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Narrative Ästhetik: Können Narrative ästhetisch sein – und falls ja, wie?

1. Einleitung

Kann eine Geschichte ästhetisch sein? Oder etwas präziser und zugleich allgemeiner formuliert: Können Narrative die Objekte eines ästhetischen Urteils sein und falls ja, wie ist das möglich? Auf den ersten Blick scheint das keine schwierige Frage zu sein, schließlich scheinen wir ästhetische Urteile zu fällen, wenn wir Erzählungen als schlecht oder schön, langweilig oder spannend bewerten. Auch scheint es intuitiv bei Narrativen ähnlich wie in der bildenden Kunst so etwas wie bestimmte ästhetische Stile zu geben, die von Menschen als unterschiedlich ansprechend empfunden werden – in der Literatur gibt es kafkaeske oder lovecraftsche Geschichten, in der Politik heroische und antagonistische Narrative. Doch wenn wir genauer hinsehen, scheint es gar nicht so klar zu sein, ob unser ästhetisches Erleben von Narrativen tatsächlich genauso funktioniert wie das von materiellen Artefakten wie Gemälden oder Bildern. Wenn wir sagen, dass eine Geschichte „schön“ ist, ist das die gleiche Art von „Schönheit“, wenn wir über ein Gemälde sprechen? Die Existenz einer Narrativen Ästhetik erscheint im Licht einer sorgfältigen Betrachtung alles andere als klar zu sein.

2. Die Probleme einer Narrativen Ästhetik

Wenn in der Philosophie, Psychologie und Neurologie sich mit Ästhetik befasst wird, so fokussiert sich die Untersuchung von ästhetischen Erlebnissen und Urteilen vor allem auf materiell vorhandene Artefakte der bildenden Kunst und Architektur. Wenn narrative Kunstformen wie Literatur und Film mal herangezogen werden, so rückt der Fokus der Untersuchung schnell auf Inhalt und Form – darauf wie ein Bild wirkt, das Framing einer Szene, ein Lichteffekt, der Klang eines Verses – doch die ästhetische Beurteilung von Narrativen, jenen abstrakten Seelen von Literatur und Film, ist ein weitestgehend blinder Fleck in der Erforschung der Ästhetik. Was kein Zufall ist, denn Narrative unterscheiden sich (ähnlich wie Musik) von gängigen materiellen Artefakten in drei fundamentalen und das Erfassen eines gegebenenfalls vorhandenen ästhetischen Urteils erschwerenden Aspekten: (1) Ihrer Immaterialität oder mentalen Essenz, (2) ihrer temporalen Extension und (3) ihrer Medialität und Kontextualität.

(1) Alle gängigen als ästhetisch erlebbaren Artefakte der bildenden und darstellenden Künste sind sinnlich zugänglich, sogar die Musik ist es. Narrative sind es nicht, sie können nur mental erlebt werden. Narrative sind per se abstrakte, mentale Muster von Vorstellungen meist kausal verwobener Ereignisse, Symbole und Charaktere. Sie können zwar durch Sprachen und Symbole vermittelt werden – in Form eines Hörbuchs, eines Textes, eines Stummfilms et cetera, und all diese Trägermedien sind an sich ästhetischen Urteilen zugänglich, aber sie sind nicht identisch mit dem Narrativ, welches sie tragen. Während ein Gemälde oder ein Filmeszene ein sinnliches Objekt und damit wissenschaftlich operationalisierbar ist, existiert ein Narrativ nur als Vorstellung von sinnlichen Erlebnissen, die sich über einen längeren Rezeptions- und Reflektionszeitraum im individuellen Bewusstsein und Gedächtnis bildet.

(2) Narrative haben damit zusätzlich eine signifikante temporale Extension während ihrer Rezeption: so kann es sein, dass wir erst ein, zwei hundert Seiten eines Romans über mehrere Tage hinweg lesen, bis das große Narrativ sich in unserem Kopf in seiner Gänze zusammensetzt und es mental erlebbar und vollständig beurteilbar ist.

