Noch ist es zu früh für ein geeintes Europa

Eine Trennlinie verläuft zwischen den Köpfen vieler Europäer. Die einen wollen die Vereinigten Staaten von Europa haben, am besten sofort oder zumindest spätestens 2025 wie es sich zum Beispiel einige SPDler erhoffen. Auf der anderen Seite gibt es Reaktionäre, die vehement gegen ein geeintes Europa sind und am liebsten die EU auf eine reine Zweckgemeinschaft zurückreduzieren oder sie einfach gleich auflösen wollen. Und dazwischen gibt es natürlich eine Mehrheit, die die Abstufungen zwischen den beiden radikalen Polen ausfüllt. Während es nicht viel bedarf, um eine Abschaffung der EU als reaktionäre Idiotie zu erkennen, so muss ich doch leider als Spielverderber auch den Europaenthusiasten mal dazwischen grätschen. Ich selber will eines Tages in einem geeinten Europa leben, aber ich denke, dass die Zeit dafür noch nicht reif ist.

Von oben verordneter Zwang funktioniert nicht
Der Weg von einzelnen Nationen bis hin zu einem neuen, vereinten Staat, ist sehr lang. Man kann den Zusammenschluss von Menschen zu einer Nation daher nicht auf rein politischem Weg erreichen oder von oben diktatorisch erzwingen. Nicht nur verursacht das heftige Gegenwehr, wie wir sie jetzt in Form der Rechtspopulisten sehen. Selbst wenn man es schafft, fliegt ein auf Zwang zusammengeführter Staat oder Staatenbund aufgrund mangelnder kultureller Hegemonie [1] langfristig wieder auseinander oder wird konstant von Konflikten zerrüttet, wie es in der Vergangenheit mit Jugoslawien und der Sowjetunion geschah und heute noch in vielen afrikanischen Ländern aufgrund der kolonialen Grenzziehung der Fall ist.

Jetzt ist es noch zu früh aus der EU einen föderalen Staat zu machen, weil die soziokulturelle Integration und die Identifikation der Bürger mit Europa noch nicht tiefgreifend genug ist. Die meisten Bürger der EU identifizieren sich schlicht noch nicht primär als Europäer. In den letzten Jahren war die Entwicklung der EU zu schnell und nicht bürgernah genug. Zurecht spricht man daher vom „Brüssler Raumschiff“ und viele Leute fragen sich, woher diese EU kommt und warum sie sich in nationale Angelegenheiten einmischt. Dass viele Menschen dann auf die Möglichkeit, dass ihre Nation innerhalb eines undemokratisch wirkenden Superstaats verschwindet, reaktionär mit Angst oder Wut reagieren, ist verständlich. Sie fühlen sich nun mal mit ihr verbunden und definieren einen Teil ihrer individuellen Identität darüber. Es mag zwar etwas infantil wirken, sich an einem sozialen Konstrukt wie einem Nationalstaat festzuhalten wie an einer Nuckelflasche, nur weil man da reingeboren wurde. Es sind aber solche Konstrukte, die eine hochkomplexe und große Gesellschaft überhaupt möglich machen. Man kann nicht von einem Tag auf den anderen ein Konstrukt durch ein anderes ersetzen.

Die Versuche einiger, vor allem linker Politiker, als Antwort auf die EU-Skepsis die Einigung deswegen noch weiter institutionell voranzutreiben und politisch von oben zu verordnen ist daher kontraproduktiv. Solch ein rein politisches Vorgehen nährt die Entfremdung zwischen Bevölkerung und den europäischen Institutionen nur weiter. Deshalb ist es auch notwendig, jetzt etwas auf die Bremse zu treten und den Prozess der politischen Integration zu verlangsamen und die EU zu reformieren. Die EU muss effizienter, bürgernaher und transparenter werden, damit sie nicht noch mehr ihr eigener Feind wird. [2] Langfristig ist die Einigung Europas zwar das Ziel, aber dieses kann nicht allein auf politischem Wege erreicht werden. Eine weitere rein institutionelle Verzahnung der bestehenden Nationen, wie sie bereits weit vorangeschritten ist, reicht nicht aus. Erst müssen gewisse soziokulturelle Grundlagen entstehen.

Wie Nationen und dann moderne Staaten entstehen
Damit ein Staat beziehungsweise eine Nation, die so einen hervorbringen kann, sich bilden können, sind mehrere soziokulturelle und auch technologische Faktoren notwendig. Die natürliche Bildung von Staaten ist erstens das Ergebnis einer entstehenden kulturellen Hegemonie [1], also der Etablierung gemeinsamer Überzeugungen, einer gemeinsamen Sprache und Denkhaltung innerhalb der Bevölkerungsgruppe, die sich dann als Ergebnis zusammenschließt. Man identifiziert sich ja zum Beispiel schließlich als Deutscher, wenn man Deutsch spricht und sich der deutschen Kultur angehörig fühlt. Damit das geht, müssen ja sowohl die gemeinsame Sprache als auch die Kultur zuerst existieren.

Allerdings ist das nur die Spitze des Eisbergs, denn über die Entstehung einer gemeinsamen Kultur hinaus ist die Bildung von Nationen immer eine Antwort auf politische, ökonomische, soziale und kulturelle Krisen, die vor allem Modernisierungsprozesse oder Kriege mit sich bringen.

So entstanden die Nationalstaaten im 18. und 19. Jahrhundert nicht aufgrund der Realisierung irgendwelcher mythischen Völker in staatliche Gemeinschaften, wie es dann ideologisch verklärt wurde und wird, um ein kohärentes Narrativ zu schaffen. Am Anfang des 19. Jahrhunderts war zum Beispiel die Idee eines vereinten Deutschlands nur der Traum einer kleinen versprengten Elite. Also fast so, wie heute der Traum eines vereinten Europas. Am Ende des 19. Jahrhunderts hatte diese Überzeugung nicht nur Millionen von Anhängern – sie war Realität geworden. Wie kam es dazu?

Fallbeispiel: Wie aus Deutschland eine Nation wurde
Die technologische Entwicklung im 19. Jahrhundert, also die Industrialisierung, ermöglichte 1812 die Erfindung der Schnellpresse und 1845 die der Rotationsmaschinen, was zur Entstehung der Massenpresse führte. Gleichzeitig stieg durch die Schaffung von Bildungssystemen die Alphabetisierungsrate von 10% in 1750 auf 88% im Jahre 1871. Es konnte fast jeder lesen und sich weiterbilden. Insgesamt 3500 Zeitungen entstanden auf dem gesamten deutschsprachigen Gebiet. Die Menschen lebten nicht mehr in den Filterblasen ihrer kleinen Städte oder Kleinstaaten. Über die Grenzen hinweg breiteten sich Nachrichten, Ideen und literarische Werke aus. Menschen in Bayern konnten in ihren Zeitungen lesen, was in anderen deutschsprachigen Staaten wie Preußen geschah.

Dieser radikal wachsende Zugang zu Wissen und zu Kontakt mit Menschen aus allen deutschsprachigen Gebieten, förderte nicht nur die Entstehung eines Verbundenheitsgefühls und einer Durchmischung der Kulturen zu einer gemeinsamen. Er brachte auch die Aufklärung hervor. Die tradierten Weltbilder zerfielen und die gesellschaftlichen Ordnungssysteme wurden zunehmend in Frage gestellt. Die Menschen waren nicht mehr gewillt, sich von den Adeligen in Kleinstaaten regieren zu lassen, und auch die Lehren der Kirchen konnten kaum noch überzeugende Rechtfertigungen für den Status quo liefern.

Die Industrialisierung führte nämlich auch dazu, dass die Menschen nicht mehr ihr Leben lang auf immer den gleichen Bauernhöfen lebten. 1835 fuhr die erste Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth. Keine zwanzig Jahre später, zog sich nicht nur durch ganz Deutschland, sondern sogar bereits durch ganz Europa ein Netz aus Eisenbahnschienen, die den Handel von Waren und das Reisen von Menschen über Grenzen hinweg radikal vereinfachten und beschleunigten. Immer mehr Menschen zogen in die Städte, um in den Fabriken dort zu arbeiten. Der gesellschaftliche Aufstieg war nicht mehr den Adeligen vorbehalten. Eine mobile bürgerliche Klasse bildete sich heraus, wie es sie zuvor nicht gab, und die sich zunehmend als Deutsch identifizierte. Aber auch die Kriegsführung wurde durch die industrielle Herstellung von Waffen angekurbelt. Die zahllosen Kriege des 19. Jahrhunderts führten dazu, dass die kleinen Staaten enger zusammenarbeiten mussten, da sie allein militärisch die Herausforderung nicht bewältigen konnten.

Insgesamt waren die kleinen Staaten, aber auch ihre Bewohner und Herrscher, von den Herausforderungen der Industrialisierung und Aufklärung überfordert. Kulturell zerbrach die alte Weltordnung der Traditionen und die Moderne begann – oder wie es Nietzsche in seinem Zarathustra metaphorisch zusammenfasste: „Gott ist tot“. Eine tiefe, gesellschaftliche Krise war die Folge und die Menschen suchten nach neuen Antworten und Systemen um ihr Leben zu ordnen. Die Idee, dass man ein gemeinsames Volk ist, das sich souverän selbst regieren sollte, also die Idee des Nationalismus und auch der Demokratie, waren beides neue und naheliegende Konzepte zur Bewältigung dieser existenziellen und sozialen Krisen. Die Entstehung der Nationalstaaten war also nicht nur etwas, was die Menschen wollten – es war auch eine Notwendigkeit, denn die feudalen Kleinstaaten waren nicht mehr in der Lage die Herausforderungen der neuen technologischen, wirtschaftlichen und sozialen Wirklichkeit zu bewältigen. Metaphorisch wurde Gott als Stifter von Wohlstand, Gerechtigkeit und Orientierung durch den Nationalstaat ersetzt. Das hatte natürlich auch negative Konsequenzen, da der Staatsglaube uns Zwei Weltkriege einbrachte, aber durch die Synthese mit dem Liberalismus und der Demokratie, diente letztendlich der Nationalstaat überwiegend als friedensstiftende und funktionale Lösung für die Probleme der Moderne. Aber Geschichte ist ein Prozess ohne Ende. Was gestern funktionierte, wird es nicht zwangsläufig morgen auch tun.

Die Herausforderungen der Gegenwart
Die Entwicklung der Informationstechnologie und der Zugang von billigen Flügen für eine breite Masse an Menschen in den vergangenen Jahrzehnten ist ein radikaler Sprung, genauso wie es die Entstehung der Massenpresse und der Eisenbahn im 19. Jahrhundert waren. Wir sind nur wenige Berührungen mit unseren Fingern auf einem Smartphonebildschirm davon entfernt, zu erfahren, was gerade unsere Freunde in den USA oder Neuseeland machen, worüber die indische Presse berichtet oder welcher Skandal gerade Japan erschüttert. Wir können uns aber auch stattdessen die deutsche Übersetzung eines Romanes des chinesischen Science-Fiction Autors Cixin Liu herunterladen und lesen oder aber einen Flug nach Paris oder Moskau buchen. Gleichzeitig können wir in einem Café auf einem Stuhl aus Schweden sitzen, Kaffee aus Brasilien trinken und Kleidung aus Bangladesch tragen, während auf der Straße vor dem Fenster Menschen aller möglichen Ethnien vorbeilaufen. Wir merken es nicht, aber damit unser Alltag so reibungslos funktioniert, arbeiten nonstop Regierungen und Konzerne untereinander und miteinander international zusammen. Dass wir Smartphones besitzen, die in China aus Materialen aus der ganzen Welt zusammengesetzt werden, und Supermärkte uns Papayas, Bananen und argentinische Steaks bieten können, ist eine logistische Meisterleistung, die ohne internationale Kooperation nicht möglich wäre. Zunehmend gibt es daher immer mehr Unternehmen wie Axel-Springer, Allianz, Tesa und Zalando, aber auch Start-Ups, die supranational in Europa arbeiten und als Rechtsform europäische Aktiengesellschaften SEs (Societas Europaea) sind.

Dadurch verwischen heute die Grenzen zwischen bestehenden Staaten und Kulturen, denn Bevölkerungsgruppen müssen über Grenzen hinweg zusammen arbeiten und kommunizieren. Es existiert und wächst eine neue, extrem mobile „Erasmus-Generation“ in Europa heran. Diese Gruppe an Europäern wuchs mit den offenen Grenzen des Schengenraums auf und führt soziale Beziehungen und tätigt Geschäfte über nationale Grenzen hinweg. Zunehmend identifizieren sich diese jungen Menschen, zu denen ich mich auch zähle, als Europäer, da die kulturellen Unterschiede zwischen den einzelnen europäischen Staaten geringer werden, als zu anderen, nicht-europäischen Staaten. Dieses Zusammenwachsen Europas ist ein natürlicher Prozess und auch eine Notwendigkeit.

Nur Deutsch zu sprechen reicht heutzutage vielleicht noch aus, wenn man in Deutschland einem Handwerksjob nachgeht Durch die Digitalisierung und Globalisierung werden aber regional gebundene Jobs noch weiter abnehmen und die Arbeit wird intellektuell immer anspruchsvoller und auch internationaler. Es ist heute schon so, dass wenn man einigermaßen gut verdienen will, man am besten Auslandserfahrung und mehrere Sprachen auf dem Kasten hat, man sich darauf versteht mit Menschen aus verschiedenen Kulturen Verhandlungen zu führen und mobil ist, weil immer mehr Unternehmen international handeln und der europäische Binnenmarkt immer wichtiger wird. Sogar als Beamter ist man gezwungen, interkulturell kommunizieren zu können, da innerhalb von Europa immer mehr Menschen auf Arbeitssuche aus Regionen mit wenig Arbeit, wie Südeuropa, in Regionen mit einem Mangel an Fachkräften, wie Mitteleuropa, ziehen. Europaweite Programme wie Erasmus und auch die Schaffung eines Systems zur Vergleichbarkeit von Abschlüssen mit der Bologna-Reform, ermöglichen es, dass europäische Bürger jene Voraussetzung erhalten, die notwendig sind international zu studieren und zu arbeiten, um wettbewerbsfähig zu bleiben, und befördern gleichzeitig das Europäisieren der Bürger. Dieses Zusammenwachsen Europas hat aber natürlich nicht nur Vorteile.

Wir stehen durch die Globalisierungsprozesse heute vor Herausforderungen ähnlicher Art, wie die vor denen die Menschen im Europa des 19. Jahrhunderts standen. Diesmal ist jedoch nicht Gott tot, sondern der Nationalstaat ist tot. Globale Herausforderungen wie internationale Machtkämpfe, Massenmigration, Klimawandel oder die Kolonialisierung des Weltraums, überfordern den einzelnen, kleinen europäischen Nationalstaat, der von Superstaaten wie China oder den USA militärisch, wirtschaftlich und technologisch übertrumpft wird. Zeitgleich lösen sich die bestehenden Herrschaftsstrukturen, Identitäten und Ordnungssysteme auf und neue kulturelle Sphären konsolidieren sich. Man versucht zwar nach wie vor die immer gleichen alten ideologischen Kategorien aus dem 19. Jahrhundert von links, rechts, konservativ und liberal auf die politische Landschaft zu pressen, aber zunehmend wird klar, dass das nicht mehr funktioniert. Neue Parteien, wie z.B. Volt, versuchen sich daher mittlerweile komplett von diesen Schemata zu lösen. Wir sind mit der Globalisierung und modernen Technologien, kurz mit unserem gesamten postmodernen Zeitalter überfordert, und genauso unsere Politiker. Dies merkt man vor allem daran, dass Politik in den letzten zwei Jahrzehnten zunehmend jeglichen Idealismus und alle Zukunftsvisionen verloren hat, und sich nur noch um Detailfragen und Machterhalt dreht. Wir befinden uns in einer Epoche des Umbruchs, einer Modernisierungskrise. Eine Rückkehr in alte Zeiten, wie sie Populisten versprechen, kann aber nicht funktionieren, weil man den Fortschritt nicht umkehren kann.

Neue Ideen, Ideologien und vor allem Visionen werden nötig sein, um diese Krisen zu bewältigen. Eine davon ist die Schaffung einer europäischen Identität und dann auch eines europäischen Staats. Dabei geht es nicht darum die alten Identitäten (Deutscher, Pole, Franzose usw.) zu zerstören, denn diese werden von selbst zunehmend kraft- und bedeutungslos, so wie es die regionalen Identitäten im 19. Jahrhundert wurden. Es geht darum, eine neue Identität als Europäer zu schaffen, die dieses entstehende Vakuum an Identität neu füllen und damit Ordnung bringen kann. Ein internationaler Superstaat wie ein vereintes Europa, wird langfristig den Menschen in Europa ermöglichen sich an die multikulturelle und rapide wandelnde Realität der Globalisierung anzupassen und wettbewerbsfähig zu bleiben, während die Identifizierung damit Zusammenhalt und Stabilität ermöglichen wird.

Im 19. Jahrhundert und auch heute in vielen unterentwickelten Teilen der Welt, ist letztendlich Krieg der Auslöser oder zumindest der begleitende Prozess, der eine Nation zusammenschweißt. So wie zum Beispiel die napoleonischen Kriege die Einigung Deutschlands in Gang setzten und der Deutsch-Französische Krieg 1871 sie abschloss. In unserer gegenwärtigen Welt ist ein Krieg, vor allem ein so großer, dass er Europa zusammenschweißt, nicht denkbar aufgrund der nuklearen Bedrohung – zumindest im konventionellen Sinne. Wir befinden uns allerdings bereits in Konflikten zwischen der islamischen Welt, China und Russland. Ein möglicher Handelskrieg mit China, der bereits laufende Cyber- und Informationskrieg mit Russland und das Hadern mit der kulturellen Expansion des Islams, werden, sofern sie sich weiter verschärfen, ein Feindbild schaffen, welches Europa zum wirtschaftlich mächtigsten Staat der Welt zusammenschweißen wird. Eine gemeinsame Armee, Polizei und Sicherung der Außengrenzen wird notwendig sein, um die innere Freiheit und Sicherheit des Schengenraums zu gewährleisten und die Außengrenzen zu verteidigen. International wird das auch notwendig sein in Zeiten, in denen die USA America first schreit, Europa militärisch und damit auch in der Identität weiter zu einen.

Insgesamt, befinden wir uns bereits mitten in dem Prozess, der die Entstehung einer neuen, europäischen Nation notwendig macht und ermöglicht. Warum gibt es aber dann aber noch nicht die Vereinigten Staaten von Europa?

Was fehlt?
Auf den ersten Blick sind wir in dem integrativen Prozess noch nicht weit genug. Es braucht noch eine gemeinsame europäische Erzählung und eine gemeinsame Sprache, in der sie erzählt werden kann, sowie ein klares Feindbild, durch das man sich nach außen abgrenzen und einen kann und entsprechend feste Außengrenzen. Doch die europäischen Staaten haben ein reiches, gemeinsames historisches und kulturelles Erbe, das dafür die Grundlagen an freiheitlichen Werten legt. Die Expansion des politischen Islams an unseren Grenzen und die globale Chinas, sind beides ausreichend starke Kontraste zu der liberalen europäischen Kultur und eine Stärkung von Frontex steht bereits auf dem Programm der EU. Die Sprache ist hier das größere Hindernis, aber auch Nationen mit mehreren Sprachen, wie die USA, Kanada oder die Schweiz, können existieren, solange vor allem das Gefühl einer gemeinsamen Identität besteht und man mindestens eine Sprache hat, die alle beherrschen. Allerdings ist davon auszugehen, dass es nur noch eine Frage von wenigen Jahren ist, bis wir durch K.I.s Geräte bekommen, die für uns live ein Gespräch übersetzen, sodass wir uns mit Menschen unterhalten können, deren Sprache wir eigentlich gar nicht verstehen. Und auch ermöglicht das Bildungssystem es mittlerweile, das immer mehr Menschen mehrsprachig sind. Die meisten Schüler Europas lernen neben der Sprache ihres Nationalstaates längst mindestens noch Englisch, meist sogar noch eine oder zwei weitere Sprachen, und im Studium kommt nicht selten noch eine weitere dazu.

Das große Hindernis, wie bei vielen Modernisierungsprozessen unserer Gegenwart, ist die Altersstruktur in Europa. Der Großteil der Wähler und Politiker in Europa sind alte Menschen, was man vor allem in Deutschland daran sieht, dass die Bedenken der jungen Generation bei Themen, die sie betreffen wie Digitalisierung und Klimawandel von Politikern oft übergangen werden. [3] Die Alten sind es auch überwiegend, die noch an ihren alten nationalen Identitäten festhalten und die Konsequenzen ihres Ignorierens von globalen Problemen wie Massenmigration und Klimawandel nicht mehr werden erleben müssen. Solange diese Bevölkerungsschicht einen Großteil der Wähler ausmacht und die jungen Europäer eine marginalisierte Minderheit bleiben, wird sich auch der Prozess der Einigung Europas weiter hinauszögern.

Was tun?
Wir jungen Europäer können die Politik nicht mehr so umstürzen, wie 1848 oder 1968, dazu sind wir zu wenige – die Masse ist daher nicht auf unserer Seite, dafür aber die Zeit und die Qualität. Wir verstehen die digitale und globale Welt im Gegensatz zu den Alten deutlich besser, weil wir in sie reingeboren wurden und ihre Sprache sprechen. Unsere Zeit wird kommen, sofern keine Katastrophe dazwischenkommt. Daran wird auch das Aufflammen des reaktionären Populismus in den einzelnen Staaten nichts ändern können, wenn wir ihm nicht weitere Nahrung geben. Es gilt, jetzt geduldig dagegen anzuarbeiten, sich an den Wahlen zu beteiligen und darauf zu warten, bis die integrativen Prozesse zu ihrem logischen Ende und die Mehrzahl der Reaktionäre in ihren Altersheimen angekommen sind.

 


[1] Die genaueren kulturellen Prozesse und das Konzept der kulturellen Hegemonie erklärte ich in einem Essay über Antonio Gramsci: https://leveret-pale.de/liberaler-gramscismus

[2] Wie ich in meinem Essay „Warum wir eine liberale EU brauchen“ skizziert habe: https://leveret-pale.de/liberale-eu

[3] Das ist einen eigenen Artikel wert. Ich habe auch schon zu diesem Thema einiges geschrieben, aber ich werde noch etwas Zeit brauchen, um das alles zu einem veröffentlichtbaren Essay zu komprimieren, weshalb ich hier nur auf dieses Video verweise: https://youtu.be/xr4janMiEPE


Bild von Greg Montani auf Pixabay


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Was Liberale von dem Neomarxisten Antonio Gramsci lernen können

Die Utopien der marxistischen Denkschulen sind in der Realität wiederholt gescheitert und wurden damit von der Empirie widerlegt. Das bedeutet allerdings nicht zwangsläufig, dass alle Analysen und Kritiken dieser Denkschulen falsch sind, sondern zuerst, dass lediglich die daraus gezogenen Schlussfolgerungen und gebildeten politischen Forderungen dysfunktional sind. Nur weil die Linken bestimmte Themen der Wirtschaft und der Gesellschaft missverstehen, heißt das nicht, dass sie die ganze Welt missverstehen. Es lohnt sich daher über den eigenen Tellerrand zu schauen und sich mit ihren Denkern vertraut zu machen – und selbst wenn man wider Erwarten daraus nichts Substanzielles ziehen sollte, so ist ein tieferes Verständnis des „politischen Gegners“ nie verkehrt, da man auch nur dann gegen ihn wirklich konstruktiv argumentieren und vorgehen kann.

Ein neomarxistischer Denker, der unabhängig von der eigenen politischen Position sehr interessant und lesenswert ist, da er einem helfen kann, gesellschaftlichen Wandel und die Macht des Staates zu verstehen, ist Antonio Gramsci.

Wer war Antonio Gramsci?
Der marxistische Philosoph und Journalist wurde 1891 in Sardinien geboren. Er gehört zu den Begründern der Kommunistischen Partei Italiens (Partito Comunista Italiano). Von 1924 bis 1927 war er ihr Generalsekretär und bis zu seiner Verhaftung durch die Faschisten 1926 auch Abgeordneter im italienischen Parlament. Er starb 1937 während seiner Gefangenschaft in Rom. Vor seinem Tod verbrachte er aufgrund der faschistischen Machtübernahme in Italien fast ein Jahrzehnt unter menschenunwürdigen Bedingungen in politischer Haft. In dieser Zeit schuf er seine als Gefängnishefte bekannten philosophischen und soziologischen Abhandlungen, die bis heute einen großen Einfluss auf viele Denker und politische Aktivisten haben. Insbesondere setzte sich Gramsci mit der Frage auseinander, warum es eigentlich in Russland zu einer kommunistischen Revolution kam und nicht in Mitteleuropa oder Amerika. Schließlich hatte Marx prophezeit, die Revolution würde in den Endphasen des Kapitalismus stattfinden – in Russland aber herrschte bis zur Machtübernahme der Bolschewiken noch de facto Agrarwirtschaft und Feudalismus, während bedeutende kommunistische Umstürze in den eigentlichen kapitalistischen Länder mit starken Arbeiterbewegungen wie Großbritannien und den USA ausblieben. Dabei wurde er vor allem von seinen eigenen Erfahrung während der gescheiterten Turiner Rätebewegung geprägt. Mit seinen Schlussfolgerungen verwarf er letztendlich die Theorien zur Revolution des klassischen Marxismus, des Leninismus und des Stalinismus und entwickelte eine eigene, relativ universelle Theorie, wie ein gesellschaftlicher Wandel – unabhängig von der konkreten politischen Ausrichtung der „Revolutionäre“ – durch das erlangen einer kulturellen Hegemonie zustande kommt.

Tatsächlich erfahren seine Ideen daher nicht nur eine breite Rezeption unter den Neuen Linken. Spätestens seit dem 1985 erschienen Buch des rechten Philosophen Alain de Benoist „Kulturrevolution von Rechts“ sind sie auch unter den Neuen Rechten beliebt. Vor allem die Identitäre Bewegung beruft sich immer wieder auf die Ideen von Gramsci und adaptiert sie recht erfolgreich in ihren metapolitischen Konzepten. Da diese Rechtsextremen, genauso wie die Linksextremen, Feinde der Freiheit der Menschen sind, für die die Liberalen sich einsetzen, ist es umso wichtiger, dass sich Liberale mit Gramsci auseinandersetzen, wenn sie in unseren Zeiten, in denen Rechts- und Linkspopulismus zu immer größeren Bedrohung werden, bestehen wollen.

In liberalen Kreisen kennt man zwar bereits ähnliche Ideen, wie die, die Antonio Gramsci ausformuliert hat, allerdings vor allem als die Social Change Theorie von Friedrich August von Hayek. Denn wie Gramsci beschäftigte sich auch Hayek damit, wie eine Gruppe einen politischen Wandel durchsetzen kann, allerdings ist Hayeks Social Change Theorie bei weitem nicht so ausdifferenziert und tiefgründig wie die Überlegungen zur kulturellen Hegemonie von Gramsci, der ein Jahrzehnt in einer Gefängniszelle seine Ideen reflektierte. Im Folgenden kann ich aber daher auch Gramscis Theorien aufgrund ihres Umfangs natürlich nur anreißen und wahrscheinlich ungenügend zusammenfassen – deswegen ist es doppelt interessant für Liberale, die sich bereits dem Social Change verpflichtet fühlen, für ein tieferes Verständnis dessen auch Gramsci zu lesen. Die folgende Zusammenfassung soll daher lediglich als Überblick und vor allem als subjektiver Kommentar dienen.

Was ist kulturelle Hegemonie nach Gramsci?
Im Unterschied zu vielen Libertären und auch zu den klassischen marxistischen Theoretikern fasst Gramsci den Staat nicht nur als einen Repressionsapparat auf, sondern als ein komplexes Herrschaftssystem, das in Wechselwirkung zu den sozialen Verhältnissen in der beherrschten Gesellschaft steht. Es besteht also eine Art Dualismus aus Zwang und Konsens. Dabei unterscheidet Gramsci zwischen der politischen Gesellschaft (Macht durch Zwang) und der bürgerlichen Gesellschaft (Macht durch Konsens). Mit letzterer bezeichnet Gramsci den gesamten privaten Sektor, also das, was man heute Zivilgesellschaft nennt und den gesamten religiösen, privaten, sozialen, intellektuellen und moralischen Bereich des menschlichen Lebens umfasst. Die politische Macht des Staats beruht nach Gramsci vor allem auf seiner Macht in der Zivilgesellschaft, weshalb diese auch von ihm nicht zu trennen ist. Daher übt der Staat seine Macht auch weniger mit Zwang aus, sondern vor allem mittels einer impliziten Ideologie, die auf Überzeugungen basiert, die von der Mehrheit der Gesellschaft als selbstverständlich angenommen werden.

