Die globale Bullshit-Krise

Unsere Politik, Kultur und Diskurse sind voll mit Bullshit. Tonnenweise ergießen sich mentale Grütze und Schwachsinn aus unseren Feeds und den Mündern von Talkshowgästen, Politikern, Verschwörungsideologen, Verwandten, Freunden und viel zu oft uns selbst. Von Jahr zu Jahr scheint dabei diese Informationsmülllawine, die unsere Köpfe umspült und ertränkt, anzuschwellen. Gerade das chaotische vergangene Jahr 2020 hat gefühlt zu einem exponentiellen Wachstum der bullshit-produzierenden, realitätsfremden Massen an Querulanten, selbsternannten Querdenkern, Aktivisten und Schwätzern geführt, die mit ihren geistigen Ausscheidungen vor allem die Weiten des Internets defäkieren.

In diesen Fluten an Unwahrheiten und Schwachsinn wird es immer schwieriger den Kopf drüber zu halten und einen nüchternen Blick auf die Tatsachen zu bewahren, sowohl individuell als wahrheitssuchende Person, als auch als Gesellschaft, die zwischen den Herausforderungen der Gegenwart zu navigieren hat.

Um zu verstehen, wie wir in diesen Sumpf geraten sind – und auch, um nach einem Ausweg zu suchen – muss man zuerst verstehen, was überhaupt Bullshit ist. Dafür hat der Philosoph Harry G. Frankfurt zum Glück bereits 1985 mit dem berühmten Essay ,On Bullshit‘ die Grundlagen gelegt. [0]

In seiner (äußerst lesenswerten) sprachphilosophischen Analyse des Bullshits als Sprechakt zeigt Frankfurt, dass wir das Phänomen des Bullshits differenzieren müssen vom Lügen. Wenn Menschen Bullshit von sich geben, dann bluffen sie, äußern Dinge, von denen sie nicht wissen, ob sie wahr sind oder nicht – und bei denen es ihnen auch egal ist, ob sie wahr sind oder nicht. Gebullshitet wird nicht, um die Realität zu beschreiben, sondern oft aus geistiger Trägheit oder um egoistische Ziele durchzusetzen – die eigene Unwissenheit zu maskieren, andere von etwas überzeugen, Macht und Geld zu erlangen, sich selbst in seinem Ego zu bestätigen. Dadurch ist aber auch Bullshit überall – Menschen geben ihn dauernd im SmallTalk von sich, wenn sie keine Ahnung haben, aber mitreden wollen, und Politiker und Marketingfachleute geben konstant hochpolierten Bullshit von sich, um ihre Zielgruppen zu überzeugen. Dies macht Bullshit auch so omnipräsent und gefährlich, denn wie Frankfurt schreibt:

„Wenn jemand sich exzessiv dem Bullshitten hingibt, also nur noch danach fragt, ob Behauptungen ihm in den Kram passen oder nicht, kann seine normale Wahrnehmung der Realität darunter leiden oder sogar verlorengehen. Der Lügner und der der Wahrheit verpflichtete Mensch beteiligen sich gleichsam am selben Spiel, wenn auch auf verschiedenen Seiten. Beide orientieren sich an den Tatsachen, nur dass der eine sich dabei von der Autorität der Wahrheit leiten lässt, während der andere diese Autorität zurückweist und es ablehnt, ihren Anforderungen zu entsprechen. Der Bullshiter hingegen ignoriert diese Autorität in toto. Er weist die Autorität der Wahrheit nicht ab und wiedersetzt sich ihr nicht, wie es der Lügner tut. Er beachtet sie einfach gar nicht. Aus diesem Grunde ist Bullshit ein größerer Feind der Wahrheit als die Lüge.“ – Bullshit, S. 44

So wenig wie sich der Bullshitter um die Wahrheit und Realität schert, so wenig kümmert sich diese aber um ihn: Der Klimawandel findet mit seinen zerstörerischen Folgen statt, egal ob ihn ein Wirrkopf für eine Erfindung der Grünen hält; Chromosome und Genitalien existieren, egal was poststrukturalistische Genderextremisten von sich geben; Krebs lässt sich nicht mit Zuckerkügelchen und Obst heilen, egal wie oft es der Heilpraktiker behauptet; und wenn man Pech hat, wird Corona einem den letzten Atem rauben, egal wie laut man davor brüllte, es wäre nur eine Erfindung von Bill Gates.

