Dark Academia: Eine Fallstudie zu Internet Aesthetics im Performatismus

1. Einleitung

Seit seiner Entstehung transformiert das Internet fortwährend und in nie dagewesener Geschwindigkeit das Leben der Menschen. Diese Transformation ist dabei nicht nur technischer und wirtschaftlicher Natur: Das Internet vernetzt, durchdringt und gestaltet Kulturen. Wie kein Medium zuvor beherrscht die digitale Welt beinahe totalitär den Alltag, formt einen omnipräsenten ästhetischen Rahmen und ermöglicht zugleich neue Formen der dezentralisierten Kulturproduktion durch die mimetische Verbreitung und kollektive Ausformung von Ideen und kulturellen Artefakten.

Der Ausbruch der zum aktuellen Zeitpunkt noch immer andauernden SARS-CoV-2- Pandemie vor zwei Jahren stellt eine der bisher größten globalen Verwerfungen der jüngsten Geschichte dar, die auch diese Digitalisierung des kulturellen Lebens beschleunigte und viele digitale Trends so in den kulturellen Mainstream beförderte. Insbesondere auf der Nordhalbkugel verlagerte sich die Kulturproduktion, -konsumption und -diskussion fast vollständig ins Digitale. Die Grenzen zwischen virtueller und analoger Welt verwischten zunehmend, während das Internet zum Hauptmedium der Kommunikation und Kultur wurde. Analoge Theater, Kinos und Konzerte wurden abgesagt, Schulen und Universitäten verlagerten sich über lange Zeiträume auf die Bildschirme in den eigenen vier Wänden. Junge Menschen der Generation Z -geboren im Zeitraum 1997 – 2011 (vgl. Dimock, 2019) – wie Schüler und Studenten, deren Identitätsbildung, Charakter- und Personaentwicklung stark von der Interaktion mit Kulturen und Peergroups abhängt, stürzten sich daher noch stärker als zuvor in digitale Kulturräume, wie sie auf Social Media Plattformen von vor allem Instagram, Pinterest, reddit, tumblr und TikTok existieren, um sich selbst auszudrücken und ihre Identitäten zu definieren.

Einer der Trends, der sich durch den Aufschwung der Digitalisierung während der Pandemie rasant verstärkte und in den Mainstream gelangte, war die Bildung, Popularisierung und Konsolidierung von einer bestimmten Form von digitalen Subkulturen, sogenannten Internet Aesthetics. Vor allem unter Studenten, die nun des Campuslebens beraubt waren, bildete sich eine anhaltende Popularität für Dark Academia und verwandte Aesthetics heraus.

Das Ziel der hier vorliegenden Arbeit ist es Internet Aesthetics als Memeplexe anhand des Beispiels der digitalen Subkultur Dark Academia mithilfe des theoretischen Frameworks des Performatismus von Prof. Dr. Raoul Eshelman zu analysieren und aufzuzeigen, wie diese Phänomene als Teil eines größeren kulturellen Paradigmenwechsels nach der Postmoderne verstanden werden können.

2. Mimetische Subkulturen und Internet Aesthetics

2.1 Memes

Um zu verstehen, was Internet Aesthetics sind und wie sie funktionieren, muss man zuerst zumindest grob verstehen, wie Kultur allgemein im Internet funktioniert. Das Besondere am Internet ist nämlich vor allem, dass es auf der elementaren Ebene die Verbreitung von Memes, damit die Entstehung von kulturellen Mutationen und die Bildung von sogenannten Memeplexen sowie deren Institutionalisierung in kollektiven Akten spontaner Ordnung in einer nie dagewesenen Quantität, Freiheit und Geschwindigkeit ermöglicht. Man könnte auch sagen: Waren frühere Medien wie mündliche Überlieferungen und der Buchdruck noch eine Art von Ursuppe, in der erste Memeplexe sich bildeten, erleben wir bei der Memetik im Internet eine kambrische Explosion.

Doch was sind Memes? Der Biologe Sir Richard Dawkins etablierte das Konzept des Mem oder Meme[2] als das des elementaren kulturellen Replikators erstmals in seinem Buch „Das egoistische Gen“ von 1976 und legte damit die Grundlage für die Memetik. Laut der Memetik kann Kultur allgemein als eine Ansammlung, Produktion, Dissemination, Evolution und Rezeption von Memes beschrieben werden. Memes sind dabei kleinste, konzeptuelle Informationseinheiten wie eine Idee oder ein Gedanke, die zuerst als Bewusstseinsinhalte im Fühl- und Denkvermögen eines Individuums entstehen und sich durch Kommunikation und Imitation zu anderen Individuuen ausbreiten. (vgl. Bionity, 2022) Aufeinander verweisende und einander bedingende Memes bilden komplexe Cluster, sogenannte Memplexe wie zum Beispiel Religionen, Subkulturen und Ideologien.

