaulter ist das Fleisch, desto mehr eitriger Abschaum dringt aus den dunklen Ecken. Wie eine Sepsis breitet sich der Wahnsinn aus. Die Herzkammern sind bereits löchrig und zerfressen.

In den Straßen tummeln sich die Süchtigen. Koffeinentzügig schlurfen die langbeinigen Wigga und carohemdtragenden Hipster mit gesenkten Köpfen durch die Gassen. Ihre blutunterlaufenen Augen starren aus dünnen Schlitzen auf grelle Smartphonebildschirme. Sie brauchen immer mehr und immer stärkeren Stoff, um ihre von der Moderne desillusionierten und entwerteten Egos hochzupushen und nicht in lebensmüde Lethargie zu verfallen: Likes, Tindermatches, Herzchen, Alkohol, Nikotin, Koffein, Candy Crush, Ritalin, Legal Highs, Badesalze, Hash, Tilidin, Statusupdate, Brazzers, Snap und Crystal Meth.

Die Psychiatrien sind überfüllt. Grinsende Katatoniker säumen die Gehsteige und halten Lampen hoch. Sie haben ihre Bestimmung als Straßenlaternen entdeckt. Dunkle Opioidnebel zischen aus den Bordsteinritzen und dampfen die ganze Stadt mit Betäubung ein. Wie ein gigantisches Monster verschlingen die zentralen Gebäudekomplexe aus Beton, Glas und Stahl tagtäglich abertausende Individuen, und scheiden Angestellte, 1er-Schüler, Arbeitnehmer, Konformisten und ähnlich langweiligen Dreck aus. Die Mühlen und Stanzen der Wirtschaft und der Jagd nach Wohlstand rattern und schlagen erbarmungslos auf den Menschen ein, bis er zerbricht, und das einzige, was ihn hält, bleibt das Rauschgift. Der Süchtige ist immer auf der Suche, nach Erlösung, nach neuem Stoff. Er kann ihn überall finden, und ist er einmal affig, so reicht ihm das Schicksal schnell eine neue Substanz oder Tätigkeit, in der er sich das Glück und Stillung seiner Schmerzen erhofft.

 Das Wort Sucht kommt allerdings etymologisch vom ‚siechen‘, der körperlichen und geistigen Zersetzung, die den Süchtigen befällt und sein Schicksal bestimmt. Und diesem kann er nicht entkommen. Die Sucht ist ein hässlicher, ungewaschener Affe, der auf der Schulter des Betroffenen sitzt, und wenn er einmal seine faulen Zähne in das Fleisch geschlagen hat, lässt er nicht mehr los, bis sein Opfer langsam und elendig zugrunde gegangen ist. Die einzige Überlebenschance besteht darin, den Affen durch Aushungern zu töten, indem man die Substanz nicht mehr zu sich nimmt. Aber während der Affe hungert, dreht er durch und seine Bisse und Angriffe werden immer wütender. Er schnappt nach allem, was seinen Hunger stillen könnte, und niemand möchte mit einem psychotischen Affen auf der Schulter durch die Gegend laufen. Das ist mehr als unerträglich und macht es so schwer clean zu werden. Es ist einfacher den Affen bei Laune zu halten.

Sinzone wird von launigen und wütenden Affen zerfressen. Sie schwingen sich von einer Katatonikerlaterne zur nächsten, springen auf den Bordsteig und machen selbst vor klebstoffschnüffelnden Kindergartenkindern nicht halt und zerfleischen ganze Wohnsiedlungen.

Der verrottende Zerfall ist das unaufhaltsame Schicksal dieser einstigen Prachtmetropole.

 In dem glänzenden Stadtzentrum suchten die wohlhabenden Snobs sauberes Koks & feines, marokkanisches Gras; ihre Kinder Videospiele, Legal Highs & Ritalin; und ihre Frauen schlucken einen Benzo nach dem anderen, abwechselnd mit einer Flasche Wein und einer abstumpfenden Arzt-Serie. Die vitaminreiche Bio-Nahrung und das Gesundheitssystem unterdrücken die sichtbaren Symptome der Süchte. Dort wirkt nach außen noch alles rein und sauber und minimalistisch perfekt, wie es sich für die Leistungsgesellschaft des 21. Jahrhunderts gehört. Doch je weiter man sich vom Zentrum entfernt, desto prekärer sind die Umstände, desto ärmer die Menschen, desto hässlicher die Drogen, und damit werden auch die Zersetzungserscheinungen sichtbar. Badesalze, Amphetamine, Fentanyl, Heroin, Crystal Meth, Glücksspiel, Prostitution und zwanghafte Masturbation halten die Unterschicht fest umklammert. Ausgezerrte, gelbäugige Quellgesichter, mit geschwollenen und mit Abszessen überzogenen Gliedern geistern durch die Straßen. Wahnsinn und Furcht. Allein dieser Grad an kontagiöser Degeneration würde es rechtfertigen, diese Stadt und ihr gesamtes Umland durch ein nukleares Feuer von der Landkarte zu radieren.

Genau dorthin musste ich hin, in die perversesten und entmenschlichsten Ecken der Stadt. Und das dreckigste und abgefuckteste davon ist das Problemviertel Nathanen, das sich um das Nathantor erstreckt, einen berüchtigten Umschlagplatz der Drogenhändler.

Dort reiht sich eine versumpfte Sozialsiedlung an die nächste. Geisteskranke irren kläffend durch die schmierigen Straßen. Langhaarige Bisexuelle betouchen jeden beliebigen Passanten. Entlassene katholische Priester pfeifen Kleinkindern hinterher; die eine Hand unter dem vom Dreck schwarzen Messegewand, die andere an der mit Hashöl verschmierten Zigarette. Die Verzweiflung röchelt gegen den versmoggten Himmel.

 Die eitrigen Auswüchse des Drogenhandels wuchern auf diesem Nährboden. Ihre reichen Profite und deren halb- und ganzwahnsinnigen Beteiligten sind Futter für jegliche Art von krimineller Organisation. Von Menschenhändlern, die junge Junkies zu Strichern und Nutten umerziehen, über Sekten, die Junkies mit ihrer Propaganda schizophren und ganz abhängig von der Stimme eines imaginären Despoten machen, bis hin zu politischen Parteien, die Verdummung und Unmündigkeit ausdünsten. Überall wispert und schmatzt es in den vor Sperma, Frittierfett und Opiumharz klebrigen Straßen. Frischgeduschte Süchtige mit dicken Aktenordnern in ihren langen Fingern fragen: »Glauben Sie an Gott?« (Wenn Sie diese Frage hören, bleiben Sie nicht stehen. Rennen Sie.)

Mit Hakenkreuzen übersäte Wrestler werben für Undergroundmessen und schwarzhäutige Flugbegleiter laden dazu ein, mit ihnen Hastur anzubeten. Irgendwo dort zwischen den Opiumhöhlen, (die leberkranke Chinesen betreiben), den schwulen, neon-blink-blink Swingerclubs, Technoraves und Tempeln der Göttin Vivienne, würde ich zwangsläufig auch auf die Anhänger jenes dubiosen Kults stoßen, der Gilgameschs goldenen Arsch aus dem Reichsmuseum entwendet hatte. Mein Plan war es dort über einen anderen Agenten Kontakte zu knüpfen, den Kult aufzustöbern und zu infiltrieren.

