30. September 2023
Essay

Wahrheit und politische Ordnung

1.    Wahrheit als Grundlage politischer Ordnung

Welche Rolle spielt die Wahrheit in der Politik und insbesondere in der Demokratie? Der vorliegende Essay arbeitet Gedanken auf, die durch den Besuch des Seminars „Politisches Denken von der Antike bis zur Gegenwart“ bei Prof. Dr. Nida-Rümelin und insbesondere die Sitzung „Demokratie und Wahrheit“ am 25.07.2022, angestoßen wurden:

Auf den ersten Blick scheint eine epistokratische Struktur, eine Ausrichtung auf die Wahrheit essentiell für das langfristige Überleben einer jeden politischen Ordnung zu sein. Wenn politische Entscheidungen nicht auf der Basis eines Erkennens der wahren Umstände getroffen werden, sondern auf falschen Meinungen, Vorurteilen oder Täuschung, dann führen sie zwangsläufig zu ungewollten und destruktiven Konsequenzen. Nicht nur das, die Ausrichtung auf die Wahrheit ist die Grundlage für eine gerechte politische Ordnung.

Gute Politik muss auf Wissen und Verstehen der Wahrheit beruhen, nicht auf bloßer Meinung, da eine Politik, die auf Meinungen statt auf Wissen aufbaut, so stabil ist, wie ein Haus, das auf Treibsand steht. Bereits Platon unterscheidet in seiner Politeia zwischen dem begründeten Wissen epistêmê und der bloßen Meinung doxa. (vgl. Horn 2005, S.291) So wie der Philosoph bestrebt ist, sich von bloßen Meinungen freizumachen, und ein wahres Verständnis der Dinge und der Welt zu erarbeiten und damit eine Erkenntnis des Guten beziehungsweise der Idee des Guten; sollte eine gerechte und gute politische Ordnung auf der Erkenntnis des Guten und damit einem Verständnis der Wahrheit beruhen. Es geht laut Platon in der Politik nicht um eine relativistische Interessendurchsetzung mit Mitteln wie der Rhetorik (wie bei den Sophisten) oder der willkürlichen Gewalt (wie in der Tyrannis), sondern durch auf der Erkenntnis des objektiven Guten und damit objektiven Gerechten basierenden Tugenden geleitetes richtiges Handeln. Es soll die Vernunft herrschen und mit ihr die objektive Erkenntnis des Guten und Gerechten – nicht die subjektive Meinung, die subjektive Überzeugungskraft oder der subjektive Wille zur Macht – ein Projekt, welches später auch von den Denkern der Aufklärung auf ihrer Suche nach einer auf der aufgeklärten Vernunft basierenden Ordnung, wieder aufgegriffen wird und heute ein Teil des geistigen Fundaments für westliche politische Institutionen wie Menschrechte und den liberalen Republikanismus darstellt. Für Platon aber, ist nicht die Demokratie der ideale Staat der Erkenntnis – das Ideal, welches er in der Politeia skizziert, ist das eine strengen hierarchischen Epistokratie, in welcher die Philosophen herrschen, da nur sie als Liebende der Wahrheit in der Lage seien die Wahrheit, das Gute und die Idee des perfekten Staates zu erkennen und folglich zu realisieren:

„Wenn nicht […] die Philosphen Könige in den Staaten werden oder die Könige […] und Herrscher echte und tüchtige Philosophen und wenn nicht politische Macht und Philosophie in eins zusammenfallen […] dann gibt es […] kein Ende des Unheils für die Staaten, ja, ich glaube auch nicht für das ganze Menschengeschlecht […]“ (Platon, Politeia 572c – 573, übersetzt von Gernot Krapinger)

Platons ideale Vorstellung einer philosophischen Epistokratie wurde jedoch historisch scharf kritisiert – besonders wirkmächtig von Karl Popper in dessen Buch „Die Offene Gesellschaft und ihre Feinde“, in welchem er Platon als einen der Urväter des Totalitarismus darstellte. Popper Kritik richtet sich vor allem auf das philosophische Fundament des platonischen Denkens, in welchem er antiliberales Denken wie Klassizismus, Historizismus, Utopismus und Totalitarismus identifiziert. (vgl. Popper 1963, S.83ff) Dass totalitäre Diktatoren wie zum Beispiel Mussolini, der sich gern mit Philosophen wie Giovanni Gentile umgab und Platon las, sich selbst oft als Verwirklichungen von Platons Ideal verstanden, untermauert jedoch nicht zwangsläufig Poppers Kritik, zeigt aber, wie theoretisch am Guten ausgerichtete Ideen, mittels Rhetorik in der Praxis zur Rechtfertigung von Unrecht verdreht werden können.

Auf einer pragmatischen Ebene, ist es höchst fraglich ob eine totalitäre Herrschaft – selbst wenn sie von den besten Philosophen geführt werden würde – tatsächlich langfristig sich an der Idee des Guten und der Wahrheit orientieren kann. Es ist nämlich – außer der Ausbildung, die Platon für die Philosophenkönige vorsieht – kein Prozess oder Kontrollmechanismus sichtbar, der sicherstellt, dass sie tatsächlich ihr Handeln nach der Erkenntnis des Guten und der Gerechtigkeit ausrichten, und nicht in eine Tyrannis verfallen, ihre eigenen Interessen durchsetzend. Genauso gibt es keine Garantie, dass sie diese Gute tatsächlich erkennen und nicht eigenen subjektiven Meinungen verfallen, selbst als Liebhaber der Wahrheit – schließlich wähnen sich auch religiöse Fundamentalisten und Ideologen im Besitz der objektiven Wahrheit, während ihnen tendenziell nicht gerade Rationalität in einem platonischen oder aufgeklärten Sinne attestiert werden kann. In der Praxis bewahrheitet sich des Weiteren bei totaler Machtkonzentration die bekannte Beobachtung von Lord Acton:

„Power tends to corrupt and absolute power corrupts absolutely. Great men are almost always bad men, even when they exercise influence and not authority; still more when you superadd the tendency of the certainty of corruption by authority.” (Lord Acton Institute 2022)

Etwas, was auch von Platon in seiner Politeia vorweggenommen wird, da er selbst von der Notwendigkeit des Einsatzes von Mythen beziehungsweise „edlen Lügen“ durch die Philosophenkönige schreibt, um die Beherrschten zu lenken (vgl. Popper 1963, S.132) – etwas, was tatsächlich von Vordenkern des Faschismus wie Georg Sorel später aufgegriffen und von faschistischen Demagogen praktiziert wurde.

