Eine Art ketzerisches Response Paper zu Adornos „Erpreßte Versöhnung“

Das innerste Formgesetz des Essays ist laut Adorno die Ketzerei – und so habe Ich mich nun ketzerisch an Adornos Essay über Georg Lukács vergriffen, und den Ausfluss dieser intellektuellen Ketzerei über die folgenden Zeilen verschmiert.

Der Essay „Erpreßte Versöhnung: Zu Georg Lukács: ‚Wider den mißverstandenen Realismus‘“ ist eine Abrechnung Theodor Adornos mit dem Philosophen und Literaturtheoretiker Georg Lukács, den er einst bewunderte. Lukács war als junger Autor durch seine vor allem literarturtheoretischen Schriften zu einem gewissen Weltruhm gekommen. Aus seinem Frühwerk ist „Die Theorie des Romans“ mittlerweile ein Standardwerk, mit dessen Inhalt heutzutage schon oft Erstsemester eines literaturwissenschaftlichen Studiums zumindest konzeptuell bekannt gemacht – oder genauer: verdorben – werden. In den 1920er wandte Lukács sich jedoch von seinen eigenen Frühwerken ab, als er sich der kommunistischen Doktrin beugte und seine Philosophie und seine Person in den Dienst der Sowjetunion stellte. Insbesondere versah er jegliches vom Sowjetkommunismus abweichendes Denken mit dem Label Faschismus.

Diese Gleichsetzung des Faschismus mit allem Anti-Sowjetischen ist ein elementarer antiintellektueller Zug der sich mit solchen Dogmen gegen jede Vernunft und Kritik immunisierenden Sowjetpropaganda, der mit dazu beigetragen hat, dass heutzutage kaum noch jemand begreift, was der eigentliche Faschismus in Italien war, und der Begriff zu einem leeren Pejorativ degeneriert ist, unter dem alles und nichts verstanden wird. Hätte ich mich nicht dieser Thematik bereits ausführlich befasst und einen Roman – „Der Faschist“ – und einige Artikel gewidmet, wäre das hier ein glänzender Anstoß für weitere Untersuchungen.

Im Kern der Kritik Adornos steht diese Erkenntnis, dass Georg Lukács seinen Intellekt der sowjetischen Ideologie und dem sowjetischen Staatsapparat opferte, sein kreatives Schaffen durch den Koitus mit der bürokratischen Autorität und der Dogmatik der marxistischen Theorie geistig verkrüppelte. „[…] das begriffliche Gefüge, dem er den Intellekt opferte, ist so verengt, daß es erstickt, was immer darin freier atmen möchte […]“ (Adorno 2003, S.252)  Letzendlich sei damit fast alles, was der späte Lukács schuf weit zurückgeschlagen hinter seinem Frühwerk, zur Propaganda verkommen, die seine Ideen „herunter[bringt] auf den Kernspruch, daß das Leben unterm sozialistischen Aufbau eben sinnvoll sei – ein Dogma, gerade gut genug zur philosophisch tönenden Rechtfertigung der rosigen Positivität, die in den volkssozialistischen Staaten der Kunst zugemutet wird.“ (Adorno 2003, S.253).

Diese Gefahr der Theorie, der Systematik, sowie die Gefahr der autoritären Versuchung für die Kreativität, finde ich bei Adorno scharf erkannt und am Fall Lukács besonders mahnend. In meiner eigenen Erfahrung sowohl als Romancier als auch PR-Funktionär für politische Organisationen und Politiker, erlebte ich, dass es fast unmöglich ist einen kreativen, lebendigen Roman zu schreiben und gleichzeitig Propagandist irgendeiner anderen Sache zu sein, denn die literarische Kreativität braucht eine Freiheit, die jeder Zielvorgabe davonfliegt. Es ist auch schlicht unmöglich, zeitgleich die Öffentliche Meinung und ein Manuskript zu lektorieren.

Wie Nietzsche und Deleuze in ihren Schriften herausarbeiten und vormachen, ist das schöpferische Denken und künstlerische Schaffen ein freier Tanz – und als solches braucht es Freiraum und duldet keine Begrenzung außer vielleicht noch die der Form. Ideologien, Theorien und Dogmen sind Gifte, die diesen Freiraum einengen. „In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister“, behauptete einst Goethe – und deshalb liest jeder mit guten Geschmack statt den Herren Minister eher Kleist, Hölderlin, Nietzsche, Burroughs oder Thompson, denen den Dämon (wie es Stefan Zweig in seiner wunderbaren Schrift Der Kampf mit dem Dämon“ nennt) einzuschränken niemals in den Sinn kam und die daher ihre überschäumende Genialität großzügig in den Weltgeist ejakulierten.

Doch auch wenn Adorno dies ebenfalls zu erkennen scheint in diesem Essay und seinen anderen, wirkt er mir doch zu steif, zu „sklavenmoralisch“ und pessimistisch, als das sein Denken und Schreiben so wirklich frei tanzen könnte. Hier erinnert er an Heidegger – beide sind Destruenten der Vernunft. So bleibt auch Adorno in einer lähmenden, verbohrten Negativität und Dogmatik verheddert, die er bei anderen zu kritisieren vermag, aber aus der er sich selbst nicht befreien kann. Eine vergleichen Untersuchung des Denkens von Nietzsche und Adorno wäre wohl äußerst interessant, teilen sie doch viel Kritikpunkte, während ihre Lösungen gänzlich unterschiedlich wirken – oder genauer: bei Adorno kann ich noch keine Lösung für irgendetwas erkennen, nur eine Kritik an allem; während zumindest der zarathustrische Nietzsche sich heroisch erhebt, einen neuen Morgen ankündigend.

Interessant fand ich unter diesem Aspekt vor allem die von Adorno fallen gelassene Anmerkung „Stilistische Gleichgültigkeit ist übrigens stets fast ein Symptom dogmatischer Verhärtung des Inhalts.“ (ebd. S.255). Diese folgt einer spitzen Polemik gegen Lukásc schlechten Stil, die in der rhetorischen Frage mündet, ob jemand wie Lukásc überhaupt das Recht hätte „in literarischen Dingen im Ernst mitzureden.“.

Interessant finde ich diese Passage, weil sie wenig reflektiert erscheint, fast schon komisch, wenn man sie auf Adornos eigenes Werk ansetzt. Dessen Stil ist nämlich grauenhaft. Hinter einem Schleier aus selbstgestrickten Rechtfertigungen, erbricht Adorno insbesondere in „Der Essay als Form“ unsortierte Gedanken als Wörtergrütze in den Schoß des Lesers, und seine Begriffsverwendung bleibt dabei oft so nebelig und obskurantistisch wie das Raunen eines Mystikers. Sein Verständnis vom Essay als ein Stück Literatur bleibt ein idiosynkratisches, gestützt von einem zu Dogmen verhärteten Unbehagen an jeglicher Ordnung sowie der wissenschaftlichen Methode der von ihm als Positivisten gebrandmarkten.

Ich maße mir hier nicht aus reiner studentischer Arroganz an, Adornos Stil zu verurteilen. Primär auf meiner Erfahrung als publizierter Schriftsteller fußt die Anmaßung eines Urteils. Aber man muss auch zugeben, dass uns tatsächlichen Literaturschaffenden, wie fast allen Praktikern mit Skin in the Game, eine ziemliche Abneigung gegen jene bloßen Theoretiker und Kritiker innewohnt, die selbst nichts zu schaffen vermögen aber sich oft weit hergeholte Urteile anmaßen. Also ich habe sicher meine Biases. Nassim Taleb würde wohl sagen: Zu recht.

Im Sinn einer marxistisch–materialistischen Ontologie fordert Lukásc in seinen Schriften, dass sich die objektive Wirklichkeit in den literarischen Werken widerspiegle und argumentiert für einen Realismus in der Literatur, so farblos und trocken wie die brutalen Betonbauten des Sozialismus; der als Form und Stil die Kunst dominieren soll, ganz im Sinne der marxistischen Politisierung der Ästhetik. Dies soll die Antwort sein auf den „Antirealismus der Dekadenz“, der in der nicht sozialistischen, nicht „fortschrittlichen“ Literatur laut dem dekadenten Lukásc vorzufinden sei.

Mir fällt dazu nur ein, dass das generell ein idiotisches Unterfangen ist die Ästhetik einzufangen und zu politisieren, rächt sich die Kultur dann nämlich einer gepackten Schlange gleich mit dem tödlichen Biss: der Ästhetisierung der Politik. Nicht nur ist diese Ästhetisierung der Poltik, die letztendlich zu kollektiven Räuschen und Märschen mündet eine der Wesensmerkmale des Faschismus, dem die Sowjetunion, das maoistisch und xinjinpingsche China tatsächlich näher stehen, als ihren vorgehaltenen egalitären Utopien. Das Pendel schlägt auch bei anarchischen Ästhetiken ins Gegenteil über. Die ästhetische Empfindung der 68er Bewegung richtete sich gegen den Kapitalismus und westlichen Imperialismus, riß aber tatsächlich nur alle kulturellen Schranken und konservierenden Traditionen nieder, die der Expansion der Märkte, der Verdinglichung und westlicher Kulturgüter wie dem egalitären Humanismus in alle Lebensbereiche und jeden Flecken der Welt im Wege standen. Die 68er accelerierten den globalen Kapitalismus, und laben sich nun heute als Boomer an den Früchten dieses Raubzugs. Das ist Neoliberalismus: Kapitalismus, gepanzert mit vorgeblich anti-kapitalistischer, linker Kulturideologie, die ihm den Weg bereitet und ein Prise Sozialstaat für die öffentliche Ruhe. Es ist kein Zufall, dass das wertvollste Unternehmen der Welt – Apple – vom barfüßigen Hippie Steve Jobs gegründet wurde. Heute hat die aus der 68er Bewegung erwachsene linke Orthodoxie in der westlichen Kulturindustrie dazu geführt, dass das transgressive Momentum wirkmächtiger Kunst aber nicht mehr bei den Linken liegt; die sich nun bei den Oscars und im Feuilleton gegenseitig für ihre woke Progressivität beklatschen.