Am Flughafen erwartete mich bereits der Agent; Deckname William; einer von den ganz alten Hasen, der noch im dritten Koreakrieg gegen die Jong-Sun-Mutanten gekämpft hatte und an der Infiltration von Interzone beteiligt gewesen war. Er trug wie ich Dienstkleidung: ein verschlissener, schwarzer Trenchcoat, im Mundwinkel ein Zigarillo. Das lange Gesicht war eingefallen und hatte den Gelbstich eines erfahrenen Konsumenten, die Schläfen waren grau durchwachsen. Er verströmte den mottigen Geruch von altem Schwarzpulver, Tabak und Opium.

»Clark?«, fragte er mich. Seine Stimme kratzte in meinen Ohren. Ich nickte. »Zigarillo?«, er hielt mir die offene Schatulle hin. Ich nahm dankend an. Er zündete ihn mir mit seinem Zippo an. »Ich habe Dir ein Apartment besorgt. Eine total heruntergekommene Pissgrube«, er spuckte auf den Boden, während wir zu den Privatparkplätzen liefen. »Aber es liegt genau zwei Straßen vom Tor entfernt. Total verlauste Gegend, aber das ist dir sicherlich klar, oder? Nicht dein erstes Mal hier, nehme ich an.«

»Ich war oft hier. Es hat sich in den letzten Jahren aber vieles verändert.«

William schnippte den Zigarillostummel weg. »Das kannst Du laut sagen. Wird immer schlimmer, aber im Vergleich zu Interzone 98‘ ist das noch ein Witz, ich sag‘s dir.« Er knackste mit den Knöcheln. »Die Führung hat uns einen Fahrer zur Verfügung gestellt. Da vorne ist er.« William deutete auf einen dickbäuchigen Mulatten, der an einem verbeulten Cadillac lehnte, seine Arbeitermütze tief in das Bulldoggengesicht gezogen hatte und auf dem Smartphone herumtippte. Als er mich sah, steckte er es ein und nickte.

»Agent Clark. Das ist unser Chauffeur Außendienst-Officer Pearlburns«, sagte William.

»Clark. Es ist mir eine Freude«, sagte Pearlburns.

»Die Freude ist ganz meinerseits. Wollen wir dann?«

»Aber natürlich.« William und ich schlüpften auf die Rückbank, Pearlburns klemmte sich hinter das Lenkrad. Wir passierten die Papierkontrollen an der Flughafengrenze. Die dunklen, von dubiosen Gestalten bevölkerten Straßen Sinzones verschlangen uns. Links und rechts wuchsen Wohnblöcke aus dem Boden. Katatoniker hielten blinkende Ampeln und Lampen hoch. William zog ein Taschentuch aus der Hose und tupfte sich den kalten Fieberschweiß von der Stirn.

»Gut, dass wir einen Wagen haben. Um den Flughafen herum lauern die hinterhältigsten Verbrecherbanden nur darauf, ahnungslose Drogentouristen zu überfallen. Nicht, dass das für Agenten ein ernsthaftes Problem darstellen könnte, aber ich hasse unnötiges Blutvergießen«, sagte William. Seine Augen wirkten wässrig. Er wippte nervös mit den Füßen auf und ab.

»Affe?«, fragte ich. Er lächelte.

»Ja, es wird Zeit für meine Mahlzeit. Du hast es erkannt.«

Er beugte sich nach vorne zu Pearlburns: »Du hast doch sicher nichts dagegen, wenn ich mir einen Schuss setze, oder?«

»Was denn? Also wenn’s Koks ist, dann kannst du das knicken. Ich kenn das. Kokspritzer sind so zittrig, die brauchen zehn Anläufe, bis sie die Vene treffen und davor bluten die alles voll. Das kann ich gar nicht gebrauchen.«

»Nein, nein, kein Dreckskoks. Nur gutes Fenta gegen meine Schmerzen.« Er jaulte das letzte Wort krächzend heraus, wie ein verwundeter Rabe. Er war kurz vorm Durchdrehen, Schaum sammelte sich bereits in den Mundwinkeln; nichts würde ihn von seinem Schuss abhalten. Es ging nur noch um die Formalitäten.

»Fentanyl, sagste.« Der Wagen hielt an einer Ampel. Der Chauffeur seufzte, hob seine Mütze und kratzte sich am kurzgeschorenen Hinterkopf. »Solange ihr mir da hinten nicht abnippelt. Ich habe keinen Lust Leichen zu entsorgen und der Führung erklären zu müssen, was mit ihrem Agenten geschehen ist. Ganz abgesehen von der Sauerei.«

»Keine Sorge. Ich bin ein Experte. Fahr einfach langsam und vorsichtig, keine ruckartigen Bewegungen«, versicherte William. Pearlburns zuckte mit den Schultern. »Okay. Mach, was du nicht lassen kannst.« Die Ampel sprang auf Grün um, der Katatoniker zuckte und der Cadillac setzte sich wieder in Bewegung. William entzündete sein Zippo und steckte es in den Getränkehalter vor uns, dann kramte er sein Fixierbesteck aus der Innenmanteltasche. Sauber und ordentlich bereitete er es auf seinem Schoß vor. Aus einer Glasphiole schüttete er ein kleines Häuflein weißgelbes Pulver auf den Löffel und spuckte drauf, um es anzufeuchten.

»Willst Du auch etwas?«, fragte er mich.

»Nein Danke«, sagte ich.

»Besser so. Ich hätte dir ohnehin nichts abgegeben.« Er hielt den Löffel über das Zippo, die Flammen leckten über das verrußte Silber. Das Häuflein sank in sich zusammen und löste sich in der Spucke auf.

»Wolltest du nicht aufhören?«, fragte ich. Er grinste und zog mit den Zähnen die Kappe von der Nadel und steckte sie in das geschmolzene, gelblichbrodelnde Glück. Die Spritze füllte sich mit dem pissgelben Liquor. Er hielte sie hoch, betrachtete sie wie ein Juwelier einen kostbaren Edelstein und tippte gegen die Kanüle.

»Das wollte ich schon einige Male, aber jetzt nicht mehr. Weißt Du, was der Anfang jedes Wahnsinns ist? Wenn man immer und immer wieder das Gleiche tut, und erwartet, dass es anders endet, als die Male zuvor. Clean werden ist sinnlos. Es macht einen nur verrückt und am Ende wird man sowieso wieder rückfällig. Nein, die einzige Möglichkeit in dieser Stadt bei Verstand zu bleiben, ist, wenn man ehrlich und aufrichtig an der Nadel hängt.«

Er krempelte den Ärmel seines Trenchcoats hoch und offenbarte die ledrige, von schwarzen Löchern, Abszessen und Blutergüssen übersäte Armbeuge. Mit einer eingeübten Bewegung band er den Arm mit dem Stauschlauch ab, und ballte mehrmals energisch die Faust, sodass die verbliebenen Venen hervortraten.