Memes fungieren damit – ähnlich wie Gene bei der biologischen Evolution – als die fundamentalen Replikatoren bei der kulturellen Evolution. Ähnlich wie Gene „mutieren“ sie dabei: Individuelle Modifikationen, Reflektionen oder Missverständnisse ebenso wie Wechselwirkungen mit anderen Memes führen zu Veränderungen, von denen „fittere“ überleben. Darwinistischen Prinzipien folgend, verbreiten sich langfristig besonders jene Memes und Memeplexe, die besonders an den Selektionsdruck angepasst sind. Dabei sind Memes, da ihre Verbreitung durch Kommunikation und nicht durch biologische Fortpflanzung erfolgt, nicht zwangsläufig den gleichen Faktoren beim Selektionsdruck wie Gene unterworfen.

Dawkins illustriert das zum Beispiel anhand des Zölibats bei Religionen: Das Meme des Zölibats verstärkt im darwinistischen Sinne die Fitness des gesamten Memeplexes einer Religion, weil z.B. die Vertreter der Katholischen Kirche so viel mehr Zeit und Energie dafür aufbringen können damit verbundene Memes wie Glauben und Gott zu verbreiten. (vgl. Dawkins, 2007, S. 330ff)

Durch das Konzept des Memes lässt sich so nach Dawkins die Dynamik der gesamten kulturellen Evolution beschreiben: „Beispiele für Meme sind Melodien, Gedanken, Schlagworte, Kleidermoden, die Art, Töpfe zu machen oder Bögen zu bauen. So wie Gene sich im Genpool vermehren, indem sie sich mit Hilfe von Spermien oder Eizellen von Körper zu Körper fortbewegen, verbreiten sich Meme im Mempool, indem sie von Gehirn zu Gehirn überspringen, vermittelt durch einen Prozeß, den man im weitesten Sinne als Imitation bezeichnen kann. Wenn ein Wissenschaftler einen guten Gedanken hört oder liest, so gibt er ihn an seine Kollegen und Studenten weiter. Er erwähnt ihn in seinen Veröffentlichungen und Vorlesungen. Findet der Gedanke neue Anhänger, so kann man sagen, daß er sich vermehrt, indem er sich von einem Gehirn zum anderen ausbreitet. […] Meme [sollten] als lebendige Strukturen verstanden werden […] im technischen Sinne. Wenn jemand ein fruchtbares Mem in meinen Geist einpflanzt, so setzt er mir im wahrsten Sinne des Wortes einen Parasiten ins Gehirn und macht es auf genau die gleiche Weise zu einem Vehikel für die Verbreitung des Mems, wie ein Virus dies mit dem genetischen Mechanismus einer Wirtszelle tut.“ (Dawkins, 2007, S. 321)

Das Internet ist wie oben beschrieben das perfekte Medium für eine nie dagewesene Explosion an Memes und damit auch ihrer Manifestation in kulturellen Artefakten. Dies liegt daran, dass Memes sich im kulturellen Ökosystem des Internets ganz anders fortpflanzen und verändern können als in den bisherigen Kommunikationsmedien.

 

2.2 Der Two-Step Flow dezentralisierter Kulturproduktion im Internet

In klassischen Modellen zur Funktionsweise der Kommunikation bei modernen Massenmedien, wie der Social Change Theory von F.A. Hayek oder dem Two-Step Flow nach Lazarsfeld, funktioniert die Ausbreitung von Informationen bzw. Memes relativ hierarchisch: Es gibt Meinungsführer wie Intellektuelle, Journalisten, Leitmedien und Prominente, die Memes quasi von oben herab in die Massen streuen, wobei verschiedene Gruppen – wie zum Beispiel Anhänger einer bestimmten Subkultur – jeweils unterschiedlichen Meinungsführen folgen. Die Memes fließen quasi von jenen, die die Mittel und den Einfluss haben sie zu verbreiten, zu einer Masse an Rezipienten. Dieses Modell beschreibt relativ gut die mediale und damit auch weitestgehend kulturelle Situation bis zum Ende des 20. Jahrhunderts:

