3. März 2024
EssayRandnotizen

Die Frage nach dem Sinn des Lebens und der Moral und ihre Antwort [Randnotizen]

Welchen Sinn hat das Leben eines Menschen und welchen die Moral, insbesondere Anbetracht der langfristig unausweichlichen Auslöschung durch den Tod?

Diese Frage stellt sich jeder Mensch wohl mehr als einmal in seinem Leben. Diese Frage nach Zweck meiner eigenen Existenz quälte mich persönlich lange, mindestens von meinem zwölften Lebensjahr, als ich sie das erste Mal samt ihrer Konsequenzen erfasste, bis ungefähr zu meinem zwanzigsten Lebensjahr. Ich rang persönlich lange mit dem Problem der scheinbaren Sinnlosigkeit des Lebens und der daraus erwachsenden, widerlichen Dämonen des Nihilismus – ein Problem, mit welchem ich nicht allein bin. Seit dem Niedergang der Religionen im 19. und der Ideologien zum Ende des 20. Jahrhunderts, ist die Sinnfrage ein gesamtgesellschaftliches Problem in den meisten westlichen Gesellschaften. Insbesondere junge Menschen suchen oft fieberhaft nach einem Sinn – was man dann unter anderem in einem Revival des politischen Kreuzrittertums ergo Fanatismus (oft im Mantel des Aktivismus), aber auch der großen Popularität von Gurus wie Jordan Peterson beobachten kann – und wenn sie auf ihrer Suche scheitern, führt es nicht selten zu destruktiven Nihilismus und Hedonismus, Eskapismus, sinnloser Zerstreuung und Zerstörung.

Ich glaube nach wie vor nicht – wie ich bereits in meinem Essay Der Nihilismus der Freiheit skizzierte – , dass es eine Top-Down politische Lösung für die Herausforderung des Nihilismus gibt – solche Versuche münden in die in sich nihilistische Barbarei theokratischer oder ideologischer Tyrannei. Laizismus und Wahrheitsliebe sind das Fundament einer jeden vernünftigen Politik, wie ich in Wahrheit und politische Ordnung ausarbeitete. Die Suche und das Finden des Lebenssinns sind eine zutiefst individuelle Reise, da das Problem nur durch tiefe Überzeugung gelöst werden kann, welche niemals aus äußeren Zwängen, sondern nur genuin durch eigene Erkenntnis gewonnen werden kann. Jedoch, die Beantwortung der Sinnesfrage führt letztendlich zu einer profunden Veränderung der Politik von unten; da sie unweigerlich zu einer bestimmten Moral und Idealen führt, die sich auch im gemeinschaftlichen Handeln und damit der politischen Ordnung verwirklichen. Die Frage nach dem Sinn des Menschen und damit auch seinem Zweck, ist eine der fundamentalen Fragen der menschlichen Zivilisation. Deswegen maße ich mir auch nicht an, eine definitive Antwort darauf zu geben.

Ich kann aber zumindest die Ursachen der modernen Sinnkrise analysieren und von meiner eigenen Reise und Lösung schreiben, in der Hoffnung, dass sowohl die Ursachenidentifikation als auch mein Reisebericht für einige meiner Mitmenschen hilfreich sind. Oder zumindest versuchen, von der Lösung zu schreiben, von dem zu schreiben, was ich glaube über die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens verstanden zu haben.

Denn, dass ich den Kampf gegen die Frage der Sinnlosigkeit gewonnen oder eher überwunden hatte, bemerkte ich selbst gar nicht sofort. Der Kampf quälte mich lange, denn ich empfand und empfinden den aus dem Nihilismus sich ergebenden Amoralismus als unakzeptabel, und ich arbeitete ihn in meinen ersten Romanen wie Das Erwachen des letzten Menschen und Crackrauchende Hühner auf. Ich versuchte – auf meinem Feldzug oder eher Irrweg – den Sinn des Lebens auch persönlich in verschiedenen Dingen zu finden – im Schreiben, in der Liebe, in der Politik – was nicht immer glänzlich gesund war, da es unweigerlich immer wieder zu Perioden monomanischer Besessenheit führte. Aber immer, wenn ein Mensch sein Leben glaubt einer einzelnen Sache widmen zu müssen, weil er darin seinen Telos oder Sinn erkannt zu haben glaubt, ist sinnloser Fanatismus die Folge. Diese Art des Fanatismus, insbesondere der politischen Art, arbeitete ich in meinen Roman Der Faschist aus. Exzesse sind nie richtig; die Mäßigung meistens der richtige Pfad.

Irgendwann verschwand das Sinn-Problem, verschwand die nagende Frage danach, was mein Zweck ist; die Dinge wurden klar, der Nebel lichtete sich. Besessenheiten verschwanden, eine gesunde Selbstbeherrschung, Mäßigung und Ausgeglichenheit stellten sich ein. Ich hatte meinen Sinn gefunden und die Frage verschwand aus meinem Bewusstsein – und doch bemerkte ich diesen Prozess es erst langsam, einige Jahre nach seiner Vollendung, weil ich ihn nicht artikulieren konnte. Wie Wittgenstein am Ende seines Tractatus logico-philosophicus anmerkt: » 6.521 Die Lösung des Problems des Lebens merkt man am Verschwinden dieses Problems. (Ist nicht dies der Grund, warum Menschen, denen der Sinn des Lebens nach langen Zweifeln klar wurde, warum diese dann nicht sagen konnten, worin dieser Sinn bestand.)«

Laut dem jungen Wittgenstein, müsste ich nun wohl schweigen, denn ich könnte nicht wirklich sprechen darüber, wie ich das Problem des Lebens löste. Aber ich denke, dass ich nach einigen Jahren der Reflektion und des vertieften philosophischen Studiums zunehmend in Worte fassen kann, was die Lösung der Sinnesfrage und damit das Antidote gegen den Nihilismus ist. Doch um die Antidiote zu verstehen und anzuwenden, muss man erst die Wurzeln der Krankheit verstehen.