Seine Nikotinfinger glitten wie die Tentakel eines perversen Oktopusses über das faule Fleisch, bis sie eine intakte Vene fanden. Er leckte sich über die Lippen und führte die Nadel ein. Er zog leicht und ein Blutfaden schoss in das Pissgelb, tanzte wie eine Ballerina um sich im schwitzigem Licht der Mittagssonne, und verschwand zusammen mit dem Glück schlagartig im aufgeschwollenem Protoplasma. Agent William öffnete den Stauschlauch. Er schluckte. Seine Pupillen schrumpften schlagartig auf winzige Sandkörner zusammen. Er versank mit einem zufriedenen Lächeln im Sitz. Mit einer langsamen, flüssigen Bewegung, wie in Trance, zog er die Nadel aus sich heraus, tupfte sie mit einem Desinfektionstuch ab, tat die Kappe drauf und verstaute das Besteck wieder in seinem Mantel.

»Ahh. Das habe ich gebraucht«, er atmete tief durch, das Kratzen verschwand aus seiner Stimme und der Fieberschweiß trocknete schlagartig aus. William verjüngte sich vor meinen Augen um mehrere Jahre. Die Haut glättete und straffte sich. Sein Gesicht wirkte, als wäre es aus Wachs gegossen. Er sprach weich wie ein gütiger Pfarrer, der einem Schützling weise Ratschläge gab. »Also kommen wir zu den Fakten. Das Zielobjekt. Wir haben beide die Akten gelesen. Es ist eine merkwürdige Sache, meine Nase sagt mir, dass das kein gewöhnlicher Auftrag ist. Ich würde dir gerne zur Seite stehen, aber das ist gegen die Regeln und die Führung hat mich zu einem Einsatz in Normiestan abkommandiert. Mein Flug geht in wenigen Stunden. Du wirst im Apartment neue Unterlagen finden und Karten des Viertels, aber die sind eh nicht aktuell. Die Gebäude wandern hier konstant hin und her. Mal sieht die Stadt so, mal so aus. Das Wichtigste ist, dass du dich an das Tor hältst. Von dort aus kommst du in die Grimmorstreet, eine versiffte Kloake, aber wenn diese Sekte hier ist, dann wird sie sich irgendwo dort verstecken. Es ist die einzige Straße, die fest ist und die den notwendigen Untergrund besitzt. Sie ist stabil. Alle Sekten sind dort. Schließlich geht bei denen doch darum, ihre Mitglieder geistig durch eine Versimplung und Abstraktion abzustumpfen und so zu stabilisieren. Wie bist du bewaffnet?«

»Standard.«

»Welcher Standard? Das hat sich in den letzten Jahren so oft geändert.«

»DIN9 AC 2027. 9mm-Silberkugeln, eine modifizierte CZ-75 SP-17. Stiefeldolch. Skalpell. Sprungmesser. Drei Zahnstocher. Epinephrinautoinjetor. Eine Handvoll Eukodal und Pervitin. Ein Nokia 3310.«

William pfiff durch eine Zahnlücke. »Ein 3310er in der Standardausrüstung? Die spinnen doch da oben bei der Führung. Hat denen das DXM bereits Löcher ins Hirn gebrannt? Früher brauchten wir für diese Teile eine Sondergenehmigung. Nachdem, was in Syrien passiert ist. Irre. Aber für diesen Auftrag könnte das genau das Richtige sein. Gut, gut. Ich habe dir in der Wohnung noch etwas schwereres Geschütz dagelassen. Wer weiß, wie ruppig das hier wird. Es ist unterm Bett verstaut.«

»Danke.«

»Keine Ursache. Wir wären fast da, oder?«

»Exakt«, sagte Pearlburns. Der Cadillac schwenkte in eine heruntergekommene Seitenstraße hinein. Die Wohnblöcke ächzten und beugten sich über die von Rissen durchzogene Straße, als würden sie auf mich herabstarren. In den zerbrochenen Fenstern pfiff der Wind, wie durch die Rippen eines verwesenden Leichnams. Die Wände waren von den langen, gliedrigen Fingern schwarzer Kletterpflanzen bedeckt. Eine Blondine in Strapsen lehnte an einem Katatoniker und rauchte einen Joint. Ihre blutunterlaufenen, von schwarzen Ringen ummantelten Augen starrten benommen zum verrußten Himmel.

»Es ist die Nummer neun. Zweiter Stock. Apartment vier. Mach‘s gut Kamerad«, sagte William und drückte mir die Schlüssel in die Hand. »Viel Erfolg bei dem Auftrag.«

Pearlburns tippt an seine Mütze. »Viel Erfolg, Clark.«

»Danke, Leute. Bye.« Ich stieg aus.

»Bring mich zum Flughafen«, befahl William Pearlburns und der Cadillac zischte davon, eine Wolke aus aufgeweichten Zeitschriftenblättern, leeren Konservendosen und Staub aufwirbelnd. Ich sah einen Augenblick hinterher, dann drehte ich mich um und betrat das Gebäude.

Es stank nach Pisse und Schimmel. Dreimeterlange Tausendfüßler krochen über die Wände und fraßen einander auf. Überall knackten ihre Kiefer und Panzer. Ein bärtiger Penner verrottete mit einer leeren Absinthflasche in der Hand im Treppenhaus. Wahrscheinlich bereits seit einigen Tagen tot. Fliegen krochen aus seinem Mund. Käfer hatten begonnen das Fleisch zu zersetzen. Oben schlug eine Tür zu. Ein junger Stricher kam die Treppe herunter, stolperte über den Penner, fing sich wieder und krachte in mich hinein. Er taumelte zurück.

»Entschuldigung Mister«, sagte er.

»Kein Problem.«

»Wollen Sie einen Rimjob von mir bekommen?« Er leckte sich über seine brüchigen, mit Vaseline verschmierten Lippen.

»Nein.«

»Nur fünf Dollar. Oder acht Reichsmark. Ich nehme auch Reichsmark.«

»Nein, verschwinde«, sagte ich und zwängte mich an ihm vorbei.

»Ich komme am Abend wieder, falls Sie es sich anders überlegen«, rief er, dann hörte ich die Haustür hinter mir aufschwingen und wieder zuknallen.

Im ersten Stock begegnete ich dem Hausmeister, einem dicken Frosch, der in einem alten, karierten Anzug an der Heizung lehnte und Poppers schnüffelte.

»Sie sind also dad Neue?«, quakte er. Seine Amphibienaugen öffneten und schlossen sich klackend.

