Gerechter Zorn [Randgedanken]

Eigentlich wollte ich mal wieder einen politischen Essay schreiben. So eine richtige ausführliche Analyse mit einem Haufen Zitate und Verweise. Etwas über das Versagen der GroKo, die Inkompetenz und Visionslosigkeit der aktuellen Regierung, die Korruption, die erstickende Bürokratie und das Impfversagen. Aber dann kamen mitten im Schreibprozess die ganzen Korruptionsaffären bei der CDU/CSU raus [0] und die allgemeine Wut angesichts der gewaltigen Inkompetenz beim Impfen ist berechtigterweise auch so am Hochkochen. Und nun donnert es selbst aus den medialen Geschützen der sonst so handzahmen GEZ-Medien und des Spiegels [1] gegen die Versager an der Spitze. Das Internet ist zurzeit voll mit klugen und ausführlichen Analysen darüber, was momentan faul im Staate ist. [2] [3]

Die Wut und das Ressentiment zischen förmlich aus dem überkochenden Wuttopf – und ich finde es großartig.

Wut ist allgemein ein schlechter Ratgeber. Sie verursacht in der Regel einen Tunnelblick, durch den man schnell das große Ganze und komplexe Zusammenhänge nicht mehr erkennt, sodass man umso leichter stumpfen Feindbildern und gefährlicher Impulsivität verfällt. Aber manchmal braucht es Wut, Zorn und gelegentlich auch eine Prise Hass. Denn ähnlich wie ihre positiven Gegenspieler Liebe, Mitleid und Glück, funktionieren auch diese negative Gefühle oft als mobilisierende Leidenschaften, die dringend notwendige Energien und Handlungspotentiale freisetzen und längst überfällige Veränderungen herbeiführen.

Dieses unter Jahren der Merkelverwaltung in unerträgliche Trägheit und Bequemlichkeit versumpfte Land kann etwas mobilisierende und disruptive Wut gut vertragen, um mal endlich wieder in die Gänge zu kommen. Die vielen Pannen und Skandale offenbaren ein strukturelles und systemisches Versagen – egal ob es um die Disziplin- und Verantwortungslosigkeit in Regierung und Bevölkerung, das Krisenmanagement, Digitalisierung, Innovationsförderungen, zeitgemäße Bürokratie oder die Zukunftsperspektiven für die Jugend geht – an viel zu vielen Stellen ist Deutschland zunehmend ein Witz. Das liegt vor allem daran, dass dieses Land in den vergangenen Jahren nicht regiert wurde, sondern eher wie ein Altersheim verwaltet, das sich auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausruht. Und das mehr schlecht als recht.

Nur als Beispiele:

Beim E-Learning rangiert Deutschland laut dem Centre for European Policy Studies (CEPS) innerhalb der EU auf Platz 27 von 27 – also deutlich schlechter selbst als Länder wie Rumänien und Bulgarien. Was besonders fatale Folgen haben wird für all die Schüler, die in Coronazeiten auf eine funktionierende digitale Bildung angewiesen sind. [4]

Mit steigender Tendenz pumpt die Regierung jedes Jahr fast 115 Milliarden in Renten, investiert aber nicht einmal ein Fünftel davon in die Zukunft in Form von Forschung & Bildung. [5] Ein Land, welches die Bequemlichkeit der Vergangenheit stärker alimentiert als auf die Zukunft zu achten, hat langfristig keine Zukunft.

Dies sieht man nicht nur am freien Fall der deutschen Universitäten in internationalen Rankings [6] oder am maroden Zustand deutscher Schulen, in denen es vielerorts selbst an Seife und warmen Wasser mangelt ganz zu schweigen von digitaler Infrastruktur [7], sondern auch an der Innovationsleistung des Wirtschaftsstandortes, insbesondere in den neuen digitalen Geschäftsbereichen. In fast allen Gebieten ist man dabei von amerikanischen Unternehmen abhängig und wird es auf kurz oder lang bleiben. [8] Was aus dem letzten großen deutschen Internet-Champion Wirecard geworden ist – nun, das muss ich hoffentlich jetzt nicht noch weiter ausführen. Ein Untersuchungsausschuss nimmt sich zurzeit der Sache an. (Aber um ehrlich zu sein – es würde mich nicht wundern, wenn auch dieser ähnlich „erfolgreich“ verläuft wie der gegen Ursula von der Leyen in der Berateraffäre.)