Politische Mythen – oder wie wir es heute nennen würden: propagandistische Narrative – haben jedoch die virale Eigenschaft, dass sie nicht nur das Erkenntnisvermögen der beherrschten Bevölkerung eintrüben, sondern in alle Richtungen die Köpfe infizieren. Wie giftige Schlangen durchdringen sie langfristig einen ganzen Staat, zerfressen die Vernunft und schlängeln sich um den Herrscher, bis sie ihn zu Fall bringen.

So sieht man gerade, dass insbesondere autoritäre Regime letztendlich in der Regel an der Unterdrückung der Wahrheit zugrunde gehen. Irgendwann glauben nämlich die Propagandisten des Regimes ihre eigene Propaganda – und mit ihnen bald die Bürokraten und spätestens in zweiter oder dritter Generation dann auch die Entscheidungsträger. Die Folge sind realitätsfremde Entscheidungen und größenwahnsinnige Pläne, die beim empirischen Kontakt mit der Außenwelt auseinanderbrechen. Ein Beispiel unserer Tage für solch einen autoritären Wahrheitsverlust ist die zurzeit nach sieben Monaten zerbröselnde russische Invasion der Ukraine, die die Russische Föderation am 24. Februar 2022 in der proklamierten Überzeugung begann, die von der eigenen Propaganda glorifizierten Streitkräfte würden Kiew in wenigen Tagen einnehmen (vgl. Epstein & Davis 2022) – mittlerweile sind über zweihundert Tage vergangenen, und die Niederlagen der russischen Streitkräfte zwangen die russische Führung zum Ausruf einer (Teil-)Mobilisierung. Die Wahrheit über den tatsächlichen desolaten Zustand der russischen Streitkräfte und die Hilfsbereitschaft des Westens wurde verschleiert durch die Schattenbilder der Propaganda, mit denen die Russen sich selbst täuschten.

An Aktualität haben diese Unterscheidung zwischen Meinung und Wissen und die Frage wie man eine Politische Ordnung auf epistêmê aufbauen kann, also nichts eingebüßt; im Gegenteil, sie nimmt wieder an Aktualität zu. Jedoch ist das Verhältnis zwischen Wahrheit, rationaler politischer Ordnung und Demokratie ein sehr komplexes.

Sowohl Platons Hoffnung darauf, dass die Herrscher zu Philosophen würden, noch das Versprechen von Hobbes, dass “mit der uneingeschränkten Konzentration aller Gewaltmittel in einer Hand der zivile Frieden gesichert werden könne” (vgl. Nida-Rümelin 2020, S.83) bleiben unerfüllt. “Die Realisierung der natürlichen Gesetze durch staatliche Vernunft in Gestalt weiser Gesetzesentscheidungen des Souveräns ist die seltene Ausnahme geblieben. Ohne Kontrolle staatlicher Gewalt durch die Bürgerschaft gibt es keine stabile zivile Ordnung.” (Nida-Rümelin 2020, S.83) Nur in demokratisch strukturierten Republiken scheint eine Orientierung an der Wahrheit durch kollektive Rationalität halbwegs zu funktionieren, wobei kollektive Rationalität gegeben ist, “[…]wenn die kollektiven Entscheidungen die individuellen Präferenzen der Mitglieder des Kollektivs in angemessener Weise repräsentieren [und] […] die kollektiven Entscheidungen in sich stimmig (oder kohärent) sind.” (vgl. Nida-Rümelin 2020, S.83) Doch auch in demokratisch verfassten politischen Systemen, ist die Sicherung der kollektiven Rationalität kein einfacher und immer funktionierender Prozess – nicht nur das, die Orientierung an der Wahrheit scheint insbesondere in den vergangenen zwei Jahrzehnten immer schwieriger geworden zu sein.

 

2.    Demokratien, kollektive Rationalität und Truth Decay

In den westlichen Gesellschaften etablierte sich zunehmend im Zuge der Aufklärung die Überzeugung, eine rationale Ordnung nur auf eine kontraktualistisch legitimierten republikanischem und demokratischen Basis errichten zu können, in welcher die Wahrheit durch Konsens gesucht wird. „Alle Herrschaft legitimiert sich dadurch, dass sie gegenüber jedem einzelnen Individuum als rationalem Akteur gerechtfertigt werden kann. Demokratische Herrschaft ist eine selbst auferlegte, und sie ist nur dann legitim, wenn sie mit der individuellen Autonomie der Bürgerinnen und Bürger verträglich ist. Demokratie beruht im Kern also nicht auf einer Abstimmungsregel, sondern auf einem Konsens höherer Ordnung[…]“ (Nida-Rümelin 2020, S.16) Die insbesondere von John Locke und Montesquieu vorgeschlagene Gewaltenteilung, die erstmals im System der Check-and-Balances in den USA verwirklicht wurde, soll zusätzliche Machtkonzentration und damit ihre korrumpierenden Effekte verhindern; während die demokratischen Elemente das System legitimieren, rational auf dem Eigeninteresse der Individuuen fußen und die Souveränität des Volkes sicherstellen. Von Annahmen wie dem Condorcet-Jury-Theorem ausgehend, welches zumindest bei binären Entscheidungen demokratischen Abstimmungen eine höhere Qualität postuliert als Einzelentscheidungen, erhoffte man sich auch beim letzten Mittel der Abstimmung eine gewisse kollektive Rationalität. Auf einer lokalen Ebene und mit limitierten Teilnehmern und Alternativen funktionieren direktdemokratische Verfahren auch tendenzieller besser, wie z.B. Volksentscheide zeigen. „Je lokaler und lebensnaher die Problemstellung ist, desto wahrscheinlicher sind sachgerechte Entscheidungen. Je abstrakter und komplexer eine Problemstellung ist, desto weniger lässt sich durch Volksentscheide klären.“ (Nida-Rümelin 2020, S.104) Ergo führen demokratische Prozesse in großen, komplexen Nationalstaaten und internationalen Organisationen nicht unbedingt zu einer klaren kollektiven Rationalität, geschweige denn einer Orientierung an der Wahrheit oder zu rationalen Entscheidungen, wie auch das Problem des Condorcet-Paradoxons und das Arrow-Theorem aufzeigen.

