Der Nihilismus der Freiheit

Freiheit möge zwar ein edles Ideal sein, aber der daraus resultierende Individualismus sei gefährlich. Das individuelle Autonomiestreben führe zu Entfremdung, Zerstörung des Gemeinschaftsgefühls, zu Ungleichheit und Sinnleere, ergo zu Nihilismus. Wenn jedoch in einem Kollektiv jeder nur auf sein Eigenwohl bedacht ist und niemand bereit ist für das Wohl der gesamten Gruppe oder andere höhere Werte zu sterben, wird diese von jenen Gruppen zerstört, deren Mitglieder bereit sind für ihre Gemeinschaft zu kämpfen und zu sterben. Liberale Gesellschaften würden sich daher letztendlich selbst oder durch Fremdeinwirkung zerstören – und wenn nicht, dann sollten sie trotzdem zugunsten einer sozialeren und sinnvolleren und damit „besseren Welt“ geopfert werden.

So lautet zumindest die Kritik an den liberalen Philosophien von Seiten vieler kollektivistischer und religiöser Denker. Karl Marx wetterte gegen die vermeintlich durch die liberale und kapitalistische Gesellschaftsordnung erzeugte Entfremdung und Ausbeutung. Gegenwärtige linke Intellektuelle begründen sozialistische Maßnahmen ebenfalls oft mit dem Vorwurf der Sinnleere wie zum Beispiel Hartmut Rosa mit seiner Resonanztheorie. Aber auch aus dem rechten Spektrum hat diese Art der Kritik am Liberalismus Tradition. Der Konservative Ernst Jünger warf dem Liberalismus vor, durch seine Toleranz gegenüber Andersdenkenden und seinem Nihilismus den Faschismus überhaupt erst möglich gemacht zu haben. Während die Faschisten, und in ihrer Tradition die identitären und völkischen Strömungen bis heute, dem Liberalismus vorwerfen sinnstiftende Identitäten und Kulturgüter wie die Nation zu zersetzen und damit die Fundamente der Zivilisation zu untergraben.

Der Individualismus bietet keinen Lebenssinn – genauso wenig aber der Kollektivismus

Tatsächlich hat diese Kritik einen wahren Kern. Bei den meisten liberalen Strömungen handelt es sich um negative Philosophien. Negativ im Sinne davon, dass sie etwas entfernen und wenig hinzufügen. Die liberalen Ideen orientieren sich meist an der negativen Handlungsfreiheit als Leitideal, also der Freiheit von etwas, vor allem von Beschränkungen und Grenzen zugunsten von mehr Rechten und mehr Selbstbestimmung für das Individuum. Der Liberalismus maßt sich nicht an zu wissen, wie alle Menschen ihr Leben ausrichten und führen sollen. Ethisch ist der Liberalismus daher keineswegs nihilistisch, sondern extrem idealistisch. Er spaltet allerdings die Beantwortung der Frage nach dem teleologischen Sinn des Menschen von der Politik. Er stellt keinen Gott oder Führer, den man anbeten, abgesehen von der abstrakten Freiheit keine Große Sache, derer man sein Leben opfern und auch nur wenige von oben diktierten Regeln für das individuelle Leben. Er gibt kein konkretes „Warum“, das das „Wie“ des Lebens erträglich macht. Dadurch bietet der Liberalismus keine Axiome, an denen ein Mensch den teleologischen Sinn seines Lebens ausrichten kann, nur Freiräume, in denen er seinen Sinn  selbst definieren muss. Er zwingt den Menschen in den Existentialismus und der Notwendigkeit sich selbst zu definieren. Das kann sehr problematisch sein. Wie Nietzsche schreibt, erträgt derjenige, der ein „Warum“ hat, also einen Sinn für sein Leben, jedes „Wie“ – im Umkehrschluss, ist für die nihilistischen Massen ohne „Warum“, bereits das kleinste „Wie“, die kleinste Anstrengung, die einen aus der Konformzone zwingt, unerträglich. Die Folgen sind Apathie und kultureller Selbstmord. Ein gutes Leben ist nicht zwangsläufig eins im materiellen Überfluss und hedonistischen Glück, sondern eins der gelebten Selbstverwirklichung und eines das mit Sinn erfüllt ist, und entsprechend ist eine funktionierende und zufriedene Gesellschaft nicht zwangsläufig die des größten materiellen Wohlstands, sondern die, in der die Individuen einen Lebenssinn empfinden und ihre Potentiale verwirklichen können.

Liberale Konzepte unterscheiden sich was die Sinnstiftung angeht, allerdings nur auf den ersten Blick von anderen politischen Strömungen. Der Kollektivismus verspricht zwar dem Individuum durch das Verschwinden in der Masse einen von oben diktierten Sinn und eine Identität, aber diese sind bei genauerer Betrachtung illusionär. Wenn im Nationalismus ein Führer einem diktiert, der Sinn der Existenz wäre Nachkommen für das Volk zu zeugen und diese zu verteidigen, so stellt sich die Frage: Welchen Sinn hat aber die Existenz dieser Nachkommen? Existieren sie dann auch nur, um die Existenz derer nach ihnen zu verteidigen? Welchen Lebenssinn hat der linke Revolutionär, wenn die Revolution vorbei ist? Oft keinen, weshalb sich Revolutionen regelmäßig zu endlosen Gewaltexzessen fortsetzen, wie zum Beispiel in der Jakobinerdiktatur oder den Konflikten im Nahen Osten, weil ein Ende der Revolution den Sinn und die Lebensaufgabe des Revolutionärs beenden würde. Das Erreichen eines Wohlfahrtsstaats gibt den Menschen auch keinen Sinn, sondern nur die Stillung materialistischer Bedürfnisse, während es zugleich den Sinn von Arbeit entwertet und durch die  dafür notwendige Bürokratie und Überwachung die Freiheit aushöhlt. Zu Ende gedacht hat auch das Kollektiv genauso wenig wie das Individuum einen objektiv definierbaren Sinn. Die Frage nach dem Lebenssinn wird durch Kollektivismus also nicht gelöst, sondern lediglich durch Scheinantworten, materialistische Befriedigung und die Ablenkung durch das Gefühl etwas Wichtiges zu tun, verdrängt, was zugleich auf Kosten der Selbstverwirklichung geschieht.

Damit führt der Kollektivismus, egal ob kommunistisch, sozialistisch, faschistisch oder konservativ zu einer größeren Entfremdung, als der von ihm kritisierte Individualismus. Der Kollektivismus hebt die Beschäftigung mit sich selbst mit einem Placebo auf und entfremdet durch Autoritätshörigkeit und vorgegebene Normen das Individuum von seiner individuellen Natur, was fatale Konsequenzen auf die moralische Integrität und Entwicklung jedes Einzelnen hat, was sich wiederrum auf das ganze Kollektiv bzw.  auf den gesamten Staat auswirkt.

Wie der Psychologe Carl Jung in seinem Buch „Zivilisation im Übergang“ feststellt:

An die Stelle der moralischen und geistigen Differenzierung des Individuums treten öffentliche Wohlfahrt und Erhöhung des Lebensstandards. Das Ziel und der Sinn des Einzellebens (welches ja das einzig wirkliche Leben ist!) liegt nicht mehr in der individuellen Entwicklung, sondern in der von außen dem Menschen aufgepressten Staatsräson. Dem Individuum wird die moralische Entscheidung und Führung seines Lebens zunehmend entzogen, und es wird dafür als soziale Einheit verwaltet, ernährt, gekleidet, ausgebildet, in entsprechenden Unterkunftseinheiten logiert und amüsiert, wofür das Wohlbefinden und die Zufriedenheit der Masse den idealen Maßstab abgeben.“

Auch wenn es wie ein Kalenderspruch aus einer Hippie-WG klingt: Sinn und Identität lassen sich nicht extrinsisch und allgemein definieren, sondern können nur in und durch einen selbst gefunden werden durch die Anpassung seines Idealselbst an das Realselbst, also dem leben nach seinen Werten und Idealvorstellungen, sei es in Form einer spirituellen Entwicklung, einer beruflichen Selbstverwirklichung, eines inneren Glaubens an Gott, der Liebe zu einem Partner, der Familie oder der bewussten Auswahl des Größeren, für das man persönlich bereit ist sein Leben zu geben, und vor allem in der Entfaltung des eigenen Potentials und des Lebens nach den eigenen Fähigkeiten und Bedürfnissen. Da jeder Menschen aber andere Werte und ein anderes soziales und geistiges Umfeld hat, sind die Antworten auf den Sinn des Lebens und die möglichen Identitäten auch so zahlreich wie die Menschen selbst – wenn nicht sogar zahlreicher. Die Politik ist daher gänzlich ungeeignet einen allgemeinen Sinn zu stiften und der Versuch dies zu tun, führt in der Regel zu moralischer und intellektueller Unmündigkeit. Wenn es um die Frage nach dem Sinn des Lebens geht, so unterscheidet sich der Liberalismus von anderen politischen Strömungen also letztendlich dadurch, dass er sich nicht anmaßt, den Menschen einen Sinn und eine Identität zu diktieren, genauso wie er sich nicht anmaßt allwissend zu sein und die Bedürfnisse aller planwirtschaftlich am Reißbrett planen zu können. Stattdessen gibt er ihnen im Individualismus Freiraum, damit jeder Einzelne sein Potential maximal und seinen Dispositionen entsprechend entfalten kann.

Die Last der Freiheit und die Allgegenwärtigkeit des Kollektivismus

„Frei sein heißt zum Freisein verurteilt sein“ – Jean-Paul Sartre, Das Sein und Das Nichts, S.253

Selbst wenn der Mensch versucht seine Wahlfreiheit durch staatlichen Zwang einzuschränken und sich und seinen Mitmenschen so einen Sinn aufzuzwingen, so hat er selbst dann noch immer die Möglichkeit zu entscheiden, wie er damit umgeht und auch, ob er darin tatsächlich Sinn findet. Der Menschen definiert die Essenz seiner Existenz nämlich durch mehr oder weniger bewusste Reflektion und soziale Reflexivität maßgeblich selbst. Zwangsläufig muss er das auch, denn als Mensch wird er früher oder später reflektieren und sich seines (fehlenden) Lebenssinns bewusst werden. Der Mensch ist also immer zu einer gewissen Freiheit und Sinnlosigkeit verdammt und muss jeden Tag Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen, selbst wenn Ideologien oder Kollektivismus dies verdrängen. Der Liberalismus weitet diese Freiheit nur aus und macht sie salient. Diese gelebte Freiheit ist für viele allerdings unerträglich, wenn sie nicht durch eine autoritäre Intervention verdrängt wird. Das liegt daran, dass mit ihr die bewusste Verantwortung einhergeht sich selbst zu definieren und um sich selbst kümmern zu müssen. Wenn weder der echte Vater, noch Vater Staat einem befehlen, was man arbeiten, glauben und anstreben soll, muss man es selbst herausfinden. Selbstverantwortung gilt zwar als ein Merkmal des Erwachsenseins, doch selbst die meisten Erwachsenen tun sich damit schwer ihre „Sach auf Nichts“ aufzubauen, wie es Max Stirner ausformuliert.

Es ist einfacher seinen Verstand auszuschalten und vorgegebenen Pfaden und Ideen zu folgen und sich über das Kollektiv zu definieren, als eine individuelle Lösung zu entwickeln. Es ist einfacher sinnlos zu konsumieren und sich zu verschulden und dann das kapitalistische System dafür zu beschuldigen, als die Verantwortung für seine eigenen Handlungen anzuerkennen. Das lebte der Existenzialist Jean-Paul Sartre auch selber vor, indem er sich dem exzessiven Drogenkonsum hingab und jahrelang begeistert kommunistische Terrorregime unterstützte. Doch nicht alle sehen diese Freiheit und die Verantwortung so problematisch und versuchen ihr zu entkommen. Die amerikanische Philosophin Ayn Rand zum Beispiel preist den radikalen Individualismus und bewertet die Verurteilung zur Freiheit im Gegensatz zu Sartre durchgehend positiv. Sie erkennt daher auch die progressive Natur des Individualismus:

„Zivilisation ist der Fortschritt hin zu einer Gesellschaft der Zurückgezogenheit. Des Wilden gesamte Existenz ist öffentlich, geregelt durch seine Stammesgesetze. Zivilisation ist die Entwicklung hin zur Befreiung des Menschen von seinen Mitmenschen.“ -Ayn Rand, Der Ursprung, S. 715

Daher propagiert Rand in ihren Büchern einen radikalen Egoismus und Individualismus, allerdings kann man den Kollektivismus auch nicht komplett abwerten. Zu einem Teil kann der Mensch nicht anders, als seine Identität zumindest teilweise kollektiv definieren; zu einem anderen, kann ein Mensch nur seine individualistische Freiheit in einem Kollektiv ausleben, wie zu Beispiel der westlichen Kultur, das das zulässt. Der Mensch ist schließlich ein Zoon politikon, ein soziales und politisches Wesen, das in einem kollektiven Kontext lebt und nur in engen Interdependenzen zu seinem Mitmenschen, durch Arbeitsteilung, durch Fortpflanzung und letztendlich die Schaffung einer gemeinsamen Kultur, auch überlebt. So ist auch die Sprache mit der wir die Welt interpretieren und denken ein Produkt sozialer Reflexivität. Jedes Wort, das hier steht, und mit dem wir unsere Gedanken kodieren und sortieren, hat nur seine Bedeutung und Wirkung auf uns, weil es von zahlreichen anderen Menschen verwendet und durch die gemeinsame Interaktion definiert wurde und wird. Ohne das Kollektiv könnte das Individuum keine Sprache bilden. Ohne Sprache ist wiederum reflektiertes und tiefgründiges Denken, und damit Individualismus, gar nicht möglich.

Auch ein Kleinkind lernt erst im zweiten Lebensjahr zwischen sich Selbst und seiner Umwelt zu unterscheiden. Jeder Mensch muss sich sozusagen erst selbst als Individuum entdecken und lernen als Einheit zu agieren. Erst viel später aber, vor allem in der Pubertät, setzt die Individuation, als die Entwicklung eines Selbst, das unabhängig von Autoritäten wie den Eltern ist, vollständig ein.

Caspar David Friedrich: Die Lebensstufen, um 1835

Die Individuation ist ein Prozess, der lebenslang andauert und nie ganz abgeschlossen ist, da selbst Erwachsene vor allem unter Stress dazu neigen regressiv in kollektivistische Zustände zurückzufallen, wie Phänomene wie Gruppenzwang, Submission und Dependenz zeigen, aber auf einer Makroebene auch die Tatsache, dass faschistische Bewegungen oft in Zeiten von gesellschaftlichen Krisen entstehen. Kollektivismus geht historisch und psychologisch dem Individualismus voraus und ist als Lebensmodell primitiver und konformer – aber auf lange Sicht, sind nur individualistische Gesellschaften in der Lage das Potential von jedem einzelnen Individuum maximal zu realisieren und damit nachhaltig und langfristig friedlich und in Wohlstand zu leben.

Der Individualismus und Liberalismus sind dementsprechend zivilisatorische Errungenschaften, die schwierig zu etablieren sind, aber auch den Westen von der restlichen Welt unterscheiden und konstituierend für dessen Erfolg sind. Trotzdem ist der Liberalismus als Konzept in der Menschheitsgeschichte relativ neu, und bei weitem noch nicht komplett in die westliche Kultur integriert, da er von jedem Menschen wie das Sprechen, Lesen und Schreiben neu erlernt und erarbeitet werden muss. Individualismus und Liberalismus fordert dadurch auch entsprechend viel kognitive Energie, da er den intuitiven und primitiven Denkmustern widerspricht, und eine Ausdifferenzierung der Welt in zahllose Individuen statt einige wenige kollektivistische Massen erfordert.

Die aufklärerische Erwartung des Liberalismus an den Menschen als vernunftbegabter Souverän seiner Selbst scheitert daher oft an der Realität. Tatsächlich können oft nur wenige Individuen, die sich durch starke Willenskraft, gute Bildung und kritische Vernunft auszeichnen und in der Regel als Freigeister bezeichnet werden, wirklich individualistisch leben. Aber auch sie definieren sich häufig im und durch das Kollektiv, und zwar dadurch, dass sie eine hohe Stellung in der gesellschaftlichen Hierarchie einnehmen und eine Gefolgschaft von weniger individualistischen Menschen um sich scharen, die die Lebensweisen dieser Freigeister als Orientierungspunkt nutzen. Was aber nichts a priori Schlechtes ist, denn eine Gesellschaft kann auch nur funktionieren, wenn Loyalität gegenüber der Familie und den Erfahrenen als Anführern gewahrt wird und die Meinung der Experten stärker gewichtet wird, als die der Laien. In einer liberalen Gesellschaft wird diese Loyalität jedoch nicht erzwungen, und die Autorität ist nicht das Abstraktum des Kollektivs oder ein stellvertretender Führer, sondern jeweils individuell die vom jeweiligen Indiviuum selbst anerkannten Autoritäten, wie seine Professoren, Eltern oder Mentoren, die sich ihre Macht und ihr Ansehen aufgrund ihrer Fähigkeiten selbst erarbeitet haben, und nicht von oben herab eingesetzt wurden. Autorität leitet sich also in einer individualistischen Gesellschaft von dem jeweiligen Individuum ab, nicht von einem Kollektiv wie der „Klasse“, der „Rasse“ oder dem „Volk“. Aber ganz lassen sich kollektivistische Ideen und Handlungen nicht vermeiden.

Die kollektivistischen Tendenzen sind tief in der menschlichen Psyche verwurzelt, und entsprechend gibt es sie in jedem Menschen und auch in der liberalen Bewegung. Auch Liberale schließen sich oft zu Kollektiven zusammen, wie Parteien und Studentenverbindungen, und auch Liberale neigen zur Autoritätshörigkeit und Identitätsbildung durch die Außenwelt und über abstrakte Kollektivideen wie Parteilinien oder -programme. Dies kann man zum Beispiel an den Anhängern von bekannten Vertretern des Liberalismus wie Friedrich Hayek, Christian Lindner, Jordan Peterson und vor allem Ayn Rand sehen, deren kultartige Verehrung durch Libertäre der von Marx unter Linken im Wenigen nachsteht; oder den militanten und rassistischen Tendenzen einiger Nationalliberaler. Deswegen sind auch anarchistische oder radikalindividualistische Gesellschaftskonzepte in denen es gar keine Hierarchien und unterschiedliche Kollektive mehr gibt, wie sie von einigen radikalen Libertären und Linken vorgeschlagen werden, tatsächlich Utopien, die sich selbst zerstören würden. Früher oder später entstehen in jeder Gesellschaft Hierarchien und jeder Mensch hat kollektivistische Tendenzen und richtet sich vor allem in Krisenzeiten an Autoritäten und Gruppenidentitäten, um seinen Sinn und Platz in der Gesellschaft zu definieren. Das trifft auch auf die liberal geprägten Menschen zu.

 

Die Epidemie des Nihilismus

Die wichtige Frage ist damit letztendlich, wie man mit dem den Menschen inhärenten Kollektivismus und der Frage nach dem Lebenssinn und damit der Identitätsbildung umgeht. Dabei nimmt der Liberalismus eine Sonderstellung ein. Der Liberalismus führt zu einer Trennung der existentialistischen Frage nach dem teleologisch Sinn des Lebens von der Politik und Wirtschaft; ein Konzept, das sich vor allem in der Säkularisierung und dem freien Markt niederschlägt. Die Beantwortung auf die Sinnfrage, und somit alles Religiöse, Spirituelle und damit meist Irrationale, wird ins Private verdrängt. In Konsequenz muss niemand sich der Sinnkonzeption eines anderen Menschen unterwerfen. Dieser Prozess, der im Westen seit der Aufklärung stattfindet, führt dazu, dass die Menschen freier, friedlicher und gerechter leben können, und auch dazu, dass liberale Staaten seltener in Kriege ziehen und in den Bereichen der Künste und der Wissenschaften sich schneller entwickeln, weil das Leben und die Selbstverwirklichung des Einzelnen höherer gewertet wird und es einen Wettbewerb zwischen den einzelnen Menschen um bessere Ideen und Produkte gibt.

Die Liberalisierung der westlichen Gesellschaft hat zweifelsohne aber auch dazu beigetragen, dass sich Nihilismus ausgebreitet hat. Der Liberalismus wirkt nämlich auch als destruktive Kraft, die obsolete Ideen ausselektiert und damit Traditionen und irrationale Institutionen zerstört, was per se nicht negativ ist, da ein gewisser Grad an Destruktion der Garant für Kreativität und Fortschritt ist. Wenn allerdings die Menschen nicht gleichgeschaltet sind und weder Kirche noch Staat omnipotent eine Antwort auf den Lebenssinn diktieren, verzweifeln viele Menschen, wenn etablierte Sinnkonstrukte verschwinden. Aufgrund der mangelnden Orientierungspunkte, scheitern sie daran eigene Antwort zu finden und werden nihilistisch.

Dieser Nihilismus führt zu den drei existenzialistischen Krankheiten „Nihilismus“, „Kreuzrittertum“ und „Dahinvegetieren“, wie sie der Psychologie Salvatore Maddi nannte. Nihilismus und Dahinvegetieren zeichnen sich dabei durch die ziellose Dekonstruktion tradierter Werte und Selbstaufgabe aus, die sich in den postmodernen, relativistischen Philosophien und statistisch in der steigenden Rate an Depressionen, Angststörungen und Suiziden in der westlichen Zivilisation niederschlagen. ( vgl. Irvin Yalom, Existenzielle Psychotherapie, S.520ff)

Die gefährlichste Form des Nihilismus ist aber das Kreuzrittertum. Dieses zeichnet sich dadurch aus, dass die Betroffenen zwanghaft dramatische und gesellschaftlich bedeutsame Standpunkte aufgreifen und erbarmungslos und unkritisch verfolgen. Der radikale und unreflektierte Aktivismus von Gruppen wie der Antifa, postfeministischen Matriarchinnen oder der Identitären Bewegung, aber auch die Selbstmordanschläge durch Islamisten,  können als Ausprägung des Kreuzrittertums gewertet werden.

Aus schierer Angst vor der Sinnlosigkeit verfallen die Massen Kreuzrittern gleich in radikale Raserei, um im Kampf den Nihilismus zu vergessen. Die sinnstiftende Autorität eines Gottes ist verschwunden und die wertfreie Wissenschaft und die Freiheit bauen die restlichen Überbleibsel der Metaphysik ab, sodass der Mensch mit Gewalt versucht neuen Sinn und Ersatzautoritäten in Geschichte, Instinkten, weltlichen Führern und der Politik zu finden. Bereits Nietzsche postulierte daher, dass die Befreiung der Menschen von der Knechtschaft der alten Traditionen und Werte zu einem kollektivistischen Aufbäumen der Gesellschaft und zu Kriegen führen würde. Wenige Jahrzehnte nach seinem Tod bestätigten der Erste Weltkrieg und die Ausbreitung von Kommunismus und Nationalsozialismus sein Postulat.

Anbetracht dieser Gefährlichkeit des Nihilismus, erscheint es auf den ersten Blick wie eine pragmatische Lösung, wenn der Staat ideologische und kollektivistische Maßnahmen durchführen würde, die den Menschen eine Antwort oder zumindest Ablenkung vom Nihilismus aufzwingen, sei es durch eine Leitkultur, oder zumindest einen betäubenden Sozialstaat. Dies ist jedoch ein Trugschluss: Wann immer die Menschen den Staat dazu aufforderten, ihren Leben Sinn und Komfort zu geben, endete dies im Totalitarismus, Gewalt und im Tod zahlreicher Menschen.

 

Der Staat kann und darf keine Antwort auf die Sinnfrage geben

Eine Lösung der Sinnfrage durch den Staat ist genauso wie die Lösung der sozialen Frage durch den Staat auf dem Papier eine verlockende und konforme Antwort auf die Probleme der Moderne. Man tauscht ein Stück seiner Freiheit dafür ein, um sich von der Last der Wahlfreiheit und des Nihilismus zu befreien. Deshalb begrüßten auch viele Intellektuelle, die sich mit der Sinnfrage beschäftigten, anfangs solche staatlichen Maßnahmen.

Jean-Paul Sartre (Mitte) und Simone de Beauvoir im Gespräch mit dem Massenmörder Che Guevara auf Kuba (1960) – Bild von Alberto Korda

Der Psychoanalytiker Carl Jung und der Philosoph Martin Heidegger, wie viele andere Intellektuelle der damaligen Zeit, befürworteten zum Beispiel anfangs den Nationalsozialismus und Hitlers Führerkult als Wiederbelebung der sinnstiftenden Identitäten und Mythen. Carl Jung versprach sich eine Lösung der vom Nihilismus verursachten gesellschaftlichen und politischen Probleme durch die Installation der kollektiven und ideologischen Einheit, die die Nazis etablierten. Genauso unterstützte der existenzialistische Philosoph Jean-Paul Sarte anfangs die Terrorregime von Stalin, Mao und Castro, weil er annahm, dass erst in der gemeinsamen Unfreiheit der kollektiven Gemeinschaft der Mensch seine wahre Freiheit zu einem guten Leben wiederfinden könne.