Nein, das transgressive Momentum in der westlichen Zivilisation liegt nun bei jenen, die in den dunklen Ecken des Internets ihre Messer wetzen und von hinten zustechen, den Werwölfen, wie sie Nick Land 2013 in „The Dark Enlightenment“ nannte. Man findet es vor allem bei der extremen Rechten, die mit digitaler Kunst wie Memes – man denke hier vor allem an Stonetoss, Kekistan, Kill-all-Normies, Milo Yiannopoulos – und Stilmitteln der Komödie sich zumindest für vier Jahre ins Oval Office trollte. „Kill All Normies: Online Culture Wars from 4chan and Tumblr to Trump and the Alt-Right“ von Angela Nagle skizziert präzise diese kulturelle Dynamik. Gendersternchen entbehren nunmal jeglicher Ästhetik, während – rein ästhetisch und ohne moralisch zu werten betrachtet – Kapitolstürmungen dagegen eine erstklassige Popcornkino-Performance abgeben: pure Transgression der bestehenden Verhältnisse, reiner rechter Leninismus von der Ästhetik her, als hätte man ein Deviantart-Artwork mit einem Videospiel vermixt und mit ausgestrecktem Mittelfinger auf die Wirklichkeit gepustet. Tausendmal unterhaltsamer als der stumpfe Recyclingmüll aus Hollywood und die Moralpredigten der linksliberalen Kathedrale. Das ist Postmoderne acceleriert bis zur Selbstaufhebung. Aus der von Adorno und Heidegger ersehnten Vernunftkritik, ist eine Vernunftlosigkeit erwachsen, die uns nun als maskenloser, irrer und zum klaren Denken unfähiger Querdenker entgegensabbert. Das letzte Mal, dass rechter Autoritarismus eine derart sexy Revolutions-Ästhetik ausstrahlte und zugleich derart auf Idiotie und Wahnsinn fußte war, als Hugo Boss noch schwarze Uniformen nähte. Aber ich schweife ab.

Jedenfalls ist dieses Unterfangen Lukáscs ein Versuch, die Kunst mit der Empirie der Wissenschaft geleichzusetzen und in die sowjetischen Dogmen einzuspannen ein Unterfangen, welches zu den sprachlichen und stilistischen Miß- und Totgeburten in Lukásc späteren Texten führt. Ebenso ist es – wie Adorno richtig erkennt – ein  trauriger Versuch die Dissonanz aufzuheben, den der Widerspruch zwischen Marxischer Theorie und approbiertem Marxismus, das sojwetische Heilsversprechen und der nackte Realität, in ihm auslöst. So attribuiert Lukás die Ursachen des sowjetischen Schreckens in einer dekadenten, kranken Gesellschaft und kranken, anti-realistischen, dekadenten Kunst – verkennend, dass er selbst ein an der Ideologie erkrankter ist, verkennend, dass die Kunst von der Abweichung und Poetisierung lebt, nicht der Replikation, nicht der Politik, und dass sie sich jeglicher Norm und Form entzieht, und so auch kein „gesund“ kennt.

Aus den Fossilen einer ausgesaugten Gesellschaft, aus den toten Ruinen, die der lebensfeindliche Marxismus in der Sojwetunion vom Leben, von der Kultur und Ästhetik übriggelassen hat, bejubelt Lukásc die auf Gulagleichen errichtete leere Betonwüste als Höhepunkt des menschlichen Fortschritts und der Kultur. „Bei all dem bleibt das Gefühl von einem, der hoffnungslos an seinen Ketten zerrt und sich einbildet, ihr Klirren sei der Marsch des Weltgeistes“, erkennt Adorno pointiert. Aber: Auf der anderen Seite der Mauer sieht es in den 1950ern und 1960ern nicht besser aus: dort wimmert Adorno selbst, die Lebensfeindlichkeit auf die nächste Stufe erhoben, alles zum Falschen erklärt, während ihn die Möchtegernrevolutionärinnen und Konsumaufgegeilten nackte Brüste in die Vorlesung tragen. Ein Trauerspiel. Für Marxisten. Der Dritte lacht und kassiert Rendite mit dem Verkauf ihrer Bücher an heilssuchenden Studenten in Zeiten geistiger Not.

Das Literaturverständnis sowohl von Lukásc als auch Adorno erscheint mir unfrei, viel zu eingespannt in die Bolzen und Klammern der Folterbank der Theorie und Politik, die eigentlichen psychologischen und schöpferischen Strömungen die dort frei tanzend am Werk sind verkennend, ebenso wie ihre Leichtigkeit. Der eine sieht sie als Vehikel für das sowjetische Projekt, der andere für seinen persönlichen Feldzug der Vernunftkritik und Moral. Beide verkennen das Spielerische und das Wandelbare, gar unendlich Vielseitige der sich stetig in Funktion und Form wandelnden Literatur, und interpretieren und urteilen mit dem Ernst und der Verständnislosigkeit eines Blockwärters. Das wird vor allem klar an dem Punkt, an welchem Adorno sich gegen Brecht wendet, und ihn dafür kritisiert, dass er die Faschisten veralbert in seinem Theaterstück „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“, als ob dies nicht gerade der Kernpunkt des Stückes wäre sie durch den Kakao zu ziehen. Adorno versteht Literatur nicht, außer als zu beurteilendes Objekt in seinem eigenem politischen Weltbild, in dem noch der erstickende Totalitarismus der marxistischen Mythologie mitschwingt. Die ganze Debatte zwischen den beiden erscheint so sinnlos, ist sie doch der Schlagabtausch zwischen zweien, die sich dem Leben und der Welt verweigerten und den Boden verloren haben, und nun in entkoppelten Höhen ideologischer Wahngebäude schwaffeln. Es ist fraglich, ob überhaupt einer von den beiden „das Recht hat, in literarischen Dingen im Ernst mitzureden.“ (Adorno 2003, S.254)

Lukásc versuchte in seinem Spätwerk etwas von dem lebendigen Funken und freien Geist seines Frühwerks zu beleben, begann Stalin zu kritisieren und den DDR-Propagandisten und dekadenten Fremdgeher Brecht zu loben, im verzweifelten und nicht erfolgreichen Unterfangen zur Utopie und Kraft seiner Jugend zurückzukehren, sich gewaltsam wieder mit dem Idealismus von früher zu versöhnen. Adorno konstatiert „Der Bann, der Lukásc umfängt und ihm die ersehnte Rückkunft zur Utopie seiner Jugend versperrt, wiederholt die erpreßte Versöhnung, die er am absoluten Idealismus durchschaut.“ (Adorno 2003, S.280)

Hier sei es noch interessant zu fragen: Welcher Bann umfängt Adorno, der er ihn die ersehnte Rückkehr in die Utopie eines imaginierten freien, richtigeren Lebens versperrt, welche Dogmen durchbohren ihn, nageln ihn fest in der pessimistischen Position des Kulturkritikers, der nur negieren kann und keinen neuen Horizont mehr sieht – quasi das Spiegelbild der in die eigene sowjetische Propaganda gefallenen Lukásc, der den Horizont in der sowjetischen Fata Morgana zu sehen glaubt? Weniger als der Inhalt und die Aussagen Adornos, reizen mich tatsächlich die Möglichkeiten ihn hier selbst zu sezieren, zu psychoanalysieren, seine Kritische Theorie gegen sich selbst zu richten bis zur dialektischen Selbstaufhebung. Gibt es hierzu bereits Schriften?


Literaturverzeichnis

Adorno, Theodor W. (2003): Gesammelte Schriften in 20 Bänden – Band 11: Noten zur Literatur Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, 1711).


Aktuell belege ich im Rahmen meines Studiums im Nebenfach ‚Sprache, Literatur, Kultur‘ ein Seminar zu Adornos Noten zur Literatur. Ich bin sicherlich kein Freund der Frankfurter Schule und ihren weltfremden Ideologiebauten und rhetorischen Entgleisungen, allerdings ist ein Studium des Feindes nie verkehrt. Aber zur Hölle – ich dachte Heidegger wäre ein leider genialer Obskurant, dabei ist Adorno der wahre Virtuose der lexikalischen Wortsuppenmelodie. Jedenfalls muss ich im Rahmen dieses Seminars neben einem Referat auch drei Response Papers zu jeweils drei Essays von Adorno schreiben. Aufgrund mangelnder Formvorgabe, habe ich das mal das erste Response Paper als einen Stream of Consciousness gestaltet, der einige der Gedanken auffängt, die die Lektüre bei mir auslöste. Und da ich dachte, dass einige das vielleicht einsichtsreich finden, teile ich es hier mit euch.


Wenn dir dieser Artikel weitergeholfen oder dich unterhalten hat, dann würde es mich freuen, wenn du mir einen Kaffee spendieren würdest, mit dem ich noch mehr solcher Artikel schreiben kann. 😉
Kaffee spendieren via Ko-Fi

Nikodem

Nikodem Skrobisz, auch unter seinem Pseudonym Leveret Pale bekannt, wurde am 26.02.1999 in München geboren. Er ist als Journalist und Schriftsteller tätig und hat bereits mehrere Romane und Kurzgeschichten publiziert, die meist philosophische und gesellschaftliche Themen behandeln. Er studierte Kommunikationswissenschaften und Psychologie, und studiert zurzeit Philosophie und Sprache, Literatur und Kultur. Halbprivate Einblicke gibt es auf Instagram

7 Gedanken zu „Eine Art ketzerisches Response Paper zu Adornos „Erpreßte Versöhnung“

  • hallo, du hast einen guten text zu einem spannendem problem geschrieben

    >Gibt es hierzu bereits Schriften?

    lyotard „adorno come diavolo“ eventuell

    Antwort
  • Vorweg: Die Lektüre Ihres Essays hat mich – auf unterschiedliche Weise – erheitert, aber auch entsetzt. Doch der Reihe nach:

    Zur Rahmung schreiben Sie: „Ich bin sicherlich kein Freund der Frankfurter Schule und ihren weltfremden Ideologiebauten und rhetorischen Entgleisungen, allerdings ist ein Studium des Feindes nie verkehrt.“

    Ihr „Feind“ ist also – bei allen angebrachten Vorbehalten gegen den Begriff – eine „Schule“, die, wie m.W. keine zweite, gegen Unterdrückung, Entfremdung und Unvernunft aufbegehrt hat? Ein sonderbarer Feind, scheint mir. Außerdem: Kein „Freund“ von etwas zu sein, muss doch nicht gleich das Einnehmen exklusivierender „Schmittianischer“ Kategorien zur Konsequenz haben, oder? Auch bekommt Ihre Suggestion von Belesenheit und Witz durch m.E. schlicht ignorante Vulgärurteile wie das von den „weltfremden Ideologiebauten“ – mit dem Sie notabene eine bald 100-jährige, keineswegs homogene Theorietradition offenbar verunglimpfen wollen – gefährliche Risse. Das steht Ihnen wahrlich nicht gut zu Gesicht; weder als „Romancier“, noch als „PR-Funktionär“, der Sie doch zu sein immerhin für sich beanspruchen.

    Wenn Sie urteilen, dass „die literarische Kreativität … eine Freiheit, die jeder Zielvorgabe davonfliegt“ brauche, kann ich nur teilweise mit Ihnen übereinstimmen; denn m.E. verbinden Sie eine richtige (1.) mit einer falschen (2.) Aussage – ein Hinweis auf Ihr noch unausgereiftes Dialektik-Verständnis? Wäre nämlich jene von Ihnen geforderte „Freiheit“, auch der „freie Tanz“, wie auch immer er nun gemeint sei, nicht eine sehr konkrete „Zielvorgabe“?