Die Wurzeln der zeitgenössischen Sinnkrise

Die Wurzeln der zeitgenössischen Sinnkrise liegen in dem reduktiven Gebrauch und Verständnis von Vernunft, das die Moderne und Postmoderne kennzeichnet. Diese moderne Vernunft insbesondere in ihrer Form als Wissenschaft und analytische Philosophie kann uns nichts darüber sagen, was ein gutes Leben ist. Daher schweigt sie wie beim jungen Wittgenstein, wenn es um die Frage nach dem Sinn des Lebens geht. Die moderne Rationalität kann uns nämlich nur deskriptiv sagen, wie die Welt ist, und mit welchen technologischen Werkzeugen wir am besten bestimmte Ziele erreichen können. Über unsere eigentlichen menschlichen Probleme und über die letzten Dinge, darüber warum etwas existiert, was wir tun sollen und warum wir es tun sollen, darüber schweigt sich diese fragmentierte Vernunft aus.

Die Tatsache, dass die moderne Rationalität weder die Sinnfrage beantworten noch normative Leitung bieten kann, als auch sich zunehmend selbst zu einem Instrument jeglicher unreflektierter Bedürfnisbefriedigung reduziert, ist unter anderem der Grund warum immer mehr Menschen sich von der Vernunft insgesamt abwenden. Die Folgen dieser Abwendung sind Sektiererei, Konsumismus, die Flucht in Virtuelle Welten, Verschwörungstheorien, Nihilismus und machiavellistische Interessendurchsetzung in Form von Identitätspolitik. Die Vernunft wird zu ihrem eigenen Totengräber. Die Aufklärung vernichtet sich selbst. Es war der hedonistische Nihilismus der Weimarer Republik der 1920er Jahre, der den Nährboden für die unmenschlichen Tyranneien der 1930er und 40er schuff, und es wäre naiv zu glauben, seine ungehinderte Ausbreitung in diesem Jahrhundert könnte zu einem anderen Ergebnis führen.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist eine, die die moderne und postmoderne Rationalität mit ihrem Historismus, Ökonomismus, Relativismus und in letzter Konsequenz wachsenden Nihilismus nicht beantworten kann, da sie in ihrer Reduktion auf den deskriptiven und instrumentellen Vernunftgebrauch jeglichen Erkenntnisversuch der menschlichen Natur und deren Zweck negiert. Dies rührt aus einer Reduktion des Vernunftgebrauchs auf die Wissenschaft, welche die Suche nach Wissen von partikulären Objekten und Kategorien ist, bei der gleichzeitigen Abspaltung dieser von der Philosophie, die die Suche nach dem Verständnis des Ganzen ist.

Die Aufgabe der Philosophie ist es und muss es sein, die Vernunft, die Wahrheit und das Vornehme, gegen den Nihilismus und die Subversion zu verteidigen. Philosophie ist ein nun bald drei Jahrtausende dauernder Krieg der Vernunft und Wahrheitsliebe gegen die Sophistik und die Dogmen (der Offenbarungsreligionen und der Ideologen); und die vergangenen Jahrzehnten sind eine Chronik der Niederlagen. Vieles, was heutzutage an Universitäten oder in den Medien als Philosophie verkauft wird, ist keine Philosophie mehr, sondern Sophistik. Sokal Squared vermochte nur die Spitze dieser Degeneration von Philosophie in pre-philosophische Sophistik (im Mantel sogenannter Postmoderner oder Kritischer Theorie) aufzuzeigen.

Um die Frage nach dem Sinn des Menschen zu lösen, bedarf es eines ganzheitlichen Vernunftgebrauchs, der die Wissenschaft wieder in die Philosophie integriert und die Philosophie an sich wiederbelebt. Es braucht einen Vernunftgebrauch, der aktiv nach dem Warum des Menschen und seiner Arete fragt, und nicht an den Grenzen unseres heute selbstbeschränkten Denkens aufgibt. Es braucht die holistische Rationalität und Erkenntnis, nicht nur ihre instrumentellen Teile, auf die sich der Blick des Denkens spätestens seit der Aufklärung, zunehmend selbstreduziert.

Dem instrumentellen Vernunftgebrauch mit seinen in Disziplinen fragmentierten Denken der modernen Naturwissenschaft und Psychologie sowie postmoderner Geisteswissenschaft fehlt die Fähigkeit die Frage nach dem Zweck des Menschen aber auch nur zu artikulieren, wodurch sie in nihilistischen Präferenzenbefriedigung kollabieren, deren Ergebnis Nietzsches letzter Mensch ist: vulgärer Hedonismus, der den Menschen mehr betäubt als leitet. Es ist schlicht unmöglich, zu »[…] einer angemessenen Erklärung der menschlichen Zwecke zu kommen, wenn man sie lediglich als durch Begehren oder Antrieben vorgegeben begreift.« (Vgl. Strauss 2022, S.15) Ironischerweise legte Nietzsche zusammen mit den von ihm so verhassten Kant und Hegel, die Grundlage für den letzten Menschen, als er ihre Säuberung der Philosophie von der Teleologie und Verwurzelung im natürlichen Recht vervollständigte, und seine Lehre vom Willen zur Macht an ihre Stelle zu setzen versuchte – auch wenn er die Notwendigkeit von Werten erkannte, scheiterte er doch an der Schaffung von Neuen.

Kannten noch die Antiken Ideale und Werte im Sinn des Naturrechts, kennen die Modernen wie Hobbes oder später die Postmodernen wie Nietzsche, Foucault oder Rawls, nur noch eine vermeintlich wertfreie Perspektive auf rationales Eigeninteresse, Machtbeziehungen und zu befriedigende Bedürfnisse. Diese scheinbare Wertfreiheit entfaltet ihre verheerende Wirkung insbesondere über die positivistischen Politik- und Sozialwissenschaften sowie der Ökonomie und postmoderne Geisteswissenschaft und ihre Lehre in Universitäten, wodurch sie jungen Menschen den Weg zu einer Sinnfindung verstellen: „By teaching in effect the equality of literally all desires, it teaches in effect that there is nothing of which a man ought to be ashamed; by destroying the possibility of self-contempt, it destroys with the best of intentions the possibility of self-respect. By teaching the equality of all values, by denying that there is an essential difference between men and brutes, it unwittingly contributes to the victory of the gutter.“ (vgl. Strauss, Epilogue 222)