(3) Narrative brauchen aufgrund ihrer mentalen Natur materielle Trägermedien in Form von Sprache oder Kunst. Narrative und visuelle Artefakte sind daher in der Regel eng miteinander verwoben, am stärksten in Filmen, aber auch in politischen Erzählungen durch Symbole, Gesten und Bilder; sogar ein Roman bedient sich mit Titelbild, Formatierung und Schriftarten visueller Medien, sodass es kaum möglich ist, konfundierende Variablen auszuschließen, wenn man ein Narrativ auf seinem reinen ästhetischen Gehalt untersuchen will, denn das Medium selbst kann und wird ästhetisch beurteilt. Nicht nur das: Narrative sind durch Subtexte und Paratexte in einer Kultur stehts in einem Cluster von komplexen Memes und weiteren Narrativen eingewoben, sodass ihr Rezeption massiv von einem individuellen Kontext abhängt.

Dies führt auch zu der meisten Verwirrung bei der Untersuchung von ästhetischen Urteilen von Narrativen. Wenn jemand gefragt wird, ob er zum Beispiel die Geschichte Bruce Waynes in dem Film „The Dark Knight“ als ästhetisch erlebte, so ist ein „Ja“ oder „Nein“ nicht unbedingt eine klare Antwort. Wenn er sich nämlich an sein Erlebnis des Films zurückerinnert, so wird er zweifelsohne auch sein ästhetisches Urteil zu den visuellen Elementen des Films wie Stunts, Effekten, Kostümen und Lichteffekten sein Urteil beeinflussen, vielleicht sogar vollständig füllen. Ebenso ist es bei einem Hörbuch: Ist die Geschichte per se schön oder war der Klang der Stimme des Vorlesers so angenehmen? Narrative werden nie pur erlebt, sondern sind immer Teil einer größeren Komposition aus Artefakten, sprachlichen und visuellen Stilmitteln. Den gegebenen vorhandenen Anteil des Narratives am ästhetischen Urteil herauszufiltern erscheint empirisch kaum möglich und nur introspektiv zugänglich.

Auf dem introspektiven Weg dieser Filterung begegnen uns jedoch Probleme der sprachlichen Konfusion: Wenn eine Geschichte eine Tragödie ist, wie Shakespeares „Macbeth“ oder Sophokles‘ „König Ödipus“, wird kaum ein Mensch von sich aus sagen, dass die Geschichten schön sind, enden sie doch mit tragischem Leid, welches alles andere als angenehm oder moralisch gut ist. Jedoch scheinen diese Geschichten intuitiv eine hohe ästhetische Qualität zu haben – über ihre Formen und Medien hinaus, die nach tausenden von verschiedenen Adaptionen heutzutage kaum noch in Originalform rezipiert werden – und die auf das ihnen inhärente Narrativ zurückzuführen ist. Dieser ästhetische Wert scheint – neben anderen – intuitiv auch zu der hohen Fitness als Memes in der kulturellen Evolution und Überlieferung dieser Geschichten beizutragen. Ähnliches lässt sich auch über politische Narrative, insbesondere von marxistischen oder sorelianischen Mythen intuitiv annehmen.

Narrative, diese unsichtbaren Fadenknäule aus mentalen Repräsentationen und Konstruktionen, sind so wenig greifbar wie eine Metapher. Man kann sie in fein säuberliche – und meist auch selbst ästhetisch anmutende – Formalisierungen gießen wie die 3-Akt oder 5-Akt Struktur oder auch eine Ringform, wie der von Dan Harmon Story Circle, der selbst auf Joseph Campbells Konzept der Heldenreise basiert. Man kann sich auch nach Richard Dawkins aus der darwinistischen Perspektive der Memetik analysieren, aus George Sorels machiavellistischen Mythos-Sicht oder aus einer Diskurstheorie wie Habermas oder Foucault. Aber all diese Formalisierung, all diese Versuche Narrative oder auch nur ein partikuläres Narrativ theoretisch zu erfassen, sind selbst Narrative über Narrative, Meta-Narrative.