Die breite Masse der Menschen erhielt ihre Memes aus Zeitungen, Büchern, Fernsehsendungen und anderen institutionell produzierten Medien, deren Produktion aufwendig war, sodass starke Gate-Keeper-Effekte vor allem Eliten bevorzugten und ein Beitrag zu deren Machterhalt Memes einen Selektionsvorteil bot, was eine – wie von Antonio Gramsci beschrieben – kulturelle Hegemonie der Hochkultur erzeugte. Es konnte nicht einfach jeder eine Redaktion betreten, um seine Ideen am nächsten Tag im ganzen Land mit der Zeitung zu vertreiben. Die Redaktionen waren reserviert für spezialisierte Journalisten. Vor dem 20. Jahrhunderten dominierten die Meinungsführerschaft ebenfalls elitäre Spezialisten wie Herolde, Adelige und Geistliche. Gleiches galt für die Produktion kultureller Artefakte: Bücher, Skulpturen, später dann aufwendige Hollywoodfilme, waren in ihrer Produktion und Verbreitung so ressourcenintensiv, dass diese oft erst durch reiche Individuuen oder vermögende Institutionen wie Staaten, Kirchen und Konzerne möglich waren. Die Eintrittsbarrieren und damit Gate-Keeper-Effekte für die Beteiligung an der Kultur­produktion sanken erst durch den technologischen Wandel über die Jahrhunderte. Selbst Subkulturen im 20. Jahrhundert waren weitestgehend für ihre Ausformung auf Memes angewiesen, die von ressourcenstarken Verlagen, Fernsehsendern oder mindestens einer kleiner Studentenzeitung verbreitet wurden. Dann kam das Internet und spätestens mit der Einführung von Smartphones veränderte es alles: Jede Person mit einem Internetzugang kann quasi zu Nullkosten an der Kulturproduktion teilnehmen, Bilder anfertigen und posten, eigene Gedanken durch Videos oder Texte teilen und mittels Hashtags und Suchmaschinen den Cyberspace nach Gleichgesinnten durchsuchen und sich mit ihnen vernetzen, selbst wenn sie auf der anderen Seite der Erde leben. Die Memes selbst kleinster Randgruppen können sich so durch globale Kommunikation zu gewaltigen Memeplexen formen – ein unangenehmer Nebeneffekt davon ist, dass selbst haarsträubende Ansichten wie z.B. die, dass die Erde eine Scheibe wäre, ganze Bewegungen bilden können, da selbst wenn es nur in jeder Großstadt ein, zwei Verrückte gibt, die daran glauben, sie durch das Internet eine Community von tausenden Gleichgesinnten bilden können, während sie sich früher auf Monologe beschränkt hätten. Dies führt zu einem zu einer massiven Fragmentierung der Öffentlichkeit und Kultur; dem Ende der Dominanz von Leit- und Hochkulturen, sowie der Entstehung zahlreicher multipolarer, zunnehmend demokratisch operierender Kulturblasen.

Die alten Modelle einer hierarchischen Verbreitung von Memes sind daher für das Internet nur noch begrenzt anwendbar. Sie beschreiben nach wie vor gut vor allem zwei Räume im Internet: Einmal Nachrichtenseiten etablierter Medien und Rundfunkanstalten (in Deutschland z.B. Bild, SZ, ARD, ZDF) sowie das, was ich gleich als den personalisierten Teil digitaler Kulturräume beschreiben werde. Bei der Entstehung Kultur und insbesondere von Subkulturen können wir dagegen fast das Gegenteil, nämlich einen Bottom-Up Prozess beobachten, bei dem anonyme Kollektive neue Memeplexe hervorbringen. Die anonyme Masse ersetzt den individuellen Künstler.