„Ein Mehr an Demokratie – im Sinne einer Einbeziehung einer größeren Anzahl von Entscheidenden und einer größeren Alternativenmenge – hat mit zunehmender Wahrscheinlichkeit eine kollektive Entscheidungsunfähigkeit zur Folge, da zyklische Präferenzen entweder eine willkürliche Auflösung zugunsten der einen oder anderen Alternative erfordern oder aber die Realisierung zyklischer Präferenzen die jeweils schon getroffene Entscheidung wieder aufhebt.“ (Nida-Rümelin 2020, S.87)

Das Condorcet-Paradoxon und Arrow-Theorem zeigen aber damit auch auf, „dass kollektive Rationalität und a fortiori Demokratie logisch unmöglich sind.“ (vgl. Nida-Rümelin 2020, S.92) Ergo, ein mehr an direkter Demokratie führt nicht unbedingt zu einem Konsens über die Wahrheit und rationalen Entscheidungen, sondern zu mehr Chaos und Entscheidungsunfähigkeit – insbesondere, wenn die Themen komplexer und abstrakter werden, wie es in einer globalisierten Welt der Fall ist. Eine gut funktionierende Demokratie ist also nicht unbedingt eine, die maximal demokratisch ist – wie die sogenannte Basis- oder direkte Demokratie – sondern eine, die demokratische Elemente auf den Ebenen und in dem Maße einsetzt, wie es der Legitimierung und kollektiven Rationalität zuträglich ist. Dabei spielt die Öffentlichkeit eine zentrale Rolle: „Ein essenzieller Bestandteil jeder Demokratie ist der öffentliche Vernunftgebrauch, die Deliberation als Methode demokratischer Entscheidungsfindung […]. Diese ist realistisch zu interpretieren, das heißt, wir versuchen in der Praxis des Gebens und Nehmens von Gründen herauszufinden, was gut ist, was unser politisches Handeln leiten sollte.“ (Nida-Rümelin 2020, S.18) An der Stelle des Philosophenkönigs, stehen also die Bürger als Suchende der Erkenntnis des Guten in der Demokratie, jedoch hat der demokratische Diskurs die Eigenschaft, dass bei ihm sozusagen zu viele Köche den Brei verderben, also mehr und direktere Demokratie die Bürgerschaft als ganzes nicht unbedingt rationaler handeln lässt.

„Diese Erkenntnis ist in Zeiten der digitalen Transformation von großer Bedeutung. Während es früher eine Vielzahl praktischer Hindernisse gab, um intensive Formen direkter Demokratie zu praktizieren, lassen sich heute Softwaresysteme einsetzen, die diese Hindernisse überwinden.“ (Nida-Rümelin 2020, S.92) Doch nicht nur das: Demokratien werden hochgradig von der Deliberation in der öffentlichen Sphäre, ergo der Öffentlichen Meinung gelenkt, und diese wurde in der vergangenen zwei Jahrzehnten durch das Internet hochgradig demokratisiert. Während früher Gate-Keeper-Effekte in Form von limitiertem Zugang zur Produktions- und Vervielfältigungstechniken dafür sorgten, dass die öffentliche Meinung und ihre Deliberation vor allem von geschulten Personen wie Journalisten durch Zeitschriften oder Fachexperten durch Buchpublikationen geformt wurde, haben Internet und insbesondere Social Media diese Schranken beseitigt. Während des 20. Jahrhunderts musste ein Artikel in den meisten demokratischen Staaten vor seiner Veröffentlichung in einer Zeitung eine redaktionelle Prüfung durchlaufen – die sich optimalerweise an dem der wissenschaftlichen Methodik verpflichteten Standards des objektiven Journalismus orientierte, wie sie in den USA bereits in den 1830er Jahren etabliert und in den 1920er formalisiert wurden (vgl. American Press Institute 2022). Heute kann jede Person mit einem Internetzugang die eigene Meinung ohne redaktionelle Prüfung auf privaten Blogs oder in sozialen Netzwerken verbreiten. Versuchten die medialen Institutionen in Demokratien der letzten zwei Jahrhunderte zumindest sich an Objektivität und damit Wahrheit zu orientieren, so wird das Internet heute mit Meinungen und subjektiven Gefühlsausbrüchen quasi überflutet. Mehr Köche als je zuvor kochen am Brei der öffentlichen Meinung mit, und das Ergebnis ist der Demokratie nicht unbedingt bekömmlich. Entgegen der Hoffnungen der libertären Cypherpunks der 1990er Jahre, hat die Demokratisierung der Öffentlichen Sphäre durch den freien Fluss von Informationen und Meinungen und der Befreiung von institutioneller Kontrolle und von elitären Agenda-Setting, nicht zu einer Welle der Aufklärung geführt. Im Gegenteil: „[Es] sind gegenläufige Tendenzen zu beobachten: zum einen eine Repolitisierung durch erleichterte Informationsgewinnung und eine Intensivierung medialer Debatten. Die öffentliche Meinungsbildung ist inklusiver geworden, die Partizipationschancen haben zugenommen. Zum anderen parzelliert die Öffentlichkeit zunehmend […] Seriöse Medien verlieren an Einfluss.“ (Nida-Rümelin 2020, S.12)

Seit einigen Jahren erleben wir in den westlichen Demokratien zunehmend etwas, was von Forschern des amerikanischen ThinkTanks RAND Corporation als „Truth Decay“ beschrieben wird. Truth Decay wird dabei definiert „as a set of four interrelated trends: 1. an increasing disagreement about facts and analytical interpretations of facts and data; 2. a blurring of the line between opinion and fact; 3. an increase in the relative volume, and resulting influence, of opinion and personal experience over fact; [and] 4. lowered trust in formerly respected sources of factual information.“ (vgl. Kavanagh & Rich 2018, S.10) Oder mit anderen Worten: In den westlichen Demokratien erlebt die doxa seit zwei Jahrzehnten einen immer erfolgreicheren Siegeszug über die epistêmê. Nicht Deliberation und kollektiver Vernunftgebrauch zur Suche der guten, wahren Entscheidung dominieren die demokratischen Öffentlichkeiten mittlerweile, sondern zunehmend die Durchsetzung der eigenen Meinungen. Wie konnte es soweit kommen?