Narrative sind nämlich im Leben von uns Homo narrans überall: sie sind die Methode mit der wir unsere Identitäten konstruieren (vgl. McAdams 2001), unser Wissen über die Welt integrieren, ihm Sinn geben und daran navigieren. Narrative strukturieren als cognitive primitives (vgl. Comer, Taggart, 2021, S. 102) unser ganzes Erleben von uns Selbst und der Welt. Von der Geschichte, die wir uns selbst erzählen darüber wer wir sind, was wir gerade tun, über die Geschichten der Menschheit und der Welt, über die Vermittlung moralischer Werte, die Navigation unseres Alltags und das soziale Miteinander, wird unser Denken und Erleben durch eine engmaschige, ständig wandelnde Matrix aus subjektiven Narrativen geleitet. Das Streben aus dieser subjektiven Matrix auszubrechen, sich aus der Subjektivität zu befreien und das Objektive zu greifen zu bekommen, ist der wissenschaftliche Prozess. Mit all seinen Methoden durch Operationalisierung, empirisches Testen und Falsifizieren versucht die empirische Naturwissenschaft die narrative Subjektivität von der Wirklichkeit zu schälen, um die Realität freizulegen. Sie ist – im Hinblick auf die Geschichte der letzten Jahrtausende der Menschheit – neben den logischen Strukturwissenschaften wie Mathematik und Informatik, sicherlich die darin erfolgreichste Methode. Doch gerade wenn es um die Erfassung der Subjektivität selbst geht – zum Beispiel bei dem Versuch Bewusstsein, Narrative oder Qualia zu operationalisieren – tut sich die Naturwissenschaft hier oft schwer zu einem größeren Verständnis beizutragen. Was nicht verwundern sollte, sind ihre Methoden doch darauf ausgelegt genau das Subjektive aus dem Weg zu räumen, was sonst die Sicht auf die Realität verzerrt.

Allerdings: Mögen Geist und Natur subjektiv und beim methodischen Zugang geschieden sein, so sind sie objektiv Teil der gleichen Realität, leben wir Menschen doch schließlich in – wie es scheint – einer physikalischen Welt und sind ein Teil von ihr, mit jedem einzelnen Neuron und damit zwangsläufig auch mit jeder einzelnen noch so unsinnigen Idee, die darüber verrechnet wird. (vgl. Comer, Taggart 2021, S.11) Deswegen ist es gar nicht so abwegig darauf zu setzen, dass die Naturwissenschaften zumindest bald in der Lage sein werden uns aufzuklären, ob das ästhetische Urteil über die Geschichte vom Hexer Geralt das gleich ästhetische Urteil ist wie das über ein Gemälde von Van Gogh.

3. Eine empirische Lösung durch die Neurologie

Wie können uns die empirischen Naturwissenschaften dabei helfen zu klären, ob Narrative selbst Gegenstände ästhetischer Erfahrungen und Urteile sein können? Entgegen einem weitverbreiteten Skeptizismus unter den Geisteswissenschaftlern, die wohl aus Unbehagen über das Eindringen der Naturwissenschaften in ihre ureigene Domäne, gern einen vermeintlichen Szientismus beklagen oder sich in poststrukturelle Semantikspiele flüchten, hat die Neurowissenschaft mittlerweile einiges Substanzielles über die materiellen Substrate narrativer Erlebnisse zu sagen.