Die kulturelle Hegemonie lässt sich dabei als die Produktion dieser impliziten Ideologie und damit von zustimmungsfähigen Ideen, also der Schaffung von Konsens, auffassen. Diese Hegemonie bildet und erhält sich selbst durch die Hegemonieapparate des Staates aber auch der Zivilgesellschaft, wie zum Beispiel Schulen, Kirchen, Universitäten, Vereine und Massenmedien. Damit wirkt sich die Hegemonie nicht nur auf die direkt politischen Bereiche des Lebens aus, sondern als kulturelle Macht auch auf die Sitten, die Sprache, die Traditionen, die Werte und sogar das, was man als gesunden Menschenverstand bezeichnet. Sie bestimmt, was denkbar ist und was nicht – die berühmte Box also, außerhalb jener die Kreativen denken. Durch diese kulturelle Macht kommt dem Staat durch die ideologische Hegemonie eine spontane Zustimmung der Mehrheit der Bevölkerung zu einer bestimmten Weltsicht zu gute, die seine politische Macht ermöglicht und konsolidiert und die Werte der Herrschenden rechtfertigt. Das Herrschaftssystem des Staates (und für Gramsci auch das des Kapitalismus), in dem die Menschen leben, werde von der Mehrheit der Bevölkerung daher nicht als repressiv wahrgenommen, sondern als selbstverständlich. Von diesem Grundgedanken aus sind auch die Neuen Linken unserer Gegenwart so versessen darauf, Geschlechter, die westliche Kultur, die Religionen und sogar die Sprache zu dekonstruieren und zerstören, da sie in der gesamten westlichen Kultur einen Ausdruck der kulturellen Hegemonie des Kapitalismus sehen. (Dabei handelt es sich jedoch offensichtlich um einen reduktionistischen Fehlschluss, denn viele Werte und Ideen, die Teile der gegenwärtigen Hegemonie ausmachen, offensichtlich deutlich älter als der Kapitalismus sind oder diesem sogar zuwiderlaufen und die Fundamente eines zivilisierten Lebens bieten, ohne die wir in Nihilismus und Barbarei zurückfallen.)

Die Hegemonie kann der Staat (oder die Gruppe, die nach Macht strebt) allerdings nicht direkt verordnen, sondern sie muss errungen werden, denn sie ist alles andere als statisch und ständig im Fluss. Das Schlachtfeld um Hegemonie ist dabei vor allem die Zivilgesellschaft, deren Institutionen Gramsci metaphorisch als gewaltige kulturelle und ideologische Schützengräben und Befestigungsanlagen beschreibt, die der Zitadelle der eigentlichen Macht, der herrschenden Schicht und dem Staat, im physischen wie im metaphorischen Sinne vorgelagert sind. Um die Zitadelle der Macht, also den Staat, erobern oder stürzen zu können, müssen zuerst die Befestigungsanlagen der Zivilgesellschaft eingenommen werden. Lenin konnte die politische Macht in Russland nicht an sich bringen, weil der dort eigentlich nicht vorhandene Kapitalismus in irgendeiner Endphase gewesen wäre, sondern weil die bürgerliche Gesellschaft in Russland des Zarenreichs praktisch nicht existent war. Lenin konnte also den kulturellen Krieg überspringen und sofort zur politischen und physischen Konfrontation übergehen.

In der entwickelten, westlichen Welt hingegen mit einer starken bürgerlichen Gesellschaft, in denen der Staat nicht nur politische Macht, sondern auch eine starke kulturelle Macht hat, ist eine wie auch immer geartete Revolution nicht ohne weiteres möglich. Wenn man also die herrschenden Verhältnisse beziehungsweise den Staat einnehmen oder stürzen will, ist das in den entwickelten Gesellschaften nur durch eine Transformation der allgemeinen Vorstellungen der Menschen und eine Eroberung der kulturellen Hegemonie möglich. Eine soziale Gruppe muss mit ihren Ideen führend sein und die kulturelle Macht erlangen, bevor sie die politische Macht erlangt. Dabei ist einer der widerstandsfähigsten und wichtigsten Schützengräben, den es zu erobern gilt, der Alltagsverstand, denn er ist die zentrale Arena der Zivilgesellschaft und der bestehenden Verhältnisse. Erst, wenn die Mehrheit einer Bevölkerung und der bürgerlichen Institutionen im kulturellen Kampf erobert worden ist, also die Revolution in den Geistern erfolgt ist, können die politischen Verhältnisse einer entwickelten Gesellschaft verändert werden.

Die Rolle der Intellektuellen
Wie Hayek misst Gramsci den Intellektuellen eine bedeutende Rolle im gesellschaftlichen Wandel und der Aufrechterhaltung der kulturellen Hegemonie bei. Ohne die Philosophen und Anhänger der Aufklärung, hätte es keine französische Revolution gegeben. Ohne einen Marx und die Verleger, Künstler und Journalisten, die seine Ideen verbreiteten, hätte es keinen Lenin geben, und ohne Lenin keinen Stalin. Daher sind Theoretiker und die Intellektuellen, die ihre Ideen verbreiten, noch wichtiger im kulturellen und politischen Transformationsprozess als die Politiker, die am Ende nur deren Ideen politisch umsetzen.

Gramsci beschreibt Intellektuelle allerdings im Gegensatz zu Hayek nicht in einer hierarchischen Struktur von original thinkers und second-hand dealers, sondern fasst den Begriff der Intellektuellen deutlich weiter: Jeder Mensch sei nach Gramsci ein Intellektueller, weil jeder die Fähigkeit zum rationalen Denken habe. Für ihn sind Intellektuelle nicht nur Journalisten, Wissenschaftler oder Redner, sondern alle Organisatoren der gesellschaftlichen Prozesse, die über staatliche und zivilgesellschaftliche Hegemonieapparate wie Vereine, die Schule, die Massenmedien, die Parteien usw. eine bestimmte Hegemonie herstellen und aufrechterhalten. Nicht alle Menschen würden allerdings die Funktion von Intellektuellen tatsächlich erfüllen können. Gramsci unterscheidet daher zwischen klassischen und organischen Intellektuellen.

Die traditionellen Intellektuellen sind die etablierten Schriftsteller, Philosophen und Künstler, die sich selber fälschlicherweise oft als eine eigene Klasse außerhalb der Gesellschaft betrachten würden. Jede soziale Gruppe (beziehungsweise Klasse) bringt allerdings selber auch organische Intellektuelle hervor. Diese organische Intellektuelle sind jene Personen, die mit Artikeln, ihren Gesprächen, ihren Liedern und Bildern durch die Sprache der Kultur die Gefühle und Erfahrungen ihrer sozialen Gruppe artikulieren.

Eine neue Kultur zu schaffen bedeutet nicht nur, individuell ›originelle‹ Entdeckungen zu machen, es bedeutet auch und besonders, bereits entdeckte Wahrheiten kritisch zu verbreiten, sie sozusagen zu ›vergesellschaften‹ und sie dadurch Basis vitaler Handlungen, Element der Koordination und der intellektuellen und moralischen Ordnung werden zu lassen. Dass eine Masse von Menschen dahin gebracht wird, die reale Gegenwart kohärent und auf einheitliche Weise zu denken, ist eine ›philosophische‹ Tatsache, die viel wichtiger und ›origineller‹ ist, als wenn ein philosophisches ›Genie‹ eine neue Wahrheit entdeckt, die Erbhof kleiner Intellektuellengruppen bleibt.

 

Oft versucht eine soziale Gruppe, die die Hegemonie anstrebt, die traditionellen Intellektuellen für ihre Ideen zu begeistern. Es ist allerdings nach Gramsci viel schneller und effizienter, wenn eine soziale Gruppe eigene organische Intellektuelle hervorbringt, die eine eigene Kultur und damit eine alternative Hegemonie innerhalb der bestehenden bürgerlichen Gesellschaft schaffen. Um diese alternative Hegemonie zu errichten, sieht Gramsci vor, dass in der politischen (beziehungsweise bei ihm proletarischen) Bewegung jedes Individuum zunehmend sein intellektuelles Potential entfaltet und die Funktion eines Intellektuellen einnimmt, um die bestehenden hierarchischen Verhältnisse aufzulösen. Dadurch kann durch die Quantität der Intellektuellen allein die alternative Hegemonie eine Diskurshoheit erreichen und die öffentliche Meinung in Besitz nehmen, womit sie langfristig zur allgemeinen kulturellen Hegemonie wird. Es reicht an die Erfolge der 68er Bewegung zurückzudenken, um zu sehen, dass diese Vorgehensweise in der Realität relativ effizient ist.

Die Effektivität der hegemonialen Strategien gegen liberale Gesellschaften
Die größte Schwäche einer liberalen Gesellschaft ist, dass sie keine eigenen politischen Verteidigungsmechanismen im kulturellen Kampf hat – etwas, was wir in den Zeiten des Populismus von Links und Rechts schmerzhaft zu spüren bekommen. Man kann mit Polizei und Justiz gewalttätige Angriffe auf die Freiheit abwehren, aber eine liberale Gesellschaft zeichnet sich nun mal durch ihre Toleranz aus. Sie kann deswegen nur mit Mühe die Verbreitung von antiliberalen Gesinnungen, Büchern, Filmen und Artikeln bekämpfen ohne selbst antiliberal zu handeln. Diese Tatsache nutzen vor allem die Neuen Rechten gezielt und bewusst aus, indem sie durch Tabubrüche, Querfrontstrategien und radikale Publikationen über den Diskurs die liberale Demokratie zur Selbstzerstörung treiben wollen. Eine liberale Gesellschaft kann sich gegen solche Angriffe nur verteidigen, wenn sie eine starke Zivilgesellschaft mit engagierten liberalen Intellektuellen hat, die eine liberale Hegemonie jeden Tag aufs Neue erkämpfen und sich weder von den Linken noch von den Rechten einschüchtern oder verführen lassen. Oder wie es Gramsci treffend für die Linken pointierte, was aber nichts daran ändert, dass es auch für Liberale gültig ist:

Man muss nüchterne, geduldige Menschen schaffen, die nicht verzweifeln angesichts der schlimmsten Schrecken und sich nicht an jeder Dummheit begeistern. Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens.

Doch das Individuum allein reicht nicht aus. Niemand, nicht einmal ein Julian Assange oder ein Ross Ulbricht, kann im Alleingang einen korrupten Staat, eine ungerechte Justiz, eine moralisch fehlgeleitete Gesellschaft oder eine herannahende Armee niederringen. Die Realität hat keinen John Galt – und selbst dieser muss in dem Roman “Atlas Shrugged” von Ayn Rand erst eine Gefolgschaft rekrutieren.

Gramsci arbeitet in seinen Abhandlungen deshalb relativ detailliert aus, wie politische Bewegungen sich aufbauen, rekrutieren und wie sie mit anderen Bewegungen zum erreichen ihrer Ziele einen hegemonialen Block (was man heutzutage als Querfrontstrategie bezeichnet) bilden müssen, um erfolgreich zu sein. Für ihn steht am Ende vor allem im Sinne Machiavellis die Kommunistische Partei als „moderner Fürst“ im Zentrum der Schaffung der neuen Hegemonie, aber es ist auch wichtig, andere Institutionen zu besetzen. Durch kollektivistische Aktionen, Publikationen und Mitarbeit in etablierten und neu geschaffenen Institutionen müssen wichtige Kultureinrichtungen und der Diskurs infiltriert werden, um von dort aus die eigene Ideologie in die Gesellschaft zu bringen. Sobald die öffentliche Meinung dominiert und die Hegemonie der eigenen Kultur etabliert wurde, kann ein Umsturz der bestehenden Verhältnisse durch Wahlen und eine Übernahme der Regierung erfolgen.

Das sind komplexe Methoden, die Zeit brauchen, aber auf die sich zurzeit die Neuen Linken und sogar die Spinner der Identitären Bewegung berufen, und die sie relativ erfolgreich instrumentalisieren. Und wenn die Linken und Rechten in der Lage sind, Gramscis Ideen zu adaptieren, warum sollten Liberale nicht den Spieß umdrehen und es auch tun können?

Liberaler Gramscismus
Auf den ersten Blick wirkt es vielleicht wie ein Paradoxon, wie Liberale diese Methoden für sich nutzen sollten. Der Liberalismus fußt schließlich im Gegensatz zu den Ideologien der Rechten und Linken auf dem Individualismus und dem Rationalismus, weshalb man auch kaum Liberale Flaggen schwenken oder irgendwo aufmarschieren sieht und viele Liberale den Liberalismus nicht einmal als eine Ideologie auffassen. Doch, wenn die Liberalen die Menschen wirklich zur Freiheit hinführen wollen, müssen sie dieses Paradoxon überwinden und sich kollektivistischer Methoden und Ideen bedienen, um kollektiv eine ideologische Hegemonie zu schaffen und für ihre Ideen der Individualität und Freiheit zu wirken. Denn erst durch dieses kollektive Handeln kann letztendlich die Diskurshoheit und damit die kulturelle Hegemonie errungen werden. Natürlich ist das ein schmaler Grat, denn er kann sehr schnell dazu führen, dass man seine eigenen Ideale verrät, oder schlicht durch Subversion verliert. Doch hier sind die liberalen Tugenden der Aufklärung wie die Selbstverantwortung, stetige Bildung und kritische Reflexion, und vor allem die Freiheit in den Gedanken, die besten Gegenmittel gegen einen solchen Verfall in echten Kollektivismus und Dogmatismus.

Was Liberale meiner Meinung nach schlussfolgern sollten
Es reicht nicht aus, wenn sich alle Politiker im Bundestag formal zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung bekennen. Es ist auch relativ egal ob zurzeit eine liberale Partei 3%, 8%, 18% oder sogar 90% im Parlament hat. Auch spielen die Wahlkämpfe alle vier Jahre eine eher geringfügige Rolle, wenn es darum geht, die Freiheit der Menschen zu bewahren oder die Macht des Staates zu reduzieren. Letztendlich reproduzieren und stärken sie nämlich ohne ein eigenes kulturelles Fundament und eigene alternative Hegemonie nur die Legitimation und die repressive Macht der bestehenden kulturellen Hegemonie des Staates, die wir als Liberale doch eigentlich reduzieren wollen. Es muss auf lange Sicht geplant und gearbeitet werden, vor allem im kulturellen Bereich, wenn wir den Staat schwächen und die Menschen befreien wollen. Es muss eine eigene liberale Kultur erschaffen und zur Hegemonie geführt werden.

Man könnte argumentieren, dass solch eine liberale Kultur bereits existiert. Das ist auch weitestgehend wahr: die kapitalistische Nützlichkeitslogik beherrscht den Alltagsverstand der meisten westlichen Menschen, genauso wie die liberale Demokratie einer fast schon göttlichen Idealisierung ausgesetzt ist – allerdings ist diese Hegemonie lediglich auf das Rationale beschränkt und daher zumindest meinem Eindruck nach insbesondere in Europa mittlerweile ziemlich verkommen und hat zu wenige organische und klassische Intellektuellen. Sie hat den heroischen Glanz, den sie im 18. Jahrhundert im Lichte der Aufklärung vielleicht noch hatte, weitestgehend verloren. Das liberale Milieu bringt zurzeit in Europa kaum nennenswerte Intellektuelle und Künstler hervor und wird daher vor allem durch Politiker und Wirtschaftsakteure bevölkert. In der Folge ist es so sehr von zwanghafter Rationalität, schlipstragender Dekadenz und vor allem wirtschaftlichen Denken durchdrungen, dass es für die meisten Menschen ästhetisch und emotional so ansprechend und zugänglich ist, wie die mit Mathewitzen beschmierte Kachelwand einer Toilette der Physikfakultät. Der Mensch ist nämlich entgegen der Wunschvorstellung vieler Liberaler, kein ausschließlich rationales und auch kein ausschließlich ökonomisches Wesen. Er braucht Subjektivität, Liebe, Gemeinschaft, Identität, Werte – also eine Sinn stiftende Kultur. Ohne ein Warum ist jedes noch so gute Wie, jeder noch so hohe Kontostand, unerträglich. Es ist meiner Meinung nach nunmal daher der Status quo, dass man entweder so mit Amphetamin zugedröhnt sein muss wie Ayn Rand oder einen, wie es Erich Fromm nennt, nekrophilen Charakter besitzen muss, um etwas lebenswertes wie Sinn und Schönheit in der durchrationalisierten Welt der gegenwärtigen Kultur des europäischen Liberalismus sehen zu können. Und das ist fatal.

Wenn wir weiterhin in einer genauso freien, oder besser, langfristig in einer noch freieren Gesellschaft als der jetzigen leben wollen, so müssen wir heute die Saat der Freiheit säen und am Aufbau einer neuen liberalen Kultur und Hegemonie arbeiten. Wir brauchen dafür nicht nur liberale Unternehmer, Anwälte und Politiker, sondern viel mehr liberale Künstler, liberale Rapper, liberale Dichter und liberale Romanautoren, die die liberale Mentalität massentauglich machen und vermenschlichen. Vielleicht werden wir niemals die Früchte dieser Arbeit ernten können, aber zumindest dann unsere Enkelkinder.

Insbesondere zeigt Gramsci meiner Meinung nach, dass wir unsere Zeit und unsere freiheitlichen Gesinnungen nicht mit zu viel politischer Parteiarbeit und unnötiger Bürokratie aufreiben oder durch das Verlangen nach politischer Macht korrumpieren lassen sollten. Überlassen wir die Parteien eher jenen, die von Natur aus einen autoritären, konformistischen und bürokratischen Charakter haben und nur zu gern als Werkzeuge der bestehenden Hegemonie dienen. Konzentrieren wir uns darauf, den kulturellen Wandel zu bringen und eine eigene Hegemonie zu etablieren, die dann auch langfristig tatsächlich das politische System reformiert, statt uns zu Handlangern des Status quo zu machen. Nur so können wir langfristig die kulturelle Schlacht um die Freiheit der Menschen gegen die antiliberalen Gesinnungen verteidigen und auch zum Sieg führen.


Dieser Artikel erschien ursprünglich am 18.04.2019 auf PLL: https://peace-love-liberty.de/liberaler-gramscismus/


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Das Trümmerfeld des Informationskriegs

Wie Online-Propaganda die Menschen und das Internet spaltet

Was haben Facebookseiten mit Namen wie “Black Matters”, “Brown Power” und “Patriotic Today”, “United Muslims of America”, “LGBT United” und “Army of Jesus” gemeinsam? Auf den ersten Blick scheint es nicht viel zu sein, doch es lohnt sich genauer hinzusehen: Sie existieren mittlerweile alle nicht mehr, hatten davor aber jeweils mehrere hunderttausende Follower und sprachen unterschiedliche, aber klar definierte Personengruppen in den USA an. Diese Facebookseiten verbreiteten dabei oft das, was man als Hatespeech, Fake News und Identitätspolitik bezeichnet, und hetzten ihre Follower gegen die Follower der jeweils anderen Seiten auf. So verteufelten zum Beispiel die Seiten “Black Matters” und “Brown Power” Weiße, insbesondere Polizisten, und riefen zu Demonstrationen der Black Lives Matter-Bewegung auf, während “Patriotic Today” gegen die Schwarzen und die BLM-Bewegung hetzte.

Die Hetze war aber nicht der primäre Grund, warum die Seiten 2016 von Facebook gelöscht wurden. Gelöscht wurden sie, weil sie wie circa 8,000 andere Facebookseiten und zahllose YouTube-Kanäle alle aus dem gleichen Gebäude stammen, einem unscheinbaren Betonklotz mit verspiegelten Fenstern in St. Petersburg. Dort hat die russische Internet Research Agency ihren Sitz, eine sogenannte Trollfabrik, die neben den Sendern Russia Today und Sputnik einer der größten Kanäle der russischen Online-Propaganda darstellt. In den USA haben die Folgen dieser Propaganda und deren noch immer laufende Aufarbeitung seit dem US-Wahlkampf 2016 zu einer tiefen Spaltung und Verunsicherung der Gesellschaft beigetragen. Entsprechend fürchtet man auch in Europa vor allem in Hinblick auf die bevorstehenden EU-Wahlen eine Wiederholung. Im Dezember 2018 legte daher die EU-Kommission einen Aktionsplan gegen Fake News und russische Propaganda vor, um die EU-Wahlen vor dieser zu schützen, da man befürchtet, sie könnten zu einem Erfolg von Anti-EU-Parteien beitragen. Doch warum ist diese russische Propaganda so effektiv und wie funktioniert sie? Warum zittert der halbe Westen vor einem Betonklotz in St. Petersburg, in dem ein paar “Trolle” sitzen?

Firehose of Falsehood – Der Feuerwehrschlauch der Falschheit

2015 veröffentlichte die amerikanische RAND Corporation (research and development), ein 1948 gegründeter staatlicher Thinktank, der das US-Militär berät, ein Paper, das das neue Modell der russischen Propaganda beschreibt. Die Strategien, die darin unter dem Namen Firehose of Flasehood, Feuerwehrschlauch der Falschheiten, beschrieben und zusammengefasst werden, stellen in ihrer Skrupellosigkeit jedes ARD-Framing meilenweit in den Schatten.

Grundlegend bauen die russischen Propagandastrategien wie die der Sowjetunion darauf, die eigenen Intentionen zu verschleiern und die Gegner gegeneinander auszuspielen, ohne dass sich diese dem  Einfluss der Propagandisten bewusst werden. So werden zum Beispiel bereits bestehende Ressentiments in der Gesellschaft des feindlichen Landes dazu heimlich verstärkt und etablierte Normen dekonstruiert. Dadurch soll der Feind sich selbst durch innere Konflikte zur außenpolitischen Handlungsunfähigkeit lähmen und am besten gleich selbst zerstören. Diese Vorgehensweise ist damit viel effizienter und kostengünstiger als die offensive Überzeugungsarbeit klassischer Propaganda oder konventionelle Kriegsführung. Russland mag zwar, was die Zahl der Soldaten und der physischen Waffen angeht, der NATO unterlegen sein, aber das ist in Zeiten der modernen, hybriden Kriegsführung im Cyberspace weitestgehend irrelevant, und das nicht nur, weil ein offener physischer Krieg aufgrund des nuklearen Damoklesschwerts quasi unmöglich ist. Ein kleines Team von Propagandisten kann mit wenigen gezielten Desinformationskampagnen, also dem Verbreiten von Fake News, immensere Schäden an den liberal-demokratischen Strukturen des Westens ausrichten als jeder Drohnenschlag – und das meistens auch noch unentdeckt. Spätestens seit dem Einfall Russlands in Georgien 2008 vollzog sich durch die neuen Möglichkeiten des Internets eine Revolution der russischen Propagandamethoden, die vor allem im Zuge der Krim-Annexion 2014 und den USA-Wahlen 2016 in ihrer vollen Ausprägung zur Anwendung kamen.

Das neue russische Propagandamodell der Firehose of Falsehood nutzt die ganze Bandbreite an Möglichkeiten der Digitalisierung, um den Gegner nicht nur über zahlreiche Kanäle wie aus Wasserschläuchen mit Lügen vollzuspritzen, sondern ihn regelrecht in Fake News zu ertränken, bis niemand mehr weiß, was wahr oder falsch ist. Als die Kern-Elemente dieses Modell identifiziert die Rand Corporation daher:

  1. High-volume and multichannel
  2. Rapid, continuous, and repetitive
  3. Lacks commitment to objective reality
  4. Lacks commitment to consistency

Die Psychologie hinter dem Fake News-Schwall

Über zahlreiche Kanäle, angefangen bei den Blogs und YouTube-Kanälen von Russia Today und Sputnik News bis hin zu zahllosen gefälschten Facebook-Seiten und durch die fingierten Kommentare von Bots und sogenannten “Trollen”, die Lügen, politische Memes und Provokationen in den Kommentarbereichen von Webseiten und in Foren verbreiten, werden europäische und amerikanische Internetnutzer in großer Menge und schneller Geschwindigkeit mit Fake News bombardiert. So wird die liberale Demokratie an ihrer größten Schwachstelle angegriffen: ihrer Abhängigkeit von der öffentlichen Meinung und einem Konsens, und damit von der Vernunft der Massen.

So operiert diese Art der Propaganda, indem sie den gesunden Menschenverstand durch die Ausnutzung mehrerer psychologischer Heuristiken und Denkprinzipien des menschlichen Geistes effektiv aushebelt: Durch den Informationsoverload werden die Menschen dazu verleitet, noch stärker als sonst schon mentale Abkürzungen (also Heuristiken) zu verwenden, um den Wahrheitsgehalt einer Meldung zu beurteilen. Das stärkt zuerst den sogenannten Primäreffekt, der bewirkt, dass Menschen sich für die erste Meldung zu einem Ereignis nicht nur mehr interessieren, sondern diese auch eher glauben und verinnerlichen als die darauffolgenden Meldungen, die die erste eventuell als Lüge enttarnen. Durch gegenseitige Zitation, eine professionelle Aufmachung und redaktionelles Bearbeiten erhalten die Fake News eine Art von Autorität und damit Glaubwürdigkeit, die den Nutzer dazu verleitet, nach dem Autoritätsprinzip zu urteilen (“wenn es seriös aussieht, muss es auch glaubwürdig sein”). Wenn ein Nutzer dann trotzdem nicht sofort einer Falschmeldung glaubt, so wirkt diese Propaganda langfristig dann trotzdem dadurch, dass er sie von allen Seiten immer wieder zu sehen oder zu lesen bekommt. Durch diese Wiederholung entsteht ein Reiterationseffekt (“was man oft hört, merkt man sich”). Spätestens, wenn er dann vergisst, dass die gemerkte Information aus unglaubwürdigen Quellen stammt, das “Fake” also vergessen und nur noch die “News” im Gedächtnis geblieben ist – was man in der Psychologie als Sleeper-Effekt bezeichnet – wird er sie auch in den meisten Fällen glauben. Durch diesen gezielten Angriff auf die psychologischen Schwachpunkte des menschlichen Verstandes ist es äußerst schwer, sich dem Einfluss dieser Propaganda zu entziehen. Man muss dafür besonders wachsam und kritisch sein, was wohl die wenigsten von uns sind, wenn sie morgens vor dem zweiten Kaffee noch im Bus zur Uni durch Facebook scrollen und eigentlich nur ein paar Memes und Aufreger zum Wachwerden suchen.

 

Des Weiteren – und das verwirrte die Forscher zu Beginn am meisten, denn es widerspricht allen bisherigen bekannten Propagandamodellen – bemüht sich diese Propagandastrategie nicht einmal im Ansatz um Konsistenz und Kontinuität oder irgendwie darum, sich zumindest teilweise den Anschein von Objektivität und Aufrichtigkeit zu geben. So leugnete Putin am Anfang der Krim-Krise, es wäre im Interesse Russlands, die Krim zu annektieren, genauso wie er sagte, es gäbe keine russischen Soldaten auf der Krim, nur um später zu verkünden, dass die Annektion natürlich von Anfang an der Plan war und selbstverständlich russische Truppen ausgeschickt worden waren, um die russische Mehrheit zu schützen. Noch extremer verbreiten russische Trollfabriken und Nachrichtensender sich widersprechende und rapide wechselnde und konkurrierende Fake News, um von der einen Seite zum Beispiel die Black-Lives-Matter-Bewegung zu verurteilen und von der anderen im gleichen Sekundentakt in den Himmel zu loben. Zusätzlich arbeiten rund um die Uhr professionelle “Trolle” in der Internet Research Agency daran, ihre tägliche Quote von 135 Kommentaren zu erfüllen, indem sie Streit in Foren anzetteln und Artikel und Autoren diffamieren, die nicht in die russische Agenda passen oder zu schlichten versuchen.