Eine Denkweise, die sich auch noch zum Beispiel in heutigen theokratischen Diktaturen, die ihre Politik nach dem Koran ausrichten, wiederfinden lässt, aber genauso in abgeschwächter Form in den Forderungen nach Leitkultur, Bedingungslosen Grundeinkommen und Protektionismus. Es läuft letztendlich auf Unterwerfung unter einen Gott oder Staat hinaus, und das zugunsten der falschen Versprechen in einer Utopie, sei es dem realen Kommunismus oder dem jenseitigen Paradies, wahre Freiheit und wahres Glück zu finden

Doch wie Karl Popper in seinen Büchern über die offene (ergo liberale) Gesellschaft und ihre Feinde feststellt:

„Der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, erzeugt stets die Hölle. Dieser Versuch führt zu Intoleranz, zu religiösen Kriegen und zur Rettung der Seelen durch die Inquisition.“ – Karl Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Band II, S. 277

Entsprechend folgte schnell das böse Erwachen für diejenigen Intellektuellen, die sich von den totalitären Staaten die Überwindung des Nihilismus erhofft hatten. Carl Jung erkannte noch vor Ausbruch des Krieges die Besessenheit der Nazis und Hitlers und wandte sich gegen sie. Nach dem Krieg schrieb er einem Freund, dass die Hitler-Ära alle seine Illusionen über den Menschen zerstört hatte.

Carl Jung revidierte seine psychoanalytischen Theorien nach dem Schock und wurde zu einem Vertreter einer radikalen Individuation als Antwort auf die Sinnfrage. Er kritisiert am Kollektivismus, dass er das Individuelle zugunsten anonymer Einheiten verdrängt, die Massenbewegungen werden und letztendlich zu Totalitarismus, Unmündigkeit und Entfremdung führen. So schreibt er in „Zivilisation im Übergang“:

„Wenn aber der Einzelne, im überwältigenden Gefühl seiner Winzigkeit und Futilität, den Sinn seines Lebens, der sich ja keineswegs im Begriff der öffentlichen Wohlfahrt und des höheren Lebensstandards erschöpft, verliert, dann befindet er sich schon auf dem Wege zur Staatssklaverei und ist, ohne Wissen und Willen, zu deren Wegbereiter geworden.“

Mag der Nihilismus zu noch so vielen Suiziden und Depressionen führen, sie sind ein kleiner Tropfen im Vergleich zu dem Ozean an Blut, der in den Weltkriegen, den Holocaust, dem Holodomor und zahllosen anderen Untaten der kollektivistischen Regime vergossen wurde und bis heute überall auf der Welt vergossen wird, wo Kollektivisten, Utopisten und Sinnstifter die Macht ergreifen. Um solche Tragödien zu verhindern ist es daher auch essentiell, dass die liberale Gesellschaft sich durch Diskurs und Bildung, aber auch durch eine Limitierung der Befugnisse des Staates, Gewaltenteilung und stabile Institutionen, nach innen selbst verteidigt. Wir dürfen nicht vergessen oder verdrängen, wohin der Tauschhandel Freiheit gegen die Versprechen von Utopien, staatlich diktieren Sinn und allgemeiner Wohlfahrt führt.

 

Die Lösung des Nihilismus-Problems

Während Jean-Paul Sartre neben seinem Existentialismus, vor allem an der linken und damit kollektivistischen Lösung für den Nihilismus festhielt, entwickelte sein Kollege Albert Camus die Philosophie des Absurdismus. Tyrannei und sinnlose Gewalt, genauso wie Selbstmord und Depressionen, seien angesichts des Nihilismus nur verhinderbar, wenn man konstant gegen ihn bewusst rebelliert und sich nicht unterkriegen lässt. Dieses Konzept knüpft an der Konzeption Nietzsches eines Übermenschen an, der den aktiven Nihilismus nutzt, um neue, eigene Werte und Ideale zu schaffen. Die Aufklärung und der Nihilismus haben die tradierten Werte der alten Welt zerstört, aber diese Werte waren oft nicht auf einem rationalen Fundament aufgebaut und können auch nicht mehr adäquate Lösungen auf die Probleme der Gegenwart liefern. Die große Chance der Gegenwart ist daher, Moral und Gesellschaft neu und individualistisch und entsprechend des heutigen wissenschaftlichen und technologischen Fortschritts zu konzipieren, sodass alle Menschen in Freiheit und Frieden zusammenleben können und sich nicht aufgrund von Ideen wie Religionen oder von Klassen oder Rassen gegenseitig bekämpfen.

Der Vorteil der liberalen Gesellschaft ist, dass sie sich, wie auch Hayek in seiner Nobelpreisrede 1974 betonte, gegen die Anmaßung von Wissen wehrt und in ihr jeder Mensch seine individuelle Antwort auf Probleme und Bedürfnisse unabhängig von Dogmen entwickeln kann. Wie gezeigt, ist das schwierig, und reaktionäre Tendenzen flammen immer wieder auf und müssen zum Erhalt der liberalen Gesellschaft durch Aufklärung bekämpft werden, aber es ist nicht unmöglich. In einer liberalen Gesellschaft kann jeder Mensch seine kollektive Zugehörigkeit und seine Antwort auf den Lebenssinn selber wählen. Er kann entscheiden, ob in ein anderes Land zieht, er kann entscheiden, welchen Vereine, Glaubensgemeinschaften, Parteien oder Freundeskreisen er sich anschließt und welche Berufe er wählt. Auf einem freien Markt kann auch jeder selber entscheiden, was er konsumiert, oder sich selber als Unternehmer zum Produzenten hocharbeiten, wobei die Belohnung für Anstrengungen zur Bildung von meritokratischen Hierarchien führen, die ebenfalls sinnspendend fungieren können. Dieses pluralistische Zusammenleben verschiedener Lebenskonzepte und Sinnantworten ist schwierig und kann Konflikte erzeugen, wenn sich anti-liberale Konzepte ausbreiten, aber wenn der Grundkonsens des Liberalismus, also die Toleranz und der Individualismus, als Basis des Zusammenlebens, also als eine Art Metaideologie oder Paradigma, etabliert werden, kann es funktionieren, wie die demokratischen Staaten des Westens in den letzten 70 Jahren mal besser, mal schlechter bewiesen haben. Wenn ein Mensch seinen Lebenssinn nur im Kollektivismus oder Religionen finden kann, dann kann er das tun, solange er dies im Privaten und nicht in der Politik auslebt und anderen aufzwingt. Eine der Großen Errungenschaften des Liberalismus ist damit die Teilung zwischen Staat und Sinn. Letztendlich ist Freiheit und die individuelle Sinnfindung etwas, was erlernt werden muss, genauso wie die Individuation. Aber die Möglichkeit dazu, die nur eine freie Gesellschaft bieten kann, muss auch verteidigt werden. Liberalismus und Individualismus sind schwierig, aber letztendlich ermöglichen nur sie, dass ein Kollektiv, wie z.B. der Westen fortschrittlich und friedlich leben kann – und zugleich ermöglicht nur ein starkes Kollektiv, das sich nach außen und innen verteidigen kann gegen zu viel Kollektivismus, dass Liberalismus und Individualismus in ihm bestehen bleiben. Kollektivismus als Leitideologie eines Staates ist mit Liberalismus unvereinbar, aber als dem Individualismus untergeordnete Denkweise möglich und essentiell.

Die individualistische Freiheit muss aber verteidigt werden – und das kollektiv

Aktuell durchleben der Liberalismus und der Individualismus eine schwierige Phase. Von links und rechts werden sie attackiert. In immer mehr Ländern der Welt wird die Freiheit unter dem Vorwand von Sicherheit abgebaut. Totalitäre und menschenverachtende Ideologien wie der Islam, die Neue Rechte und die Neue Linke breiten sich zunehmend aus und drohen die Freiheit des Westens zu zerstören, wenn die Menschen im liberalen Westen nicht dagegen entschlossen (und eventuell sogar dafür kurzeitig kollektiv geschlossen) vorgehen. Die Kritik des Konservativen Ernst Jüngers, der Liberalismus könne sich kaum selbst verteidigen und würde es antiliberale und menschenfeindlichen Ideologien wie Kommunismus und Faschismus überhaupt erst möglich machen sich auszubreiten und die Macht zu ergreifen, ist nämlich nicht von der Hand zu weisen. Die Machtergreifung der NSDAP in der Weimarer Republik und die Islamische Revolution im Iran mögen das als zwei von zahlreichen Beispielen dafür am besten illustrieren, da sie zeigen, wie eine liberale Gesellschaft sich von antiliberalen Kräften übernehmen ließ. Daher kann auch eine individualistische und liberale Gesellschaft, niemals vollständig individualistisch sein. Eine Armee zum Beispiel, die eine liberale Gesellschaft gegen Invasoren verteidigen soll, kann nicht aus eigenwilligen Einzelkämpfern bestehen, sondern nur aus gedrillten und kooperierenden Kollektivisten, die bereit sind für die Freiheit der Anderen ins Feuer zu gehen und notfalls dort zu sterben. Genauso wenig werden Polizisten ordentlich und unkorrupt arbeiten, wenn sie keine Loyalität gegenüber der kollektiven Gemeinschaften empfinden, die sie vor Kriminellen verteidigen sollen. Ein gewisser Grad an Kollektivismus ist, genauso wie ein Staat, für das Funktionieren und Überleben einer hochkomplexen Gesellschaft, insbesondere in einer globalisierten Welt, in manchen Bereichen schlicht essentiell, da auf einer Makroebene nicht alles über individuelle und persönliche Beziehungen organisiert werden kann.

Die Errungenschaften des Liberalismus und des Individualismus sind jedoch letztendlich die, die den Westen (also das Kollektiv der meisten in Nordamerika, Australien und Europa lebenden Menschen) von den anderen Kulturkreisen der gegenwärtigen Weltordnung maßgeblich unterscheiden. Sie sind damit auch diejenigen Kernwerte, die zunehmend bedroht sind, einerseits durch die Expansion und Etablierung nicht-westlicher Kulturen wie die Chinas oder die des Islams, aber auch durch innere Konflikte und Bruchlinien innerhalb der westlichen Staatengemeinschaft, wie den wiederaufblühenden Nationalismus in vereinzelten europäischen Staaten. Letztendlich werden der Liberalismus und der Individualismus des Westens paradoxerweise langfristig nur durch eine Form westlichen Kollektivismus überleben können, der jedoch nachwievor sich dem Individualismus unterordnet. Dies ist aufgrund der kulturellen Konzeption des Westens, seiner inneren Zersplitterung und insbesondere aber aufgrund der Dichotomie der beiden Konzepte von Kollektivismus und Individualismus, schwierig zu realisieren. Lediglich die USA scheinen bisher eine Art funktionalen Kompromiss für dieses Paradoxon gefunden zu haben, da dort der kollektivistische Patriotismus zur Verteidigung des Individualismus sowie der Liberalismus weitestgehend in Koopetition zusammenwirken. Dies ist wohl vor allem in der individualistisch geprägten Geschichte der Staaten begründet, aufgrund derer die Menschen dort die Freiheit nicht nur als ein Recht oder einen Anspruch oder gar lästige Last auffassen, wie viele Europäer (die von einem kollektivistischen System ins nächste taumelten und taumeln, da die meisten Europäer doch kollektivistisch fühlen und handeln), sondern vor allem als eine Art Sakrament, das es wert ist verteidigt zu werden.

Die wachsende Popularität von Intellektuellen wie Jordan Peterson, der sich für einen radikalen Individualismus ausspricht und zugleich neue Wege zur Sinnfindung und Verteidigung des Westens vorschlägt, und die zunehmende globale Ausbreitung liberaler, westlicher Werte und der durch den globalen Kapitalismus wachsende Wohlstand, machen allerdings Hoffnung, dass die Krise des Liberalismus nur eine reaktionäre und überwindbare Phase ist. Es ist daher durchaus möglich und wünschenswert, dass die Menschheit Fortschritte im Lernprozess der Freiheit macht und sich auf eine individualistischere und damit friedlichere und produktivere Weltordnung zubewegt, auch wenn die Gefahr einer Regression in den kollektivistischen Autoritarismus oder einer Niederlage gegen kollektivistische oder theokratische Systeme wie ein Damoklesschwert immer präsent ist. Eine wichtige Rolle für den Erhalt der Freiheit spielt daher letztendlich das Engagement jedes Einzelnen, das jeder kollektivistischen Indoktrinierung immer zu bevorzugen ist. Oder wie Carl Jung schreibt:

„Die Psychologie des Individuums spiegelt sich in der Psychologie der Nation wider. Nur eine Änderung in der Einstellung des Individuums kann eine Veränderung in der Psychologie der Nation auslösen. Die großen Probleme der Menschheit wurden noch nie durch allgemeine Gesetze gelöst, sondern nur durch die Erneuerung der Einstellungen des Einzelnen.“

 


Wenn dir dieser Artikel weitergeholfen oder dich unterhalten hat, dann würde es mich freuen, wenn du mir einen Kaffee spendieren würdest, mit dem ich noch mehr solcher Artikel schreiben kann 😉
Kaffee spendieren via Ko-Fi




Über die Verantwortung von Autoren und den Wert der Erfahrung

Vor kurzem fragte der BookTuber Florian Jung auf seiner Instagramseite, welche gesellschaftlichen Verantwortung (Horror-)Autoren in der heutigen, seiner Meinung nach zunehmend verrohenden Zeit haben. * Einen Ausschnitt meiner Videoantwort darauf könnt ihr in seinem neusten Video sehen.

Aufgrund des Umfangs musste er leider meine fast viertelstündige Erklärung auf einen rund eineinhalb Minuten langen Ausschnitt reduzieren. Dieser stellt daher nur einen Teil der meiner Aussagen dar, weshalb ich es mir nicht nehmen lasse hier auf dem Blog meine Gedanken ausführlich und vollständig zu elaborieren – und noch um die ein oder andere Einsicht zu ergänzen, die vor allem für junge Autoren, aber auch Leser interessant sein sollte, da ich mich auf Belletristik-Autoren und Publizisten im Allgemeinen beziehe.

Ich schreibe unter dem Pseudonym Leveret Pale selber Horror und Science Ficition, und auch ich greife mit meinen Büchern immer wieder aktuelle philosophische und politische Themen auf, allerdings glaube ich nicht, dass ein Autor von Belletristik, wozu Horror zählt, im Bezug auf die Gesellschaft mit seinen Werken eine allgemein definierbare extrinsische Verantwortung hat, sondern nur eine intrinsische Verantwortung gegenüber dem eigenem Schaffensprozess aus der sich dann eine gesellschaftliche Funktion ergibt.

Natürlich ist jeder Autor auch Bürger. Als Bürger sollte er sich mit seiner gesellschaftlichen Verantwortung als Bürger auseinandersetzen und diese erfüllen – allerdings ist es eine andere Frage, ob der Autor zusätzlich zu den bürgerlichen Pflichten noch weitere, für seine Tätigkeit spezifische Verantwortungen hat, und falls ja, inwiefern und wie er diese wahrnehmen kann.

Belletristik-Autoren im Vergleich zu anderen Schriftstellern

Vor allem bei metaphysischen Angelegenheiten (hier: der Kirchenvater Hieronymus) kann es – so zumindest einige zynische Stimmen – schwierig sein die Grenze zwischen Kreativität und Wahrheitssuche zu definieren.

Für die Beantwortung der Frage nach der Verantwortung von (Horror-)Autoren ist es essentiell erstmal festzustellen, worin ihre Tätigkeit eigentlich besteht.

Das kreative Schaffen von Romanen, Gedichten und Erzählungen, wie es Autoren von Horror und anderen belletristischen Genre betreiben, ist nämlich ein anderer Prozess des Schreibens, als das publizistische Schaffen von Artikeln, Essays oder wissenschaftlichen Abhandlungen.

Während letztere vor allem Sachtexte sind, die mithilfe der Rhetorik, Argumenten und Objektivität klare Sachverhalte und bewusste Gedanken und Erkenntnisse ausformulieren, handelt es sich bei den literarischen oder lyrischen Erzählungen von Horrorautoren um Texte, die Geschichten erzählen. Im Gegensatz zu Sachtexten appellieren Geschichten nicht primär an den Verstand (Logos) des Lesers, sondern an seine archaischen und unterbewussten Intuitionen und das, was man im allgemeinem Sprachgebrauch als das Herz oder die Seele eines Menschen umschreibt und in der Rhetorik auch als Pathos bezeichnet wird. Entsprechend haben die meisten und besten literarischen Geschichten ihren Urpsrung nicht im Verstand des Autors, sondern in seinen Gefühlen und in seinem Unbewussten.

Diese Unterscheidung ist nicht immer ganz möglich, allerdings trotzdem wichtig, da an den Verstand eines Kulturkritikers, Journalisten oder Wissenschaftlers andere Maßstäbe der Verantwortung gesetzt werden müssen und können (z.B. die Verpflichtung zur Wahrheit und Belegbarkeit), als an das Herz eines Poetens, da sie über andere Wege wirken und schaffen und andere Funktionen für die Gesellschaft erfüllen. Während ein Journalist mit seinem Schreiben die Funktion erfüllt Öffentlichkeit herzustellen, zu berichten und zu beurteilen, und ein Wissenschaftler die Funktion erfüllt Wissen zu generieren, zu überprüfen und aufzuarbeiten, erfüllt der Horrorautor – obwohl er auch schreibt wie die andern – eher die Funktion eines Künstlers. Während Wissenschaftler, Journalisten und Politiker die Verantwortung haben die bewussten Probleme der Gesellschaft zu lösen, ist die Aufgabe der Künstler allerdings diese Probleme zu generieren.

Der Schatten der Gesellschaft bei C. G. Jung

Der schweizer Psychiater Carl Gustav Jung entwickelte die analytische Psychologie, die zwar zu Teilen auf der freudschen Psychoanalyse aufbaut, sich allerdings differenzierter mit archetypischen Strukturen der Kultur und der Psyche beschäftigt

In der analytischen Psychologie gibt es einen interessanten Ansatz, was den Künstler und seine Rolle in der Gesellschaft angeht – und Autoren von Geschichten sind ja Künstler, wenn auch ihre Leinwand das Papier und ihre Farben die Worte sind.

Folgt man den Ideen von analytischen Psychologen wie Otto Rank und Carl Jung entstehen Krisen in Gesellschaften unter anderem dadurch, dass in einer Kultur kollektiv bestimmte Themen und Ideen verdrängt werden. Mißstände, die nicht in das Selbstbild der Gesellschaft passen, werden sozusagen kollektiv ins Unbewusste abgeschoben. Der Mensch neigt ja nicht nur als Einzelner, sondern auch als Gemeinschaft dazu, sich ein falsches Lächeln aufzusetzen und so zu tun, als ob alles in Ordnung wäre, obwohl es das nicht ist. Dadurch entsteht eine Dissonanz, also ein  Unterschied zwischen der Wirklichkeit und der Persona, also der Maske, die sich die Menschen jeden Tag aufsetzen.

Die Summe dieses Verdrängten und des archetypisch angelegten Unbewussten bezeichnet die analytische Psychologie als Schatten. Trotz dieses düsteren Namens ist der Schatten nicht rein negativ. Der Schatten enthält nach Carl Jung das, was dem positiven (und meist naiven) Selbstbild und der Maske / Persona eines Individuums oder Kollektivs entgegensteht.  Außer dem „Bösem“ können daher im Schatten auch positive Entwicklungsimpulse lauern. So kann zum Beispiel der Schatten neben verdrängten Ängsten, Trieben, Ressentiments und Mordfantasien, auch das Streben nach Selbsterfüllung oder Mut beinhalten, wenn das Ich-Bewusstsein von Angst oder schädlichen Hemmungen dominiert wird.

Das Gefährliche am Schatten ist, dass wenn man ihn zu lange ignoriert, er immer mächtiger wird, da das Ausblenden von verdrängten Sachverhalten, vor allem wenn immer mehr Beweise für sie auftauchen, viel Energie kostet . Das führt zu psychischen Spannungen, einer Entfremdung vom wahren Selbst, der Selbstwahrnehmung und der Persona. In der Folge kommt es zu sozialen Konflikten. Einem Dämon gleich sabotiert der Schatten das Leben, wenn man ihn ignoriert.

Psychische Gesundheit kann bei Jung nur bestehen, wenn man seine dunklen Seiten, also den Schatten, als wichtigen Teil seiner Selbst anerkennt und integriert. Ein ähnliches Konzept findet man im Daoismus bzw. in dem Konzept Taijitu als Ganzheit von Yin und Yang.

Fast jeder kennt zum Beispiel jene Vorfälle, bei denen man sich mit seiner Freundin, den Eltern oder einem Freund streitet und sich danach selbst fragt, was für ein Dämon da in einen gefahren ist: Irgendeine Kleinigkeit passiert, einer der Beteiligten rastet aus und die Konversation eskaliert zu einem gegenseitigen Anschreien. Nach dem Streit bemerken die Beteiligen dann oft, dass es eigentlich gar nicht in dem Streit um diese Kleinigkeit ging, die ihn ausgelöst hat, also nicht um etwas was direkt davor passiert ist oder die beim Streit erhobenen Vorwürfe, sondern dass da mehr dahinter steckt. Dieses mehr ist meist ein Teil des Schattens, der im Unterbewusstsein rumort und nie ausgesprochen wurde. Manchmal wird man sich bewusst, was die Natur dieses Schattenaspekts ist und man realisiert verdrängte Gefühle oder Traumata, aber umso häufiger wundern sich alle Beteiligten, warum sie eigentlich so wütend aufeinander sind und woher diese Spannungen zwischen ihnen ihren Ursprung haben. Oft lassen sich keine Antworten finden, da die Wahrheit ein Teil des Schattens ist, den man ausblendet, um das etablierte Bild von sich Selbst und den Anderen zu wahren. Solange der Schatten aber ausgeblendet wird, können die Spannungen auch kaum gelöst werden. Ein psychisch gesunder Mensch und damit eine psychisch gesunde Gesellschaft kann daher nur existieren, wenn man sich selbst überwindet und seine dunklen Seiten anerkennt und den Schatten kontinuierlich integriert und so den lebenslangen Prozess der Selbstwerdung beziehungsweise Individuation auf sich nimmt. Nur wenn man akzeptiert, dass in jedem Menschen – auch einem selbst – sowohl das Potential dazu steckt, so gutmütig wie Mutter Theresa als auch so hasserfüllt und böse wie Adolf Hitler oder Ted Bundy zu sein, kann man vernünftig mit den inneren Trieben und Komplexen umgehen. Sinngemäß schreibt Carl Jung: „Man wird nicht dadurch erleuchtet, daß man sich Lichtgestalten vorstellt, sondern durch Bewusstmachung der Dunkelheit.“

Die besondere Gabe des Horrautors als Wortkünstler

Was den Künstler und in dem Fall den (Horror-)Schriftsteller nun ausmacht ist nach Jung, dass er intuitiv ein Gefühl  für den Schatten (oder zumindest einen Teil davon) seiner Gesellschaft hat. Mehr noch: dieser Schatten ergreift wie ein Dämon Besitz vom Künstler. Dieses Besitzergreifen wird von vielen Autoren oder anderen Kreativen mit so Phrasen umschrieben wie: „Das Buch musste einfach raus.“, „Es wollte geschrieben werden.“ oder „Ich konnte nicht anders.“ oder einfach wie bei Poe, als Monomanie beschrieben.  Der Künstler fasst in seiner Besessenheit den Schatten in eine Form, bietet einen Weg ihn als Bild oder Werk auszudrücken und bringt ihn so zurück in die Gesellschaft. Die Kultur kann in Folge den Schatten wieder integrieren. Die Integration ist oft mit Komplikationen verbunden, führt aber letztendlich zu einer Auflösung der Konflikte und langfristig zu einer besseren psychischen Gesundheit beziehungsweise gesellschaftlichen Stabilität.

Entgegen dieser etwas mystisch klingenden Metaphern, begründen sich die besondere Begabung des Künstlers und die Mechansimen des Schattens nicht in irgendwelchen übernatürlichen Kräften. Bei dem Künstler sind – um es umgangsprachlich zu sagen – einfach ein paar Schrauben locker, in dem Sinne, dass Verdrängungs- und Filtermechanismen nicht so gut funktionieren und sein Gehirn Details registriert und miteinander assoziert, die die meisten anderen Menschen einfach ausblenden oder nicht weiter beachten würden. Diese Fähigkeit bzw. dieser Defekt erklärt auch die Neigung vieler Kreativer zu Hypersensibilität und psychischen Erkrankungen. Kreativität basiert nunmal darauf in der Lage zu sein Probleme, Zusammenhänge und Lösungen zu sehen, die andere nicht sehen können und deren Anblick auch nicht besonders gut tut.