Die RAND-Forscher identifizieren in ihrer Analyse vier zusammen- und wechselwirkende Ursachen: Einmal auf einer kognitiven Ebene die psychologischen Mechanismen, die zur Vorurteilen und selektiver Informationsbewertung beitragen; die Veränderungen in den Informationssystemen, vor allem also die Digitalisierung und Demokratisierung durch Soziale Medien; die Defizite des Bildungssystems, dessen Lehrpläne vor allem darauf ausgerichtet sind Wissen zu vermitteln, statt zu lehren in unserer heutigen Welt des Informations- und Wissensüberflusses richtig mit Informationen umzugehen; sowie politische Polarisierung. Diese Ursachen und die daraus hervorgehenden Trends und Destabilisierungen des öffentlichen Vertrauens in Institutionen führen zu einem sich selbst verstärkenden System des Truth Decays. (vgl. Kavanagh & Rich 2018, S.186) Des Weiteren identifizieren die Forscher ähnliche (wenn auch nicht identische) Phasen von Truth Decay in der Vergangenheit der amerikanischen Staaten wie die 1880er, 1920er und 1960er Jahre, die jeweils ausgelöst wurden durch die technologische Disruption und Demokratisierungsschübe der medialen Systeme (jeweils durch die großflächige Einführungen von: Yellow Press Tageszeitungen, Radio und Fernsehsendern), sozialen und politischen Spannungen und einer damit einhergehenden neuen Flut an Meinungen. (vgl. Kavanagh & Rich 2018, S.41) Die Reorientierung an Fakten statt an Meinung erfolgt erst nach mehreren Jahren, in welchem die Gesellschaften anscheinend lernten, mit der neuen Flut an Meinungen umzugehen.

All diese empirischen Analysen sind äußerst hilfreich, wenn man verstehen will, was unsere Demokratien aktuell plagt und sie bringen Hoffnung, dass die aktuelle turbulente Phase im Umgang mit der Wahrheit nur vorrübergehend ist und das gesellschaftliche Pendel wieder zu etwas mehr kollektiver Rationalität zurückschwingt. Doch sie dringen nicht zu dem Kern der Sache vor, der epistemischen Struktur von politischen Systemen, die an der Wurzel des Spannungsverhältnisses zwischen Poltik und Wahrheit sitzt und letztendlich auch die politische Stabilität determiniert. Um diese zu verstehen, müssen wir wieder zurück zu Platon.

 

3.    Wir leben alle in Platons Höhle

Im siebten Buch der Politeia lässt Platon durch Sokrates sein berühmtes Höhlengleichnis formulieren: „Stelle dir Menschen vor, etwa in einer unterirdischen, höhlenartigen Behausung mit einem Ausgang, der sich über die ganze Breite der Höhle zum Tageslicht hin öffnet; in dieser Höhle sind sie von Kindheit an, gefesselt an Schenkeln und Nacken, so dass sie an Ort und Stelle bleiben müssen und nur geradeaus schauen können; den Kopf können sie wegen der Fesseln nicht herumdrehen; Licht erhalten sie durch ein Feuer, das hinter ihnen weit oben in der Ferne brennt; zwischen diesem Feuer und den Gefesselten führt oben ein Weg; an ihm entlang stelle dir einen niedrigen Maueraufbau vor, ähnlich wie Schranken, die bei den Gauklern vor den Zuschauern errichtet werden, über die hinweg sie ihre Kunststücke zeigen. […] Stelle dir nun längs dieser Mauer Menschen vor, die allerlei Geräte vorbeitragen, die über diese Mauer hinausragen […] wobei die Vorbeitragenden […] teils reden, teils schweigen. […]“ (Platon, Politeia 514a – 515a, übersetzt von Gernot Krapinger) Die Menschen in dieser Höhle halten notwendigerweise die Schatten an der Höhlenwand für die Wirklichkeit, diskutieren und interpretieren sie entsprechend. Selbst wenn eine Person sich aus ihren Fesseln befreien würde, aus der Höhle klettern und die wahre Welt mit ihrem Tageslicht erblicken würde, würde sie eine Zeit brauchen, bis nicht mehr von der Sonne geblendet wäre und sie akzeptieren würde, dass ihr ganzes bisheriges Leben nichts als die Beschäftigung mit Schein, mit Schattenbildern, und nicht der wahren Welt war. Doch würde diese Person nun wieder hinabsteigen in die dunkle Höhle, würde sie sich – da ihre Augen nun an das Licht gewöhnt sind – nicht mehr so leicht zurechtfinden, und wenn sie versuchen würde, den in der Höhle zurückgebliebenen Menschen von der wahren Welt draußen zu erzählen, so würde sie „zum Gespött werden“. (vgl. ebd. 517a)

Dieses Gleichnis skizziert das epistemische Problem, das auch der Politik zugrunde liegt. Die Welt außerhalb der Höhle sind in diesem Gleichnis die Erkenntnis der Wahrheit, des Guten und Gerechten, nach denen die Philosophen nach Platon suchen – doch die Vermittlung dieser Erkenntnisse an jene, die metaphorisch in der Höhle leben ist fast unmöglich. Die Unmündigkeit des Menschen rührt darin, dass wir die Wahrheit nicht unmittelbar erkennen können, sodass wir häufiger über unsere Interpretationen der Schattenbilder als die Wahrheit diskutieren. Die phänomenologische Welt um uns herum ist nur Schein, eine nicht-vorurteilfreie Konstruktion unseres Gehirns der Außenwelt, die nicht identisch ist mit der Außenwelt an sich. Es ist schwierig zu unterscheiden, was Schein und was wirklich Sein ist und den Dingen auf den Grund zu gehen – weshalb Platon auch fordert, dass Philosophen Herrscher werden müssen, da nur sie über die Wahrheitsliebe verfügen, um sich zur Wahrheit und damit für ihn der Idee des Guten vorzuarbeiten und dann Politik auf ihrer Grundlage zu machen, statt auf falschen Schattenbildern.

Dieses epistemische Problem ist ein fundamentaler Zug des menschlichen Daseins. Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt schnell, dass es sich wie ein roter Faden durch die Menschheitsgeschichte zieht: „Im Nachhinein müssen wir von einer höheren Einsicht aus bemerken, dass die Welt, wie die Menschen sie hätten erkennen müssen, und die Welt, wie sie sie tatsächlich sahen, oft einander völlig wiedersprechen. Wir können auch feststellen, dass sie während sie in einer Welt ihrer Vorstellung regierten und kämpften, handelten und reformierten, unversehens auch in der realen Welt Ergebnisse erzielten – oder auch nicht. Sie segelten nach Indien und entdeckten Amerika. Sie stellten Böses fest und hängten alte Frauen dafür auf. Ein Kalif, der glaubte, den Willen Allahs zu erfüllen, verbrannte die Bibliothek von Alexandria.“ (Lippmann 2018, S.56) Ganz zu schweigen davon, dass Menschen über Jahrhunderte glaubten, auf einer Scheibe zu leben, um die die Sonne kreist.

