Die Angst Schriftsteller gewesen zu sein [Vom Schreiben]

Es gibt eine mit dem Imposter-Syndrom verwandte Angst, die unter uns in der schreibenden Zunft recht häufig umgeht: die Angst davor, keine Schriftsteller mehr zu sein, das Schreiben zu verlernen, die Verbindung zur Muse zu verlieren. Auch bekannt als die große Angst vor der niemals endenden Schreibblockade.

Wenn ich behaupte, dass ich Schriftsteller bin, glauben mir das die meisten spätestens nach einer kurzen Googlesuche. Denn mittlerweile sind selbst die Algorithmen davon überzeugt, dass ich einer wäre. Wie nennt man auch sonst eine Person, von der bereits eine Handvoll Kurzgeschichten, Romane und Artikel abgedruckt wurden und die jeden Monat Essays in den Cyberspace ballert? Es gibt schließlich sogar Leute, die sich selbst voller Stolz als Schriftsteller bezeichnen, obwohl sie noch nicht einen Satz außerhalb des Deutschen Schriftstellerforums veröffentlicht haben. Da sollte jemand wie ich erst recht einer sein, oder?

Doch gelegentlich kommt es vor, dass ich selbst mir nicht sicher bin, ob ich tatsächlich ein Schriftsteller bin. Oder konkreter: ob ich noch einer bin und ob ich der bedeutungsvollen Bezeichnung als solcher überhaupt würdig bin. Das wirkt auf den ersten Blick natürlich etwas ironisch, schließlich tippe ich gerade mal wieder einen kurzen Text für meinen Blog und du liest ihn gerade. Aber diese Zweifel sind real und sie überkommen mich wie wahrscheinlich jeden Kreativen immer wieder.

Und das liegt nicht daran, dass ich als Philosophiestudent zwanghaft alles nonstop anzweifeln würde. Im Gegenteil: „Der vernünftige Mensch hat gewisse Zweifel nicht.“ (Ludwig Wittgenstein, ÜG §§220), ist etwas, was selbst den verwirrtesten Relativistenköpfen schon nach dem ersten Semester in der Regel einleuchtet. (Und Leuten, die etwas Ahnung von Naturwissenschaften haben, ist es meist auch ohne Wittgenstein schon von vorherein klar, dass Zweifel wie das Salz in der Suppe sind, und man die Suppe nicht finden wird, wenn man sie unter einem Salzbergwerk begräbt. Aber ich schweife ab.)

Nein. Ich zweifel daran, ob ich noch ein echter Schriftsteller bin, weil ich nicht immer schreibe und es mir immer wieder schwer fällt. Deswegen zweifel ich oft, ob ich der Bezeichnung Schriftsteller überhaupt würdig bin. Ich liebe das Schreiben nämlich, aber ich widme ihm oft weniger Zeit und Energie als ich gerne würde und manchmal kommt es ganz zum Halt. Es gab Phasen in meinem Leben, vor allem während der stürmischen Episoden meiner Pubertät, in denen ich jeden Tag unermüdlich schrieb, bis die ausgeleierten Notizbücher sich stapelten und die Farbe von den Tasten abblätterte. Doch diese Tage sind schon längst vorbei.

Mittlerweile schreibe ich eher zyklisch, zumindest was die Literatur angeht. Während ich ohne größere Schwierigkeiten jeden Monat ein, zwei Essays zu Papier bringe und die guten davon auf meinem Blog veröffentliche, vergehen mittlerweile mitunter Monate, machmal auch fast ein ganzes Jahr ohne dass ich eine einzelne vernünftige Kurzgeschichte, geschweige denn einen Roman vervollständige.

Stattdessen füllt sich die Festplatte mit Skizzen, Dialogfetzen, halben Kurzgeschichten, fragmentarischen Kapiteln – aber aus all den Fetzen mag nichts Feste sich zusammenfügen, denn die schöpferische Kreativität ist eine wankelmütige und unberechenbarbare Muse. Zeit den Geist vernünftig zu sammeln oder ausreichend Begeisterung, um aus den Fetzen mit geistiger Gewalt etwas zu formen, fehlt auch allzu oft. Schließlich bin ich nicht nur ein Literat.

Das Leben will gelebt, das Studium studiert, Arbeitserfahrung gesammelt, die Politik beeinflusst, Unternehmen unternommen, die Liebe geliebt, die Freundschaften gepflegt, die Diskussionen geführt, die Investitionen getätigt, die Bücher gelesen, die Abenteuer der Wirklichkeit wollen ausgekostet werden – und so bin ich oft mehr damit beschäftigt, begeistert die Geschichte meines eigenen Lebens durch Taten zu schreiben, statt meiner einst als Berufung erkannten Wortkunst folgend Geschichten an der Tastatur niederzuschreiben.