Für die Gesellschaft macht der Künstler durch seine von der Intuition und Subjektivität getriebenen Einsichten in den Schatten also die Dunkelheit bewusst, damit andere Menschen, wie zum Beispiel Wissenschaftler, objektive Methoden entwickeln können, um die Dunkelheit zu lösen. Das unterscheidet auch wahre Literatur und Kunst von Propaganda wie Gemälden von Führungspersonen und politischen Narrativen oder von dem Design von Produkten. Propaganda und Design bedienen sich zwar künstlerischer und literarischer Methoden, allerdings meist mit dem bewusst definierten Ziel die Menschen blind zu machen für die Dunkelheit, um sie so in eine bestimmte Richtung zu lenken.

Der Schlaf der Vernunft bringt die Monster des Menschen hervor – aber diese Monster sind auch dann da, wenn die Vernunft wach ist. Manchmal muss man daher die Vernunft kurzzeitig verlassen, um die Monster erkennen und später mit Vernunft bekämpfen zu können.

Folgt man nun der Theorie vom Künstlers als Erkenner und Integrationsbeauftragter des Schattens weiter, so ist der Horrorschriftsteller als Subtyp des Künstlers im Bezug auf die Gesellschaft besonders dafür zuständig die verdrängten und aktuellen Ängste aus dem Schatten zu extrahieren und aufzuarbeiten.

Das kann man dann auch tatsächlich an den prägenden Horrorwerken einer Zeit sehen.

So sind zum Beispiel Werke wie E.T.A. Hoffmanns Der Sandmann in denen Menschen zu Maschinen werden, zur Zeit der Industrialisierung entstanden. Edgar Allan Poes etwas psychotischen, eitrigen Krimigeschichten sind in einer Zeit geboren, als die Menschen ihre Gesichter puderten und imperiale Dekadenz vorspielten, während sich gleichzeitig Syphilis und Tuberkulose epidemiehaft ausbreiteten und die ersten Serienkiller auftauchten. Lovecraft schrieb seinen Kosmischen Horror als durch die Elektrisierung in Amerika und die Hochkonjunktur der Physik – vor allem durch die damals neue Relativitätstheorie von Einstein – die Winzigkeit der Erde im riesigen Universum in das Mainstreambewusstsein drang und die Leute verunsicherte. Die Serie Walking Dead erschien 2010, kurz nachdem die Probleme mit Migrationskrisen im Westen richtig aufflammten. 2010 hat Obama bereits Soldaten an die Mexikanischen Grenzen schicken müssen, um der Lage dort Herr zu werden (so ähnlich wie Trump 2018) und dann kam die Flüchtlingskrise auch nach Deutschland, und Walking Dead wurde zum Bestseller bzw. Blockbuster, weil es einfach dieser unbewussten, rassistischen Angst Ausdruck gab, dass die menschliche bzw. westliche Zivilisation von blutrünstigen Massen überrannt und zerstört wird.

Die Aufgabe des Horrorautors ist also solche verdrängten Ängste aufzuspüren, zu beschreiben und auszuformulieren und damit der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten, damit sie erkennt, von welchen irrationalen Ängsten sie gerade in dumme Entscheidungen getrieben wird – oder zumindest ein Ventil dafür zu schaffen, wie die Katharsistheorie proponiert. Der gute Horrorautor zeichnet sich demnach dadurch aus, dass er besonders gut darin ist, die aktuellen Ängste seines Zeitgeistes aufzuspüren und sie wortkünstlerisch auszuleben.

Das ist auch das, was in meinen Augen Stephen King so großartig macht. In seinen Geschichten, insbesondere bei Es und jetzt wieder in Der Outsider, geht es meist um Dinge, die lange verdrängt und weggeredet werden, bevor sie ausbrechen oder eskalieren und gefährlich werden. Dabei hat King ein gutes Gespür für den Geist der Zeit und den Schatten der amerikanischen Kultur. Seine Bücher sind nicht nur Unterhaltung, sondern auch immer eine Warnung an die Leser die irrationalen Ängste nicht zu verdrängen sondern bewusst auseinanderzunehmen.

Warum man gesellschaftliche Verantwortung und Politik beim kreativen Schreiben ausblenden muss

Wie die Literaturgeschichte und auch die analytische Psychologie zeigen, ist der Autor meist derjenige, der am wenigsten versteht, warum er etwas Bestimmtes geschrieben hat. Wenn wir Lovecraft fragen könnten, warum er seinen kosmischen Horror entwickelt hat, oder King warum er diese oder jene Geschichte geschrieben, dann würde keiner von denen sagen, dass er das gemacht hat, weil er irgendwo ein Problem in der Gesellschaft gesehen hat und es ansprechen wollte. Genausowenig haben die Drehbuchautoren von Walking Dead wahrscheinlich bewusst daran gedacht, dass die sich gerade entwickelnden Migrationskrisen eine klasse (wenn auch rassistische) Analogie auf eine sich daher gut verkaufende Zombieapokalypse wären.

Wenn Autoren im Nachhinein erklären, wie ein Buch entstand, handelt es sich bei ihren Erklärungen meist entweder um merkwürdig anmutende Konstruktionen wie die Eisbergtheorie von Hemingway oder Lovecrafts Theorie der Angst vorm Unbekannten (die ich einer wissenschaftlichen Arbeit widerlegt habe) oder komische psychoanalytische Monologe wie in meinem Fall. Nur selten sind Autoren so ehrlich zu sich selbst und anderen wie Stephen King, der zugibt, dass er sich aufgrund von Drogenkonsum an das Niederschreiben einiger seiner Romane nicht erinnern kann und bei den meisten anderen frei nach Gefühl geschrieben hat und auch nicht so genau weiß, wie das im Detail funktioniert. (Stephen Kings biographischer Schreibratgeber Das Leben und das Schreiben ist meiner Erfahrung nach der einzige nützliche Schreibratgeber auf dem Markt, weil er einen nicht mit irgendwelchen kruden, realtitätsfernen Theorien zuhäuft – wie es einige Literaturprofessoren tun, die selber noch nie einen guten Roman geschrieben haben, aber glauben anderen erklären zu können wie es geht – sondern einfach nur mit Kings brutaler Ehrlichkeit und Erfahrung gefüllt ist.)

Die meisten und die besten Schriftsteller schreiben das, was sie (vom Schatten besessen) intuitiv für richtig und wichtig halten. Ich denke, das ist auch das, was belletristische Autoren tun sollten. Ein Autor sollte dem Schatten seine Arbeit tun lassen. Dafür muss er jede Zensurschere aus dem Kopf werfen und frei vom Herzen und der Intuition folgend die Geschichten erzählen. Wenn die Muse dann verlangt, dass das Manuskript voll mit Kettensägenmorden sein muss, dann sollte der Autor das auch so ausformulieren. Würden (alle) Autoren gegen die Muse ankämpfen und sich selbst zensieren oder von der Vernunft geleitet umschreiben, dann würden gesellschaftskritische Werke wie American Psycho wahrscheinlich nicht existieren, geschweige denn ihre Wirkung entfalten können. Letztendlich entscheiden die Leser selber, ob sie etwas lesen oder nicht. Sich Sorgen zu machen, dass man mit einem gewalttätigen Buch seine Leser gewalttätig macht, ist nicht nur aus empirischer Sicht zweifelhaft, sondern auch wenn man bedenkt, wie brutal der Mensch in seiner Grundveranlagung ist, absurd.

Die Intuition ist ja ein Produkt des Unbewussten und damit weiß sie, wie die Schattentheorie zeigt, oft mehr als unser bewusstes Ich, vor allem wenn es eben um komplexe Zusammenhänge geht. Autoren sollten einfach ihre Geschichten schreiben, nicht überlegen, was andere darüber denken würden, nicht versuchen politisch korrekt zu sein, sondern einfach machen, der Gesellschaft den Spiegel vorhalten und damit auf bisher nicht beachtete Probleme hinweisen. Der kreative Autor ist wie ein Bergarbeiter, der aus den Tiefen der menschlichen Psyche und des kollektiven Unterbewussten die Probleme aus dem Schatten an das Tageslicht des Bewusstsein schürft. Ein konstruktive Lösung für diese Probleme zu finden, ist danach die Aufgabe der Wissenschaftler, Journalisten und anderer Experten, die im Lichte des Verstands mit objektiven Werkzeugen arbeiten.

Wenn man als Autor versucht aufgrund eines extrinsischen Verantwortungsgefühls politische Ideen oder eine Analyse oder Lösung der Probleme in ein belletristisches Werk einzubauen oder vorzuschlagen, dann verfälscht man meist nicht nur unabsichtlich die von der Intuition vorgegebenen Wahrheiten, man neigt auch dazu das Narrativ zu zerstören und oberflächliche und nicht ausdifferenzierte politische Statements aneinanderzureihen. Dadurch verliert der Roman meist nicht nur seine Authentizität und Tiefe. Auch der Leser fühlt sich erschlagen, denn da wo er einen Roman erwartete, bekommt er langatmige Erklärungen. Ein Roman überzeugt allerdings nicht mit Argumenten, sondern mit den Narrativen und Gefühlen, die er aufbaut, und den Archetypen und anderen tiefenpsychologischen Strukturen, die er damit im Leser berührt. Natürlich kann man einen Roman auch mit philosophischen Dialogen versehen, aber wenn diese nicht von selbst kommen und sich aus dem Narrativ ergeben, sondern plump reinkonstruiert werden, so wird der Roman oft statisch und trocken oder wirkt inkonsistent. Als Beispiel dafür wie politische und philosophische Ideen Geschichten ruinieren, können die zwar populären, aber nüchtern kaum lesbaren Romane von Ayn Rand, insbesondere Atlas Shrugged, genannt werden. Als gelungenes Beispiel dafür, dass schwere Themen durch Geschichten und Dialoge vermittelt werden können und man dafür keine Agenda forcieren muss, sind die Romane von Irvin Yalom, Hermann Hesse und Fijodor Dostojewski aufzuführen.

Politiker, Journalist und Wortkünstler in einer Person zu sein ist nicht unvereinbar

Auch wenn er heutzutage vor allem als Politiker bekannt ist, war Winston Churchill auch als Romanautor, Kriegsberichterstatter und Biograph tätig. Insgesamt schrieb er zwanzig Bücher und erhielt 1953 den Literaturnobelpreis.

Die Natur des kreativen Schreibens als subjektiver, vom Unbewussten getriebener Prozess, fordert allerdings nicht, dass sich Autoren komplett aus der Politik, Wissenschaft oder Philosophie heraushalten oder ihren logischen Verstand wegballern sollten. Sie sollten es nur, wenn es darum geht, fiktive Romane und Geschichten zu schaffen, denn gute Erzählungen benötigen höchste Konzentration und die Schöpfung eben jener tiefenpsychologischer Archetypen und Intuitionen. Wenn ein Autor außerhalb seines belletristischen Schaffens politische, wissenschaftliche oder journalistische Werke, wie Essays, Artikel und dergleichen schafft, oder wie Churchill als Politiker oder wie Yalom als Wissenschaftler tätig ist oder wie Goethe sowohl als Politiker als auch Wissenschaftler, so spricht nichts dagegen. Wichtig ist lediglich, die Funktion des Autors als Verfasser von Erzählungen von der Funktion derselben Person als Urheber nicht-belletristischer Texte und nicht-literarischer Tätigkeiten zu trennen.

Ich bin zwar vor allem als Schriftsteller unter dem Pseudonym Leveret Pale bekannt, selber allerdings in meiner Person als der Bürger Nikodem Skrobisz politisch sehr engagiert. Ich schreibe politische Artikel für diverse Magazine und bin unter anderem Redakteur für das liberale Studentenmagazin Peace Love Liberty. Darüber hinaus bin ich als Local Coordinator für European Students for Liberty in Jena tätig und fungiere als PR-Berater für mehrere liberale Organisationen; nebenbei bin ich Vorstandsmitglied des Bundesverbands junger Autoren und Autorinnen e.V. und engagiere mich für Autorenrechte. Dennoch trenne ich diese intellektuellen und politischen Tätigkeiten bewusst von meinem kreativen Prozess beim Schreiben meiner Romane und Kurzgeschichten. Selbstverständlich fließt die Beschäftigung mit Politik trotzdem in meine belletristischen Texte ein – sie ist ja auch fest in meiner Psyche verankert – doch so behält die Belletristik ihre Authentizität und ihre Funktion. Würde ich bewusst versuchen meine Agenda in die Romane einzuweben oder mir missfallende Themen herauszuschneiden, so befürchte ich, würden die Romane unauthentisch und langweilig werden. Entweder weil sie zu politischen Pamphleten verkommen würden oder in ihrer Komplexität künstlich beschnitten wären.

Wenn ich also kreativ schreibe, lasse ich die Handlung von meiner Intuition diktieren und räume von meinem Schreibtisch die aktuellen politische und philosophischen Texte beiseite, um nicht in Versuchung zu geraten sie in den Text einzubauen. Wenn ich Geschichten erzählen will, erzähle ich Geschichten – wenn ich argumentieren und analysieren will, schreibe ich Arbeiten und Artikel. Beides zu vermischen würde weder mir, meinen Texten noch meinen Lesern gut tun. Der kritische Verstand ist bei einem belletristischen Text, der eine Geschichte erzählt, erst wichtig, wenn es an das Korrigieren und Lektorieren geht, aber auch das sollte nur dazu dienen eine Geschichte verständlicher und lesbar zu machen und nicht in ihrem Kern zu verändern.

Welche Verantwortung hat der (Horror-)Autor nun?

„The best teacher is experience and not through someone’s distorted point of view.“- Jack Kerouac

Neben dem ehrlichen und aufrichtigen Schreiben, ist die größte Verantwortung für einen Autoren sein Unbewusstes auch ausreichend mit dem Zeitgeist und Erlebnissen zu füttern. Die meisten Menschen erleben nur einen kleinen Ausschnitt des Lebens und der Welt. Wenn ein Autor über tiefere Wahrheiten schreiben will und über mehr, als den gewöhnlichen kleinen Ausschnitt, so muss er ihn vergrößern und sein Unbewusstes und damit die Quelle seiner Kreativität mit viel mehr Wissen und vor allem mit viel mehr Erfahrungen als der gewöhnliche Mensch speisen. Die Betonung liegt dabei vor allem auf Erfahrung. Nichts ist entweder fader und langweiliger oder fanatischer und gefährlicher, als die Produkte des von der Welt abgekapselten Theoretikers, der nur liest und schreibt und nichts selber erlebt hat. *2

Die größten und lesenswertesten Werke der Menschheitsgeschichte stammen von jenen Menschen, die selber Geschichte erlebten und gestalteten – Marcus Aurelius, Goethe, Winston Churchill, Jack Kerouac, George Orwell, Ernest Hemmingway, Hunter S. Thompson und William Burroughs, um einige zu nennen – und nicht von irgendwelchen Bücherratten, die die Realität nur aus zweiter Hand und die menschliche Natur nur aus dem Spiegel kannten. Echte Literatur schreibt sich nicht allein mit schönen Worten und eingeübten Konstruktionen (,wie es einem Literaturprofessoren manchmal einreden wollen, deren eigenen Werke meist nach wenigen Jahren in Vergessenheit geraten), sondern vor allem mit Herzblut und Lebenserfahrung.

Du willst ein guter Autor werden und deine Verantwortung als Autor gegenüber deinem Werk erfüllen? Dann schmeiß den Fernseher aus dem Fenster, die Spielkonsole direkt hinterher und kündige dein Netflixabo. Wahrheit und Kreativität findet man nicht im digitalen Opium – höhsten im echten. Lies mindestens zwei Bücher die Woche, schreibe jeden Tag, um das Schreibhandwerk zu meistern und vor allem: geh nach draußen und erlebe etwas – rede mit Menschen, mit denen du sonst nicht reden würdest; tue Dinge, die du sonst nicht tun würdest oder beobachte zumindest andere dabei, und schreib über die Dinge, die du wirklich verstehst, in deinem Herzen fühlst und mit deiner eigenen Haut überprüft hast, weil sonst kommt nur Quark raus.

Du willst Liebesromane schreiben? Dann gehe hinaus in die Welt und lerne die Höhen und Tiefen der Liebe kennen. Du willst mit deinen Ideen die Welt zu einem besseren Ort machen? Lerne zuerst dein eigenes Leben in Ordnung zu bringen und dich selbst zu einem besseren Menschen zu machen. Du willst über Angst, den existentialistischen Kern der menschlichen Existenz und ähnliche tiefgründige Themen des Lebens schreiben? Dann gehe hinaus, und lass dich vom Leben zerschmettern und wiederaufbauen, durch Angst und Freude, Illusion und Enttäuschung jagen. Erst wenn du was erlebt hast, kannst wirklich einen Platz am Lagerfeuer der ehrlichen und für die Gesellschaft nützlichen Geschichtenerzähler einnehmen. Ansonsten kannst du höchsten mit paar schönen, aber falschen Worten als Hochstapler und Schwätzer Karriere machen und dich einreihen in die endlose Kolonne nutzloser Literaten, die vielleicht von paar Deutschlehrern, einigen Feuilletonisten und anderen abgehobenen Sprachfetischisten geliebt werden, aber von der Welt ungefähr genauso gebraucht werden, wie der Plastikplunder auf dem Kitschmarkt.

Die Verantwortung eines belletristischen Autors liegt in meinen Augen ausschließlich darin, ehrlich und aufrichtig mit seiner Kreativität umzugehen, sie nicht für Geld oder Ideologien zu verhuren oder aus Angst oder Eitelkeit zu verfälschen, und vor allem darin, nicht zu einem trockenem Literaten zu werden.


Anmerkungen:

* Ich glaube im Gegensatz zu Florian Jung nicht, dass wir in zunehmend verrohenden Zeit leben, sondern im Gegenteil, die Welt aktuell so friedlich und die Menschen in den westlichen Ländern so verweicht und zimperlich, also so nicht-roh, wie noch nie zuvor in der Menschheitsgeschichte sind. Gewalt, Drogenkonsum und Sex unter Minderjährigen sind genauso wie die globale Armut und die prozentuelle Anzahl von Menschen, die in Kriegsgebieten oder ohne Dach überm Kopf leben müssen, zum Beispiel auf historischen Tiefstand. Der Welt geht so gut zurzeit, wie noch nie, auch wenn wir die Sensationslust der Medien das nicht immer realisieren. Vielleicht sind die Filme und Bücher, die wir konsumieren brutaler, aber das ist eher eine Kompensation der ereignislosen Alltagsrealität der meisten Menschen. Allerdings sehe ich auch, dass der Umgangston und die Wahrnehmung zunehmend roher werden. Das liegt allerdings nicht in einer faktischen Verrohung der Welt, sondern meiner Meinung nach eher in der Veränderung der subjektiven Wahrnehmung dieser (in den Medien und in Filmen und Büchern wird für den Nervenkitzel immer mehr Gewalt gezeigt) und daran, dass ein Gros der Menschen heutzutage dünnhäutig und rückgratslos geworden ist. Man könnte wieder mit Jung sagen, dass wir vieles, was die tragenden Säulen unserer Kultur sind – Ehre, Aufrichtigkeit, Individualismus, Rationalität, Freiheit, Mut, klare Geschlechterrollen, Verteidigung der eigenen Werte – in den Schatten zugunst einer politisch korrekten, sozialistisch-progressiven Wunschutopie verdrängt haben, was nun zurückschlägt durch die radikale Antwort in Form der Neuen Rechten, die aber mit ihren radikalen-reaktionären Ideen mindestens genauso toxisch sind wie die Neuen Linken mit ihren radikalen-progressiven Ideen. Durch die Polarisierung der Öffentlichen Meinung, der Politisierung des Privatlebens durch die Omnipräsenz von digitalen Medien und Identitätspolitik und der medialen Dynamik der Eskalation und Sensationslust, bauen sich in Folge dessen zunehmend Spannungen auf. Diese können letztendlich tatsächlich langfristig zu einer faktischen Verrohung der Gesellschaft führen, auch wenn nicht glaube, dass dieser Prozesse bereits ausgelöst wurde, aber wir sind nah dran, weshalb ich die Frage von Florian Jung trotzdem für aktuell und wichtig halte. Weitere Kommentare und Anmerkungen von mir zu diesen Aussagen findet ihr als Kommentare unter dem Video von Florian.

*2 Ein berühmtes Beispiel, wohin ein Defizit an entsprechender Lebenserfahrung und der Versuch, die Methoden des kreativen Schreibens auf das wissenschaftliche Schreiben zu übertragen, führen können, ist Karl Marx. Dieser Theoretiker entwickelte eine realtitätsfremde Arbeitswerttheorie und baute darauf das hochkomplexe Narrativ eines Klassenkampfes und politische Forderungen auf – während er selber niemals wirklich gearbeitet hat und sich sein Leben lang von dem Farbikbesitzer Engels durchfüttern ließ, also praktisch keine eigene Erfahrung in Bezug auf Wirtschaft und Arbeit hatte. Einem Propheten gleich verkündete er mit geschickter und pathetischer Rhetorik seine Ideen und überzeugte zahlreiche Menschen davon. Da diese Ideen jedoch auf realitätsfernen Prämissen und einem Defizit an empirischer Überprüfung basieren, führte und führt bis heute jeder Versuch diese Ideen der Realität aufzuzwingen zu Elend, Blutvergießen und unermeßlichen Leid. Marx Ideen halten sich wie eine Religion trotz ihrer empirischen Mängel hartnäckig in vielen Köpfen der Menschen, weil die Marxisten wie religiöse Fanatiker an ihren deterministischen Dogmen festhalten und alles andere zugunsten dieser verdrehen. Dieses Beispiel verdeutlicht, dass auch Wissenschaftler, die mit dem Verstand arbeiten, praktische Erfahrung sammeln und ihre Ideen empirisch durch Experimente und Studien prüfen müssen. Reine Theoretiker und Bücherratten, egal ob in der kreativen Literatur, der Philosophie oder in der Wissenschaft, verlieren langfristig den Bezug zur Realität, was dann letztendlich auch ihre Theorien nutzlos macht. Deswegen kann auch ein Marcus Aurelius in seinen Büchern die stoische Philosophie besser erklären, als jeder Philosophieprofessor. Während der Professor davon lebt Menschen über Philosophie zu unterrichten und sich in seinen vom Staat bezahlten Sessel in Ideen zu vertiefen, hat Marcus Aurelius diese Dinge nebenbei auch getan, doch er musste die Ideen vor allem auch praktisch anwenden und konnte sie so überprüfen. Als römischer Kaiser schrieb er den Großteil seiner philosophischen Texte über das Ertragen von Leid und die Stoa während seiner Kriegszüge abends im Zelt, umgeben von Feinden und sterbenden Freunden. Ebenso sind die Vorschläge zur Verbesserung des eigenen Lebens von einem Klinischen Psychologen wie Jordan Peterson viel überzeugender und wirkungsvoller, als die eines moralisierenden Lifestyle-Journalisten, da Peterson sein theoretisches Wissen testen und ausdifferenzen konnte, weil er im Laufe seiner Karriere tausenden Patienten helfen musste. Und um bei Autoren zu bleiben: Die Bücher des Journalisten und PR-Berater Walter Lippmann zum Thema Public Opinion bzw. Öffentliche Meinung erschienen in den 1920er Jahren und sind nicht nur klarer und verständlicher geschrieben, sie decken auch bereits alle „Erkenntnisse“ ab, die Jahrzehnte später die Berufsakademiker der Kritischen Theorie wie Jürgen Habermas in ihren sperrigen Texten präsentierten. Genauso geht ein Unternehmer, wenn er den falschen Vorstellungen und Theorien über das Wirtschaften anhängt, sehr schnell in die Insolvenz, denn die praktische Realität zögert nicht ihn eines Besseren zu belehren. Ein Professor oder Wirtschaftstheoretiker wird hingegen selten dazu gezwungen seine Theorien, Lebensratschläge oder philosophischen Ideen praktisch an der eigenen Haut zu überprüfen und kann daher ungeschoren realitätsferne Phantasmen produzieren.


Weiterführende Literatur:

Der Mensch und seine Symbole von Carl Jung (klasse Einführungswerk in die analytische Psychologie.)

Terror-Management in der Fall Charles Dexter Ward von Nikodem Skrobisz (Eine Analyse des einzigen Romans von H.P. Lovecraft durch meine Wenigkeit anhand der Terror-Management-Theorie und Ansätzen aus der analytischen Psychologie.)