Die seit Jahren rapide sinkenden Kosten für Technologien wie fMRI-Scans ermöglichen es Neurowissenschaftlern mittlerweile in ihrer Forschung holistischer vorzugehen. Statt wie in früheren empirischen Forschungen der Psychologie und Neurowissenschaften einzelne Reize möglichst zu isolieren und dann einen Schnappschuss von der korrelierenden Hirnaktivität zu machen, können nun Gehirnaktivitäten über längere Zeiträume hinweg präzise aufgezeichnet werden. So ließ zum Beispiel ein Forschungsteam um Alexander Huth und Jack Gallant Probanden 10 bis 15 Minuten lange Podcasts hören, während diese in fMRI Scannern lagen. Die Auswertung der Gehirnaktivität, während der Rezeption dieser längeren Narrative, ermöglichte es dem Forschungsteam einen semantischen Atlas zu entwerfen, eine Karte der Aktivitäten und Interkationen verschiedener Hirnaktivitäten für verschiedene Bedeutungen und Begriffe. (vgl. Comer, Taggart, 2021, S.146) Mittlerweile verstehen wir immer mehr, wie Gedächtnis, Vorstellungskraft, Semantik und die Verarbeitung von externen Stimuli im Gehirn ablaufen – und auch wenn die Wissenschaft noch weit entfernt zu sein scheint von einer integrierten Theorie, einer vollständigen Karte, die die wundersamen Mechanismen des menschlichen Gehirns endgültig entschlüsselt, nähern wir uns dieser immer weiter an. Eigene Bücher wie „Brain, Mind and the Narrative Imagination“ von Christopher Comer und Ashley Taggart integrieren immer mehr der neurologischen und psychologischen Forschung zu einem Verständnis, welches die Lücke zwischen Geisteswissenschaften und Naturwissenschaft zu schließen verspricht.

Trotz dieser Fortschritte steht die Neurowissenschaft in vielerlei Hinsicht noch an den Anfängen beim Erlangen des Verständnisses über das Zusammenspiel der neurologischen Substrate, ihrer komplexen Interaktionen und den daraus resultierenden subjektiven Erlebnissen, von Bewusstsein, über Qualia bis hin zu Narrativen. Das Schlagen der Brücken zwischen dem Subjektiven und dem Objektiven ist hier die größte epistemische Herausforderung und wird noch einige Innovationen und Integrationen in der wissenschaftlichen Methodik abverlangen, bis das Jahrhunderte alte Schisma zwischen Geistes- und Naturwissenschaften überwunden wird. Gleichzeitig kämpfen die Neurowissenschaften damit, dass empirische Beobachtungen und Korrelationen zwischen vielen konfundierenden Hirnaktivitäten und subjektiven Erlebnissen sich wohl nie restlos zu klaren Kausalmodellen aufdröseln lässt. Das Gehirn ist stetx aktiv und reaktiv und in einem Labor in einem fMRI Scanner zu liegen, eine starke konfundierende Variable, da es doch ein eher wenig alltägliches Erlebnis für die meisten Probanden ist. Es lässt sich auch nicht durch diese rein empirischen Methoden Korrelation und Kausalität restlos unterscheiden, es lässt sich nicht prüfen, ob das Gehirn gerade das Narrativ oder vielmehr einen konfundierenden Reiz wie ein visuelles Stimuli als ästhetisch beurteilt. Was ästhetische Urteile genau sind, wie sie funktionieren, ob sie Affekte oder etwas anderes sind, lässt sich zum aktuellen Stand noch nicht mittels der neurowissenschaftlichen Methoden restlos klären. Ebenso wenig bieten sie aktuell eine Antwort auf unsere Frage, ob Narrative ästhetisch sein können.

4. Eine logische Lösung durch den Kognitivismus

Ein alternativer Weg, um sich der Lösung unserer Frage zu näheren, ohne auf das eventuell erfolgreiche Fortschreiten der Neurologie zu warten, ist von unserem Verständnis der Ästhetik zu den Narrativen hinab zu deduzieren, ob sie denn ästhetisch sein können. Statt abzuwarten, bis empirisch alles abgetastet wurde, können wir im Vogelflug gleich von oben hinab betrachten, wie eigentlich Ästhetik funktioniert und ob es hier eine Überschneidung zum Reich der Narrative gibt. Eventuell auch ein paar Hypothesen induzieren, um sie später zu prüfen.