    Sie widersprechen sich noch an vielen weiteren Stellen; etwa, wenn Sie schreiben, dass „Ideologien, Theorien und Dogmen … Gifte“ für eben diese „Freiheit“ seien – nur, um wenige Zeilen später ausgerechnet den in seiner ‚Anti-Systematik‘ nachgerade erzdogmatischen und in seinem ‚Heroismus‘ schlicht pathetischen „Antichristen“ und „Immoralisten“ höchstselbst auf den Thron der Anti-Ideologie zu setzen? Ich verstehe nicht, wie das zusammengehen soll. Behaupten Sie ein Primat von „Haltung“ bzw. (heroischer) „Performanz“ vor jedwedem (zumal rational eingeholtem ethischen) „Inhalt“?
    Performativ offenbar schon, denn wie sich im Verlauf zeigt, wissen Sie inhaltlich gegen Adorno, gegen dessen ethische Einsichten durchaus viel vorzubringen wäre, bezeichnenderweise nichts Gehaltvolles vorzubringen – und setzen allein bei der „Form“ an, indem Sie seinen „grauenhaften Stil“ verurteilen. Dies ist, mit Verlaub, doch recht stillos – auch dann, wenn Sie vorgeben, sich eben „nicht aus reiner studentischer Arroganz“, sondern aus publizistischer Erfahrung (?) ein solches Urteil anzumaßen. Und „grauenhaft“ ist m.E. durchaus ein zur ‚Verurteilung‘ geeignetes absolutes, aber eben auch ein subjektives – und, um den Begriff einmal im sinnvollen Kontext zu verwenden: „idiosynkratisches“ – Werturteil.

    (Zu Ihrer Frage, ob es vergleichende Untersuchungen zu Nietzsche und Adorno gibt: danach braucht – ausreichende Kenntnis Kritisch-Theoretischer Standardwerke vorausgesetzt – gar nicht lange gegraben zu werden. Zentral dürfte wohl Habermas‘ Auseinandersetzung mit Nietzsche im „philosophischen Diskurs der Moderne“ sein. Für den direkten Vergleich findet man neuerdings auch ein entsprechendes Kapitel im Adorno-Handbuch.)

    Weitere (m.E. ignorante) Positionen bzw. üble Stilblüten Ihrerseits wie etwa die Behauptung eines „persönlichen Feldzugs der Vernunftkritik und Moral“ seitens Adorno – der m.E. nur durch die Unkenntnis der wichtigsten Adornoschen Werke erklärbar ist –, der Umdeutung von Antikapitalismus zu einer „ästhetischen Empfindung“ oder der Rede von einer „Folterbank der Theorie und Politik“ möchte ich nur am Rande erwähnen. Als „Romancier“ und „PR-Funktionär“ sollte Ihnen bekannt sein, welches Licht Sie damit auf sich werfen – und auch, welches „Lager“ sie damit ansprechen. Eine besondere Geschmacklosigkeit will ich aber hervorheben: Lukács und Adorno, die, wie Sie wohl wissen werden, beide einen jüdischen Familienhintergrund haben, die „Verständnislosigkeit eines Blockwärters [sic]“ – Sie meinten vermutlich: „eines Blockwartes“ – vorzuwerfen ist bestenfalls degoutant.

    Und nun? Genießen Sie die von Ihnen anvisierte ‚spielerische Freiheit‘; schreiben und spielen Sie dabei! Spielen Sie mit Worten und Werten, mit Sprache und Vernunft (die aber eben durch jenes ‚vollkommene Spiel‘, das Ihnen vorschwebt, zur Irrationalität wird, da sie alle (moralischen) Verbindlichkeiten aufkündigt); ergötzen Sie sich also an der Lukács’schen „Zerstörung der Vernunft“; ziehen Sie faschistische Potentiale, den ganzen braunen Mist, „durch den Kakao“, statt ihn mit Argumenten und Taten zu vernichten. Ich wünsche Ihnen, dass Ihnen Ihre Haltung eines Tages als die erzrelativistische, neo-nihilistische ‚Blockwartmoral‘ erscheint, die sie ist (und damit zugleich, in Gestalt Ihrer Person, als Antwort auf die erste ihrer beschließenden Fragen): Nichts ist wahr, alles ist erlaubt; anything goes. Damit aber spielen Sie, wenngleich dereinst virtuell, mit Menschenleben. Und zu Ihrer letzten Frage: Versuchen Sie es doch erstmal mit den Adorno’schen Hauptwerken … und einer profunden „Selbstanalyse“.

    Antwort
    • Vielen Dank für Ihren ausführlichen und kritischen Kommentar – ich schätze das sehr, dass Sie sich die Zeit genommen haben so ausführlich zu antworten. Sollten Sie an einem umfassenderen Bild der Lage hier interessiert sein, würde ich ihn allerdings noch die Fortsetzung zu diesem Essay empfehlen. https://leveret-pale.de/ein-heiterer-adorno-porno Zum ihrem Ensetzen ähnlich polemisch, aber zumindest den Vorwurf mit dem Blockwart und der Entfesselung faschistischer Potentiale etwas aufklärend, die Sie in ihrer Antwort zur Sprache brachten. Denn tatsächlich glaube ich in diesen Aspekten ähnliche Intentionen zu verfolgen wie Adorno – nur mit den besseren Ansätzen.

      Ja, ich habe eine Schule zum Feind (naja, die Wortwahl war unglücklich – Gegner trifft es eher) – so wie Diogenes die Athener Akademie als Gegner hatte und folglich mit einem gerupften Huhn in Platos Vorlesung stürmte. Die Vulgarität, die Ketzerei, der Nihilismus sind hier mit Absicht Programm – allerdings bin ich kein Nihilist, eher ein Idealist, der aber gern zum polemischen Hammer greift. Das Alter, die Beliebtheit, all diese Merkmale der Autorität, die Sie anbringen, schützen eine Schule nicht – im Gegenteil, diese Verknöcherung zum Klassiker, zur Autorität machen einen ikonoklastischen Sturm zur Revitalisierung gerade nur noch verlockender und notwendiger. Meine Hauptgründe für meine Opposition zur Frankfurter Schule ist nicht deren Ethik, sondern ihre epistemisch Basis – die pseudowissenschaftliche Psychoanalyse des längst überholten Freud und der humpelnde Marxismus, der nur das Stumpfste von Marx übernommen hat – und natürlich das Literaturverständnis von Adorno.

      Danke für die Empfehlung bzw. den Verweis auf Habermas philosophischen Diskurs der Moderne. Habermas ist der einzige Vertreter der neueren Frankfurter Schule, den ich tatsächlich schätze, lernte ich doch seine Theorien zum kommunikativen Handeln in meinem Kommunikationswissenschaftsstudium zu würdigen.

      Ihre Kritik: „ Wäre nämlich jene von Ihnen geforderte „Freiheit“, auch der „freie Tanz“, wie auch immer er nun gemeint sei, nicht eine sehr konkrete „Zielvorgabe“?“ Nein. Das Fordern des Fehlens einer Zielvorgabe und von Grenzen, ist nicht selbst eine Zielvorgabe und eine Grenze. Höchstens handelt es sich hier um eine Zielvorgabe zweiter Ordnung, die damit aber eher weniger zu einer Vorgabe für das konkrete Werk als für die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wird.

      Ich bin kein Nihilist, zumindest nicht allgemein. Ich glaube sogar an die Existenz und Macht gewisser Numen wie in der Form der Liebe und bin epistemisch sehr nah am Kritischen Rationalismus mit paar metamodernen und nietzscheanischen Prisen – doch, wenn es um die Literatur geht ist das etwas anderes. Und um nichts anderes als Literatur geht es mir primär in dieser Polemik gegen Adornos Essayverständnis und seinen „Noten zur Literatur“. So bin ich literaturtheoretisch ein Ablehner von Adornos Totalitätsdenken und ein radikaler, immoraler Ästhetiker, in der Traditon von Elis, Burroughs, aber auch Bataille und Jünger und natürlich Nietzsche – doch ist dies vor allem eine Methode, den Nihlismus zu transzendieren und gegen sich selbst zu richten, statt zu verherrlichen. Es ist nämlich nicht der Fall, dass anything goes. Ich sehe wie Nietzsche den Nihilismus als den größten Feind der Menschheit, den es zu überwinden gilt, und ich verherrliche nicht einen nihilistischen Relativismus. Wäre ich so nihilistisch, wie Sie mir vorwerfen, würde ich mir gar nicht erst die Mühe machen, Adorno und seinen lebensfeindlichen und damit im nietzscheanischen Sinne nihilistischen Pessimismus zu attackieren. Ein Erzrelativist bin ich damit nicht – und erst recht kein Neonihilist, wobei ich mich frage, was das überhaupt sein soll. Wie soll sich ein geistiges, epistemisch und moralisches Vakkum erneuern, neo- werden, wenn es schon nicht mehr leerer werden kann?

      Etwas mehr Selbstanalyse habe ich tatäschlich begonnen, da ich doch einsehe an einigen Stellen Adorno etwas Unrecht angetan zu haben, man kann meinen letzten Essay als einen ersten Ton hiervon lesen.

      Antwort
  • Und ich danke Ihnen für Ihre behutsame Antwort; der Blick hinter die polemische Fassade, den sie offenbart, steht Ihnen – aber das ist womöglich eine Geschmacksfrage – besser zu Gesicht, als Ihre m.E. zwangsläufig recht oberflächlich verbleibende „Abrechnung“ bzw. Ihre – Ihre Worte – „Attacke“. Ohne selbst wild psychoanalysieren zu wollen; aber der „längst überholte Freud“ (Von wem „überholt“? Lacan? Jung? Sullivan? Der Hirnforschung? Ach, bitte! Nicht solch abgedroschene Phrasen – sonst könnte man noch auf die Idee kommen, Sie hätten sich nie ernsthaft mit der Materie beschäftigt …), Freud jedenfalls hätte hier, so denke ich, schnell den ödipal motivierten „Vatermord“ vermutet. Die Indizien dafür liegen m.E. auf der Hand.
    Nietzsche (in seinen lichteren Momenten übrigens der Freud‘schen Idee vom Unbewussten gar nicht so fern) hätte fraglos seine Freude an Ihrer „mörderischen“ Polemik: „Was fällt, muss man stoßen.“ Insbesondere das Alte, Angestaubte, „klassische“, „Verknöcherte“. Also rufen Sie zum Bildersturm auf. Vorzugsweise auf solche Köpfe, die sich nicht mehr wehren können. Doch auch dieser Bildersturm ist irgendwann alt und verknöchert. (Und mit Ihrer polemischen „Kritik“ der ersten Generation jener „Frankfurter Schule“ sind Sie offen gesagt etwa 70 Jahre zu spät dran und müssen sich schon jetzt hinten anstellen.) Und was kommt dann? Ein weiterer Bildersturm, der den Ihren vom „Thron“ stürzt? Diese Sturz- und Stolperfolge hatten wir doch schon … in ungefähr den letzten paartausend Jahren der Menschheitsgeschichte. Wäre es nicht an der Zeit, diesen regressiven Kreislauf endlich einmal – gut marxistisch – zu durchbrechen und die „Vorgeschichte“ abzustreifen? Die (materiellen) Mittel dazu hätten wir fraglos. Was die Vernunft anbelangt … das steht auf einem anderen Blatt. (Und zwar eines, auf dem die von Ihnen – warum auch immer – so geschmähten Adorno und Freud wie nur wenige andere einen äußerst markanten Abdruck hinterlassen haben.)