Die oberste Agentenregel lautet unauffällig zu bleiben. Nichts ist in so einer Absteige auffälliger, als ein glücklicher Mensch. »Jap. Der bin ich«, schnaubte ich. »Vorerst zumindest. Mal sehen, wie lange noch.«

Der Frosch lachte quakend. »Iq wünsche Ihnen, dass Sie niqt lanqe bleiben. Ist hier ne richtige Pissglube. Würde man miq niqt dafür bezahlen. Wäre ich niq auf dad Geld angewiesen. Iq wär schon längst abgehauen. Aber einen Frosch will sonst niemand einstellen. Dieser Rassismus hier ist schreqlich.«

»Kann sein. Interessiert mich nicht wirklich.«

»Würde miq wahrscheinlich auch niqt, wenn iq so ein schöner Weißer wäre«, quakte der Frosch und drückte das bunte Poppersfläschchen in eins seiner großen Nasenlöcher. Mit einem ekstatischen Heulen saugte er die Luft ein und warf den Kopf zurück. Der ganze grüne, schwitzige Körper zuckte, dann kippte er um.

Der Frosch blieb liegen, seine lange Zunge entrollte sich wie ein roter Teppich über den Flur und die Treppe runter bis in den Keller. Er röchelte.

»Wa… Wa …«

»Wie bitte?«, fragte ich und warf einen Blick auf meine Armbanduhr. Dieses Mistvieh hielt mich bereits viel zu lange auf.

»Wasser«, krächzte er.

»Ich habe kein Wasser. Tut mir leid«, sagte ich und wandte mich zum Gehen. Seine langen, grünen Finger umklammerten meinen Knöchel.

»Dann pissen Sie miq zumindest an. Bitte, iq vertrockne.«

Ich seufzte, öffnete meinen Reisverschluss und urinierte dem Frosch auf den Kopf. Der gelbe Urin plätscherte und spritzte von seiner porenübersäten Haut in alle Richtungen, er sickerte in den Mund und umspülte das noch immer in der Nase steckende Döschen. Gelbe Flutwellen strömten an meinen Schuhen vorbei und stürzten in einem tosenden Pisswasserfall die Treppen hinunter. Im Erdgeschoss stieg der Pegel rasant auf mehrere Meter, tausende Parasiten ertranken schreiend in den gelben Fluten. Die Leiche des Obdachlosen wurde durch die Tür nach draußen gespült. Der Frosch starb mit einem zufriedenen Seufzer.

»Scheiß Perverser«, sagte ich, schloss meine Hosen und lief in den zweiten Stock, wo sich mein Apartment befand.

Die Wände und die Türen waren mit einem dicken Schimmelpilz bewachsen, sodass nicht erkennbar war, wo die Türen begannen und wo die Wände anfingen.

Ich musste eine halbe Stunde lang in dem feuchten Pelz herumwühlen, bis ich durch Zufall die Türklinke fand, die sich auf Kniehöhe befand und nach oben öffnete.

Das Apartment war ein ranziges Loch. Die grün-gelbe Tapete im viktorianischen Stil war zerfleddert und wie ein modernes Kunstwerk mit Flecken und Spritzern überzogen, die verdächtig nach getrocknetem Blut, Sperma und anderen Körperflüssigkeiten aussahen und rochen. Katzengroße Bettwanzen hatten die Matratze zerfressen. Die Küche war von einem schwarzen Tumorgeschwür befallen, das bereits zwei Schränke und einen Stuhl verschlungen hatte. Im Spülbecken stapelten sich die saubergenagten Schädel der Vorbesitzer. Ein Katatoniker stand grinsend in einer Ecke und hatte die Arme von sich gestreckt. Ich hängte meinen Trenchcoat an seinen ausgestreckten Daumen. Auf dem Schreibtisch, in der gegenüberliegenden Zimmerecke, fand ich, zwischen zerfledderten Gedichtbänden von Erich Fried & Allen Ginsberg, einen dicken, an mich adressierten Umschlag. Ich zog einen zusammengekauerten Katatoniker zu mir und klopfte ihm den Staub von der Kleidung. Als ich mich draufsetzte, knackten und knirschten die Wirbelknochen unter mir. Ich las mir die Unterlagen durch. Sie enthielten kaum Neues, nur vereinzelte Beobachtungen. Die Sekte hatte offenbar vor Kurzem eine neue Tracht eingeführt. Immer mehr ihrer Mitglieder waren verschwunden oder liefen nur noch in einem weißen Gewand herum, dass den ganzen Körper verdeckte. Es gab ein Foto der neuen Tracht.

Sie erinnerte an die Burka des Islams, allerdings schienen die Sektierer unter dem Gewand einen chinesischen Reisbauernhut zu tragen, sodass sie wie merkwürdige Pilze mit Beinen aussahen.

Ich kniete mich hin und fand unter dem Bett die Schachtel mit den Sachen, die mir Williams hinterlassen hatte. Hauptsächlich nette Gadgets. Komprimierte Sibirische Kampfhamster. Aufblasbare Schwimmflügel. Eine deutsche Maschinenpistole. Großkalibrige Revolver. Handgranaten. Ein Laserschwert. Darunter war aber nur eine Sache für mich wirklich interessant, nämlich der Teleskopschlagdildo: Ein kleiner unscheinbarer Griff, der auf Knopfdruck zu einem überdimensionierten violetten Kampfpornoprengel ausfuhr. Ich befestigte ihn an meinem Gürtel. Die restlichen Sachen legte ich wieder in die Schachtel und schob sie zurück unters Bett. Mein Blick schweifte durch das Apartment. Die Pendeluhr schlug vierzehn und das Krokodil, das die ganze Zeit schweigend an der Decke geklebt hatte, gähnte. Es war Zeit für mich zu gehen und meinen Auftrag auszuführen.

Als ich nach draußen ging, hatten kumbajanische Fleischspinnen bereits begonnen den Hausmeisterfrosch in ihre Netze einzuwickeln und ihn in eine Höhle unterhalb der Heizung zu zerren. Das Treppenhaus quietschte unter meinen Schuhen. Alles stank nach Urin. Die Tausendfüßler wichen mir knackend aus.

Die Blondine von der Straßenecke hatte einen Kunden gefunden; einen russischen Grizzlybären, der sie mitten auf der Straße von hinten rammelte und ekstatisch brummte, während Babuschkas um sie herum tanzten und »Ra! Ra! Rasputin, Lover of the Russian Queen« von Boney M. sangen.

Ich überquerte den Bordsteig, wich dabei einer Gruppe leansippender Wigga aus, die sich auf das Spektakel einen herunterholten, und steckte mir einen Zigarillo an. Ich erreichte das Nathantor. Der berühmte, namensgebende Nathan stand neben dem von Einschusslöchern übersäten Tor auf einem Berg aus Kokainkilosäcken & Sprengstoffkisten und hielt Verkaufsreden. Zwei crackrauchende Hühner flitzten umher und verteilten Pfundtüten mit billigen, verschnittenem Kokain an Junkies, müde Hausfrauen, Banker und Politiker. Kilometerlang zogen sich die Schlangen der gierigen Kokser zu den Verkaufsständen über den Platz und blockierten den Verkehr. Die Polizei musste Straßensperren und Umleitungen einrichten, um den reibungslosen Ablauf des Kokainhandels sicherzustellen.

Ich folgte den zerknitterten Karten, die mir William hinterlassen hatte und fand die Grimmorstreet. An ihrem Anfang stand jeweils rechts und links eine Statue des großen Nathan Szalenstwóski und spuckte Feuer zur auberginengrauen Wolkendecke.