Vor kurzem telefonierte ich mit einem Leser über einen möglichen Gastauftritt meinerseits in seinem Podcast. Irgendwann merkte er bewunderungsvoll an, ich wäre doch ein außergewöhnlich produktiver Schriftsteller. Ich zuckte unwillkürlich zusammen.

Dass ich so unglaublich viel schreibe mag zwar von außen so wirken – und ich behaupte es gern von mir, denn im Vergleich zum Durchschnitt erscheint es wie sehr viel, was ich tue, vor allem, wenn man Essays betrachtet. Tatsache ist aber, dass der erdrückende Großteil meiner veröffentlichten Literatur in kurzen, intensiven Schaffensphasen entstanden ist. Wie zum Beispiel der letzten intensiven Schaffensphase von November 2019 bis April 2020, in der ich den bisher unveröffentlichen Roman „Levian Kain“, den Roman „Der Faschist“ und einen ganzen Stapel Kurzgeschichten verfasste. Seitdem habe ich was Literatur angeht nur noch vereinzelte Kurzgeschichten zusammenkratzen können. Und ob und wann die nächste solch eine intensive Schaffenphase mich in ihren Bahn zieht? Ich kann es nicht genau vorhersagen.

Stattdessen sitzt dann in den freien Augenblicken oft ein leicht frustrierter junger Mann vor dem Bildschirm voller Literaturpuzzelstücke und fragt sich, ob er denn das literarische Schreiben verlernt hat; ob die Muse ihn verlassen haben könnte. Und dann kommt die große Angst: Was, wenn die nächste Schaffensphase ausbleibt? Was, wenn ich durch irgendeinen mysteriösen psychologischen Mechanismus den Zugang nicht mehr finden werde zu den Höchstleistungen meiner Kreativität? Was, wenn ich kein Schriftsteller mehr bin und es nicht mehr schaffe einen Roman zu schreiben?

Die Zukunft ist etwas, worüber ich viel nachdenke. Mitunter mit der Akribie eines chinesischen Parteikaders konstruiere ich Leitplanken, Zielvorgaben und Meilensteine, an denen ich mich für Monate, Jahre und Jahrzehnte entlanghangel. Die meisten von diesen Zielvorgaben haben aber wenig mit dem literarischen Schreiben zu tun. Kreativität, Innovation, die Lust der Muse und der Einfall einer brillianten Idee, die eine neue Schaffensphase einleiten könnten, sind nämlich notorisch unvorhersehbar. Je länger solche Phasen der Trockenheit daher dauern, umso öfter erwachen in mir Zweifel gegenüber meines eigenen Titels als Schriftsteller.

Doch dann beruhige ich mich wieder: Bisher folgte nach jeder solcher unkreativen Phase des Lebens, eine nur noch intensivere Phase des Schaffens und Schreibens. Und es ist alles anderes als falsch, sich auch als Schriftsteller längere Auszeiten vom Schreiben zu nehmen. Im Gegenteil, es ist sogar notwendig, wie ich bereits in meinem Essay  „Über die Verantwortung von Autoren und den Wert der Erfahrung“ herausarbeitete.

Meine Romane und meine philosophischen Essays sind Botschaften von mir an meine geschätzten Mitmenschen. Eine meiner Kernbotschaften ist die Ermunterung „Ja“ zum Leben zu sagen – inklusiver aller Abenteur, Verantwortungen, Pflichten und Schönheiten. Angefangen bei Nathan, der in meinem Roman ‚Crackrauchende Hühner‘ dem Erzähler Daniel das Smartphone aus der Hand schlägt; über Edgar in „Das Erwachen des letzten Menschen“, der der „Schönen neuen Welt“ den Rücken kehrt; bis hin zu meinem essaystischen Feldzug gegen die Unterhaltungsindustrie. Mein Rat ist stets den Bildschirm so oft es geht auszuschalten, das Gehirn anzuschalten, und das reale Leben zu leben – zu lieben, zu schaffen, sich zu behaupten.

Kann ich mir dann wirklich verübeln, nach meinem eigenen Rat zu leben? Kann ich mir dann wirklich verübeln, dass ich den Laptop zuklappe und statt zu schreiben, mit meiner Freundin tanze, vegane Kochrezpte ausprobiere, Erfahrungen sammel, ein Unternehmen plane, mich politisch engagiere? Nein. Vor allem, weil ich zurückkomme. Ich komme jedes Mal zurück. Ich ziehe oft für Monate hinaus in die Welt, um neue Erfahrungen zu sammeln. Aber ich komme immer wieder zurück an den Schreibtisch, um das Erkannte hineinzutippen – denn ich kann als Schriftsteller gar nicht anders. Irgendwann holt mich die Muse stets ein und verschleppt mich wieder in eine Schaffensrausch – und darauf zu vertrauen, dass sie mich wieder rufen wird, ist der einzige Weg, nicht an der Kunst der Literatur zu verzweifeln und auch langfristig wirklich lesenswerte Literatur zu erschaffen.