Bullshit und dessen gefährlichen Konsequenzen für unsere epistemischen Fähigkeiten zu bekämpfen, sollte daher die Pflicht eines jeden klar denkenden Menschen sein – der erste Schritt besteht dabei zuerst bei sich selbst aufzuräumen und sich auf das gute alte „si tacuisses, philosophus mansisses“ zu besinnen. Man sollte sich angewöhnen nur das zu sagen, was man wirklich guten Gewissens als die Wahrheit bezeichnet, statt einfach nur daherzureden. Im zweiten Schritt müssen wir die systematischen Ursachen untersuchen und angehen.

Von den Ursachen der globalen Bullshit-Krise
Es gibt zweifelsohne heutzutage mehr Bullshit als früher, allein weil er zusammen mit dem Internet mittlerweile unseren ganzen Alltag durchdringt und sich viel zu viele Menschen hauptberuflich mit Bullshit beschäftigen, wofür es früher weder die Plattformen noch die Zeit noch die Ressourcen gab.

Harry Frankfurt stellt in seinem Buch die zentrale These auf, dass:
Bullshit ist immer dann unvermeidbar, wenn die Umstände Menschen dazu zwingen, über Dinge zu reden, von denen sie nichts verstehen.“ Bullshit, S.45

Die Ursachen, welche die Umstände erzeugen, in welchen Menschen dazu gezwungen – oder auch verführt – werden, zu bullshitten, sind allerdings äußerst vielfältig.

Falsche Authentizität und Hypermoralismus
Am Ende seines Essays kommt Harry Frankfurt zu der Konklusion, dass eine der Ursachen für die kontemporäre Bullshit-Schwemme im postmodernen Skeptizismus zu suchen ist. Immer mehr Menschen zweifeln an einem objektiven Zugang zur Wirklichkeit und der Möglichkeit objektiver Fakten. Sie glauben, dass es weder möglich noch erstrebenswert wäre herauszufinden wie die Dinge wirklich sind. Statt sich am Ideal der Korrektheit und der Wahrheit zu orientieren, haben sich viele Menschen stattdessen einem Ideal der Authentizität und Aufrichtigkeit zugewandt. Sie stellen ihr subjektives Erleben, ihre Gefühle und Ressentiments über Fakten und Logik; und gesamtgesellschaftlich dann oft die Politische Korrektheit, ergo die Linientreue zu ihren Ressentiment-Ideologien, über die Wahrheit an sich.

Egal ob es Trump-Anhänger sind, die dessen post-faktisches Geschwurbel als vermeintliche Authentizität preisen, oder linke Aktivisten, die von den authentisch verletzten Gefühlen marginalisierter Identitätsgruppen schwadronieren. Anstelle dem Streben nach einer objektiven Wahrheit und dem Versuch Entscheidungen danach auszurichten, wird aus Gefühlen, Politischer Korrektheit und Subjektivität heraus argumentiert. Es zählt nicht, wie die Dinge wirklich sind, sondern wie sie sich für einen selbst anfühlen und wie man sie gerne hätte – und so wird schnell alles, was einem nicht gefällt, als Diskriminierung und Unterdrückung umgedeutet.

Für die eigene Bequemlichkeit und Machtgier wird die Wahrheit ermordet – das Verbrechen maskiert mit Bullshit, der mal populistisch platt als Trumpismus, mal hochtrabend geachtet als postmoderner Poststrukturalismus daherkommt, am häufigsten als Tweet, Meme oder Post aus nicht immer nachvollziehbarer Quelle.