    Ob sich durch Ihr – Sie sagen es ja selbst – zumindest nihilistisch motiviertes (oder „inspiriertes“) Vorhaben, nietzscheanisches „Philosophieren mit dem Hammer“, allerdings eine bessere Welt etablieren oder zumindest eine Utopie konkretisieren lässt, wage ich ernsthaft zu bezweifeln. Und ob die Freudianische Einschätzung zur „Ödipalität“ Ihrer „Kritik“ recht behielte, müssen allerdings erst noch weitere „Fortsetzungen“ zeigen.
    Ihre jüngste im Falle Adorno ist mir wohl bekannt; sie ändert am (ich finde: keineswegs „umfassenderen“) Bild, so ich das sehe, jedoch nicht das Mindeste. Im Wesentlichen bleibt meine Kritik auch hier die gleiche; in einem Punkt muss ich Sie nun aber noch verschärfen: Der nach wie vor geschmacklose Blockwart-Vergleich wird auch durch Ihre Einlassungen zu Adornos – in der Tat problematischen – Anbiederungsversuchen an die Faschisten nicht geschmälert. Im Gegenteil: Sie stützen und stürzen sich auf Stellen, die vom Autoren selbst schärfer verurteilt worden sind, als Sie es wohl je könnten. Darüber hinaus urteilen Sie unter konsequenter Ignoranz des weiteren Kontextes; so weist die von Ihnen geschilderte Episode zum „Negerjazz“ empfindliche Lücken auf, die ein kurzer Blick in eine angemessene Biographie schnell geschlossen hätte. Ich empfehle für den Einstieg Müller-Doohm, Ffm 2003 (auch, wenn er in dem äußerst bescheidenen Welt-Artikel (https://www.welt.de/print-welt/article256916/Schlechtes-Kunstgewerbe-ausgemerzt.html), dem Sie vermutlich auch Ihre Inspiration für die eröffnende Arendt-Anekdote verdanken und der ebenso selektiv-dezisionistisch mit Adorno umspringt, wie Sie, ungerechtfertigterweise nicht so gut wegkommt). Hier (S. 262 ff.) gibt es zwei sehr gute Abschnitte über „Adornos zögerliche Emigration“ und seinen Versuch, über gezielte Anbiederung womöglich doch noch in Deutschland „überwintern“ zu können. Eine – wie sich herausstellen musste – freilich absolut fatale Fehleinschätzung eines (tages)politisch ignoranten, doch hoffnungslos zum Hoffen verdammten Menschen, der sehr wohl die „dämonische Dummheit“ der Deutschen (Adorno in einem Brief an Alban Berg) sah, doch noch bis weit in die 30er Jahre (!) einfach nicht zu glauben bereit war, dass sich der sog. Nationalsozialismus „durchsetzen“ würde. Doch will ich Unentschuldbares hier nicht verteidigen; worauf es mir ankommt: die ignorante Lückenhaftigkeit, mehr noch: den geschmacklosen Vergleich mit einem Funktionsträger des Regimes (Blockwart), das Adorno ermorden wollte und ihm seine Lebensgrundlage entzog, rechtfertigt selbst dies Unentschuldbare in keiner Weise.

    Um einem Missverständnis vorzubeugen: Polemik als solche lässt mich einigermaßen kalt. An guter kann ich mich bisweilen sogar sehr erfreuen. „Entsetzen“ löst sie schon gar nicht in mir aus. Was mich aber regelmäßig entsetzt – und keine Sorge, längst nicht nur bei Ihnen -, ist die enorme Bereitschaft, sich auf – allerdings nur scheinbar – konsequenzlose relativistische Sprachspielereien einzulassen. Auch wenn Sie das vielleicht glaube, ja vielleicht sogar davon überzeugt sind: diese spielerischen, „tänzerischen“ Momente sind niemals eingehegt, etwa allein an den Bereich der „Kunst“, der Literatur etc. „gebunden“; sie werden notwendigerweise total. Argumentativ sind Sie ja leider nur auf den Nihilismus-Vorwurf eingegangen.
    Aber zunächst noch zur „Polemik“: Anders als Sie bin ich davon überzeugt, dass sie behutsam und gegen „die richtigen“ Gegner einzusetzen ist, denn sie ist – wie die Ironie – naturgemäß die Waffe der Schwachen und Unterdrückten. In Adorno, dem verfolgten und vertriebenen „Halbjuden“, dem (ja: sich in etwa drei (!) frühen Texten als unentschuldbar naiv erweisenden) Antirassisten und Antifaschisten jedenfalls einen Gegner zu erblicken (und selbst, wenn dieser Gegnerschaft eine noch so stürmerisch-drängerische Befreiungsromantik zugrunde läge), wirft allenfalls ein bedenkliches Licht auf den „Angreifer“. Ihm „Lebensfeindlichkeit“ vorzuwerfen zeugt m.E. allein von – ich kann mich nur wiederholen – Unkenntnis seines Werkes. Die „Minima Moralia“, selbst die „Negative Dialektik“, die seine wohl finstersten Stellen zur Ethik enthält, können Sie offenbar nicht gelesen (oder nicht verstanden) haben, wenn Sie ihm „lebensfeindlichen Pessimismus“ vorwerfen – den Sie offenbar allein aus Sekundärliteratur zu konstruieren und aus seinen literaturtheoretischen Schriften zu extrapolieren versuchen. Das ist, finde ich, geradezu praktizierter Relativismus (und zwar in Gestalt der Ignoranz gegenüber dem Lebenswerk eines stets und glühend der Vernunft – und damit zwingend dem Leben selbst – Verpflichteten)!

    Der Vorwurf des Nihilismus scheint Sie, so ich die Iteration in Ihrer Antwort richtig interpretiere, offenbar zu treffen. Das habe ich nicht beabsichtigt, da ich – nicht zuletzt ob Ihres wohlwollenden Rekurses auf Nietzsche – annahm, Sie könnten sich wohl in dieser Klassifizierung wiederfinden. Übrigens ist, so wie Sie es lesen, der Begriff des Neo-Nihilismus in der Tat ein Oxymoron. Nicht jedoch, wenn man ihn – so wie ich – versteht als eine Wiederaufnahme des „klassischen“ Nihilismus unter anderen Vorzeichen: Sie beanspruchen für sich, den Nihilismus zu „transzendieren“. Das wäre für mich ein solches Vorzeichen. Und es ist eines, das mir Wunder nimmt: Bleiben wir bei Ihrer Argumentation (und vergessen für einen Moment, dass Sie ja nur – und ich finde: verräterischerweise – für sich beanspruchen, „zumindest nicht allgemein“ (also doch partiell? – was ja kaum zu realisieren wäre …) ein Nihilist zu sein): „Wie soll sich ein geistiges … Vakuum erneuern, … wenn es schon nicht mehr leerer werden kann?“ Eben; das scheint mir schlicht unmöglich. Und wie soll es sich dann „transzendieren“ – so wie es Ihnen vorschwebt? Wie kann sich etwas „Nichtendes“ (Heidegger) gegen sich selbst richten? Und noch viel interessanter: Was wäre damit gewonnen? Ein Neuansatz? Aber warum denn so kompliziert! All dies findet sich doch schon längst … Sie ahnen es vielleicht … in der Nietzschekritik der Negativen Dialektik (und ich finde: Adorno hätte hier noch viel radikaler sein können und müssen … aber das ist ein anderes Kapitel).

    Sie wollen also kein Nihilist sein. Gut. Dann sollten Sie aber bald ablegen, relativistisch zu argumentieren. Auch wenn es „nur“ um Kunst geht, in der für Sie ja dann irgendwie doch „anything goes“ gilt. („Wenn es um die Literatur gilt, ist das etwas anderes.“) Hier darf man dann plötzlich „immoralisch“ sein. Doch „Kunst“ ist eben nicht, wie Sie suggerieren, ein hermetisch isoliertes Hoheitsgebiet, in dem andere Regeln gelten und das keinen Bezug zur „echten“ Welt hat. Sie ist ein nicht unerheblicher Teil dieser Welt. Und Immoralismus, Irrationalismus, begnügt sich nie (!) damit, auf ein partikulares Gebiet vereidigt zu bleiben. Er ist totalitär – oder wird es letztlich. Immer.

    Ein (vielleicht naiver) Gegenvorschlag zum – unter diesen Bedingungen: m.E. naiven – Bildersturm (und bitte verzeihen Sie, falls ich Ihre anfängliche Einsicht, die Sie deutlich gezeigt haben, hiermit strapazieren sollte. Dies ist nicht meine Absicht und ich nehme Ihre Selbstkritik sehr ernst): Warum verstecken Sie sich hinter bildgewaltigen Worten und Phrasen (das können Sie doch schon!) oder ironischen, leider aber die Kritik an Ihnen verfehlenden (zudem in ihrer Authentizität hochgradig umstrittenen) Bildern (wie das des Diogenes’schen „Hühnersturms“)? Warum lenken Sie mit wortklauberischen Nebelkerzen vom Punkt ab („Zielvorgaben zweiter Ordnung“ sind keine konkreten Zielvorgaben?) – oder durch Verweise auf theoretisch allzu dünne Bretter (Metamodernismus), die Sie dann nicht einmal anbohren? Versuchen Sie stattdessen doch erst einmal, Ihren „Gegner“ einzuholen, bevor Sie ihn überholen wollen. Ich sehe nicht, dass Sie im hiesigen Fall dort schon angekommen wären.
    Also bitte: Ihre ausgemachte „Gegnerschaft“ soll der „epistemischen Basis“ der Frankfurter Schule gelten? „Der“ epistemischen Basis? (Ich lasse einmal außer Acht, dass ein „Literaturverständnis“ noch längst keine Erkenntnistheorie ist.) Schon zwischen Horkheimer, Marcuse, Pollock und Fromm (allesamt Vertreter der „Frankfurter Schule“ weit vor Adorno, der erst im amerikanischen Exil dazustieß!) klaffen nicht unerhebliche Unterschiede hinsichtlich der „epistemischen Basis“. Ihnen missfällt also „die pseudowissenschaftliche Psychoanalyse des längst überholten Freud und der humpelnde Marxismus, der nur das Stumpfste von Marx übernommen hat“? Das sind sie, die Phrasen. Wie viele Zeilen Freud und Marx haben Sie gelesen, dass Sie sich dieses Urteil meinen anmaßen zu können? Und wieviel daran Anschließendes? Was passt Ihnen denn konkret nicht? Das frühe interdisziplinär-materialistische Programm? Dies wurde alsbald verlassen. Horkheimers Schopenhauerianismus? Damit war er recht allein. Marcuses Hegellesart? Die wusste er durchaus produktiv und praktisch zu wenden. Oder Adornos spätere negativ-dialektische Subjekt-Objekt-Konstitution? In der Tat – letztgenanntes passt mir auch nicht; viel überzeugender ist doch die (ontogenetisch gestiftete) Annahme einer Gleichursprünglichkeit von Subjekt und Objekt. Aber vielleicht haben Sie ja auch hier, wie Sie schreiben, „die besseren Ansätze“. Sofern Sie aber an Ihren allenfalls vulgärtheoretischen Pauschalisierungen festhalten, wünsche ich Ihnen aufrichtig, dass Sie jemanden finden mögen, der auf diesem Niveau mit Ihnen zu diskutieren bereit ist.