Das Problem eine politische Ordnung auf Wahrheit aufzubauen, hat seine Wurzeln in dieser menschlichen Unfähigkeit die Wahrheit direkt zu erblicken, und darauf beschränkt zu sein sie mit unseren Sinnen und wissenschaftlichen Methoden zu approximieren, wobei wir oft mit Daten aus dritter Hand arbeiten müssen.

Auch unsere politische Realität erleben wir hochgradig indirekt. Schon als die Bürger Athens sich auf der Agora trafen, konnte sie über viele politisch relevanten Sachverhalte nur Mutmaßung anstellen – wie viele Kämpfer umfasst eine feindliche Streitmacht tatsächlich? Geht es in einer mehrere Tage Schiffsreise entfernten Kolonie noch mit rechten Dingen zu oder wütet dort tatsächlich eine Seuche? Doch in der noch überschaubaren Polis, in der die meisten Entscheidungen sehr nahe Angelegenheiten betrafen, konnten die Bürger meist noch fundiert argumentieren.

In den Millionen von Menschen umfassenden Nationalstaaten und der nun fast acht Milliarden Menschen vernetzenden globalen Weltwirtschaft ist es deutlich schwieriger, sich von der Wahrheit bei allen relevanten Themen ein Bild zu machen. In den modernen Massengesellschaften spitzt sich das epistemische Problem zu – Platons Höhle wird größer und verzweigter.

 

4.    Die medialen Höhlen der Massengesellschaften

„Die Welt, mit der wir es in politischer Hinsicht zu tun haben, liegt außer Reichweit, außer Sicht, außerhalb unseres Geistes. Man muss sie erst erforschen, schildern und sich vorstellen. Der Mensch ist kein aristotelischer Gott, der die gesamte Existenz mit einem Blick umfasst.“ (Lippmann 2018, S.75), schreibt der Intellektuelle Walter Lippmann in seinem 1929 erschienen Buch „Die Öffentliche Meinung“, in welchem er die Entstehung der öffentlichen Meinung in Demokratien von ihrer epistemischen und psychologischen Ebene ausgehend analysiert. Laut Lippmann ist das epistemische Problem des unmittelbaren Zuganges zur Wahrheit in Massengesellschaften nochmal größer und komplexer. Alle Bürger leben politisch in einer vor allem medial konstruierten Pseudowelt. Wichtige politische Tatsachen – wie zum Beispiel, dass gerade ein Krieg ausgebrochen ist, oder die Arbeitslosigkeit gerade 2% oder 6% oder 7% beträgt, oder dass es einen diplomatischen Zwischenfall gab, oder sich eine Pandemie gerade über unseren Planeten ausbreitet – erleben die Menschen nicht direkt. Sie haben auch keine andere Möglichkeit, als die Schattenbilder in den Medien zu analysieren, schließlich können sie nicht selbst an jede Front, in jedes Parlament, in jedes Labor hineinblicken. Die Bürger als auch die Entscheidungsträger in der Politik müssen sich weitestgehend auf Informationen aus zweiter oder dritter Hand verlassen, also vor allem auf das, was sie in den Medien über die Welt erfahren, und eventuell noch das, was sie als Politiker aus Geheimdienstberichten erfahren. Wie Menschen dabei die Nachrichten verarbeiten, die ihnen anderen – vor allem Journalisten – angeblich von außerhalb der Höhle der eigenen Alltagserfahrung bringen, hängt von vielen unterschiedlichen Faktoren ab. Von kognitiven und formalen Faktoren wie der Klarheit der Nachricht, von der Reputation der Quellen, von individuellen Stereotypen und Vorurteilen etc.. Des Weiteren ist insbesondere relevant, wie das mediale System strukturiert ist – also wie sehr es überhaupt darauf abzielt, die Wahrheit zu vermitteln. In jedem Mediensystem gibt es Interessen, Interessenskonflikte, ideologischen Vorurteile etc., also Meinungen, die das vermittelte Wissen zensieren oder beeinflussen können, jedoch gibt es signifikante Unterschied in deren Ausmaß. In entwickelten Demokratien mit starken Ziviligesellschaften, richten sich die Mediensysteme, gestützt von unparteiischen Institutionen wie Presseräten und freien investigativen Journalisten, optimalerweise nach einem Ideal des objektiven Journalismus aus. Das Vermitteln von Wissen ist das primäre Ziel. In autoritären Systemen hingegen, wie zum Beispiel der Volksrepublik China oder der Russischen Föderation, ist das Mediensystem den jeweiligen Propagandaapparaten der Regime untergeordnet, deren Ziel nicht die Vermittlung von Wahrheit für eine effektive Deliberation ist, sondern die Verbreitung derjenigen Meinungen, die die Interessen des Regimes stützen.

Welche ordnungspolitischen Rahmenbedingungen also für das Informations- bzw. Mediensystem herrschen, sind letztendlich damit bestimmend, ob ein politisches System auf Wahrheit oder Meinung basiert. Autoritäre Systeme können von oben herab weitestgehend regulieren, was kollektiv in ihren Gesellschaften als Wahrheit akzeptiert wird. Dies mag zwar Entscheidungschaos und eine Zeit lang Polarisierung unterdrücken, beruht aber nicht auf einer aufgeklärten Führung aus der Höhle heraus. Den Propagandaabteilungen geht es darum, die Schattenbilder im Sinne der Interessen der Mächtigen zu fabrizieren und zu gestalten, die Fesseln in der Höhle noch enger zu ziehen und minutiös die Schatten an den Welten zu lenken – wobei sie aber auch die für die kollektive Erkenntnis der Wahrheit so wichtige Deliberation, wenn nicht gleich ganz jede Form von Diskurs, unterdrücken.

In liberalen Demokratien fließen die Informationen und mit ihnen die Meinungen dank Presse- und Meinungsfreiheit hingegen frei.  Das hat Nachteile, die bereits in den vorherigen Abschnitten erläutert wurden: Immer mehr Stimmen und Optionen erschweren die Bildung eines kollektiven Konsens, verursachen Chaos und können die Orientierung an Fakten und Wahrheit in einem See an Meinungen ertränken.