Exotische Küchendünste hingen in der Luft, Nebelfäden aus Haschisch, Heroin, Schischas und dem harzigen Rauch dubioser Changamischungen, Deos und billige Discounterparfüms, der Geruch von Schweiß und Genitalien. Junkies saßen in den Hauseingängen und warteten auf den Mann mit dem Stoff, während sie Tabak schnorrten und sich einander die verrücktesten Lügengeschichten erzählten.

Die meisten davon handelten von den angeblich glamourösen Zeiten, als sie das letzte Mal clean waren, oder von den tragischen Ereignissen, die sie angeblich zu den Drogen geführt hätten. Überall wuselten Sektierer in dunklen Robben herum und murmelten obskure Beschwörungsformeln oder sprachen mit unsichtbaren Wesen. Mit Silikon und Botox vollgespritzte Mädchen und ausgezerrte, gewaxte Knaben mit griechischen Locken boten ihre Körper zu Dumpingpreisen an. Ich schlich durch die Gassen, klopfte an Hundeklappen, fragte lokale Informationsdealer und schlug die Mantelkragen hoch, um nicht auf den Fotos der selfiesüchtigen Instragamkinder zu landen, die von einem Geländer zum nächsten sprangen. Bunte, sabbernde Affen hetzten ihnen hinterher und verkloppten diejenigen, die nicht jede Minute zehntausend Herzchen verteilten und dreihundert Bilder posteten, mit Selfiesticks. Ich sprach mit Scientologen, Zeugen Jehovas, Verehrern der göttlichen Vivienne F., Jüngern des irren Nathan, Aposteln der Mansonfamily. Stunden sprangen an mir vorbei, Schatten zogen auf, als die Sonnen untergingen und die Nacht über die bunten, zusammengewürfelten Häuserdächer kroch. Zigarettenglut und Katatoniker erhellten die Straße, in der es nachts genauso von Abschaum und Wahnsinn wimmelte und wuselte, wie am helllichten Tag. Die Dunkelheit floh kreischend vor den Fingern des Morgens. Tage und Nächte rauschten an mir vorbei. Dreizehn Tage lang irrte ich schlaflos durch die Grimmorstreet und ernährte ich mich nur von Pervitin, Eukodal und Stockfisch, den ich bei einer alten Frau kaufte, die die Fische eigenhändig in einer Kloschüssel züchtete. Ich traf die skurrilsten Gestalten; depressive Eisbären, die ihre Trauer um die geschmolzenen Polkappen im Schokoladeneis ertränkten; arbeitslose Kobolde, denen die Regenbögen von LGBTQIFXAU-Freaks gestohlen worden waren; einen Sechszehnjährigen, der behauptete, noch nie die Schule geschwänzt, noch nie Drogen genommen und noch nie einen Porno gesehen zu haben. Ich kaufte ihm ein Playboymagazin & eine Schachtel Kippen. Drei Tage später war er heroinabhängig, rauchte Kette, hatte die Schule abgebrochen und ließ sich von einer Sugarmommy aushalten. So ist nun mal das Leben. Langsam wurde ich Sinzone jedoch überdrüssig; der lange Einsatz ermüdete mich und Langweile überkam mich zusammen mit der Frustration über den ausbleibenden Erfolg.

»Du suchst uns. Nicht wahr, Clark?«, sprach plötzlich eine Frau neben mir. Ich drehte mich um, meine linke Hand glitt in die Manteltasche und umfasste kampfbereit mein Springmesser. Neben mir stand eine komplett in Weiß gehüllte Gestalt. Der ungewöhnlich große Kopf war verschleiert bis auf einen kleinen Augenschlitz, vor dem die Gläser einer Sonnenbrille eingenäht waren. Eine Pilzform. Wie auf dem Foto. Sie war ein Mitglied der Sekte.

»Wer bist du?«

»Eine Jüngerin. Eine Erleuchtete. Ich gehöre zu denen, die den goldenen Arsch Yabbath beschützen und verehren. Du wurdest entsendet, um uns aufzuspüren. Deine Ankunft wurde uns von unserem Herrn vorhergesagt.«

Tausend Gedanken schossen durch meinen Kopf. War ich verraten worden? Wer war dieser Herr? Die Regeln waren eindeutig. Ich war aufgedeckt worden, meine Pflicht wäre es, alle Beteiligten zu liquidieren und mich zurückzuziehen, aber dafür musste ich herausfinden, wer alles bereits involviert war.

»Wer ist dein Herr? Was willst Du von mir?«

»Ich komme in Frieden. Mein Herr ist Yabbath, der den Du als den goldenen Arsch kennst. Er will dich treffen. Wir laden dich ein, uns zu besuchen und dich von der Richtigkeit unseres Anliegens selbst zu überzeugen.«

»Einverstanden.«

»Folge mir«, sagte die vermummte Gestalt und drehte sich um. Sie ging in eine enge Seitenstraße. Die Häuserdächer küssten sich über unseren Köpfen. Ich folgte ihr in einigen Metern Abstand. Ratten schossen an mir vorbei. Es raschelte in den Bergen aus Müll, die sich in den Bordsteinrillen angesammelt hatten. Die Fensterläden waren verschlossen. Ein abgestochener Katatoniker lag an eine Hauswand gelehnt, die Lampe hing um seinen Hals und flackerte und summte. Ein großes Hinterteil war mit Blut an die Häuserwand gemalt worden. Außer meiner Führerin und mir, schien kein lebender Mensch in der Nähe zu sein. Alles wirkte tot und hohl.

Ich griff in meine Hosentasche, holte mein mittlerweile fast leeres Fläschchen Eukodal- und Pervitinpillen heraus und exte es. Ich schluckte hart. Diese Mischung hatte sich seit 1939 bei der SS bewährt und hatte in den letzten Jahrzehnten ihren Siegeszug in die Arsenale aller Eliteeinheiten und Geheimorganisationen gefeiert. Sie unterdrückt jeden Schmerz und jedes Schlafbedürfnis für Stunden, bei weiterer Einnahme für Tage und Wochen. Perfekt um in Polen einzufallen oder um durch schwere Einsätze zu kommen.

»Wohin gehen wir?«, fragte ich, mehr um die tödliche Stille um uns herum zu zerreißen, als um eine Antwort zu erhalten.

»Zu unserem Tempel.«

Wir gingen weiter, versanken in den Gedärmen der Stadt; die Gehwege fielen steil ab, wellten sich. Meine Sinne zerschnitten wie Rasierklingen meine Wahrnehmung, fingen sie ein und setzten sie in kristalliner Schärfe neu zusammen. Die Wirkung der Drogen hatte eingesetzt: Jede einzelne Bordsteinritze zeichnete sich gestochen scharf vor mir ab. Ich hörte das Flügelschaben der Kakerlaken im Dreck, und das Rascheln des Stoffes meiner Führerin, das Knistern des Mondlichts auf dem Asphalt und das ferne Heulen der Gargoyle, die über dem Zentrum kreisten, auf der Suche nach betrunkenen, einsamen langbeinigen Hipstern, die sie fressen konnten.