Das Risiko und sein Preis – Skin in the Game von Nassim Taleb (Geniales Buch, das zeigt, wie Asymmetrie bei der Risikoverteilung in der Gesellschaft dazu führt, dass reine Theoretiker und Bürokraten den Kontakt zur Realität verlieren und andere ihre Irrtümer ausbaden müssen.)

Kunst und Künstler: Studien zur Genese und Entwicklung des Schaffensdranges von Otto Rank (geht viel tiefer und weiter als Carl Jung mit seiner analytischen Psychologie, wenn es darum geht den Schaffensdrang und die Mechanismen hinter der Kreativität von Künstlern aufzudecken. Macht nicht unbedingt Spaß zu lesen, wenn man ein kreativer Mensch ist, verhilft aber zu sehr tiefen Einsichten.)

Angst und Schrecken in Las Vegas von Hunter S. Thompson (Das literarische Manifest des Gonzo-Journalismus, bei dem Realität, Gesellschaftskritik und Fiktion, Künstlertum und Journalismus ineinander krachen, um ein einzigartiges literarisches Feuerwerk abzubrennen.)

Öffentliche Meinung: Wie sie entsteht und manipuliert wird von Walter Lippmann (Standardwerk darüber wie Propaganda, PR und Journalismus funktionieren, mit tiefen Einsichten in die Mechanismen der menschlichen Psyche und den inherenten Problemen der Kommunikation.)


Quelle des Beitragsbild: https://pixabay.com/photo-1261572/

Wenn dir dieser Artikel weitergeholfen oder dich unterhalten hat, dann würde es mich freuen, wenn du mir einen Kaffee spendieren würdest, mit dem ich noch mehr solcher Artikel schreiben kann 😉
Kaffee spendieren via Ko-Fi

 




Gerechtigkeit und Gleichheit – was einen Staat gerecht macht

Die SPD fordert soziale Gerechtigkeit, die Opfer der Gruppenvergewaltiger von Essen fordern Gerechtigkeit vor Gericht, genauso wie jeder Mensch jeden Tag im Umgang mit seinen Mitmenschen Gerechtigkeit erwartet. Wir alle wünschen uns in einer gerechten Welt zu leben. Wir glauben auch intuitiv durch unsere soziokulturelle Prägung und unsere intrinsischen Intuitionen zu wissen, was Gerechtigkeit ist. Doch wenn wir uns miteinander unterhalten, merken wir schnell, dass es verschiedene Vorstellungen von Gerechtigkeit gibt, und dass diese Vorstellungen einen extrem starken Einfluss auf Politik und Privatleben ausüben. Vor allem politische Lager lassen sich oft durch ihre unterschiedlichen Gerechtigkeitsvorstellung definieren. Was ist jedoch Gerechtigkeit, und wie kann sie gewährleistet werden? Welche Art von Gerechtigkeit sollte vor allem herrschen und vom Staat durchgeführt werden, damit wir in einer freien Gesellschaft gut und gerecht leben können?

Gerechtigkeit ist ein abstraktes Prinzip, über dessen exakte Definition sich Philosophen seit Jahrtausenden streiten, doch stark vereinfacht, kann man Gerechtigkeit darauf reduzieren, dass ihr Ziel es ist Gleichheit herzustellen. Wesentlich bedeutet Gerechtigkeit: Wesentlich Gleiches muss gleich und wesentlich Ungleiches ungleich behandelt werden.

Gerechtigkeit beruht auf Gleichheit beziehungsweise der Herstellung von Gleichheit, und führt dadurch auf einer rein pragmatischen Ebene dazu, dass die Gesellschaft stabilisiert wird, da sie ermöglicht den Bürgern in Würde zu leben und Konflikte zwischen Ihnen zu regeln bzw. das Prinzip der Reziprozität, welches das Zusammenleben reguliert und Altruismus ermöglicht, auch in einer hochkomplexen und ausdifferenzierten Gesellschaft durchzusetzen.

Es gibt allerdings drei Arten von Gleichheit, und je nachdem, welche man wie gewichtigt, ändert sich die Vorstellung davon, wie Gerechtigkeit aussehen sollte. Wenn man allerdings das Zusammenspiel dieser drei Prinzipien betrachtet, entdeckt man, dass es Konstellationen gibt aus denen sich mehr Gerechtigkeit ergibt, als aus anderen, und es entsprechend Formen von Gerechtigkeit gibt, die erstrebenswerter sind als andere.

Die Gleichheit vor Gott ist die Gleichheit vor einem metaphysischen Prinzip, das alle Menschen gleich richtet. Diese Gerechtigkeit bezeichnen wir heute vor allem als Gleichheit vor dem Recht. Ihre säkulare Manifestation findet sich in der Idee der Menschenrechte und der Gesetzbücher. Auch wenn im Westen des 21. Jahrhunderts dieses Gleichstellung vor dem Recht etwas ist, das auch Atheisten (wie ich) als gerecht wahrnehmen, hat diese Gleichheit im Westen ihre Wurzeln nicht nur, aber vor allem im judeochristlichen Denken. Die monotheistischen Religionen formulierten nämlich die Vorstellung, dass unabhängig von der Lebensführung und der Herkunft, jeder Mensch nach dem Ebenbild Gottes geschaffen ist und damit nicht nur allein durch sein Menschsein mit bestimmten Rechten ausgestattet ist, sondern sich auch genauso wie alle seine Mitmenschen vor diesem Gott verantworten muss. Dadurch hat nicht nur jedes Individuum Rechte, die nicht von anderen verletzt werden dürfen, es ist auch Aufgabe des Staates diese Rechte zu schützen und die Verletzung dieser auszugleichen. Gerechtigkeit, die auf dem Prinzip der Gleichheit vor dem Recht beruht, versucht die verursachten Schäden an den Grundrechten eines Individuums durch ein anderes Individuum wiederherzustellen. Das heißt, wenn ein Individuum von einem anderen in seinen Rechten verletzt wird, so muss der Staat (da Gott entgegen der religiösen Vorstellung offensichtlich nicht interveniert) dafür sorgen, dass das andere Individuum den verursachten Schaden kompensiert, unabhängig von dessen Status. (Auge um Auge, Zahn um Zahn) Davon ausgehend ist Gerechtigkeit allerdings nur dazu da, Missverhältnisse zwischen Individuuen auszugleichen, und es gerecht noch zielführend, sogenannte opferlose Verbrechen, wie Drogenkonsum zu bestrafen, da hier keine Rechtsverletzung anderer begangen wurde.

Zwar ist diese Idee der Gleichheit historisch in der Religion verwurzelt, doch nur so konnte sich in den primitiven Gesellschaften die rationale Erkenntnis etablieren, dass die Gesellschaft nicht aus Kollektiven, sondern aus Individuen besteht, und diese nur durch gleiche rechtliche Behandlung langfristig kooperieren und stabile Staaten formen können. Der Bezug zur Religion findet sich auch noch in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung: „Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: daß alle Menschen gleich geschaffen sind; daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind.“

Im Zuge der Aufklärung und der Säkularisierung wurde die religiöse Begründung durch die Vorstellung des Naturrechts ersetzt, doch die metaphysische Natur dieser Art der Gleichheit bleibt damit bestehen, denn materialistisch und psychologisch betrachtet sind Menschen nicht alle gleich, da jeder Einzelne durch Genetik, Herkunft und Lebenslauf andere Fähigkeiten und Eigenschaften besitzt. Das metaphysische Gleichheitsprinzip, das alle Menschen vor dem Recht gleichstellt sind, ist jedoch für den Erhalt der Zivilisation und das Zusammenleben großer Menschengruppen, wie es eben Staaten sind, unabdingbar. Zwar mag es nur ein metaphysisches Prinzip sein, allerdings ermöglicht es Individuen friedlich zusammenzuleben und der Gesellschaft sich weiterzuentwickeln. Es hat damit einen pragmatischen und rationalen Wert. Das Fehlen dieses Prinzips führt zur Willkür, Machtmissbrauch, Unterdrückung und damit letztendlich zu Chaos und Barbarei. Diese Art der Gleichheit ist damit die Basis der Zivilisation und der Freiheit des Individuums, und aller Formen von funktionierender Gerechtigkeit, da die beiden anderen Prinzipien der Gleichheit ohne sie nicht existieren können. Staaten, die auf der Basis von kollektivistischen Ideologien und totalitären Systemen die individuellen Menschenrechte ablehnen, so wie es im Nationalsozialismus oder in den vom Islam geprägten Ländern der Fall war und noch leider oft ist, versinken dadurch zwangsläufig in Gewalt und Ungerechtigkeit, da sie keine Gleichheit vor dem Recht unter den Individuen mehr herstellen können.

Aus der Gleichheit vor Gott leitet sich auch die Aufgabe des Staats ab: Er soll den Bürgern dienen, indem er sie durch ein Justizsystem voreinander schützt und ihnen die Basis für ein friedliches Zusammenlebens schafft. Das Erheben von Steuern greift zwar in die persönlichen Rechte des Bürgers ein, allerdings kann es als gerecht gerechtfertigt werden, wenn der Bürger die Möglichkeit hat den Staat zu verlassen, und wenn das Erheben von Steuern sich auf das Minimum beschränkt, was benötigt wird, um Maßnahmen umszusetzen, von den alle Bürger gleich profitieren. Es ist jedoch nie gerecht Steuern zu erheben, von deren Verwendung das besteuerte Individuum nicht profitiert.

Die Chancengleichheit schafft die Möglichkeit, nach der jeder Mensch unabhängig von seiner Herkunft, seiner sozialen Stellung, seines Aussehens und seiner Genetik die gleichen Chancen auf einen Erfolg entsprechender seiner Fähigkeiten hat. Konkret bedeutet das, dass sowohl der Sohn eines reichen CEOs als auch der eines armen Handwerkers oder ein Waisenkind, die Möglichkeiten bekommen sollten, die gleichen Chancen im Leben zu bekommen. Dabei sollte auch beachtet werden, dass die kleinste Minderheit im Staat immer das Individuum ist, sodass die Politik sich danach ausrichten sollte jedem Individuum Chancengleichheit zu ermöglichen – dafür ist eine Zusammenfassung der Bürger und die Reduzierung dieser auf konstruierte kollektive Identitäten beziehungsweise Minderheiten kontraproduktiv, da sie eben das Individuum aus den Augen verliert, und damit die Gleichheit aller Individuen vor Gott beziehungsweise dem Recht. Es sollte also keine Förderung beziehungsweise Chancenschaffung für Minderheiten etabliert werden, wie es oft in der heutigen Politik getan wird, weil es pragmatischer und günstiger ist, sondern eine Förderung jedes einzelnen Individuums, unabhängig von der konstruierten Identität. In der Politik bedeutet das, dass jeder einzelne das Recht hat, eine Schule zu besuchen, eine Ausbildung zu machen und zu studieren, unabhängig von Herkunft, Ethnie und finanzieller Lage der Eltern. Dadurch bekommt jedes Individuum die Chance sein Potential entsprechend seiner Fähigkeiten zu entfalten. Von dieser Fokussierung aufs Individuum profitiert die Gesellschaft langfristig, da durch die gleichen Startbedingungen letztendlich diejenigen Menschen eine bestimmte Position einnehmen, für die sie am besten geeigneten sind. Wenn in einer Gesellschaft zum Beispiel alle Menschen unabhängig von ihrem sozioökonomischen Hintergrund die Möglichkeit haben eine Schule zu besuchen und danach zu studieren, um zum Beispiel Arzt zu werden, so werden diejenigen das Medizinstudium aufnehmen und dann auch bestehen und letztendlich Arzt werden, die sich nicht nur am meisten dafür interessieren, also die notwendige Begeisterung mitbringen, sondern auch gleichzeitig am kompetentesten dafür sind, weil sie sich gegen die anderen Bewerber durchsetzen müssen. Dadurch wird gesorgt, das kompetente Ärzte ausgebildet werden, die ihren Mitmenschen auch wirklich helfen können. Es werden  auch keine für den Arztberuf besonders begabten Menschen dadurch verschwendet, dass sie aufgrund ihrer Herkunft nicht die Möglichkeit zur Bildung haben.  Die Chancengleichheit sorgt also dafür, dass hochintelligente Menschen Wissenschaftler werden können und nicht als Straßenfeger arbeiten müsse. Und entsprechend führt das auch dazu, dass Menschen, bei denen es besser wäre, wenn sie weder Arzt noch Wissenschaftler wären, weil es ihnen an Intelligenz oder Gewissenhaftigkeit mangelt, von ihren Chancen aus entsprechende Beruf einnehmen, auch wenn es dann ein weniger ertragreicher ist, wie der des Straßenfegers. 

Für die Gesellschaft und ihren Fortschritt, sowie für die Entfaltung und die Freiheit eines jeden einzelnen Individuums ist die Chancengleichheit eine essentielle Gleichheit. Daher sollte es Aufgabe des Staats sein, Chancengleichheit herzustellen, indem er jeden Menschen Zugang zur Bildung ermöglicht. Auch wenn dafür Steuern erhoben werden müssen, sind diese noch zu gerechtfertigten, da jeder einzelne Bürger davon profitiert, wenn er von gebildeten und kompetenten Menschen umgeben ist, die Leben nach ihren Möglichkeiten leben, und nicht frustriert sind, weil sie ihr Potential nicht entfalten konnten, oder aufgrund von mangelnder Bildung in Kriminalität verfallen oder schlicht dumme Dinge tun, die Schaden anrichten. Darüber hinaus gehört auch der Ausbau der Infrastruktur eines Landes zur Schaffung des Staates, da nur eine ausgebaute Infrastruktur es den Menschen ermöglicht sich frei zu bewegen und Chancen zu nutzen.

Wenn allerdings ein Mensch trotz Chancengleichheit diese Chancen nicht nutzt, so ist dies seine individuelle Verantwortung und er muss mit den Konsequenzen gerechterweiser leben. Es widerspricht der Gleichheit vor dem Recht dann anderen Menschen, die ihre Chancen genutzt haben, in ihren Eigentumsrechten zu verletzten bzw. zu besteuern, damit sie dann die Konsequenzen seines verantwortungslosen Handelns tragen müssen, wie es bei der klassischen Umverteilung des modernen Sozialstaats der Fall ist. Der Staat sollte den Bürgern die Chancen geben ihre Zukunft zu gestalten, aber er kann sie auch nicht bemüttern, wenn sie ihren Bildungsweg abgeschlossen haben, schließlich kann auch nur ein Mensch wirklich erwachsen werden, der lernt auf eigenen Beinen zu stehen und sich selbst zu ernähren und dafür zu arbeiten und die Verantwortung auf sich selbst aufzunehmen.

Was ist aber mit Menschen, die trotz Chancengleichheit nun mal es nicht schaffen, sich sinnvoll in die Gesellschaft zu integrieren? Damit beschäftigt sich das dritte der Gerechtigkeit zugrundeliegende Gleichheitsprinzip.

Die Gleichheit des Ergebnisses ist je nach Definition entweder a) die Gleichheit, nach der jeder universell für die gleiche Leistung das Gleiche bekommt (und oft als soziale Gerechtigkeit beschrieben wird) oder nach b) die Gleichheit, bei der jeder das Gleiche bekommt, allerdings nicht universell, sondern spezifisch jeder für eine konkret erbrachten Ergebnisse einer Leistung entsprechend konkret das Gleiche bekommt. Die Gleichheit nach b) lässt sich also mit dem Prinzip Jedem das Seine beschreiben, was allerdings dann natürlich keine universelle Gleichheit ist, und daher meistens nicht als Gleichheit betrachtet wird, sondern als eine logische Schlussfolgerung aus der Chancengleichheit. Zu ihren Enden gebracht, sind die nämlich Ergebnis-Gleichheiten a) und b) diametral, die eine ist die a) „Jedem das Gleiche“ und b) „Jedem das Seine“, wobei die Schaffung der Chancengleichheit wie im vorherigen Abschnitt gezeigt, theoretisch dazu führt, dass jeder das Seine beziehungsweise die entsprechende Position in der Gesellschaft bekommt. Deswegen wird in den meisten Debatten die Form b) nicht als die Gleichheit des Ergebnisses betrachtet, sondern der Chancengleichheit untergeordnet. Im Folgenden wir daher vor allem auf Form a) eingegangen.
Die universelle Gleichheit des Ergebnisses nach a) mag zwar auf den ersten Blick und in kleinen Rahmen, wie zum Beispiel der Verteilung von Geschenken beim Weihnachtsfest oder von Lebensmitteln innerhalb der Familie, sinnvoll erscheinen, ist es jedoch in fast allen anderen Lebensbereichen nicht.

Wenn zum Beispiel die fiktive Personen Justus und Dike beide jeweils einen Stuhl bauen, und Justus ein total unbegabter Handwerker ist und Dike hingegen sehr geschickt vorgeht, so wird Justus im schlimmsten Fall einen Stuhl bauen, der zusammenbricht, sobald jemand sich draufsetzt, und Dike einen perfekten Stuhl, der mitunter Jahrzehnte hält. Wenn nun die beiden ihren Stuhl verkaufen wollen würden, dann würde niemand einen Stuhl haben wollen, der sofort auseinanderfällt. Beide hatten ihre Chance einen Stuhl zu bauen, Dike wird für ihren Geld verdienen, Justus einen Verlust einstecken und gezwungen werden, einen anderen Beruf zum Gelderwerb zu suchen. Wenn man jedoch nach a) handelt, so sollten nun sowohl Justus als auch Dike für die erbrachte Leistung einen Stuhl gebaut zu haben die gleiche Summe an Geld erhalten. Dies ist jedoch nicht ohne Gewalt möglich, denn niemand will den Stuhl von Justus haben. Damit trotzdem die Gleichheit des Ergebnisses gewahrt wird, kann ein Staat intervenieren und Dike die Hälfte ihrer Einnahmen durch den Stuhl an Justus geben. Dadurch werden beide ungleich vor dem Recht behandelt, also die Gleichheit vor Gott beziehungsweise vor dem Recht aufgehoben, genauso wie die Chancengleichheit und ihr Zweck ausgehebelt werden. Die Gleichheit der Ergebnisse kommt also mit dem Preis der Gleichheit vor dem Recht und der Chancengleichheit. Darüber hinaus, ist es nicht nur paradox Dike dafür zu bestrafen, dass sie eine bessere Leistung erbracht hat, als Justus – es verhindert auch eine Selektion. Dadurch, dass Justus trotz seiner Unfähigkeit weiter Stühle bauen und davon leben kann, wird er nicht gezwungen einen neuen Beruf zu suchen, der seinen Fähigkeiten besser entspricht, und in dem er nicht nur sich selbst mehr erfüllen, sondern auch für die Gesellschaft von größeren Nutzen wäre. Dike hingegen wird dadurch, dass sie für ihre Leistungen bestraft wird, demotiviert diese weiterhin in dieser guten Qualität zu erbringen, und sie wird dadurch in der Entfaltung ihres Potentials gehemmt. Dies ist langfristig kontraproduktiv für die Entwicklung beider und dann auch für die Gesellschaft, da ohne Selektionsprozess keine auf Individuen basierende Wirtschaft und Politik langfristig erfolgreich sein kann.

Es lässt sich also festhalten, dass Ergebnis-Gleichheit in der Regel ungerecht ist, da sie diejenigen, die sich das Ergebnis verdient haben, bestraft, und diejenigen, die es nicht verdient haben, entlohnt, weshalb diese Gleichheit auch als Neid-Gleichheit bezeichnet wird. Abstrakter wird die Forderung nach dieser Gleichheit benutzt, um für soziale Gerechtigkeit zu plädieren und damit Programme umzusetzen, die man als Sozialstaat zusammenfassen kann, und die das Ziel haben die Ärmsten zu unterstützen.
Es wäre aber auch ungerecht, die Gleichheit vor dem Recht zu brechen und damit ungerecht zu handeln, um Menschen zu enteignen und damit zu bestrafen, die mit ihren Leistungen für die Gesellschaft nützlich sind und so aus der Symbiose profitieren, nur um dann diejenigen Menschen dafür zu belohnen, dass sie das nicht tun. Es wäre nicht gerecht, wenn Dike hart arbeitet und Stühle verkauft, und dann einen Teil ihres Einkommens an Justus abgibt, der mittlerweile nicht einmal mehr Stühle herstellt, sondern nur noch faul herum liegt, und dafür auch noch belohnt wird. Eine asymmetrische Umverteilung von Reich nach Arm wie sie in Sozialistischen Staaten stattfindet, ist damit nicht gerecht, da sie gegen die ersten beiden Gleichheitsprinzipien von Gott und Chance verstößt.

Wollte man alle Menschen gerecht behandeln, so müsste man auch alle Menschen gleich besteuern und gleich unterstützten, das heißt, jeder bekommt Bafög und jeder bekommt eine Form einer Grundaufstockung, aber eine asymmetrische Verteilung von Leistenden auf Nicht-leistende ist nicht gerecht. Also, es wäre mit den beiden anderen Gleichheitsprinzipien vereinbar und damit gerecht, wenn sowohl Justus und Dike, unabhängig von ihrem Einkommen, im gleichen Umfang Nahrungsmittel, Wohnraum, den gleichen Steuersatz und den gleichen Zugang zur Bildung bekommen, aber nicht, wenn Justus Nahrung und Wohnraum auf Kosten von Dike bekommt, während Dike ihre Nahrung und ihren Wohnraum selber bezahlen muss. Da allerdings diese Nahrung und der Wohnraum usw. irgendwo herkommen müssen, das heißt, irgendwo jemand dafür arbeiten muss, kann es keinen gerechten Weg geben, wie jemand, der keine Produktivität in die Gesellschaft einbringt, wie Justus, dann diese von der Gesellschaft bekommt. (Außer wir schaffen eines Tages ein perpetuum mobile, oder zumindest eine Armee aus sich selbst reparierenden Robotern, die unsere Grundversorgung sicherstellen, sodass der Staat kostenlos Unmengen an Ressourcen selber produzieren und verteilen kann.)

Man kann zwar argumentieren, ähnlich wie bei der Bildung, dass eine Gesellschaft für alle besser ist, in der kein Justus in die Kriminalität gezwungen wird, da er sich kein Wohnraum und kein Essen leisten kann, allerdings wäre es wie aufgeführt nicht gerecht einen Sozialstaat dafür zu etablieren. Die staatlichen Sozialleistung neigen überdies dazu, den Mensch unmündig zu machen, da sie ihn in seiner Konformität bestärken und die sozialen Netze überflüssig machen und dadurch auflösen. Für diejenigen, die durchs soziale Netz fallen waren in den religiösen Gesellschaften die Almosen konzipiert, sodass die, die keinen Platz in der Gesellschaft haben, durch die freiwilligen Spenden der Gläubigen trotzdem überleben können. Dieses System, bei dem diejenigen, denen es gut geht, freiwillig ein Teil ihres Wohlstands abgeben, ist das einzige gerechte Sozialsystem, da es auf Freiwiligkeit basiert und daher dafür kein Staat die Gleichheit vor dem Recht brechen muss.

Fraglich ist allerdings, wie effizient die Verteilung privater Spenden, vor allem in einer zunehmen säkularisierten und damit nicht an religiöse Moral gebundenen Welt, möglich ist. Die beste Lösung dafür wäre, wenn in den Schulen nicht nur Sprachen, Mathematik und Wissen gelehrt werden, sondern die Schüler auch in Empathie, formal logischem Denken, Gerechtigkeitssinn und Tugenden geschult werden, also zu mündigen und sozialen Bürgern geformt werden. Leider existieren entsprechende Fächer und Programme zur Förderung von Philantrophie bisher aufgrund von mangelnder Chancengleichheit und schlechter Bildungspolitik in Deutschland vor allem nur an Privatschulen und elitären Internaten,  die es nicht geben würde, wenn der Staat seinen Bildungsauftrag gewissenhaft erfüllen würde. Da der Staat sich letztendlich aber aus Individuen zusammensetzt, muss nicht nur der Staat gerecht sein, sondern auch die Bürger, die diesen Staat bilden, müssen gerecht, gebildet und empathisch sein, da nur so ein soziales und friedliches Zusammenleben möglich wird. Dies ermöglicht auch die Schaffung von sozialen Netzen, die sich um Probleme kümmern, die außerhalb des Aufgabenbereichs des Staats liegen.

Dies ist soweit die Theorie. Da in der Realität, vor allem in der durch Medienkonsum und Nihilismus vereinsamten postmodernen Gesellschaft des Westens, aber soziale Strukturen nicht ausreichen, um alle Menschen aufzufangen, kann es gerecht sein den Staat einzubeziehen. Man kann dafür die Chancengleichheit argumentativ so weit führen, dass man sagt, dass ein Mensch immer alle Chancen haben sollte, zurück in die Gesellschaft zu finden und an ihr teil zu nehmen. Damit kann man Systeme, die allgemein als Sozialstaat bezeichnet werden, als gerecht legitimieren. Allerdings müssen dann diese Systeme so geschaffen sein, dass sie nicht nur am Leben hält und die Betroffenen bestrafen, wenn sie versuchen sich wieder hochzuarbeiten (wie im Hartz IV System der Fall ist) sondern Anreize und Möglichkeiten geschaffen werden, wieder zu arbeiten (wie zum Beispiel im Konzept des liberalen Bürgergelds, für das sich die FDP in Deutschland einsetzt).