 

Bei genauerer Analyse ergibt sich, dass so eine Streuung und Ambivalenz bei Fake News hocheffektiv ist. Zwar mag es zu einem gewissen Grad der Glaubwürdigkeit schaden, wenn man ständig etwas anderes behauptet, doch zugleich wecken Widersprüche das Interesse der Rezipienten und wenn ein starkes Argument für den Meinungswechsel geliefert wird, wirkt die Quelle dann oft für viele Menschen paradoxerweise vertrauenswürdiger, da sie ausgewogener zu berichten scheint. Durch den Conformation-Bias und die personalisierten Algorithmen der sozialen Netzwerke bekommt der Rezipient am Ende aber auch zum Großteil nur das zu lesen und zu sehen, was eh seine Weltsicht bestätigt und seine soziale Gruppe anspricht, was ihn zu einer leichten Beute für instrumentalisierte Identitätspolitik macht. Wer dann doch versucht, aus seiner Filterblase auszutreten und sich nicht wie eine Schachfigur gegen die anderen Gruppen ausspielen zu lassen, der versinkt durch die Trolle und Fake News in einem Meer aus Widersprüchen, Lügen und Beleidigungen. Wie schwierig es ist, Trolle von echten Nutzern und von außen gestiftete Identitätspolitik und Chaos von genuinen Interessen zu unterscheiden, illustriert nicht nur die Black-Lives-Matter-Bewegung in den USA, deren gewaltsame Eskalationen nun zumindest zum Teil wohl ausländischem Einfluss zuzurechnen sind, genauso wie die Tumulte rund um den letzten US-Wahlkampf. Auch in Deutschland äußerte Angela Merkel während der Münchener Sicherheitskonferenz 2019 ihren Verdacht, die zeitgleich stattfindenden Schülerdemos der Fridays for Future könnten das Ergebnis ebensolcher hybriden Kriegsführung sein. Für diese Aussage wurde sie von den deutschen Medien scharf kritisiert – aber wer weiß schon am Ende, ob die Schüler, die sonst eher durch politische Passivität glänzen als durch Aktivismus, tatsächlich von selbst auf die Idee der Demos kamen oder nicht doch irgendwo ein paar von Russland betriebene Instagram-Seiten dahinter stecken? Und selbst wenn jemand behauptet zu wissen, wie es wirklich war, woher soll man wissen, ob man ihm trauen kann?

 

Steve Bannon und Trumps Fake News

Russland ist natürlich mittlerweile nicht die einzige Nation, die sich solcher schmutzigen Propagandatechniken bedient. Wer beim Lesen des Artikels bisher etwas mitdachte, der kam sicher nicht drumherum, an den wahrscheinlich größten Troll unserer Gegenwart zu denken: Donald Trump. Der US-amerikanische Präsident ist quasi eine Ein-Mann-Trollfabrik. Jeden Tag gibt er über alle Kanäle Polemik und Lügen von sich und ergänzt das noch mit einer endlosen Flut an privaten Tweets. Die Ähnlichkeit zum russischen Propaganda-Modell ist unverkennbar. Tatsächlich erklärte im November 2018 der ehemalige Wahlkampfberater von Trump und Chefstratege der Alt-Right Steve Bannon bei einem Q&A in Oxford ganz unverfroren, dass sich die Alt-Right und Trump ganz selbstverständlich der Lügen und des Populismus bedienen. Bannon und Trump sind, auch wenn es viele Linke gern so darstellen, keine Idioten. Sie wissen, dass vieles, was sie von sich geben, populistische Lügen sind. Aber nach Bannons Logik ist der Populismus die schmutzige Waffe, derer man sich bedienen müsse, wenn man das (in seinen Augen korrupte) “Establishment” angreifen und den Westen verteidigen wolle.

 

Man mag von Bannon halten, was man will, aber Trump und er konnten zweifelsfrei Erfolg verbuchen durch das Kopieren des russischen Modells. Dass sich nun das US-amerikanische Staatsoberhaupt und viele der US-amerikanischen Leitmedien aber am regen Verbreiten von Falschheiten und der Pervertierung der Wahrheit beteiligen, macht es langfristig für die Welt aber alles andere als besser, sondern stürzt sie eher langfristig in eine antiaufklärerische Paranoia.

 

Was tun gegen den Lügenstrom?

Wie soll eine Gesellschaft auf diesen endlosen Strom von Lügen reagieren, wie kann sie sich vor der Spaltung und dem Realitätsverlust durch so ein Fake-News-Bombardement wehren? Wie kann ein demokratischer Diskurs in so einem Umfeld weiter bestehen? Untätig kann eine Regierung nicht wegschauen und auch der Markt ist derzeit nicht wirklich in der Lage, eine Antwort hervorzubringen. Obwohl bereits viele der sozialen Netzwerke sich zumindest formell der Enthüllung von Fake News verschrieben haben und mehrere Webseiten und Zeitungen Faktenchecks veröffentlichen, ziehen sie trotzdem deutlich weniger Leser an als Fake News. Diese sind durch ihren skandalösen und emotionalen Charakter dabei auch für viele soziale Netzwerke deutlich profitablere Quellen für Klicks und damit Werbeeinnahmen als die sachlichen Texte der Aufklärer.

 

Die Lösungsvorschläge von RAND

Das Paper der RAND Corperation schlägt der Regierung daher vier Strategien vor, wie sie gegen die digitale Propaganda ankämpfen kann. So sollte man 1. die Bevölkerung warnen und die Wahrheit zuerst verbreiten, also schneller sein als die Gegenseite, um den Primäreffekt auszunutzen. Allerdings ist das oft schwer möglich – vor allem bei der Berichterstattung von Ereignissen, die nie stattfanden, sondern reine Erfindung der Propagandisten sind. Deswegen sollen die USA auch versuchen, 2. die Zielgruppen mit eigener Propaganda in eine “produktivere” Richtung zu lenken und dabei auch 3. die russische Propaganda damit zu übertönen und das Netz mit einer eigenen Firehose of Falsehood dominieren, wie es die neurechten Kreuzritter bereits mehr oder weniger erfolgreich mit Breitbart News und Rebel Media versuchen. Zu guter Letzt kann man natürlich auch 4. die Verbreitungsplattformen attackieren, was man in den letzten drei Jahren in den USA auch tat. Öffentlich ergaben sich daraus vor allem die für alle Seiten etwas peinlichen Auftritte der Chefs von Google und Facebook vor dem US-Kongress. Im Hintergrund entwickelten die Cyberstreitkräfte der US-Armee, das USCYBERCOM, die Vorschläge hingegen in die für sie typisch brachialen Strategien. Diese bestehen mehreren veröffentlichten Papieren und Medienberichten zufolge vor allem daraus, zusammen mit der NSA für die Tage rund um wichtige Ereignisse wie Kongresswahlen durch Hackerangriffe die Internetverbindung der Internet Research Agency lahmzulegen. Das sind aber eher Nadelstiche als eine langfristig zielführende Methode, da die Propaganda auch dann weiter wirkt, selbst wenn ihre Quelle für drei Tage im Jahr stehen bleibt, denn die Memes, Artikel und Clips der Propagandisten werden auch von unwissenden Nutzern geteilt, kopiert und weiterverbreitet.

 

Nationalisierung und Zensur des Internets

Eine weitere radikale Antwort auf den Informationskrieg, wie sie derzeit aber auch für viele andere Probleme vorgebracht wird, sind Nationalisierung und Protektionismus. Russland selbst hat am Anfang dieses Jahres einen Gesetzentwurf gebilligt, der eine Überwachung und Abschottung des russischen Internets vom restlichen Internet ermöglicht. Von einem souveränen russischen Internet und virtuellen Grenzübergängen ist darin die Rede und der Möglichkeit, bei Krisen die Verbindung zum nicht-russischen Internet sofort zu kappen. Man kann also von einer Nationalisierung des Internets sprechen, ähnlich wie sie bereits in China mit der Great-Firewall, aber auch in Iran und Nordkorea existiert.

 

Die offiziellen Maßnahmen der EU

Bereits 2015 gründete die EU eine 14-köpfige Expertengruppe, die East StratCom Task Force, was damals vor allem als Antwort der EU auf die russische Propaganda und deren Verwirrungstaktiken rund um den Abschuss des Flugzeugs MH17 galt. Seitdem listet diese Taskforce jede Woche potentielle Fake News auf, analysiert russische Medien und betreut ein globales Netzwerk von Fakten-Checkern, die vor Ort den Wahrheitsgehalt von Berichterstattungen prüfen. Die Ergebnisse der Task Force sind der Öffentlichkeit zugänglich und werden auf der Webseite https://euvsdisinfo.eu/ veröffentlicht. Wie effektiv diese Methode der Entlarvung von Fake News ist, kann man allein daran erkennen, dass selbst in politischen und journalistischen Dunstkreisen sich kaum jemand findet, der schon mal von der Webseite gehört hat. Dennoch hat die EU für die kommenden Wahlen das jährliche Budget der Task Force von 1,9 Millionen auf 5 Millionen mehr als verdoppelt. Darüber hinaus versucht die EU zurzeit, unter dem Vorwand der Terrorismus- und der Kriminalitätsbekämpfung und des Urheberrechtsschutzes zahlreiche Gesetzesreformen voranzubringen, die es durch Vorratsdatenspeicherungen und Uploadfilter ermöglichen, Inhalte und Nutzer in einem großen Maßstab zu überwachen und zu kontrollieren. Man kann spekulieren, dass damit auch in Wirklichkeit die Grundlagen für eine Great Firewall für Europa gelegt werden sollen.  

 

Liberale Alternativen zur Bekämpfung der Falschheit

Zensur und nationales Internet sind auf den ersten Blick effektive Lösungen für die Bedrohung der Fake-News-Propaganda, doch die Folgen könnten langfristig in einen totalitären Alptraum führen, da der Staat dadurch ein Monopol darauf erringen könnte, was wahr ist und was nicht. Das Problem der Fake News und der hybriden Kriegsführung ist ein gutes Beispiel dafür, wie die digitalisierte Welt uns vor Probleme stellt, die sich kaum durch die Anwendung alter Dogmen lösen lassen. Die Freiheit der Individuen im Westen kann nur bestehen, wenn sie sich nicht von innen oder außen durch Lügen und Populismus zerstückeln lässt. Ob wir es wollen oder nicht; wir befinden uns in einem globalen hybriden Krieg, den wir zurzeit an die Lügner und Populisten verlieren. Vor allem in Hinblick auf die kommenden EU-Wahlen sollte jeder von uns daher Selbstverantwortung übernehmen, kritisch die konsumierten Medien betrachten und seine Stimme erheben für Freiheit und Wahrheit, die besseren Memes posten und sich nicht von der Filterblase verführen lassen.  


Dieser Artikel erschien ursprünglich auf dem Blog von Peace Love Liberty: https://peace-love-liberty.de/das-truemmerfeld-des-informationskriegs/ sowie in gedruckter Form in der Printausgabe desselben Magazin April 2019.


Weiterführende Links:

  1. https://www.rand.org/pubs/perspectives/PE198.html
  1. https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/russland-will-nationales-intranet-eiserner-digital-vorhang/24005666.html
  2. https://peace-love-liberty.de/

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Künstliche Intelligenz – Das Ende des Kapitalismus?

Dieser Artikel erschien ursprünglich am 26.03.2019 auf dem Blog des Magazins Peace Love Liberty.

Diese Zeilen entstanden, wie alle Artikel von Peace Love Liberty, in quasi menschlicher Handarbeit. Diese läuft in der Regel wie folgend ab: Ein Autor setzt sich in einigen freien Stunden hin, recherchiert Quellen und liest sich in das Thema ein, bis er sich sicher ist ausreichend zu wissen. Der Autor tippt dann auf der – meist von Energydrinks bereits klebrigen Tastatur – einen ersten Entwurf. Er überarbeitetet diesen mehrmals und schickt ihn anschließend an die Redaktion. Sofern der Artikel nicht abgelehnt wird, lesen ihn ein oder zwei Redakteure sorgfältig durch und merken Fehler und Verbesserungsvorschläge an. Der Text geht zurück an den Autor, dieser bearbeitet den Artikel erneut und schickt ihn wieder an die Redaktion, die ihn erneut prüft und gegebenenfalls mit neuen Verbesserungsvorschlägen zurückschickt. Der Prozess geht solang hin und her, bis die Redaktion und der Autor zufrieden sind und der Chefredakteur den Artikel freigibt. Es folgen Bildersuche, Formatierung und schließlich die Veröffentlichung auf dem Blog.

Rein theoretisch könnte dieser Prozess bereits aber ganz anders ablaufen und nur wenige Sekunden dauern: Der Eigentümer des Magazins tippt in ein Programm das von ihm gewünschte Thema ein und ein Computer generiert dank Künstlicher Intelligenz in Sekundenbruchteilen einen fertigen Artikel, der bereits fehlerfrei und nahezu perfekt formuliert ist. Ein Redaktionsteam, geschweige denn freie Autoren und deren Kreativität und Arbeitszeit wären überflüssig.

GPT2 – Der Alogrithmus, der Artikel und Romane schreiben kann

Dieses Szenario ist bereits jetzt in Grundzügen technisch möglich, wenn man den Berichten des von Elon Musk gegründeten Non-Profit-Unternehmens OpenAI über deren neuste Entwicklung GPT2 Glauben schenken mag. Dabei handelt es sich um den Prototypen einer KI, die selber Texte schreiben kann, die in der Qualität denen von Menschen im Wenigen nachsteht. Im Gegensatz zu alten Textgeneratoren ist dieses Programm nämlich in der Lage, Inhalte von Texten quasi zu verstehen und eigene Inhalte sich auszudenken. So schrieb GPT2 in einem Versuch einen fiktiven Artikel aus der Zukunft des Brexits, den es mit fiktiven Zitaten britischer Politiker und Andeutungen über Probleme an der irischen Grenze versah.

Diese unglaubliche Qualität liegt vor allem darin begründet, dass GPT2 im Zuge des maschinellen Lernens mit einer Textmenge gefüttert wurde, die rund 35,000 Romanen entspricht – mehr als ein Mensch jemals in seinem Leben lesen könnte.

OpenAI hat sich entschieden die anwendbaren Ergebnisse und die Quellcodes ihrer Forschung nicht zu publizieren, da die Befürchtung besteht, dass ein derart starker Textgenerator in vielerlei Hinsicht missbraucht werden könnte. Dabei stehen die Sorgen um die Arbeitsplätze diverser Redaktionsteams allerdings eher an hinterster Stelle, sondern vor allem die Befürchtung, dass damit das Internet hocheffizient und rapide mit FakeNews-Artikeln geflutet werden könnte.

OpenAIs GPT2 ist, wie alles was zurzeit auf der Welt als KI bezeichnet wird, jedoch keine eine echte Künstliche Intelligenz, sondern „nur“ ein hocheffizientes Computerprogramm, das mit Sprache intelligent umgehen kann. GPT2 und andere zurzeit existierende Programme deuten aber bereits an, wozu eine echte Künstliche Intelligenz, die nicht nur maschinell lernen, sondern auch autonom handeln und sich selbst modifizieren könnte, in der Lage wäre. Die Möglichkeiten solcher KIs werfen extreme Fragen um die langfristige Zukunft der Märkte und der Menschheit auf, denn ihre Entwicklung bedeutet den Beginn einer neuen industriellen Revolution.

Angebot und Nachfrage

Wenn in sich in einigen Jahrzehnten KIs durchsetzen sollten, die Artikel, Musik und Computerprogramme schreiben, Fabriken und Farmen betreiben, LKWs und Drohnen steuern können, welchen Platz haben dann der Mensch und seine Produktivität noch in der Gesellschaft? Die Freiheit des Menschen geht mit der Freiheit der Märkte und damit der Möglichkeit zur freiwilligen Partizipation an Transaktionen einher. Doch wie können Märkte frei sein und Transaktionen zustande kommen, wenn das Angebot auf dem Markt nicht mehr von Menschen, sondern vollständig oder nahezu vollständig von KIs gestellt wird? Dabei geht es nicht nur um Schriftsteller, die arbeitslos werden würden, weil der Eigentümer von Axel-Springer nicht mehr tausende von Redakteuren braucht, sondern lediglich die Lizenz für eine KI. Oder um die Zukunft von Fabrikarbeitern und LKW- und Taxi-Fahrern, die von 3D-Druckern und selbstfahrenden Autos ersetzt werden. Bereits jetzt gibt es erste Programme, die Krankheiten besser erkennen, als ein Arzt. Und selbst der ruhigste Chirurg hat zittrige Hände im Vergleich zu einem Roboter. Google präsentierte vor einiger Zeit sogar ein Programm, das Gespräche und E-Mails mit Menschen führen kann, wobei die Menschen auf der anderen Seite nicht in der Lage waren, den Computer von einem echten Menschen zu unterscheiden. Wozu also Call-Center? Erste Prototypen von Google sind sogar in der Lage selber Computerprogramme zu entwickeln, womit sich die Informatiker selber abschaffen, weil sie auch teilweise nicht mehr in der Lage sind nachzuvollziehen, was das Programm da programmiert. Vom ungebildeten Analphabeten bis hin zum studierten Experten werden alle in ihren Arbeitsplätzen durch KI langfristig bedroht.

Frühere Revolutionen der Wirtschaft und Gesellschaft, wie die Industrielle Revolution und die Digitalisierung, vernichteten zwar unzählige Arbeitsplätze, schufen allerdings unterm Strich mehr neue Jobs und ermöglichten es den Menschen essentielle Güter wie Nahrungsmittel und Kleidung viel billiger zu bekommen. Es fielen vor allem die Arbeitsplätze in schwierigen und unangenehmen Berufen der Landwirtschaft und der Industrie weg, also primär Berufe, die Handarbeit und körperliche Kraft benötigen, die nun von Maschinen erledigt werden kann. Die Menschen konnten daraufhin auf die immer wichtiger werdenden Dienstleistungen und geistigen Arbeiten ausweichen und statt mit ihren Händen mit ihrem Verstand arbeiten. Es besteht daher bei vielen die Annahme, dass es im Falle eine KI Revolution ähnlich zugehen würde. Was dabei oft ausgeblendet wird, ist wie radikal eine echte KI Revolution wirklich wäre. Im Gegensatz zu Maschinen kann der Menschen mit seinen Verstand und seiner Kreativität in der post-industriellen Gesellschaft arbeiten. Womit und in welchen Bereichen soll der Menschen aber in einer KI-Welt arbeiten, wenn seine Intelligenz und Kreativität von der der KIs bei weitem übertroffen wird? Wenn KIs das komplette oder beinah komplette Angebot nicht nur auf den materiellen, sondern auch geistigen Märkten produzieren, was für Angebote kann der Mensch bieten? Nichteinmal seinen Körper kann er verkaufen, wenn Spenderorgane aus 3D-Druckern kommen und täuschend echte Sexroboter, wie sie bereits in China und Japan seriell produziert und verkauft werden, die Bordelle übernehmen. Bleibt den Menschen dann nur noch übrig als Nachfrager zu dienen und zu konsumieren? Wie sollen sie aber dann für das Angebot bezahlen, wenn sie über keine relevante Produktivkraft mehr verfügen, die sie eintauschen können?

Realistisch betrachtet ist aufgrund der Tatsache, dass auf der Erde zurzeit noch die meisten Länder technologisch weit unterentwickelt sind und Wachstumspotential besteht, noch sehr viel Zeit, bis im Falle einer KI Revolution der komplette Markt von KI dominiert wird. Zurzeit herrscht auch im Westen akut eher aufgrund des demographischen Wandels ein Defizit an qualifizierter, menschlicher Arbeitskraft. Auch ist es nicht sicher, ob es technisch wirklich möglichst ist eine echte KI zu erschaffen. Aber sollte dies der Fall sein, könnte sich eines Tages tatsächlich die Frage stellen, was der Mensch eigentlich noch selber machen kann und soll. Wie sollen jene Menschen, die keine Jobs und damit kein Geld mehr haben, Zugang zu den kommenden technologischen Errungenschaften bekommen? Wäre dann eine Art SciFi-Kommunismus die Antwort, in welchem alle Produktionsmittel, ergo alle KIs, vergesellschaftlicht werden und die Menschheit kollektiv von deren Arbeitskraft dank einer bedingungslosen Grundversorgung lebt? Wenn jede Produktion und jeder Bedarf von vernetzten Computern registriert und kontrolliert wird, fällt schließlich das Problem der Anmaßung von Wissen weg, die es menschlichen Planern unmöglich macht Wirtschaft zu planen. Aber es bleibt dann die Frage nach dem Warum des Lebens, ohne das selbst das einfachste Wie unerträglich wird. Was soll dann der Mensch machen? Womit soll er sich die Zeit zwischen Geburt und Tod vertreiben? Mit einem noch extremeren Hedonismus, als er bereits in vielen westlichen Ländern sich etabliert hat? Mit einer Existenz ohne Herausforderungen und Aufgaben, die nur noch aus einer einzigen Neftlix-Binge-Session, VRPorn und Xanax-Wettschlucken besteht?

Liberalismus jenseits von Angebot und Nachfrage

Wie die Vergangenheit gezeigt hat, wäre so ein SciFi-Kommunismus nicht nur mit liberalen und aufklärerischen Werten schwer zu vereinbaren, es würde auch die Gefahren die mit jeder Zentralisierung und Enteignung einhergehen mit sich bringen, nämlich Diktatur und Terror – wobei eine komplett digitalisiert durchdrungene Welt auch absolute Überwachung und Unterdrückung ermöglichen würde, wie es bereits in China mit seinem SocialCredit System in Ansätzen realisiert wird. Müssen wir Menschen daher, wie es OpenAI nun mit GPT2 getan hat, KI-Entwicklung einschränken oder gar stoppen? Muss der Staat vielleicht doch eingreifen und regulieren und paradoxerweise mal den freien Markt dadurch vor einer Selbstzerstörung zu schützen?

Diese und weitere Fragen wirft die Möglichkeit der Existenz einer echten KI auf, und keine der bestehenden, klassischen Denkschulen und Theorien über Wirtschaft und menschliches Zusammenleben, bietet darauf eine schlüssige Antwort. Das liegt nicht nur darin begründet, dass mit den KIs etwas entsteht, das Arbeit nicht nur erleichtert, sondern komplett ersetzen könnte. Das Problem mit KIs ist, dass sie nicht nur Maschinen oder Werkzeuge sind wie gewöhnliche Computer und Algorithmen, die von Menschen benutzt werden können, um Arbeitsprozesse zu vereinfachen. Die Folgen ihrer Existenz würden weit über die ökonomischen Konsequenzen hinausgehen. Richtige KIs wären autonome, selbsthandelnde Entitäten, mit Kapazitäten in Intelligenz und Kreativität, die de facto übermenschlich sind. Unsere bestehenden Theorien über die Wirtschaft und Politik bauen allerdings vor allem auf bestimmten Menschenbildern und Vorstellungen vom Funktionieren menschlicher Gesellschaften auf – Theorien oder schlüssige Bilder, die die Existenz von übermenschlichen Akteuren wie KIs miteinschließen, haben wir bisher, bis auf wenige Ansätze diverser Wissenschaftler und Intellektueller, (noch) nicht.

Wenn wir die Freiheit des Individuums langfristig erhalten wollen, müssen wir daher auch darüber nachdenken, wie wir das anstellen, wenn mit dem freien Markt eine der wichtigsten Grundlagen dafür, wegfällt. Die Fokussierung auf wirtschaftliche Themen, wie sie momentan in der liberalen Szene vorherrscht, könnte dabei im Weg stehen, da sie den Blick versperrt auf die Frage nach der Freiheit jenseits des Ökonomischen und die langfristigen Hürden für die Aufrechterhaltung von gesellschaftlicher Stabilität und Freiheit.


Wie so eine von KI regierte Welt aussehen könnte, habe ich übrigens bereits 2017 in meiner Novelle „Das Erwachen des letzten Menschen“ thematisiert: https://amzn.to/2WvHbXg


Bildquelle: https://pixabay.com/photos/robot-woman-face-cry-sad-3010309/

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Der Nihilismus der Freiheit

Freiheit möge zwar ein edles Ideal sein, aber der daraus resultierende Individualismus sei gefährlich. Das individuelle Autonomiestreben führe zu Entfremdung, Zerstörung des Gemeinschaftsgefühls, zu Ungleichheit und Sinnleere, ergo zu Nihilismus. Wenn jedoch in einem Kollektiv jeder nur auf sein Eigenwohl bedacht ist und niemand bereit ist für das Wohl der gesamten Gruppe oder andere höhere Werte zu sterben, wird diese von jenen Gruppen zerstört, deren Mitglieder bereit sind für ihre Gemeinschaft zu kämpfen und zu sterben. Liberale Gesellschaften würden sich daher letztendlich selbst oder durch Fremdeinwirkung zerstören – und wenn nicht, dann sollten sie trotzdem zugunsten einer sozialeren und sinnvolleren und damit „besseren Welt“ geopfert werden.

So lautet zumindest die Kritik an den liberalen Philosophien von Seiten vieler kollektivistischer und religiöser Denker. Karl Marx wetterte gegen die vermeintlich durch die liberale und kapitalistische Gesellschaftsordnung erzeugte Entfremdung und Ausbeutung. Gegenwärtige linke Intellektuelle begründen sozialistische Maßnahmen ebenfalls oft mit dem Vorwurf der Sinnleere wie zum Beispiel Hartmut Rosa mit seiner Resonanztheorie. Aber auch aus dem rechten Spektrum hat diese Art der Kritik am Liberalismus Tradition. Der Konservative Ernst Jünger warf dem Liberalismus vor, durch seine Toleranz gegenüber Andersdenkenden und seinem Nihilismus den Faschismus überhaupt erst möglich gemacht zu haben. Während die Faschisten, und in ihrer Tradition die identitären und völkischen Strömungen bis heute, dem Liberalismus vorwerfen sinnstiftende Identitäten und Kulturgüter wie die Nation zu zersetzen und damit die Fundamente der Zivilisation zu untergraben.

Der Individualismus bietet keinen Lebenssinn – genauso wenig aber der Kollektivismus

Tatsächlich hat diese Kritik einen wahren Kern. Bei den meisten liberalen Strömungen handelt es sich um negative Philosophien. Negativ im Sinne davon, dass sie etwas entfernen und wenig hinzufügen. Die liberalen Ideen orientieren sich meist an der negativen Handlungsfreiheit als Leitideal, also der Freiheit von etwas, vor allem von Beschränkungen und Grenzen zugunsten von mehr Rechten und mehr Selbstbestimmung für das Individuum. Der Liberalismus maßt sich nicht an zu wissen, wie alle Menschen ihr Leben ausrichten und führen sollen. Ethisch ist der Liberalismus daher keineswegs nihilistisch, sondern extrem idealistisch. Er spaltet allerdings die Beantwortung der Frage nach dem teleologischen Sinn des Menschen von der Politik. Er stellt keinen Gott oder Führer, den man anbeten, abgesehen von der abstrakten Freiheit keine Große Sache, derer man sein Leben opfern und auch nur wenige von oben diktierten Regeln für das individuelle Leben. Er gibt kein konkretes „Warum“, das das „Wie“ des Lebens erträglich macht. Dadurch bietet der Liberalismus keine Axiome, an denen ein Mensch den teleologischen Sinn seines Lebens ausrichten kann, nur Freiräume, in denen er seinen Sinn  selbst definieren muss. Er zwingt den Menschen in den Existentialismus und der Notwendigkeit sich selbst zu definieren. Das kann sehr problematisch sein. Wie Nietzsche schreibt, erträgt derjenige, der ein „Warum“ hat, also einen Sinn für sein Leben, jedes „Wie“ – im Umkehrschluss, ist für die nihilistischen Massen ohne „Warum“, bereits das kleinste „Wie“, die kleinste Anstrengung, die einen aus der Konformzone zwingt, unerträglich. Die Folgen sind Apathie und kultureller Selbstmord. Ein gutes Leben ist nicht zwangsläufig eins im materiellen Überfluss und hedonistischen Glück, sondern eins der gelebten Selbstverwirklichung und eines das mit Sinn erfüllt ist, und entsprechend ist eine funktionierende und zufriedene Gesellschaft nicht zwangsläufig die des größten materiellen Wohlstands, sondern die, in der die Individuen einen Lebenssinn empfinden und ihre Potentiale verwirklichen können.