Um diese Umkehrung des Kulturproduktionsprozesses von einer hierarchischen zu einer quasi basisdemokratischen, dezentralisierten Struktur zu verstehen, muss man sich vor Augen führen, dass die Entstehung und Verbreitung von Memes im Internet in quasi zwei unterschiedlichen Sphären stattfindet:

Zu einem gibt es die personalisierten Social Media Plattformen wie Twitter, Instagram, Facebook oder TikTok. Hier präsentieren sich Menschen meist unter ihrem bürgerlichen Namen und mit ihren echten Gesichtern. Ebenso agieren hier auch Unternehmen und politische Organisationen. In vielerlei Hinsicht spiegeln diese Social Media Plattformen die Kommunikationssphären der analogen Welt: sie bieten ein Forum zum sozialen Austausch, Präsentation der eigenen Persona und auch der kommerziellen oder politischen Werbung. Die Akkumulation und Verteidigung von sozialem Status, der Aufbau von Anhängerschaften in Form von Followern und die Monetarisierung von Aufmerksamkeit spielen ähnlich wie in der alten, analogen Welt eine zentrale Rolle. Ebenso gibt es hierarchische Meinungsführerschaften in Form von Influencern, die in ihrer Funktionsweise noch weitestgehend dem Two-Step Flow Modell von Lazarsfeld entsprechen. Die Strukturen auf diesen Plattformen sind zwar deutlich dezentralisierter und durchlässiger als in der früheren Medienlandschaften, aber sie korrelieren weitestgehend stark mit den alten, hierarchischen Strukturen, sodass Politiker, bekannte Schauspieler und traditionelle Medienhäuser dort den größten Einfluss bei der Produktion und Verbreitung von Memes haben.

Das interessante nun insbesondere bei der Formung von neuen Memeplexen ist, dass sie im Internet immer mehr und besonders bei digitalen Subkulturen wie Internet Aesthetics nicht von den Meinungsführern der personalisierten Social Media Plattformen kreiert werden. Sie finden ihren Geburtsort immer öfter auf den anonymen, dezentralisierten Plattformen wie reddit, 4chan, Pinterest und zu einem gewissen Grad tumblr und diversen Wikis. Im Gegensatz zu der personalisierten Sphäre des Internets, sind die User hier in der Regel vollständig anonym und es ist oft technisch und strukturell kaum bis nicht möglich sozialen Status, Follower oder eine monetäre Vergütung durch seine Aktivität auf der Plattform zu generieren. Memes verbreiten sich hier durch eine quasi basisdemokratisch Abstimmung ( z.B. Down- und Up-Voten bei reddit) und vor allem durch Imitation in Form von Kopieren und Weiterverbreiten. Durch das Fehlen von externen Anreizen, steht im Zentrum dieser anonymen Plattformen nicht Status oder Geld, sondern genuiner Austausch oder das Verfolgen gemeinsamer Projekte (insbesondere bei Wikis). Diese Entpersonalisierung führt zu einer Dynamik, die oft als eine Art Schwarmintelligenz oder eine Art von Unterbewusstsein des Internets beschrieben wird. (vgl. Mills 2011) Die Ergebnisse davon sind oft beeindruckend: Im Frühjahr 2020 organisierten sich zum Beispiel relativ spontan zehntausende von Kleinanlegern des Subreddits r/wallstreetbets, um gemeinsam die von Hedgefonds massiv leerverkaufte Aktie des Unternehmens Gamestop aggressiv zu kaufen und so einen Short-Squeeze zu provozieren.

Die Rechnung ging auf. Die massenhaften Käufe zwangen die Hedgefonds ihre Put-Positionen mit Verlusten zu schließen und der Preise der Aktie schoss von 15,50€ auf 277,00€ hoch. Der Erfolg dieser populistischen Revolte auf den Finanzmärkten beschäftigte schließlich sogar die amerikanischen Finanzaufsicht und Politik; weitere Aktionen folgten. Manche Wirtschaftswissenschaftler kratzen sich – wie der Großteil des akademischen Establishment – bis heute verwirrt die Köpfe. (vgl. FT, 2021)

Ein Mem verbreitet sich auf diesen anonymen Plattformen wie reddit unabhängig vom Urheber; lediglich seine eigene Fitness zählt. Ein vergleichbares Ökosystem, in welchem Memes sich so frei und unbeeinflusst von persönlichen Faktoren wie Prominenz, Moral oder Macht verbreiten konnten, gab es nie zuvor. Seiten wie reddit sind quasi vollkommen deregulierte, freie Marketplaces of Ideas, in denen Politische Korrektheit, Soziale Position, Konformität oder Ansehen im Gegensatz zur alten Welt nichts zählen. Dieser extrem freie Fluss an Memes führt dazu, dass sich immer wieder relativ spontan neue Memeplexe bilden, die dann durch ihre Konfiguration eine besonders hohe Fitness haben und sich explosionsartig viral verbreiten. Entsprechend sind diese anonymen Plattformen eine schier endlos sprudelnde Quelle an kultureller Innovation. Die kulturelle Avantgarde findet sich nicht mehr in den Institutionen der Hochkultur oder verkörpert im Genius eines individuellen Künstlers, sie findet sich in den anonymen Tiefen dieser digitalen Schwarmintelligenzen. Unzählige neue Memeplexe tauchen erstmalig dort auf aus der Folge der Interaktion von zahlreichen anonymen Individuuen, bevor sie später dann von den Influencern der personalisierten Plattformen adaptiert und in den Mainstream gespeist werden.