Zusammenfassend kann man schlussfolgern, dass eine freie und zivilisierte Gesellschaft, in der jedes Individuum seinen Platz finden und in Freiheit leben kann und in der die meiste Gerechtigkeit herrscht, theoretisch die ist, deren Staat nach dem Gerechtigkeitsprinzip handelt, das auf den Gleichheitsvorstellungen von der Gleichheit vor dem Recht und der Chancengleichheit beruht, und ansonsten nicht in das Leben der Bürger interveniert. Ein Staat, der eine Gleichheit der Ergebnisse anstrebt, wie es der Sozialismus beziehungsweise der Kommunismus vorsehen, hebelt nicht nur zwangsläufig die ersten beiden Gleichheitsprinzipien aus und wird ungerechter, er zerstört damit auch die Freiheit der Individuen und die Wirtschaftskraft der aus ihnen geformten Gesellschaft. Damit ein Staat durchgehend gerecht sein kann, braucht er nicht nur eine republikanische Struktur, die starke Institutionen ermöglicht, die die Gleichheit vor dem Recht durchsetzen können – er braucht auch eine durchlässige Kompetenz-Hierarchie, in der jeder die Chance hat aufzusteigen und seinen Fähigkeiten entsprechend mitzuwirken, sowie eine engagierte und solidarische Bevölkerung, die freiwillig untereinander kooperiert. Für einen guten Staat braucht es also nicht nur die metaphysische und organisatorische Basis eines gerechten Rechts- und Bildungssystems, sondern auch die Basis aus sozialen und mündigen Individuen, wobei beides einander bedingt. Weder kann ein Staat gerecht sein, wenn die Individuen, aus denen er sich zusammensetzt, unmündig sind, noch können sich nur wenige mündigen Individuen entwickeln, wenn der Staat ungerecht ist.
Solch eine gerechte und gute Gesellschaft wäre in der Idealform eine liberale Republik, die ähnlich wie Platons Staat, mit festen Strukturen für Recht und Ordnung und damit Freiheit sorgt, von gerechten und kompetenten Menschen gelenkt wird, die sich für die Leitung qualifiziert haben und durch Sicherungssysteme und eine Teilung der Gewalten davon abgehalten werden, ihre Macht zu missbrauchen. Optimalerweise würde ein System seine Herrscher aufgrund ihres Gerechtigkeitssinns und ihrer Begabungen selbst aussuchen, da allerdings der Staat etwas ist, was durch Menschen geschaffen wird und aus ihnen besteht und eine unkorrumpierbare, von außen eingerichtete Instanz zur Herrscherwahl nicht gegeben ist, ist der beste Kompromiss ein semi-demokratisches System beziehungsweise eine liberale, republikanische beschränkte Demokratie, in der der Staat nur so viel Macht wie notwendig hat und alle Bürger vor Gericht gleich behandelt und ihnen die Möglichkeiten zur Selbstentfaltung bietet. Wichtig ist hierbei zu betonen, dass eine konstitutionelle Republik einer richtigen Demokratie zu bevorzugen wäre, da richtige Demokratie Populismus und eine Tyrannei der (in der Realität meist irrational agierenden) Massen ermöglicht, die die Gerechtigkeit der Institutionen untergraben würde. Die Stimmen der einzelnen Individuen sollten daher bei der politischen Entscheidungsfindung nicht gezählt, sondern gewichtet und die Macht der Herrschenden beschränkt werden. Darüber hinaus haben allerdings die Bürger und damit jedes Individuum die Verantwortung auch selbständig und gemeinschaftlich zu handeln, und das unabhängig vom Staat. Der Staat kann nämlich nur gerecht bleiben, solange er die Gleichheit vor dem Recht nicht verletzt, und das kann er nur, solange er nur minimal in die Leben der Menschen eingreift, vor allem, um Justiz und Bildung zu sichern, aber den Rest müssen die Menschen unabhängig vom Staat und freiwilig selbst organisieren.

So wäre das Idealbild. Da unsere Gesellschaft im steten Wandel und unendlich kompliziert ist, wird es wahrscheinlich niemals einen wirklich gerechten Staat geben, da auch die akute Tagespolitik die Herrschenden dazu zwingt aus Pragmatismus Ungerechtigkeiten zu begehen und Korruption und Machtgier das System korrumpieren. Die alltägliche Welt ist darüber hinaus unendlich komplex und im steten Wandel, und kann daher, wie hier, nur in abstrakten Reduktionen begrifflich gemacht werden, sodass eine perfekte Beschreibung und damit perfekte Antwort auf die Probleme der Welt nicht immer möglich ist. Dies wird vor allem deutlich, wenn man die zahllosen juristischen Einzelfälle zu betrachtet, die jeden Tag auftreten, und die sich oft nicht einfach durch die Orientierung an den hier dargelegten Axiomen lösen können.

Die Technologien, die das Leben und damit die Gesellschaft formen, verändern sich ebenfalls konstant, sodass kaum eine zeitlose Antwort gefunden werden kann. Aber Perfektion ist stets ein Ideal, das es sich anzustreben lohnt, auch wenn man es nie erreichen wird, so ähnlich wie man beim Boxen nie auf das Gesicht des Gegners zielt, sondern hinter sein Gesicht, um den Schlag mit mehr Wucht und auch dann zu landen, wenn er zurückweicht. Daher ist es immer lohnenswert die grundlegenden Prinzipien und Ideale wie Gerechtigkeit zu betrachten und dann das Leben und den Staat nach ihnen auszurichten. Wahrscheinlich werden diese Ideale niemals vollständig realisiert werden können, aber der Versuch diese zu Realisieren und die Annäherung an das Ideal, machen das Leben besser und damit bereits idealer.


Und wie immer handelt es sich bei diesem Essay um meine subjektive Meinung zu der Thematik. Wie man wahrscheinlich merkt, argumentiere ich aus einer stark liberalen Position heraus, aber ich bin immer offen für neue Ideen, weshalb ich mich immer über Gegenmeinungen in den Kommentaren freue. 😉


Quelle des Beitragsbild: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Declaration_of_Independence_(1819),_by_John_Trumbull.jpg#/media/File:Declaration_of_Independence_(1819),_by_John_Trumbull.jpg

Wenn dir dieser Artikel weitergeholfen oder dich unterhalten hat, dann würde es mich freuen, wenn du mir einen Kaffee spendieren würdest, mit dem ich noch mehr solcher Artikel schreiben kann 😉
Kaffee spendieren via Ko-Fi




Hamlet and Identity Politics

To find and shape her or his own identity is probably the most important, but also toughest challenge everyone has to face during life. Especially for teenagers and young adults, who are transitioning into adulthood, the quest for identity plays a crucial role in everyday life. This is not only reflected in the vast amount of existing teen-subcultures and recent issues with neomarxistic-identity politics used by leftists and the alt-right to create tensions in schools and universities. The struggle for identity is also one of literatures most important themes, even embodied in its own genre of Coming-of-age-novels. With famous representants like “The Catcher in the Rye” by Salinger or “The artist as a young man” by Joyce.

But even before the emergence of the modern novel, the theme was most famously used in Shakespeares play “Hamlet”. After the murder of his father, the young Prince of Denmark struggles to decide what to do and who to be.

Though most people don´t have to decide whether or not they should revenge their father by killing their uncle, almost everybody can relate to Hamlets archetypical search for the right way. It would be hard to find a student, who can´t utter the lines “To be or not to be” from Hamlets famous soliloquy. The rapid mood swings and the confusion Hamlet expresses and his tendency for radical solutions and indecisiveness are the poetic mirror if everyone´s everyday struggle.

This is what makes “Hamlet” such a valuable play and relevant today.

Shakespeare shows us that it is human to struggle for identity, but the bloodshed at the end of the play is more than a subtle warning about what can happen if we do not remain careful about what we are willing to sacrifice for our identity.

 


Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Benjamin_West_-_Hamlet-_Act_IV,_Scene_V_(Ophelia_Before_the_King_and_Queen)_-_Google_Art_Project.jpg


Wenn dir dieser Artikel weitergeholfen oder dich unterhalten hat, dann würde es mich freuen, wenn du mir einen Kaffee spendieren würdest, mit dem ich noch mehr solcher Artikel schreiben kann 😉
Kaffee spendieren via Ko-Fi




No pain, no gain – Warum Satire alles darf und muss

Seit den feigen Anschlägen auf das Satiremagazin Charlie Hebdo 2015 und der Böhmermann-Affäre 2017 werden in Deutschland wieder die Stimmen lauter, die gegen Kurt Tucholskys berühmte Aussage „Satire darf alles“ argumentieren.
Dabei kreiden sie der Satire entweder an, dass diese oft gegen den guten Geschmack verstößt, wie zum Beispiel der Karikaturist Thomas Wizany; oder sie schieben juristische Gründe vor, wie der Medienanwalt Christian Schertz in seinem 2015 erschienen Artikel „Was die Rechtsprechung sagt – die Satire darf nicht alles“. Wieder andere pochen auf politische Korrektheit und verweisen auf die Gefühle, die Satire oft verletzt.
Wer jedoch Satire in irgendeiner Form begrenzen will, der hat offensichtlich nicht nur ihre wichtige gesellschaftliche Funktion nicht nur nicht verstanden, er offenbart auch die eigene Naivität. Denn selbst, wenn jemand ernsthaft versuchen würde, Satire einzuschränken, so wäre er langfristig zum Scheitern verurteilt. Satire darf nämlich nicht nur alles, sie kann auch alles. Es liegt in ihrer Natur, sich der Zensur zu entwinden. Satire überspitzt die Realität und bläht sie zur Absurdität auf, sodass sie für ihre Aussagen eine Umgebung des „Unernsten“ schafft, wie Jan Hedde es in seinem Artikel „Das ist Satire“ passenderweise nennt. „Eine Justiz, die Satire bewerten will, gibt sich der Lächerlichkeit preis“, und nicht nur das: sie spielt dem Satiriker dabei auch noch oft in die Hände, wie Heinrich Heines fast nur aus Leerstellen bestehendes Werk „Die deutschen Censoren“ anschaulich demonstriert.
Deswegen ist es auch absolut belanglos, dass Böhmermanns Schmähgedicht von einem Gericht im Nachhinein verboten wurde. Wenn überhaupt, dann verstärkte der Gerichtsprozess nur die Wirkungen des Gedichts und trug zu dessen Verbreitung bei, da er dessen Bekanntheit stark steigerte.
Es steht außer Frage, dass sein Gedicht geschmacklos und anstößig war. Aber das musste es auch sein.
Satire verletzt Normen, um auf die Verletzung von Normen hinzuweisen.
Nur durch die Geschmacklosigkeit konnte Böhmermann Erdogan zu dessen aggressiven Reaktionen provozieren, die ihn als neurotischen Despoten entlarvten, und die Aufmerksamkeit des Volks auf ihn richteten. Die darauffolgenden politischen und diplomatischen Turbulenzen waren für die Bundesrepublik Deutschland eine schmerzhafte und bloßstellende Erfahrung, und das ist gut so.
Den (oft humorlosen) politischen Analysten und Intellektuellen war seit langem bekannt, dass das Verhältnis der BRD zu Erdogan nicht gesund war und der Präsident selber nur begrenzt dem Idealbild eines demokratischen Herrschers entspricht. Aber solche formalen Fakten lass sich leicht verleugnen und werden von der breiten Masse eher ignoriert.
Erst als Böhmermann den Finger tief in diese Wunde rammte, sodass ein schmerzhafter Aufschrei durch die Presse und Politik ging und Erdogan tobte, richteten sich die Scheinwerfer der medialen Aufmerksamkeit und der breiten Bevölkerung auf die Missstände und zwangen die Politik zum Handeln. Damit erfüllte die Satire ihre essenzielle Aufgabe, auf Missstände hinzuweisen.
Ein System, welches versucht, Satire einzuschränken, stellt sich daher doppelt selbst ein Bein, und wird damit zwangsläufig stürzen. Nicht nur ist das Bekämpfen von Satire eine Sisyphos-Arbeit, die dieser nur mehr Angriffsfläche und Aufmerksamkeit liefert – denn Satire ist immer Reaktion, und Aktionen gegen die Satire ermöglichen nur noch mehr Reaktionen – es verursacht auch Stagnation. Ohne oder durch eine eingeschränkte Satire werden der Gesellschaft und ihren Herrschern vielleicht viele Schmerzen und Peinlichkeiten erspart – aber wie es das Motto der Fitnessszene passend zusammenfasst:
„Ohne Schmerz, keine Verbesserung. No pain, no gain.“
Wenn niemand auf die Wunden deuten würde, würden sie auch nicht unbedingt rechtzeitig behandelt werden können, bevor sie septisch werden.
Der Satiriker ist daher nicht, wie es seine Opfer oft darzustellen versuchen, ein bösartiger Troll oder Nihilist, sondern ein „gekränkter Idealist“, wie Tucholsky selbst betonte, der die Welt verbessern will.
Es ist kein Zufall, dass viele oppositionelle politische Bewegungen – sei es der Vormärz, der Dadaismus, die APO, DIE PARTEI oder Böhmermanns jüngste Reconquista des Internets – entweder ihren Ursprung in der Satire haben oder zumindest durch diese Aufmerksamkeit auf sich ziehen.
Eine Beschränkung von Satire wäre damit die Unterdrückung einer der effektivsten Werkzeuge der Opposition, die jede Gesellschaft braucht, um die Machtverhältnisse ausgeglichen zu halten.
„Ja, aber, was ist, wenn sich Satire nicht gegen die Herrschenden richtet, sondern die Gefühle von Minderheiten oder Einzelpersonen verletzt?“, mag jetzt einer einwenden.
Darauf ist zu antworten, dass hier das Gleiche gilt, wie bei der Satire, die den Herrschenden kritisiert. Satire ist dazu da, auf Missstände hinzuweisen, ungeachtet der Gefühle der Betroffenen.
„Die Satire muß übertreiben und ist in ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht“, stellt bereits Tucholsky fest, aber dadurch bezieht sie ihre Kraft. Es geht bei Satire nicht darum, dass es jemanden gut geht – auch wenn dieser Eindruck durch ihre komödische Natur entstehen kann – es geht auch nicht darum, besonders ansprechend oder kunstvoll zu sein. Es geht darum, den Menschen und die Gesellschaft auf Fehler hinzuweisen und zu verbessern.
Wenn Missstände existieren, müssen sie von den Betroffenen akzeptiert werden. Kritikfähigkeit und Reflektion sind Ideale der Aufklärung und damit tragende Säulen der modernen Gesellschaft, weshalb sie auch in der Verfassung in Form der Berufung auf Kants Theorien fest verankert sind. Daher kann die Satire auch nicht übertreiben, wie Tucholsky bereits 1919 in seinen Artikel „Was darf Satire?“, herausarbeitet; schließlich verbreitet sie nichts als die schonungslose Wahrheit, welche „blutreinigend“ wirkt.
Wenn also zum Beispiel Moslems auf die Straßen gehen oder Islamisten Anschläge verüben, weil sie sich durch Karikaturen französischer Satiriker angegriffen fühlen, wie 2015 in Paris, dann bedeutet das nicht, dass die Satiriker zu weit gegangen sind.
Im Gegenteil; es verdeutlicht, dass sie mit ihrer Satire einen echten, wunden Punkt erwischt haben, der der Untersuchung bedarf. Es entlarvt die totalitären und ultrakonservativen Strukturen sowie die Kritikunfähigkeit und das Gewaltpotential der Ideologie Islam (und die Humorlosigkeit einiger ihrer Anhänger). Und gegen diese pathologischen Attribute des Islams können wir weder durch Akzeptanz noch Toleranz vorgehen, noch dadurch, dass wir Barbarismus mit Barbarismus vergelten und Bomben in den Nahen Osten schicken. Wir können – als aufgeklärte und mündige Menschen – nur dagegen vorgehen, indem wir immer wieder den Finger in die Wunden drücken, bis sich dieser Wunden angenommen wird. Und die besten Waffen für diesen Kampf ist die Feder (bzw. Tastatur, Stift etc.), die neben sachlichen Abhandlungen und Analysen auch Satire schafft; das zeigten in der Vergangenheit bei anderen ideologischen Konflikten bereits Werke wie George Orwells „Animal Farm“ (Satire auf Kommunismus) oder Hunter S. Thompsons „Angst und Schrecken in Las Vegas“ (Satire auf den verkommenen American Dream).
Wenn als das nächste Mal jemand Menschen tötet, Dinge sprengt oder einfach nur öffentlich ausrastet, weil ein Stück Satire seiner Pathologie den Spiegel vorgehalten hat, dann sollten wir nicht in Frage stellen, ob Satire alles darf.
Denn dass mit jemand mit primitiver Gewalt und anderen Zeugnissen der Unzivilisiertheit auf Satire reagiert, ist nicht die Schuld des Satirikers. Wie George C. Lichtenberg in seinem berühmten Aphorismus bereits anschaulich darlegt:
„Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen, und es klingt hohl, ist das allemal im Buch?“
Wir sollten stattdessen also eher fragen, ob wir nicht noch mehr Satire brauchen;
und am besten noch mehr Satire machen, wie es die überlebenden Redakteure von Charlie Hebdo taten, indem sie eine Woche nach dem Anschlag ihre Titelseite mit einer Mohammed-Karikatur füllten.


Gliederung:
No pain, no gain – Weshalb Satire alles darf und muss
1. Einleitung: Zunehmende Kritik an Tucholskys berühmten Zitat nach Charlie Hebdo und der Böhmermann-Affäre
2. Hauptteil
2.1 Immunität von Satire gegen Zensur
2.2 Die Notwendigkeit von Normbrüchen durch Satire am Beispiel Böhmermann-Erdogan
2.3 Die Wichtigkeit von Satire für die Gesellschaft trotz Schmerz und Peinlichkeit
2.4 Die idealistische Natur des Satirikers
2.5 Verletzung von Gefühlen durch Satire am Beispiel Islam
3. Appell: Mehr Satire wie die Redakteure von Charlie Hebdo


Der Text ist identisch mit dem Essay, welchen ich im bayrischen Deutschabitur 2018 zum Aufgabenteil 5 „Was darf Satire?“ schrieb – und für den ich 15 Punkte / die Note 1+ erhielt.

Wenn dir dieser Artikel weitergeholfen oder dich unterhalten hat, dann würde es mich freuen, wenn du mir einen Kaffee spendieren würdest, mit dem ich noch mehr solcher Artikel schreiben kann 😉
Kaffee spendieren via Ko-Fi

Titelbild-Quelle: Von James Gillray, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=238075

Informationen Bayrisches Deutschabitur: http://www.isb.bayern.de/gymnasium/leistungserhebungen/abiturpruefung-gymnasium/deutsch/




Warum der Islam kritisiert werden muss

Wer den Islam kritisiert, wird heutzutage schnell als islamophob, politisch unkorrekt oder als Rechter verschrien und mundtot gemacht. Dies ist jedoch nicht nur diametral zu einer vernünftigen Auseinandersetzung mit dem Thema, sondern auch zu den Grundlagen der modernen westlichen und multikulturellen Gesellschaft, deren Existenz auf den Werten der Aufklärung, des Liberalismus und des Humanismus fußt. Zu diesen gehört nämlich nicht nur berechtigterweise die Religionsfreiheit, sondern auch die Säkularisierung, die Meinungsfreiheit und damit das aufklärerische Ideal sapere aude und die Möglichkeit und Pflicht, alles zu hinterfragen, zu diskutieren und zu prüfen. Sogar liberale Muslime üben daher mittlerweile Kritik an den europäischen Linken, die mit ihrer politischen Korrektheit berechtigte Kritiken am Islam an sich zu unterdrücken versuchen. [26]

Wenn wir nicht die Werte, die der Islam mit sich bringt, hinterfragen, dann geraten wir in Gefahr, dass unsere multikulturelle und liberale Gesellschaft scheitert, weil wir ignorant gegenüber seinen Schattenseiten werden und sie nicht richtig integrieren. Und die Schattenseiten des Islams sind extrem problematisch, da der Islam nicht eine Religion des Friedens ist, wie oft behauptet wird, sondern in seinem orthodoxen Kern eine totalitäre und kriegerische Ideologie.

(Abgesehen in der Form von reformierten Splittergruppen wie den Ahmadiyya, die zwar vor allem in Deutschland medial sehr präsent sind, aber auch dort eine Minderheit darstellen und lediglich ca. 1% der Muslime weltweit ausmachen, und deshalb nicht repräsentativ für die restlichen 99% sind, die sich zu den beiden orthodoxen Hauptströmungen bekennen. In diesem Artikel soll allerdings der Islam als Ideologie an sich kritisiert werden, nicht die Moslems.).

Doch um das zu verstehen, lasst uns erstmal einen Blick in den Koran, das heilige Buch des Islams, werfen. Denn wie kann man sonst einen unverfälschteren Eindruck von dem islamischen Denken bekommen, als durch den Text, welcher dessen Fundament und Zentrum bildet? Ich rate jedem, der sich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzen will, sich selber ein Exemplar des Korans zu besorgen, um sich selbst von der Natur des Islams überzeugen zu können. Wenn man durch dieses Buch blättert, wird einem nicht nur die Redundanz und die aphorismenartige Schreibweise auffallen, man muss auch unweigerlich mehrmals innehalten, vor allem bei Passagen wie den folgenden, die leider auch durch den (hier fehlenden) Kontext, nichts Eindeutigkeit einbüßen :


Und tötet sie, (die Ungläubigen) wo immer ihr sie trefft, und vertreibt sie, von wo sie euch vertrieben haben. Denn Verführen ist schlimmer als Töten. Kämpft nicht gegen sie bei der heiligen Moschee, bis sie dort gegen euch kämpfen. Wenn sie gegen euch kämpfen, dann tötet sie. So ist die Vergeltung für die Ungläubigen.“ (Sure 2, Vers 192)

Eure Frauen sind euch ein Saatfeld. So kommt zu eurem Saatfeld, wann und wie ihr wollt. “ (Sure 2, Vers 223)

Vorgeschrieben ist euch der Kampf, obwohl er euch zuwider ist. Aber vielleicht ist euch etwas zuwider, während es gut für euch ist. Und vielleicht liebt ihr etwas, während es schlecht für euch ist. Und Gott weiß, ihr aber wisst nicht Bescheid.“ (Sure 2, Vers 217)

„Laßt also für Allahs Sache diejenigen kämpfen, die das irdische Leben um den Preis des jenseitigen Lebens verkaufen. Und wer für Allahs Sache kämpft, als dann getötet wird oder siegt, dem werden Wir einen gewaltigen Lohn geben.“ (Sure 4, Vers 74)

Und wenn die verbotenen Monate verflossen sind, dann tötet die Götzendiener, wo ihr sie trefft, und ergreift sie, und belagert sie, und lauert ihnen auf in jedem Hinterhalt. Bereuen sie aber und verrichten das Gebet und zahlen die Zakat, denn gebt ihnen den Weg frei. Wahrlich, Allah ist allverzeihend, barmherzig.“ (Sure 9, Vers 5)

Kämpft gegen diejenigen, die nicht an Allah und nicht an den Jüngsten Tag glauben und nicht verbieten, was Allah und Sein Gesandter verboten haben, und nicht die Religion der Wahrheit befolgen – von denjenigen, denen die Schrift gegeben wurde –, bis sie den Tribut aus der Hand entrichten und gefügig sind!“ (Sure 9, Vers 29)


Diese und viele weitere explizite Aufrufe zur Gewalt, zur Unterdrückung von Frauen, und zum Krieg gegen Ungläubige, finden sich im Koran, und lassen sich schwer anders interpretieren, als das was sie sind: Alles andere als friedlich. Hinzu kommt, dass im Islam der Koran einen extrem hohen Stellenwert hat und als direktes und unverfälschtes Wort Gottes verstanden wird, also kaum anders als wörtlich ausgelegt werden kann.