Einen Weg für dieses Vorgehen liefert die Theorie des Aesthetic Cognitivism bzw. ästhetischen Kognitivismus. Dieser Denkschule nach bestimmt sich der ästhetische Wert eines Artefakts wesentlich durch seine Natur als eine Quelle des Verstehens, ausgehend von Nelson Goodmans These: „the arts must be taken no less seriously than the sciences as modes of discovery, creation, and enlargement of knowledge in the broad sense of advancement of the understanding, and thus that the philosophy of art should be conceived as an integral part of metaphysics and epistemology” (Nelson, 1995, S. 102)

Die Theorien des ästhetischen Kognitivismus können im Grund auf zwei Behauptungen reduziert werden: „(1) Epistemic claim: Artworks have cognitive functions (2) Aesthetic claim: Cognitive functions of artworks partly determine their artistic value“ (vgl. Baumberger 2013, S.1)

Wenn wir etwas als ästhetisch empfinden, so erkennen wir kognitiv ein Muster, welches uns ein besseres Verständnis der Welt liefert und bestehendes Wissen hilft besser zu integrieren und zu verknüpfen. Zum Beispiel empfinden die meisten Menschen eine zartrosane Errötung auf den Wangen einer jungen Frau als äußerst ästhetisch, wobei diese zugleich eine soziobiologische Signalkraft über die Gesundheit der Frau hat, also ein besseres Verständnis über ihren Zustand ermöglicht. Ein Film oder ein Buch erweitert unser Verständnis der Welt noch weiter, weil es uns andere Situationen, Welten und Persönlichkeiten simulieren und besser verstehen lässt. Gemälde, Theaterstücke und Gedichte funktionieren gerade dadurch, dass sie die Welt „verdichten“, sie konzentrieren komplexe und weite Zusammenhänge in Metaphern oder sie heben bestimmte Aspekte der Welt oder von Beziehungen in ihr hervor, sodass wir sie deutlicher erkennen und kognitiv verarbeiten können. Literatur und Film, also narrative Kunstformen, werden in Texten zum ästhetischen Kognitivismus besonders oft als Beispiele angebracht – was nicht verwundert, sind Narrative ja von ihrer Natur aus Erklärungen, die uns das Verständnis der Welt erleichtern.

Narrative, die eine besonders starke Erklärungskraft zu haben scheinen, wirken besonders ästhetisch und damit anziehend auf uns. Wobei hier anzumerken ist, dass das nicht bedeutet, dass sie auch wahr sein müssen. Viele Verschwörungstheorien, populäre Bilder und Mythen haben eine unglaubliche Erklärungskraft und sind entsprechend oft ansprechend – vernünftig, geschweige denn wahr sind sie dennoch in der Regel nicht. Aber sie ermöglichen ein Verständnis, denn sie verknüpfen und erweiterten bestehendes Wissen, zu integrierten Wissenskörpern.