Exemplarisch für diese Mentalität steht die 2019 viralgegangene Aussage der us-demokratischen Abgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez, die in einem CNN-Interview auf die in ihren Reden häufig falschen Zahlen angesprochen sagte, „factually correct“ zu sein, wäre weniger wichtig als „morally right“ zu sein. Ebenso wie die weitverbreitete Mentalität, jede Meinung wäre gleichwertig, ist dies eine Kapitulation vor der Unwahrheit.

Demokratie, Freiheit und Propaganda
Eine eng mit diesem Subjektivismus und Relativismus verknüpfte Ursache der Bullshit-Pandemie ist zweifelsohne der westliche Egalitarismus und die daraus hervorsprudelnde und andauernde Demokratisierung und Politisierung des Lebens und Denkens, die durch die Sozialen Netzwerke und die Hochkonjunktur des Aktivismus als lukrativen Job und säkulare Religion zunehmend akzeleriert wird. Das sich aus einer demokratischen Ordnung hervorgehende Eindringen des Politischen in jeden Lebensbereich – angefeuert von irrationalen, gesinnungsethischen Parolen wie silence is violence und Sprachverhunzung – führt nicht zu einem engagierten, mündigen und woken Bürger. Im Gegenteil. Dadurch, dass Menschen dazu aufgefordert werden, zu allem eine Meinung zu entwickeln und Haltung einzunehmen – aber niemand die kognitiven und zeitlichen Kapazitäten hat, um wirklich zu allem fundierte Überlegungen anzustellen – entsteht und reproduziert sich eine Menge unreflektierter Bullshit.

Oder wie Frankfurt es auf den Punkt bringt:
„Das Fehlen jedes signifikanten Zusammenhangs zwischen den Meinungen eines Menschens und seiner Kenntnis der Realität wird natürlich noch gravierender bei einem Menschen, der es für seine Pflicht als moralisch denkendes Wesen hält, Ereignisse und Zustände in allen Teilen der Welt zu beurteilen.“– Bullshit, S.46

Zusätzlich ermöglichen es die Toleranz und Freiheiten der westlichen Demokratien feindlichen Akteuren wie China und Russland viel leichter deren Sozialen Netzwerke und Informationsnetze im Zuge von Propaganda und hybrider Kriegsführung mit professionalisierten Bullshit in Form zerstörerischer Fake News, Verschwörungstheorien und Polarisierungen vollzupumpen. [1] (Ich verweise hier auf meinen Artikel ,Das Trümmerfeld des Informationskrieges‘) Auch ermöglicht diese demokratische Freiheit das Entstehen von Informationsterrorismus im Stile von QAnon, bei dem die Realitätswahrnehmung unzähliger Menschen zerstört wird, um sie auf politische Feinde zu hetzen. Generell ist die Produktion und Dissemination von qualitativ hochwertigen Bullshit, um in einem von der öffentlichen Meinung gelenkten System wie der Demokratie an die Macht zu kommen, ein Erfolgsrezept, welchem sich nicht nur die Populisten unserer Gegenwart, sondern auch schon die Demagogen des 20. Jahrhunderts spätestens seit Sorel bedienten. [8]

Dieses chaotische Durchdringen der demokratischen Diskurse mit Bullshit ist zweifelsohne in diktatorischen Systemen wie dem des kommunistischen Chinas, wo die Informationsströme streng überwacht und gefiltert werden, kein Problem. Allerdings wird dafür der Bevölkerung dort quasi mit dem Schlagstock der feinste, schwer zu durchschauende Bullshit von Propagandaabteilungen eingeprügelt. Die von russischen und chinesischen Funktionären oft geäußerte Ansicht, die Medien hätten sich nicht der Wahrheit, sondern der Parteilinie zu verschreiben, ist nichts anderes als ein offenes Bekenntnis zum systematischen Bullshit. [2]