Wenn also Terroranschläge, Selbstmordattentate und Vergwaltigungen von Muslimen begangen werden, liegt das Problem nicht primär darin, dass diese Personen Fundamentalisten oder Extremisten oder psychisch Kranke sind, auch wenn das auch eine Rolle spielt. Extremisten einer friedlichen Religion wären ja extrem friedlich und selbstlos, so wie man es beispielweise bei buddhistischen Mönchen oder Anhängern des Jainismus beobachten kann. Wenn Muslime Krieg führen im Namen Allahs, dann liegt das daran, dass der Islam in seinem Kern kriegerisch ist, da ihr Begründer Mohammed ein Warlord war, und seine gläubigen Anhänger diesen kriegerischen Kern und den Glauben, wie er im Koran vorgeschrieben wird, ausleben und wie der Religionsstifter mit dem Schwert verbreiten wollen. Wer an den Islam glaubt und dem Koran konservativ befolgt und sein Leben nach dem von Mohammed ausrichtet, für den sind die Unterdrückung der Frau, das Töten von Andersdenkenden und Märtyrertum moralisch richtige Handlungen. Wer den Koran selbst liest, wird feststellen, dass es extrem viele geistige Verrenkungen und Auslassungen nötigt sind, um den Koran auch nur ansatzweise friedlich zu interpretieren.


Muslime und Islam

Doch leben Muslime wirklich nach dem Text?

Natürlich leben nicht alle 1,6 Milliarden auf diesem Planeten zurzeit lebenden Muslime den Koran wörtlich aus. Auch viele islamische Traditionen wie die Vollverschleierungen lassen sich daher nicht direkt im Koran ableiten, sondern haben sich im Laufe der Zeit aus der Intepretation des Buches ergeben. Die meisten Muslime wollen, wie die meisten Menschen, wahrscheinlich nur friedliche und gute Leben führen, allerdings ist die Zahl der sogenannten moderaten Muslime, die meist westliche Moralvorstellungen angenommen haben, viel geringer, als man in den Medien oft suggeriert bekommt. Imame wie Riza Akdemir [16], die liberale und tolerante Ansichten vertreten, sind leider noch immer Einzelfälle[17]. Im Gegenteil hat sich durch das Internet, die steigende Alphabetisierungsrate und die Migration der letzen Jahre die Radikalisierung von Muslimen weiter verstärkt. Seitdem immer mehr Muslime den Koran selber lesen und sich mit anderen über das Interent darüber austauschen können, verschärfen sich die Probleme. Das kann man zum Beispiel an dem jüngsten Wandel der Türkei von einem säkularen Staat zu einen islamischen Staat unter Erdogan sehen, oder an der zunehmend Verbreitung von Salafismus. Des Weiteren haben sich zwar viele Muslime in Europa nach außen mit den westlichen Werten assimiliert, aber sie tragen oft weiterhin ihre durch den orthodoxen Islam bedingten Vorurteile und regressiven Denkweisen weiter, womit sie fruchtbaren Boden für Extremisten bilden. Des Weiteren verhindern sie oft dadurch, dass sie den Koran als heilig und unantastbar verteidigen, dass berechtigte Islamkritik geübt werden kann.

Folgt man aktuellen und repräsentativen Umfragen, befürworten weltweit 70% aller Muslime (das sind 1,29 Milliarden Menschen) [1], dass das Sharia-Gesetz in ihrem Land Staatsgesetz sein sollte. Das Sharia-Gesetz ist eine sehr textnahe Auslegung des Korans, die sich darüber hinaus an dem kriegerischen Leben Mohammeds orientiert, wie sie auch der IS auf seinen Gebieten umsetzt. Es sieht die Todesstrafe für Homosexualität, Apostasie und Atheismus vor, während es zugleich Mehrfachehen erlaubt und Männern gestattet sich an unverschleierten Frauen sexuell zu ‚bedienen‘. Sogar in säkularisierten Ländern wie Großbritannien, befürworten mehr als 50% aller der dort lebenden Muslime eine Kriminalisierung von Homosexualität und rund 40%, dass das Sharia-Gesetz wichtiger sein sollte als das nationale britische Gesetz. [2] Auch in Deutschland befürwort ein Großteil der muslimischen Bevölkerung das Sharia-Gesetz, und es gibt sogar mehrere Fälle, in denen deutsche Gerichte daher islamisches Recht für ihre Entscheidungen miteinbezogen. [12]  Immer wieder kommt es allerdings auch zu Ehrenmorden, die dann von den Tätern mit dem Sharia-Gesetz begründet werden;  [15] und Ex-Muslime müssen selbst in Europa um ihr Leben fürchten, da der Koran die Apostasie unter Todesstrafe stellt. [19] Allgemein stimmt die Hälfte aller deutschen Muslime, der Aussage „Das Befolgen der Vorschriften meiner Religion ist für mich wichtiger als Demokratie“ zu. Und 29,9% aller deutschen Muslime können sich “gut vorstellen, selbst für den Islam zu kämpfen” und dafür ihr “Leben zu riskieren”. [14] Vor allem unter jungen Muslimen, sind noch  radikalere Tendenzen immer wieder zu beobachten. So befürworteten 8% aller muslimischen Schüler in Niedersachsen bei einer Umfrage 2016, die Handlungen des Islamischen Staats (IS). [13] Die Entstehung einer islamischen und damit menschenrechteverachtenden Paralleljustiz ist damit ein reales Problem, welches mit dem Islam auftritt.

Dennoch hört man immer wieder, vor allem in den Medien, von linken Ideologen und von Menschen, die sich nicht näher mit dem Islam beschäftigt haben, dass der Islam doch eine Religion des Friedens sei. Schließlich hat der Islam seine Wurzeln bei Abraham, so wie Judentum und Christentum, und ist doch eine Religion, deren Namen sogar übersetzt Frieden bedeutet. Und überhaupt, was ein Mensch privat glaubt, ist doch in einer modernen, multikulturellen und säkularen Gesellschaft egal, schließlich schadet er damit niemanden und hat durch die Religionsfreiheit das Recht auf seinen Glauben.

Das wäre schön so, entspricht aber leider nicht der Realität und ist damit utopisches Wunschdenken. Wer nämlich versucht den Islam mit dem westlichen Verständnis der Religion zu beschreiben, der hat den Islam und Religion nicht verstanden. Wenn wir im Westen von Religionen sprechen, und in dem Zuge auch von religiöser Freiheit, meinen wir damit das Konzept eines ethischen und spirituellen Weltbildes, welches dem Individuum einen Sinn innerhalb der Schöpfung gibt. Diese moralischen Systeme mischen sich in einer säkularen und liberalen Gesellschaft optimalerweise nicht signifikant in die Politik und das gesellschaftliche Zusammenleben ein und können als Privatsache betrieben werden. Dieses Konzept beschreibt sehr gut die traditionellen westlichen Religionen wie Judentum und das reformierte Christentum und auch viele östliche Denktraditionen wie den Buddhismus. Auch der Islam bietet wie diese Religionen ein spirituelles und ein moralisches Fundament für das Leben, allerdings auch viel mehr als das.

Der Islam ist nicht nur eine Religion, sondern auch eine totalitäre und politische Ideologie, die ihre Koexistenz mit westlichen Ideen wie Feminismus, Menschenrechte, Demokratie, Liberalismus und Atheismus aktiv verneint. Der Koran gibt klar vor, wie Staat und Alltag aufgebaut sein müssen, etwas was man in keiner anderen größeren Religion in dieser Form findet. Der Islam ruft aktiv zu der Bekämpfung von Andersdenkenden auf; er hat einen starken Konservatismus eingebaut, der sogar Veränderungen am Arabischen nicht erlaubt, und versucht das Leben seiner Anhänger und aller anderen totalitär zu kontrollieren. Der Islam verspricht Muslimen, die im Kampf gegen Ungläubige sterben, das Paradies. [10] Der Islam schreibt dem gläubigen Moslem nicht nur seinen Glauben vor, sondern sein ganzes Leben, welches allein dem Gehorsam gegenüber Allah und dessen patriarchalisch-theokratischen Gesellschaftsbild ausgerichtet sein soll. Dies zeigt sich bereits daran, dass der Religionsstifter Mohammed selber ein alles andere als friedlicher Kriegsherr war, der den Islam dazu benutzte, seine Anhänger zu indoktrinieren. Mit dem Schwert verbreitete er seinen Glauben und eroberte weite Teile des heutigen Nahen Ostens, um so das erste Kalifat zu schaffen, welches als Vorbild für den heutigen IS und die Rechtsprechung in Staaten wie Iran und Saudi-Arabien dient. Dieser Personenkult, der Reinheitswahn und die gewaltsame Expansion erinnern dabei stark an den Nationalsozialismus. Allein an diesen Staaten, deren Bevölkerung und Rechtssprechung islamisch ist, kann man die potentielle Grausamkeit des Islams gut erkennen:

Im Iran wurden seit der islamischen Revolution 1979 über viertausend Menschen wegen Homosexualität hingerichtet [8], und auch im Sudan, Jemen, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten droht Homosexuellen die Todesstrafe. In Saudi-Arabien werden Menschen, die sich nicht zum salafistischen Islam bekennen wollen, exekutiert. Alle Frauen müssen in der Öffentlichkeit bodenlange Gewänder und Kopftücher tragen. Generell belegen ausschließlich Islamische Länder die untersten 25 Plätze des Global Gender Gap Reports. [9] Nirgendswo sonst werden Frauen, Homosexuelle und Freidenker so stark unterdrückt, wie in den islamisch geprägten Teilen unseres Planeten. Kritiker des Islams und jene, die den Islam verlassen, müssen weltweit um ihr Leben fürchten [23], wie zum Beispiel der indische Ex-Muslim und Schriftsteller Salman Rushdie, der seit dem Erscheinen seines Romans „Die Satanische Verse“ 1989 unter Polizeischutz steht. Zuletzt erhöhten 2012 der Iran das Kopfgeld, welches jener Muslim erhält, der Rushdie tötet, auf 3,3 Millionen Dollar. Der Roman ist dabei nichteinmal ein direkte kritische Schrift gegen den Islam, sondern erzählt die Geschichte eines indisch-muslimischen Immigranten in Großbritannien, die vom Leben des Propheten Mohammed inspiriert ist. [21] 2015 wurden elf Menschen in den Redaktionsräumen des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo von Islamisten dafür erschossen, dass die Redakteure in satirischen Karikaturen den Propheten Mohammed dargestellt hatten. [22] Eine Ideologie, die auf Kritik und Satire mit extremer Gewalt reagiert, ist nicht vereinbar mit dem freiheitlichen Gedanken des Westens Dinge zu hinterfragen und einander und andere Meinungen zu tolerieren. Anbetracht der Tatsache, dass der Islam aufgrund der hohen Geburtenraten unter Muslimen in wenigen Jahrzehnten die dominierende Religion auf der Welt sein wird, ist das eine beunruhigende Entwicklung. Auch, dass islamistische Regime wie der Iran dabei sind, Atombomben zu entwickeln, ist besorgniserregend, da diese im Gegensatz zu der atheistischen Sowjetunion sich nicht davon abschrecken lassen werden, dass der Einsatz von Nuklearwaffen zu ihrer eigenen Vernichtung führen könnte – Märtyrer und muslimische Kollateralschäden kommen schließlich ins Paradies.

Das gibt der Tatsache, dass vor allem liberale Linke den Islam in Europa verteidigen, einen zynischen Beigeschmack, da sie zu den ersten gehören würden, die in einem islamischen Regime einer Steinigung zum Opfer fallen würden. Mittlerweile werden daher die europäischen Linken für ihre Politik der politischen Korrektheit von liberalen Muslimen kritsiert.


Islam im Vergleich zu Christentum und Judentum

Gegen diese Kriegstreiberei und die Opression argumentieren viele, dass auch das Christentum für Kriege verantwortlich war, und die kriegerischen Seiten des Christentums durch die Aufklärung beseitigt werden konnten. Der Islam auch noch früher oder später sich reformieren wird und dazu nur Toleranz und Zeit braucht.

Diese Argumente sind allerdings an sich nicht valid, da ob andere Religionen friedlich sind oder nicht, keinen Einfluss darauf hat, wie man den Islam moralisch bewertet. Nur weil andere Religionen oder Ideologien auch schlechte Seiten haben, heißt das nicht, dass man den Islam nicht für seine eigenen Schattenseiten kritisieren kann. Die Schattenseiten anderer Religionen sind Thema einer anderen Debatte. Da diese Argumente dennoch immer wieder auftauchen, möchte ich hier trotzdem kurz darauf eingehen.

Es stimmt zwar, dass das Christentum im Laufe der Geschichte immer wieder für Kriege instrumentalisiert wurde und an sich selber keine komplett friedliche Religion ist. Zweifelsfrei wurden viele Grausamkeiten von den Christen im Namen ihres Glaubens begannen.

Doch im Gegensatz zum Islam, besitzt das Christentum in seinem Fundament bereits das Potential die friedliche Religion zu werden, die es heute weitestgehend, dank vieler Kritiker und Reformatoren, ist. Zuerst war das Christentum zu Beginn bereits säkular und wurde erst durch die römischen Kaiser und später die Päpste zeitweise politisch, bemüht sich aber allgemein die Profane und Geistige Welt zu trennen und lehnt Theokratien als unchristlich ab. Der Islam hingegen wurde bereits von Mohammed politisch und theokratisch konzipiert.

Weder im alten, noch im neuen Testament finden sich darüber hinaus, abgesehen von einigen Seiten in den fünf Büchern Mose, Aufforderungen jemanden zu töten. Diese Forderungen werden aber auch jeweils von Gesetzmäßigkeiten des Talmuds und der Nächstenliebe-Maxim des Neuen Testaments weitestgehend wieder überschrieben. Im Judentum wird nämlich durch den Talmud das kritische Denken höhergehalten, als der reine Glauben. (Was dazu beiträgt, dass die jüdische Kultur überdurchschnittlich viele brillante Wissenschaftler hervorgebracht hat. Im Gegensatz zum konservativen Islam, ist das Judentum in seinem Kern stärker liberal ausgerichtet und versucht auch nicht aktiv durch Gewalt zu missionieren, sondern macht es im Gegenteil Konvertiten besonders schwer ein Teil der Religionsgemeinschaft zu werden. ) Und Jesus‘ Forderungen der Nächstenliebe stehen im definitiven Kontrast zu jeder Form von Gewalt, vor allem zu Mohammeds Aufrufen zu Mord, Vergewaltigung, absoluten Gehorsam gegenüber ihm und Märtyrertum, welches bereits zu seinen Lebzeiten abertausend das Leben kostete und noch heute bis zu solchen abartigen Grausamkeiten wie den Anschlägen vom 11. September führt. Ganz abgesehen davon, dass sich Jesus bzw. das Neue Testament aus politischen Sachen nahezu raushält und nicht die totalitären Ansprüche des Islams stellt.

Natürlich haben auch Christentum und Judentum trotzdem ihre Schwächen und Nebenwirkungen, weshalb wir im Westen zum Glück es geschafft haben unsere Staaten weitestgehend (wenn auch nicht komplett) zu säkularisieren und den Glauben ins Private zu drängen, wo er möglichst wenig Schäden anrichten kann. Dadurch können auch Atheisten sich leichter zu ihrem rationalerem Weltbild bekennen, da sie nicht befürchten müssen, verfolgt zu werden.

Der Islam lässt sich jedoch aufgrund seiner kriegerischen und totalitären Fundamente nur sehr schwer säkularisieren und aufklären, und hat damit mehr mit den beiden toxischen Ideologien Nationalsozialismus und Kommunismus gemein als mit Christentum. Deswegen ist es umso wichtiger, dass wir den Islam kritisieren und dekonstruieren, und als das entlarven, was er wirklich ist, so wie es die Aufklärer und Reformatoren mit dem Christentum taten. Wenn wir aus Gründen der Toleranz und politischen Korrektheit über die Fehler des Islams schweigen, wird es auch keine Reformen geben.

Und natürlich sind nicht alle Moslems gewalttätige Dschihadisten, aber auch nicht alle Nazis haben in Konzentrationslagern gearbeitet. Trotzdem würde niemand eine Existenzberechtigung des Nationalsozialismus damit rechtfertigen, dass es auch moderate Nazis gab, die nur ihre Heimat und ihre Familien verteidigen wollten und zwar Hitler verehrten, aber das ja nur eine Privatsache ist. Selbst wenn viele Moslems nicht nach den gewalttätigen und primitiven Prinzipien des Korans leben, so tragen sie zum Erhalt dieser menschenverachtenden Religion bei. Die wenigsten Muslime sind sich ihrer Fehler bewusst, sie glauben lediglich das Richtige zu tun, allerdings ist dieses aus humanistischer und liberaler Sicht nicht akzeptabel und muss angesprochen werden.

Eine Gesellschaft, die zurecht Mein Kampf und Hakenkreuze zensiert, eine Gesellschaft, die zurecht die Taten Stalins, Hitlers und Maos verurteilt; diese Gesellschaft kann nicht im gleichen Zug den Koran und den Antisemitismus, den Aufruf zu Gewalt und den Hass tolerieren, den der Islam beinhaltet. Das wäre nicht nur heuchlerisch und inkonsequent. Eine Gesellschaft, die zulässt, dass das regressive und gefährliche Gedankengut des Islams nicht hinterfragt wird, wird langfristig genauso enden, wie die Weimarer Republik, die den Antisemitismus, Aufruf zur Gewalt und den Hass der Nationalsozialisten tolerierte. Daher ist es wichtig den Islam zu kritisieren, um innere Reformen anzuregen. Denn mit der zunehmenden Ausbreitung durch Migration nach Europa und der hohen Geburtenraten in islamischen Ländern, stellt der aktuelle Islam damit neben dem wachsenden Rechtspopulismus die größte Bedrohung für die Zukunft einer freien und humanistischen Welt im 21. Jahrhundert dar. Statt immer wieder mantrahaft zu wiederholen, dass jeder glauben darf, was er will, und dass der Islam eine friedliche Religion ist, sollten wir Anbetracht der Tatsachen eine ernsthafte Debatte über unseren Umgang mit dem Islam beginnen. Und dann stellt sich die Frage, ob wir islamische Kindergärten und Islamunterricht an unseren Schulen als liberale und aufgeklärte Menschen befürworten können, oder ob wir nicht eher in den Schulen Ethik und Philosophie lehren sollten.

Wir dürfen allerdings dabei auch nicht den Fehler zu begehen, in Angst oder Hass auf dem Islam oder dessen Anhänger zu verfallen oder uns  durch scharfe Polizeigesetze, Überwachung und Politische Korrektheit selbst zu versklaven. Das beste, was wir tun können, ist durch Kritik und Analyse sowie Diskurs, die moralischen Verfehlungen des Islams und seine rückständigen Denkweisen anzugreifen, sodass die liberalen und aufklärerischen Kräfte in den muslimischen Gesellschaften an Rückhalt gewinnen. Die Migration und Integration vieler Muslime in Europa ist damit eine Chance, eine Reformbewegung innerhalb des Islams auszulösen und so die liberale Auslegung des Islams, wie sie zurzeit von einer moderaten Minderheit der Muslime praktiziert wird, stärker zu verbreiten, wie es bereits teilweise in den USA gelingt, weil eben Kritik nicht zensiert wird. (Auch wenn weitere Migration das Problem nicht an der Wurzel lösen und viele Probleme mit sich bringen wird). [18] Ein Lichtblick für eine zukünftige Entstehung es weltweit akzeptierten liberalen, menschenfreundlichen und nicht-totalitären Islams sind neue Reformbewegungen wie die säkulare Ahmadiyya-Bewegung[24] [25] oder Reformer wie der ehmalige Muslimbruder Hamed Abdel-Samad [23], die den Mut haben, trotz der Lebensgefahr, den Islam zu kritisieren und so zu dessen Selbstaufklärung beizutragen. Der Islam mag zwar in seinem Kern kriegerisch sein, aber es bedeutet nicht, dass keine Möglichkeit besteht, dies zu ändern. Der erste Schritt zur Verbesserung ist aber immer die Anerkennung des Problems.

Und dafür muss Kritik geübt werden dürfen.

___

Und hier noch eine Grafik, die das Problem von Toleranz gegenüber dem Islam sehr schön veranschaulicht: https://i.redditmedia.com/SZT187klyb00UNlabxpbFw8qLNMgchQ5mS2l-5I99eI.jpg?s=b57e3763ddc4cb1c30fac31a9707bf17

 

Wobei hierzu wichtig ist anzumerken, dass Popper nicht Zensur befürwortete, sondern damit die liberale Redefreiheit begründete. Solange wir uns trauen mit Argumenten und rationalen Debatten gegen Intoleranz und gefährliche Ideologien vorzugehen, und uns nicht selber mit Politischer Korrektheit zensieren, brauchen wir auch nicht mit Gewalt (und das wäre unter anderem Zensur) dagegen vorzugehen, vor allem weil diese sehr schnell eskalieren und auch die Falschen treffen kann.

Quellen:

Bildquelle Von Dying Regime from Maldives – Protest calling for Sharia in Maldives, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=38161912

: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:A_public_demonstration_calling_for_Sharia_Islamic_Law_in_Maldives_2014.jpg

Restliche Quellen:

[1] http://www.pewresearch.org/fact-tank/2017/08/09/muslims-and-islam-key-findings-in-the-u-s-and-around-the-world/ (abgerufen am 14.05.2018)

[2] https://www.theguardian.com/uk-news/2016/apr/11/british-muslims-strong-sense-of-belonging-poll-homosexuality-sharia-law (abgerufen am 14.05.2018)

[3] https://www.telegraph.co.uk/news/uknews/1510866/Poll-reveals-40pc-of-Muslims-want-sharia-law-in-UK.html (abgerufen am 14.05.2018)

[4] Die Bibel https://amzn.to/2ImWV84

[5] Der Koran https://amzn.to/2wCDFlH

[6] https://www.youtube.com/watch?v=DpkvNbQjjCM (abgerufen am 14.05.2018)

[7] http://www.spiegel.de/panorama/justiz/homosexualitaet-unter-strafe-iran-will-18-jaehrigen-trotz-falscher-vorwuerfe-hinrichten-a-710753.html (abgerufen am 14.05.2018)

[8] https://www.zeit.de/zeit-magazin/leben/2017-11/iran-homosexualitaet-fs (abgerufen am 14.05.2018)

[9]  http://www3.weforum.org/docs/WEF_GGGR_2017.pdf (abgerufen am 14.05.2018)

[10] https://www.thereligionofpeace.com/pages/quran/suicide-bombing.aspx (abgerufen am 15.05.2018)

[11] https://www.youtube.com/watch?v=LfKLV6rmLxE (abgerufen am 15.05.2018)

[12] https://www.welt.de/politik/deutschland/article13845521/Scharia-haelt-Einzug-in-deutsche-Gerichtssaele.html (abgerufen am 15.05.2018)

[13] https://www.crash-news.com/2018/01/11/islamisierung-in-deutschen-klassenzimmern-viele-muslimische-schueler-fordern-scharia/ (abgerufen am 15.05.2018)

[14] https://www.nzz.ch/feuilleton/zeitgeschehen/radikaler-islam-sympathisanten-des-terrors-ld.83821 (abgerufen am 15.05.2018)

[15] https://www.welt.de/vermischtes/article174477644/Laupheim-Vater-von-niedergestochener-17-Jaehriger-verweist-auf-Scharia.html (abgerufen am 15.05.2018)

[16] https://youtu.be/SSgdW_F9BiI (abgerufen am 15.05.2018)

[17] https://youtu.be/I0dRCzs1hvs?t=9m44s (abgerufen am 15.05.2018)

[18] https://www.youtube.com/watch?v=HrcwdQ5LeqU (abgerufen am 15.05.2018)

[19] https://www.youtube.com/watch?v=3-XXQV3mZlg (abgerufen am 15.05.2018]

[20] https://www.youtube.com/watch?v=wd8BhusSF7c (abgerufen am 15.05.2018]

[21] https://de.wikipedia.org/wiki/Salman_Rushdie (abgerufen am 15.05.2018)

[22] https://de.wikipedia.org/wiki/Anschlag_auf_Charlie_Hebdo (abgerufen am 15.05.2018)

[23] https://www.zeit.de/2017/40/islamkritik-reformen-liberal-bedrohung (abgerufen am 16.05.2018)

[24] https://de.wikipedia.org/wiki/Ahmadiyya (abgerufen am 16.05.2018)

[25] http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/wofuer-stehen-die-ahmadiyya-muslime-in-deutschland-15170663.html (abgerufen am 16.05.2018)

[26] https://www.deutschlandfunk.de/samuel-schirmbeck-liberale-muslime-weltweit-sind-von-linken.886.de.html?dram:article_id=429722

 

 




Tod oder Transhumanismus – Die Zukunft des Lebens

Warum wir Transhumanismus brauchen

Das fragile und einzigartige Wunder der Menschheit

Obwohl die Menschheit einigen statistischen Berechnungen folgend angesichts der gewaltigen Größe des Universums nur eine unter vielen Zivilisationen sein sollte [1], sind wir – soweit wir wissen – allein. Keine Radiowellen, keine Übertragungen, keine Dysonspähren, keine Anzeichen von Raumfahrt. Kurz: Nichts, was auf anderes intelligentes Leben im Kosmos hinweist, trotz über zehn Milliarden an bewohnbaren Planeten allein in unserer Milchstraße, und der Tatsache, dass die Erde mit ihren vier Milliarden Jahren ein recht junger Planet ist. [2] Diese Diskrepanz zwischen unseren Vermutungen, dass es mehr Zivilisationen geben müsste, und der Realität, dass wir die einzige Bekannte sind, beschreibt man als Fermi-Paradoxon. [3]

Viele Wissenschaftler, darunter Stephen Hawking, Carl Sagan und Nick Bostrom, gehen daher davon aus, dass die meisten Zivilisationen sich nie weit genug für die Raumfahrt und starke Radiosender entwickeln und in Epidemien, Naturkatastrophen, Nuklearkriegen oder Nanobots untergehen – wobei die beiden letzteren eigentlich höhere Technologie voraussetzen, wie Radiowellen, die wir noch immer nicht aufspüren konnten. (Die ersten Bilder, die potentielle Außerirdische von uns empfangen würden, wären übrigens die Übertragungen von Hitlers Reichstagen in Nürnberg, da dabei erstmalig Sender verwendet wurden, die stark genug sind. Der erste Eindruck ist ja aber bekanntlich nicht so wichtig …[4])

Einige der plausibelsten neueren Erklärungen für dieses Paradoxon ist allerdings, dass intelligentes Leben nicht nur viel seltener ist, als wir bisher annehmen, sondern generell höheres Leben kaum möglich ist. Wir hatten das Glück, dass Cyanobakterien die Atmosphäre der Erde vor 2,5 Milliarden Jahren stabilisierten, und so höheres Leben erst möglich machten. Möglicherweise gelang dieser Prozess bisher erst auf der Erde. Auf Venus und Mars z.B. sind die Atmosphären zu schnell gekippt, sodass die dort eventuell vorhandenen Mikroben es nicht mehr schafften und ausgelöscht worden. [5] Des Weiteren ist die Entstehung von intelligenten Wesen wie Menschen eventuell viel seltener oder bisher nur einmal aufgetreten, da Intelligenz im Anfangsstadium nur in einer sehr spezifischen Umgebung einen Selektionsvorteil bietet. Und wenn es auftritt, dann löscht es sich sehr schnell selbst aus. Vielleicht hatten wir als einzige Zivilisation das Glück, dass wir unsere Pest überlebten und einen kalten Krieg hatten.