Diese geringe Stabilität der öffentlichen Meinung und der fehlenden Klarheit darüber, was den tatsächlich die Wahrheit ist, in den demokratischen Systemen, ist jedoch kein Fehler, es ist ein essentieller Bestandteil der epistemischen Struktur in Demokratien. In einer demokratischen, liberalen Gesellschaft befindet sich die Öffentlichkeit in einem konstanten sokratischen Dialog, in einer endlosen Deliberation. Dieses  Argumentieren und Debattierens, der Einsatz von Vernunft, der Wettstreit der Ideen und Erkenntnisse, der Wettstreit darum, wer die besten Erklärungen für die Schatten liefert, sind zentral, denn sie stellen die epistemische und epistokratische Struktur der Demokratie dar. Das ist was demokratische republikanische Systeme unter anderem ausmacht – nicht, dass über die richtige Wahrheit abgestimmt wird, sondern, dass über die Wahrheit debattiert und ein Konsens über was wahr und richtig ist gesucht wird, auf dem Entscheidungen basieren.

Das ist der große Vorteil von Demokratien gegenüber Diktaturen: Defizite, Probleme, Irrtümer und Unmut werden frei diskutiert, nicht unterdrückt, sodass Krisen und Problem identifiziert und gelöst werden können.

Welche verehrenden Folgen das Unterdrücken öffentlicher Meinung haben kann, konnte die Welt Anfang 2020 erleben, als die chinesische Regierung brutal die ersten Berichte von Ärzten in Wuhan über den Ausbruch des damals noch unbekannten Coronavirus SARS-CoV-2 zuerst zensierte und später herunterspielte. Die Unterdrückung der Informationen über diesen Ausbruch in den ersten Wochen, verhinderte eine schnelle Deliberation und Reaktion der restlichen Welt durch z.B. Einreisebeschränkungen, die einen pandemischen Zustand, wenn schon nicht gänzlich verhindert, so zumindest verzögert hätten, sodass mehr Vorbereitungszeit für Forschung und Schutzmaßnahmen bestanden hätte, was unzählige Menschen vor gesundheitlichen Schäden und Tod bewahrt hätte. Die Priorität der Informationssysteme in der Volksrepublik China ist es jedoch nicht, die Wahrheit zu verbreiten und Menschen aufzuklären, sondern das Regime in einem möglichst guten Licht darzustellen – und so wurde die Darstellung einer nicht gegebenen kompetenten Kontrolle über die Lage wichtiger, als tatsächliche Aufklärung und Krisenprävention. (vgl. Zhong et al. 2021)

Meinungsfreiheit, Freiheit Kritik anzubringen, und die Möglichkeit, die Wahrheit durchzusetzen, sind damit essentiell, damit die eine politische Ordnung sich durch Deliberation und Diskurs an der Wahrheit ausrichten kann. Realisiert können diese Grundbedingungen an individueller Freiheit nur in der liberalen Demokratie. Wobei wichtig ist im Blick zu behalten, dass sie nicht kongruent sind mit der radikal libertären Freiheit zu sagen, was man will. Damit die Konsensbildung, Deliberation und Dezision in einer Demokratie funktionieren kann, braucht es, wie bei jeder Diskussion, gewisse implizite und auch explizite Regeln, die die Rahmenbedingungen schaffen, die einen funktionierenden Diskurs und einer genuinen Deliberation über die Wahrheit überhaupt möglich machen. Dazu gehören Normen und Gesetze, die Medien dazu anleiten, sich an den Standards objektiven Journalismus zu orientieren; dazu gehört die Norm eines politischen Anstandes, keine Unwahrheiten über Kontrahenten zu verbreiten; dazu gehört eine Minimal-Leitkultur liberaler Werte wie Respekt und Toleranz gegenüber Andersdenken, aber auch die Ablehnung von irreführender Propaganda und der Verbreitung von antiliberalen, intoleranten und destruktiven Äußerungen wie zum Beispiel Volksverhetzung, Holocaust-Leugnung oder Misogynie. Auch wenn es ein wesentliches Merkmal liberaler Demokratien die Toleranz ist, so dürfen sie nicht dem Paradox der Toleranz unterliegen und tolerant gegenüber Intoleranz werden. Wie Karl Popper schreibt: „Unlimited tolerance must lead to the disappearance of tolerance. If we extend unlimited tolerance even to those who are intolerant, if we are not prepared to defend a tolerant society against the onslaught of the intolerant, then the tolerant will be destroyed, and tolerance with them. […] We should therefore claim, in the name of tolerance, the right not to tolerate the intolerant. We should claim that any movement preaching intolerance places itself outside the law and we should consider incitement to intolerance and persecution as criminal, in the same way as we should consider incitement to murder, or to kidnapping, or to the revival of the slave trade, as criminal.” (Popper 1963, S.581)

5.    Realisierung epistokratischer Strukturen in Demokratien

Damit Demokratien sich auf gut aufgeklärten und mündigen Bürgern und somit auf der Wahrheit stützen können, und damit die epistokratische Ausrichtung der Deliberation erhalten bleibt, müssen zwei wesentliche Bedingungen gegeben sein:

1) es muss ein kultureller und ordnungspolitischer Rahmen vorliegen, der eine an der Wahrheit orientierte Deliberation sicherstellt, ergo eine Leitkultur der Press- und Meinungsfreiheit, Toleranz, Wahrheitsliebe, des Anstandes und der Intoleranz gegenüber Intoleranz. Oder wie Nida-Rümelin zur Deliberation schreibt: “Eine wesentliche (kulturelle) Bedingung einer vitalen Demokratie ist der öffentliche Diskurs als eine permanente Begleitung und Kontrolle der Gesetzgebung und des Regierungshandels. Dies setzt von Seiten der Politik der Politik ein hohes Maß an Transparenz und die Bereitschaft der öffentlichen Begründung voraus, von Seiten der Medien, dass sie die entsprechenden Plattformen des Meinungsaustausches zur Verfügung stellen und sich in ihrer Kommentierung nicht instrumentalisieren lassen, und von Seiten der Bürgerschaft, dass sie sich für diesen öffentlichen Meinungsaustausch interessiert und sich an ihm beteiligt.“ (Nida-Rümelin 2020, S.209)

2) die Informations- bzw. Mediensysteme müssen epistokratisch strukturiert sein, in dem Sinne, dass das Streben nach Objektivität Vorrang hat vor der bloßen subjektiven Meinungsäußerung. Seriöse Quellen, bestätigte Tatsachen und die Einschätzungen von fachkundigen Experten müssen die breite Bevölkerung und die entscheidenden Politiker besser erreichen, als bloße Meinungen. Dies ist nicht nur eine kulturelle Bedingung, sondern auch eine technologische, institutionelle und juristische, da die Orientierung an der Wahrheit nur über das Zusammenwirken auf allen Ebenen des Systems sichergestellt werden kann.