Nicht alle Werte sind gleich viel wert, nicht alle Zivilisationen moralisch gleichwertig. So würde niemand mit einem Funken Gewissen behaupten, dass die (a)moralischen Werte der Nazis im Dritten Reich auf der gleichen Stufe stehen, wie die moralischen Vorstellungen der heutigen Deutschen. Es gab einen Fortschritt. Fortschritt ist jedoch nur innerhalb einer Wertehierarchie möglich. Trotz dieser selbstevidenten Unterschieden bei der Wertigkeit verschiedener Wertesysteme, hält sich hartnäckig der postmoderne Werterelativismus, da der postmodernen Vernunft jegliche Konzeption von höheren und niederen Werten fehlt; sie kennt nur noch gleichwertige Präferenzen und zu stillende Bedürfnisse. Die Erkenntnis der Selbstevidenz von höheren und niederen Werten ist nämlich vor-wissenschaftlich und lässt sich allein mit positivistischer Wissenschaft oder postmoderner Philosophie nicht mehr erklären oder begründen, obwohl sie beinahe jedem als axiomatisch wahr erscheint. Unter anderem deswegen war auch 9/11 solch ein großer Schock für den Westen: keine westliche Theorie, die die Relativität von Werten und rationales Eigeninteresse als Triebfeder von Handlungen voraussetzt, kann plausibel die Gründe einer Person erklären, die für ein vermeintliches höheres Ziel – gerade wenn es solchen vormodernen, archaischen Motiven der Religion folgt – ein Selbstmordattentat verübt.

Hedonistische oder utilitaristische Gründe können weder die religiöse Fanatik noch die klassische Bewunderung menschlicher Vortrefflichkeit,  für die Verwirklichung der Tugenden, erklären. Was die Moderne verlernt hat, aber die Antiken noch wussten: Das Gute, und damit die Wahrheit, ist fundamentaler als das angenehme und lustvolle; es kommt darauf an, das zu tun, was richtig ist, nicht das, was einfach ist. Dass verschiedene Kulturen, Religionen und Individuuen das Ganze und das Gute unterschiedlich verstanden, ist kein Argument gegen die Existenz eines allgemeinen Guten, sondern ergibt sich aus der menschlichen Fehlbarkeit bei dessen Erkenntnis. Es sind eben Religionen und Ideologien, die gesellschaftlichen Konstrukte, die nicht ein relatives Gut konstituieren – sondern diese sind es, die die menschliche Erkenntnis dessen was von Natur aus Recht und objektiv das Gute ist, versperren. Die Priester- und Herrscherkasten einer jeden Zeit waren mehr ihrer Macht interessiert, als an der Erkenntnis der Wahrheit und des Guten, was die Philosophie für jene so lange so gefährlich machte, bis sich die Philosophie im Zuge der Aufklärung selbst als Instrument der Macht anbot zum Austausch für die Freiheit offen philosophieren zu dürfen. Macht ist nicht das, was Moral konstituiert; Macht ist das, was Moral oft korrumpiert. Die modernen Versuche die religiösen Dogmen nicht durch die Erkenntnis dessen was von Natur aus Recht ist, sondern durch rationales Eigeninteresse zu ersetzen, stellten die Ethik auf den Kopf und machten eine wirkliche Deliberation des Guten unmöglich, was sowohl die inidividuelle Lebensführung als auch das kollektive Gemeinschaftswesen willkürlich und ziel- und damit sinnlos erscheinen lässt.

Der Mensch ist kein rein rationaler oder Vergnügen maximierender Akteur, und der Versuch moderner Psychologie, utilitaristischer Ethik und Ökonomie seine komplexe Natur auf reines rationales Eigeninteresse oder Triebbefriedigung zu reduzieren, führt nicht zur Aufklärung, sondern zur Entmenschlichung, zum Ende aller Aufklärung und in die Dunkelheit. Der Endeffekt der rationalen Entmenschlichung des Menschen ist die Objektifizierung und Kommodifizierung desselben: Menschen beginnen einander als Mittel zu benutzen zur Befriedigung eigener Bedürfnisse, statt einander als Menschen zu betrachten. Im 20. Jahrhundert führte diese Entmenschlichung schließlich zu der industriellen Massenvernichtung insbesondere im Zweiten Weltkrieg, im Zuge des Holodomors, der Gulags und des Holocausts.

Im 21. Jahrhunderten sehen wir die Entmenschlichung jedoch an vielen Orten im Großen wie im Kleinen wieder voranschreiten, obwohl wir glaubten unsere Lehren aus den Zwei Weltkriegen gezogen zu haben. Zum Beispiel: Der Rückgang von romantischen Liebesbeziehungen und Freundschaften im 21. Jahrhundert, sowie die gleichzeitige Normalisierung des gegenseitigen Missbrauchs als Spiel- oder Werkzeug in Form von rein hedonistischen oder pragmatischen Arrangements, ist ein zeitgenössisches Symptom dieser Entmenschlichung in westlichen Gesellschaften. Ebenso sind es die ganzen Auswüchse der Sozialen-Netzwerke, Porno- und Unterhaltungsindustrie, die entgegen ihrer Liberalisierungsversprechen, auf der Objektifizierung von Menschen und der maximalen Konditionierung und Ausnutzung ihrer schlechtesten Seiten und niedersten Triebe ihr Geschäft fußen.

Ohne eine holistische Vernunft, die eine Erkenntnis von suprarationalen Idealen und Prinzipien wie Wertehierarchien, Tugend, Wahrheit und Gerechtigkeit anerkennt, führt die instrumentelle Vernunft der Aufklärung nicht nur nicht nach Utopia, sondern langfristig durch die Entmenschlichung in die Vernichtung.