Liberale Konzepte unterscheiden sich was die Sinnstiftung angeht, allerdings nur auf den ersten Blick von anderen politischen Strömungen. Der Kollektivismus verspricht zwar dem Individuum durch das Verschwinden in der Masse einen von oben diktierten Sinn und eine Identität, aber diese sind bei genauerer Betrachtung illusionär. Wenn im Nationalismus ein Führer einem diktiert, der Sinn der Existenz wäre Nachkommen für das Volk zu zeugen und diese zu verteidigen, so stellt sich die Frage: Welchen Sinn hat aber die Existenz dieser Nachkommen? Existieren sie dann auch nur, um die Existenz derer nach ihnen zu verteidigen? Welchen Lebenssinn hat der linke Revolutionär, wenn die Revolution vorbei ist? Oft keinen, weshalb sich Revolutionen regelmäßig zu endlosen Gewaltexzessen fortsetzen, wie zum Beispiel in der Jakobinerdiktatur oder den Konflikten im Nahen Osten, weil ein Ende der Revolution den Sinn und die Lebensaufgabe des Revolutionärs beenden würde. Das Erreichen eines Wohlfahrtsstaats gibt den Menschen auch keinen Sinn, sondern nur die Stillung materialistischer Bedürfnisse, während es zugleich den Sinn von Arbeit entwertet und durch die  dafür notwendige Bürokratie und Überwachung die Freiheit aushöhlt. Zu Ende gedacht hat auch das Kollektiv genauso wenig wie das Individuum einen objektiv definierbaren Sinn. Die Frage nach dem Lebenssinn wird durch Kollektivismus also nicht gelöst, sondern lediglich durch Scheinantworten, materialistische Befriedigung und die Ablenkung durch das Gefühl etwas Wichtiges zu tun, verdrängt, was zugleich auf Kosten der Selbstverwirklichung geschieht.

Damit führt der Kollektivismus, egal ob kommunistisch, sozialistisch, faschistisch oder konservativ zu einer größeren Entfremdung, als der von ihm kritisierte Individualismus. Der Kollektivismus hebt die Beschäftigung mit sich selbst mit einem Placebo auf und entfremdet durch Autoritätshörigkeit und vorgegebene Normen das Individuum von seiner individuellen Natur, was fatale Konsequenzen auf die moralische Integrität und Entwicklung jedes Einzelnen hat, was sich wiederrum auf das ganze Kollektiv bzw.  auf den gesamten Staat auswirkt.

Wie der Psychologe Carl Jung in seinem Buch „Zivilisation im Übergang“ feststellt:

An die Stelle der moralischen und geistigen Differenzierung des Individuums treten öffentliche Wohlfahrt und Erhöhung des Lebensstandards. Das Ziel und der Sinn des Einzellebens (welches ja das einzig wirkliche Leben ist!) liegt nicht mehr in der individuellen Entwicklung, sondern in der von außen dem Menschen aufgepressten Staatsräson. Dem Individuum wird die moralische Entscheidung und Führung seines Lebens zunehmend entzogen, und es wird dafür als soziale Einheit verwaltet, ernährt, gekleidet, ausgebildet, in entsprechenden Unterkunftseinheiten logiert und amüsiert, wofür das Wohlbefinden und die Zufriedenheit der Masse den idealen Maßstab abgeben.“

Auch wenn es wie ein Kalenderspruch aus einer Hippie-WG klingt: Sinn und Identität lassen sich nicht extrinsisch und allgemein definieren, sondern können nur in und durch einen selbst gefunden werden durch die Anpassung seines Idealselbst an das Realselbst, also dem leben nach seinen Werten und Idealvorstellungen, sei es in Form einer spirituellen Entwicklung, einer beruflichen Selbstverwirklichung, eines inneren Glaubens an Gott, der Liebe zu einem Partner, der Familie oder der bewussten Auswahl des Größeren, für das man persönlich bereit ist sein Leben zu geben, und vor allem in der Entfaltung des eigenen Potentials und des Lebens nach den eigenen Fähigkeiten und Bedürfnissen. Da jeder Menschen aber andere Werte und ein anderes soziales und geistiges Umfeld hat, sind die Antworten auf den Sinn des Lebens und die möglichen Identitäten auch so zahlreich wie die Menschen selbst – wenn nicht sogar zahlreicher. Die Politik ist daher gänzlich ungeeignet einen allgemeinen Sinn zu stiften und der Versuch dies zu tun, führt in der Regel zu moralischer und intellektueller Unmündigkeit. Wenn es um die Frage nach dem Sinn des Lebens geht, so unterscheidet sich der Liberalismus von anderen politischen Strömungen also letztendlich dadurch, dass er sich nicht anmaßt, den Menschen einen Sinn und eine Identität zu diktieren, genauso wie er sich nicht anmaßt allwissend zu sein und die Bedürfnisse aller planwirtschaftlich am Reißbrett planen zu können. Stattdessen gibt er ihnen im Individualismus Freiraum, damit jeder Einzelne sein Potential maximal und seinen Dispositionen entsprechend entfalten kann.

Die Last der Freiheit und die Allgegenwärtigkeit des Kollektivismus

„Frei sein heißt zum Freisein verurteilt sein“ – Jean-Paul Sartre, Das Sein und Das Nichts, S.253

Selbst wenn der Mensch versucht seine Wahlfreiheit durch staatlichen Zwang einzuschränken und sich und seinen Mitmenschen so einen Sinn aufzuzwingen, so hat er selbst dann noch immer die Möglichkeit zu entscheiden, wie er damit umgeht und auch, ob er darin tatsächlich Sinn findet. Der Menschen definiert die Essenz seiner Existenz nämlich durch mehr oder weniger bewusste Reflektion und soziale Reflexivität maßgeblich selbst. Zwangsläufig muss er das auch, denn als Mensch wird er früher oder später reflektieren und sich seines (fehlenden) Lebenssinns bewusst werden. Der Mensch ist also immer zu einer gewissen Freiheit und Sinnlosigkeit verdammt und muss jeden Tag Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen, selbst wenn Ideologien oder Kollektivismus dies verdrängen. Der Liberalismus weitet diese Freiheit nur aus und macht sie salient. Diese gelebte Freiheit ist für viele allerdings unerträglich, wenn sie nicht durch eine autoritäre Intervention verdrängt wird. Das liegt daran, dass mit ihr die bewusste Verantwortung einhergeht sich selbst zu definieren und um sich selbst kümmern zu müssen. Wenn weder der echte Vater, noch Vater Staat einem befehlen, was man arbeiten, glauben und anstreben soll, muss man es selbst herausfinden. Selbstverantwortung gilt zwar als ein Merkmal des Erwachsenseins, doch selbst die meisten Erwachsenen tun sich damit schwer ihre „Sach auf Nichts“ aufzubauen, wie es Max Stirner ausformuliert.

Es ist einfacher seinen Verstand auszuschalten und vorgegebenen Pfaden und Ideen zu folgen und sich über das Kollektiv zu definieren, als eine individuelle Lösung zu entwickeln. Es ist einfacher sinnlos zu konsumieren und sich zu verschulden und dann das kapitalistische System dafür zu beschuldigen, als die Verantwortung für seine eigenen Handlungen anzuerkennen. Das lebte der Existenzialist Jean-Paul Sartre auch selber vor, indem er sich dem exzessiven Drogenkonsum hingab und jahrelang begeistert kommunistische Terrorregime unterstützte. Doch nicht alle sehen diese Freiheit und die Verantwortung so problematisch und versuchen ihr zu entkommen. Die amerikanische Philosophin Ayn Rand zum Beispiel preist den radikalen Individualismus und bewertet die Verurteilung zur Freiheit im Gegensatz zu Sartre durchgehend positiv. Sie erkennt daher auch die progressive Natur des Individualismus:

„Zivilisation ist der Fortschritt hin zu einer Gesellschaft der Zurückgezogenheit. Des Wilden gesamte Existenz ist öffentlich, geregelt durch seine Stammesgesetze. Zivilisation ist die Entwicklung hin zur Befreiung des Menschen von seinen Mitmenschen.“ -Ayn Rand, Der Ursprung, S. 715

Daher propagiert Rand in ihren Büchern einen radikalen Egoismus und Individualismus, allerdings kann man den Kollektivismus auch nicht komplett abwerten. Zu einem Teil kann der Mensch nicht anders, als seine Identität zumindest teilweise kollektiv definieren; zu einem anderen, kann ein Mensch nur seine individualistische Freiheit in einem Kollektiv ausleben, wie zu Beispiel der westlichen Kultur, das das zulässt. Der Mensch ist schließlich ein Zoon politikon, ein soziales und politisches Wesen, das in einem kollektiven Kontext lebt und nur in engen Interdependenzen zu seinem Mitmenschen, durch Arbeitsteilung, durch Fortpflanzung und letztendlich die Schaffung einer gemeinsamen Kultur, auch überlebt. So ist auch die Sprache mit der wir die Welt interpretieren und denken ein Produkt sozialer Reflexivität. Jedes Wort, das hier steht, und mit dem wir unsere Gedanken kodieren und sortieren, hat nur seine Bedeutung und Wirkung auf uns, weil es von zahlreichen anderen Menschen verwendet und durch die gemeinsame Interaktion definiert wurde und wird. Ohne das Kollektiv könnte das Individuum keine Sprache bilden. Ohne Sprache ist wiederum reflektiertes und tiefgründiges Denken, und damit Individualismus, gar nicht möglich.

Auch ein Kleinkind lernt erst im zweiten Lebensjahr zwischen sich Selbst und seiner Umwelt zu unterscheiden. Jeder Mensch muss sich sozusagen erst selbst als Individuum entdecken und lernen als Einheit zu agieren. Erst viel später aber, vor allem in der Pubertät, setzt die Individuation, als die Entwicklung eines Selbst, das unabhängig von Autoritäten wie den Eltern ist, vollständig ein.

Caspar David Friedrich: Die Lebensstufen, um 1835

Die Individuation ist ein Prozess, der lebenslang andauert und nie ganz abgeschlossen ist, da selbst Erwachsene vor allem unter Stress dazu neigen regressiv in kollektivistische Zustände zurückzufallen, wie Phänomene wie Gruppenzwang, Submission und Dependenz zeigen, aber auf einer Makroebene auch die Tatsache, dass faschistische Bewegungen oft in Zeiten von gesellschaftlichen Krisen entstehen. Kollektivismus geht historisch und psychologisch dem Individualismus voraus und ist als Lebensmodell primitiver und konformer – aber auf lange Sicht, sind nur individualistische Gesellschaften in der Lage das Potential von jedem einzelnen Individuum maximal zu realisieren und damit nachhaltig und langfristig friedlich und in Wohlstand zu leben.

Der Individualismus und Liberalismus sind dementsprechend zivilisatorische Errungenschaften, die schwierig zu etablieren sind, aber auch den Westen von der restlichen Welt unterscheiden und konstituierend für dessen Erfolg sind. Trotzdem ist der Liberalismus als Konzept in der Menschheitsgeschichte relativ neu, und bei weitem noch nicht komplett in die westliche Kultur integriert, da er von jedem Menschen wie das Sprechen, Lesen und Schreiben neu erlernt und erarbeitet werden muss. Individualismus und Liberalismus fordert dadurch auch entsprechend viel kognitive Energie, da er den intuitiven und primitiven Denkmustern widerspricht, und eine Ausdifferenzierung der Welt in zahllose Individuen statt einige wenige kollektivistische Massen erfordert.

Die aufklärerische Erwartung des Liberalismus an den Menschen als vernunftbegabter Souverän seiner Selbst scheitert daher oft an der Realität. Tatsächlich können oft nur wenige Individuen, die sich durch starke Willenskraft, gute Bildung und kritische Vernunft auszeichnen und in der Regel als Freigeister bezeichnet werden, wirklich individualistisch leben. Aber auch sie definieren sich häufig im und durch das Kollektiv, und zwar dadurch, dass sie eine hohe Stellung in der gesellschaftlichen Hierarchie einnehmen und eine Gefolgschaft von weniger individualistischen Menschen um sich scharen, die die Lebensweisen dieser Freigeister als Orientierungspunkt nutzen. Was aber nichts a priori Schlechtes ist, denn eine Gesellschaft kann auch nur funktionieren, wenn Loyalität gegenüber der Familie und den Erfahrenen als Anführern gewahrt wird und die Meinung der Experten stärker gewichtet wird, als die der Laien. In einer liberalen Gesellschaft wird diese Loyalität jedoch nicht erzwungen, und die Autorität ist nicht das Abstraktum des Kollektivs oder ein stellvertretender Führer, sondern jeweils individuell die vom jeweiligen Indiviuum selbst anerkannten Autoritäten, wie seine Professoren, Eltern oder Mentoren, die sich ihre Macht und ihr Ansehen aufgrund ihrer Fähigkeiten selbst erarbeitet haben, und nicht von oben herab eingesetzt wurden. Autorität leitet sich also in einer individualistischen Gesellschaft von dem jeweiligen Individuum ab, nicht von einem Kollektiv wie der „Klasse“, der „Rasse“ oder dem „Volk“. Aber ganz lassen sich kollektivistische Ideen und Handlungen nicht vermeiden.

Die kollektivistischen Tendenzen (der Rufe der Horde, wie sie Popper nennt) sind tief in der menschlichen Psyche verwurzelt, und entsprechend gibt es sie in jedem Menschen und auch in der liberalen Bewegung. Auch Liberale schließen sich oft zu Kollektiven zusammen, wie Parteien und Studentenverbindungen, und auch Liberale neigen zur Autoritätshörigkeit und Identitätsbildung durch die Außenwelt und über abstrakte Kollektivideen wie Parteilinien oder -programme. Dies kann man zum Beispiel an den Anhängern von bekannten Vertretern des Liberalismus wie Friedrich Hayek, Christian Lindner, Jordan Peterson und vor allem Ayn Rand sehen, deren kultartige Verehrung durch Libertäre der von Marx unter Linken im Wenigen nachsteht; oder den militanten und rassistischen Tendenzen einiger Nationalliberaler. Deswegen sind auch anarchistische oder radikalindividualistische Gesellschaftskonzepte in denen es gar keine Hierarchien und unterschiedliche Kollektive mehr gibt, wie sie von einigen radikalen Libertären und Linken vorgeschlagen werden, tatsächlich Utopien, die sich selbst zerstören würden. Früher oder später entstehen in jeder Gesellschaft Hierarchien und jeder Mensch hat kollektivistische Tendenzen und richtet sich vor allem in Krisenzeiten an Autoritäten und Gruppenidentitäten, um seinen Sinn und Platz in der Gesellschaft zu definieren. Das trifft auch auf die liberal geprägten Menschen zu.

 

Die Epidemie des Nihilismus

Die wichtige Frage ist damit letztendlich, wie man mit dem den Menschen inhärenten Kollektivismus und der Frage nach dem Lebenssinn und damit der Identitätsbildung umgeht. Dabei nimmt der Liberalismus eine Sonderstellung ein. Der Liberalismus führt zu einer Trennung der existentialistischen Frage nach dem teleologisch Sinn des Lebens von der Politik und Wirtschaft; ein Konzept, das sich vor allem in der Säkularisierung und dem freien Markt niederschlägt. Die Beantwortung auf die Sinnfrage, und somit alles Religiöse, Spirituelle und damit meist Irrationale, wird ins Private verdrängt. In Konsequenz muss niemand sich der Sinnkonzeption eines anderen Menschen unterwerfen. Dieser Prozess, der im Westen seit der Aufklärung stattfindet, führt dazu, dass die Menschen freier, friedlicher und gerechter leben können, und auch dazu, dass liberale Staaten seltener in Kriege ziehen und in den Bereichen der Künste und der Wissenschaften sich schneller entwickeln, weil das Leben und die Selbstverwirklichung des Einzelnen höherer gewertet wird und es einen Wettbewerb zwischen den einzelnen Menschen um bessere Ideen und Produkte gibt.

Die Liberalisierung der westlichen Gesellschaft hat zweifelsohne aber auch dazu beigetragen, dass sich Nihilismus ausgebreitet hat. Der Liberalismus wirkt nämlich auch als destruktive Kraft, die obsolete Ideen ausselektiert und damit Traditionen und irrationale Institutionen zerstört, was per se nicht negativ ist, da ein gewisser Grad an Destruktion der Garant für Kreativität und Fortschritt ist. Wenn allerdings die Menschen nicht gleichgeschaltet sind und weder Kirche noch Staat omnipotent eine Antwort auf den Lebenssinn diktieren, verzweifeln viele Menschen, wenn etablierte Sinnkonstrukte verschwinden. Aufgrund der mangelnden Orientierungspunkte, scheitern sie daran eigene Antwort zu finden und werden nihilistisch.

Dieser Nihilismus führt zu den drei existenzialistischen Krankheiten „Nihilismus“, „Kreuzrittertum“ und „Dahinvegetieren“, wie sie der Psychologie Salvatore Maddi nannte. Nihilismus und Dahinvegetieren zeichnen sich dabei durch die ziellose Dekonstruktion tradierter Werte und Selbstaufgabe aus, die sich in den postmodernen, relativistischen Philosophien und statistisch in der steigenden Rate an Depressionen, Angststörungen und Suiziden in der westlichen Zivilisation niederschlagen. ( vgl. Irvin Yalom, Existenzielle Psychotherapie, S.520ff)

Die gefährlichste Form des Nihilismus ist aber das Kreuzrittertum. Dieses zeichnet sich dadurch aus, dass die Betroffenen zwanghaft dramatische und gesellschaftlich bedeutsame Standpunkte aufgreifen und erbarmungslos und unkritisch verfolgen. Der radikale und unreflektierte Aktivismus von Gruppen wie der Antifa, postfeministischen Matriarchinnen oder der Identitären Bewegung, aber auch die Selbstmordanschläge durch Islamisten,  können als Ausprägung des Kreuzrittertums gewertet werden.

Aus schierer Angst vor der Sinnlosigkeit verfallen die Massen Kreuzrittern gleich in radikale Raserei, um im Kampf den Nihilismus zu vergessen. Die sinnstiftende Autorität eines Gottes ist verschwunden und die wertfreie Wissenschaft und die Freiheit bauen die restlichen Überbleibsel der Metaphysik ab, sodass der Mensch mit Gewalt versucht neuen Sinn und Ersatzautoritäten in Geschichte, Instinkten, weltlichen Führern und der Politik zu finden. Bereits Nietzsche postulierte daher, dass die Befreiung der Menschen von der Knechtschaft der alten Traditionen und Werte zu einem kollektivistischen Aufbäumen der Gesellschaft und zu Kriegen führen würde. Wenige Jahrzehnte nach seinem Tod bestätigten der Erste Weltkrieg und die Ausbreitung von Kommunismus und Nationalsozialismus sein Postulat.

Anbetracht dieser Gefährlichkeit des Nihilismus, erscheint es auf den ersten Blick wie eine pragmatische Lösung, wenn der Staat ideologische und kollektivistische Maßnahmen durchführen würde, die den Menschen eine Antwort oder zumindest Ablenkung vom Nihilismus aufzwingen, sei es durch eine Leitkultur, oder zumindest einen betäubenden Sozialstaat. Dies ist jedoch ein Trugschluss: Wann immer die Menschen den Staat dazu aufforderten, ihren Leben Sinn und Komfort zu geben, endete dies im Totalitarismus, Gewalt und im Tod zahlreicher Menschen.

 

Der Staat kann und darf keine Antwort auf die Sinnfrage geben

Eine Lösung der Sinnfrage durch den Staat ist genauso wie die Lösung der sozialen Frage durch den Staat auf dem Papier eine verlockende und konforme Antwort auf die Probleme der Moderne. Man tauscht ein Stück seiner Freiheit dafür ein, um sich von der Last der Wahlfreiheit und des Nihilismus zu befreien. Deshalb begrüßten auch viele Intellektuelle, die sich mit der Sinnfrage beschäftigten, anfangs solche staatlichen Maßnahmen.

Jean-Paul Sartre (Mitte) und Simone de Beauvoir im Gespräch mit dem Massenmörder Che Guevara auf Kuba (1960) – Bild von Alberto Korda

Der Psychoanalytiker Carl Jung und der Philosoph Martin Heidegger, wie viele andere Intellektuelle der damaligen Zeit, befürworteten zum Beispiel anfangs den Nationalsozialismus und Hitlers Führerkult als Wiederbelebung der sinnstiftenden Identitäten und Mythen. Carl Jung versprach sich eine Lösung der vom Nihilismus verursachten gesellschaftlichen und politischen Probleme durch die Installation der kollektiven und ideologischen Einheit, die die Nazis etablierten. Genauso unterstützte der existenzialistische Philosoph Jean-Paul Sarte anfangs die Terrorregime von Stalin, Mao und Castro, weil er annahm, dass erst in der gemeinsamen Unfreiheit der kollektiven Gemeinschaft der Mensch seine wahre Freiheit zu einem guten Leben wiederfinden könne.

Eine Denkweise, die sich auch noch zum Beispiel in heutigen theokratischen Diktaturen, die ihre Politik nach dem Koran ausrichten, wiederfinden lässt, aber genauso in abgeschwächter Form in den Forderungen nach Leitkultur, Bedingungslosen Grundeinkommen und Protektionismus. Es läuft letztendlich auf Unterwerfung unter einen Gott oder Staat hinaus, und das zugunsten der falschen Versprechen in einer Utopie, sei es dem realen Kommunismus oder dem jenseitigen Paradies, wahre Freiheit und wahres Glück zu finden

Doch wie Karl Popper in seinen Büchern über die offene (ergo liberale) Gesellschaft und ihre Feinde feststellt:

„Der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, erzeugt stets die Hölle. Dieser Versuch führt zu Intoleranz, zu religiösen Kriegen und zur Rettung der Seelen durch die Inquisition.“ – Karl Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Band II, S. 277

Entsprechend folgte schnell das böse Erwachen für diejenigen Intellektuellen, die sich von den totalitären Staaten die Überwindung des Nihilismus erhofft hatten. Carl Jung erkannte noch vor Ausbruch des Krieges die Besessenheit der Nazis und Hitlers und wandte sich gegen sie. Nach dem Krieg schrieb er einem Freund, dass die Hitler-Ära alle seine Illusionen über den Menschen zerstört hatte.

Carl Jung revidierte seine psychoanalytischen Theorien nach dem Schock und wurde zu einem Vertreter einer radikalen Individuation als Antwort auf die Sinnfrage. Er kritisiert am Kollektivismus, dass er das Individuelle zugunsten anonymer Einheiten verdrängt, die Massenbewegungen werden und letztendlich zu Totalitarismus, Unmündigkeit und Entfremdung führen. So schreibt er in „Zivilisation im Übergang“:

„Wenn aber der Einzelne, im überwältigenden Gefühl seiner Winzigkeit und Futilität, den Sinn seines Lebens, der sich ja keineswegs im Begriff der öffentlichen Wohlfahrt und des höheren Lebensstandards erschöpft, verliert, dann befindet er sich schon auf dem Wege zur Staatssklaverei und ist, ohne Wissen und Willen, zu deren Wegbereiter geworden.“

Mag der Nihilismus zu noch so vielen Suiziden und Depressionen führen, sie sind ein kleiner Tropfen im Vergleich zu dem Ozean an Blut, der in den Weltkriegen, den Holocaust, dem Holodomor und zahllosen anderen Untaten der kollektivistischen Regime vergossen wurde und bis heute überall auf der Welt vergossen wird, wo Kollektivisten, Utopisten und Sinnstifter die Macht ergreifen. Um solche Tragödien zu verhindern ist es daher auch essentiell, dass die liberale Gesellschaft sich durch Diskurs und Bildung, aber auch durch eine Limitierung der Befugnisse des Staates, Gewaltenteilung und stabile Institutionen, nach innen selbst verteidigt. Wir dürfen nicht vergessen oder verdrängen, wohin der Tauschhandel Freiheit gegen die Versprechen von Utopien, staatlich diktieren Sinn und allgemeiner Wohlfahrt führt.

 

Die Lösung des Nihilismus-Problems

Während Jean-Paul Sartre neben seinem Existentialismus, vor allem an der linken und damit kollektivistischen Lösung für den Nihilismus festhielt, entwickelte sein Kollege Albert Camus die Philosophie des Absurdismus. Tyrannei und sinnlose Gewalt, genauso wie Selbstmord und Depressionen, seien angesichts des Nihilismus nur verhinderbar, wenn man konstant gegen ihn bewusst rebelliert und sich nicht unterkriegen lässt. Dieses Konzept knüpft an der Konzeption Nietzsches eines Übermenschen an, der den aktiven Nihilismus nutzt, um neue, eigene Werte und Ideale zu schaffen. Die Aufklärung und der Nihilismus haben die tradierten Werte der alten Welt zerstört, aber diese Werte waren oft nicht auf einem rationalen Fundament aufgebaut und können auch nicht mehr adäquate Lösungen auf die Probleme der Gegenwart liefern. Die große Chance der Gegenwart ist daher, Moral und Gesellschaft neu und individualistisch und entsprechend des heutigen wissenschaftlichen und technologischen Fortschritts zu konzipieren, sodass alle Menschen in Freiheit und Frieden zusammenleben können und sich nicht aufgrund von Ideen wie Religionen oder von Klassen oder Rassen gegenseitig bekämpfen.

Der Vorteil der liberalen Gesellschaft ist, dass sie sich, wie auch Hayek in seiner Nobelpreisrede 1974 betonte, gegen die Anmaßung von Wissen wehrt und in ihr jeder Mensch seine individuelle Antwort auf Probleme und Bedürfnisse unabhängig von Dogmen entwickeln kann. Wie gezeigt, ist das schwierig, und reaktionäre Tendenzen flammen immer wieder auf und müssen zum Erhalt der liberalen Gesellschaft durch Aufklärung bekämpft werden, aber es ist nicht unmöglich. In einer liberalen Gesellschaft kann jeder Mensch seine kollektive Zugehörigkeit und seine Antwort auf den Lebenssinn selber wählen. Er kann entscheiden, ob in ein anderes Land zieht, er kann entscheiden, welchen Vereine, Glaubensgemeinschaften, Parteien oder Freundeskreisen er sich anschließt und welche Berufe er wählt. Auf einem freien Markt kann auch jeder selber entscheiden, was er konsumiert, oder sich selber als Unternehmer zum Produzenten hocharbeiten, wobei die Belohnung für Anstrengungen zur Bildung von meritokratischen Hierarchien führen, die ebenfalls sinnspendend fungieren können. Dieses pluralistische Zusammenleben verschiedener Lebenskonzepte und Sinnantworten ist schwierig und kann Konflikte erzeugen, wenn sich anti-liberale Konzepte ausbreiten, aber wenn der Grundkonsens des Liberalismus, also die Toleranz und der Individualismus, als Basis des Zusammenlebens, also als eine Art Metaideologie oder Paradigma, etabliert werden, kann es funktionieren, wie die demokratischen Staaten des Westens in den letzten 70 Jahren mal besser, mal schlechter bewiesen haben. Wenn ein Mensch seinen Lebenssinn nur im Kollektivismus oder Religionen finden kann, dann kann er das tun, solange er dies im Privaten und nicht in der Politik auslebt und anderen aufzwingt. Eine der Großen Errungenschaften des Liberalismus ist damit die Teilung zwischen Staat und Sinn. Letztendlich ist Freiheit und die individuelle Sinnfindung etwas, was erlernt werden muss, genauso wie die Individuation. Aber die Möglichkeit dazu, die nur eine freie Gesellschaft bieten kann, muss auch verteidigt werden. Liberalismus und Individualismus sind schwierig, aber letztendlich ermöglichen nur sie, dass ein Kollektiv, wie z.B. der Westen fortschrittlich und friedlich leben kann – und zugleich ermöglicht nur ein starkes Kollektiv, das sich nach außen und innen verteidigen kann gegen zu viel Kollektivismus, dass Liberalismus und Individualismus in ihm bestehen bleiben. Kollektivismus als Leitideologie eines Staates ist mit Liberalismus unvereinbar, aber als dem Individualismus untergeordnete Denkweise möglich und essentiell.