Wie lassen sich diese Bedingungen praktisch realisieren und das Problem der schwindenden Orientierung an der Wahrheit in Demokratien lösen?  Es besteht Grund zur Annahme, dass es bereits gelöst ist – oder zumindest eine Zeit lang halbwegs gelöst war, bevor es in den vergangenen Jahren zurückkehrte. „Die Praxis der Demokratie ist ihrer Theorie vorausgeeilt“, schreibt der us-amerikanische Politikberater und Journalist 1929 in seinem Buch „Die Öffentliche Meinung“ im Kapitel über die “Informationsarbeit” in der Demokratie. Er beschreibt, dass bereits zu seiner Zeit als Reaktion auf steigende Komplexität der politischen Welt, wichtige Staatselemente in funktionierenden Demokratien durch Institutionen geregelt werden, die zwar einer indirekten demokratischen Kontrolle unterliegen, aber an sich epistokratisch agieren. Gerichte mit ausgebildeten Richtern regeln die Rechtsprechung; in Ministerien arbeiten und beraten Experten jeweiliger Spezialgebiete; Ämter nehmen sich Themen und Problemen an, wie der statistischen Erfassung der sozialen und ökonomischen Lage oder Jugendhilfe, die sonst außerhalb der Alltagswahrnehmung und der öffentlichen Deliberationssphäre liegen. Unbeeinflusst von demokratischen Diskussionen agieren aber auch zum Beispiel Diplomaten, die in ihren jeweiligen Ländern ihre Expertise einsetzen und entsprechend die Regierung im Heimatland beraten und vertreten. (vgl. Lippmann 2018, S. 319 – 321) So sind aber auch die Medien, welche den Bürgern die Informationen, die die Grundlage für den Diskurs liefern, zumindest zu Lippmanns Zeit im demokratischen Amerika zu Beginn des 20. Jahrhunderts, epistokratisch strukturiert – oder sollten es zumindest sein. Fachkundige Journalisten und Experten arbeiten nämlich weitestgehend den Informationsfluss redaktionell und professionell auf, orientiert an den Standards des objektiven Journalismus. Zumindest über die meiste Zeit. Die epistokratische Struktur der Medien ist nämlich fragil und wird bereits zu Lippmanns Lebenszeit mehrfach disruptiert und mit ihnen die amerikanische Demokratie, was ihn auch dazu veranlasst sein einflussreiches Buch zu schreiben.

Die Disruptionen erfolgten einmal durch technologische Innovationen, vor allem die als Yellow Press bezeichneten Tageszeitungen und das Radio, die die öffentliche Sphäre demokratisierten, als auch den Einsatz von Propaganda während der beiden Weltkriege – die Phasen, die von der RAND Corporation als analog zum heutigen Truth Decay identifiziert wurden. Lippmanns einflussreicher Lösungsvorschlag? Die für die Funktionsweise der Demokratien so wichtigen Medien, sollten möglichst von Experten gelenkt werden, die auch unabhängig von der Regierung agieren können. Zusätzlich sollten Politikern ebenfalls möglichst unabhängige Expertengremien beratend zur Seite stehen. So wird sichergestellt, dass der so essentielle Diskurs durch objektiven Input epistokratisch organisiert und eine Deliberation mit dem Ziel rationaler Entscheidungen kontinuierlich möglich ist. Realisiert wurde diese Idee insbesondere in der Nachkriegszeit in den meisten westlichen Demokratien durch die Etablierung journalistischer Standards als auch von Rundfunkanstalten, die in vielen Ländern nicht von Steuern sondern wie z.B. in Deutschland in Form der GEZ, durch Gebühren finanziert werden. So wurde, mal mehr, mal weniger zuverlässig, eine Versorgung der Bürger mit möglichst objektiven Informationen sichergestellt. Institutionalisierte Expertengremien wie zum Beispiel der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, der wissenschaftliche Dienst des Bundestags oder die Leopoldina sichern durch ihre Beratung der Politik eine Orientierung von Entscheidungen auf möglichst objektiver Faktenlage auf den Ebenen von Regierung und Parlament.

Diese sanfte Lenkung, diese Bereinigung der Deliberation über die Wahrheit von dem Sturm der Meinungen, ist etwas, was in der Öffentlichkeit der Demokratien innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte ironischerweise gerade eben durch eine vermehrte Demokratisierung der Öffentlichen Sphäre abhandengekommen ist. Das Agenda-Setting durch epistokratisch konzeptualisierte Institutionen wie Rundfunkanstalten funktioniert nicht mehr. Meinungen, Gerüchte, Desinformation überfluten die Öffentliche Sphäre, die Fakten gehen unter und die Wahrheit verfällt und die Demokratien leiden in der Folge an Polarisierung und Chaos. Die Rundfunkanstalten haben sich selbst noch dazu als alles andere als immun gegen ideologische Vereinnahmung erwiesen; nicht wenige liberale, konservative und rechte Stimmen lamentieren, nicht immer ganz unbegründet, der Rundfunk wäre einem linken Marsch durch die Institutionen zu Opfer gefallen, was zusammen mit Korruptionsskandalen zu einem Vertrauensverlust in der Bevölkerung führte.

Wie könnten liberale Demokratien heute auf dieses neue – und doch sehr alte – Problem reagieren? Ein starker Eingriff in die Medien durch Zensur und Manipulation wie er in autoritären Systemen wie China geschieht, ist keine normativ akzeptable Lösung – und würde auch pragmatisch die notwendige Vitalität des Diskurses verstümmeln. Man kann auch nicht die Zeit zur Prä-Digitalen Ära zurückdrehen, als die hierarchische Struktur der alten Medien eine epistokratische Struktur erleichterten. Demokratien – ergo ihre Bürger – müssen lernen, mit der neuen dezentralisierten Informationswelt umzugehen – und es gibt gute Zeichen dafür, dass wir es bereits tun und auch darin besser werden.