„The modern project was originated as required by nature (natural right), i.e. it was originated by philosophers; the project was meant to satisfy in the most perfect manner the most powerful natural needs of men: nature was to be conquered for the sake of man who himself was supposed to possess a nature, an unchangeable nature; the originators of the project took it for granted that philosophy and science are identical. After some time it appeared that the conquest of nature requires the conquest of human nature and hence in the first place the questioning of the unchangeability of human nature: an unchangeable human nature might set absolute limits to progress. Accordingly, the natural needs of men could no longer direct the conquest of nature: the direction had to come from reason as distinguished from nature, from the rational Ought as distinguished from the neutral Is. Thus philosophy (logic, ethics, esthetics) as the study of the Ought or the norms became separated from science as the study of the Is. The ensuing depreciation of reason brought it about that while the study of the Is or science succeeded ever more in increasing men’s power, one could no longer distinguish between the wise or right and the foolish or wrong use of power. Science cannot teach wisdom.“ (Strauss, The City of Man, Introduction Absatz 11)

„Originally, philosophy had been the humanizing quest for the eternal order, and hence it had been a pure source of humane inspiration and aspiration. Since the seventeenth century, philosophy has become a weapon, and hence an instrument.“ (Strauss, Natural Right and History)

Die Aufklärung reduzierte und fragmentierte die Vernunft, auf einen Vernunftgebrauch, der die Welt ad inifintum und ad absurdum auf ihre Einzelteile reduziert und instrumentalisiert, statt das große Ganze und die Zwecke zu betrachten. In der Folge siegte in der Moderne und Postmoderne der Sophismus über die Philosophie. Die Überzeugung ewiger und allgemeiner natürlicher Recht und Werte, wird abgelöst durch den Konventionalismus. Vor allem durch reduktiven Zertismus und  instrumentellen Vernunftgebrauch, wurde die Vernunft verkrüppelt. Die Vernunft verstummte schließlich in ihrer teleologischen und damit normativen Dimension zunehmend.

Machiavelli machte die Vernunft zum Instrument der Politik, statt die Politik zu einem Instrument der Vernunft und Ethik, wie sie es noch bei Platon und Aristoteles gewesen war. Hobbes befreite darauf aufbauend Politik und Philosophie aus der Tyrannei der religiösen Dogmatiker – aber für den Preis, dass Philosophie und Vernunft noch mehr zum Werkzeug der Macht und deren Legitimation verkamen, für den Preis, dass die Idee des Guten und der Wahrheit, kurz, der Kern der Philosophie untergingen. Kant und Nietzsche säuberten schließlich die Vernunft von jeglichen Formen des teleologischen Denkens – und auch wenn das für die Naturwissenschaften vermutlich richtig war, hatte es fatale Konsequenzen für die Philosophie, insbesondere die Ethik und Politik, denn es führte zur Sinnkrise, da ohne Teleologie, jegliche Beantwortung der Frage nach dem Sinn des Lebens und der Frage nach dem Richtigen unmöglich wird. Die moderne Philosophie der Aufklärung täuschte uns vor, uns aus den Fesseln der menschlichen Natur zu lösen und durch Rationalität selbst zu bestimmen, während die moderne Wissenschaft uns die Technologien gab große Wirkungen zu entfalten. Dies geschah jedoch auf Kosten der teleologischen Dimension der Vernunft, sodass der Nihilismus, die Sinnkrise einsetzte – und der menschlichen Natur konnten wir trotzdem nicht entkommen, stattdessen beraubte sie der Nihilismus jeglicher teleologischer Ausrichtung an positiven Idealen. In das vom Nihilismus erzeugte Vakuum drangen die ungehemmten Bedürfnisse, das Streben nach Macht und Lust. Die Folgen waren Fluchten in Ideologien und relativistische Machtexzesse, die in Konzentrationslagern und Gulags endeten; gefolgt von einer einige Jahrzehnte dauernden Schockphase danach, in der aber die Dinge nicht besser wurden, sondern die frei rotierende Vernunft sich weiter selbst zerstörte. Heute sehen wir in der Sinnkrise und der Identitätspolitik von links und rechts, wieder jene relativistischen und nihilistischen Tendenzen erwachsen, wie am Vorabend der beiden Weltkriege. Die Verhinderung eines erneuten zivilisatorischen Krise macht es notwendig, dass die Vernunft wieder zusammengekittet und die Sinnkrise gelöst wird.

In anderen Kulturkreisen – wie dem russischen oder chinesischen – entstand im Gegensatz zu dem westlichen, arbaischen oder indischen Kulturkreis keine Tradition der wahrheitsliebenden Philosophie, da dort die Vernunft bereits viel früher durch die Macht versklavt wurde. Die Chinesen hatten ihren Machiavelli in Form von Sunzi bereits zwei Jahrtausende vorher; und statt einem Sokrates, der die Überzeugungen der Polis hinterfragte oder einem Platon, der die Such nach der Wahrheit als Ausweg aus der Höhle der doxa pries, hatten sie einen Konfuzius, der das Gehorsam gegenüber der politischen Ordnung und das Verbleiben in der Höhle lehrte.  Der liberale Republikanismus – der unter anderem ein politisches Projekt der westlichen Philosophen war, die nicht mehr durch kirchliche und staatliche Verfolgung auf der Suche nach der Wahrheit unterdrückt werden wollten – konnte in der chinesischen oder russischen Kultur entsprechend auch nie wirklich Fuß fassen, unabhängig von jeglicher ökonomischen Entwicklung, da die philosophische Grundlage fehlte. Postmoderne Philosophen wie Derrida oder Foucault versuchen dieses Fundament im Westen zu zerstören, und haben damit ohne es selbst zu realisieren einen Angriff gegen die Grundlagen der Philosophie, Freiheit und Vernunft selbst entfesselt, der Wahrheit durch Macht ersetzt und der so einen Weg in barbarische Tyrannei eröffenet, die bereits in den aktuellen Culture Wars ihren Kopf reckt.

Der moderne demokratische Glauben, dass nahezu alle Meinung gleichwertig wären, ist nur insfoern richtig, wenn man einsieht, dass Meinungen allesamt weniger als nichts wert sind. Meinungen – das ist die platonische Höhle. Eine Gesellschaft, die sich darauf ausruht, dass jeder seine Meinungen hat, und nicht mehr danach strebt das Gute und die Wahrheit zu suchen und zu finden, um Meinung doxa durch Wissen episteme zu ersetzen, ist dem Untergang geweiht.