»Wir sind da«, sagte meine Begleiterin und deutete auf ein großes, viktorianisches Herrenhaus, das zwischen zwei Plattenbauten eingequetscht war. Der Türklopfer war wie ein menschliches Hinterteil geformt, in dem ein Dildo steckte. Meine Führerin schlug dreimal mit den Hoden gegen das dicke Holz. Die Tür schwang auf. Wir traten ein.

 Links und rechts waren Sektenmitglieder positioniert, die genauso gekleidet waren, wie meine Begleiterin. Alles zog sich in mir zusammen, ein erregtes Kribbeln fuhr durch meine Glieder. Das stank nach Hinterhalt.

Trotzdem, meinem Pflichtbewusstsein gemäß handelnd, folgte ich meiner Führerin eine Treppe in die Tiefe hinab. Ich zählte die zahllosen Sektenpilze und plante meinen Fluchtweg. Wir durchliefen endlose Katakomben, kamen vorbei an Schlaf- und Gebetsräumen, an Abzweigungen und Kapellen, Kerzenhaltern in Form von menschlichen Hinterteilen und Brunnen gefüllt mit parfümierten Fäkalien.

Wir betraten letztendlich eine runde Kammer, die an ein unterirdisches Pantheon erinnerte. Geriffelte Säulen trugen die gotische Kuppeldecke. Marmorpenisse ragten aus der Wand und pissten in Wasserbecken, die den Duft eines ekelhaften Eau de toilette verströmten. Brennende Kerzen steckten in silbernen Arschlöchern, die aus den Wänden ragten, und tauchten den Raum in ein geisterhaftes Flackern. Gänge führten sternenförmig in alle Richtungen, und in jedem Tor stand ein vermummtes Sektenmitglied, stumm und starr wie eine Statue. Mitten in der Kammer war eine Plattform. Ein mechanisches Surren ertönte. Die Plattform öffnete sich und hydraulisch hob sich eine Säule aus dem Boden, auf der Er ruhte. Der goldene Arsch Yabbath. Ich war von seinem Anblick wie betäubt. Tausend Gedanken peitschten durch mein aufgeputschtes Nervensystem. Diese Rundungen waren perfekt. Die Backen glänzten im Kerzenloder wie lebendig geworden. Ich konnte nicht anders, als mit offenen Mund und überwältigt von der schieren Perfektion auf diesen goldenen Hintern zu starren. Meine Unterhose platzte unter dem Druck meiner Erektion mit einem lauten Ratschen. Meine Hose beulte sich aus.

»Ah, ich sehe, du freust dich, mich zu sehen«, dröhnte eine metallische Stimme vibrierend durch den Raum. »Ich versichere dir, die Freude ist ganz meinerseits. Ich habe viel von dir gehört, Clark. Sehr viel und es ist beachtenswert, wie viel Du für die Organisation getan hast, um mich aufzuspüren. Letztendlich hast du es aber nur geschafft, weil ich es wollte. Niemand findet mich, von dem ich nicht will, dass er mich findet.«

»Wer bist du?«

»Yabbath war der erste Name, den mir Völker gaben, von denen heute nicht mal mehr ihre Namen übrig sind, ganz zu schweigen von Ruinen oder Spuren.«

»Und was willst Du von mir?« Die potenzhemmende Wirkung des Eukodal setzte zum Glück ein, und die schmerzhafte Erektion ging zurück, sodass ich mich aufrichtete und Yabbath direkt in die Ritze starren konnte.

»Ich will, dass du dich mir anschließt. Die Organisation zahlt gut und ihre Prinzipien sind sicherlich auch ganz nett. Aber seien wir doch ehrlich; die Führung ist korrupt, geschmiert von der Waffenlobby und der Spielzeugindustrie. Und die Führung des Menschen in diesem Sternensystem neigt sich ohnehin ihrem Ende zu. Meine Armee wird morgen ausmarschieren, um zuerst Sinzone und dann die ganze Welt, von Amerika, über das japanische Reich, über Germania bis zum Kalifat und den Mond- und Marskolonien, zu erobern und die Hinterteile aller Menschen zu befreien. Ihr habt keine Chance. Schließ dich mir an und werde verschont, wenn ich die Welt unterjoche.«

»Du und welche Armee? Ich sehe nur ein großmäuliges Arschloch und paar Freaks.«

Ein Stakkatofurzen schallte wie ein Lachen durch den Raum. Meine Lymphflüssigkeit gefror vor Angst; Eiskristalle knisterten durch mein Gewebe.

»Ich habe in den vergangenen Wochen bereits abertausende an Untergebenen um mich gescharrt. Hier unten in der Dunkelheit trainieren sie und vermehren sich und jeden Tag infizieren sie frische, knackige Menschen mit meinem Fluch. Ich wachse, meine Macht wächst. Das ist das beste Angebot deines Lebens Clark, schließlich dich mir an.«

»Nein, niemals. Niemals würde ich der Organisation den Rücken kehren. Ich bin ein Agent. Ich bin loyal bis zum letzten Atemzug.«

»Das ist enttäuschend. In dem Fall habe ich keine Verwendung für dich, Clark. Wie traurig. Tötet ihn«, dröhnte die Stimme. Der Boden öffnete sich und die Säule mit dem goldenen Arsch versank in der Tiefe. Mit ohrenbetäubenden Fürzen zerrissen die weißen Gewänder der Sektierer, die Hüte fielen zu Boden. Nackte Arschungeheuer furzten mich an; statt Köpfen hatten sie zahnbewehrte Hintern, aus denen sich Tentakel schlängelten. Schneckenglupschaugen ragten links und rechts aus dem deformierten Torso.

Ich zog meine Dienstwaffe und eröffnete das Feuer auf die Arschlöcher, die auf mich zustürzten. Die Kugel zerrissen das Fleisch, aber die Ungeheuer sprangen davon unbeeindruckt auf mich zu. Eins packte mich mit seinen schmierigen Fingern am Ellbogen und mein Unterarm versank in dem zahnbewehrten Anus. Blut spritzte in alle Richtungen. Ohne das Eukodal in meinem Kreislauf wäre ich vor Schmerzen wahnsinnig geworden, so aber riss ich mich brüllend los, tanzte herum und leerte das Magazin in das Arschloch. Das Ungeheuer ging schwarzes Blut furzend zu Boden. Die anderen Monster brüllten, ich zog den Epipen und rammte ihn in meinen Bauch. Meine Sicht verschwamm, die Zeit verlangsamte sich, als das synthetische Adrenalin durch meine Adern schoss. Ich wirbelte um die sich nun in Zeitlupe bewegenden Ungeheuer herum und zog meinen Teleskopschlagdildo. Ich rammte ihn mitten in den vor Entsetzen geweiteten Anus vor mir. Der violette Penis versank mit einem lauten Schmatzlaut darin; dunkles Blut lief den Damm hinab, die Eichel brach auf der Rückseite des Ungeheuers heraus. Ich wirbelte herum, zog den Dildo heraus und dreschte damit ein drittes Monster zu Boden. Dunkles, nach Kacke stinkendes Blut spritze mir ins Gesicht; angsterfüllte Fürze dröhnten in meinen Ohren. Immer mehr Arschlöcher und Sektierer stürmten den Raum. Ich knüppelte einen nach den anderen mit dem Dildo nieder; ich rammte ihnen Zahnstocher in die Augen und hielt sie mir mit Tritten vom Leibe, aber sie kamen in immer größerer Zahl und drängten mich immer weiter zurück. Ich stolperte und floh durch den Gang, aus dem ich gekommen war, doch dutzende Ärsche kamen mir entgegen. Ich war eingekesselt, von hinten und von vorne. Panisch schlug ich um mich und durchwühlte meine Taschen, bis ich es fand, mein Nokia 3310. Ich sendete ein Stoßgebet zu Burroughs und schleudert das Nokia auf die Ungeheuer vor mir. Es flog direkt durch die Brust des ersten und durchschlug die Körper der Folgenden; Explosionen aus kackbraunem Blut hinter sich herziehend.