Bei den Impfraten wird Deutschland um ein Vielfaches von den USA und Großbritannien abgehängt [9] Ganz zu schweigen davon, dass die ganze Pandemiebekämpfung in Deutschland und generell Europa ein Witz ist im Vergleich zu der vorgelebten Effizienz asiatischer Staaten – insbesondere Südkorea und Japan – und auch westlicher wie Australien und Neuseeland, wo das Leben mittlerweile wieder fast normal ist. [10] Von denen wollte und will man anscheinend noch immer nichts lernen – sei es aus europäischer Arroganz [11] , oder schlicht aus naiver Gutmütigkeit, aus der man sich auch von selbsternannten Querdenkern auf der Nase herumtanzen lässt, so wie man es bereits seit Jahren mit kriminellen Clans geübt hat.

Es wurde zu lange verwaltet, taktiert und geredet – und in die eigenen Taschen gewirtschaftet. Es ist Zeit endlich konsequent und pragmatisch zu handeln. Dafür muss man auch den Verantwortlichen endlich Feuer unterm Hintern machen – oder sie am besten gleich austauschen, worauf wir mit den kommenden Bundestagswahlen endlich zusteuern. Selbst eine Verschlimmbesserung würde zumindest eine dringend benötigte erweckende Erneuerung mit sich bringen – bei der mittlerweile wohl Konsens ist, dass das müde Deutschland sie dringend braucht.

Weil ich eure und meine Zeit gut genutzt wissen will, will ich hier auf diesem Blog auch nicht über Themen schreiben, zu denen ich nicht mehr viel Originelles hinzuzufügen habe. Deswegen erspare ich euch an dieser Stelle eine noch längere Lektüre und bringe es auf dem Punkt:

Wenn ihr auf die aktuelle Regierung wütend seid, so seid ihr das zu recht. Wenn ihr den gerechten Zorn noch nicht spürt, solltet ihr einen Kaffee trinken und anfangen die Nachrichten zu verfolgen. Es wird ein spannendes Superwahljahr. Zu recht. Die Zukunft dieses Landes und Europas – und vor allem der jungen Generationen, die den Großteil meiner Leserschaft ausmachen – steht auf dem Spiel. Und aktuell wird diese unsere Zukunft verspielt, geopolitisch, wirtschaftlich, klimapolitisch, coronapolitisch, auf ganzer Linie. Informiert euch. Der dabei steigende Blutdruck ist sogar eine ganz gute Antidote gegen die Lockdownmüdigkeit. (Bleibt aber trotzdem möglichst zuhause, wenn ihr könnt, denn Corona ist kein Spaß und so lange das Impfen nicht endlich vernünftig in die Gänge kommt, bleibt Social Distancing das notwendige Übel im Kampf gegen die Seuche.)

So. Das waren jetzt eine Menge mehr Worte, um zu sagen, dass ich der allgemeinen Wut nur zustimmen kann und nicht mehr viel hinzuzufügen habe. Das Philosophiestudium und die damit einhergehende Lektüre der größten Schwaffler der Menschheitsgeschichte ist auch nicht gerade förderlich, um das Kurzfassen anzugewöhnen.

Demnächst dann wieder mal einen Artikel mit mehr konstruktiven Inhalt, statt nur Kritik. Wie vor kurzem auf Insta angekündigt.