Es gibt Werte, die sind universell und sie erscheinen selbstevident einer jeden vernünftigen erwachsenen Person, egal in welcher Gesellschaft oder Epoche sie lebt – egal ob im antiken Athen, dem New York unserer Tage, dem Beijing der Ming Dynastie, dem Japan der Kamakura-Zeit oder dem heutigen Teheran: Gerechtigkeit, Fleiß, Treue und Ehrlichkeit, wurden und werden stets als höher erkannt, als Ungerechtigkeit, Faulheit, Opportunismus und Täuschung. Auch wenn universell gültige, objektive Werte und ein Sinn durch die vernunftgeleitete Erkenntnis des von Natur aus Rechten zu postulieren sind, so sind diese nicht identisch mit der Existenz natürlicher, universeller Gesetze, denn solche Gesetze kann es aufgrund der Heterogenität von Situationen, Menschen und Gesellschaften nicht geben. In verschiedenen Situationen, Gesellschaften, Staaten und Leben machen die gleichen Werte für ihre Realisierung unterschiedliche Gesetze und Lebensführungen notwendig. Gerechtigkeit lässt sich z.B. in einer Gesellschaft, die über keinen funktionierenden Rechtsstaat und Polizeiapparat verfügt, nur mit deutlich brutaleren Mitteln durchsetzen als sie in einer vollentwickelten Republik auch nur akzeptabel wären. Aristoteles Verteidigung der Sklaverei und Anmerkung, man müsse sich mit Vieh- und Bienenzucht auskennen, in seiner Politik, wirken berechtigterweise absurd in unserer Zeit und sind wenig hilfreich. Eine arme Gesellschaft wird zum allgemeinen Wohl ihre wenigen Bildungsressourcen auf eine Eilte konzentrieren müssen, da eine Verabsolutierung der zivilen Gleichheit nur das allgemeine Elend erhöhen würde. Es ist gerade ein Problem der Moderne, dass natürliche Werte wie Gleichheit und Freiheit als Folge des reduktiven Vernunftgebrauchs radikal über ihr natürliches und vernünftiges Maß verabsolutiert werden, sodass die nuancierte Betrachtung der partikulären Situation und ihre Lösung unterbleiben; Populismus und Identitätspolitik sind die Folge. Die Verabsolutierung der Freiheit verhindert die Kritik und Einhegung des in jedem Menschen innewohnenden Schlechten und Destruktiven, die dunklen und schwachen Seiten der menschlichen Natur, die ohne Gesetze und leitende Normen ungehindert metastasieren; während die Verabsolutierung der Gleichheit die natürliche Heterogenität der Menschen verschleiert, und somit zu Ungerechtigkeit führt. Es ist gerade die Kunst des Lebens beim Individuum, und die Kunst in der Politik, das jeweils in einer partikulären Situation Gute ausgehend von den Werten zu erkennen, und nicht blind einem Rechtspositivismus oder Dogma zu folgen, aber eben auch tatsächlich den Sinn und das Gute zu suchen, statt einem infantilen Nihilismus zu verfallen. Die Suche nach der Wahrheit und Erkenntnis des Guten ist eine Reise, die stets bedroht wird von der Charybdis Dogma und der Skylla Nihilismus zerrissen zu werden; Leben wie Gemeinschaft müssen an beiden vorbeisegeln. Nur die, die heute leben, können die Probleme von heute lösen.

Auch wenn es Taten gibt, die als selbstevident unmoralisch, falsch oder schlicht böse gelten, wie der heimtückische Mord, das Fremdgehen oder die Vergewaltigung, scheint darüber, was gut ist, große Konfusion zu geben; die Existenz eines allgemeinen Guten wird gar negiert durch den Individualismus der Moderne. Diese Verwirrung insbesondere im Westen stammt vermutlich daher, dass das Christentum das Denken über das Gute den Menschen über eineinhalb Jahrtausende vorgab, und als es durch die Aufklärung zertrümmert wurde, die westliche Kultur im weitesten Sinne verlernt hatte, weltlich über das Gute nachzudenken, eine Fähigkeit, die wir noch bei Aristoteles oder Platon finden; und die wir wiederentdecken, wenn wir sie nicht mit christlicher oder postmoderner, sondern ihrer eigenen Brille lesen. Das Gute ist letzendlich identisch mit dem Sinn oder Zweck des Menschen und seiner Gesellschaften.

Eine Gesellschaft verliert jede Orientierung an dem Guten und damit dem Sinn, wenn sie die Politik nicht mehr als ein Forum philosophischer Deliberation um die Wahrheit und das Gute auffasst, sondern dem Irrtum erliegt, sie wäre eine bloße Arena der sophistischen Interessendurchsetzung und Meinungsschlachten. Die Politik und die Sinnfrage sind tatsächlich eng miteinander verknüpft, da ein Mensch die Realisierung seiner Potentiale und seines Charakters nur innerhalb eines Gemeinwesens erreichen kann. Der Mensch ist ein soziales und damit politisches Wesen; seine Sprache, sein Denken, seine Kleidung, sie alle reflektieren seine Einbindung in das Gemeinschaftswesen. Man darf jedoch auch nicht dem Irrtum unterliegen, der Mensch wäre nichts anderes als die Reflektion seines Gemeinwesens, wie die Ideologen der sozialen Konstruktion postulieren, denn dies wäre den Baum mit dem Wald zu verwechseln. Diese Verwechslung führt zur Entwurzelung der Vernunft von ihren Grundlagen, vom Naturrecht und der Wirklichkeit.

Schließlich ist alles – Philosophie, Ethik, Politik, die individuelle Sinnfundung, die Technologie, die Wissenschaften –  Teil der gleichen Welt, unserer Welt. Die Fragmentierung in einzelne Disziplinen, die mitunter einander nur noch missverstehen, ist eins der großen Probleme der Moderne und eine Wurzel der Sinnkrise – die fachliche Diskrepanz sieht man am deutlichsten zwischen den in die freudsche Psychodynamik verliebten Geisteswissenschaften und der schon längst von jedem psychodynamischen Obskurantismus emanzipierten Psychologie. So pragmatisch die Spaltung in Fachdisziplinen in den letzten Jahrhunderten war für den technischen Fortschritt – so sehr ging sie auch zum Lasten des allgemeinen Verständnis des Ganzen, der Weisheit. Die holistische Wiedervereinigung liegt auf dem Pfad, der zur Rückkehr auf die Straße der Weisheit führt.