Summa summarum sind Diktaturen nicht weniger voll mit Bullshit, als Demokratien – nur ist er in Diktaturen geordnet und wirkt systemstabilisierend, während die Demokratien durch den unkontrollierten Bullshit dahinerodieren und ihre Bürger statt unmündig, oft schlicht wahnsinnig werden. Die systemstabilisierende Wirkung in Diktaturen wird allerdings teuer erkauft mit Innovationshemmnis und Unfreiheit, sowie gefährlichen Fehlanreizen, die zu katastrophalen Entscheidungen führen können, wie dem anfänglichen Vertuschen von SARS-Cov-2 durch das kommunistische Regime, welchem wir die heutige Pandemie zu verdanken haben. [3] Und auch wenn Demokratien dadurch, dass jeder – also auch Leute wie meine Wenigkeit – fröhlich bloggen kann, selbst ohne des Segens eines Propagandaministeriums, instabiler werden, so stärkt dies ebenso die Funktion der Öffentlichkeit als Kritische vier Gewalt und beschleunigt Fortschritt durch freien Wissensaustausch.

Wohin man aber auch sieht: Die postmodernen Gesellschaften, egal ob diszipliniert oder frei, sind voll mit Bullshit. Wir haben es mit einer globalen Bullshit-Krise zutun.

Exponentielle Komplexität
Was niemanden überraschen sollte. Die Welt – im Sinne von Kommunikationsnetzwerken, Informationsströmen, Technologien, Logistik, kulturellen Sphären und asymmetrischen Konfliktlinien, Datenmengen, Erkenntnissen der Naturwissenschaften – wird immer komplexer und ausdifferenzierter. Man muss oft mittlerweile ein Thema monate-, wenn nicht sogar jahrelang studiert haben, um es überhaupt wirklich zu begreifen. Eine Menge an Zeit, die sich eigentlich nur die obersten Schichten einer Gesellschaft wirklich nehmen können, und selbst die tun es selten, weil dafür auch eine gewisse atypische, ans Manische grenzende Wahrheitsliebe notwendig ist, wie sie selbst unter professionellen Wissenschaftlern und Philosophen rar ist.

Wenn man daher 100 zufällig ausgewählte Menschen in einen Raum sperren und von ihnen verlangen würde, ad hoc eine Meinung zu äußern zu einem der großen politischen Herausforderungen der Gegenwart – Klimawandel, Massenmigration, Genetik, Coronapandemie, demographischer Niedergang – so könnte man diejenigen, die ihre Meinung auf fundiertem Wissen basieren könnten, wahrscheinlich an einer Hand abzählen. Allen anderen – also der erdrückenden Mehrheit – bliebe es nur sich auf eine Ideologie, etwas aus zweiter Hand oder eben leeres Gerede, ergo Bullshit, zu verlassen.

Dass dabei insbesondere bei demokratischen Diskursen die Wahrheit untergeht in der Flut des Halbgaren und wirr Zusammengesponnenen, sollte niemanden verwundern.

Narzissmus
Der seit 1968 und nochmal durch den Aufstieg sozialer Medien akzelerierende westliche Individualismus hat zu einer Narzissmus-Epidemie in den westlichen Kulturen geführt, wie mittlerweile auch empirische Studien der Sozialpsychologie belegen. [4] [5] Plump gesagt, immer mehr Menschen halten sich selbst für den Mittelpunkt der Welt, haben immer höhere Ansprüche an die Gesellschaft, akzeptieren aber keine Pflichten zum Ausgleich, und glauben, sie hätten ein Recht auf alles, aber vor allem gehört und für ihre vermeintliche Genialität und Einzigartigkeit bewundert zu werden.

Am offensichtlichsten ist dies bei rechtsextremen Verschwörungsideologen, die glauben, es wäre Zensur, wenn kein vernünftiger Mensch und keine seriöse Zeitung ihrem Schwachsinn eine Plattform bieten will; sowie bei den linken Blockwärtern auf Twitter und Tumblr, die jeden als einen Nazi beschimpfen, der sie nicht in ihren eigenen jämmerlichen Ressentiments bestätigt und beim 1000-Gender-LARPen mitmachen will. Die Hybris findet sich überall, subtil durchzieht sie fast jeden Diskurs.