    Und noch ein letzter, m.E. wesentlicher Ratschlag frei nach dem von Ihnen ja geschätzten, wohl wichtigsten Adornoschüler, Jürgen Habermas: versuchen Sie Ihren „Gegner“ stets an seinen stärksten, nicht aber an seinen schwächsten Stellen zu „besiegen“ … andernfalls könnte man, gerade bei Ihrer diskursaus- und aufweichenden Mittelwahl der bissig triefenden Polemik vermuten, dass Sie ihm argumentativ nicht gewachsen seien.

    Antwort
    • Ich hatte gerade eine sehr ausführliche Replik zu ihrem Kommentar und ihrer Kritik verfasst – allerdings bin ich aus versehen auf die falsche Taste gekommen und ärgerlicherweise ist fast alles nun gelöscht worden, bevor ich es speichern konnte. Ich werde die kommenden Tage hoffentlich dazu kommen das ganze nochmal zu tippen, denn einiges kann ich nicht so stehen lassen und auf anderes Schulde ich Ihnen eine entsprechende Antwort.

      Vielen Dank aber schonmal für ihre Zeit und Energie sowie den sehr hilfreichen Input! Sie hören von mir bald

      Antwort
    • Oh je, jetzt kommen sie auch noch mit der boomerschen Marxismus Retropie an. Ich weiß nicht, ob Sie es mitbekommen haben: Aber wir leben im 21. Jahrhundert, Marxismus ist ungefähr so zeitgemäß wie Fleischessen, Schreibmaschinen und SUV-fahren. Das Gespenst ist tot und seine aktuellen Echos sind eine ziemliche peinliche Persiflage seiner selbst. Aber der Reihe nach.

      Mit Psychoanalyse habe ich mich durchaus beschäftigt – viel zu viel Zeit verbrachte ich tatsächlich mit Freud, Adler, Jung und vor allem Becker. Doch gerade die Beschäftigung damit und dann das Studium der Psychologie in Jena brachten mich dazu, die Psychoanalyse zu verwerfen, insbesondere die Freudsche, und alles umso kritischer zu betrachten, das sich auf deren Autorität beruft. In meinem Verständnis ist die Psychoanalyse insbesondere der Freudschen Strömung heutzutage lediglich eine Pseudowissenschaft, derer sich eigentlich nur noch einige prätentiöse Geisteswissenschaftler bedienen, um ihre ideologische Gegner zu pathologisieren und ihre noch so dürftigen Argumente gegen Kritik zu immunisieren. Ihr lächerlichen Andeutungen, ich würde an irgendeinem ödipalen Komplex leiden, ohne irgendwelche Kenntnisse meines persönlichen Lebens sind ein exzellentes Beispiel dafür.

      Mit zeitgenössischer, ernstzunehmender Psychologie hat Freud so viel zu tun wie Demokrit mit zeitgenössischer Physik. Die Psychoanalyse hat – wie z.B. bereit Karl Popper schön ausarbeitete – mit ihrem confirmation bias und ihrer Suggestionskraft mehr mit verschwörungstheoretischen Denken oder Astrologie zu tun als mit redlicher Wissenschaft. Paar Grundkonzepte von Freud sind nachwievor aktuell – ich habe selbst ihn ja in einigen Essays zitiert – aber diese Grundkonzepte sind nicht sonderlich originell – man findet sie – wie Sie schreiben – bereits bei Nietzsche, teilweise sogar schon bei Plato und sie sind mittlerweile restlos in die empirische Wissenschaft, die Psychologie übergegangen. Der Rest ist ziemlicher Schwachsinn, angefangen von der kruden Idee Träume wären stets eine Form von Wunscherfüllung. Ich habe tatsächlich vier Semester lang selbst Psychologie studiert und es war mir nicht möglich einen einzigen Professor zu finden, der Freud noch ernst nimmt; nur einen, der Carl Jung zur Unterhaltung gern las. Tatsächlich tauchte der Name Freud in vier Semestern Psychologiestudium nur ein einziges Mal in einer Einführungsvorlesung zu den historischen Wurzeln auf.

      Ganz anders im literaturwissenschaftlichen Studium: jede noch so haarsträubende Theorie wird mit der Autorität Freuds begründet und es wird alles mögliche herumgedeutet und zurechtgebogen, um den eigenen Mutmaßungen das Gewicht eines prominenten Namens zu verleihen, statt jene einer kritischen Analyse zu unterziehen.

      Für mich ist das ein Zeichen, dass die Geisteswissenschaften sich aktuell zunehmend von dem Entfernen was man als eine Wissenschaft bezeichnen kann und stattdessen zunehmend zu Ausbildungsstätten für einen postmodernen Religionsersatz verkommen mit Götzen wie Freud, Marx, Adorno und Butler im Zentrum, die sich ständig um ihr selbstevidenten, selbstbestätigenden Dogmen und Vorurteile drehen. Adorno mit seiner Polemik gegen das was er als Positivismus bezeichnete und seiner Wissenschaftsfeindlichkeit, ebnete den Weg dahin und ist damit an der Wurzel der Probleme. Diese Probleme, dieses antiwissenschaftlichen Strömungen in den Geisteswissenschaften sind mittlerweile derart systemisch und institutionalisiert, dass nur noch eine starke Feuer einer nihilistische Polemik dabei hilft wieder tabula rasa für eine frischen Neuanfang zu schaffen. Etwas virulenten Nihilismus ins geistige System zu injizieren, in der Hoffnungen, dass es an seiner eigenen Fäulnis von innen zusammenbricht, bis auch die Grundlage für den Nihilismus wegbricht und ein neuer Morgen offensteht. So wie auch der radikale Zweifel letztendlich seine eigene Grundlage frisst, weil auch das Zweifeln angezweifelt wird.

      Kann ich diesen Neuanfang anbieten, habe ich schon das komplette gewachsene Gedankensystem im peto für die Substitution? Nein, noch nicht, ich bin auch noch nur ein Literat, der mit Narrativen und Gedanken spielt, kein Philosoph. Aber ich kann die Asche der Vergangenheit als Nährboden für die Zukunft bieten – und ich arbeite persönlich an eigenen positiven, anti-nihilistischen Schriften. Genauso, wie ich das alte Niederreißen, errichte ich auch neues, eigene Gedankengebäude. Ein Ansatz findet sich hier, im ersten Teil eines langen Essays über die Wege zu einer besseren Welt: https://leveret-pale.de/wir-denken-nicht

      Vielleicht sollten Sie mal selbst sich Adornos Test zur autoritären Persönlichkeit, dem f-scale Test unterziehen – Sie scheinen nämlich ziemlich empfindlich auf die Kritik an der Autorität der gewachsenen Dogmen und der Namen gewisser zu autoritären Götzen verkrustetet Persönlichkeiten zu reagieren. (Aber vielleicht ist es auch so ein typischer Zug der deutschen Kultur – wenn der Kopf nicht in Hitlers Arsch steckt, ist es halt der von Marx, Lenin oder Adorno. Die frische Luft der Freiheit wäre schlicht zu viel.)

      „Was fällt, muss man stoßen.“ – ja, so langsam finden Sie den Faden. Da stimme ich den alten Meister zu. Ich habe meinen Marx nämlich gelesen, aber ich glaube nicht an ein Ende der Geschichte, ich glaube auch nicht an ein Ende des Kapitalismus – noch dass so ein Ende wünschenswert, geschweige denn möglich ist. Ich folge einer akzelerationistischen Leseart des Marxismus und ansonsten bedienen ich mich auch bei der Ökonomie lieber der Wissenschaft, also Denkern wie Hayek, Keynes, Thaler oder Kahnemann, statt mich auf die Traktate eines antisemitischen Alkoholikers namens Marx zu stützen, in dessen Namen bereits über 100 Millionen Menschen ihr Leben lassen mussten, und allein unter meinen Landsleuten unzählige in Tod und Sklaverei verelendeten.

      „Und was kommt dann? Ein weiterer Bildersturm, der den Ihren vom „Thron“ stürzt? Diese Sturz- und Stolperfolge hatten wir doch schon … in ungefähr den letzten paartausend Jahren der Menschheitsgeschichte. Wäre es nicht an der Zeit, diesen regressiven Kreislauf endlich einmal – gut marxistisch – zu durchbrechen und die „Vorgeschichte“ abzustreifen? „

      Ja ein Bildersturm, ein ewiger Bildersturm, ein ewiger Krieg, in dem alles irgendwann untergeht, um etwas besseren, schöneren und sträkeren den Platz zu machen – wodurch die Welt stätig besser wird, sich der Utopie asymptotisch ännäherend. Denn den Kreislauf durchbrechen zu wollen, das Ende der Geschichte einzuleiten, ist der reaktionäre und dekadente Impuls im Marxismus und in Adorno, den ich so verabscheue; es ist diese Sehnsucht nach totem Stillstand, der falschen Verheißung einer Retropie, nach einem Ende all jener Konflikte, die das Leben erst lebenswert machen, die den Geist erst vital halten, die Fortschritt und Wohlstand befeuern und erst ermöglichen.

      Sie mögen mir irgendwelche ödipalen Komplexe andichten, aber Ihr eigener Todestrieb, ihr eigene nihilistische Sehnsucht nach dem Ausstieg ins Nichts, nach dem toten Stillstand schimmert hier durch. Die gleich Verweigerung gegenüber dem Leben, die schon Adorno auszeichnet. Wie Nietzsche bin ich hier ein großer Ja-sager zum niemals endem geistigen Krieg, zum Konflikt, zum ewigen Bildersturm – den die Alternative, der kommunistische Ausstieg, das wäre der Tod alles Großem und Lebenswerten. Ich verabscheue diesen nihilistischen Todestrieb und dieses ganze Ressentiment im Sozialismus.

      Ich will die Welt zu einem besseren Ort machen, sie besser hinterlassen, als ich sie betreten habe – aber ich maße es mir nicht an eine Utopie etablieren zu können oder zu wollen, noch dies für erstrebenswert zu halten. Wie schreibt Popper so schön: „der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, erzeugt stets die Hölle. Dieser Versuch führt zu Intoleranz, zu religiösen Kriegen und zur Rettung der Seelen durch die Inquisition.“ Ihr eigenes inquisitorisches Gebaren in Kombination mit ihrem prätentiösen Autoritarismus sowie ihr Geraune davon, dass die materiellen Grundlagen für eine bessere Welt doch vorhanden wären, wenn man nur ihrer Definition von Vernunft folgen würde, passen in diesen von Popper kritisierten Typus des weltfremden Möchtegern-Sozialingenieurs vollkommen hinein. Wenn Sie sich aber nach so einen Ausstieg sehnen, warum wandern sie nicht einfach nach Kuba oder Nordkorea aus – dort ist man vor Jahrzehnten erfolgreich ausgestiegen, und wenn ihnen das dann doch zu retro ist, gibt es in Xinjang und Venezuela sicher noch einen Platz an der Sonne für Sie.