Zu solchen spontanen Memeplexen gehören sogenannte Internet Aesthetics, die man als eine Art von digitaler Subkultur beschreiben könnte, auch wenn die meisten von ihnen zum aktuellen Zeitpunkt zumindest viel mehr Sentiments entsprechen, die Blaupausen für eine Subkultur darstellen. Einige von Ihnen, wie Dark Academia, haben sich allerdings mittlerweile zu tatsächlichen digitalen Subkulturen entwickelt, die bereits durch Moden und Institutionen in die analoge Welt streuen.

2.3 Internet Aesthetics als digitale Subkulturen

Doch was sind Internet Aesthetics? Sie bezeichnen eine bestimmte Form von digitalen Memeplexen, wobei der Name Aesthetics etwas irreführend ist, weil er sich nicht auf die philosophische Disziplin der Ästhetik bezieht. Das Wort Aesthetics als an Aesthetic wurde von Usern der Generationen Millenials und Z zuerst in den frühen Zweitausendern adaptiert, um ihre individuellen ästhetischen Präferenzen zu beschreiben, die sie zum Beispiel durch sogenannte Moodboards, Collagen digitaler Bilder, Töne und Videos, online präsentierten, und die ihr Lebensgefühl ausdrücken sollten. (vgl. Elieson 2021)

Das Aesthetis Wiki – eine von einem anonymen Kollektiv erschaffene und moderierte Seite, ein Paradebeispiel für die Institutionenbildung durch eine spontane Ordnung im Internet – definiert daher (Internet) Aesthetics, als:

„A collection of visual schema that creates a mood. […] Aesthetics have now come to mean a collection of images, colors, objects, music, and writings that creates a specific emotion, purpose, and community. It is largely dependent on personal taste, cultural background, and exposure to different pieces of media. This definition is not official and can be debated. There is currently no dictionary definition that captures the complexity of this phenomenon, which arose in the Internet youth. Rather, people who participate in the community “know it when they see it.”.“ (Aesthetics Wiki FAQ, 2022)

Anfangs waren diese Aesthetics vor allem Präsentationen individueller Empfindungen, deren Verbreitung sich erstmals durch den Start der Mikrobloggingplattform tumblr im Jahr 2007 popularisierte. Mehr auf Bilder fokussierte Plattformen wie das 2010 gestartete Pinterest, welches kinderleicht das Erstellen, Teilen und Sammeln von Collagen aus digitalen Medien ermöglicht, gaben dieser Selbstexpression durch das Sammeln von Medien, die ein kohärente Empfindung ausdrückten, einen weiteren Aufschwung. User begannen sich unter bestimmten Hashtags gegenseitig zu imitieren und aufeinander zu verweisen, sodass sich dichtere Memecluster bildeten. Die Einführung von Instagram 2010 und TikTok 2016 machten Social Media und damit auch das Erstellen, Verbreiten und Sammeln von digitalen Medien zum Mainstream. (vgl. Elieson 2021) Im Laufe der Zeit durch ständige Imitation (Mimesis) gewannen einzelne solcher digitalen Collagen breitere Anhängerschaften von Nachahmern, die in den einzelnen Aesthetics ihre eigene Identität widergespiegelt sahen und diese weiter ausbauten. So entwickelten sich in der Zeit bei einigen, wie zum Beispiel der Aesthetic Dark Academia, nicht nur weite Sammlungen von Memes, sondern sie verknüpften sich mit weiteren Memes und bildeten immer größere Memeplexe: Subkulturen mit eigenen Wertvorstellungen, Moralvorstellungen, Moden und Schismen. Einige rekurrierten dabei auf alte Subkulturen der analogen Welt, andere entwickelten sich zu eigenständigen digitalen Subkulturen. Eine erste große Welle des Überschwappens von Internet Aesthetics und den auf ihnen basierenden Subkulturen in Mainstreamdiskurse fand während der Präsidentschaftswahlen in den USA 2016 statt. Nach mehreren Jahren intensiver Kulturkämpfe und Lagerbildungen im digitalen Raum, insbesondere zwischen der Alt-Right Bewegung auf 4chan und der Social Justice Bewegung auf tumblr, begannen Alt-Right-User ihre Aesthetics in den Mainstream der personalisierten Social Media einzuspeisen und eigene Memes an bestehende erfolgreiche Aesthetics anzuknüpfen – das sogar mit einem recht großen Erfolg, da die transgressive und extreme Natur rechtsextremer Memes in einem deregulierten Umfeld oft hohe Aufmerksamkeit erzeugt und damit eine schnelle Replikation erlebt. Nicht wenige Kommentatoren schrieben diesen digitalen, mit Mitteln der Memetik ausgetragenen Kulturkämpfen eine signifikante Rolle beim Sieg Trumps zu. (an dieser Stelle muss auf das brillante Buch Kill All Normies: Online Culture Wars from 4chan and Tumblr to Trump and the Alt-Right von Angela Nagle von 2017 verwiesen werden, welches diese digitalen Kulturkämpfe analysiert.)