Auf jeden Virologen oder Epidemiologen, der die Gefahren von SARS-Cov-2 fachkundig einschätzen kann, kommen hunderte vor ignoranten Selbstbewusstsein strotzende Bullshiter, die sich selbst für klüger halten und ihren zusammengeklickten Unsinn auf Facebook posten. Auf jeden ausgebildeten Ökonom kommen hunderte von Aktivisten, deren Verständnis des kontemporären Finanzsystems auf platten Vorurteilen, einem blinden Ressentiment oder den regressiven Schriften von Linksextremen des 19. Jahrhunderts basiert.

Doch es ist nicht nur der emotionale und ideologische Irrsinn einzelner, die ihren Sinn in Verschwörungstheorien, blinden Aktivismus oder Wichtigtuerei suchen. Es sind auch die perverse incentives eines unterregulierten Unterhaltungs- und Informationsmarktes, die maßgeblich zur Produktion, Finanzierung und Verbreitung von Bullshit beitragen. Unzählige Verlage, YouTube-Kanäle, Blogs und Organisationen dienen und leben von keinem anderen Zweck, als (moralistischen) Bullshit diverser Gruppen zu organisieren, professionell aufzuarbeiten und im Gewand vermeintlicher Seriosität zu verbreiten.

Der Sieg der Gier über die Tugend der Wahrheit
Es ist mittlerweile ein lukratives Geschäft geworden Bullshit zu produzieren und zu teilen. Je phantastischer, größer und haarsträubender und somit wahrheitsfremder dabei der Unsinn, desto mehr Aufmerksamkeit, Klicks, Reichweite und Geld lässt sich damit erzielen [1]; womit aufrichtig zu sein kurzfristig schon fast ein Wettbewerbsnachteil ist. Dies trifft nicht nur auf die klassische Arbeit von Marketingagenturen und PR-Abteilungen zu, die seit jeher die Menschen oft mit leeren Phrasen zuschütten, um sie zu überzeugen ein Produkt zu kaufen oder einen Kandidaten zu wählen.

Egal ob man nun Verschwörungstheorien verbreitet und dann von seinen fanatischen Anhängern und ausländischen Propagandaabteilungen Spenden einsammelt, oder ob man skandiert, dass an allen Weißen die Erbsünde des Rassismus heften würde, für die sie gerade mal mit dem Ablass in Form von Workshops und sogenannten Antirassismus-Training etwas Buse tun können[12]: Es fließt schnell Geld, und nicht nur das. Donald Trump brachte es zu einem Vermögen und letztendlich ins Weiße Haus durch die jahrzehntelange Dissemination von Bullshit über alle Kanäle, während Organisationen wie Greenpeace mit Bullshit über Gentechnik irrationale Ängste schüren, um ihre Kassen zu füllen.

Ganze Lehrstühle, insbesondere in den Randbereichen der Geistes- und Sozialwissenschaften wie den Gender Studies, leben von der Produktion von Bullshit, wie vor nicht allzu langer Zeit die bekannten Grievance Studies amüsant der Welt vorführten. [6] [7] Die Sozialen Netzwerke sind voller Akteure, die Geld damit verdienen, massenweise aussehenerregende aber oft inhaltlich komplett falsche Bilder, Memes, Videos und Posts zu produzieren; von vermeintlichen „Psychologie-Fakten“-Memeseiten über „Coaches“, die Geld damit verdienen, indem sie Leuten erzählen, wie sie angeblich reich werden können. Bullshit war noch nie so lukrativ wie heute, wenn man nach Geld oder Macht strebt. Nicht wenige scheuen nicht davor, über die Leiche der Wahrheit zu gehen, ohne zu bedenken, welchen Preis sowohl die Gesellschaft als auch sie selbst dafür zahlen werden müssen – ein herausragendes Beispiel ist dafür Donald Trump, der mit Bullshit an die Macht kam, aber dafür mit seinem eigenem Realitätssinn bezahlte und wie es aktuell aussieht, auch deswegen aktuell sein Lebenwerk und den Wert seiner Marke dahinerodieren sieht.

Aufgrund der massiven externen Effekte, die ein gänzlich unregulierter Informations- und Ideenmarkt erzeugt, sind Regulierungen und Gegenmaßnahmen z.B. in Form von Faktenchecks, letztendlich unvermeidbar.