Eine besondere Eigenschaft von Demokratien gegenüber anderen politischen Systemen ist, dass sie sehr starke Zivilgesellschaften haben, aus denen in Akten der spontanen Ordnung Institutionen und Normen erwachsen, um Probleme anzugehen. So hat sich in der Folge der großen Desinformationswellen der vergangenen Jahre in der öffentlichen Sphäre die Praktik des Fact-Checkings etabliert, bei der unabhängige, spezialisierte Dritte, meist investigative Journalisten, Nachrichten in Sozialen Netzwerken auf ihren Wahrheitswert hin überprüfen. (vgl. Stojanovski 2016) In Deutschland gehört dazu zum Beispiel das stiftungsfinanzierte Recherchezentrum Correctiv. (vgl. Reinbold 2017) Zusätzlich entstand in den letzten Jahren eine neue Form des Journalismus – Metajournalismus von Anbietern wie z.B. Ground News, die Nachrichten über die komplette Medienlandschaft hinweg auswerten und für Leser aufarbeiten, indem sie zusätzliche Informationen liefern, wie über die politische Ausrichtung der Quellen, die Unterschiede bei der Präsentierung der Ereignisse in verschiedenen Publikationen etc.. (vgl. Abramson 2020) Zusätzlich zu diesen Dienstleistungen etabliert sich auch Sozialen Netzwerken zunehmend die Praxis, Algorithmen auch darauf hin zu prüfen, ob sie Desinformation amplifizieren und bei kontroversen Themen automatische Verlinkungen auf Faktenchecks bereitzustellen.

Solche zivilgesellschaftlichen und unternehmerischen Innovationen – auch wenn sie selbst nicht fehlerhaft und immer vorurteilsfrei funktionieren – helfen die Disruption den Medien- und Informationssystemen und damit der epistemischen Struktur in Demokratien abzufedern. Langfristig gibt es gute Gründe zu hoffen und anzunehmen, dass wie nach den Disruptionsphasen in der Vergangenheit auch diese Phase des Truth Decays enden wird.  Politische Anpassungen wie eine Adaption der Lehrpläne in Schulen und neue kulturelle Normen können und werden voraussichtlich eine Rückkehr zur einer stärker von epistêmê als doxa gelenkten Demokratie sicherstellen.


Quellen:

Abramson, Seth (2020): Can ‚Metajournalism‘ Save Old Media—and Unmask Trump? | Opinion. In: Newsweek, 08.09.2020. Online verfügbar unter https://www.newsweek.com/metajournalism-old-media-trump-reporting-1530237, zuletzt geprüft am 24.09.2022.

Acton Institute (2022): Lord Acton Quote Archive. Online verfügbar unter https://www.acton.org/research/lord-acton-quote-archive, zuletzt aktualisiert am 21.09.2022, zuletzt geprüft am 21.09.2022.

American Press Institute (2022): The lost meaning of ‚objectivity‘ – American Press Institute. Online verfügbar unter https://www.americanpressinstitute.org/journalism-essentials/bias-objectivity/lost-meaning-objectivity/, zuletzt aktualisiert am 24.08.2022, zuletzt geprüft am 22.09.2022.

Christoph Horn (2005): 14. Platons epistêmê-doxa-Unterscheidung und die Ideentheorie. In: Platon: Politeia, S. 291–312. Online verfügbar unter https://www.degruyter.com/document/doi/10.1524/9783050050263.291/html.

Epstein, Jake; Davis, Charles R. (2022): Putin thought Russian forces could take Kyiv in 2 days. It’s been 20. In: Insider, 15.03.2022. Online verfügbar unter https://www.businessinsider.com/vladimir-putin-russian-forces-could-take-kyiv-ukraine-two-days-2022-3, zuletzt geprüft am 20.09.2022.

Kavanagh, Jennifer; Rich, Michael D. (2018): Truth Decay: An Initial Exploration of the Diminishing Role of Facts and Analysis in American Public Life. Unter Mitarbeit von Jennifer Kavanagh und Michael D. Rich: RAND Corporation. Online verfügbar unter https://www.rand.org/pubs/research_reports/RR2314.html.

Lippmann, Walter; Ötsch, Walter Otto; Graupe, Silja (2021): Die öffentliche Meinung. Wie sie entsteht und manipuliert wird. 1. Auflage. Hg. v. Walter Ötsch und Silja Graupe. Frankfurt: Westend.

Nida-Rümelin, Julian (2020): Die gefährdete Rationalität der Demokratie. Ein politischer Traktat. 1. Auflage. Hamburg: Edition Körber. Online verfügbar unter https://ebookcentral.proquest.com/lib/kxp/detail.action?docID=6130364.

Platon (2017): Der Staat. Reclams Universal-Bibliothek. 1. Auflage. Hg. v. Gernot Krapinger. Ditzingen: Reclam Verlag (Reclams Universal-Bibliothek). Online verfügbar unter http://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:24-epflicht-1315499.

Popper, Karl R. (1963): The Open Society and Its Enemies (Routledge Classics). Hoboken: Routledge (Routledge Classics). Online verfügbar unter https://ebookcentral.proquest.com/lib/kxp/detail.action?docID=1074891.

Reinbold, Fabian (2017): Fake News: Deutsches Recherchebüro soll Falschmeldungen auf Facebook richtigstellen. In: DER SPIEGEL, 15.01.2017. Online verfügbar unter https://www.spiegel.de/netzwelt/web/facebook-correctiv-soll-fake-news-richtigstellen-a-1130014.html, zuletzt geprüft am 24.09.2022.

Zhong, Raymond; Krolik, Aaron (2020): How China Censored Covid-19. In: The New York Times, 19.12.2020. Online verfügbar unter https://www.nytimes.com/2020/12/19/technology/china-coronavirus-censorship.html, zuletzt geprüft am 24.09.2022.


Protokoll / Essay zur Sitzung „Demokratie und Wahrheit“ am 25.07.2022 des Seminars: Politisches Denken von der Antike bis zur Gegenwart

Dozenten: Prof. Dr. Dr. Julian Nida-Rümelin, Dipl. sc. Pol. Univ. Timo Greger

Sommersemester 2022

Ludwig-Maximilians-Universität München

Fakultät für Philosophie, Wissenschaftstheorie und Religionswissenschaft

Abgabe: 27.09.2022

Note:


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Nikodem

Nikodem Skrobisz, auch unter seinem Pseudonym Leveret Pale bekannt, wurde am 26.02.1999 in München geboren. Er ist als Journalist und Schriftsteller tätig und hat bereits mehrere Romane und Kurzgeschichten publiziert, die meist philosophische und gesellschaftliche Themen behandeln. Er studierte Kommunikationswissenschaften und Psychologie, und studiert zurzeit Philosophie und Sprache, Literatur und Kultur. Halbprivate Einblicke gibt es auf Instagram

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