Narrative scheinen von dieser Betrachtungsweise heraus wesentlich für den kognitiven und damit ästhetischen Wert eines Anschauungsobjekts. Bei genauerer Betrachtung, scheinen Narrative die Grundlage von Ästhetik zu sein. Wenn Narrative cognitive primitives sind und als small spatial stories die Grundlage unseres mentalen Begreifens darstellen, wie es Mark Turner theoretisiert (vgl. Comer, Taggart 2021, S.102), dann ist es plausibel, dass die verdichteten Muster, die wir als kognitiv reichhaltig verarbeiten und damit ästhetisch wertvoll erleben, nichts als winzige Narrative sind. Ein Gemälde erzählt schließlich etwas – zwar nicht mit der Sprache, aber mit Bildern – so erzählt zum Beispiel Pablo Picassos Guernicagemälde eindrucksvoll, verdichtet quasi, vom Schrecken der Luftangriffe der Legion Condor auf die Stadt Guernica während das Spanischen Bürgerkriegs. Überzeichnet und abstrakt illustriert und erklärt es den Schrecken sogar stärker, als ein Sachtext es ermöglichen würde. Zugleich ist dieses Gemälde ein gutes Beispiel für den Unterschied zwischen Schönheit und Ästhetik, den wir bereits zuvor streiften, als es um Tragödien ging: Kaum jemand wird dieses Gemälde als wirklich schön beschreiben, sein ästhetischer Wert lässt sich jedoch kaum bestreiten – und mit seinem kognitiven, narrativen Gehalt effektiv erklären.

Die Antwort auf unsere initiale Frage könnten demnach lauten: Nicht nur können Narrative ästhetisch sein – Ästhetik ist narrativ, und zwar jede Form von Ästhetik. Was wir als ästhetisch erleben, ist das Erkennen von stimmigen, kognitiv wertvollen Mustern, die die Welt erklären, also Narrativen. Kleine, nicht-sprachliche Narrative bei Gemälden, Statuen und der Musik, gemischte Narrative in Film und Theater und die explizitesten Narrative in sprachlichen Kunstformen wie der Literatur.

5. Schlussgedanken

Letzendlich reicht keine einzelne Methodik vollständig aus, um das komplexe Zusammenspiel von Ästhetik und Narrativen in das Licht der Erkenntnis zu bergen. Das logische Vorgehen, das Bilden von Theorien wie der des ästhetischen Kognitivismus, bieten Hypothesen, doch erst deren empirische Prüfung durch die Naturwissenschaften wird uns einen sicheren Halt für unsere Annahmen bieten und uns erlauben das Wissens als vorläufig bestätigt oder zumindest noch nicht falsifiziert zu benutzen. Die in dieser Arbeit formulierten Ideen und die Möglichkeit Narratologie und Ästhetik zu vereinen, indem man von einem ästhetischen Kognitivismus ausgehend Narrative als cognitive primites für ästhetisches Erleben annimmt, sollen nur als Anstoß für weitere Überlegungen und Untersuchungen dienen.

Was bringt uns das nun?, mag so mancher Leser sich bereits gefragt haben. Was bringt das zu wissen, ob und wie die Ästhetik einer Geschichte die gleiche Art von Ästhetik ist wie die eines Gemäldes? Was bringt es uns überhaupt den Kopf zu zerbrechen, wie Ästhetik und Narrative und vor allem ihr Wechselspiel miteinander funktionieren? Ist das nicht alles überintellektualisierte Haarspalterei, ein Haufen nutzloser semantischer Spiele? Hätte ich die Zeit nicht besser damit verbracht über eine Effizienzsteigerung bei den Produktionsabläufen von Halbleiterchips nachzudenken, statt über Ästhetik und Narrative?

Narrative Ästhetik, die Anschauung wie Narrative ästhetisch oder Ästhetik narrativ sein können und der theoretische Zugang dazu, den ich hier skizziert habe, nutzen vermutlich direkt höchstens Schriftstellern und Philosophen. Indirekt nutzt sie uns allen, denn wofür leben wir Menschen denn, wenn nicht für Ästhetik und Narrative? Wenn nicht um das Schöne und Wertvolle zu erleben und in Geschichten zu gießen, und wenn es nur Geschichten über uns selbst sind? Halbleiterchips, Reisfelder und Raffinerien ermöglichen unser modernes Überleben, aber unsere Zivilisation, die wiederrum erst den Raum für diese Technologien schafft, wird von Narrativen zusammengehalten, sie wird erst davon ermöglicht. Der Mensch ist ein erzählendes Wesen, ein homo narrans, und das ist, was uns von den meisten Tieren unterscheidet, und es ist die Grundlage unserer Kultur, unserer Zivilisation, unserer Wissenschaften und Anschauungen, die wir nur zu oft nach dem Ästhetischen ausrichten.