      Ah und weil Adorono und Sie so gern die Untaten des Faschismus instrumentalisieren als Legitimation für den nicht weniger barbarischen Marxismus – wie halten Sie es mit den marxistischen Wurzeln des italienischen Faschismus? Mit der Instrumentalisierung des Antisemitismus für den Wahnwitz des Klassenkampfs durch den Theoretiker Georg Sorel – derer sich das damalige Mitglied der Partito Socialista Italiano, ein gewisser Mussolini nur zu gern bald bediente? Nur so ein Gedanke wieder.

      Sie glauben, dass man Polemik nur „gegen „die richtigen“ Gegner“ einsetzen darf? Das bereits verrät einen sehr antiliberalen Impuls und ihr eigenes Ressentiment . Die Legitimität einer Polemik soll also von der vagen Distanz des Ziels vom einem postulierten Machtzentrum abhängen und nicht von der Kritikwürdigkeit der Inhalte? Aber wenn wir mal dieses wirre Argument einkaufen – so ändert das hier nicht viel daran. Mochte Adorno zu Lebenszeiten zu den marginalisierten Gruppen gehört haben – heute ist er eine Autorität, eine Institution innerhalb der Kathedrale, die über den Geistern thront. Dass bereits 70 Jahre an Kritik auf ihn niedergegangen sind, sollte doch kein Argument dagegen sein, das ich nicht auch etwas dazuschichten kann. Natürlich ist der Wert von meinem Kommentar gering, beinahe belanglos – aber ich habe auch nur das beste aus dem gemacht, was man mir reichte.

      „Auch wenn es „nur“ um Kunst geht, in der für Sie ja dann irgendwie doch „anything goes“ gilt. („Wenn es um die Literatur gilt, ist das etwas anderes.“)“

      In der Literatur wie der Kunst im Allgemeinen gilt natürlich anything goes. Verschiedene Räume und Systeme in einer Gesellschaft können und müssen nach unterschiedlichen Regeln spielen. Was die kreativen Räume der Literatur eben ausmacht, ist, dass sich dort der Geist austoben kann, dass dort Kritisches, Hypothetisches und auch Gefährliches ausgelebt, durchgespielt, imaginiert werden kann. Man kann und darf die Literatur daher auch nicht mit den Maßstäben von anderen gesellschaftlichen Situationen oder Systemen messen. Regeln und Tabus zu breche ist zum Beispiel etwas, wovon die meisten Kunstarten leben – während der Pilot einer Passagiermaschine eben möglichst gar keine Regeln brechen sollte; das Werk Schriftsteller lebt davon, die Dinge möglichst extrem, emotional und intensiv zu beschreiben und so die Realität zu intensiveren; während ein juristischer Gutachter alles auf eine kühle, klare Faktenbasis zu reduzieren hat. Ein Journalist ist moralisch der unbedingten Wahrheit verpflichtet, ein Künstler lebt vom zusammenflunckern einer phantastischeren Fiktion. Manchmal gibt es einen Spillover, aber langfristig wird weder die Kunst staubstrocken, noch der Journalismus endgültig fanstastisch – naja, außer es regiert eine Kommunistische Partei, aber das ist dann nur noch bedingt Journalismus.

      Dieses verbohrte, totalitäre Denken, welches nicht zwischen solchen unterschiedlichen gesellschaftlichen Systemen und Funktionen, zwischen dem Spiel und dem Ernst differenzieren kann, welches schon Plato, Adorno und Sie zeigen, ist nicht nur spießig ohne Sinn, sondern verkennt auch die gesellschaftlichen Verhältnisse massiv. Es wird nicht alles notwendig real und total, was sich in der Fiktion austobt; im Gegenteil, noch mehr absorbiert die Fiktion reale Handlungsimpulse. Pornographische und gewaltreiche Literatur korreliert gesellschaftlich mit dem Niedergang von Sexualstraftaten und Gewalt, können sich die destruktiven Triebe doch im virtuellen Austoben. Da würde sogar ihr geliebter Freud dem rechtgeben, was auch die moderne Empirie beobachtet – auch wenn es zu ihrem totalitären Denken im Widerspruch steht.

      Sie stören sich an der vulgärtheoretischen Sprache und dem Niveau? Ja, es ist eine Schande, dass der vulgus, das einfache Volk, sich nun am Diskurs beteiligt. Alles war selbstverständlich besser, als die Intelligenz elitär, allein und ungestört im Elfenbeinturm sitzend, abgeschirmt von Fachjargon und Prätention sich einen auf den eigenen Größenwahn herunterholen konnte.

      Ich muss zwar hier zugeben, dass meine Kenntnisse von Adornos Hauptwerk nicht so umfangreich sind wie die Ihren – sie beschränken sich vor allem auf einige der literaturtheoretischen Schriften und neben der DDdA einige Aufsätze und Vorlesungen. Allerdings halte ich ihren wesentlichen Ratschlag zum Schluss doch alles andere zielfführend, sondern eher um eine Nebelkerze der Selbstimmunisierung ihrerseits. Die Intention meiner Texte war nicht Adornos Hauptwerk durchzuanalysieren, sondern meine Gedanken zu einigen seiner literaturtheoretischen Schriften zu äußern und was ich dazu alles assoziierte.

      Muss man schließlich den kompletten Sumpf durchwaten und durchwühlen, bevor man urteilen kann, dass er nach Verwesung und Fäulnis stinkt? Muss man erst das Material der Gewänder des Kaisers studieren und loben, bevor man darauf hinweisen darf, dass der Kaiser tatsächlich nackt ist? Ich zweifel dran.

      Sie wahrscheinlich nicht. Aber nun, von Meinungsverschiedenheiten lebt ja unsere Demokratie – meine letzte pauschale Plattitüde, die ich Ihnen zum Abschied reiche.

      Antwort
  • Ich hatte gerade eine sehr kurze Antwort getippt – allerdings habe ich sie wieder, völlig absichtlich, gelöscht.

    Hier nun eine längere, und wohl auch letzte:
    Ich danke Ihnen erneut für Ihre ausführliche Antwort. Zunächst einmal bitte ich Sie um Verzeihung, dass es bei der „kurzen“ nicht geblieben ist, weil mir – diese Schwäche gestehe ich mir gerne ein – einfach die Disziplin fehlte, einige Ihrer wieder sehr poetisch vorgetragenen, inhaltlich aber leider, einmal wieder, nicht selten hanebüchenen Punkte einfach so stehen zu lassen. Ich verspreche Ihnen aber: es wird meinerseits bei dieser letzten Erwiderung bleiben, da ich leider den Eindruck gewinnen musste, dass Sie nicht bereit, vielleicht sogar nicht einmal in der Lage sind, sich auf einen ernsthaften Diskurs einzulassen. Stattdessen dreschen Sie weiter hohle Phrasen und können es (zwanghaft?) offenbar einfach nicht sein lassen, den berühmten nietzscheanischen „Hammer“ zu bemühen. In der Tat: Ein Philosoph sind Sie, wie Sie selbst schreiben, meines Erachtens wahrlich nicht. Allenfalls, was ich gerne unten belegen möchte, ein – um wieder einmal Adorno zu bemühen – Schulfall von „Halbbildung“. Schade, ich hätte mir und Ihnen gewünscht, dass Sie wenigstens die Aspirationen gehabt hätten, ernsthaft und sinnvoll auf Argumente einzugehen. Mir jedenfalls ist es ganz einfach zu enervierend, gegen einen solchen Menschen „anzuschreiben“ – zumal ob des ernüchternden, bedauerlichen „outcome“.