Die Lösung der Sinnfrage

Die Philosophie ist die Suche nach dem Ausgang aus Platons Höhle, der Versuch sich von den Schatten zu lösen und das Licht der Wahrheit zu finden – wir haben verlernt, dieses Licht zu suchen, stattdessen bohren und graben wir neue Tunnel und ganze unterirdische Städte unterhalb von Platons Höhle, begnügen uns mit den Sprachspielen der Schatten aus Bullshit und Semantik, und wundern uns danach, dass wir uns verloren fühlen in der Dunkelheit.

Die Lösung der Sinnfrage ist durch eine Wiederbelebung der Philosophie und damit erst durch eine Renaissance einer vollständigen Vernunft möglich. Dafür muss man sie an dieser Stelle zusammenflicken, an der sie das erste Mal zertrümmert worden ist, nämlich bei Descartes und Machiavelli. Eine Rückkehr zu einer holistischen Vernunft ist erst durch eine Überwindung des der modernen Philosophie inhärenten descart‘schen Zertismus, des instrumentellen Vernunftsmissbrauchs und den daraus erwachsenen postmodernen Relativismus möglich. Mit Zertismus sei die Position bezeichnet, dass nur das als wahr angenommen werden kann, was als unbestreitbar bewiesen gilt – diese Position kollabiert jedoch in ihrer radikalen Konsequenz in einen reinen Perspektivismus bis hin zu einem relativistischen Solipsismus. Ergo wer kein Wissen als sicher akzeptiert, der negiert schließlich jedes Wissen, wodurch Tatsachenbehauptungen und Axiome nur noch arbiträr werden. Die Vernunft wird entwurzelt. Aus dem daraus folgenden Nihilismus erwachsen dann die machiavellistischen Relativismen, die an die Stelle von Idealen die Macht setzen, wie sie sich in den letzten hundert Jahren im Nationalsozialismus, Stalinismus oder der heutigen Identitätspolitik manifestierten. Die Negation menschlicher Natur und der Glaube, durch Veränderungen der Sprache auch die Wirklichkeit zu verändern, weil dieses nichts anderes als Sprache wäre, wie sie die postmodernen Genderideologien fundieren, sind nichts anderes als die letzte Konsequenz dieser geistigen Bewegung.

Deswegen muss der descart’sche Zertismus überwunden werden, ebenso die stroud’sche Ablehnung transzendentaler Argumente; das Fehlen an Gewissheit akzeptiert und durch einen Glaubenssprung überwunden. Das heißt jedoch nicht eine Akzeptierung von Induktion und Spekulation, sondern von Abduktion und der Einsicht, dass auch Skepsis begründet werden muss. Oder um es mit dem späteren Wittgenstein zu sagen: »Der vernünftige Mensch hat gewisse Zweifel nicht.« (Über Gewissheit, §163) Oder wie ich selbst in meinen Texten zu Nihilist Punk schrieb und in den Enden meiner Romane klarstellte: Radikaler Nihilismus und radikaler Zweifel zu ihrem konsequenten Ende gedacht, widersprechen und negieren sich selbst; sie zu vertreten und zu verfolgen ist unvernünftig. Ihre Prävalenz und ihre Wurzeln müssen überwunden werden.

In der Antiken Klassik von Platon und Aristoteles lässt sich das dafür notwendige unfragmentierte, holistische sowie an teleologischen Idealen ausgerichtete Denken noch finden, welches noch nicht vom Historismus zersetzt wurde – und auch wenn die Klassiker uns nicht alle Antworten auf unsere heutige Probleme geben können, so können wir von ihnen die dialektischen Methoden und Prozesse wiedererlangen, deren Verlust im westlichen Konzept der Rationalität das Problem der Sinneskrise überhaupt erst ermöglichte. Wir dürfen uns nicht von moderner Wissenschaft und Logik abwenden – sie sind die mächtigsten Werkzeuge in der Generierung praktischen Wissens, die der Menschheit jemals zur Verfügung standen, wie die technologische Explosion der letzten zwei Jahrhunderte beeindruckend demonstriert – allerdings müssen wir sie wieder integrieren in eine Betrachtung des Ganzen; weil reines deskriptives Wissen ohne ein Verständnis der Zwecke, ist ein blindes Wissen, das noch kein Verständnis des Lebens als solches und damit auch kein gutes Leben ermöglicht.

Ein funktionierende politische Ordnung in Form einer Republik, benötigt tugendhafte Bürger und Politiker, die diese stützen; genauso benötigen aber auch die Bürger eine freie und gerechte politische Ordnung, um glücklich zu werden und ihre Tugenden zu entfalten. Die Politik muss also den Tugend dienen. Deswegen nennt Aristoteles auch als das Ziel der politischen Wissenschaft „[…]den Bürgern bestimmte Eigenschaften zu verleihen, d.h. sie gut und schöner Handlungen fähig zu machen.“ (vgl. NE 1099b30) Wer in einer nihilistischen, von Armut geplagten oder von Propaganda verseuchten Gesellschaft aufwächst und erzogen wird, hat nur wenige Chancen sich selbst zu entfalten, das Gute zu erkennen und zu lernen das Richtige zu tun. Nur mit guter Bildung und einem gewissen materiellen Wohlstand, sind Menschen in der Lage frei nach ihrer Glückseligkeit zu streben und das Richtige und Wahre zu suchen und zu finden. Deswegen ist Bildung auch so wichtig – und ihre Degradierung zu reiner Ausbildung so gefährlich.

Die Antike darf nicht verklärt werden – sie war ein brutales und primitives Zeitalter – aber was wir in ihr finden können ist ein noch nicht von Ideengeschichte und philosophischer Tradition getrübtes Denken, was eine frische Perspektive auf die menschliche Natur und die Gegenwart ermöglicht. Ein Problem des teleologischen Denken ist es, dass es für keinen Philosophen oder Wissenschaftler wirklich ohne berechtigte Zweifel überzeugend ist, aber vielleicht bedeutet das auch, dass wir zunnehmend in ein Zeitalter geraten, in welchem sich die Möglichkeiten der Philosophie und Wissenschaft soweit erschöpft haben – die der alten Religionen sowieso -, dass nach Jahrtausenden ihrer Abwesenheit nun wieder  Propheten von Nöten sind, um den Weg in die Zukunft zu weisen.