Die individualistische Freiheit muss aber verteidigt werden – und das kollektiv

Aktuell durchleben der Liberalismus und der Individualismus eine schwierige Phase. Von links und rechts werden sie attackiert. In immer mehr Ländern der Welt wird die Freiheit unter dem Vorwand von Sicherheit abgebaut. Totalitäre und menschenverachtende Ideologien wie der Islam, die Neue Rechte und die Neue Linke breiten sich zunehmend aus und drohen die Freiheit des Westens zu zerstören, wenn die Menschen im liberalen Westen nicht dagegen entschlossen (und eventuell sogar dafür kurzeitig kollektiv geschlossen) vorgehen. Die Kritik des Konservativen Ernst Jüngers, der Liberalismus könne sich kaum selbst verteidigen und würde es antiliberale und menschenfeindlichen Ideologien wie Kommunismus und Faschismus überhaupt erst möglich machen sich auszubreiten und die Macht zu ergreifen, ist nämlich nicht von der Hand zu weisen. Die Machtergreifung der NSDAP in der Weimarer Republik und die Islamische Revolution im Iran mögen das als zwei von zahlreichen Beispielen dafür am besten illustrieren, da sie zeigen, wie eine liberale Gesellschaft sich von antiliberalen Kräften übernehmen ließ. Daher kann auch eine individualistische und liberale Gesellschaft, niemals vollständig individualistisch sein. Eine Armee zum Beispiel, die eine liberale Gesellschaft gegen Invasoren verteidigen soll, kann nicht aus eigenwilligen Einzelkämpfern bestehen, sondern nur aus gedrillten und kooperierenden Kollektivisten, die bereit sind für die Freiheit der Anderen ins Feuer zu gehen und notfalls dort zu sterben. Genauso wenig werden Polizisten ordentlich und unkorrupt arbeiten, wenn sie keine Loyalität gegenüber der kollektiven Gemeinschaften empfinden, die sie vor Kriminellen verteidigen sollen. Ein gewisser Grad an Kollektivismus ist, genauso wie ein Staat, für das Funktionieren und Überleben einer hochkomplexen Gesellschaft, insbesondere in einer globalisierten Welt, in manchen Bereichen schlicht essentiell, da auf einer Makroebene nicht alles über individuelle und persönliche Beziehungen organisiert werden kann.

Die Errungenschaften des Liberalismus und des Individualismus sind jedoch letztendlich die, die den Westen (also das Kollektiv der meisten in Nordamerika, Australien und Europa lebenden Menschen) von den anderen Kulturkreisen der gegenwärtigen Weltordnung maßgeblich unterscheiden. Sie sind damit auch diejenigen Kernwerte, die zunehmend bedroht sind, einerseits durch die Expansion und Etablierung nicht-westlicher Kulturen wie die Chinas oder die des Islams, aber auch durch innere Konflikte und Bruchlinien innerhalb der westlichen Staatengemeinschaft, wie den wiederaufblühenden Nationalismus in vereinzelten europäischen Staaten. Letztendlich werden der Liberalismus und der Individualismus des Westens paradoxerweise langfristig nur durch eine Form westlichen Kollektivismus überleben können, der jedoch nachwievor sich dem Individualismus unterordnet. Dies ist aufgrund der kulturellen Konzeption des Westens, seiner inneren Zersplitterung und insbesondere aber aufgrund der Dichotomie der beiden Konzepte von Kollektivismus und Individualismus, schwierig zu realisieren. Lediglich die USA scheinen bisher eine Art funktionalen Kompromiss für dieses Paradoxon gefunden zu haben, da dort der kollektivistische Patriotismus zur Verteidigung des Individualismus sowie der Liberalismus weitestgehend in Koopetition zusammenwirken. Dies ist wohl vor allem in der individualistisch geprägten Geschichte der Staaten begründet, aufgrund derer die Menschen dort die Freiheit nicht nur als ein Recht oder einen Anspruch oder gar lästige Last auffassen, wie viele Europäer (die von einem kollektivistischen System ins nächste taumelten und taumeln, da die meisten Europäer doch kollektivistisch fühlen und handeln), sondern vor allem als eine Art Sakrament, das es wert ist verteidigt zu werden.

Die wachsende Popularität von Intellektuellen wie Jordan Peterson, der sich für einen radikalen Individualismus ausspricht und zugleich neue Wege zur Sinnfindung und Verteidigung des Westens vorschlägt, und die zunehmende globale Ausbreitung liberaler, westlicher Werte und der durch den globalen Kapitalismus wachsende Wohlstand, machen allerdings Hoffnung, dass die Krise des Liberalismus nur eine reaktionäre und überwindbare Phase ist. Es ist daher durchaus möglich und wünschenswert, dass die Menschheit Fortschritte im Lernprozess der Freiheit macht und sich auf eine individualistischere und damit friedlichere und produktivere Weltordnung zubewegt, auch wenn die Gefahr einer Regression in den kollektivistischen Autoritarismus oder einer Niederlage gegen kollektivistische oder theokratische Systeme wie ein Damoklesschwert immer präsent ist. Eine wichtige Rolle für den Erhalt der Freiheit spielt daher letztendlich das Engagement jedes Einzelnen, das jeder kollektivistischen Indoktrinierung immer zu bevorzugen ist. Oder wie Carl Jung schreibt:

„Die Psychologie des Individuums spiegelt sich in der Psychologie der Nation wider. Nur eine Änderung in der Einstellung des Individuums kann eine Veränderung in der Psychologie der Nation auslösen. Die großen Probleme der Menschheit wurden noch nie durch allgemeine Gesetze gelöst, sondern nur durch die Erneuerung der Einstellungen des Einzelnen.“

 


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Über die Verantwortung von Autoren und den Wert der Erfahrung

Vor kurzem fragte der BookTuber Florian Jung auf seiner Instagramseite, welche gesellschaftlichen Verantwortung (Horror-)Autoren in der heutigen, seiner Meinung nach zunehmend verrohenden Zeit haben. * Einen Ausschnitt meiner Videoantwort darauf könnt ihr in seinem neusten Video sehen.

Aufgrund des Umfangs musste er leider meine fast viertelstündige Erklärung auf einen rund eineinhalb Minuten langen Ausschnitt reduzieren. Dieser stellt daher nur einen Teil der meiner Aussagen dar, weshalb ich es mir nicht nehmen lasse hier auf dem Blog meine Gedanken ausführlich und vollständig zu elaborieren – und noch um die ein oder andere Einsicht zu ergänzen, die vor allem für junge Autoren, aber auch Leser interessant sein sollte, da ich mich auf Belletristik-Autoren und Publizisten im Allgemeinen beziehe.

Ich schreibe unter dem Pseudonym Leveret Pale selber Horror und Science Ficition, und auch ich greife mit meinen Büchern immer wieder aktuelle philosophische und politische Themen auf, allerdings glaube ich nicht, dass ein Autor von Belletristik, wozu Horror zählt, im Bezug auf die Gesellschaft mit seinen Werken eine allgemein definierbare extrinsische Verantwortung hat, sondern nur eine intrinsische Verantwortung gegenüber dem eigenem Schaffensprozess aus der sich dann eine gesellschaftliche Funktion ergibt.

Natürlich ist jeder Autor auch Bürger. Als Bürger sollte er sich mit seiner gesellschaftlichen Verantwortung als Bürger auseinandersetzen und diese erfüllen – allerdings ist es eine andere Frage, ob der Autor zusätzlich zu den bürgerlichen Pflichten noch weitere, für seine Tätigkeit spezifische Verantwortungen hat, und falls ja, inwiefern und wie er diese wahrnehmen kann.

Belletristik-Autoren im Vergleich zu anderen Schriftstellern

Vor allem bei metaphysischen Angelegenheiten (hier: der Kirchenvater Hieronymus) kann es – so zumindest einige zynische Stimmen – schwierig sein die Grenze zwischen Kreativität und Wahrheitssuche zu definieren.

Für die Beantwortung der Frage nach der Verantwortung von (Horror-)Autoren ist es essentiell erstmal festzustellen, worin ihre Tätigkeit eigentlich besteht.

Das kreative Schaffen von Romanen, Gedichten und Erzählungen, wie es Autoren von Horror und anderen belletristischen Genre betreiben, ist nämlich ein anderer Prozess des Schreibens, als das publizistische Schaffen von Artikeln, Essays oder wissenschaftlichen Abhandlungen.

Während letztere vor allem Sachtexte sind, die mithilfe der Rhetorik, Argumenten und Objektivität klare Sachverhalte und bewusste Gedanken und Erkenntnisse ausformulieren, handelt es sich bei den literarischen oder lyrischen Erzählungen von Horrorautoren um Texte, die Geschichten erzählen. Im Gegensatz zu Sachtexten appellieren Geschichten nicht primär an den Verstand (Logos) des Lesers, sondern an seine archaischen und unterbewussten Intuitionen und das, was man im allgemeinem Sprachgebrauch als das Herz oder die Seele eines Menschen umschreibt und in der Rhetorik auch als Pathos bezeichnet wird. Entsprechend haben die meisten und besten literarischen Geschichten ihren Urpsrung nicht im Verstand des Autors, sondern in seinen Gefühlen und in seinem Unbewussten.

Diese Unterscheidung ist nicht immer ganz möglich, allerdings trotzdem wichtig, da an den Verstand eines Kulturkritikers, Journalisten oder Wissenschaftlers andere Maßstäbe der Verantwortung gesetzt werden müssen und können (z.B. die Verpflichtung zur Wahrheit und Belegbarkeit), als an das Herz eines Poetens, da sie über andere Wege wirken und schaffen und andere Funktionen für die Gesellschaft erfüllen. Während ein Journalist mit seinem Schreiben die Funktion erfüllt Öffentlichkeit herzustellen, zu berichten und zu beurteilen, und ein Wissenschaftler die Funktion erfüllt Wissen zu generieren, zu überprüfen und aufzuarbeiten, erfüllt der Horrorautor – obwohl er auch schreibt wie die andern – eher die Funktion eines Künstlers. Während Wissenschaftler, Journalisten und Politiker die Verantwortung haben die bewussten Probleme der Gesellschaft zu lösen, ist die Aufgabe der Künstler allerdings diese Probleme zu generieren.

Der Schatten der Gesellschaft bei C. G. Jung

Der schweizer Psychiater Carl Gustav Jung entwickelte die analytische Psychologie, die zwar zu Teilen auf der freudschen Psychoanalyse aufbaut, sich allerdings differenzierter mit archetypischen Strukturen der Kultur und der Psyche beschäftigt

In der analytischen Psychologie gibt es einen interessanten Ansatz, was den Künstler und seine Rolle in der Gesellschaft angeht – und Autoren von Geschichten sind ja Künstler, wenn auch ihre Leinwand das Papier und ihre Farben die Worte sind.

Folgt man den Ideen von analytischen Psychologen wie Otto Rank und Carl Jung entstehen Krisen in Gesellschaften unter anderem dadurch, dass in einer Kultur kollektiv bestimmte Themen und Ideen verdrängt werden. Mißstände, die nicht in das Selbstbild der Gesellschaft passen, werden sozusagen kollektiv ins Unbewusste abgeschoben. Der Mensch neigt ja nicht nur als Einzelner, sondern auch als Gemeinschaft dazu, sich ein falsches Lächeln aufzusetzen und so zu tun, als ob alles in Ordnung wäre, obwohl es das nicht ist. Dadurch entsteht eine Dissonanz, also ein  Unterschied zwischen der Wirklichkeit und der Persona, also der Maske, die sich die Menschen jeden Tag aufsetzen.

Die Summe dieses Verdrängten und des archetypisch angelegten Unbewussten bezeichnet die analytische Psychologie als Schatten. Trotz dieses düsteren Namens ist der Schatten nicht rein negativ. Der Schatten enthält nach Carl Jung das, was dem positiven (und meist naiven) Selbstbild und der Maske / Persona eines Individuums oder Kollektivs entgegensteht.  Außer dem „Bösem“ können daher im Schatten auch positive Entwicklungsimpulse lauern. So kann zum Beispiel der Schatten neben verdrängten Ängsten, Trieben, Ressentiments und Mordfantasien, auch das Streben nach Selbsterfüllung oder Mut beinhalten, wenn das Ich-Bewusstsein von Angst oder schädlichen Hemmungen dominiert wird.

Das Gefährliche am Schatten ist, dass wenn man ihn zu lange ignoriert, er immer mächtiger wird, da das Ausblenden von verdrängten Sachverhalten, vor allem wenn immer mehr Beweise für sie auftauchen, viel Energie kostet . Das führt zu psychischen Spannungen, einer Entfremdung vom wahren Selbst, der Selbstwahrnehmung und der Persona. In der Folge kommt es zu sozialen Konflikten. Einem Dämon gleich sabotiert der Schatten das Leben, wenn man ihn ignoriert.

Psychische Gesundheit kann bei Jung nur bestehen, wenn man seine dunklen Seiten, also den Schatten, als wichtigen Teil seiner Selbst anerkennt und integriert. Ein ähnliches Konzept findet man im Daoismus bzw. in dem Konzept Taijitu als Ganzheit von Yin und Yang.

Fast jeder kennt zum Beispiel jene Vorfälle, bei denen man sich mit seiner Freundin, den Eltern oder einem Freund streitet und sich danach selbst fragt, was für ein Dämon da in einen gefahren ist: Irgendeine Kleinigkeit passiert, einer der Beteiligten rastet aus und die Konversation eskaliert zu einem gegenseitigen Anschreien. Nach dem Streit bemerken die Beteiligen dann oft, dass es eigentlich gar nicht in dem Streit um diese Kleinigkeit ging, die ihn ausgelöst hat, also nicht um etwas was direkt davor passiert ist oder die beim Streit erhobenen Vorwürfe, sondern dass da mehr dahinter steckt. Dieses mehr ist meist ein Teil des Schattens, der im Unterbewusstsein rumort und nie ausgesprochen wurde. Manchmal wird man sich bewusst, was die Natur dieses Schattenaspekts ist und man realisiert verdrängte Gefühle oder Traumata, aber umso häufiger wundern sich alle Beteiligten, warum sie eigentlich so wütend aufeinander sind und woher diese Spannungen zwischen ihnen ihren Ursprung haben. Oft lassen sich keine Antworten finden, da die Wahrheit ein Teil des Schattens ist, den man ausblendet, um das etablierte Bild von sich Selbst und den Anderen zu wahren. Solange der Schatten aber ausgeblendet wird, können die Spannungen auch kaum gelöst werden. Ein psychisch gesunder Mensch und damit eine psychisch gesunde Gesellschaft kann daher nur existieren, wenn man sich selbst überwindet und seine dunklen Seiten anerkennt und den Schatten kontinuierlich integriert und so den lebenslangen Prozess der Selbstwerdung beziehungsweise Individuation auf sich nimmt. Nur wenn man akzeptiert, dass in jedem Menschen – auch einem selbst – sowohl das Potential dazu steckt, so gutmütig wie Mutter Theresa als auch so hasserfüllt und böse wie Adolf Hitler oder Ted Bundy zu sein, kann man vernünftig mit den inneren Trieben und Komplexen umgehen. Sinngemäß schreibt Carl Jung: „Man wird nicht dadurch erleuchtet, daß man sich Lichtgestalten vorstellt, sondern durch Bewusstmachung der Dunkelheit.“

Die besondere Gabe des Horrautors als Wortkünstler

Was den Künstler und in dem Fall den (Horror-)Schriftsteller nun ausmacht ist nach Jung, dass er intuitiv ein Gefühl  für den Schatten (oder zumindest einen Teil davon) seiner Gesellschaft hat. Mehr noch: dieser Schatten ergreift wie ein Dämon Besitz vom Künstler. Dieses Besitzergreifen wird von vielen Autoren oder anderen Kreativen mit so Phrasen umschrieben wie: „Das Buch musste einfach raus.“, „Es wollte geschrieben werden.“ oder „Ich konnte nicht anders.“ oder einfach wie bei Poe, als Monomanie beschrieben.  Der Künstler fasst in seiner Besessenheit den Schatten in eine Form, bietet einen Weg ihn als Bild oder Werk auszudrücken und bringt ihn so zurück in die Gesellschaft. Die Kultur kann in Folge den Schatten wieder integrieren. Die Integration ist oft mit Komplikationen verbunden, führt aber letztendlich zu einer Auflösung der Konflikte und langfristig zu einer besseren psychischen Gesundheit beziehungsweise gesellschaftlichen Stabilität.

Entgegen dieser etwas mystisch klingenden Metaphern, begründen sich die besondere Begabung des Künstlers und die Mechansimen des Schattens nicht in irgendwelchen übernatürlichen Kräften. Bei dem Künstler sind – um es umgangsprachlich zu sagen – einfach ein paar Schrauben locker, in dem Sinne, dass Verdrängungs- und Filtermechanismen nicht so gut funktionieren und sein Gehirn Details registriert und miteinander assoziert, die die meisten anderen Menschen einfach ausblenden oder nicht weiter beachten würden. Diese Fähigkeit bzw. dieser Defekt erklärt auch die Neigung vieler Kreativer zu Hypersensibilität und psychischen Erkrankungen. Kreativität basiert nunmal darauf in der Lage zu sein Probleme, Zusammenhänge und Lösungen zu sehen, die andere nicht sehen können und deren Anblick auch nicht besonders gut tut.

Für die Gesellschaft macht der Künstler durch seine von der Intuition und Subjektivität getriebenen Einsichten in den Schatten also die Dunkelheit bewusst, damit andere Menschen, wie zum Beispiel Wissenschaftler, objektive Methoden entwickeln können, um die Dunkelheit zu lösen. Das unterscheidet auch wahre Literatur und Kunst von Propaganda wie Gemälden von Führungspersonen und politischen Narrativen oder von dem Design von Produkten. Propaganda und Design bedienen sich zwar künstlerischer und literarischer Methoden, allerdings meist mit dem bewusst definierten Ziel die Menschen blind zu machen für die Dunkelheit, um sie so in eine bestimmte Richtung zu lenken.

Der Schlaf der Vernunft bringt die Monster des Menschen hervor – aber diese Monster sind auch dann da, wenn die Vernunft wach ist. Manchmal muss man daher die Vernunft kurzzeitig verlassen, um die Monster erkennen und später mit Vernunft bekämpfen zu können.

Folgt man nun der Theorie vom Künstlers als Erkenner und Integrationsbeauftragter des Schattens weiter, so ist der Horrorschriftsteller als Subtyp des Künstlers im Bezug auf die Gesellschaft besonders dafür zuständig die verdrängten und aktuellen Ängste aus dem Schatten zu extrahieren und aufzuarbeiten.

Das kann man dann auch tatsächlich an den prägenden Horrorwerken einer Zeit sehen.

So sind zum Beispiel Werke wie E.T.A. Hoffmanns Der Sandmann in denen Menschen zu Maschinen werden, zur Zeit der Industrialisierung entstanden. Edgar Allan Poes etwas psychotischen, eitrigen Krimigeschichten sind in einer Zeit geboren, als die Menschen ihre Gesichter puderten und imperiale Dekadenz vorspielten, während sich gleichzeitig Syphilis und Tuberkulose epidemiehaft ausbreiteten und die ersten Serienkiller auftauchten. Lovecraft schrieb seinen Kosmischen Horror als durch die Elektrisierung in Amerika und die Hochkonjunktur der Physik – vor allem durch die damals neue Relativitätstheorie von Einstein – die Winzigkeit der Erde im riesigen Universum in das Mainstreambewusstsein drang und die Leute verunsicherte. Die Serie Walking Dead erschien 2010, kurz nachdem die Probleme mit Migrationskrisen im Westen richtig aufflammten. 2010 hat Obama bereits Soldaten an die Mexikanischen Grenzen schicken müssen, um der Lage dort Herr zu werden (so ähnlich wie Trump 2018) und dann kam die Flüchtlingskrise auch nach Deutschland, und Walking Dead wurde zum Bestseller bzw. Blockbuster, weil es einfach dieser unbewussten, rassistischen Angst Ausdruck gab, dass die menschliche bzw. westliche Zivilisation von blutrünstigen Massen überrannt und zerstört wird.

Die Aufgabe des Horrorautors ist also solche verdrängten Ängste aufzuspüren, zu beschreiben und auszuformulieren und damit der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten, damit sie erkennt, von welchen irrationalen Ängsten sie gerade in dumme Entscheidungen getrieben wird – oder zumindest ein Ventil dafür zu schaffen, wie die Katharsistheorie proponiert. Der gute Horrorautor zeichnet sich demnach dadurch aus, dass er besonders gut darin ist, die aktuellen Ängste seines Zeitgeistes aufzuspüren und sie wortkünstlerisch auszuleben.

Das ist auch das, was in meinen Augen Stephen King so großartig macht. In seinen Geschichten, insbesondere bei Es und jetzt wieder in Der Outsider, geht es meist um Dinge, die lange verdrängt und weggeredet werden, bevor sie ausbrechen oder eskalieren und gefährlich werden. Dabei hat King ein gutes Gespür für den Geist der Zeit und den Schatten der amerikanischen Kultur. Seine Bücher sind nicht nur Unterhaltung, sondern auch immer eine Warnung an die Leser die irrationalen Ängste nicht zu verdrängen sondern bewusst auseinanderzunehmen.

Warum man gesellschaftliche Verantwortung und Politik beim kreativen Schreiben ausblenden muss

Wie die Literaturgeschichte und auch die analytische Psychologie zeigen, ist der Autor meist derjenige, der am wenigsten versteht, warum er etwas Bestimmtes geschrieben hat. Wenn wir Lovecraft fragen könnten, warum er seinen kosmischen Horror entwickelt hat, oder King warum er diese oder jene Geschichte geschrieben, dann würde keiner von denen sagen, dass er das gemacht hat, weil er irgendwo ein Problem in der Gesellschaft gesehen hat und es ansprechen wollte. Genausowenig haben die Drehbuchautoren von Walking Dead wahrscheinlich bewusst daran gedacht, dass die sich gerade entwickelnden Migrationskrisen eine klasse (wenn auch rassistische) Analogie auf eine sich daher gut verkaufende Zombieapokalypse wären.

Wenn Autoren im Nachhinein erklären, wie ein Buch entstand, handelt es sich bei ihren Erklärungen meist entweder um merkwürdig anmutende Konstruktionen wie die Eisbergtheorie von Hemingway oder Lovecrafts Theorie der Angst vorm Unbekannten (die ich einer wissenschaftlichen Arbeit widerlegt habe) oder komische psychoanalytische Monologe wie in meinem Fall. Nur selten sind Autoren so ehrlich zu sich selbst und anderen wie Stephen King, der zugibt, dass er sich aufgrund von Drogenkonsum an das Niederschreiben einiger seiner Romane nicht erinnern kann und bei den meisten anderen frei nach Gefühl geschrieben hat und auch nicht so genau weiß, wie das im Detail funktioniert. (Stephen Kings biographischer Schreibratgeber Das Leben und das Schreiben ist meiner Erfahrung nach der einzige nützliche Schreibratgeber auf dem Markt, weil er einen nicht mit irgendwelchen kruden, realtitätsfernen Theorien zuhäuft – wie es einige Literaturprofessoren tun, die selber noch nie einen guten Roman geschrieben haben, aber glauben anderen erklären zu können wie es geht – sondern einfach nur mit Kings brutaler Ehrlichkeit und Erfahrung gefüllt ist.)

Die meisten und die besten Schriftsteller schreiben das, was sie (vom Schatten besessen) intuitiv für richtig und wichtig halten. Ich denke, das ist auch das, was belletristische Autoren tun sollten. Ein Autor sollte dem Schatten seine Arbeit tun lassen. Dafür muss er jede Zensurschere aus dem Kopf werfen und frei vom Herzen und der Intuition folgend die Geschichten erzählen. Wenn die Muse dann verlangt, dass das Manuskript voll mit Kettensägenmorden sein muss, dann sollte der Autor das auch so ausformulieren. Würden (alle) Autoren gegen die Muse ankämpfen und sich selbst zensieren oder von der Vernunft geleitet umschreiben, dann würden gesellschaftskritische Werke wie American Psycho wahrscheinlich nicht existieren, geschweige denn ihre Wirkung entfalten können. Letztendlich entscheiden die Leser selber, ob sie etwas lesen oder nicht. Sich Sorgen zu machen, dass man mit einem gewalttätigen Buch seine Leser gewalttätig macht, ist nicht nur aus empirischer Sicht zweifelhaft, sondern auch wenn man bedenkt, wie brutal der Mensch in seiner Grundveranlagung ist, absurd.

Die Intuition ist ja ein Produkt des Unbewussten und damit weiß sie, wie die Schattentheorie zeigt, oft mehr als unser bewusstes Ich, vor allem wenn es eben um komplexe Zusammenhänge geht. Autoren sollten einfach ihre Geschichten schreiben, nicht überlegen, was andere darüber denken würden, nicht versuchen politisch korrekt zu sein, sondern einfach machen, der Gesellschaft den Spiegel vorhalten und damit auf bisher nicht beachtete Probleme hinweisen. Der kreative Autor ist wie ein Bergarbeiter, der aus den Tiefen der menschlichen Psyche und des kollektiven Unterbewussten die Probleme aus dem Schatten an das Tageslicht des Bewusstsein schürft. Ein konstruktive Lösung für diese Probleme zu finden, ist danach die Aufgabe der Wissenschaftler, Journalisten und anderer Experten, die im Lichte des Verstands mit objektiven Werkzeugen arbeiten.

Wenn man als Autor versucht aufgrund eines extrinsischen Verantwortungsgefühls politische Ideen oder eine Analyse oder Lösung der Probleme in ein belletristisches Werk einzubauen oder vorzuschlagen, dann verfälscht man meist nicht nur unabsichtlich die von der Intuition vorgegebenen Wahrheiten, man neigt auch dazu das Narrativ zu zerstören und oberflächliche und nicht ausdifferenzierte politische Statements aneinanderzureihen. Dadurch verliert der Roman meist nicht nur seine Authentizität und Tiefe. Auch der Leser fühlt sich erschlagen, denn da wo er einen Roman erwartete, bekommt er langatmige Erklärungen. Ein Roman überzeugt allerdings nicht mit Argumenten, sondern mit den Narrativen und Gefühlen, die er aufbaut, und den Archetypen und anderen tiefenpsychologischen Strukturen, die er damit im Leser berührt. Natürlich kann man einen Roman auch mit philosophischen Dialogen versehen, aber wenn diese nicht von selbst kommen und sich aus dem Narrativ ergeben, sondern plump reinkonstruiert werden, so wird der Roman oft statisch und trocken oder wirkt inkonsistent. Als Beispiel dafür wie politische und philosophische Ideen Geschichten ruinieren, können die zwar populären, aber nüchtern kaum lesbaren Romane von Ayn Rand, insbesondere Atlas Shrugged, genannt werden. Als gelungenes Beispiel dafür, dass schwere Themen durch Geschichten und Dialoge vermittelt werden können und man dafür keine Agenda forcieren muss, sind die Romane von Irvin Yalom, Hermann Hesse und Fijodor Dostojewski aufzuführen.

Politiker, Journalist und Wortkünstler in einer Person zu sein ist nicht unvereinbar

Auch wenn er heutzutage vor allem als Politiker bekannt ist, war Winston Churchill auch als Romanautor, Kriegsberichterstatter und Biograph tätig. Insgesamt schrieb er zwanzig Bücher und erhielt 1953 den Literaturnobelpreis.

Die Natur des kreativen Schreibens als subjektiver, vom Unbewussten getriebener Prozess, fordert allerdings nicht, dass sich Autoren komplett aus der Politik, Wissenschaft oder Philosophie heraushalten oder ihren logischen Verstand wegballern sollten. Sie sollten es nur, wenn es darum geht, fiktive Romane und Geschichten zu schaffen, denn gute Erzählungen benötigen höchste Konzentration und die Schöpfung eben jener tiefenpsychologischer Archetypen und Intuitionen. Wenn ein Autor außerhalb seines belletristischen Schaffens politische, wissenschaftliche oder journalistische Werke, wie Essays, Artikel und dergleichen schafft, oder wie Churchill als Politiker oder wie Yalom als Wissenschaftler tätig ist oder wie Goethe sowohl als Politiker als auch Wissenschaftler, so spricht nichts dagegen. Wichtig ist lediglich, die Funktion des Autors als Verfasser von Erzählungen von der Funktion derselben Person als Urheber nicht-belletristischer Texte und nicht-literarischer Tätigkeiten zu trennen.

Ich bin zwar vor allem als Schriftsteller unter dem Pseudonym Leveret Pale bekannt, selber allerdings in meiner Person als der Bürger Nikodem Skrobisz politisch sehr engagiert. Ich schreibe politische Artikel für diverse Magazine und bin unter anderem Redakteur für das liberale Studentenmagazin Peace Love Liberty. Darüber hinaus bin ich als Local Coordinator für European Students for Liberty in Jena tätig und fungiere als PR-Berater für mehrere liberale Organisationen; nebenbei bin ich Vorstandsmitglied des Bundesverbands junger Autoren und Autorinnen e.V. und engagiere mich für Autorenrechte. Dennoch trenne ich diese intellektuellen und politischen Tätigkeiten bewusst von meinem kreativen Prozess beim Schreiben meiner Romane und Kurzgeschichten. Selbstverständlich fließt die Beschäftigung mit Politik trotzdem in meine belletristischen Texte ein – sie ist ja auch fest in meiner Psyche verankert – doch so behält die Belletristik ihre Authentizität und ihre Funktion. Würde ich bewusst versuchen meine Agenda in die Romane einzuweben oder mir missfallende Themen herauszuschneiden, so befürchte ich, würden die Romane unauthentisch und langweilig werden. Entweder weil sie zu politischen Pamphleten verkommen würden oder in ihrer Komplexität künstlich beschnitten wären.

