Die Weisheiten antiker Erzählungen [Randgedanken]

Es gibt vieles, was unserer Vorfahren nicht klarer sehen, verstehen und besser wissen konnten als wir. Ihnen fehlten schlicht die Mittel und Methoden, um die Gesetze der Physik, die Existenz von Viren oder die Herstellungswege für Impfstoffe zu finden. Deswegen ist es in den allermeisten Fällen hirnrissig in alten Büchern nach nützlichen Erkenntnissen über die materielle Welt zu suchen.

Doch wenn um es um geistige Dinge geht, um tiefere Weisheiten über die menschliche Natur und das Leben, so haben unsere Vorfahren einiges klarer sehen können. Sie hatten den Vorteil, dass ihr Verstand noch nicht so sehr vom technokapitalistischen Smog benebelt, noch nicht so zugedröhnt war von falschen, repetitiv von Marketingkampagnen und Hollywood&Netflix-Produktionen in unsere Köpfe gehämmerten Illusionen und falschen Versprechen, noch nicht so ertränkt in dem digitalen Meer an nutzlosen und damit oft irreführenden Informationen.

Natürlich fehlten ihnen die präzisen Begriffe der sozialwissenschaftlichen Disziplinen unserer Gegenwart, um ihre Erkenntnisse formal niederzuschreiben, doch in ihren Erzählungen brachten sie diese Weisheiten symbolisch zum Ausdruck. So ist das Studium von alten Geschichten, Erzählungen und Symbolen, auch immer ein Studium der conditio humana, des menschlichen Monomythos und der Archetypen, die unser Dasein bestimmen und deren Befolgen uns zu einem tieferen Verständnis von uns selbst führen kann.

So erzählt exemplarisch bereits das älteste, uns erhaltene Stück Literatur der Menschheit – das über viertausend Jahre alte Gilgamesch Epos – eine Geschichte über die Menschwerdung des Gottkönigs Gilgamesch, die Menschwerdung des Tiermenschen Enkidu, die Liebe, die Macht der Freundschaft zwischen den beiden, das Leid des Todes und dessen Unausweichlichkeit.

Das Epos erzählt davon, dass was letztendlich aus uns vernunftbegabten Tieren wahre Menschen macht, die Erkenntnis und Akzeptanz unserer eigenen Sterblichkeit ist, sowie unsere Fähigkeit zur freundschaftlichen, erotischen und romantischen Liebe. Ohne den unausweichlichen Tod, der unsere Zeit begrenzt und zu Demut zwingt, und ohne die Kunst der Liebe, die uns Transzendenz ermöglicht, Trost angesichts des Todes spendet und zum Heroismus auffordert, wäre das menschliche Leben sinnlos.

Das ist eine der tieferen Wahrheiten, die man sowohl sich durch das Leben, als auch durch das mühsame Studium von dicken Wälzern wie Heideggers Sein & Zeit oder eben am bequemsten und schönsten durch die Lektüre alter Geschichten und Mythen lernen kann. Natürlich immer aus einer kritischen Perspektive – schließlich haben sich die Kulturen und ihre Normen seit den antiken Zeiten auch in vielerlei Hinsicht aus guten Gründen verändert – aber die Wurzeln, die Genealogie der Gegenwart zu verstehen und zu erkennen, dass alles eine gewaltige Vorgeschichte hat und manches sich kaum geändert hat, ist ebenso erhellend. Wer nur die Gegenwart und deren Zeitgeist kennt, glaubt nur zu leicht an ihre Irrtümer und ist dazu verdammt, die Fehler der Vergangenheit und seiner Mitmenschen zu wiederholen.

 


Dieser kurze Artikel ist Teil meiner Randgedanken-Artikelreihe. Dabei handelt es sich mehr oder weniger nur um etwas ausführlichere Auszüge aus meinem Notizbuch, also Gedankenfragmente, die zu unausgereift und kurz sind, um einen Essay abzugeben, aber interessant und konzentriert genug, um sie als Anregung und Interpretationshilfe für meine restlichen Texte hier zu teilen.


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Nikodem Skrobisz

Nikodem Skrobisz, auch unter seinem Pseudonym Leveret Pale bekannt, wurde am 26.02.1999 in München geboren. Er ist als Journalist und Schriftsteller tätig und hat bereits mehrere Romane und Kurzgeschichten publiziert, die meist philosophische und gesellschaftliche Themen behandeln. Zurzeit ist er Vorstandsmitglied des Bundesverband junger Autoren und Autorinnen e.V... Er studierte Kommunikationswissenschaften und Psychologie, und studiert zurzeit Philosophie und Sprache, Literatur und Kultur. Halbprivate Einblicke gibt es auf Instagram

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