Die fundamentalen Fragen, die sich an dem komplexen Zusammenspiel von Geist und Materie auftun, sind aufgrund ihrer Schwierigkeit jene an denen wir unsere epistemischen Werkzeuge zu schmieden und schleifen haben, wenn wir im Verständnis dieser Welt und uns selbst voranschreiten wollen. Denn sie ermöglichen uns besser zu verstehen wer wir sind, was die Welt ist und wie wir durch ihre Wunder und Wagnisse am besten navigieren können. Auch das ist ein Narrativ.

6. Quellen

Armstrong, P. B. (2008): Form and History: Reading as an Aesthetic Experience and Historical Act. In: Modern Language Quarterly 69 (2), S. 195–219. DOI: 10.1215/00267929-2007-032.

Baumberger, Christoph (2013): Art and Understanding. In Defence of Aesthetic Cognitivism. Online verfügbar unter https://philpapers.org/rec/BAUAAU-2.

Comer, Christopher Mark; Taggart, Ashley (2021): Brain, mind, and the narrative imagination. London, New York, Oxford, New Delhi, Sydney: Bloomsbury Academic.

Cools, Arthur; Verheyen, Leen (2019): The Cognitive Value of Literary Fiction. An Introduction: Zenodo. Online verfügbar unter https://zenodo.org/record/4067143.

Goodman, Nelson (1995): Ways of Worldmaking. 7. Aufl. Indianapolis: Hackett.

McAdams, Dan P. (2001): The Psychology of Life Stories. In: Review of General Psychology 5 (2), S. 100–122. DOI: 10.1037/1089-2680.5.2.100.

Skrobisz, Nikodem (2020): Rechtsextreme Verschwörungstheorien und faschistische Mythen. Hg. v. Der Freydenker. Online verfügbar unter https://www.derfreydenker.de/2020/08/02/rechtsextremismus-und-verschworungstheorien-sorelianische-mythen-im-faschismus-und-der-grose-austausch/, zuletzt aktualisiert am 21.02.2022, zuletzt geprüft am 27.03.2022.

 


Anmerkung zur Genese: Ich schrieb diesen Essay als eine Hausarbeit unter großem Zeitdruck und in einem Schmerzdelirium. Die eine Woche direkt vor der Deadline, die ich für das Schreiben dieses Essays eingeplant hatte, verbrachte ich unglücklicherweise damit schlaflos vor Schmerz mit einer Infektion der Wunde einer Weisheitszahnextraktion zu kämpfen. Entsprechend entspricht dieses Arbeit im Gegensatz zu z.B. meiner Abhandlung zu Dark Academia nicht ganz meinen eigenen Standards was Qualität und Umfang angeht, aber ich hoffe, dass ich zumindest ein oder zwei wertvolle Gedanken einfangen konnte.


Dies ist eine Hausarbeit zum Seminar: Philosophische und psychologische Ästhetik

Dozent: Prof. Dr. Joerg Fingerhut

Wintersemester 2021/2022

Ludwig-Maximilians-Universität München

Fakultät für Philosophie, Wissenschaftstheorie und Religionswissenschaft

Benotung:


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Nikodem

Nikodem Skrobisz, auch unter seinem Pseudonym Leveret Pale bekannt, wurde am 26.02.1999 in München geboren. Er ist als Journalist und Schriftsteller tätig und hat bereits mehrere Romane und Kurzgeschichten publiziert, die meist philosophische und gesellschaftliche Themen behandeln. Er studierte Kommunikationswissenschaften und Psychologie, und studiert zurzeit Philosophie und Sprache, Literatur und Kultur. Halbprivate Einblicke gibt es auf Instagram

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