Wenn ich also kreativ schreibe, lasse ich die Handlung von meiner Intuition diktieren und räume von meinem Schreibtisch die aktuellen politische und philosophischen Texte beiseite, um nicht in Versuchung zu geraten sie in den Text einzubauen. Wenn ich Geschichten erzählen will, erzähle ich Geschichten – wenn ich argumentieren und analysieren will, schreibe ich Arbeiten und Artikel. Beides zu vermischen würde weder mir, meinen Texten noch meinen Lesern gut tun. Der kritische Verstand ist bei einem belletristischen Text, der eine Geschichte erzählt, erst wichtig, wenn es an das Korrigieren und Lektorieren geht, aber auch das sollte nur dazu dienen eine Geschichte verständlicher und lesbar zu machen und nicht in ihrem Kern zu verändern.

Welche Verantwortung hat der (Horror-)Autor nun?

„The best teacher is experience and not through someone’s distorted point of view.“- Jack Kerouac

Neben dem ehrlichen und aufrichtigen Schreiben, ist die größte Verantwortung für einen Autoren sein Unbewusstes auch ausreichend mit dem Zeitgeist und Erlebnissen zu füttern. Die meisten Menschen erleben nur einen kleinen Ausschnitt des Lebens und der Welt. Wenn ein Autor über tiefere Wahrheiten schreiben will und über mehr, als den gewöhnlichen kleinen Ausschnitt, so muss er ihn vergrößern und sein Unbewusstes und damit die Quelle seiner Kreativität mit viel mehr Wissen und vor allem mit viel mehr Erfahrungen als der gewöhnliche Mensch speisen. Die Betonung liegt dabei vor allem auf Erfahrung. Nichts ist entweder fader und langweiliger oder fanatischer und gefährlicher, als die Produkte des von der Welt abgekapselten Theoretikers, der nur liest und schreibt und nichts selber erlebt hat. *2

Die größten und lesenswertesten Werke der Menschheitsgeschichte stammen von jenen Menschen, die selber Geschichte erlebten und gestalteten – Marcus Aurelius, Goethe, Winston Churchill, Jack Kerouac, George Orwell, Ernest Hemmingway, Hunter S. Thompson und William Burroughs, um einige zu nennen – und nicht von irgendwelchen Bücherratten, die die Realität nur aus zweiter Hand und die menschliche Natur nur aus dem Spiegel kannten. Echte Literatur schreibt sich nicht allein mit schönen Worten und eingeübten Konstruktionen (,wie es einem Literaturprofessoren manchmal einreden wollen, deren eigenen Werke meist nach wenigen Jahren in Vergessenheit geraten), sondern vor allem mit Herzblut und Lebenserfahrung.

Du willst ein guter Autor werden und deine Verantwortung als Autor gegenüber deinem Werk erfüllen? Dann schmeiß den Fernseher aus dem Fenster, die Spielkonsole direkt hinterher und kündige dein Netflixabo. Wahrheit und Kreativität findet man nicht im digitalen Opium – höhsten im echten. Lies mindestens zwei Bücher die Woche, schreibe jeden Tag, um das Schreibhandwerk zu meistern und vor allem: geh nach draußen und erlebe etwas – rede mit Menschen, mit denen du sonst nicht reden würdest; tue Dinge, die du sonst nicht tun würdest oder beobachte zumindest andere dabei, und schreib über die Dinge, die du wirklich verstehst, in deinem Herzen fühlst und mit deiner eigenen Haut überprüft hast, weil sonst kommt nur Quark raus.

Du willst Liebesromane schreiben? Dann gehe hinaus in die Welt und lerne die Höhen und Tiefen der Liebe kennen. Du willst mit deinen Ideen die Welt zu einem besseren Ort machen? Lerne zuerst dein eigenes Leben in Ordnung zu bringen und dich selbst zu einem besseren Menschen zu machen. Du willst über Angst, den existentialistischen Kern der menschlichen Existenz und ähnliche tiefgründige Themen des Lebens schreiben? Dann gehe hinaus, und lass dich vom Leben zerschmettern und wiederaufbauen, durch Angst und Freude, Illusion und Enttäuschung jagen. Erst wenn du was erlebt hast, kannst wirklich einen Platz am Lagerfeuer der ehrlichen und für die Gesellschaft nützlichen Geschichtenerzähler einnehmen. Ansonsten kannst du höchsten mit paar schönen, aber falschen Worten als Hochstapler und Schwätzer Karriere machen und dich einreihen in die endlose Kolonne nutzloser Literaten, die vielleicht von paar Deutschlehrern, einigen Feuilletonisten und anderen abgehobenen Sprachfetischisten geliebt werden, aber von der Welt ungefähr genauso gebraucht werden, wie der Plastikplunder auf dem Kitschmarkt.

Die Verantwortung eines belletristischen Autors liegt in meinen Augen ausschließlich darin, ehrlich und aufrichtig mit seiner Kreativität umzugehen, sie nicht für Geld oder Ideologien zu verhuren oder aus Angst oder Eitelkeit zu verfälschen, und vor allem darin, nicht zu einem trockenem Literaten zu werden.


Anmerkungen:

* Ich glaube im Gegensatz zu Florian Jung nicht, dass wir in zunehmend verrohenden Zeit leben, sondern im Gegenteil, die Welt aktuell so friedlich und die Menschen in den westlichen Ländern so verweicht und zimperlich, also so nicht-roh, wie noch nie zuvor in der Menschheitsgeschichte sind. Gewalt, Drogenkonsum und Sex unter Minderjährigen sind genauso wie die globale Armut und die prozentuelle Anzahl von Menschen, die in Kriegsgebieten oder ohne Dach überm Kopf leben müssen, zum Beispiel auf historischen Tiefstand. Der Welt geht so gut zurzeit, wie noch nie, auch wenn wir die Sensationslust der Medien das nicht immer realisieren. Vielleicht sind die Filme und Bücher, die wir konsumieren brutaler, aber das ist eher eine Kompensation der ereignislosen Alltagsrealität der meisten Menschen. Allerdings sehe ich auch, dass der Umgangston und die Wahrnehmung zunehmend roher werden. Das liegt allerdings nicht in einer faktischen Verrohung der Welt, sondern meiner Meinung nach eher in der Veränderung der subjektiven Wahrnehmung dieser (in den Medien und in Filmen und Büchern wird für den Nervenkitzel immer mehr Gewalt gezeigt) und daran, dass ein Gros der Menschen heutzutage dünnhäutig und rückgratslos geworden ist. Man könnte wieder mit Jung sagen, dass wir vieles, was die tragenden Säulen unserer Kultur sind – Ehre, Aufrichtigkeit, Individualismus, Rationalität, Freiheit, Mut, klare Geschlechterrollen, Verteidigung der eigenen Werte – in den Schatten zugunst einer politisch korrekten, sozialistisch-progressiven Wunschutopie verdrängt haben, was nun zurückschlägt durch die radikale Antwort in Form der Neuen Rechten, die aber mit ihren radikalen-reaktionären Ideen mindestens genauso toxisch sind wie die Neuen Linken mit ihren radikalen-progressiven Ideen. Durch die Polarisierung der Öffentlichen Meinung, der Politisierung des Privatlebens durch die Omnipräsenz von digitalen Medien und Identitätspolitik und der medialen Dynamik der Eskalation und Sensationslust, bauen sich in Folge dessen zunehmend Spannungen auf. Diese können letztendlich tatsächlich langfristig zu einer faktischen Verrohung der Gesellschaft führen, auch wenn nicht glaube, dass dieser Prozesse bereits ausgelöst wurde, aber wir sind nah dran, weshalb ich die Frage von Florian Jung trotzdem für aktuell und wichtig halte. Weitere Kommentare und Anmerkungen von mir zu diesen Aussagen findet ihr als Kommentare unter dem Video von Florian.

*2 Ein berühmtes Beispiel, wohin ein Defizit an entsprechender Lebenserfahrung und der Versuch, die Methoden des kreativen Schreibens auf das wissenschaftliche Schreiben zu übertragen, führen können, ist Karl Marx. Dieser Theoretiker entwickelte eine realtitätsfremde Arbeitswerttheorie und baute darauf das hochkomplexe Narrativ eines Klassenkampfes und politische Forderungen auf – während er selber niemals wirklich gearbeitet hat und sich sein Leben lang von dem Farbikbesitzer Engels durchfüttern ließ, also praktisch keine eigene Erfahrung in Bezug auf Wirtschaft und Arbeit hatte. Einem Propheten gleich verkündete er mit geschickter und pathetischer Rhetorik seine Ideen und überzeugte zahlreiche Menschen davon. Da diese Ideen jedoch auf realitätsfernen Prämissen und einem Defizit an empirischer Überprüfung basieren, führte und führt bis heute jeder Versuch diese Ideen der Realität aufzuzwingen zu Elend, Blutvergießen und unermeßlichen Leid. Marx Ideen halten sich wie eine Religion trotz ihrer empirischen Mängel hartnäckig in vielen Köpfen der Menschen, weil die Marxisten wie religiöse Fanatiker an ihren deterministischen Dogmen festhalten und alles andere zugunsten dieser verdrehen. Dieses Beispiel verdeutlicht, dass auch Wissenschaftler, die mit dem Verstand arbeiten, praktische Erfahrung sammeln und ihre Ideen empirisch durch Experimente und Studien prüfen müssen. Reine Theoretiker und Bücherratten, egal ob in der kreativen Literatur, der Philosophie oder in der Wissenschaft, verlieren langfristig den Bezug zur Realität, was dann letztendlich auch ihre Theorien nutzlos macht. Deswegen kann auch ein Marcus Aurelius in seinen Büchern die stoische Philosophie besser erklären, als jeder Philosophieprofessor. Während der Professor davon lebt Menschen über Philosophie zu unterrichten und sich in seinen vom Staat bezahlten Sessel in Ideen zu vertiefen, hat Marcus Aurelius diese Dinge nebenbei auch getan, doch er musste die Ideen vor allem auch praktisch anwenden und konnte sie so überprüfen. Als römischer Kaiser schrieb er den Großteil seiner philosophischen Texte über das Ertragen von Leid und die Stoa während seiner Kriegszüge abends im Zelt, umgeben von Feinden und sterbenden Freunden. Ebenso sind die Vorschläge zur Verbesserung des eigenen Lebens von einem Klinischen Psychologen wie Jordan Peterson viel überzeugender und wirkungsvoller, als die eines moralisierenden Lifestyle-Journalisten, da Peterson sein theoretisches Wissen testen und ausdifferenzen konnte, weil er im Laufe seiner Karriere tausenden Patienten helfen musste. Und um bei Autoren zu bleiben: Die Bücher des Journalisten und PR-Berater Walter Lippmann zum Thema Public Opinion bzw. Öffentliche Meinung erschienen in den 1920er Jahren und sind nicht nur klarer und verständlicher geschrieben, sie decken auch bereits alle „Erkenntnisse“ ab, die Jahrzehnte später die Berufsakademiker der Kritischen Theorie wie Jürgen Habermas in ihren sperrigen Texten präsentierten. Genauso geht ein Unternehmer, wenn er den falschen Vorstellungen und Theorien über das Wirtschaften anhängt, sehr schnell in die Insolvenz, denn die praktische Realität zögert nicht ihn eines Besseren zu belehren. Ein Professor oder Wirtschaftstheoretiker wird hingegen selten dazu gezwungen seine Theorien, Lebensratschläge oder philosophischen Ideen praktisch an der eigenen Haut zu überprüfen und kann daher ungeschoren realitätsferne Phantasmen produzieren.


Weiterführende Literatur:

Der Mensch und seine Symbole von Carl Jung (klasse Einführungswerk in die analytische Psychologie.)

Terror-Management in der Fall Charles Dexter Ward von Nikodem Skrobisz (Eine Analyse des einzigen Romans von H.P. Lovecraft durch meine Wenigkeit anhand der Terror-Management-Theorie und Ansätzen aus der analytischen Psychologie.)

Das Risiko und sein Preis – Skin in the Game von Nassim Taleb (Geniales Buch, das zeigt, wie Asymmetrie bei der Risikoverteilung in der Gesellschaft dazu führt, dass reine Theoretiker und Bürokraten den Kontakt zur Realität verlieren und andere ihre Irrtümer ausbaden müssen.)

Kunst und Künstler: Studien zur Genese und Entwicklung des Schaffensdranges von Otto Rank (geht viel tiefer und weiter als Carl Jung mit seiner analytischen Psychologie, wenn es darum geht den Schaffensdrang und die Mechanismen hinter der Kreativität von Künstlern aufzudecken. Macht nicht unbedingt Spaß zu lesen, wenn man ein kreativer Mensch ist, verhilft aber zu sehr tiefen Einsichten.)

Angst und Schrecken in Las Vegas von Hunter S. Thompson (Das literarische Manifest des Gonzo-Journalismus, bei dem Realität, Gesellschaftskritik und Fiktion, Künstlertum und Journalismus ineinander krachen, um ein einzigartiges literarisches Feuerwerk abzubrennen.)

Öffentliche Meinung: Wie sie entsteht und manipuliert wird von Walter Lippmann (Standardwerk darüber wie Propaganda, PR und Journalismus funktionieren, mit tiefen Einsichten in die Mechanismen der menschlichen Psyche und den inherenten Problemen der Kommunikation.)


Quelle des Beitragsbild: https://pixabay.com/photo-1261572/

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Gerechtigkeit und Gleichheit – was einen Staat gerecht macht

Die SPD fordert soziale Gerechtigkeit, die Opfer der Gruppenvergewaltiger von Essen fordern Gerechtigkeit vor Gericht, genauso wie jeder Mensch jeden Tag im Umgang mit seinen Mitmenschen Gerechtigkeit erwartet. Wir alle wünschen uns in einer gerechten Welt zu leben. Wir glauben auch intuitiv durch unsere soziokulturelle Prägung und unsere intrinsischen Intuitionen zu wissen, was Gerechtigkeit ist. Doch wenn wir uns miteinander unterhalten, merken wir schnell, dass es verschiedene Vorstellungen von Gerechtigkeit gibt, und dass diese Vorstellungen einen extrem starken Einfluss auf Politik und Privatleben ausüben. Vor allem politische Lager lassen sich oft durch ihre unterschiedlichen Gerechtigkeitsvorstellung definieren. Was ist jedoch Gerechtigkeit, und wie kann sie gewährleistet werden? Welche Art von Gerechtigkeit sollte vor allem herrschen und vom Staat durchgeführt werden, damit wir in einer freien Gesellschaft gut und gerecht leben können?

Gerechtigkeit ist ein abstraktes Prinzip, über dessen exakte Definition sich Philosophen seit Jahrtausenden streiten, doch stark vereinfacht, kann man Gerechtigkeit darauf reduzieren, dass ihr Ziel es ist Gleichheit herzustellen. Wesentlich bedeutet Gerechtigkeit: Wesentlich Gleiches muss gleich und wesentlich Ungleiches ungleich behandelt werden.

Gerechtigkeit beruht auf Gleichheit beziehungsweise der Herstellung von Gleichheit, und führt dadurch auf einer rein pragmatischen Ebene dazu, dass die Gesellschaft stabilisiert wird, da sie ermöglicht den Bürgern in Würde zu leben und Konflikte zwischen Ihnen zu regeln bzw. das Prinzip der Reziprozität, welches das Zusammenleben reguliert und Altruismus ermöglicht, auch in einer hochkomplexen und ausdifferenzierten Gesellschaft durchzusetzen.

Es gibt allerdings drei Arten von Gleichheit, und je nachdem, welche man wie gewichtigt, ändert sich die Vorstellung davon, wie Gerechtigkeit aussehen sollte. Wenn man allerdings das Zusammenspiel dieser drei Prinzipien betrachtet, entdeckt man, dass es Konstellationen gibt aus denen sich mehr Gerechtigkeit ergibt, als aus anderen, und es entsprechend Formen von Gerechtigkeit gibt, die erstrebenswerter sind als andere.

Die Gleichheit vor Gott ist die Gleichheit vor einem metaphysischen Prinzip, das alle Menschen gleich richtet. Diese Gerechtigkeit bezeichnen wir heute vor allem als Gleichheit vor dem Recht. Ihre säkulare Manifestation findet sich in der Idee der Menschenrechte und der Gesetzbücher. Auch wenn im Westen des 21. Jahrhunderts dieses Gleichstellung vor dem Recht etwas ist, das auch Atheisten (wie ich) als gerecht wahrnehmen, hat diese Gleichheit im Westen ihre Wurzeln nicht nur, aber vor allem im judeochristlichen Denken. Die monotheistischen Religionen formulierten nämlich die Vorstellung, dass unabhängig von der Lebensführung und der Herkunft, jeder Mensch nach dem Ebenbild Gottes geschaffen ist und damit nicht nur allein durch sein Menschsein mit bestimmten Rechten ausgestattet ist, sondern sich auch genauso wie alle seine Mitmenschen vor diesem Gott verantworten muss. Dadurch hat nicht nur jedes Individuum Rechte, die nicht von anderen verletzt werden dürfen, es ist auch Aufgabe des Staates diese Rechte zu schützen und die Verletzung dieser auszugleichen. Gerechtigkeit, die auf dem Prinzip der Gleichheit vor dem Recht beruht, versucht die verursachten Schäden an den Grundrechten eines Individuums durch ein anderes Individuum wiederherzustellen. Das heißt, wenn ein Individuum von einem anderen in seinen Rechten verletzt wird, so muss der Staat (da Gott entgegen der religiösen Vorstellung offensichtlich nicht interveniert) dafür sorgen, dass das andere Individuum den verursachten Schaden kompensiert, unabhängig von dessen Status. (Auge um Auge, Zahn um Zahn) Davon ausgehend ist Gerechtigkeit allerdings nur dazu da, Missverhältnisse zwischen Individuuen auszugleichen, und es gerecht noch zielführend, sogenannte opferlose Verbrechen, wie Drogenkonsum zu bestrafen, da hier keine Rechtsverletzung anderer begangen wurde.

Zwar ist diese Idee der Gleichheit historisch in der Religion verwurzelt, doch nur so konnte sich in den primitiven Gesellschaften die rationale Erkenntnis etablieren, dass die Gesellschaft nicht aus Kollektiven, sondern aus Individuen besteht, und diese nur durch gleiche rechtliche Behandlung langfristig kooperieren und stabile Staaten formen können. Der Bezug zur Religion findet sich auch noch in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung: „Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: daß alle Menschen gleich geschaffen sind; daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind.“

Im Zuge der Aufklärung und der Säkularisierung wurde die religiöse Begründung durch die Vorstellung des Naturrechts ersetzt, doch die metaphysische Natur dieser Art der Gleichheit bleibt damit bestehen, denn materialistisch und psychologisch betrachtet sind Menschen nicht alle gleich, da jeder Einzelne durch Genetik, Herkunft und Lebenslauf andere Fähigkeiten und Eigenschaften besitzt. Das metaphysische Gleichheitsprinzip, das alle Menschen vor dem Recht gleichstellt sind, ist jedoch für den Erhalt der Zivilisation und das Zusammenleben großer Menschengruppen, wie es eben Staaten sind, unabdingbar. Zwar mag es nur ein metaphysisches Prinzip sein, allerdings ermöglicht es Individuen friedlich zusammenzuleben und der Gesellschaft sich weiterzuentwickeln. Es hat damit einen pragmatischen und rationalen Wert. Das Fehlen dieses Prinzips führt zur Willkür, Machtmissbrauch, Unterdrückung und damit letztendlich zu Chaos und Barbarei. Diese Art der Gleichheit ist damit die Basis der Zivilisation und der Freiheit des Individuums, und aller Formen von funktionierender Gerechtigkeit, da die beiden anderen Prinzipien der Gleichheit ohne sie nicht existieren können. Staaten, die auf der Basis von kollektivistischen Ideologien und totalitären Systemen die individuellen Menschenrechte ablehnen, so wie es im Nationalsozialismus oder in den vom Islam geprägten Ländern der Fall war und noch leider oft ist, versinken dadurch zwangsläufig in Gewalt und Ungerechtigkeit, da sie keine Gleichheit vor dem Recht unter den Individuen mehr herstellen können.

Aus der Gleichheit vor Gott leitet sich auch die Aufgabe des Staats ab: Er soll den Bürgern dienen, indem er sie durch ein Justizsystem voreinander schützt und ihnen die Basis für ein friedliches Zusammenlebens schafft. Das Erheben von Steuern greift zwar in die persönlichen Rechte des Bürgers ein, allerdings kann es als gerecht gerechtfertigt werden, wenn der Bürger die Möglichkeit hat den Staat zu verlassen, und wenn das Erheben von Steuern sich auf das Minimum beschränkt, was benötigt wird, um Maßnahmen umszusetzen, von den alle Bürger gleich profitieren. Es ist jedoch nie gerecht Steuern zu erheben, von deren Verwendung das besteuerte Individuum nicht profitiert.

Die Chancengleichheit schafft die Möglichkeit, nach der jeder Mensch unabhängig von seiner Herkunft, seiner sozialen Stellung, seines Aussehens und seiner Genetik die gleichen Chancen auf einen Erfolg entsprechender seiner Fähigkeiten hat. Konkret bedeutet das, dass sowohl der Sohn eines reichen CEOs als auch der eines armen Handwerkers oder ein Waisenkind, die Möglichkeiten bekommen sollten, die gleichen Chancen im Leben zu bekommen. Dabei sollte auch beachtet werden, dass die kleinste Minderheit im Staat immer das Individuum ist, sodass die Politik sich danach ausrichten sollte jedem Individuum Chancengleichheit zu ermöglichen – dafür ist eine Zusammenfassung der Bürger und die Reduzierung dieser auf konstruierte kollektive Identitäten beziehungsweise Minderheiten kontraproduktiv, da sie eben das Individuum aus den Augen verliert, und damit die Gleichheit aller Individuen vor Gott beziehungsweise dem Recht. Es sollte also keine Förderung beziehungsweise Chancenschaffung für Minderheiten etabliert werden, wie es oft in der heutigen Politik getan wird, weil es pragmatischer und günstiger ist, sondern eine Förderung jedes einzelnen Individuums, unabhängig von der konstruierten Identität. In der Politik bedeutet das, dass jeder einzelne das Recht hat, eine Schule zu besuchen, eine Ausbildung zu machen und zu studieren, unabhängig von Herkunft, Ethnie und finanzieller Lage der Eltern. Dadurch bekommt jedes Individuum die Chance sein Potential entsprechend seiner Fähigkeiten zu entfalten. Von dieser Fokussierung aufs Individuum profitiert die Gesellschaft langfristig, da durch die gleichen Startbedingungen letztendlich diejenigen Menschen eine bestimmte Position einnehmen, für die sie am besten geeigneten sind. Wenn in einer Gesellschaft zum Beispiel alle Menschen unabhängig von ihrem sozioökonomischen Hintergrund die Möglichkeit haben eine Schule zu besuchen und danach zu studieren, um zum Beispiel Arzt zu werden, so werden diejenigen das Medizinstudium aufnehmen und dann auch bestehen und letztendlich Arzt werden, die sich nicht nur am meisten dafür interessieren, also die notwendige Begeisterung mitbringen, sondern auch gleichzeitig am kompetentesten dafür sind, weil sie sich gegen die anderen Bewerber durchsetzen müssen. Dadurch wird gesorgt, das kompetente Ärzte ausgebildet werden, die ihren Mitmenschen auch wirklich helfen können. Es werden  auch keine für den Arztberuf besonders begabten Menschen dadurch verschwendet, dass sie aufgrund ihrer Herkunft nicht die Möglichkeit zur Bildung haben.  Die Chancengleichheit sorgt also dafür, dass hochintelligente Menschen Wissenschaftler werden können und nicht als Straßenfeger arbeiten müsse. Und entsprechend führt das auch dazu, dass Menschen, bei denen es besser wäre, wenn sie weder Arzt noch Wissenschaftler wären, weil es ihnen an Intelligenz oder Gewissenhaftigkeit mangelt, von ihren Chancen aus entsprechende Beruf einnehmen, auch wenn es dann ein weniger ertragreicher ist, wie der des Straßenfegers. 

Für die Gesellschaft und ihren Fortschritt, sowie für die Entfaltung und die Freiheit eines jeden einzelnen Individuums ist die Chancengleichheit eine essentielle Gleichheit. Daher sollte es Aufgabe des Staats sein, Chancengleichheit herzustellen, indem er jeden Menschen Zugang zur Bildung ermöglicht. Auch wenn dafür Steuern erhoben werden müssen, sind diese noch zu gerechtfertigten, da jeder einzelne Bürger davon profitiert, wenn er von gebildeten und kompetenten Menschen umgeben ist, die Leben nach ihren Möglichkeiten leben, und nicht frustriert sind, weil sie ihr Potential nicht entfalten konnten, oder aufgrund von mangelnder Bildung in Kriminalität verfallen oder schlicht dumme Dinge tun, die Schaden anrichten. Darüber hinaus gehört auch der Ausbau der Infrastruktur eines Landes zur Schaffung des Staates, da nur eine ausgebaute Infrastruktur es den Menschen ermöglicht sich frei zu bewegen und Chancen zu nutzen.

Wenn allerdings ein Mensch trotz Chancengleichheit diese Chancen nicht nutzt, so ist dies seine individuelle Verantwortung und er muss mit den Konsequenzen gerechterweiser leben. Es widerspricht der Gleichheit vor dem Recht dann anderen Menschen, die ihre Chancen genutzt haben, in ihren Eigentumsrechten zu verletzten bzw. zu besteuern, damit sie dann die Konsequenzen seines verantwortungslosen Handelns tragen müssen, wie es bei der klassischen Umverteilung des modernen Sozialstaats der Fall ist. Der Staat sollte den Bürgern die Chancen geben ihre Zukunft zu gestalten, aber er kann sie auch nicht bemüttern, wenn sie ihren Bildungsweg abgeschlossen haben, schließlich kann auch nur ein Mensch wirklich erwachsen werden, der lernt auf eigenen Beinen zu stehen und sich selbst zu ernähren und dafür zu arbeiten und die Verantwortung auf sich selbst aufzunehmen.

Was ist aber mit Menschen, die trotz Chancengleichheit nun mal es nicht schaffen, sich sinnvoll in die Gesellschaft zu integrieren? Damit beschäftigt sich das dritte der Gerechtigkeit zugrundeliegende Gleichheitsprinzip.

Die Gleichheit des Ergebnisses ist je nach Definition entweder a) die Gleichheit, nach der jeder universell für die gleiche Leistung das Gleiche bekommt (und oft als soziale Gerechtigkeit beschrieben wird) oder nach b) die Gleichheit, bei der jeder das Gleiche bekommt, allerdings nicht universell, sondern spezifisch jeder für eine konkret erbrachten Ergebnisse einer Leistung entsprechend konkret das Gleiche bekommt. Die Gleichheit nach b) lässt sich also mit dem Prinzip Jedem das Seine beschreiben, was allerdings dann natürlich keine universelle Gleichheit ist, und daher meistens nicht als Gleichheit betrachtet wird, sondern als eine logische Schlussfolgerung aus der Chancengleichheit. Zu ihren Enden gebracht, sind die nämlich Ergebnis-Gleichheiten a) und b) diametral, die eine ist die a) „Jedem das Gleiche“ und b) „Jedem das Seine“, wobei die Schaffung der Chancengleichheit wie im vorherigen Abschnitt gezeigt, theoretisch dazu führt, dass jeder das Seine beziehungsweise die entsprechende Position in der Gesellschaft bekommt. Deswegen wird in den meisten Debatten die Form b) nicht als die Gleichheit des Ergebnisses betrachtet, sondern der Chancengleichheit untergeordnet. Im Folgenden wir daher vor allem auf Form a) eingegangen.
Die universelle Gleichheit des Ergebnisses nach a) mag zwar auf den ersten Blick und in kleinen Rahmen, wie zum Beispiel der Verteilung von Geschenken beim Weihnachtsfest oder von Lebensmitteln innerhalb der Familie, sinnvoll erscheinen, ist es jedoch in fast allen anderen Lebensbereichen nicht.