Gerade die Zeit, in der wir Schriftsteller nicht schreiben, sondern wirklich leben und Erfahrungen in uns aufsaugen, ist  besonders wertvoll. Denn da pflanzen wir die Ideen, Eindrücke, Erfahrungen, welche es uns ermöglichen später eine reiche literarische Ernte einzufahren.

Wenn ich so auf meine literarische Produktion der vergangenen Jahre zurückblicke, so ist zweifelsohne die Quantität der literarischen Publikationen zurückgegangen. Dafür stieg Quantität der Erfahrungen, die Quantität der Essays, und am wichtigsten: die Quantität des Lebens und die Qualität der Literatur. Ein Schriftsteller, der sich nur auf das Schreiben versteht, ist weder sich noch der Welt von Nutzen; denn er hat nichts Authentisches zu erzählen am Lagerfeuer der Literatur, außer über die Erfahrung des Schreibens. Und das ist, nun, meist langweilig, außer vielleicht in einem fortgeschrittenen Stadium wie bei Bret Easton Ellis‘ Lunar Park.

Deswegen, mein Rat an alle jungen Autorinnen und Autoren, die auch gelegentlich an dieser Angst leiden das Schreiben zu verlernen: Hört nicht auf diese Zweifel. Wenn das Schreiben wirklich eure Berufung und Leidenschaft ist, wird es zu euch zurückkehren. Fürchtet euch daher nicht in das Leben hinauszuziehen, zu leben. Auch Ernst Jünger, Ernest Hemingway, George Orwell, J.R.R. Tolkien haben sich in die Schützengräben gestürzt, in die Arme der Liebe und das Abenteuer des Lebens, und auch dafür die Stifte nicht selten für einige Zeit ruhen lassen. Denn schließlich schreiben wir, um dem Leben Ausdruck zu verleihen und es zu bereichern, nicht um es zu ersetzen und zu knechten. Und wer noch nicht gelebt hat, kann auch nicht viel vernünftiges schreiben, weshalb die meisten Schriftsteller ja auch erst ihre Durchbrüche in einem vollständig erwachsenen Alter um die Dreißig erleben, wenn nicht sogar viel später.

Okay, dieser Post war mal wieder ziemlich so self-indulgent and self-referencial, aber das muss auch mal sein, schließlich ist das ein Autorenblog. Ein metamoderner Schriftsteller am Ende der Postmoderne, der nicht über das Schreiben schreibt – gibt es soetwas überhaupt? Andere, vor allem noch junge, Schriftsteller sind wohl die Zielgruppe dieser kurzen Reflektion. Sie können wohl auch am meisten aus diesem kurzen Text ziehen. Ich hoffe, er macht jedoch auch etwas verständlicher, dass ich nicht nur Schriftsteller bin, und womit man so in dieser Zunft hadert. Das Schreiben: Es ist ein Lebensstil. Es ist ein Kampf. Es ist etwas wirklich sonderbares und oft widerspenstiges, so wie jede Kunst und Kultur der Menschen.

 


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Nikodem Skrobisz

Nikodem Skrobisz, auch unter seinem Pseudonym Leveret Pale bekannt, wurde am 26.02.1999 in München geboren. Er ist als Journalist und Schriftsteller tätig und hat bereits mehrere Romane und Kurzgeschichten publiziert, die meist philosophische und gesellschaftliche Themen behandeln. Zurzeit ist er Vorstandsmitglied des Bundesverband junger Autoren und Autorinnen e.V... Er studierte Kommunikationswissenschaften und Psychologie, und studiert zurzeit Philosophie und Sprache, Literatur und Kultur. Halbprivate Einblicke gibt es auf Instagram

2 Gedanken zu „Die Angst Schriftsteller gewesen zu sein [Vom Schreiben]

  • Vielleicht findest Du im Studium ja auch Freude am wissenschaftlichen Schreiben und wirst Wissenschaftler. Es gibt allerdings auch Wissenschaftler, die schreiben als zweites Standbein auch literarisch.

    Antwort
  • Hi,

    ich finde zu der Fragestellung passt als Antwort sehr gut die Geschichte um Stephen King und sein Buch bzw. die Reihe „der dunkle Turm“. Besonders die Einleitung des ersten Bandes 😉 – 19

    Also dran bleiben!
    LG

    Antwort

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