Doch selbst wenn es irgendwo noch primitives Leben geben sollte, so werden unsere Hoffnungen es in unserer Nähe zu finden, regelmäßig zunichte macht. Ein Ziel dieser Hoffnungen war bis vor kurzem noch der nur 4,25 Lichtjahre entfernte Exoplanet Proxima b im System Proxima Centauri, der die Fantasie vieler Wissenschaftler und ScienceFiction Fans beflügelte.  Man plante ihn mithilfe moderner Teleskope der nächsten Generation auf Leben zu untersuchen, bis er vor kurzem von einer Sonneneruption geröstet und sterilisiert wurde. Falls es dort jemals Leben gab, ist es spätestens jetzt nicht mehr vorhanden. [6]

Daraus lässt sich schlussfolgern, dass Leben etwas extrem seltenes ist und noch seltener überlebt. Allen Anschein nach sind wir die bisher einzige Zivilisation, die es geschafft zu hat zu entstehen, nicht von Pandemien hingerafft zu werden, sich nicht mit Atomwaffen selbst auszulöschen und, wie das Beispiel von Proxima b zeigt, von einem zufälligen kosmischen Ereignis ausgelöscht zu werden.

Das Universum ist kein lebensfreundlicher Raum. Die Erde ist nichts als ein kleines Staubkörnchen in dieser weiten, tödlichen Leere. Eines Tages wird auch die Erde von einer Sonneneruption, einem Asteroiden oder anderen kosmischen Ereignissen getroffen werden, es könnte bereits in 10 Minuten so weit sein; spätestens in zwei, drei Milliarden Jahren wird die Sonne sich so weit ausdehnen, dass die Oberfläche schmilzt; allerdings wird der Klimawandel und die Verschiebung des Magnetpols den Planeten wahrscheinlich bereits in wenigen hundert bis tausend Jahren für höheres Leben unbewohnbar machen. Bereits am Ende des 21. Jahrhunderts werden Prognosen zufolge weite Teile heutiger Ballungsräume durch Hitzewellen, Überschwemmungen und Naturkatastrophen unbewohnbar. Amsterdam wird in den Fluten versinken und Mekka unter wortwörtlich tödlicher Hitze leiden.
Das bedeutet, dass das Leben auf der Erde sich in einer sehr prekären Lage befindet und früher oder später hier nicht mehr möglich sein wird. Unabhängig davon, was wir Menschen tun, ist die Erde langfristig ein verlorener Posten. Wenn die Menschheit nicht möglichst bald zu einer interstellaren Zivilisation wird, wird sie aussterben und damit langfristig auch das terrestrische Leben, und damit möglicherweise das einzige intelligente Leben, welches je existierte.

Die mögliche Zukunft des Lebens im Universum

Es gibt drei mögliche Szenarien für die langfristige Zukunft der Menschheit, und damit, wenn wir davon ausgehen, dass die Menschheit die einzige intelligente Zivilisation ist, für das gesamte Leben im Universum:

1. Tod. Leben wird ausgelöscht.

Die Menschheit stirbt aus;  sei es durch religiöse Spinner, größenwahnsinnige Präsidenten, Pandemien, Übervölkerung oder aber auch eine spontane Sonneneruption oder schlicht durch Zeit. Langfristig wird der Klimawandel und die Expansion der Sonne dazu führen, dass die Erde unbewohnbar wird, und damit wird möglicherweise das einzige intelligente Leben, welches jemals existierte, zu ende gehen. Dies wäre eine Tragödie und moralisch nicht zu akzeptieren.

2. Posthumanismus. Das Leben überlebt, allerdings werden biochemische Lebensformen auf Kohlenstoffbasis, einschließlich der Menschen, durch welche aus Metallen ersetzt.

Die Menschheit entwickelt künstliche Intelligenz und damit Bewusstsein und damit letztendlich Leben auf der Basis von Metall. Ob das überhaupt möglich ist, können wir aktuell nicht wissen; aber sollte es das sein, wird diese neue Form des Lebens die alte ersetzen (können). Maschinen bzw. Lebewesen aus Metall sind perfekt dafür geeignet, um das Universum zu kolonialisieren. Sie können Jahrtausende durch den Weltraum fliegen und sich mit nuklearer Energie am Leben erhalten, ohne dass Strahlung, Kälte, Sauerstoffmangel oder Trockenheit ihnen etwas ausmachen können. Des Weiteren lassen sich Materialien wie Eisen und Energieressourcen wie Wasserstoff auf fast jeden Planeten in ausreichenden Mengen für die Vermehrung und Weiterentwicklung finden. Des Weiteren könnten künstliche Intelligenzen durch Selbstoptimierung sich exponentiell schnell stetig weiterentwickeln und ein kollektives Bewusstsein entwickeln und damit kognitive Fähigkeiten, die im Vergleich zu denen der Menschen göttlich wären. Man stelle sich eine Entität vor, die innerhalb von Sekundenbruchteilen ganz Wikipedia und mehr abrufen und mit seinen Verstand ganze Städte oder Planeten steuern kann.

Allerdings stellt sich hierbei das Problem, ob künstliches Leben und künstliches Bewusstsein überhaupt möglich sind. Geht man von einem reduktionistischen Materialismus aus, so ist Bewusstsein lediglich ein Emergenzphänomen und daher auch mit anderen Materialien und Mechanismen als dem bekannten biochemischen System auf Kohlen-/Wasserstoffbasis erzeugbar. Allerdings sprechen gegen so einen Reduktionismus nicht nur die subjektiven Erfahrungen jedes Menschen, sondern auch liefert die Wissenschaft teilweise Indizien dafür, dass der Geist nicht rein materiell ist, wie zum Beispiel die Studien des amerikanischen Psychiaters Dr. Rick Strassman mit dem endogenen Hormon Dimethyltryptamin. Dies spielt anscheinend eine große Rolle bei Geburt und Tod. Die exogene Gabe des Hormons führt zu außerkörperlichen und mystischen Erfahrungen, die sich rein neurologisch nicht erklären lassen und darauf hindeuten, dass Bewusstsein eventuell etwas ist, das in das Gehirn „geladen wird“ und nicht nur auf der von uns beobachtbaren rein materiellen Ebene existiert. [7] So oder so, haben wir bisher praktisch kaum Verständnis davon, woher Leben und Bewusstsein ursprünglich kommen, weshalb es riskant wäre die Zukunft den Maschinen zu überlassen. Ganz abgesehen davon, dass dabei die Menschlichkeit und damit so schöne und wertvolle Sachen wie Liebe,Kunst, Mitgefühl und Gefühle im allgemeinen verschwinden könnten.  Letztendlich leben wir durch Arbeit und Produktivität, aber für die Liebe, den Sinn, die Geimeinschaft und die Schönheit.

3. Transhumanismus. Die Menschen werden selbst zu Göttern, wozu sie eins mit der Technologie werden müssen.

Wenn wir nicht aussterben oder von einer göttlichen K.I. ersetzt werden wollen, müssen wir uns selber weiterentwickeln. Dabei wäre eine Verschmelzung mit Technologie gar kein großer oder revolutionärer Schritt, sondern die Fortsetzung jenes Prozesses, der uns von den Tieren abgespalten und zu dem gemacht hat, was wir sind. Bereits jetzt sind wir mit unserer Technologie verbunden, und benutzen sie, um die menschlichen Schwächen zu überwinden und mehr zu leisten und besser zu leben, als unsere Vorfahren. Bereits jetzt gleichen wir mehr Göttern, als den ersten Menschen, die noch vor 70.000 Jahren als sprachlose Wesen  die Prärie durchstreiften. Brillen verbessern unsere Sehkraft. Bücher und Festplatten speichern das Wissen, das nicht mehr in unsere Köpfe passt. Prothesen erlauben es Gliedmaßen zu ersetzen. Der leistungssteigernde Kaffee wird vom Großteil der Bevölkerung täglich getrunken. Ritalin macht Schüler, Studenten und Professoren leistungsfähiger. Ultraschall, Impfungen,  Bluttests, Antibiotika und Röntgen erlauben es uns Krankheiten schneller festzustellen und zu heilen. Smartphones erweitern uns um den ständigen Zugang zu Informationen und speichern Ideen, die wir sonst vergessen würden. In den USA debattieren Juristen bereits, ob Smartphones nicht als Teil der Persönlichkeit ihrer Besitzer betrachtet werden sollten, da die Menschen immer größere Teile ihrer Kommunikation, ihres Denkens, ihrer Erinnerungen und Handlung über die Geräte ausführen und speichern. [8] Mithilfe von Gentechnik, Implantaten, SmartDrugs und Vernetzung können wir unsere Intelligenz, Gesundheit und Lebenserweiterung noch weiter steigern und mithilfe von Raumfahrttechnik das Universum kolonialisieren und unsere Technologien immer weiter entwickeln. Wir können den Planeten verlassen, überleben und besser leben. Wir können die Lebensqualität und das Glück der gesamten Population dauerhaft maximieren. Genetisch modifizierte Menschen, die mithilfe von Implantaten sich miteinander und mit dem Internet verbinden können, würden nicht nur länger leben, mehr wissen, sondern auch mehr verstehen und sich besser in andere einfühlen können. Psychische und physiologische Krankheiten könnten fast komplett aus der Welt geschafft werden. Stupide Arbeiten würden Roboter und Algorithmen übernehmen, während das Forschen und Kolonialisieren des Weltraums Jahrmillionen an Jahren und Generationen in Anspruch nehmen und beschäftigen würde. Viel unnötiges Leid und die Abhängigkeit von der Erde als Lebensort könnten für immer abgeschafft werden, genauso wie rückständiges Denken und Ideologien, wie Islam oder Nationalismus, und damit dauerhafter Weltfrieden etabliert werden. Natürlich werden dabei neue Probleme entstehen, vor allem ethische und gesellschaftliche, aber es liegt an uns, wie wir diese lösen.

Abgesehen von den offensichtlichen Verbesserungen der Lebensqualität und des Glücks, verpflichtet uns jedoch nicht nur der Utilitarismus zu einer transhumanistischen Wende.

Die moralische Verpflichtung zum Überleben

Ein Eisbär kann nicht den Weltraum kolonialisieren. Er schafft es nicht einmal sich an die verändernden Umweltbedingungen anzupassen, und wird daher bald zu den über 99% aller bereits ausgestorbenen terrestrischen Spezies gehören.
Die Menschen können allerdings sich extrem schnell und effizient durch Technologie ihrer Umwelt anpassen und sie verändern. Sie können mithilfe von Technologien unnötige Arbeiten an Maschinen abladen und das Lebensglück, die Gesundheit und die Erfüllung aller Individuen steigern. Und nicht nur das, sie können auch dafür sorgen, dass der Eisbär nicht ausstirbt, indem sie seine DNA konservieren.
Leben ist mehr als Individuen und ihr Lebensglück; Leben ist mehr als ein Emergenzphänomen der Materie. Leben ist das größte und komplexeste Wunder des Universums; ohne Leben wäre das Universum ein toter und bedeutungsloser Raum, dessen Wunder nicht beobachtet werden können. Die Menschen sind die einzigen, die das Leben dauerhaft erhalten können, vor allem, wenn man davon ausgeht, dass die Erde, der einzige Planet mit intelligentem Leben ist. Das bedeutet, dass das Schicksal bzw. die Zukunft des Lebens im Universum in den Händen der Menschheit liegt. Damit tragen wir Menschen kollektiv und individuell eine moralische Verpflichtung das Leben weiterzutragen und zu erhalten. Wenn wir keine interstellare Spezies werden und das Leben über die Grenzen der Erde hinaustragen, wird es untergehen.
Des Weiteren könnte Leben langfristig die Hoffnung auf Ewigkeit sein. Soweit wir wissen, wird das Universum eines Tages zwangsläufig durch Entropie an einem Wärmetod sterben und sich dabei in einen leeren, kalten, reaktionslosen Raum verwandeln. Entropie steigt in einem geschlossenen System irreversibel an. Leben könnte die einzige Hoffnung sein, diesen Prozess aufzuhalten oder zu verändern und damit die Welt unsterblich zu machen. Wenn sich die Technologie immer weiter entwickelt, könnte es sein, dass sie eines Tages die Manipulation von Zeit und Raum ermöglicht, und damit die Erschaffung von neuen Universen oder Systemen, die die Entropie unseres aufnehmen, oder die Möglichkeit sich in der Zeit hin und her zu bewegen oder die Menschheit in ein neues Universum zu befördern oder mithilfe uns noch unbekannter Kräfte Energie aus dem Nichts zu erzeugen und so die Entropie zu umgehen. Das mag jetzt lächerlich und unmöglich klingen und es widerspricht dem, was wir zurzeit über Thermodynamik und allgemein das Wesen unseres Universums wissen, aber hätte man vor zweihundert Jahren einem damaligen Wissenschaftler versucht Atomkraftwerke, das Internet, Antibiotika und Raumfahrt zu erklären, er würde es weder glauben noch verstehen können.
Wenn die Menschheit versagt und ausstirbt, dann wird das zuerst zum Untergang jedes Bewusstseins und langfristig zur Annihilation jeden Seins führen. Daher haben wir die moralische Obligation uns weiterzuentwickeln und zu überleben. Da wir niemals bestimmen können, ob künstliche Intelligenz echtes Bewusstsein ist, können wir auch nicht zulassen, dass Maschinen die Macht übernehmen, da das sonst zu der Entfesselung eines Prozesses führen könnte, der nicht nur uns, sondern jegliches anderes, potentiell existierendes Leben auslöschen und durch kalte Maschinerie ersetzen würde. Technologischer Stillstand hingegen würde zwangsläufig dazu führen, dass wir aussterben und unnötig leiden werden. Transhumanismus ist damit die einzige Möglichkeit das maximale Lebensglück, die maximale Anzahl an Lebewesen und das Überleben des Lebens und möglicherweise des Universums zu sichern.

Die meiner Generation und ich werden das alles wahrscheinlich nicht mehr erleben und auch nicht mehr von Gentechnik vollständig profitieren können, allerdings gehöre ich zu jener Generation, die bereits von der verbesserten Lebensqualität profitieren und die die Weichen für die Zukunft stellt. Wir werden die ethischen Regeln und Grenzen definieren, die vorhandenen Technologien weiterentwickeln, diese Technologien möglichst gerecht der gesamten Menschheit zur Verfügung stellen und die ersten Kolonien innerhalb unseres Sonnensystem gründen müssen. Es gibt viel zu tun und zu entscheiden, was letztendlich entscheiden wird, auf welchen der drei möglichen Pfade wir enden werden. Daher sehe ich es in unserer Verantwortung diese Zukunft zu ermöglichen und vorzuformen und ich hoffe, dass die Menschen in den kommenden Jahren die richtigen Entscheidungen fällen und sich nicht selbst vernichten werden.


Dieser Artikel wurde von einem Laien erstellt. Auch wenn bei der Recherche größte Sorgfalt aufgewandt wurde, kann die Richtigkeit der darin enthaltenen Informationen nicht garantiert werden. Wenden Sie sich bei medizinischen Fragen an ihren Arzt oder Apotheker. Nehmen Sie keine Drogen oder Medikamente ohne Rücksprache mit einem Arzt ein.

Wenn dir dieser Artikel weitergeholfen oder dich unterhalten hat, dann würde es mich freuen, wenn du mir einen Kaffee spendieren würdest, mit dem ich noch mehr solcher Artikel schreiben kann 😉
Kaffee spendieren via Ko-Fi

Bildquelle: https://www.flickr.com/photos/gsfc/15056614365/in/photostream/

[1] https://www.space.com/32793-intelligent-alien-life-probability-high.html
[2] https://de.sputniknews.com/wissen/20160511309767433-bewohnbarer-planeten-milchstrasse/
[3] https://www.youtube.com/watch?v=wWSJYr1Lr0E
[4] http://news.bbc.co.uk/2/hi/uk_news/magazine/7544915.stm
[5] https://motherboard.vice.com/de/article/wnxvy5/astrobiologen-legen-bisher-traurigste-loesung-fuer-das-fermi-paradoxon-vor-634
[6] https://www.derstandard.de/story/2000075135345/naechstgelegener-erdaehnlicher-exoplanet-wird-von-flares-gegrillt

[7] http://amzn.to/2G2chi0

[8] https://aeon.co/ideas/are-you-just-inside-your-skin-or-is-your-smartphone-part-of-you

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Fermi-Paradoxon#Selbstausl%C3%B6schung

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Transhumanismus

[11] Homo Deus http://amzn.to/2oUPmNm




Die #sortyourselfout Gegenkultur des Dr. Jordan Peterson

Our next speaker certainly does not need any introduction. He is the man you cornered by his seat, he is the man you cornered in the foyer, and he is the man you cornered outside the bathroom, so please put your hands together for Doctor Peterson*“, mit diesen Worten leitet der Moderator am 4ten November 2017 bei der Students For Liberty Canada West Regional Conference die Rede von Jordan Peterson ein, den die anwesenden Studenten mit Applaus begrüßen. Einundhalb Stunden lang erzählt der kanadische Psychologieprofessor der UoT über die neuen Medien im Internet und seine Erfahrungen damit. Er selbst leitet die Rede damit ein, dass er kein Medienexperte sei. Dennoch hören die Studenten gebannt zu, als der klinische Psychologe, dessen Forschungsschwerpunkte eigentlich auf Persönlichkeitsentwicklung und – verbesserung sowie die psychologischen Mechanismen von ideologischen und religiösen Systemen liegen, über YouTube und SocialMedia redet. Es gibt nämlich zurzeit wenige Personen, die die Effekte dieser Technologien in letzter Zeit so intensiv erlebt und genutzt haben, wie Jordan Peterson. Der Professor ist dank ihnen in den letzten einunhalb Jahren zu einer einflussreichen Internetpersona aufgestiegen, mit über 630.000 Abonennten auf YouTube, zahlreichen Memes, Fanseiten und Auftritten in Podcasts, bei TED-Talks und im Fernsehen.

Seit 2012 ist Dr. Jordan Peterson auf Quora aktiv. Seit 2013 lädt er die Aufzeichnung seiner Lesungen und Vorträge an der University of Toronto und zahlreiche gesonderte Videos auf YouTube hoch. Mittlerweile  finden sich allein auf seinem Kanal über 700 Stunden Videomaterial. Darin erklärt er nicht nur die klassischen Prinzipien und Inhalte der Psychologie. Er gibt auch aktiv Lebensratschläge, erklärt anhand der Jung´schen Psychoanalyse die Archetypen, die die Gesellschaft zusammenhalten und veranschaulicht diese mit Klassikern der Weltliteratur und Disneyfilmen. In den Mythen und großen Texten finden sich laut ihm die Antworten darauf, wie man seine Persönlichkeit im Angesicht des Leidens und Chaos des Lebens entwickeln und ein gutes Leben führen kann. Immer wieder argumentiert er dabei gegen den Relativismus und Nihilismus der Postmoderne, gegen Politische Korrektheit, gegen Verantwortungslosigkeit und appelliert an den Verstand, den Logos, den die Philosophen der Postmoderne und die modernen Neomarxisten (so zumindest Petersons Standpunkt) zum Feind erklärt haben. Oft humorvoll kontert er dabei die Argumente seiner Gegner mit wissenschaftlichen Fakten und anschaulichen Beispielen. So erklärt er anhand von Hummern, dass Hierarchien keine gesellschaftlichen Konstrukte sind, wie von den Postmodernisten oft behauptet, sondern in unserer Biologie fest verwurzelte psychologische Mechanismen.

Über seine Medienpräsenz und Lehr- und Forschungstätigkeit hinaus, ist er Verfasser des Buches „Maps of Meaning„, welches analysiert wie Ideologien und Religionen entstehen und unser Leben bestimmen, und des erst gestern erschienenen „12 Rules for Life„. Über seine Webseite bietet er unter anderem ein Selfauthoring Programm und einen Persönlichkeitsevalutationstest an. Durch dieses Engagement und seinen wertvollen Content ist Jordan Peterson Vielen, die Interesse an Psychologie und Philosophie hegen wie mir, bereits seit Jahren bekannt.

Schlagartige und weitreichende Berühmtheit erlangte er jedoch erst Juni 2017, als er gegen die Verabschiedung des Bill C-16 durch die kanadische Regierung protestierte. Er argumentiert, dass das Gesetz die Redefreiheit unterdrückt und keine wissenschaftliche Grundlage besitzt. Dieses Gesetz stellt es unter Strafe, wenn man eine Person nicht mit dem von ihr erwünschten Geschlechts-Pronomen anspricht.  Dies mag zwar auf dem ersten Blick wie eine vernünftige Maßnahme zum Schutz vor Diskriminierung von Minderheiten wie Transsexuellen wirken, bietet jedoch auch sehr viel Missbrauchspotential. Vor allem in neomarxistischen Kreisen und der gegenwärtigen amerikanischen Jugendkultur ist der Glaube verbreitet, das Geschlecht wäre lediglich eine soziale Konstruktion und deshalb frei wählbar. In der Folge dessen gibt es teilweise über 400 erfundene Geschlechteridentitäten, wie Molligender („ein Geschlecht, das weich und subtil ist“), Hydrogender („ein Geschlecht, das wie Wasser ist“) oder Affectugender („ein Geschlecht, das von der Stimmung bestimmt wird“), die in der Regel nur angenommen werden, um sich selbst besonders zu fühlen, (da man nicht mehr männlich oder weiblich oder trans zu sein glaubt), ohne dass die Benutzer dieser unwissenschaftlichen Selbstbezeichnungen biologische oder psychologische Grundlagen dafür hätten. Vor allem von Linken wird dies im Rahmen des neuen Kulturmarxismus instrumentalisiert, in denen aus den klassischen Klassen der „bösen Kapitalisten“ nun „heterosexuelle, weiße Männer“, und aus den „Arbeitern“ nun Frauen, sexuelle und ethnische Minderheiten geworden sind. Wenn dann jemand sich weigert willkürliche und undefinierte Pronomen wie „They“ oder „Ze“ für die fiktiven Geschlechtskonstruktionen zu verwenden oder wagt diese zu kritisieren, fühlen sich die Anhänger der linksextremen Ideologien angegriffen. Personen, die es an amerikanischen Universitäten wagen auf die biologischen Unterschiede und Merkmale von Männern und Frauen hinzuweisen, wie Chromosome oder Hormonhaushalt oder Genitalien, werden mitunter angegriffen und als Nazis beschimpft. Gegen die gesetzliche Unterstützung dieses Trends, der von linksextremen und postmodernistischen Studenten vorangetrieben und instrumentalisiert wird, ging Peterson vor, um seiner Aussage nach die Meinungsfreiheit zu erhalten. Tausende linksextreme Demonstranten marschierten daraufhin gegen Peterson auf, doch noch mehr Menschen, darunter viele echte Transgender, stellten sich auf die Seite des populären Professors. Mit diesem Kampf und der Propagierung von Rationalität und Selbstverantwortung zog Jordan Peterson jedoch nicht nur die Aufmerksamkeit der Medien auf sich, er hat auch eine ganze Gegenkultur-Bewegung losgetreten.