    Wie ich zu meinem Urteil komme?
    (1) Sie kontern, wieder einmal, grundsätzlich mit leeren „Floskeln“, Verzerrungen und Nebelkerzen der peinlichsten Sorte; bspw.: „boomerische Marxismus Retropie“ – Was genau meinen Sie? Ich sehe jedenfalls nicht, dass zu einer ernstzunehmenden (!) Wiederaufnahme oder Wiederanknüpfung an Marx gekommen wäre. Erst recht nicht unter den sog. „boomern“. (Um ein solcher zu sein, fehlen mir übrigens etwa drei bis vier Dekaden, aber netter Versuch.) Ich behaupte sogar weiter: einen ernstzunehmenden Versuch der realpolitischen Anknüpfung an Marx (und wenn er sich noch so sehr „Realsozialismus“ nennt) hat es vermutlich (erst recht unter den „bekannten“) nie gegeben! Die aktuellen wie auch die historisch – zum Glück! – gescheiterten Formen, die sich viel zu oft grausam und mörderisch zeitigten, und deren Selbst-(!)-Bezeichnung als „Sozialismus“ (oder sogar „Kommunismus“) nichts anderes als höhnisch ist, haben mit Marx selbst jedenfalls herzlich wenig zu tun. (Ein Grund, weshalb er die Bezeichnung „Marxist“ für sich selbst auch scharf ablehnte.) Es stimmt mich betroffen, dass Ihre „Landsleute“ Opfer „realsozialistischer“ Verbrechen wurden. Aber bitte: Verbrechen in Marx‘ Namen? Dafür, dass man ihn (insbesondere nach seinem Tod!) als Galionsfigur für den systematischen Verrat an der Menschenwürde, für ideologisch motivierten Mord und Sklaverei instrumentalisiert hat (und das Ganze dann auch noch höhnisch „Sozialismus“ oder „Kommunismus“ – was übrigens keine Begriffe von Marx sind – nannte), kann er … was genau? Bevor Sie derlei heftige Beschuldigungen aussprechen, würde ich von Ihnen verlangen, dass Sie doch bitte en detail nachweisen, „wieviel Marx“ überhaupt in derlei Ideologien steckt. Es würde mich wundern, wenn Sie überhaupt fündig würden. Ich wüsste jedenfalls nicht, dass er Sklaverei oder Massenmord beschworen (oder „den Sozialismus“ / „den Kommunismus“ „erfunden“, geschweige denn den sog. „realen“ irgend gutgeheißen) hätte. Naiv wie ich bin, nahm ich immer an, er habe das genaue Gegenteil von Sklaverei und Massenmord für die Menschheit gewollt – und sei sogar so vehement für seine Überzeugungen eingetreten, dass er zunächst aus Deutschland, schließlich auch aus Frankreich fliehen musste und den größten Teil seines Lebens im Exil verbracht hat. Aber vielleicht täusche ich mich (und unzählige Biographinnen und Biographen) da auch einfach.
    Zynismus beiseite: Bei Ihren Ausführungen zeigen sich geradezu schreiende Spuren von „Halbbildung“, wenn auch in der zunächst nur oberflächlichen materialen Form von Halbwissen. Was ich meine sind Ihre himmelschreienden Falschbehauptungen: z.B., um nur ein paar herauszugreifen, will Marx, entgegen Ihrer als lektürekundig behaupteten, leider aber schlicht inkorrekten Meinung, weder ein „Ende der Geschichte“ (sicher, dass Sie ihn hier nicht mit Fukuyama verwechseln? Marx hat ein vorzeitiges „Ende der Geschichte“ eher befürchtet. Und im Gegenteil wollte er, soweit ich ihn verstanden habe, das Ende der „Vorgeschichte“, also den Anfang (!) der wirklichen (!) Geschichte des Menschen), noch – da machen Sie es sich einmal mehr allzu leicht – ein schlichtes „Ende des Kapitalismus“, sondern vielmehr eine Überführung kapitalistischer Produktivitätsprinzipien in einen repressionsfreien (!) Zustand (keine Ahnung, was dagegen einzuwenden ist); ich empfehle einmal die Lektüre des „Maschinenfragments“ – oder meinetwegen auch einfach nur des „Kommunistischen Manifests“; für diese Erkenntnis muss man ja nicht einmal entlegene Texte bemühen; oder meinetwegen Terry Eagletons: „Warum Marx recht hat.“ Ist schön polemisch und geht durchaus auch mit Marx ins Gericht; Vorsicht, das könnte Ihnen sogar gefallen …). Ferner ist jetzt – Ihren Ausführungen zufolge – nicht nur Adorno ein ausgemachter Rassist, sondern auch noch der (ebenfalls jüdischstämmige!) Karl Marx ein Antisemit? Lol. Haben Sie „Zur Judenfrage“ wirklich gelesen? Und verstanden? (Wohl kaum spielen Sie auf die Briefe an Engels über Lasalle an.) Wie auch immer: lesen Sie das mal lieber erneut. Eines von beidem (Lektüre oder Verständnis) kann nämlich ganz offenkundig nicht auf Sie zutreffen. Und Sie machen allen Ernstes mir den Vorwurf des prätentiösen? Eine schöne Nebelkerze …
    Ah … und Sie müssen mir unbedingt noch erklären, was „vulgärtheoretische Pauschalisierungen“ mit der Diskursbeteiligung des „einfachen Volkes“ zu tun haben soll. Hier scheinen Sie mit Ihren etymologischen Avancen etwas übers Ziel hinausgeschossen zu sein. (Vulgäre Sprache hat mit „Vulgärtheorie“, letztlich ein klassisches Oxymoron, m.E. wenig zu tun.) (Übrigens: Als Diskursethiker geht es mir durchaus darum, möglichst viele am Diskurs zu beteiligen. Allerdings gibt es diskursunterminierende Momente … etwa irrationale Verkürzungen – zum Beispiel in Form „vulgärtheoretischer Pauschalisierungen“. Die sind eher ungeeignet für sinnvolle Diskurse …)

    (2) Übertreibungen sind ja schön und gut; aber Ihre polemischen Übertreibungen reichen bis zur völligen Absurdität. (Aber vielleicht ist das ja auch Ihre Form des „virulenten Nihilismus“ … lol.) Ein Beispiel: Sie wollen also das totale „tabula rasa“? Im Ernst? Na, dann viel Freude beim Abbau von ‚altbackenen‘, ‚traditionellen‘ und ‚konservativen‘ Institutionen – wie etwa der Demokratie oder universalen Menschenrechten. (Auch alles „Asche“ für Sie?) Ich für meinen Teil werde sie nach Kräften zu verteidigen suchen. (Oder wollen Sie dergleichen „nur“ in der Wissenschaft? „Nur“ in der Ästhetik? „Nur“ in der … Ethik?! Dann präzisieren Sie bitte Ihre Aussage, immerhin wollen Sie mich doch überzeugen. Oder nicht? Oder vielleicht wollen Sie auch auf ontogenetischem Niveau wieder zum entwicklungsgeschichtlich unbeschriebenen Blatt regredieren. Machen Sie mal …) Ich hoffe, Ich bin Ihnen nicht zu polemisch.

    (3) Überdies – und dieser Punkt alleine reicht für mich nunmehr dann auch aus, um den „Diskurs“ (der eben dadurch Ihrerseits leider unterminiert wird), abzubrechen – beweisen Sie, dass Sie – und das zumal als „Schriftsteller“, „Literat“, der Sie zu sein zu beanspruchen nicht müde werden und dessen Geschäft das geschriebene Wort ist – nicht einmal zur gewissenhaften Lektüre im Stande sind. An keiner Stelle habe ich Ihnen „irgendwelche ödipalen Komplexe andichten“ wollen, an keiner Stelle habe ich irgendetwas diesbezüglich „angedeutet“. Nein. Ich habe lediglich völlig offen spekuliert, was ich „denke“, was Freud über Sie geurteilt hätte. Aber wollen Sie nun zurückrudern und Ihre offenbar zwanghaften (wenn auch nur virtuellen und – ich schätze: nicht zufällig – gegen „Gespenster“ und „aktuelle Echos“ von Toten ausgesprochenen) oder zumindest zwanghaft in die Welt herausposaunten Mordphantasien leugnen? („ein ewiger Krieg“; „… so manche[r] Götze muss [sic!] noch erschlagen werden …“) Und um auf den Elefanten im Raum zu sprechen zu kommen: Ja, ich halte Sie in der Tat in mancherlei Hinsicht für prä-ödipal. Und nein, dafür brauche ich keine „Kenntnisse“ Ihres „persönlichen Lebens“; wenn Sie ernst meinen, was Sie schreiben – und davon muss ich leider ausgehen – reicht dies für eine solch wenig tiefgreifende psychologische Einsicht wie jene, die sich aus der schlichten Analogisierung Ihrer Götzenbild-Mordrhetorik und dem „Vatermord“ ziehen lässt, völlig aus. Eine weitere Spekulation: Ihr heftiges Ressentiment, demnach ich Sie ja nur pathologisiere, meine „lächerlichen Andeutungen“, scheinen Sie ja tief zu treffen. Auch dafür hatte Sigmund Freud (allerdings ausdifferenziert erst von seiner Tochter Anna) einen Begriff: er nannte dies „Abwehrreaktion“. Einer der (u.a.) von A. Freud beschriebenen Abwehrmechanismen ist übrigens die „Projektion“. Die haben Sie auch gemeistert, wenn man sieht, welche eigenen (!) Unzulänglichkeiten Sie mir vorwerfen. Den Vorwurf des „Prätentiösen“ hatten wir ja schon …

    Und um zu zeigen, dass ich keineswegs in allen Punkten mit Freud übereinstimme (und dass Sie nicht nur meine Zeilen entweder nicht gelesen, oder nicht verstanden haben können): Ich bin völlig d’Accord mit all jenen seiner Kritikerinnen und Kritiker, die die Annahme eines „Todestriebs“ im Menschen für ausgemachten Unsinn hielten. Aber schön, dass Sie immerhin die blühende Phantasie aufbringen, sich (!) aus meinen Worten, denn mehr kennen Sie von mir nicht, einen „Todestrieb“ zusammenzukonstruieren. Bei so viel „phantastischer Phantasielosigkeit“ musste ich übrigens tatsächlich kurz schmunzeln, denn Ihre putzige Konstruktion „funktioniert“ nur, da Sie Marx eben nicht gelesen (oder verstanden) haben (können) und seine (in der Tat hochproblematisch formulierte) Idee einer ‚Selbstauflösung der Philosophie‘ (– die findet sich in abgewandelter Form übrigens auch bei ihrem heißgeliebten Nietzsche; auch hier war Marx, wie laut Ihnen ja auch Freud, „nicht sonderlich originell“) ohne viel Phantasie, eigentlich sogar ausgesprochen plump und geistlos, einfach mit „Stillstand“ identifizieren. Woher genau nehmen Sie das? Haben Sie sich das selbst überlegt? Hm … (Nach Marx fängt in dem, was Sie für „Stillstand“ halten, die eigentliche „Arbeit“ doch überhaupt erst an … das geht ja irgendwie schlecht, im Stillstand. Und ja, die Klugheit, dies zu bemerken, sollten Sie ihm ruhig zugestehen. Nietzsche hingegen … nun ja. Amor fati, die „ewige Wiederkunft des Immergleichen“, ist natürlich ein schönes Karussell. „round and round and round it goes, where it stops – nobody knows“.)

    (4) Eine nette Taktik, mit der Sie sich wohl (sei es unbewusst) gegen Kritik zu immunisieren hoffen (übrigens etwas, die Kritikimmunisierung, das Sie mir vorwerfen – und damit noch so eine hübsch offensichtliche Projektionsleistung): Sie widersprechen sich – und längst nicht nur performativ – immer wieder aufs Äußerste. An einem einzelnen Punkt kann man also kaum ansetzen, weil Sie sich da oftmals selbst schon argumentativ erledigt haben. Doch gerade gegen Ihre himmelschreienden „Selbstdementi“ (Habermas) erweisen Sie sich als völlig ignorant. Dennoch auch hier ein paar Beispiele:
    „So wie auch der radikale Zweifel letztendlich“ (notabene eine schöne, leider allzu weit verbreitete pleonastische Stilblüte; das „Ende“ ist schließlich stets das „Letzte“; versuchen Sie es in Zukunft doch einmal mit „letztlich“; Stilblüten stehen „Literaten“ nicht gut zu Gesicht …) „seine eigene Grundlage frisst, weil auch das Zweifeln angezweifelt wird.“ Das ist natürlich sehr poetisch; aber es ist – sit venia verbo – auch ein ausgesprochen dummer Satz. Keine Sorge, Sie sind in guter Gesellschaft. Hegel proklamiert (allerdings durch den Kontext etwas weniger dumm) in seiner „Phänomenologie“ auch einen Zustand völliger „Verzweiflung“, der über den cartesianischen Zweifel noch hinausgehen soll. Aber das wissen Sie bestimmt längst. Vielleicht können Sie mir dann ja auch sagen, wie weit wir das Spielchen mit dem Zweifel nun treiben sollen? Versuchen Sie doch einmal, Ihr Zweifeln anzuzweifeln. Ich glaube ja ganz naiv, damit kommen Sie nicht sehr weit. (Wenngleich auch nicht aus den von Descartes vermuteten „bewusstseinsphilosophischen“ Gründen.) Aber ohne groß das Dritte metaphysische Paradigma bemühen zu müssen: Von irgendetwas (!) müssen Sie wohl oder übel ausgehen, sonst sähe ich pragmatisch auch schlicht nichts, das gegen eine Selbstauslöschung spräche. Wenn Sie wirklich – ohne Selbstwiderspruch – alles Letztbezweifeln wollen, wenn Sie also wirklich, wirklich ernst meinen, was Sie da schreiben, dann geht mir das – ohne Sie aus strategischen Interessen, wie Sie ja psychoanalyseaffinen Menschen bereits generalunterstellt haben, pathologisieren zu wollen – eindeutig zu sehr in eine Richtung, die mir suizidal erscheint. Wie wollen Sie von einem solchen Standpunkt aus sinnvoll begründen, warum Sie überhaupt tun, was Sie tun (etwa Ihr jüngstes Essayprojekt), warum Sie überhaupt „weitermachen“? (Und ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie, was auch immer, weitermachen können und wollen. Nur bitte keine Unvernunft …)

    Noch ein Beispiel für einen der zahlreichen logischen Widersprüche, die sich bei Ihnen finden: „dass der kollektive Wille sich … lebensbejahend zu den Sternen aufrichtet.“ Lol. Der „kollektive Wille“ (was auch immer das sein soll; empirisch habe ich den, zumindest jenseits kleiner Zweckgemeinschaften, jedenfalls noch nicht erlebt) ist also so krass übel „lebensbejahend“, dass er unbedingt den Blick von allem Tellurischen abwenden muss? Nun ja.