Dieser kurze Artikel ist Teil meiner Randgedanken-Artikelreihe. Dabei handelt es sich mehr oder weniger nur um etwas ausführlichere Auszüge aus meinem Notizbuch, also Gedankenfragmente, die zu unausgereift und kurz sind, um einen Essay abzugeben, aber interessant und konzentriert genug, um sie als Anregung und Interpretationshilfe für meine restlichen Artikel hier zu teilen. Oder schlicht dazu da sind, meine Meinung mitzuteilen, weil ich noch immer keinen Twitteraccount habe.


Quellen und weiterführende Lektüre:

Alle Links abgerufen am 21.03.2021

[0] Wie kriminell sind CDU und CSU? https://youtu.be/1x3QwB7bVNg

[1] https://www.spiegel.de/wirtschaft/corona-die-pandemie-zeigt-gnadenlos-auf-was-in-deutschland-funktioniert-und-was-nicht-a-95389da2-839b-4251-bc21-896de51dde5b

[2] https://www.tagesspiegel.de/meinung/verkrustete-verwaltung-deutschlands-abstieg-zeigt-sich-nicht-nur-beim-impfen/26968018.html?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE

https://www.rtl.de/cms/das-system-merkel-steht-fuer-risiko-feigheit-ein-kommentar-von-nikolaus-blome-4724873.html

[3]  https://www.nzz.ch/meinung/die-cdu-ist-ohne-kompass-ld.1559397?fbclid=IwAR32fHkmiOIxXOFnITFvLPv5cbLn5maDLlKetyKlNFdo4q5p-oKz1VjjEtc

[4] https://www.dw.com/de/corona-deutsche-schulen-sind-auf-e-learning-schlecht-vorbereitet/a-52840504

https://www.ceps.eu/download/publication/?id=25419&pdf=Index-of-Readiness-for-Digital-Lifelong-Learning.pdf

[5] https://www.bundeshaushalt.de/#/2021/soll/ausgaben/einzelplan/11.html

https://www.bundeshaushalt.de/#/2021/soll/ausgaben/einzelplan/30.html

[6] https://www.welt.de/wirtschaft/karriere/plus227451399/Uni-Ranking-Der-schleichende-Abstieg-von-deutschen-Universitaeten.html

[7] https://www.welt.de/wirtschaft/article207310065/Hygiene-Schon-bei-warmen-Wasser-wird-es-in-Deutschlands-Schulen-eng.html

[8] https://trustner.com/europa-braucht-im-internet-eigene-unternehmen-um-unabhaengig-zu-sein/

[9] https://www.zdf.de/nachrichten/politik/corona-impfung-daten-100.html

[10] https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/kampf-gegen-corona-was-europa-von-australien-lernen-kann-17174544.html

[11] https://www.tagesspiegel.de/politik/warum-wir-nicht-von-asiatischen-laendern-lernen-corona-offenbart-die-westliche-arroganz/26893480.html


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Nikodem Skrobisz

Nikodem Skrobisz, auch unter seinem Pseudonym Leveret Pale bekannt, wurde am 26.02.1999 in München geboren. Er ist als Journalist und Schriftsteller tätig und hat bereits mehrere Romane und Kurzgeschichten publiziert, die meist philosophische und gesellschaftliche Themen behandeln. Zurzeit ist er Vorstandsmitglied des Bundesverband junger Autoren und Autorinnen e.V... Er studierte Kommunikationswissenschaften und Psychologie, und studiert zurzeit Philosophie und Sprache, Literatur und Kultur. Halbprivate Einblicke gibt es auf Instagram

4 Gedanken zu „Gerechter Zorn [Randgedanken]

  • Moin Meister,
    es freut mich, dass es wohl ein Einsehen oder Erkenntnisgewinn bezüglich der schieren Inkompetenz der herrschenden Klasse, in Sachen Zukunftsplanung, gab. Jetzt würde mich aber mal interessieren, wie man als bekennender Gegner rechter Theorie (oder hat sich das auch geändert) gedenkt einen Kontinent zuführen, der einerseits kulturell und geistig stetig degeneriert, aber andererseits sich in immer komplexere Sachverhalte (Digitalisierung, Dekonstruktion jeglicher Institutionen, Biotechnologie, etc.) verstrickt.