Der wichtigste Schritt, um die Philosophie und den holistischen Vernunftgebrauch wiederzubeleben, ist es, wieder mit dem Denken zu beginnen, einen Modus, den ich in meinem Essay „Warum wir noch nicht denken“ ausführlich ausarbeitete, und der meine grundlegenden Überlegung zu den Defiziten des heutigen Vernunftgebrauches an sich intensiver beleuchtet.

Meine persönliche Lösung der Sinnfrage

Mein Weg ist eher ungewöhnlich, da ich dort anfing, wo viele enden und liegenbleiben: Im Alter von 6 Jahren zweifelte ich trotz der katholischen Erziehung die Existenz Gottes an und wurde zeitweise ein radikaler Atheist, der zur Kommunion geschleift werden musste; mit 11 Jahren erblickte ich den Abgrund der Endlichkeit und des Nihlismus und versank in Melancholie; mit 12 Jahren begann ich Sunzi, Machiavelli und mit 14 dann Nietzsche zu lesen. Ich begann als weitestgehend desillusionierter Machiavellist, tragischer Romantiker und Nietzscheaner ein Studium der Propaganda, Psychologie und Rhetorik, aber über die Jahre wurde ich ein Idealist und wandte mich dem Studium und der Verteidigung von Wahrheit und Tugend zu. Ich begann als Sophist und wurde ein Philosoph, in einer Zeit, in der die meisten als Philosophen beginnen und im Laufe des Lebens zu Sophisten desillusionieren. Ich wurde von einem Studenten der virtù, zu einem Studenten der virtue.

Ich hörte auf jenseits von Gut und Böse zu irren und begann mich stattdessen auf die Suche nach dem Guten. Ich widmete mein Leben der sokratischen Suche nach der Wahrheit, und dann der klassischen Reise der Verwirklichung meiner Ideale und Potentiale, und schließlich fand ich, so glaube ich zumindest, Eudaimonia – was, wenn man Aristoteles großzügig interpretiert, nichts anderes als das Gefühl ist, welches sich einstellt, wenn man seinen Sinn gefunden und das eigene Leben danach erfolgreich ausgerichtet hat. Eine Revision der Klassiker war dabei wohl, auch wenn ich es erst viel später realisierte, eine treibende Kraft, denn sie ermöglichte mir einen holistischeren Vernunftgebrauch wiederzuerlangen.

Ein Startpunkt für normative Betrachtungen und ein frisches teleologisches Denken, können die Reste an teleologischen Denken, die uns Kant nach seiner Säuberung übriggelassen hat, nämlich die Einsicht aus dem kategorischen Imperativ, liefern: „ Handle so, daß du die Menschheit, sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest “ (GMS, IV, S. 429). Ein Mensch ist sein eigener Zweck, er sollte niemals ein Mittel sein. Kants Begründung des Selbstzwecks aus der Vernunft ist eher wackelig, schöpft er das Prinzip doch aus dem Naturrecht, von dem sich die reine Vernunft doch zu emanzipieren glaubte. Dennoch, auch aus einer modernen Sicht, bietet das teleologische Konzept des Selbstzwecks eine tautologische Schleife, die als Axiom dienen kann für weitere Überlegungen und Betrachtungen. Von hier aus, lasst uns über Dinge denken, die ebenfalls evident ihr eigener Zweck sind, sich selbst begründen. Des Weiteren sind Kants eigenen transzendentale Argumente ein, wenn auch noch nicht vollständiger, Ausweg aus der Höhle, in die Descartes und Hume die Vernunft gegraben haben.

Zuerst ist die Frage nach dem Sinn des Lebens überhaupt falsch gestellt, denn es gibt nicht den einen Sinn des eigenen Lebens, sondern es gibt viele Teloi, die dem Leben eines Menschen einen Sinn und eine Richtung geben, die das Leben an sich und bestimmte Lebensweisen und Ideale rechtfertigen. Man kann auch praktisch von Prioritäten an Zwecken und damit Zielen im Leben sprechen, welche durch eine hierarchische Ordnung Orientierung ermöglichen. Die Zwecke ergeben sich a priori aus den Idealen Formen der jeweiligen Tätigkeiten.

Zum einem ist das Leben sein eigener Zweck, es lebt, um zu leben, um sich auszubreiten und das Universum mit seinem Wunder zu füllen; und der Zweck des Bewusstseins, ist es dieses Leben zu erleben, das Universum und dessen mystische Existenz zu erleben. Wann immer wir daher das Leben selbst negieren – d.h. uns von diesem eskapistisch und hedonistisch abwenden indem wir unser Bewusstsein betäuben oder es zugunsten einer Utopie oder Jenseitsvorstellung opfern – so negieren wir auch diese Teloi von Leben und Bewusstsein. Eine Beobachtung, die Nietzsche bereits macht, wenn er in der Götzendämmerung Alkohol und Christentum als die »zwei großen europäischen Narkotika« bezeichnet und dem Christentum eine nihilistische Natur attestiert aufgrund dessen Diesseits-Negation zugunsten der Jenseitsverehrung. Ebenso nihilistisch sind entsprechend säkularisierte Formen der Negation des realen Lebens zugunsten von utopischen Endzielen wie z.B. insbesondere beim Kommunismus. Utopisches Denken ist im Gegensatz zum idealistischen Denken destruktiv, da es die menschliche Natur mit all ihren widersprüchlichen Tendenzen negiert. Während das teleologisches-idealistisches Denken der Klassik Ideale zur Orientierung setzt, die bewusst niemals erreicht werden können, fordert das utopische Denken der Moderne eine Vernichtung des Menschen und rationale Neugestaltung (wie z.B. im sowjetischen Neuen Menschen, aber auch im utilitaristischen Nutzenkalkulierer der liberalen Ökonomie), die zum Scheitern verurteilt ist.