    Eins hab ich noch: Sie begehren auf gegen Adornos „Wissenschaftsfeindlichkeit“? Zitieren dann aber die von ihm mitkonstruierte F-Skala als Gewährsmoment für meinen Autoritarismus? Verzeihen Sie, aber da komme ich nicht mit … Ein grundsätzlicher Tipp: Vielleicht informieren Sie sich zunächst einmal darüber, etwa bei Emil Walter-Busch, wieviel die kontemporäre empirische Forschung, insbesondere im Bereich qualitativer Erhebungen, der Arbeit jener Gruppe um Frenkel-Brunswik, Adorno et al. verdankt, bevor Sie – so freigiebig wie tatsachenignorant – Antiwissenschafts-Prädikate von Ihrem hohen Ross der Wissenschaftlichkeit herab vergeben … wobei – halt! Sie vermeiden ja selbst jede Form des ernsthaften wissenschaftlichen Diskurses (u.d.h.: auf Basis der Argumentation mit geprüften (und von einem prinzipiell indefiniten Publikum prinzipiell jederzeit überprüfbaren) Gründen!), „wie der Teufel das Weihwasser“, nur damit Sie weiter hübsch polemisieren können. Lol.
    Und noch einmal zu den zitierten Autoritarismus-Studien (und auch zu Ihrer „Lektürefestigkeit“): Wenn Sie die gelesen hätten, wüssten Sie auch, dass ein Hauptkennzeichen des autoritären Charakters das „Treten nach unten sowie das Buckeln nach oben“ ist. Und nun Sie: „Was fällt, muss man stoßen.“ Ein Satz, gegen den ich mich – zumal als solidarische Prinzipien der Zwischenmenschlichkeit unbedingt befürwortender Mensch – deutlich verwehrt habe … Wer von uns beiden tritt hier? Nebenbei bemerkt liegt mir als überzeugtem Atheisten die Verehrung jedweder „Götzen“ fern. Warum das nun zwangsläufig heißen muss, dass man ‚kritische Köpfe‘ nicht aufrichtig schätzen darf (ohne Sie gleich zwanghaft von den Schultern schlagen zu müssen), erschließt sich mir nicht. An Adorno und Marx, auch an Freud (und bitte, heben Sie doch nicht ausgerechnet die glühende Postmodernistin Judith Butler, die noch dazu im radikalen theoretischen Widerspruch zu den Zuvorgenannten steht, auf dasselbe Niveau), habe ich im Übrigen mehr zu kritisieren, als Sie ganz offenbar über die ‚alten weißen Herren‘ überhaupt zu wissen scheinen (– wenngleich Sie noch so sehr das Gegenteil zu suggerieren bemüht sind und sich noch so sehr darauf versteifen, in mir den erz-orthodoxen Marxisten, Freudianer, Adorniten zu sehen. Verraten Sie mir bitte: woraus schließen Sie das? Dass ich sie zitiere? Dass ich sie gegen krasse Falschdarstellungen, die an Verleumdung grenzen, verteidige? Es gehört zu meiner Überzeugung, gegen derlei Unrecht aufzubegehren; dass würde ich folglich, im Fall der Fälle, konsequenterweise selbst bei Ihnen machen. Interessant, dass dies für Sie eine „inquisitorische“ Einstellung ist. Dabei sind es doch Sie, der die Welt brennen sehen will. Ich für meinen Teil jedenfalls, habe die Genannten in keiner Zeile inthronisiert. Das kam, meine ich, irgendwie virtuell von Ihnen. Ich sehe die „Kathedrale“ jedenfalls nicht, in der man Adorno huldigt. Den Ort, an dem Marx oder Freud heute jenseits (!) irgendwelcher kleiner akademischer Augurenzirkel (die in der Tat leider allzu gerne dazu neigen, „Sekten“ zu bilden), heute noch „verehrt“ werden, den müssen Sie mir bitte zeigen. Ich fürchte, ich habe genug Universitäten von innen gesehen, um zu wissen, dass diese wahrlich nicht der prioritäre Ort für ernsthafte Auseinandersetzungen mit Kritischer Theorie (oder „kritischer Theorien“ wie Marxismus und Psychoanalyse) sind. Und ja, das finde ich in der Tat bedauerlich.) Fernab davon fällt es mir übrigens einfach sehr schwer, den gegen mich gerichteten Vorwurf der „Götzenverehrung“ von jemanden auch nur anzuhören, dessen Kopf selbst – um Sie einmal abgewandelt zu zitieren – kacktief im Arsch von Nietzsche, „dem alten Meister“ [sic!], steckt.

    Oh, und „empfindlich“ reagiere ich übrigens in der Tat, ja, aber mitnichten auf ernsthafte Kritik (auch nicht an ‚großen Köpfen‘). Die sehe ich bei Ihnen allerdings (noch?) nirgends. Was Sie öffentlich verbreiten, ist m.E. bestenfalls als antiintellektualistische Ignoranz im prätentiös glänzenden Gewand, als Falschbehauptungen und aus dem Kontext gerissene, zu Pseudoargumenten hochstilisierte Verunglimpfungen zu bezeichnen, die die ganze Lächerlichkeit Ihres bilderstürmerischen Kleinst-heiligen-„ewigen-Krieges“ nur noch dadurch mit dicken, braunen Strichen untermalen, dass Sie sich mit jeder weiteren Zeile der Peinlichkeit preisgeben, zu offenbaren, dass Sie keine Ahnung haben, wogegen Sie eigentlich anschreiben.

    (5) Aber wissen Sie, was der wohl schärfste Dissens zwischen uns ist? Sie schreiben: „und es ist es auch nicht unbedingt wünschenswert in einer endgültigen Utopie zu leben“. Das Ihnen dabei nicht die Finger stocken! Im Gegensatz zu Ihnen halte ich die – mit Bloch gesprochen (denn eingedenk des akkumulierten Leids der Vergangenheit ist eine Utopie faktisch nicht (mehr) realisierbar) – Konkretisierung der Utopie (u.d.h. eben keineswegs, wie Sie fälschlicherweise behaupten, deren bloße ‚konkrete Ausmalung‘ und anschließende Durchsetzung ‚by any means necessary‘) für unbedingt wünschenswert. Warum „Utopie“ für Sie gleichbedeutend mit „Stillstand“ ist (siehe auch oben), lässt sich vermutlich auch nur psychoanalytisch erklären. (Das erspare ich Ihnen und mir an dieser Stelle.) Jedenfalls ist diese Identifikation – zumal für einen „Literaten“! – ausgesprochen phantasielos. (Die Konflikte, die und der „ewige Krieg“ (ach, dieses pathetische Geblubber), den Sie – ich behaupte: ebenfalls psychoanalytisch erklärbar – so unbedingt herbeisehnen, lassen sich doch, wie Sie beweisen, wie eigentlich unser ganzer „Scheindiskurs“ hier beweist, ganz wunderbar virtuell austragen. – Und mit „virtuell“ meine ich nicht „online“.) Meinen „Geist“ jedenfalls würde ein abgesichertes, unbedingtes Grundeinkommen eher „vital halten“, als stete, immerwährende Todesangst. Denn die ist mit meiner „biophilen“ Grundhaltung (Fromm), mit meinem brennenden Lebenswusch, nur schwer vereinbar. Aber ich verkenne ja auch „die gesellschaftlichen Verhältnisse massiv.“ Haben Sie mal in den letzten Tagen aus dem Fenster geschaut? Da tobt er, Ihr „ewiger Krieg“. Und er frisst täglich Abermillionen Seelen. Weiter so!

    Ihr einziges Problem scheint aber bei all dem zu sein, dass ich etwas gegen Kunst, gegen ästhetische Betätigung, ästhetisches „Spiel“ hätte. Auch hier bauen Sie sich wieder einen Pappkameraden auf und beweisen einmal mehr Ihre hermeneutische Unfähigkeit, denn: Nein, ich habe nichts dergleichen je behauptet. Ich habe absolut nichts gegen Formen des ‚ästhetischen Spiels‘ (wäre auch schlecht, als praktizierender Musiker und Autor). Aber diese „Spielereien“ werden nur eben dann nicht „total“, wie Sie schreiben, wenn es auf rational einholbarer (!) Grundlage – mit Wittgenstein: im Rahmen (intersubjektiv gültiger) Regelfolge – geschieht. (Diese bemühen Sie ja selbst, um mir zu erklären, dass man Kunst eben „nicht mit den Maßstäben von anderen gesellschaftlichen Situationen oder Systemen messen“ darf.) Aber diese ‚regelkonformen Regellosigkeiten‘ haben nun einmal, ob Sie wollen oder nicht, nicht das Mindeste zu tun mit Ihrer nihilistischen Romanze. Die ist einfach nur relativistisch … und eben damit auf eben jene brutale Weise „totalitär“, wie Sie sie mir (projektiv) vorwerfen. Abgesehen davon ergibt sich wohl früher oder später eine empirische Problematik: In einer brennenden Welt wie der unseren nur (!) noch zu spielen, wird die Brandherde nicht löschen. Aber das wollen Sie ja auch gar nicht. Dann müssen Sie jedoch damit leben, dass jemand wie ich dies zutiefst verachtenswert findet.

    Aber nun gut. Verbrennen Sie mal weiter Ihre Heiligenbildchen, fahren Sie weiter Karussell, köpfen Sie weiter Ihre Götzen (gerne auch die, die Sie für die meinen halten) – schließlich „muss“ (!) „so manche [sic] Götze … noch erschlagen werden“, laben Sie sich an der neuen Asche – oder was auch immer Ihr sonderbares Bedürfnis nach (virtuellen) Gewaltphantasien, von denen Ihre Zeilen durchaus triefen, so befriedigt.

    Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Spielen – das bleibt ja schließlich unverbindlich. Zumindest eine Zeit lang. Verbrennen Sie sich nur nicht.

    Ihnen ein erfülltes Leben.

    Antwort

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.