    lg
    ein progressiver/reaktionär

    Antwort
    • Seit wann bin ich ein Gegner rechter Theorie? Ich bin zwar ein Gegner des gängigen Konservatismus und des postmodernen Rechtspopulismus ala Trump und AfD, aber ich habe seit jeher mit einem starken Theoriemix gearbeitet. Dieser Blog zitiert Nick Land, Curtis Yarvin, Nick Land, Alain de Benoist, Friedrich Nietzsche und Walter Lippmann noch immer öfter als Karl Marx und Antonio Gramsci.

      Was die korrekte Führung des europäischen Kontinents angeht, habe ich so einige Vorstellungen und Ideen, die ich in entsprechend ausführlichen Essays in den kommenden Monaten hier auszuarbeiten gedenke.

      Antwort
      • Erstmal danke für die schnelle Antwort. Die Gegnerschaft zu rechter Theorie schloss ich beispielsweise aus dem Nachsatz zu der wirklich guten Einführung in die NRx (wann kommt Teil II?), bei dem du dich klar von diesen Ideen distanzierst. Das ist dann doch eine eher nicht gängige Praxis für jemanden, der aus breitem Spektrum schöpfen möchte. Die von dir genannten „rechten“ Denker kommen nun witziger Weise alle in diesem Artikel vor, ausgenommen Nietzsche, obwohl er ja eigentlich als Papa dieses Projekts gelten kann. Daher meine Verwunderung, aber wie schon gesagt, freut es mich, wenn hier wirklich an einem »Theoriemix« gearbeitet wird.
        lg

        Antwort
        • Was den Nachsatz angeht: Nun, ich distanziere mich allgemein aktuell von allen politischen Bewegungen und Parteien. Eben weil ich einen Theoriemix betreibe und mich nicht in ein Lager, egal ob ‚links‘, ‚rechts‘, ‚liberal‘ oder sonst irgendetwas einordnen lassen will. Ich habe da ein bisschen eine Lektion gezogen aus der Zeit, in der ich in der FDP und den SfL aktiv war, und es als ziemlich hinderlich erlebte, jedes Mal zu erklären, dass meine Positionen nicht identisch sind mit der Parteilinie.

          Ich empfehle hierzu meinen Essay zur Deutschen Hitler-Theologie und Polnischen Kreuzrittertum zu lesen – da arbeite ich mein Verhältnis zu Rechts und Links im Essay und in den Endnoten ganz gut aus. https://leveret-pale.de/deutsche-hitler-theologie-und-polnisches-kreuzrittertum-randgedanken

          Mein letzter Roman wurde zum Beispiel sowohl in neurechten Kreisen und eigentümlich frei, als auch in Antifakreisen positiv rezensiert. Ich habe Leser sowohl im linken als auch im rechten Spektrum. Und diese lagerübergreifende Wirkung will ich mir erhalten, weil ich wenig von ideologischen Schranken halte. Der zweite Teil der NRx Artikelreihe ist bereits in Arbeit. Er hat sich leider etwas verzögert, weil die Universität recht viel Zeit in Anspruch nahm, und weil Curtis Yarvin momentan ja nonstop auf seinem neuen Blog neue Artikel raushaut und die ganze NRx wieder umformt, was es natürlich schwieriger macht, ihn und sie zusammenzufassen.

          Nietzsche wird gefühlt von mir in jedem zweiten Essay herangezogen, da er doch einen meiner größten intellektuellen Einflüsse darstellt. Mein letzter Essay dreht sich ja sogar glänzlich um ihn: https://leveret-pale.de/nietzsches-genealogie-der-moral-von-herren-und-sklaven

          Also, ja, wenn mein Blog soetwas wie eine klare Linie hat, dann die, dass ich hier lagerübergreifend denke und zusammenführe.

          Antwort

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