Weiter lässt sich der Zweck der Menschheit als Aggregat betrachten: nämlich in erster Linie das Überleben und das Sichern des Überlebens des Lebens allgemein, in zweiter Linie des bewussten Erlebens des Universums und die Sicherung der Existenz von Bewusstsein. Hieraus leiten sich auch bereits die ersten moralischen Imperative für die Praxis ab: Erhalt des Lebens und damit sowohl Umweltschutz als auch eine interstellare Expansion der Menschheit und damit des Lebens und Bewusstseins an sich; die Flamme des Bewusstseins durch die gesamte Finsternis des Kosmos tragen, bis er vollständig erleuchtet und sich selbst bewusst wird. Die Negation dieses Telos ist die von Ressentiment gespeiste Misanthropie, die unter der Oberfläche vieler Natur-verklärender Ideologien brodelt, wie beim völkischen Denken, das dem Nationalsozialismus vorausging, oder heute bei der Degrowth-Bewegung, die die Dezimierung des menschlichen Potentials anstrebt.

Der Sinn des Lebens eines Individuums – und das ist nun eigentlich das Zentrum der Frage nach dem Sinn des Lebens, das sich jeder früher oder später stellt – ergibt sich aus einem Netz aus Teloi, aus Zwecken, der Verfolgung in der Summe den Sinn ergibt. Diese Teloi sind hierarchisch geordnet, und an ihrer Spitze steht die Eudaimonia. So hat der Menschen neben dem Telos die Teloi von Leben, Bewusstsein und Menschheit zu verfolgen, noch weiter individuelle Zwecke, die sich auf mehrere Lebensbereich erstrecken und sich aus seinem individuellen Potential ergeben.

Wie Aristoteles so schön in der Nikomachischen Ethik schreibt: „[…] das menschliche Gute [erweist sich] als Tätigkeit der Seele gemäß ihrer Tugend. Wenn es aber mehrere Tugenden gibt, dann gemäß der besten und vollkommensten. Hinzu kommt aber noch: in einem vollkommenen Leben. Denn eine Schwalbe macht noch keinen Frühling und auch nicht ein einziger Tag. So macht auch nur ein Tag oder eine kurze Zeitspanne niemanden selig oder glücklich.“ (NE 1098a15-20) Wobei hier zu beachten ist, dass die deutsche Übersetzung „Tugend“ für die Arete etwas irreführend ist, sondern eher etwas bezeichnet, was im Deutschen heutzutage mit „Vortrefflichkeit“ zu benennen wäre, weshalb im englischsprachigen Raum Aristoteles Tugendbegriff der arete oft mit „excellence“ übersetzt wird.

Wir finden Sinn dadurch, dass wir in verschiedenen Lebensbereichen unsere positiven Potentiale und damit unser Idealselbst verwirklichen, dadurch, dass wie die Exzesse und die Extremen meiden, und das Richtige tun. Wir beziehen Sinn aus dem Streben nach Perfektion und dem Erreichen von Exzellenz in jeder Stunde unseres Lebens: daraus Liebe zu finden und eine gute Beziehung zu führen, daraus ein guter Bürger in einem guten Staat zu sein, daraus unsere Talente zu entfalten, daraus etwas mehr der Gemeinschaft zurückzugeben, als wir ihr entnehmen, daraus zur Entwicklung und Besserung der Welt beizutragen, daraus gerecht zu sein, daraus ein guter Freund, ein guter Mensch zu sein, daraus das Leben an sich zu leben, statt die kostbare Zeit, die uns geschenkt ist, zu verschwenden. Wer alle Bereiche des Lebens ineinander harmonisch meistert und nach den Idealen strebt, der lebt tugendhaft, und wer tugendhaft lebt, der erlebt Eudaimonia, Zufriedenheit mit seinem Leben, die nichts anderes ist, als das Spüren, dass man den Sinn des Lebens gefunden hat. Dem Tod furchtlos und würdevoll zu begegnen, in Zufriedenheit, damit wie man sein Leben geführt hat, ist die letzte Prüfung in Exzellenz.

Letzendlich könnte man sagen, der Sinn des Mensch liegt darin das Richtige zutun und sich selbst tugendhaft im Sinne der Richtung der Vortrefflichkeit zu entwickeln; dass die Tugend für ein gutes und damit glückliches Leben notwendig ist, zweifelt der tugendhafte Mensch nicht an.



Dieser Artikel ist keiner meiner konventionellen Essays, sondern mehr eine Sammlung an Reflektionen, die über mehrere Monate entstand, als ich der Frage auf den Grund ging, warum ich seit einigen Jahren mich als einen sehr glücklichen Menschen erlebe. Unter anderem motiviert durch die Tatsache, dass nicht wenige meiner Leser wohl ein etwas sinisteres Bild von mir haben, arbeite ich mich doch in den meisten meiner Bücher mit eher pessimistischen und negativen Themen ab, obwohl ich persönlich eher ein überdurchschnittlich glückliches und zufriedenes Leben führe und von Freunden eher als Optimist beschrieben werde. Diese Reflektionen sollten daher nicht unbedingt als geschlossene Argumentationskette, sondern als eine los strukturierte Sammlung von Absätzen betrachtet werden, wobei jeder Absatz ein oder zwei mehr oder weniger relevante Gedanken umfasst. Man kann es auch als eine Stoffsammlung sehen, die meine wichtigsten Gedanken zu der Thematik Philosophie, Sinn und Moral zusammenfasst, die ich in den letzten Jahren entwickelte und bereits teilweise in mehreren Essays partikulär und tiefgründiger ausarbeitete.


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Nikodem

Nikodem Skrobisz, auch unter seinem Pseudonym Leveret Pale bekannt, wurde am 26.02.1999 in München geboren. Er ist als nebenbei als Schriftsteller tätig und hat bereits mehrere Romane und Kurzgeschichten publiziert, die meist philosophische und gesellschaftliche Themen behandeln. Er studierte Kommunikationswissenschaften, Psychologie, Philosophie sowie Sprachen und Literatur. Aktuell studiert er im Master Philosophie. Halbprivate Einblicke gibt es auf Instagram

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