Wenn zum Beispiel die fiktive Personen Justus und Dike beide jeweils einen Stuhl bauen, und Justus ein total unbegabter Handwerker ist und Dike hingegen sehr geschickt vorgeht, so wird Justus im schlimmsten Fall einen Stuhl bauen, der zusammenbricht, sobald jemand sich draufsetzt, und Dike einen perfekten Stuhl, der mitunter Jahrzehnte hält. Wenn nun die beiden ihren Stuhl verkaufen wollen würden, dann würde niemand einen Stuhl haben wollen, der sofort auseinanderfällt. Beide hatten ihre Chance einen Stuhl zu bauen, Dike wird für ihren Geld verdienen, Justus einen Verlust einstecken und gezwungen werden, einen anderen Beruf zum Gelderwerb zu suchen. Wenn man jedoch nach a) handelt, so sollten nun sowohl Justus als auch Dike für die erbrachte Leistung einen Stuhl gebaut zu haben die gleiche Summe an Geld erhalten. Dies ist jedoch nicht ohne Gewalt möglich, denn niemand will den Stuhl von Justus haben. Damit trotzdem die Gleichheit des Ergebnisses gewahrt wird, kann ein Staat intervenieren und Dike die Hälfte ihrer Einnahmen durch den Stuhl an Justus geben. Dadurch werden beide ungleich vor dem Recht behandelt, also die Gleichheit vor Gott beziehungsweise vor dem Recht aufgehoben, genauso wie die Chancengleichheit und ihr Zweck ausgehebelt werden. Die Gleichheit der Ergebnisse kommt also mit dem Preis der Gleichheit vor dem Recht und der Chancengleichheit. Darüber hinaus, ist es nicht nur paradox Dike dafür zu bestrafen, dass sie eine bessere Leistung erbracht hat, als Justus – es verhindert auch eine Selektion. Dadurch, dass Justus trotz seiner Unfähigkeit weiter Stühle bauen und davon leben kann, wird er nicht gezwungen einen neuen Beruf zu suchen, der seinen Fähigkeiten besser entspricht, und in dem er nicht nur sich selbst mehr erfüllen, sondern auch für die Gesellschaft von größeren Nutzen wäre. Dike hingegen wird dadurch, dass sie für ihre Leistungen bestraft wird, demotiviert diese weiterhin in dieser guten Qualität zu erbringen, und sie wird dadurch in der Entfaltung ihres Potentials gehemmt. Dies ist langfristig kontraproduktiv für die Entwicklung beider und dann auch für die Gesellschaft, da ohne Selektionsprozess keine auf Individuen basierende Wirtschaft und Politik langfristig erfolgreich sein kann.

Es lässt sich also festhalten, dass Ergebnis-Gleichheit in der Regel ungerecht ist, da sie diejenigen, die sich das Ergebnis verdient haben, bestraft, und diejenigen, die es nicht verdient haben, entlohnt, weshalb diese Gleichheit auch als Neid-Gleichheit bezeichnet wird. Abstrakter wird die Forderung nach dieser Gleichheit benutzt, um für soziale Gerechtigkeit zu plädieren und damit Programme umzusetzen, die man als Sozialstaat zusammenfassen kann, und die das Ziel haben die Ärmsten zu unterstützen.
Es wäre aber auch ungerecht, die Gleichheit vor dem Recht zu brechen und damit ungerecht zu handeln, um Menschen zu enteignen und damit zu bestrafen, die mit ihren Leistungen für die Gesellschaft nützlich sind und so aus der Symbiose profitieren, nur um dann diejenigen Menschen dafür zu belohnen, dass sie das nicht tun. Es wäre nicht gerecht, wenn Dike hart arbeitet und Stühle verkauft, und dann einen Teil ihres Einkommens an Justus abgibt, der mittlerweile nicht einmal mehr Stühle herstellt, sondern nur noch faul herum liegt, und dafür auch noch belohnt wird. Eine asymmetrische Umverteilung von Reich nach Arm wie sie in Sozialistischen Staaten stattfindet, ist damit nicht gerecht, da sie gegen die ersten beiden Gleichheitsprinzipien von Gott und Chance verstößt.

Wollte man alle Menschen gerecht behandeln, so müsste man auch alle Menschen gleich besteuern und gleich unterstützten, das heißt, jeder bekommt Bafög und jeder bekommt eine Form einer Grundaufstockung, aber eine asymmetrische Verteilung von Leistenden auf Nicht-leistende ist nicht gerecht. Also, es wäre mit den beiden anderen Gleichheitsprinzipien vereinbar und damit gerecht, wenn sowohl Justus und Dike, unabhängig von ihrem Einkommen, im gleichen Umfang Nahrungsmittel, Wohnraum, den gleichen Steuersatz und den gleichen Zugang zur Bildung bekommen, aber nicht, wenn Justus Nahrung und Wohnraum auf Kosten von Dike bekommt, während Dike ihre Nahrung und ihren Wohnraum selber bezahlen muss. Da allerdings diese Nahrung und der Wohnraum usw. irgendwo herkommen müssen, das heißt, irgendwo jemand dafür arbeiten muss, kann es keinen gerechten Weg geben, wie jemand, der keine Produktivität in die Gesellschaft einbringt, wie Justus, dann diese von der Gesellschaft bekommt. (Außer wir schaffen eines Tages ein perpetuum mobile, oder zumindest eine Armee aus sich selbst reparierenden Robotern, die unsere Grundversorgung sicherstellen, sodass der Staat kostenlos Unmengen an Ressourcen selber produzieren und verteilen kann.)

Man kann zwar argumentieren, ähnlich wie bei der Bildung, dass eine Gesellschaft für alle besser ist, in der kein Justus in die Kriminalität gezwungen wird, da er sich kein Wohnraum und kein Essen leisten kann, allerdings wäre es wie aufgeführt nicht gerecht einen Sozialstaat dafür zu etablieren. Die staatlichen Sozialleistung neigen überdies dazu, den Mensch unmündig zu machen, da sie ihn in seiner Konformität bestärken und die sozialen Netze überflüssig machen und dadurch auflösen. Für diejenigen, die durchs soziale Netz fallen waren in den religiösen Gesellschaften die Almosen konzipiert, sodass die, die keinen Platz in der Gesellschaft haben, durch die freiwilligen Spenden der Gläubigen trotzdem überleben können. Dieses System, bei dem diejenigen, denen es gut geht, freiwillig ein Teil ihres Wohlstands abgeben, ist das einzige gerechte Sozialsystem, da es auf Freiwiligkeit basiert und daher dafür kein Staat die Gleichheit vor dem Recht brechen muss.

Fraglich ist allerdings, wie effizient die Verteilung privater Spenden, vor allem in einer zunehmen säkularisierten und damit nicht an religiöse Moral gebundenen Welt, möglich ist. Die beste Lösung dafür wäre, wenn in den Schulen nicht nur Sprachen, Mathematik und Wissen gelehrt werden, sondern die Schüler auch in Empathie, formal logischem Denken, Gerechtigkeitssinn und Tugenden geschult werden, also zu mündigen und sozialen Bürgern geformt werden. Leider existieren entsprechende Fächer und Programme zur Förderung von Philantrophie bisher aufgrund von mangelnder Chancengleichheit und schlechter Bildungspolitik in Deutschland vor allem nur an Privatschulen und elitären Internaten,  die es nicht geben würde, wenn der Staat seinen Bildungsauftrag gewissenhaft erfüllen würde. Da der Staat sich letztendlich aber aus Individuen zusammensetzt, muss nicht nur der Staat gerecht sein, sondern auch die Bürger, die diesen Staat bilden, müssen gerecht, gebildet und empathisch sein, da nur so ein soziales und friedliches Zusammenleben möglich wird. Dies ermöglicht auch die Schaffung von sozialen Netzen, die sich um Probleme kümmern, die außerhalb des Aufgabenbereichs des Staats liegen.

Dies ist soweit die Theorie. Da in der Realität, vor allem in der durch Medienkonsum und Nihilismus vereinsamten postmodernen Gesellschaft des Westens, aber soziale Strukturen nicht ausreichen, um alle Menschen aufzufangen, kann es gerecht sein den Staat einzubeziehen. Man kann dafür die Chancengleichheit argumentativ so weit führen, dass man sagt, dass ein Mensch immer alle Chancen haben sollte, zurück in die Gesellschaft zu finden und an ihr teil zu nehmen. Damit kann man Systeme, die allgemein als Sozialstaat bezeichnet werden, als gerecht legitimieren. Allerdings müssen dann diese Systeme so geschaffen sein, dass sie nicht nur am Leben hält und die Betroffenen bestrafen, wenn sie versuchen sich wieder hochzuarbeiten (wie im Hartz IV System der Fall ist) sondern Anreize und Möglichkeiten geschaffen werden, wieder zu arbeiten (wie zum Beispiel im Konzept des liberalen Bürgergelds, für das sich die FDP in Deutschland einsetzt).

Zusammenfassend kann man schlussfolgern, dass eine freie und zivilisierte Gesellschaft, in der jedes Individuum seinen Platz finden und in Freiheit leben kann und in der die meiste Gerechtigkeit herrscht, theoretisch die ist, deren Staat nach dem Gerechtigkeitsprinzip handelt, das auf den Gleichheitsvorstellungen von der Gleichheit vor dem Recht und der Chancengleichheit beruht, und ansonsten nicht in das Leben der Bürger interveniert. Ein Staat, der eine Gleichheit der Ergebnisse anstrebt, wie es der Sozialismus beziehungsweise der Kommunismus vorsehen, hebelt nicht nur zwangsläufig die ersten beiden Gleichheitsprinzipien aus und wird ungerechter, er zerstört damit auch die Freiheit der Individuen und die Wirtschaftskraft der aus ihnen geformten Gesellschaft. Damit ein Staat durchgehend gerecht sein kann, braucht er nicht nur eine republikanische Struktur, die starke Institutionen ermöglicht, die die Gleichheit vor dem Recht durchsetzen können – er braucht auch eine durchlässige Kompetenz-Hierarchie, in der jeder die Chance hat aufzusteigen und seinen Fähigkeiten entsprechend mitzuwirken, sowie eine engagierte und solidarische Bevölkerung, die freiwillig untereinander kooperiert. Für einen guten Staat braucht es also nicht nur die metaphysische und organisatorische Basis eines gerechten Rechts- und Bildungssystems, sondern auch die Basis aus sozialen und mündigen Individuen, wobei beides einander bedingt. Weder kann ein Staat gerecht sein, wenn die Individuen, aus denen er sich zusammensetzt, unmündig sind, noch können sich nur wenige mündigen Individuen entwickeln, wenn der Staat ungerecht ist.
Solch eine gerechte und gute Gesellschaft wäre in der Idealform eine liberale Republik, die ähnlich wie Platons Staat, mit festen Strukturen für Recht und Ordnung und damit Freiheit sorgt, von gerechten und kompetenten Menschen gelenkt wird, die sich für die Leitung qualifiziert haben und durch Sicherungssysteme und eine Teilung der Gewalten davon abgehalten werden, ihre Macht zu missbrauchen. Optimalerweise würde ein System seine Herrscher aufgrund ihres Gerechtigkeitssinns und ihrer Begabungen selbst aussuchen, da allerdings der Staat etwas ist, was durch Menschen geschaffen wird und aus ihnen besteht und eine unkorrumpierbare, von außen eingerichtete Instanz zur Herrscherwahl nicht gegeben ist, ist der beste Kompromiss ein semi-demokratisches System beziehungsweise eine liberale, republikanische beschränkte Demokratie, in der der Staat nur so viel Macht wie notwendig hat und alle Bürger vor Gericht gleich behandelt und ihnen die Möglichkeiten zur Selbstentfaltung bietet. Wichtig ist hierbei zu betonen, dass eine konstitutionelle Republik einer richtigen Demokratie zu bevorzugen wäre, da richtige Demokratie Populismus und eine Tyrannei der (in der Realität meist irrational agierenden) Massen ermöglicht, die die Gerechtigkeit der Institutionen untergraben würde. Die Stimmen der einzelnen Individuen sollten daher bei der politischen Entscheidungsfindung nicht gezählt, sondern gewichtet und die Macht der Herrschenden beschränkt werden. Darüber hinaus haben allerdings die Bürger und damit jedes Individuum die Verantwortung auch selbständig und gemeinschaftlich zu handeln, und das unabhängig vom Staat. Der Staat kann nämlich nur gerecht bleiben, solange er die Gleichheit vor dem Recht nicht verletzt, und das kann er nur, solange er nur minimal in die Leben der Menschen eingreift, vor allem, um Justiz und Bildung zu sichern, aber den Rest müssen die Menschen unabhängig vom Staat und freiwilig selbst organisieren.

So wäre das Idealbild. Da unsere Gesellschaft im steten Wandel und unendlich kompliziert ist, wird es wahrscheinlich niemals einen wirklich gerechten Staat geben, da auch die akute Tagespolitik die Herrschenden dazu zwingt aus Pragmatismus Ungerechtigkeiten zu begehen und Korruption und Machtgier das System korrumpieren. Die alltägliche Welt ist darüber hinaus unendlich komplex und im steten Wandel, und kann daher, wie hier, nur in abstrakten Reduktionen begrifflich gemacht werden, sodass eine perfekte Beschreibung und damit perfekte Antwort auf die Probleme der Welt nicht immer möglich ist. Dies wird vor allem deutlich, wenn man die zahllosen juristischen Einzelfälle zu betrachtet, die jeden Tag auftreten, und die sich oft nicht einfach durch die Orientierung an den hier dargelegten Axiomen lösen können.

Die Technologien, die das Leben und damit die Gesellschaft formen, verändern sich ebenfalls konstant, sodass kaum eine zeitlose Antwort gefunden werden kann. Aber Perfektion ist stets ein Ideal, das es sich anzustreben lohnt, auch wenn man es nie erreichen wird, so ähnlich wie man beim Boxen nie auf das Gesicht des Gegners zielt, sondern hinter sein Gesicht, um den Schlag mit mehr Wucht und auch dann zu landen, wenn er zurückweicht. Daher ist es immer lohnenswert die grundlegenden Prinzipien und Ideale wie Gerechtigkeit zu betrachten und dann das Leben und den Staat nach ihnen auszurichten. Wahrscheinlich werden diese Ideale niemals vollständig realisiert werden können, aber der Versuch diese zu Realisieren und die Annäherung an das Ideal, machen das Leben besser und damit bereits idealer.


Und wie immer handelt es sich bei diesem Essay um meine subjektive Meinung zu der Thematik. Wie man wahrscheinlich merkt, argumentiere ich aus einer stark liberalen Position heraus, aber ich bin immer offen für neue Ideen, weshalb ich mich immer über Gegenmeinungen in den Kommentaren freue. 😉


Quelle des Beitragsbild: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Declaration_of_Independence_(1819),_by_John_Trumbull.jpg#/media/File:Declaration_of_Independence_(1819),_by_John_Trumbull.jpg

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Hamlet and Identity Politics

To find and shape her or his own identity is probably the most important, but also toughest challenge everyone has to face during life. Especially for teenagers and young adults, who are transitioning into adulthood, the quest for identity plays a crucial role in everyday life. This is not only reflected in the vast amount of existing teen-subcultures and recent issues with neomarxistic-identity politics used by leftists and the alt-right to create tensions in schools and universities. The struggle for identity is also one of literatures most important themes, even embodied in its own genre of Coming-of-age-novels. With famous representants like “The Catcher in the Rye” by Salinger or “The artist as a young man” by Joyce.

But even before the emergence of the modern novel, the theme was most famously used in Shakespeares play “Hamlet”. After the murder of his father, the young Prince of Denmark struggles to decide what to do and who to be.

Though most people don´t have to decide whether or not they should revenge their father by killing their uncle, almost everybody can relate to Hamlets archetypical search for the right way. It would be hard to find a student, who can´t utter the lines “To be or not to be” from Hamlets famous soliloquy. The rapid mood swings and the confusion Hamlet expresses and his tendency for radical solutions and indecisiveness are the poetic mirror if everyone´s everyday struggle.

This is what makes “Hamlet” such a valuable play and relevant today.

Shakespeare shows us that it is human to struggle for identity, but the bloodshed at the end of the play is more than a subtle warning about what can happen if we do not remain careful about what we are willing to sacrifice for our identity.

 


Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Benjamin_West_-_Hamlet-_Act_IV,_Scene_V_(Ophelia_Before_the_King_and_Queen)_-_Google_Art_Project.jpg


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No pain, no gain – Warum Satire alles darf und muss

Seit den feigen Anschlägen auf das Satiremagazin Charlie Hebdo 2015 und der Böhmermann-Affäre 2017 werden in Deutschland wieder die Stimmen lauter, die gegen Kurt Tucholskys berühmte Aussage „Satire darf alles“ argumentieren.
Dabei kreiden sie der Satire entweder an, dass diese oft gegen den guten Geschmack verstößt, wie zum Beispiel der Karikaturist Thomas Wizany; oder sie schieben juristische Gründe vor, wie der Medienanwalt Christian Schertz in seinem 2015 erschienen Artikel „Was die Rechtsprechung sagt – die Satire darf nicht alles“. Wieder andere pochen auf politische Korrektheit und verweisen auf die Gefühle, die Satire oft verletzt.
Wer jedoch Satire in irgendeiner Form begrenzen will, der hat offensichtlich nicht nur ihre wichtige gesellschaftliche Funktion nicht nur nicht verstanden, er offenbart auch die eigene Naivität. Denn selbst, wenn jemand ernsthaft versuchen würde, Satire einzuschränken, so wäre er langfristig zum Scheitern verurteilt. Satire darf nämlich nicht nur alles, sie kann auch alles. Es liegt in ihrer Natur, sich der Zensur zu entwinden. Satire überspitzt die Realität und bläht sie zur Absurdität auf, sodass sie für ihre Aussagen eine Umgebung des „Unernsten“ schafft, wie Jan Hedde es in seinem Artikel „Das ist Satire“ passenderweise nennt. „Eine Justiz, die Satire bewerten will, gibt sich der Lächerlichkeit preis“, und nicht nur das: sie spielt dem Satiriker dabei auch noch oft in die Hände, wie Heinrich Heines fast nur aus Leerstellen bestehendes Werk „Die deutschen Censoren“ anschaulich demonstriert.
Deswegen ist es auch absolut belanglos, dass Böhmermanns Schmähgedicht von einem Gericht im Nachhinein verboten wurde. Wenn überhaupt, dann verstärkte der Gerichtsprozess nur die Wirkungen des Gedichts und trug zu dessen Verbreitung bei, da er dessen Bekanntheit stark steigerte.
Es steht außer Frage, dass sein Gedicht geschmacklos und anstößig war. Aber das musste es auch sein.
Satire verletzt Normen, um auf die Verletzung von Normen hinzuweisen.
Nur durch die Geschmacklosigkeit konnte Böhmermann Erdogan zu dessen aggressiven Reaktionen provozieren, die ihn als neurotischen Despoten entlarvten, und die Aufmerksamkeit des Volks auf ihn richteten. Die darauffolgenden politischen und diplomatischen Turbulenzen waren für die Bundesrepublik Deutschland eine schmerzhafte und bloßstellende Erfahrung, und das ist gut so.
Den (oft humorlosen) politischen Analysten und Intellektuellen war seit langem bekannt, dass das Verhältnis der BRD zu Erdogan nicht gesund war und der Präsident selber nur begrenzt dem Idealbild eines demokratischen Herrschers entspricht. Aber solche formalen Fakten lass sich leicht verleugnen und werden von der breiten Masse eher ignoriert.
Erst als Böhmermann den Finger tief in diese Wunde rammte, sodass ein schmerzhafter Aufschrei durch die Presse und Politik ging und Erdogan tobte, richteten sich die Scheinwerfer der medialen Aufmerksamkeit und der breiten Bevölkerung auf die Missstände und zwangen die Politik zum Handeln. Damit erfüllte die Satire ihre essenzielle Aufgabe, auf Missstände hinzuweisen.
Ein System, welches versucht, Satire einzuschränken, stellt sich daher doppelt selbst ein Bein, und wird damit zwangsläufig stürzen. Nicht nur ist das Bekämpfen von Satire eine Sisyphos-Arbeit, die dieser nur mehr Angriffsfläche und Aufmerksamkeit liefert – denn Satire ist immer Reaktion, und Aktionen gegen die Satire ermöglichen nur noch mehr Reaktionen – es verursacht auch Stagnation. Ohne oder durch eine eingeschränkte Satire werden der Gesellschaft und ihren Herrschern vielleicht viele Schmerzen und Peinlichkeiten erspart – aber wie es das Motto der Fitnessszene passend zusammenfasst:
„Ohne Schmerz, keine Verbesserung. No pain, no gain.“
Wenn niemand auf die Wunden deuten würde, würden sie auch nicht unbedingt rechtzeitig behandelt werden können, bevor sie septisch werden.
Der Satiriker ist daher nicht, wie es seine Opfer oft darzustellen versuchen, ein bösartiger Troll oder Nihilist, sondern ein „gekränkter Idealist“, wie Tucholsky selbst betonte, der die Welt verbessern will.
Es ist kein Zufall, dass viele oppositionelle politische Bewegungen – sei es der Vormärz, der Dadaismus, die APO, DIE PARTEI oder Böhmermanns jüngste Reconquista des Internets – entweder ihren Ursprung in der Satire haben oder zumindest durch diese Aufmerksamkeit auf sich ziehen.
Eine Beschränkung von Satire wäre damit die Unterdrückung einer der effektivsten Werkzeuge der Opposition, die jede Gesellschaft braucht, um die Machtverhältnisse ausgeglichen zu halten.
„Ja, aber, was ist, wenn sich Satire nicht gegen die Herrschenden richtet, sondern die Gefühle von Minderheiten oder Einzelpersonen verletzt?“, mag jetzt einer einwenden.
Darauf ist zu antworten, dass hier das Gleiche gilt, wie bei der Satire, die den Herrschenden kritisiert. Satire ist dazu da, auf Missstände hinzuweisen, ungeachtet der Gefühle der Betroffenen.
„Die Satire muß übertreiben und ist in ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht“, stellt bereits Tucholsky fest, aber dadurch bezieht sie ihre Kraft. Es geht bei Satire nicht darum, dass es jemanden gut geht – auch wenn dieser Eindruck durch ihre komödische Natur entstehen kann – es geht auch nicht darum, besonders ansprechend oder kunstvoll zu sein. Es geht darum, den Menschen und die Gesellschaft auf Fehler hinzuweisen und zu verbessern.
Wenn Missstände existieren, müssen sie von den Betroffenen akzeptiert werden. Kritikfähigkeit und Reflektion sind Ideale der Aufklärung und damit tragende Säulen der modernen Gesellschaft, weshalb sie auch in der Verfassung in Form der Berufung auf Kants Theorien fest verankert sind. Daher kann die Satire auch nicht übertreiben, wie Tucholsky bereits 1919 in seinen Artikel „Was darf Satire?“, herausarbeitet; schließlich verbreitet sie nichts als die schonungslose Wahrheit, welche „blutreinigend“ wirkt.
Wenn also zum Beispiel Moslems auf die Straßen gehen oder Islamisten Anschläge verüben, weil sie sich durch Karikaturen französischer Satiriker angegriffen fühlen, wie 2015 in Paris, dann bedeutet das nicht, dass die Satiriker zu weit gegangen sind.
Im Gegenteil; es verdeutlicht, dass sie mit ihrer Satire einen echten, wunden Punkt erwischt haben, der der Untersuchung bedarf. Es entlarvt die totalitären und ultrakonservativen Strukturen sowie die Kritikunfähigkeit und das Gewaltpotential der Ideologie Islam (und die Humorlosigkeit einiger ihrer Anhänger). Und gegen diese pathologischen Attribute des Islams können wir weder durch Akzeptanz noch Toleranz vorgehen, noch dadurch, dass wir Barbarismus mit Barbarismus vergelten und Bomben in den Nahen Osten schicken. Wir können – als aufgeklärte und mündige Menschen – nur dagegen vorgehen, indem wir immer wieder den Finger in die Wunden drücken, bis sich dieser Wunden angenommen wird. Und die besten Waffen für diesen Kampf ist die Feder (bzw. Tastatur, Stift etc.), die neben sachlichen Abhandlungen und Analysen auch Satire schafft; das zeigten in der Vergangenheit bei anderen ideologischen Konflikten bereits Werke wie George Orwells „Animal Farm“ (Satire auf Kommunismus) oder Hunter S. Thompsons „Angst und Schrecken in Las Vegas“ (Satire auf den verkommenen American Dream).
Wenn als das nächste Mal jemand Menschen tötet, Dinge sprengt oder einfach nur öffentlich ausrastet, weil ein Stück Satire seiner Pathologie den Spiegel vorgehalten hat, dann sollten wir nicht in Frage stellen, ob Satire alles darf.
Denn dass mit jemand mit primitiver Gewalt und anderen Zeugnissen der Unzivilisiertheit auf Satire reagiert, ist nicht die Schuld des Satirikers. Wie George C. Lichtenberg in seinem berühmten Aphorismus bereits anschaulich darlegt:
„Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen, und es klingt hohl, ist das allemal im Buch?“
Wir sollten stattdessen also eher fragen, ob wir nicht noch mehr Satire brauchen;
und am besten noch mehr Satire machen, wie es die überlebenden Redakteure von Charlie Hebdo taten, indem sie eine Woche nach dem Anschlag ihre Titelseite mit einer Mohammed-Karikatur füllten.


Gliederung:
No pain, no gain – Weshalb Satire alles darf und muss
1. Einleitung: Zunehmende Kritik an Tucholskys berühmten Zitat nach Charlie Hebdo und der Böhmermann-Affäre
2. Hauptteil
2.1 Immunität von Satire gegen Zensur
2.2 Die Notwendigkeit von Normbrüchen durch Satire am Beispiel Böhmermann-Erdogan
2.3 Die Wichtigkeit von Satire für die Gesellschaft trotz Schmerz und Peinlichkeit
2.4 Die idealistische Natur des Satirikers
2.5 Verletzung von Gefühlen durch Satire am Beispiel Islam
3. Appell: Mehr Satire wie die Redakteure von Charlie Hebdo


Der Text ist identisch mit dem Essay, welchen ich im bayrischen Deutschabitur 2018 zum Aufgabenteil 5 „Was darf Satire?“ schrieb – und für den ich 15 Punkte / die Note 1+ erhielt.

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Titelbild-Quelle: Von James Gillray, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=238075

Informationen Bayrisches Deutschabitur: http://www.isb.bayern.de/gymnasium/leistungserhebungen/abiturpruefung-gymnasium/deutsch/




Warum der Islam kritisiert werden muss

Wer den Islam kritisiert, wird heutzutage schnell als islamophob, politisch unkorrekt oder als Rechter verschrien und mundtot gemacht. Dies ist jedoch nicht nur diametral zu einer vernünftigen Auseinandersetzung mit dem Thema, sondern auch zu den Grundlagen der modernen westlichen und multikulturellen Gesellschaft, deren Existenz auf den Werten der Aufklärung, des Liberalismus und des Humanismus fußt. Zu diesen gehört nämlich nicht nur berechtigterweise die Religionsfreiheit, sondern auch die Säkularisierung, die Meinungsfreiheit und damit das aufklärerische Ideal sapere aude und die Möglichkeit und Pflicht, alles zu hinterfragen, zu diskutieren und zu prüfen. Sogar liberale Muslime üben daher mittlerweile Kritik an den europäischen Linken, die mit ihrer politischen Korrektheit berechtigte Kritiken am Islam an sich zu unterdrücken versuchen. [26]

Wenn wir nicht die Werte, die der Islam mit sich bringt, hinterfragen, dann geraten wir in Gefahr, dass unsere multikulturelle und liberale Gesellschaft scheitert, weil wir ignorant gegenüber seinen Schattenseiten werden und sie nicht richtig integrieren. Und die Schattenseiten des Islams sind extrem problematisch, da der Islam nicht eine Religion des Friedens ist, wie oft behauptet wird, sondern in seinem orthodoxen Kern eine totalitäre und kriegerische Ideologie.