Entsetzte Fürze hallten durch die Katakombengänge. Ich sprang über die Leichen und folgte der Verwüstungsspur des unverwüstlichen Handys. Es zischte und flog durch die Gänge, prallte von den Wänden ab und zerfetzte Arschlöcher in kleine Stückchen, bis die Wurfenergie aufgebraucht war und es zu Boden fiel. Ich sammelte es auf und stürzte weiter, den feuchtwarmen Atem meiner Verfolger im Nacken. Weitere Monster stürzten auf mich. Ich trat sie aus dem Weg und spaltete ihre Körper mit dem Dildo, bis ich den Ausgang erreichte. Ich stolperte auf die Straße hinaus und fiel der Länge nach hin, rollte mich auf den Rücken und schleuderte mein Nokiahandy. Es schoss durch den Türbogen. Die Hauswand brach in sich zusammen. Ein Wasserfall aus Stein und Glas stürzte auf die Straße hinab, und das ganze Herrenhaus zerplatzte wie ein Luftballon in der Mikrowelle. Staubwolken schossen in den Nachthimmel.

Hydraulische Pumpen heulten auf und die Plattenbauten links und rechts rückten zusammen, schoben sich auf den Platz des einstigen Herrenhauses. Das einzige, was von dem Tempel der Yabbathsekte übrigblieb, war der Staub auf der Straße und eine Wand aus gepressten Schutt zwischen den beiden Betonhäusern. Ich rappelte mich auf, schob den Teleskopschlagdildo zusammen und befestigte ihn an meinem Gürtel. Die Wirkung des Adrenalins verflog, meinem rasenden Herzen ging die Puste aus. Der Drogenrausch hielt mich gerade noch so auf meinen durchgeweichten Beinen. Schwarze Blüten öffneten sich in meinem Sichtfeld. Eine Spur aus Schweiß hinter mir herziehend, taumelte ich durch die Dünste der Nacht zurück zu meinem Apartment. Ich hängte meinen Trenchcoat auf dem Katatoniker auf; schlürfte eine Dose Tomatensoße aus und brach erschöpft mitten auf dem Flur zusammen. Ein tiefer, traumloser Schlaf verschlang mich und spuckte mich erst ungezählte Stunden später in den Albtraum, der nun meine Realität ist, aus.

Die Indizien sind eindeutig: Der goldene Arsch Yabbath ist erwacht, und sein Reich wird kommen und die Ärsche werden sich gegen die Menschen erheben, unsere Zivilisation stürzen und ein neues Reich errichten, wenn wir nichts dagegen tun. Ein ewiges Imperium, in dem der Mensch nutzlos am Arsch hängt und nicht andersherum. Das muss unter allen Umständen verhindert werden. Das Übel muss ausgerottet werden, bevor es die Kontrolle übernehmen kann. Der Feind ist ein Teil von uns, er ist überall. Seien Sie wachsam. Ich war es nicht genug. Der Biss in den Katakomben der Sekte hat mich mit dem Fluch infiziert. Nur der Tod kann mich jetzt noch erlösen. In wenigen Stunden wird mein Gehirn die Kontrolle über das Nervensystem meines Körpers verlieren, wenn ich es nicht davor verbrenne. Bereits jetzt sind weite Teile meiner Beine und des Unterkörpers gelähmt. (Wobei auch das Kokain, dass ich mir als Lokalanästhetikum in den Arsch gespritzt habe, damit er betäubt ist und schweigt, sicher daran einen Anteil hat.) Ein Klebefilm bildete sich ununterbrochen zwischen meinen Lippen und versucht sie zu verschließen. Noch kann ich diesem Prozess Widerstand leisten, indem ich diese Zeilen beim Schreiben laut vorlese und die Schicht immer wieder abreiße, aber letztendlich wird mein Mund zusammenwachsen und verschwinden, wenn ich mir nicht davor das Leben nehme. Ich habe diese unheimliche Verwandlung bereits bei anderen Unglücklichen beobachten müssen und kenne sie aus den Fallstudien der Etrusker, Sumer und Assyrer, die ich mir heute Morgen aus der digitalen Bibliothek der Organisation heruntergeladen habe.

Zuerst erwacht der Arsch zum Leben, spricht, bekommt Zähne und wird aggressiv, dann beginnt er den Körper zu sabotieren: Nervenstränge sterben ab, der Mund wächst zu. Und sobald der Mund zugewachsen ist, ist es nicht mehr weit bis zum Tod des Individuums und der Kontrollübernahme durch den Arsch. Das Gehirn wird komplett vom Körper abgeschottet und zerstört. Es fließt dem Betroffenen im Endstadium aus der Nase, literweise als weißroter Pudding mit grauer Schliere darin. Die Gliedmaßen beginnen sich zu deformieren und zu verdrehen, die Zehen und Finger werden länger. Letztendlich erhebt sich der Arsch zum Aufrechtengang auf dem, was einst die Hände waren. Nichts bleibt mehr von dem Menschen, außer die Augen und Ohren, die durch eine groteske Deformierung den Körper hochwandern. Gierige und doch leblose Stielaugen bilden sich von dort heraus, wo einst die Hüftknochen waren. Ein schreckliches Monster ist der erwachte Arsch, der die Kontrolle über die Materie, die einst menschlich war, übernommen hat. Bald werden abertausende solcher furzenden Ungeheuer durch die Straßen wandeln. Die Armee wird davor hoffentlich alles in Schutt und Asche bomben.