Sprache
Wenn man einigen der Frankfurt vorausgehenden Sprachphilosophen folgt, wie Ludwig Wittgenstein, ist die Ursache des Unsinns bereits tief in dem schlampigen Gebrauch der Sprache der meisten Menschen verwurzelt. Allein schon wenn wir Metaphern verwenden wie „Ich fühle mich so elendig wie ein überfahrener Hund“, so bullshitten wir auf der Mikroebene, denn wir können als Menschen unmöglich wissen, wie sich ein überfahrener Hund tatsächlich fühlt. Damit ist diese Metapher von der Wahrheit losgelöster Bullshit.

Der Großteil des Smalltalks und fast alles Poetische und Phantastische sind strenggenommen Bullshit. Dieses simple Sprechen beeinflusst und formt letztendlich auch unser Denken und Handeln, und so ist es unser eigener geäußerter und gehörter Bullshit, der kumuliert unseren Verstand und den Blick auf die Wahrheit trübt. Zusammen mit anderen Denkern der analytischen Philosophie formulierte Wittgenstein daher nach Frege, das Brechen der „Herrschaft des Wortes über den menschlichen Geist“ als eine der Hauptaufgabe der modernen Philosophie. Logik und Sprachanalyse sollten dafür die Hauptwerkzeuge darstellen. Allerdings ist das – zumindest meines Erachtens nach – eine radikale und limitierende Sisyphusarbeit, die weder ausreicht, noch in ihrer Gänze erfüllbar ist.

Was nun?
Bullshit gänzlich aus unseren Leben zu entfernen ist unmöglich – und in manchen Bereichen wie spezifischen Formen der Unterhaltung, Literatur und Ästhetik ist dies auch gelegentlich weder wünschenswert noch sinnvoll. In allen anderen – vor allen den politischen Bereichen und unseren Beziehungen – ist es jedoch notwendig den Verstand durch Demut, eine Sensibilisierung für die Problematik, durch eine breite Allgemeinbildung und die Aneignung philosophischer und wissenschaftlicher Methoden zur Faktenprüfung gegen Bullshit zu wappnen. Wir müssen Bullshit klar erkennen und ihn sorgfältig von dem Wahrhaftigen trennnen. Zur grundlegenden geistigen Hygiene gehört es, sich möglichst von Bullshit und Bullshitern fernzuhalten und sie beim Namen zu nennen, wo immer man ihnen begegnet.

Auf einer systematischen Ebene – der der Kultur und der medialen Diskurse sowie der Politik insbesondere – wird die Bekämpfung der Bullshit-Pandemie jedoch eine der großen Herausforderungen des Informationszeitalters, die wohl nur durch ein gesamtgesellschaftliches Umdenken über unseren Umgang mit Sprache, Information und Wahrheit gemeistert werden kann – wenn überhaupt.

Am Ende siegt immer die Wahrheit – aber sie tut es in der Regel nicht in dem Sinne, dass sie bekannt wird, sondern, sie siegt, indem die Realität langfristig alles und alle vernichtet, die sich ihr widersetzen.

 


Quellen und weiterführende Lektüre:

[0] Frankfurt, Harry, Bullshit
[1] Das Trümmerfeld des Informationskrieges
[2] China New World Media Order https://rsf.org/sites/default/files/en_rapport_chine_web_final.pdf
[3] Nach der Pandemie kommt die Zeit der Guillotinen
[4] Does a narcissism epidemic exist in modern western societies? Comparing narcissism and self-esteem in East and West German https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5783345/
[5] Christopher, Lasch: Culture of Narcissism
[6] Space Frogs, Wie sich US Gender Studies blamieren (YouTube)
[7] Murray, Douglas, The Madness of Crowds: Gender, Race and Identity
[8] Über Rechtsextremismus und Verschwörungstheorien: Die Macht des Mythos
[9] Lippmann, Walter: Die öffentliche Meinung: Wie sie entsteht und manipuliert wird
[10] Postman, Neil: Wir amüsieren uns zu Tode: Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie
[11] Frege, Gottlob: Über Sinn und Bedeutung
[12] Keilani, Fatina: Wenn Weißsein zum Makel gemacht wird (Tagesspiegel)
[13] Keilani, Fatina: Was ich erlebte, als ich über Antirassismus schrieb
[14] Fukuyama, Francis: Identität: Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet

 


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Nikodem Skrobisz

Nikodem Skrobisz, auch unter seinem Pseudonym Leveret Pale bekannt, wurde am 26.02.1999 in München geboren. Er ist als Journalist und Schriftsteller tätig und hat bereits mehrere Romane und Kurzgeschichten publiziert, die meist philosophische und gesellschaftliche Themen behandeln. Zurzeit ist er Vorstandsmitglied des Bundesverband junger Autoren und Autorinnen e.V... Er studierte Kommunikationswissenschaften und Psychologie, und studiert zurzeit Philosophie und Sprache, Literatur und Kultur. Halbprivate Einblicke gibt es auf Instagram

4 Gedanken zu „Die globale Bullshit-Krise

  • 12. Februar 2021 um 22:48
    Permalink

    So jetzt habe ich also auch mal die Zeit gefunden, dir einen ‚kleinen‘ Kommentar zu hinterlassen.
    Mein subjektives Urteil fällt sehr positiv aus. Wie auch sonst angesichts einer interessanten Thematik in einem hochattraktiven sprachlichen Gewand? Doch genug vom Honig und ran ans Eingemachte (Warnung, Polemik incomming):
    Was den Terminus Bullshit in meinen Augen sehr attraktiv macht, ist der Umstand, dass er meta-ideologisch – also losgelöst von konkreten Glaubensinhalten – mentale Strukturen beschreibt, welche unser Handeln beeinflussen. In politischen Diskursen versteifen sich die Menschen auf einzelne Inhalte anstatt die zugrundeliegenden (abstrakten) Strukturen ihrer Annahmen und Forderungen zu erkennen/verstehen (oft scheint es sogar so, als ob die Menschen einzig Inhalte als existent anerkennen und das obwohl sie von strukturellen Phänomenen sprechen, wobei in diesen Zusammenhängen ’strukturell‘ eher die Bedeutung ‚obskur‘ zu haben scheint). Plötzlich meinen Antifaschisten/Antirassisten auf der sicheren Seite zu stehen, obwohl ihr politischer/aktivistischer/zwischenmenschlicher Modus-Operandi erschreckende (strukturelle) Kongruenzen mit ihren inhaltlichen Feinden aufweisen. Der Terminus „Bullshit“ könnte – sofern wir ihn vor dem Missbrauch als Schlagwort und dementsprechend der begrifflichen Abstumpfung (wie es leider bei Ausdrücken wie Rassismus bereits geschehen ist und weiter geschieht) bewahren – ein Bewusstsein für die all unserer Glaubensinhalte zugrundeliegenden Strukturen begünstigen, was ich langfristig als intellektuell sehr hygienisch für eine Gesellschaft erachte.
    Anhand von Narzissmus lässt sich auch sehr gut illustrieren, was mit mentalen Strukturen (unabhängig ihrer ideellen Realisierung/Inhalte) gemeint werden kann. Ich will diese Überlegung mit einer für manche womöglich steilen These einleiten:
    Jeder Angehörige einer ideologischen Gruppe, sei sie politisch, religiös etc., ist Teil dieser, Kraft seines egoistischen Willens (ich gebrauche egoistisch in diesem Zusammenhang rein deskriptiv. Egoismus ist nicht an und für sich schlecht). Es handelt sich bei diesem Willen um einen mentalen Mechanismus, welchen wir zwangsläufig gebrauchen müssen, denn um über die eigenen subjektiven Phänomene zu herrschen bedarf es einer egoistischen Autorität (im individuellen Geiste), welche gemein hin „Ich“ genannt wird. In diesem Zusammenhange ist das funktionale Verhältnis zwischen diesem „Ich“ (bzw. Selbst(bild)) und dem Glaubenssystem entscheidend. Glaube ich an etwas, weil ich aufrichtig von dessen Richtigkeit überzeugt bin? Oder glaube ich an etwas, weil mein „Ich“ (als ‚regulative‘ Idee oder Vorstellung von einem Selbst) durch ein ideologisches Narrativ als Kämpfer/Held für Gerechtigkeit, Gleichheit, das Überleben der weißen Rasse usw. inszeniert werden kann? Letzteres ist Überkompensation durch ideelle Selbstbefriedigung und offenbart lediglich den tragischen Wunsch nach Nähe und Bestätigung aufgrund eines sehr niedrigen Selbstwertes (ohne diesen dabei tatsächlich anzuheben sondern vielmehr durch das geistige Verhalten zu bestätigen). Wobei angemerkt sei, dass man natürlich auch sehr leicht ein narzisstisches Bild seiner Selbst als „Wahrheitssucher“ und der gleichen aufbauen könnte, dementsprechend ist Vorsicht oder besser Achtsamkeit geboten. Hier illustriert sich auch eine weitere Stärke des Bullshit-Begriffs von Frankfurt: man suche und spüle den selbigen zuallererst in sich selbst.
    In deinem Absatz über Sprache würde ich sagen, dass der Fehler der analytischen Philosophie darin bestand, einen bestimmten Gebrauch von Sprache lehren zu wollen, was zwangsläufig mit der Beschneidung und Einschränkung des vermutlich vielseitigsten Werkzeuges des Menschen einhergehen würde (und dementsprechend auch nicht erstrebenswert ist). Das Tolle an der Sprache ist eben ihr Vermögen sowohl (beinahe) messerscharf als auch knüppelstumpf zu sein. In meinen Augen wäre es ratsamer, den Menschen diese funktionale Vielfalt von Sprache (und die vielen theoretischen Auffassungen von ihr) zu lehren, anstatt einen bestimmten Gebrauch/eine bestimmte Gebrauchsweise zu diktieren. Vermittelt bitte ein Verständnis des Gebrauchs an sich und nicht eines bestimmten, wäre hier mein Motto.
    Abschließend möchte ich dir noch eine Frage stellen mein lieber Leveret:
    Du sprachst von Faktenchecks und ich stimme dir in ihrer Dringlichkeit zu, allerdings zerbreche ich mir den Kopf bezüglich ihrer Realisierung. Für mich käme lediglich ein dezentraler Ansatz in Frage, da ein digital-epistemisches Machtmonopol mir viel zu mächtig erscheint.
    Vielen Dank für den sehr interessanten Artikel sowie der Tatsache, dass du mich zum philosophischen Schreiben inspiriert hast.
    Mit lieben Grüßen
    Robert