(Abgesehen in der Form von reformierten Splittergruppen wie den Ahmadiyya, die zwar vor allem in Deutschland medial sehr präsent sind, aber auch dort eine Minderheit darstellen und lediglich ca. 1% der Muslime weltweit ausmachen, und deshalb nicht repräsentativ für die restlichen 99% sind, die sich zu den beiden orthodoxen Hauptströmungen bekennen. In diesem Artikel soll allerdings der Islam als Ideologie an sich kritisiert werden, nicht die Moslems.).

Doch um das zu verstehen, lasst uns erstmal einen Blick in den Koran, das heilige Buch des Islams, werfen. Denn wie kann man sonst einen unverfälschteren Eindruck von dem islamischen Denken bekommen, als durch den Text, welcher dessen Fundament und Zentrum bildet? Ich rate jedem, der sich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzen will, sich selber ein Exemplar des Korans zu besorgen, um sich selbst von der Natur des Islams überzeugen zu können. Wenn man durch dieses Buch blättert, wird einem nicht nur die Redundanz und die aphorismenartige Schreibweise auffallen, man muss auch unweigerlich mehrmals innehalten, vor allem bei Passagen wie den folgenden, die leider auch durch den (hier fehlenden) Kontext, nichts Eindeutigkeit einbüßen :


Und tötet sie, (die Ungläubigen) wo immer ihr sie trefft, und vertreibt sie, von wo sie euch vertrieben haben. Denn Verführen ist schlimmer als Töten. Kämpft nicht gegen sie bei der heiligen Moschee, bis sie dort gegen euch kämpfen. Wenn sie gegen euch kämpfen, dann tötet sie. So ist die Vergeltung für die Ungläubigen.“ (Sure 2, Vers 192)

Eure Frauen sind euch ein Saatfeld. So kommt zu eurem Saatfeld, wann und wie ihr wollt. “ (Sure 2, Vers 223)

Vorgeschrieben ist euch der Kampf, obwohl er euch zuwider ist. Aber vielleicht ist euch etwas zuwider, während es gut für euch ist. Und vielleicht liebt ihr etwas, während es schlecht für euch ist. Und Gott weiß, ihr aber wisst nicht Bescheid.“ (Sure 2, Vers 217)

„Laßt also für Allahs Sache diejenigen kämpfen, die das irdische Leben um den Preis des jenseitigen Lebens verkaufen. Und wer für Allahs Sache kämpft, als dann getötet wird oder siegt, dem werden Wir einen gewaltigen Lohn geben.“ (Sure 4, Vers 74)

Und wenn die verbotenen Monate verflossen sind, dann tötet die Götzendiener, wo ihr sie trefft, und ergreift sie, und belagert sie, und lauert ihnen auf in jedem Hinterhalt. Bereuen sie aber und verrichten das Gebet und zahlen die Zakat, denn gebt ihnen den Weg frei. Wahrlich, Allah ist allverzeihend, barmherzig.“ (Sure 9, Vers 5)

Kämpft gegen diejenigen, die nicht an Allah und nicht an den Jüngsten Tag glauben und nicht verbieten, was Allah und Sein Gesandter verboten haben, und nicht die Religion der Wahrheit befolgen – von denjenigen, denen die Schrift gegeben wurde –, bis sie den Tribut aus der Hand entrichten und gefügig sind!“ (Sure 9, Vers 29)


Diese und viele weitere explizite Aufrufe zur Gewalt, zur Unterdrückung von Frauen, und zum Krieg gegen Ungläubige, finden sich im Koran, und lassen sich schwer anders interpretieren, als das was sie sind: Alles andere als friedlich. Hinzu kommt, dass im Islam der Koran einen extrem hohen Stellenwert hat und als direktes und unverfälschtes Wort Gottes verstanden wird, also kaum anders als wörtlich ausgelegt werden kann.

Wenn also Terroranschläge, Selbstmordattentate und Vergwaltigungen von Muslimen begangen werden, liegt das Problem nicht primär darin, dass diese Personen Fundamentalisten oder Extremisten oder psychisch Kranke sind, auch wenn das auch eine Rolle spielt. Extremisten einer friedlichen Religion wären ja extrem friedlich und selbstlos, so wie man es beispielweise bei buddhistischen Mönchen oder Anhängern des Jainismus beobachten kann. Wenn Muslime Krieg führen im Namen Allahs, dann liegt das daran, dass der Islam in seinem Kern kriegerisch ist, da ihr Begründer Mohammed ein Warlord war, und seine gläubigen Anhänger diesen kriegerischen Kern und den Glauben, wie er im Koran vorgeschrieben wird, ausleben und wie der Religionsstifter mit dem Schwert verbreiten wollen. Wer an den Islam glaubt und dem Koran konservativ befolgt und sein Leben nach dem von Mohammed ausrichtet, für den sind die Unterdrückung der Frau, das Töten von Andersdenkenden und Märtyrertum moralisch richtige Handlungen. Wer den Koran selbst liest, wird feststellen, dass es extrem viele geistige Verrenkungen und Auslassungen nötigt sind, um den Koran auch nur ansatzweise friedlich zu interpretieren.


Muslime und Islam

Doch leben Muslime wirklich nach dem Text?

Natürlich leben nicht alle 1,6 Milliarden auf diesem Planeten zurzeit lebenden Muslime den Koran wörtlich aus. Auch viele islamische Traditionen wie die Vollverschleierungen lassen sich daher nicht direkt im Koran ableiten, sondern haben sich im Laufe der Zeit aus der Intepretation des Buches ergeben. Die meisten Muslime wollen, wie die meisten Menschen, wahrscheinlich nur friedliche und gute Leben führen, allerdings ist die Zahl der sogenannten moderaten Muslime, die meist westliche Moralvorstellungen angenommen haben, viel geringer, als man in den Medien oft suggeriert bekommt. Imame wie Riza Akdemir [16], die liberale und tolerante Ansichten vertreten, sind leider noch immer Einzelfälle[17]. Im Gegenteil hat sich durch das Internet, die steigende Alphabetisierungsrate und die Migration der letzen Jahre die Radikalisierung von Muslimen weiter verstärkt. Seitdem immer mehr Muslime den Koran selber lesen und sich mit anderen über das Interent darüber austauschen können, verschärfen sich die Probleme. Das kann man zum Beispiel an dem jüngsten Wandel der Türkei von einem säkularen Staat zu einen islamischen Staat unter Erdogan sehen, oder an der zunehmend Verbreitung von Salafismus. Des Weiteren haben sich zwar viele Muslime in Europa nach außen mit den westlichen Werten assimiliert, aber sie tragen oft weiterhin ihre durch den orthodoxen Islam bedingten Vorurteile und regressiven Denkweisen weiter, womit sie fruchtbaren Boden für Extremisten bilden. Des Weiteren verhindern sie oft dadurch, dass sie den Koran als heilig und unantastbar verteidigen, dass berechtigte Islamkritik geübt werden kann.

Folgt man aktuellen und repräsentativen Umfragen, befürworten weltweit 70% aller Muslime (das sind 1,29 Milliarden Menschen) [1], dass das Sharia-Gesetz in ihrem Land Staatsgesetz sein sollte. Das Sharia-Gesetz ist eine sehr textnahe Auslegung des Korans, die sich darüber hinaus an dem kriegerischen Leben Mohammeds orientiert, wie sie auch der IS auf seinen Gebieten umsetzt. Es sieht die Todesstrafe für Homosexualität, Apostasie und Atheismus vor, während es zugleich Mehrfachehen erlaubt und Männern gestattet sich an unverschleierten Frauen sexuell zu ‚bedienen‘. Sogar in säkularisierten Ländern wie Großbritannien, befürworten mehr als 50% aller der dort lebenden Muslime eine Kriminalisierung von Homosexualität und rund 40%, dass das Sharia-Gesetz wichtiger sein sollte als das nationale britische Gesetz. [2] Auch in Deutschland befürwort ein Großteil der muslimischen Bevölkerung das Sharia-Gesetz, und es gibt sogar mehrere Fälle, in denen deutsche Gerichte daher islamisches Recht für ihre Entscheidungen miteinbezogen. [12]  Immer wieder kommt es allerdings auch zu Ehrenmorden, die dann von den Tätern mit dem Sharia-Gesetz begründet werden;  [15] und Ex-Muslime müssen selbst in Europa um ihr Leben fürchten, da der Koran die Apostasie unter Todesstrafe stellt. [19] Allgemein stimmt die Hälfte aller deutschen Muslime, der Aussage „Das Befolgen der Vorschriften meiner Religion ist für mich wichtiger als Demokratie“ zu. Und 29,9% aller deutschen Muslime können sich “gut vorstellen, selbst für den Islam zu kämpfen” und dafür ihr “Leben zu riskieren”. [14] Vor allem unter jungen Muslimen, sind noch  radikalere Tendenzen immer wieder zu beobachten. So befürworteten 8% aller muslimischen Schüler in Niedersachsen bei einer Umfrage 2016, die Handlungen des Islamischen Staats (IS). [13] Die Entstehung einer islamischen und damit menschenrechteverachtenden Paralleljustiz ist damit ein reales Problem, welches mit dem Islam auftritt.

Dennoch hört man immer wieder, vor allem in den Medien, von linken Ideologen und von Menschen, die sich nicht näher mit dem Islam beschäftigt haben, dass der Islam doch eine Religion des Friedens sei. Schließlich hat der Islam seine Wurzeln bei Abraham, so wie Judentum und Christentum, und ist doch eine Religion, deren Namen sogar übersetzt Frieden bedeutet. Und überhaupt, was ein Mensch privat glaubt, ist doch in einer modernen, multikulturellen und säkularen Gesellschaft egal, schließlich schadet er damit niemanden und hat durch die Religionsfreiheit das Recht auf seinen Glauben.

Das wäre schön so, entspricht aber leider nicht der Realität und ist damit utopisches Wunschdenken. Wer nämlich versucht den Islam mit dem westlichen Verständnis der Religion zu beschreiben, der hat den Islam und Religion nicht verstanden. Wenn wir im Westen von Religionen sprechen, und in dem Zuge auch von religiöser Freiheit, meinen wir damit das Konzept eines ethischen und spirituellen Weltbildes, welches dem Individuum einen Sinn innerhalb der Schöpfung gibt. Diese moralischen Systeme mischen sich in einer säkularen und liberalen Gesellschaft optimalerweise nicht signifikant in die Politik und das gesellschaftliche Zusammenleben ein und können als Privatsache betrieben werden. Dieses Konzept beschreibt sehr gut die traditionellen westlichen Religionen wie Judentum und das reformierte Christentum und auch viele östliche Denktraditionen wie den Buddhismus. Auch der Islam bietet wie diese Religionen ein spirituelles und ein moralisches Fundament für das Leben, allerdings auch viel mehr als das.

Der Islam ist nicht nur eine Religion, sondern auch eine totalitäre und politische Ideologie, die ihre Koexistenz mit westlichen Ideen wie Feminismus, Menschenrechte, Demokratie, Liberalismus und Atheismus aktiv verneint. Der Koran gibt klar vor, wie Staat und Alltag aufgebaut sein müssen, etwas was man in keiner anderen größeren Religion in dieser Form findet. Der Islam ruft aktiv zu der Bekämpfung von Andersdenkenden auf; er hat einen starken Konservatismus eingebaut, der sogar Veränderungen am Arabischen nicht erlaubt, und versucht das Leben seiner Anhänger und aller anderen totalitär zu kontrollieren. Der Islam verspricht Muslimen, die im Kampf gegen Ungläubige sterben, das Paradies. [10] Der Islam schreibt dem gläubigen Moslem nicht nur seinen Glauben vor, sondern sein ganzes Leben, welches allein dem Gehorsam gegenüber Allah und dessen patriarchalisch-theokratischen Gesellschaftsbild ausgerichtet sein soll. Dies zeigt sich bereits daran, dass der Religionsstifter Mohammed selber ein alles andere als friedlicher Kriegsherr war, der den Islam dazu benutzte, seine Anhänger zu indoktrinieren. Mit dem Schwert verbreitete er seinen Glauben und eroberte weite Teile des heutigen Nahen Ostens, um so das erste Kalifat zu schaffen, welches als Vorbild für den heutigen IS und die Rechtsprechung in Staaten wie Iran und Saudi-Arabien dient. Dieser Personenkult, der Reinheitswahn und die gewaltsame Expansion erinnern dabei stark an den Nationalsozialismus. Allein an diesen Staaten, deren Bevölkerung und Rechtssprechung islamisch ist, kann man die potentielle Grausamkeit des Islams gut erkennen:

Im Iran wurden seit der islamischen Revolution 1979 über viertausend Menschen wegen Homosexualität hingerichtet [8], und auch im Sudan, Jemen, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten droht Homosexuellen die Todesstrafe. In Saudi-Arabien werden Menschen, die sich nicht zum salafistischen Islam bekennen wollen, exekutiert. Alle Frauen müssen in der Öffentlichkeit bodenlange Gewänder und Kopftücher tragen. Generell belegen ausschließlich Islamische Länder die untersten 25 Plätze des Global Gender Gap Reports. [9] Nirgendswo sonst werden Frauen, Homosexuelle und Freidenker so stark unterdrückt, wie in den islamisch geprägten Teilen unseres Planeten. Kritiker des Islams und jene, die den Islam verlassen, müssen weltweit um ihr Leben fürchten [23], wie zum Beispiel der indische Ex-Muslim und Schriftsteller Salman Rushdie, der seit dem Erscheinen seines Romans „Die Satanische Verse“ 1989 unter Polizeischutz steht. Zuletzt erhöhten 2012 der Iran das Kopfgeld, welches jener Muslim erhält, der Rushdie tötet, auf 3,3 Millionen Dollar. Der Roman ist dabei nichteinmal ein direkte kritische Schrift gegen den Islam, sondern erzählt die Geschichte eines indisch-muslimischen Immigranten in Großbritannien, die vom Leben des Propheten Mohammed inspiriert ist. [21] 2015 wurden elf Menschen in den Redaktionsräumen des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo von Islamisten dafür erschossen, dass die Redakteure in satirischen Karikaturen den Propheten Mohammed dargestellt hatten. [22] Eine Ideologie, die auf Kritik und Satire mit extremer Gewalt reagiert, ist nicht vereinbar mit dem freiheitlichen Gedanken des Westens Dinge zu hinterfragen und einander und andere Meinungen zu tolerieren. Anbetracht der Tatsache, dass der Islam aufgrund der hohen Geburtenraten unter Muslimen in wenigen Jahrzehnten die dominierende Religion auf der Welt sein wird, ist das eine beunruhigende Entwicklung. Auch, dass islamistische Regime wie der Iran dabei sind, Atombomben zu entwickeln, ist besorgniserregend, da diese im Gegensatz zu der atheistischen Sowjetunion sich nicht davon abschrecken lassen werden, dass der Einsatz von Nuklearwaffen zu ihrer eigenen Vernichtung führen könnte – Märtyrer und muslimische Kollateralschäden kommen schließlich ins Paradies.

Das gibt der Tatsache, dass vor allem liberale Linke den Islam in Europa verteidigen, einen zynischen Beigeschmack, da sie zu den ersten gehören würden, die in einem islamischen Regime einer Steinigung zum Opfer fallen würden. Mittlerweile werden daher die europäischen Linken für ihre Politik der politischen Korrektheit von liberalen Muslimen kritsiert.


Islam im Vergleich zu Christentum und Judentum

Gegen diese Kriegstreiberei und die Opression argumentieren viele, dass auch das Christentum für Kriege verantwortlich war, und die kriegerischen Seiten des Christentums durch die Aufklärung beseitigt werden konnten. Der Islam auch noch früher oder später sich reformieren wird und dazu nur Toleranz und Zeit braucht.

Diese Argumente sind allerdings an sich nicht valid, da ob andere Religionen friedlich sind oder nicht, keinen Einfluss darauf hat, wie man den Islam moralisch bewertet. Nur weil andere Religionen oder Ideologien auch schlechte Seiten haben, heißt das nicht, dass man den Islam nicht für seine eigenen Schattenseiten kritisieren kann. Die Schattenseiten anderer Religionen sind Thema einer anderen Debatte. Da diese Argumente dennoch immer wieder auftauchen, möchte ich hier trotzdem kurz darauf eingehen.

Es stimmt zwar, dass das Christentum im Laufe der Geschichte immer wieder für Kriege instrumentalisiert wurde und an sich selber keine komplett friedliche Religion ist. Zweifelsfrei wurden viele Grausamkeiten von den Christen im Namen ihres Glaubens begannen.

Doch im Gegensatz zum Islam, besitzt das Christentum in seinem Fundament bereits das Potential die friedliche Religion zu werden, die es heute weitestgehend, dank vieler Kritiker und Reformatoren, ist. Zuerst war das Christentum zu Beginn bereits säkular und wurde erst durch die römischen Kaiser und später die Päpste zeitweise politisch, bemüht sich aber allgemein die Profane und Geistige Welt zu trennen und lehnt Theokratien als unchristlich ab. Der Islam hingegen wurde bereits von Mohammed politisch und theokratisch konzipiert.

Weder im alten, noch im neuen Testament finden sich darüber hinaus, abgesehen von einigen Seiten in den fünf Büchern Mose, Aufforderungen jemanden zu töten. Diese Forderungen werden aber auch jeweils von Gesetzmäßigkeiten des Talmuds und der Nächstenliebe-Maxim des Neuen Testaments weitestgehend wieder überschrieben. Im Judentum wird nämlich durch den Talmud das kritische Denken höhergehalten, als der reine Glauben. (Was dazu beiträgt, dass die jüdische Kultur überdurchschnittlich viele brillante Wissenschaftler hervorgebracht hat. Im Gegensatz zum konservativen Islam, ist das Judentum in seinem Kern stärker liberal ausgerichtet und versucht auch nicht aktiv durch Gewalt zu missionieren, sondern macht es im Gegenteil Konvertiten besonders schwer ein Teil der Religionsgemeinschaft zu werden. ) Und Jesus‘ Forderungen der Nächstenliebe stehen im definitiven Kontrast zu jeder Form von Gewalt, vor allem zu Mohammeds Aufrufen zu Mord, Vergewaltigung, absoluten Gehorsam gegenüber ihm und Märtyrertum, welches bereits zu seinen Lebzeiten abertausend das Leben kostete und noch heute bis zu solchen abartigen Grausamkeiten wie den Anschlägen vom 11. September führt. Ganz abgesehen davon, dass sich Jesus bzw. das Neue Testament aus politischen Sachen nahezu raushält und nicht die totalitären Ansprüche des Islams stellt.

Natürlich haben auch Christentum und Judentum trotzdem ihre Schwächen und Nebenwirkungen, weshalb wir im Westen zum Glück es geschafft haben unsere Staaten weitestgehend (wenn auch nicht komplett) zu säkularisieren und den Glauben ins Private zu drängen, wo er möglichst wenig Schäden anrichten kann. Dadurch können auch Atheisten sich leichter zu ihrem rationalerem Weltbild bekennen, da sie nicht befürchten müssen, verfolgt zu werden.

Der Islam lässt sich jedoch aufgrund seiner kriegerischen und totalitären Fundamente nur sehr schwer säkularisieren und aufklären, und hat damit mehr mit den beiden toxischen Ideologien Nationalsozialismus und Kommunismus gemein als mit Christentum. Deswegen ist es umso wichtiger, dass wir den Islam kritisieren und dekonstruieren, und als das entlarven, was er wirklich ist, so wie es die Aufklärer und Reformatoren mit dem Christentum taten. Wenn wir aus Gründen der Toleranz und politischen Korrektheit über die Fehler des Islams schweigen, wird es auch keine Reformen geben.

Und natürlich sind nicht alle Moslems gewalttätige Dschihadisten, aber auch nicht alle Nazis haben in Konzentrationslagern gearbeitet. Trotzdem würde niemand eine Existenzberechtigung des Nationalsozialismus damit rechtfertigen, dass es auch moderate Nazis gab, die nur ihre Heimat und ihre Familien verteidigen wollten und zwar Hitler verehrten, aber das ja nur eine Privatsache ist. Selbst wenn viele Moslems nicht nach den gewalttätigen und primitiven Prinzipien des Korans leben, so tragen sie zum Erhalt dieser menschenverachtenden Religion bei. Die wenigsten Muslime sind sich ihrer Fehler bewusst, sie glauben lediglich das Richtige zu tun, allerdings ist dieses aus humanistischer und liberaler Sicht nicht akzeptabel und muss angesprochen werden.

Eine Gesellschaft, die zurecht Mein Kampf und Hakenkreuze zensiert, eine Gesellschaft, die zurecht die Taten Stalins, Hitlers und Maos verurteilt; diese Gesellschaft kann nicht im gleichen Zug den Koran und den Antisemitismus, den Aufruf zu Gewalt und den Hass tolerieren, den der Islam beinhaltet. Das wäre nicht nur heuchlerisch und inkonsequent. Eine Gesellschaft, die zulässt, dass das regressive und gefährliche Gedankengut des Islams nicht hinterfragt wird, wird langfristig genauso enden, wie die Weimarer Republik, die den Antisemitismus, Aufruf zur Gewalt und den Hass der Nationalsozialisten tolerierte. Daher ist es wichtig den Islam zu kritisieren, um innere Reformen anzuregen. Denn mit der zunehmenden Ausbreitung durch Migration nach Europa und der hohen Geburtenraten in islamischen Ländern, stellt der aktuelle Islam damit neben dem wachsenden Rechtspopulismus die größte Bedrohung für die Zukunft einer freien und humanistischen Welt im 21. Jahrhundert dar. Statt immer wieder mantrahaft zu wiederholen, dass jeder glauben darf, was er will, und dass der Islam eine friedliche Religion ist, sollten wir Anbetracht der Tatsachen eine ernsthafte Debatte über unseren Umgang mit dem Islam beginnen. Und dann stellt sich die Frage, ob wir islamische Kindergärten und Islamunterricht an unseren Schulen als liberale und aufgeklärte Menschen befürworten können, oder ob wir nicht eher in den Schulen Ethik und Philosophie lehren sollten.

Wir dürfen allerdings dabei auch nicht den Fehler zu begehen, in Angst oder Hass auf dem Islam oder dessen Anhänger zu verfallen oder uns  durch scharfe Polizeigesetze, Überwachung und Politische Korrektheit selbst zu versklaven. Das beste, was wir tun können, ist durch Kritik und Analyse sowie Diskurs, die moralischen Verfehlungen des Islams und seine rückständigen Denkweisen anzugreifen, sodass die liberalen und aufklärerischen Kräfte in den muslimischen Gesellschaften an Rückhalt gewinnen. Die Migration und Integration vieler Muslime in Europa ist damit eine Chance, eine Reformbewegung innerhalb des Islams auszulösen und so die liberale Auslegung des Islams, wie sie zurzeit von einer moderaten Minderheit der Muslime praktiziert wird, stärker zu verbreiten, wie es bereits teilweise in den USA gelingt, weil eben Kritik nicht zensiert wird. (Auch wenn weitere Migration das Problem nicht an der Wurzel lösen und viele Probleme mit sich bringen wird). [18] Ein Lichtblick für eine zukünftige Entstehung es weltweit akzeptierten liberalen, menschenfreundlichen und nicht-totalitären Islams sind neue Reformbewegungen wie die säkulare Ahmadiyya-Bewegung[24] [25] oder Reformer wie der ehmalige Muslimbruder Hamed Abdel-Samad [23], die den Mut haben, trotz der Lebensgefahr, den Islam zu kritisieren und so zu dessen Selbstaufklärung beizutragen. Der Islam mag zwar in seinem Kern kriegerisch sein, aber es bedeutet nicht, dass keine Möglichkeit besteht, dies zu ändern. Der erste Schritt zur Verbesserung ist aber immer die Anerkennung des Problems.

Und dafür muss Kritik geübt werden dürfen.

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Und hier noch eine Grafik, die das Problem von Toleranz gegenüber dem Islam sehr schön veranschaulicht: https://i.redditmedia.com/SZT187klyb00UNlabxpbFw8qLNMgchQ5mS2l-5I99eI.jpg?s=b57e3763ddc4cb1c30fac31a9707bf17

 

Wobei hierzu wichtig ist anzumerken, dass Popper nicht Zensur befürwortete, sondern damit die liberale Redefreiheit begründete. Solange wir uns trauen mit Argumenten und rationalen Debatten gegen Intoleranz und gefährliche Ideologien vorzugehen, und uns nicht selber mit Politischer Korrektheit zensieren, brauchen wir auch nicht mit Gewalt (und das wäre unter anderem Zensur) dagegen vorzugehen, vor allem weil diese sehr schnell eskalieren und auch die Falschen treffen kann.

Quellen:

Bildquelle Von Dying Regime from Maldives – Protest calling for Sharia in Maldives, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=38161912

: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:A_public_demonstration_calling_for_Sharia_Islamic_Law_in_Maldives_2014.jpg

Restliche Quellen:

[1] http://www.pewresearch.org/fact-tank/2017/08/09/muslims-and-islam-key-findings-in-the-u-s-and-around-the-world/ (abgerufen am 14.05.2018)

[2] https://www.theguardian.com/uk-news/2016/apr/11/british-muslims-strong-sense-of-belonging-poll-homosexuality-sharia-law (abgerufen am 14.05.2018)

[3] https://www.telegraph.co.uk/news/uknews/1510866/Poll-reveals-40pc-of-Muslims-want-sharia-law-in-UK.html (abgerufen am 14.05.2018)

[4] Die Bibel https://amzn.to/2ImWV84

[5] Der Koran https://amzn.to/2wCDFlH

[6] https://www.youtube.com/watch?v=DpkvNbQjjCM (abgerufen am 14.05.2018)

[7] http://www.spiegel.de/panorama/justiz/homosexualitaet-unter-strafe-iran-will-18-jaehrigen-trotz-falscher-vorwuerfe-hinrichten-a-710753.html (abgerufen am 14.05.2018)

[8] https://www.zeit.de/zeit-magazin/leben/2017-11/iran-homosexualitaet-fs (abgerufen am 14.05.2018)

[9]  http://www3.weforum.org/docs/WEF_GGGR_2017.pdf (abgerufen am 14.05.2018)

[10] https://www.thereligionofpeace.com/pages/quran/suicide-bombing.aspx (abgerufen am 15.05.2018)

[11] https://www.youtube.com/watch?v=LfKLV6rmLxE (abgerufen am 15.05.2018)

[12] https://www.welt.de/politik/deutschland/article13845521/Scharia-haelt-Einzug-in-deutsche-Gerichtssaele.html (abgerufen am 15.05.2018)

[13] https://www.crash-news.com/2018/01/11/islamisierung-in-deutschen-klassenzimmern-viele-muslimische-schueler-fordern-scharia/ (abgerufen am 15.05.2018)

[14] https://www.nzz.ch/feuilleton/zeitgeschehen/radikaler-islam-sympathisanten-des-terrors-ld.83821 (abgerufen am 15.05.2018)

[15] https://www.welt.de/vermischtes/article174477644/Laupheim-Vater-von-niedergestochener-17-Jaehriger-verweist-auf-Scharia.html (abgerufen am 15.05.2018)

[16] https://youtu.be/SSgdW_F9BiI (abgerufen am 15.05.2018)

[17] https://youtu.be/I0dRCzs1hvs?t=9m44s (abgerufen am 15.05.2018)

[18] https://www.youtube.com/watch?v=HrcwdQ5LeqU (abgerufen am 15.05.2018)

[19] https://www.youtube.com/watch?v=3-XXQV3mZlg (abgerufen am 15.05.2018]

[20] https://www.youtube.com/watch?v=wd8BhusSF7c (abgerufen am 15.05.2018]

[21] https://de.wikipedia.org/wiki/Salman_Rushdie (abgerufen am 15.05.2018)

[22] https://de.wikipedia.org/wiki/Anschlag_auf_Charlie_Hebdo (abgerufen am 15.05.2018)

[23] https://www.zeit.de/2017/40/islamkritik-reformen-liberal-bedrohung (abgerufen am 16.05.2018)

[24] https://de.wikipedia.org/wiki/Ahmadiyya (abgerufen am 16.05.2018)

[25] http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/wofuer-stehen-die-ahmadiyya-muslime-in-deutschland-15170663.html (abgerufen am 16.05.2018)

[26] https://www.deutschlandfunk.de/samuel-schirmbeck-liberale-muslime-weltweit-sind-von-linken.886.de.html?dram:article_id=429722