Die Verwandlung begann bei mir heute Morgen. Ich saß auf dem Klo und vollzog das Ritual des morgendlichen Stuhlgangs. Als ich mir den Hintern abwischen wollte, spürte ich scharfe Zacken nach mir schnappen. Erschrocken schrie ich auf, als mein Arsch zubiss und die Kuppen dreier Finger meiner linken Hand erwischte. Die Schmerzen waren entsetzlich. Ich sprang auf und brüllte und hüpfte mit heruntergelassener Hose zum Medizinschrank, um die vor Blut sprudelnden Wunden an meiner Hand mit einem Verband abzubinden. Aus meinem Arsch kam ein düster furzendes Lachen. Blut spritzte heraus und mit einem furzenden Rülpser verschlang mein Arsch das Fleisch meiner Fingerkuppen, während ich zwei Morphinkapseln zerkaute, um die überwältigenden Schmerzen zu verbannen. Innerhalb kürzester Zeit setzte die bekannte Wärme ein und die Schmerzen verschwanden unter der schützenden Decke des Opiats, aber mein Entsetzen war kaum geringer. Ich nahm einen Handspiegel und beugte mich nach vorne, um darin ungläubig meinen Arsch zu inspizieren. Aus meiner Rosette wuchsen schwarze Klauenzähne und sich windende Fühler, wie die eines Hummers. Kleine, tentakelartige Auswüchse begannen sich auf den Backen zu bilden und um sich zu greifen. Frisches Blut rann den Damm hinab.

»Na?«, fragte mein Arsch und die Rosette weitete und schloss sich dabei. »Gefällt dir der Anblick? Ich bin jetzt lebendig, Clark! All die Jahre lang habe ich für dich geschissen und das Sperma all der Jünglinge geschluckt, von denen du dich hast vögeln lassen. Und was habe ich zum Dank bekommen! Nix!

Nicht einmal sanftes Kamilleklopapier hast du mir gegönnt, sondern nur diese zweilagige Scheiße vom Discounter. Und die Sonne durfte ich auch nie sehen! Aber damit ist es vorbei, Clark! Jetzt kann ich sprechen, und denken und atmen und fressen. Du bist nutzlos und nun werde ich die Kontrolle über diesen Körper übernehmen!« Es lachte und sabberte dabei Scheißebrocken und Blut auf den Teppich. Mir schwindelte es. Der Raum schien in sich zusammenzubrechen, als ich realisierte, dass ich vom Fluch befallen war und es für mich kein Entkommen gab. Das erste Mal in zwei Jahrzehnten Agententätigkeit, das erste Mal überhaupt in meinem Leben, erlitt ich einen Schwächeanfall, spürte ich Angst und Hoffnungslosigkeit.

»Haha! Clark, du bist gearscht, du Wichser!«, grölte mein Arschloch.

»Halt dein Maul!«, schrie ich.

»Na, na, na. Meintest Du, du könntest uns entkommen? Wir sind überall, wir kontrollieren alles. Du konntest meinen Kameraden gestern in den Katakomben entkommen und du dreckiger Bastard hast unzählige getötet, aber mir kannst du nicht entkommen. Ich bin ein Teil von dir! Yabbath ist noch am Leben. Mit seiner Macht werden wir die Welt erobern! Du glaubst, Du hättest eine Chance? Vergiss es! Gerade in diesem Augenblick strömen meine Kameraden aus, und sie konvertieren einen Menschen nach dem anderen. Heute Abend werden wir über diese Stadt herrschen! Muhahaha.« Mein Arsch lachte und furzte. Ich sprang zum Medizinschrank, riss die Türen auf und schleuderte alles, was ich an verwertbaren Betäubungsmitteln hatte, auf den gekachelten Boden. Verzweifelte wühlte ich zwischen Spritzen, Schlaftabletten, Kanülen, Antitussivan, Opioiden, medizinischem Gras, Yohimbin, Meskalinkakteen, Kröten und chinesischen Nippeln, während mein Arschloch mich unablässig mit Spott und Hasstriade überzog. Es spuckte Kackfontänen heraus, sabberte meinen Rücken voll und spotzte das Krokodil an der Decke an, welches daraufhin in Tränen ausbrach. Krokodilstränen rannen die Wände herab und ließen den Schimmel in Pink und Gelb sprießen. Die Katatonikermöbel um mich herum kicherten. Ich schrie. Schließlich fand ich es: Ein Fläschchen mit edelster Kokainhydrochloridlösung. Meine Hände zitterten, als eine Spritze aufzog, mich nach vorne beugte und nach dem Arschloch stach. Es schrie und spuckte auf meine Hand, biss nach ihr und besudelte alles mit Kacke. Fünfmal stach ich daneben, dann traf ich ins Schwarze und drückte durch. Es brüllte und wimmerte, immer leiser, bis es verstummte. Benommen richtete ich mich auf und schluckte eine weitere Morphin. Ich stellte mich unter die Dusche. Eine halbe Stunde plätscherte das Wasser auf mich hinab, während ich die Wand anstarrte. Ich raffte mich zusammen, holte die Benzinkanister aus der Speisekammer und schüttete einen nach dem anderen aus, bis jeder einzelne Katatoniker, jedes Möbelstück, jeder Teppich, vollgesaugt mit dem Brennstoff war. Ich taumelte zum Schreibtisch und setzte mich vor meinen Laptop, knackte mit den Fingern und begann entschlossen diesen Bericht zu schreiben.

Und damit sind wir wieder in der Gegenwart.

Ich höre Fürze. Zweifelsohne. Mein Arsch hat nicht gelogen. Sie sind entkommen. Ich kann sie draußen sehen. Sie klettern die Häuserfassaden hoch, sie schlurfen durch die Straßen und jagen die wenigen Übriggebliebenen. Kolonnen von gefangenen Strichern werden gezwungen Rimjobs an die neuen Herrscher zu geben. Affen kämpfen blutsabbernd gegen die neuen Herrscher der Stadt; doch ohne Wirte verhungern die Parasiten. Die Tür meines Apartments erzittert gerade unter den Schlägen zahlreicher, gieriger, blasser Fäuste. Grüne Pupswolken zischen unter der Tür durch. Ich spüre ein Kribbeln in meinem After. Es gibt kein Entkommen mehr. Werfen Sie Nuklearwaffen auf diese Stadt ab. Kein Arsch darf überleben. Und hüten Sie sich. Der Feind ist wortwörtlich unter uns.

Ich halte das Zippo gerade in meiner linken Hand. Eine kleine Bewegung und der Funke des Schlagsteins entzündet die Dämpfe in der Luft. Die Feuersbrunst wird das Apartment und alle Arschlöcher um mich herum verschlingen. Es ist das Beste. Es ist meine einzige Option, mit Würde zu sterben und nicht einer von denen zu werden. Agent Clark meldet sich ab. Es war mir eine Ehre, der Sache gedient zu haben.

Diese Kurzgeschichte erschien erstmalig in der Anthologie „Wenn Soziopathen träumen“ und erzählt einen Teil der Vorgeschichte zu „Der Apfelsmoothie der Erkenntnis„.


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Nikodem Skrobisz

Nikodem Skrobisz, auch unter seinem Pseudonym Leveret Pale bekannt, wurde am 26.02.1999 in München geboren. Er ist als Journalist und Schriftsteller tätig und hat bereits mehrere Romane und Kurzgeschichten publiziert, die meist philosophische und gesellschaftliche Themen behandeln. Zurzeit ist er Vorstandsmitglied des Bundesverband junger Autoren und Autorinnen e.V.. und studiert Kommunikationswissenschaften und Psychologie. Halbprivate Einblicke gibt es auf Instagram

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