    Antwort
    • 12. Februar 2021 um 22:49
      Permalink

      P.S.: Sollten sich beim Leser meines Kommentars Unklarheiten breitmachen, freue ich mich sehr darauf, Klarheit zu schaffen xD

      Antwort
  • 19. Februar 2021 um 22:10
    Permalink

    Zwar sind einige der hier geäußerten Gedanken in puncto Bullshit nicht uninteressant, aber dann ergeht der Text sich leider doch an vielen Stellen in allem Anschein nach aus zweiter Hand kommenden Abwatschungen, die eine eingehende Beschäftigung mit den Kritikgegenständen nicht unbedingt vermuten lassen. Ich will sagen, der Text reproduziert, was er kritisiert.

    Antwort
    • 19. Februar 2021 um 22:20
      Permalink

      Danke für deinen Kommentar! Der Text ist an vielen Stellen bewusst polemisch – aber ich kann versichern, dass ich mich mit den Zielen der Abwatschungen intensiv beschäftigt habe, sonst würde ich sie nicht als Beispiele aufführen. Die meisten von ihnen wurden bereits in vorherigen Publikationen von mir abgehandelt, auf die ich unter diesem Essay zum Teil verlinkt habe – und um nicht den Artikel zu einem ganzen Buch aufzublähen, verweise ich auch darauf.

      Antwort

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