 

Während man zunehmend das Gefühl hat, dass die Mainstream-Jugendlichen zurzeit in der westlichen Welt in kurzsichtigen Hedonismus wie Drogen, SocialMedia und Berieselung mit Netflix und Co. versumpfen, verwirrt nach einer Identität suchen in Zeiten von Relativismus und hunderten Geschlechteridentiäten, und in ihrer Opfermentalität nur Ansprüche an die Gesellschaft stellen und mimosenhaft auf jede Beleidigung reagieren, überstresst und deprimiert sind oder sich zunehmend extremistischen Bewegungen im linksradikalen Spektrum, wie der Antifa oder den SJW / Social Justice Warriors, anschließen, nehmen die Anhänger von Jordan Peterson das Leben mit einem radikalen Individualismus an sich in Angriff. Statt das Glück zu jagen, von anderen kostenlose Versorgung ohne Gegenleistung zu verlangen oder sich mit fragwürdigen Methoden oberflächlich selbstdarzustellen und kollektivistischen Identitäten nachzulaufen, versuchen sie ihr Leben zwischen Chaos und Ordnung zu balancieren und ihren Charakter weiterzuentwickeln und so ihr Leben und die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

 

Unter dem Slogan #sortyourselfout (frei übersetzt: Krieg dein Leben auf die Reihe) krempeln überall in Kanada und den USA zurzeit vor allem junge Männer von Peterson inspiriert ihr Leben um. Sie fangen an ihr Zimmer aufzuräumen. Denn wer nicht einmal sein eigenes Zimmer in Ordnung halten kann, der sollte laut Peterson gar nicht erst daran denken die Welt irgendwie in Ordnung zu bringen. Die Verbesserung der Welt und die Bewältigung des existenziellen Leid und der Identitätssuche kann nur aus dem Inneren geschehen, durch Integration dessen, was Carl Jung den Schatten nennt, durch Selbstverbesserung und durch Bildung, durch die Erfüllung des eigenen Potentials. Die Anhänger Petersons lesen Klassiker von Dostojewski, Orwell, Nietzsche, Jung und anderen großen westlichen Denkern (oder sehen sich zumindest Petersons Analysen dazu an, der über einen einzigen Paragraphen von Nietzsche eine Stunde lang referieren kann). Sie übernehmen Verantwortung für ihr Handeln, überlegen wie sie sowohl für sich und die Gesellschaft etwas Gutes tun können und feiern Jordan Peterson wie einen Propheten des Logos. Einen modernen Propheten natürlich, dessen Ideen mit Memes, Hashtags und Videos verbreitet werden. Viele seiner Sprüche wie „Clean your room“ oder „Sort yourself out“, sind zu viralen Hits geworden. Doch im Gegensatz zu vielen Internetphänomenen unserer Tage, hat dieser Hype die Möglichkeit die Welt nachhaltig zu verbessern. Er kann den Westen eine Alternative zum Nihilismus und Extremismus bieten, mit denen er seit dem Niedergang des Christentums ringt. Er kann einer Generation, die zwischen unzähligen Glaubenssystem und Lebensstilen umherirrt, einen Weg zur Verbesserung der Welt zeigen.

Das ist nicht das erste Mal, dass ein Psychologieprofessor ein weltverändernde Jugendbewegung initiiert. In den 60ern verteilte der Psychologieprofessor Timothy Leary in Harvard LSD an Studenten und erweckte damit die Gegenkultur der Hippies zum Leben. Nun verteilt der Psychologieprofessor Jordan Peterson, der selber auch einst an Harvard lehrte, bewusstseinserweiternde Bücher und Ideen und erweckt damit eine Gegenkultur zum Leben, die wir dringend brauchen. Während die Hippies die Gesellschaft von vielen repressiven Mechanismen befreiten, bringt Jordan den Sinn und die Vernunft zurück zu den Menschen. Seine Bewegung gibt Halt im Kampf gegen das Chaos und das Leiden des Lebens. Jordans Gegenkultur verwirklicht die Ideale der großen Denker und der Aufklärung wie kritisches Denken und Tugenden. Nützlichsein und etwas aus sich machen, die Werte von Freiheit und Individualismus sind die von ihm geformte Gegenkultur.

Allerdings ist Dr. Peterson natürlich nicht ganz der Heilige, für den ihn viele seiner Anhänger halten.

Manche seiner Aussagen widersprechen sich selbst, manche wirken manchmal etwas reaktionär, manche unterstützen die Postmoderne, die er sonst bekämpft. Obwohl seine Theorien sonst sehr logisch und kohärent sind, bezeichnet er sich selber als einen nichtpraktizierenden Christen. Dann behauptet er bei einer anderen Gelgenheit, dass Religion für nicht so erfolgreiche und eher weniger intelligente Individuun als moralischer Kompass notwendig ist, er selber aber nicht daran glaube – als Atheisten bezeichnet er sich selber dann trotzdem nicht, weil Atheismus in seinem symbolischen Denken mit Nihilismus und Amoralität gleichgesetzt ist. Ab und zu werden seine Anti-marxistischen Vorträge von einer etwas irrationalen Paranoia geprägt – bei anderen Debatten gibt er aber dann wieder zu, dass auch Linke eine wichtige gesellschaftliche Funktion erfüllen.

Er selber sagte aber auch, dass das Sein viel zu kompliziert ist, als das es von einem einzigen Individuum vollständig verstanden werden könnte. Und letztendlich sind die meisten von ihn vertretenen Prinzipien und Werte und seine Meinungen nichts Neues, sondern ein Neuaufguss der traditionellen Denkweise des Westens, vor allem geprägt von Nietzsche, Aristoteles und Kierkegaard, synergetisch kombiniert mit Carl Jungs Psychoanalyse und einigen postmodernen Ideen von Denkern wie Wittgenstein und Adler. Von seinen (vor allem linken) Kritikern wird daher Dr. Peterson oft als Konservativer und sogar Vertreter der Neuen Rechten oder Neonazi bezeichnet. Jordan Peterson bezeichnet sich selber als einen klassischen Liberalen und Individualisten. Wenn man sich auch mit seiner Arbeit genauer auseinandersetzt, wird einem sehr schnell klar, dass er zwar etwas konservativ ist und einige seiner Überlegungen, die über die Psychologie hinausgehen, nicht sehr ausgereift sind, aber alles andere als ein Nazi.

Einen Großteil seiner akademischen Laufbahn hat Jordan Peterson mit dem Studium und der Analyse von totalitären Systemen verbracht, allen voran der Sowjetunion und Nazi-Deutschland. Der Gedanke an das Zerstörungspotential der Menschheit stürzte ihn im Laufe seines Lebens immer wieder in Depressionen. Der Kampf gegen rechten und linken Totalitarismus und Nihilismus ist sein persönliches Anliegen. Er argumentiert sowohl gegen Rechts, als auch Links (wobei letzteres in Kanada zurzeit weiter verbreitet ist). Im Gegensatz zu vielen anderen Kulturkritikern unserer Zeit, begnügt er sich nicht mit simplen, monokausalen, populistischen Erklärung der Probleme, sondern analysiert die Dinge gründlich. Seine Videos dauern daher oft mehrere Stunden (z.B.: allein seine Analyse der Bibel und ihrer psychologischen Bedeutung ist insgesamt 38 Stunden lang); eine Zeit, die leider viele seiner Kritiker gar nicht investieren, um zu verstehen, was sie kritisieren. Jordan Peterson ist ein Mann mit einer unglaublichen interdisziplinären Allgemeinbildung, die über das Fach Psychologie weit hinausgeht. Dies kann man immer wieder in Podcasts und Diskussionen erleben. Er ist in der Lage aus dem Stegreif Weltliteratur zu zitieren und über alle möglichen Themen, von Biologie, Wirtschaft, Neurologie, Politik bis hin zu Beziehungen, zu debattieren. Die Essenz dieses immensen Wissen, angeeignet durch ein akademisches Leben, gibt er an seiner Zuhörer weiter und hilft sie zu kontextualisieren. In einer postfaktischen Zeit, in der Gefühle oft als wichtiger wahrgenommen werden, als die Realität, liefert Dr. Peterson knallharte Erkenntnisse und Fakten. Vor allem in der Sozialpsychologie, sind viele dieser Fakten oft alles andere als politisch korrekt und damit nicht unbedingt gern gesehen. Teilweise bedient sich Jordan Peterson dabei auch sehr umstrittenen Quellen wie dem Buch „The Bell Curve„, welchem oft Rassismus vorgeworfen wird. Gelgentlich lehnt er sich auch weit aus dem Fenster, wenn er über Themen redet, die wenig mit seinem Fachgebieten zu tun haben. Durch diese Herangehensweise verursachte Jordan Peterson viele Kontroversen, und man sollte wie bei allen anderen Denkern auch, stets kritisch bleiben, bei dem was er sagt. Jeder Mensch hat irgendwo Fehler in seinen Ansichten. Vor allem, wenn es bei Peterson nicht nur um Psychologie geht, sollte man kritisch beim Zuhören sein. Bei vielen politischen und gesellschaftlichen Themen gibt er sich ignorant und in einer Debatte mit dem Philosophen Sam Harris, konnte er mit seiner Argumentation über die Natur der Wahrheit nicht überzeugen.

Insgesamt ist Jordan Peterson definitiv ein Denker, mit dem man sich, vor allem als junger Mensch, wenn auch kritisch auseinandersetzen sollte. Er regt zum Handeln und zur Beschäftigung mit dem Leben an und viele seiner Ideen sind sehr wertvoll. Die Effektivität seiner Prinzipien zur Verbesserung des Lebens wird tagtäglich von seinen Anhängern in Internetforen wie Reddit bestätigt, allerdings sind sie sicherlich auch nicht für jeden geeignet. Für jungen Menschen ist wahrscheinlich sein Video „2016/11/08: My Message to Millenials: How to Change the World — Properlyein interessanter Einstieg. Man sollte jedoch stets im Hinterkopf behalten, dass man es mit einem stark vom Christentum und einigen reaktionären Ideen geprägten Denkern zutun hat.

Gestern erschien Jordan B. Petersons zweites Buch „12 Rules for Life: An Antidote to Chaos„, in welchem er seine 12 wichtigsten Regeln für ein stabiles Leben zwischen Ordnung und Chaos erläutert. Dieses Buch ist das Konzentrat seiner Arbeit der letzten Jahre. Ich lese das Buch zurzeit, und obwohl ich vieles aus den Videos und Podcasts wiedererkenne, entdecke ich auch immer neue Ideen und Aspekte – von denen ich aber nicht ganz so überzeugt bin, wie von dem, was ich bisher von Peterson gehört habe. Jordan Peterson ist nach Nietzsche der Denker, der mich in den letzten Jahren am meisten dazu inspiriert hat, mein Schreiben zu intensiveren und mein Weltbild zu überdenken. Anfangs sah ich seine Videos vor allem an, weil mich Psychologie fasziniert und ich dieses Fach selber studieren will. Durch Peterson habe ich allerdings entdeckt, welche weitreichenden Einsichten dieses Fach über die menschliche Natur und das Leben an sich ermöglicht. Des Weiteren hat er mich dazu gebracht, viele Aspekte meines Lebens zu überdenken und mich mit vielen neuen Themen auseinanderzusetzen.

Sobald ich das Buch durchgelesen habe, welches die Basis einer neuen Bewegung sein könnte, die die Welt statt durch Revolutionen und Gewalt, mit individueller Charakterentwicklung zum Positiven verändern könnte, werde ich hier auf meinem Blog eine Rezension dazu posten.

Jetzt muss ich aber erstmal mein Zimmer aufräumen, denn während ich den Artikel geschrieben habe, versank es erneut im Chaos.

 

*Übersetzung: Unser nächster Redner braucht sicherlich keine Einführung. Er ist der Mann, den ihr an seinem Sitz in die Enge getrieben habt, er ist der Mann, den ihr in der Eingangshalle in die Enge getrieben habt, und er ist der Mann, den ihr vor dem Badezimmer in die Enge getrieben habt, also ich bitte um Applaus für Dr. Peterson.

 

 

 


Dieser Artikel wurde von einem Laien erstellt. Auch wenn bei der Recherche größte Sorgfalt aufgewandt wurde, kann die Richtigkeit der darin enthaltenen Informationen nicht garantiert werden.

Wenn dir dieser Artikel weitergeholfen oder dich unterhalten hat, dann würde es mich freuen, wenn du mir einen Kaffee spendieren würdest, mit dem ich noch mehr solcher Artikel schreiben kann 😉
Kaffee spendieren via Ko-Fi




Soziale Konformität und Bilanzsuizid

Soziale Konformität und Bilanzsuizid als Zeichen der selbstbestimmten Persönlichkeit

Man unterscheidet zwischen zwei Formen der Konformität. Bei der inneren / privaten Akzeptanz, akzeptiert das Individuum in Folge der Sozialisation die von seinem Umfeld geforderten Ansichten und Handlungen als richtig und glaubt von sich selbst daran. Dies wird häufig von Unmündigkeit und kognitiver Dissonanz begleitet und von Propaganda, Hierarchie und sozialen Einflüssen gefördert und gefestigt.
Bei der öffentlichen Folgsamkeit / compliance handelt das Individuum ebenfalls konform und befolgt die Normen, allerdings ohne selbst an die Richtigkeit der Handlung zu glauben. Es läuft einfach aufgrund von Faktoren wie Gruppenzwang und Angst vor negativer Resonanz mit und handelt nach außen konform, obwohl es innerlich dagegen ist. Man spricht hier in der Extremform von Mitläufertum oder innerer Migration.
Konformität kann in Form der inneren Akzeptanz für das durchschnittliche Individuum im Rahmen der Sozialisation förderlich sein, da ein glückliches und erfolgreiches Leben innerhalb einer Gesellschaft für jemanden ohne besondere Talente oder Fähigkeiten nur möglich ist, wenn man sich in diese Gesellschaft integriert und seine Rolle akzeptiert und sich der Konsensillusion hingibt. Wer absolut konform mit dem System ist, der braucht keinen eigenen Willen, um glücklich zu werden, sondern kann sich von den Medien, sozialen Happenings und Prestige berieseln lassen. Für die, wie sie Nietzsche nannte, „letzten Menschen“ ist die Herdentierexistenz die geeigneteste und bequemste.
Compliance hingegen ist für die persönliche Entwicklung schädlich, da sie voraussetzt, dass es sich bei dem betroffenen Individuum um einen Andersdenker handelt, der sich permanent von der Gesellschaft bevormunden lässt und so auf Dauer seine Mündigkeit abgibt und seine Willenskraft und die Möglichkeiten zur Selbstbestimmung verliert.
Compliance muss, genauso wie die innere Akzeptanz, daher überwunden werden, wenn das Individuum sich zu einer mündigen und selbstbestimmten Persönlichkeit entwickeln soll, die in der Lage ist ihr volles Potential auszuschöpfen, und Eudaimonia zu erreichen. Vor allem bei Querdenkern und Hochintelligenten, führt Konformität zu einem immensen Verlust an potentieller kultureller und wissenschaftlicher Errungenschaften. Erst das Ausbrechen aus der Norm ermöglicht die Geburt des Neuen, ebnet die Wege für die persönliche Freiheit und lässt das innere Potential des begabten Individuums aufblühen.
Für die persönliche Entwicklung ist daher jegliche Art von unkritischer Konformität kontraproduktiv (nicht nur die soziale Konformität; auch die Konformität mit sich selbst und den eigenen Schwächen).
Als Beispiele für die Folgen von Konformität auf die persönliche Selbstbestimmung und die Charakterentwicklung die fiktive Person „Otto Normalbürger“ und der real existierende Gonzo-Journalist Hunter S. Thompson gegenüberzustellen.
Otto N. verhält sich sein ganzes Leben lang konform; er geht zur Schule, lässt sich manchmal aus Compliance von seiner Peer-Group zum Schwänzen überreden, aber damit bewegt er sich noch in der Norm, und letztendlich macht er seinen Abschluss und beginnt irgendwann zu arbeiten. Als Jugendlicher träumt er davon, Rockstar zu werden und übt fleißig auf der Gitarre. Er ist auch sehr gut und hat Talent, aber seine Eltern und sein Umfeld überzeugen ihn, dass eine Musikerkarriere zu unsicher ist. Aus Konformität zu sich selbst und der Gesellschaft, gibt er nach, und entscheidet sich für ein Studium eines Faches, das seine Eltern ihm vorgeschlagen haben. Nach einiger Zeit und Fehlschlägen findet er einen normalen Beruf, denn er dann bis zum Rentenalter ausführt, da er weder die Kraft aufbringen kann/will sich nach etwas besseren umzuschauen und er auch nicht seine Peer-Group verlieren will. Er spielt nur noch selten Gitarre, da das Studium, die Partys zu den er eingeladen wird, die Beziehungen und Familientreffen und später die Jobs zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Nach einigen Beziehungen, gelegentlichen Alkoholeskapaden an den Wochenenden, wird er mit dem Alter den Erwartungen der Gesellschaft entsprechend ruhiger, heiratet eine Frau und bekommt mit ihr Kinder. Diese stecken ihn im hohen Alter in ein Altersheim, wo er aus Compliance und arbeitsbedingter Erschöpfung bleibt, obwohl er eigentlich vor seinem Tod nochmal die Welt bereisen will. Nach einigen Jahren stirbt er in geistiger Umnachtung.
Otto N. führte ein durch und durch konformes Leben, welches stark fremdbestimmt war. Er absolvierte die vom Staat und der Gesellschaft vorgegebenen Sozialisationsinsanzen und war ein konformer Teil der Gesellschaft, bis diese ihn letztendlich entwürdigte, bis er nicht einmal mehr seinen Lebensabend selbstbestimmen konnte. Man kann in keiner Weise Otto N. eine selbstbestimmte Persönlichkeit attestieren, denn dadurch, dass er immer auf die ein oder andere Art und Weise konform handelte, konnte sich so eine gar nicht herausbilden.

Der amerikanische Schriftsteller Hunter S. Thompson kann hingegen als Paradebeispiel eines Nonkonformisten benutzt werden. Angefangen bei seiner von Straftaten und Schulabbrüchen geprägten Jugend über eine Karriere als berühmter Romancier, politischer Aktivist und Journalist bis hin zum offenen Konsum sozial geächteter Drogen. Er schöpft sein Potential voll aus, schreibt Romane, die ganze Generationen prägen und bereist die Welt. H. S. Thompsons Nonkonformität gipfelt in seinem Bilianzsuizid im Alter von 67 Jahren. H. S. T. war zu dem Zeitpunkt wohlhabend und wurde weder von äußeren Krisen noch von physischen oder psychischen Problemen zu seinem Suizid getrieben. Nach eigenen Angaben begann er ihn, um selbstbestimmt aus dem Leben zu scheiden und nicht langsam am Alter sterben zu müssen. Dieser Akt (den man klar von einem Suizid aus Verzweiflung differenzieren muss) ist der der höchsten Selbstbestimmung und kann nur von einer durch und durch selbstbestimmten Persönlichkeit vollführt werden. Damit steht Hunter S. Thompson in einer langen Reihe an Persönlichkeiten, die aus Bilanz Suizid beginnen und die über Sigmund Freud geht und bis zu Sokrates und Seneca zurückgeht. Und so eine radikal selbstbestimmt Persönlichkeit kann sich nur durch radikale Nonkonformität entwickeln.


Wenn dir dieser Artikel weitergeholfen oder dich unterhalten hat, dann würde es mich freuen, wenn du mir einen Kaffee spendieren würdest, mit dem ich noch mehr solcher Artikel schreiben kann 😉
Kaffee spendieren via Ko-Fi

 




Gedankenströme, Hypnagogie, Inspiration und Einschlafen – Betrachtungen eines Schriftstellers um zwei Uhr morgens

(Alternativer Titel; Kreative Insomnie und ihre Vor- und Nachteile)

Mein Gehirn arbeitet ununterbrochen: Es kreiert, analysiert, phantasiert, es denkt ununterbrochen in rastlosen Kreisen. Meine Psychiaterin diagnostizierte mir immer wieder einen hohen IQ, ADHS und Depressionen und anderen Kram; aber ich glaube, das sind nur grobe Reduktionen, die gerade mal die quantifizierbaren Symptome umfassen. Es steckt mehr dahinter.  Das Gehirn eines Kreativen,  also auch das eines Schriftstellers, reagiert sehr intensiv auf Reize. Es steht stetig unter Strom, denn die Welten in mir und die um mich herum stimulieren mich ununterbrochen mit ihren Wunder und Schrecken zu stark, als das ich sie ignorieren könnte. Das stetig Nachdenken trägt auch reiche Früchte; Schlagkraft bei Debatten, ein Arsenal an Argumenten, ein differenzierendes Weltbild, ein zyklopischer Berg an selbstgeschriebenen Romanen, Briefen, Gedichten, Essays, Betrachtungen und Aphorismen; ein Plan A, B, C, D, E, F und G für jede mögliche und unmögliche Situation.
Doch die Rastlosigkeit hat auch ihre negativen Seiten, spätestens wenn es notwendig wird, zur Ruhe zu kommen; oder wenn die Gedanken grundlos um Sorgen und Probleme kreisen.
Haben Sie jemals beim Einschlafen gedacht? Wahrscheinlich nicht, denn Einschlafen, das Versinken in den Schlaf, geht bei den meisten Menschen normalerweise einher und folgt aus dem Sichloslösen vom bewussten Denken.
Und da ich immer und ununterbrochen denke, neige ich zur Insomnie, und wenn ich überhaupt einschlafe, dann nur weil mein Verstand an den Gedanken vorbeigleitet, sich selbst austrickst und den Einschlafensprozess überspringt und direkt in das Träumen und damit einen Halbwachzustand eintaucht. Dieser Zustand ist es wert, genauer betrachtet zu werden, denn er ist von höchst fruchtbarer, sonderbarer und numinoser Natur.
Der Fall in den Schlaf kündigt sich bei mir mit dem Zerfall meines sonst immer klaren und rastlosen Gedankenstroms an. Ich liege in der Dunkelheit, eingewickelt in die Laken und doch schwebe ich. Die Bilder, die durch den geistigen Äther strömen, werden zusammenhangloser; die Logik krümmt sich; Zeit und Raum verschmelzen; der Strom separiert sich und ich versinke Schritt für Schritt darin, bis ich in den Bildern treibe, das Denken verschwimmt und ich einschlafe … meistens … Denn in diesem Zustand befinde ich mich bereits im Reich der Träume und stehe an der windgepeitschten Küste des Visionenmeers, das Poe bereits in „A dream within a dream“ beschrieb. Alles löst sich hier auf, gleitet davon, verliert jede feste Struktur und verschwindet in den Tiefen; nichts wirkt real, nichts wirkt richtig oder falsch; ein magischer Glanz liegt über den Dingen; aber auch die Furcht vor der Essenz einer unausgesprochenen Wahrheit lauert darunter; ungreifbar wie ein Nebelfetzen im Wind. Es ist ein Meer aus Assoziationen, Fusionen, verwirrenden Neukreationen; Paradoxons werden hier zu Singularitäten; und in diesem Meer angel ich die Inspiration. Und plötzlich erhebt sich eine gewaltige Idee, eine Erkenntnis, eine metaphysische Struktur, wie der Leviathan aus den schillernden Fluten … Und ich erhebe mich aus den Laken, greife nach Stift und Papier und beginn zu schreiben. Das Papier wabert, der Stift schwingt ohne mein Zutun, die Dunkelheit formiert und transformiert sich um mich herum, schmiegt sich an mich wie eine kalte Geliebte und flüstert Bilder und Ereignisse in meine zitternden Finger. Hypnagoge Halluzinationen treten auf. Dies ist erregte der Zustand der kreativen Muse; und in diesem Zustand; sei er durch Schlaf, Zufall oder Rausch herbeigeführt, entstehen meine besten Werke. Die meisten meiner Romane, Essays und auch dieser Text, entstanden/entstehen um zwei Uhr morgens, im Halbschlaf am Nachttisch … Schlafen werde ich nun nicht mehr; aber wer braucht schon Schlaf, wenn er mit offenen Augen träumen kann? Und auch wenn es uns den Schlaf raubt, ist es nicht die Aufgabe von uns Kreativen, die Träume einzufangen und aus ihnen Geschichten, Kunstwerke und Welten zu weben und so den magischen Glanz in die sonst so langweilige Realität und die Leben unserer Mitmenschen zu tragen?