Ein anschauliches Beispiel für die Entwicklung und politische Adaption von digitalen Memeplexen hin zu eigenen Subkulturen, ist die Aufsplitterung von Synthwave und Vaporwave. Synthwave ist eine Aesthetics, die futuristisch-dystopische visuelle Bilder im Stile der westlichen Science-Ficition der 80er Jahre mit energischer elektronische Musiker kombiniert, während Vaporwave eine sehr ähnliche Aesthetic ist, die jedoch vor allem die Bilder von japanischer Sci-Fi der 90er Jahre mit UI-Designs von Betriebssystemen wie Windows 95 und eher entspannter Elektromusik kombiniert.

Beide Aesthetics teilten einen Retro-Futurismus, der bei Cypherpunk-Subkulturen um die Jahrtausendwende Anklang fand, erlebten eine große Popularität, durchmischten sich in den frühen 2000ern und zersplitterten in unzählige Mikrogenre und kleinere Subkulturen in den 2010er Jahren, die dann die visuellen Schemata und die Musik um politische und moralische Werte erweiterten.

Zu diesen Waves gehörten unter anderem digitale Bewegungen wie die von der Alt-Right geformte Fashwave (neofaschistische Politik) oder Labourwave (marxistische Politik) und Sovietwave (Sowjetnostalgie) oder auch unpolitische wie Simpsonwave (eine vor allem Drogenkonsum glorifizierende Aesthetic, die sich insbesondere elektronisch-psychedelischer Musik und Bildern oder Videos eines Bart Simpsons im zugedröhnten oder depressiven Zustand bedient). Vaporwave Memes begann dann von den anonymen Sphären des Internets in die personalisierte Social Media wie Instagram, YouTube und TikTok zu strömen, wo sie Anhänger unter Influencern wie jungen, online sozialisierten Künstlern wie Yung Lean oder Lil’Peep fanden, die sie oft in Kombination mit Rap-Elementen und Drogenkonsum-Memes mainstreamten. Gleichzeitig kaperten aber auch politische Künstler, wie der Musiker Akira The Don, die steigende Popularität mit eigenen Produktionen wie die an den kanadischen rechten Intellektuellen Jordan B. Peterson angelehnte Meaning– oder JBPWave.

Bald fanden sich so die Bilder der verschiedenen Waves und damit assoziierte Wertvorstellungen auch in den Feeds und YouTube-Empfehlungen normaler User, die sonst wenig mit den unpersönlichen Spähern des Internets und den dort entstandenen Internet Aesthetics und daraus aufkeimenden Subkulturen zu tun gehabt hatten. Zum Ende der 2010er Jahre waren Internet Aesthetics bereits stark verbreitet, allerdings beschränkten sich die meisten auf einen Memeplex von Stimmungen und ästhetischen Präferenzen, von denen die wenigsten sich zu richtigen Subkulturen mit eigenen Weltbildern und Weltvorstellungen konsolidiert hatten. Ausnahmen waren vor allem einige explizit politische, die bereits längere Zeit im Internet existierten wie die aus den Cypherpunks hervorgegangenen Cryptoanarchisten oder jene, die sich auf frühere politische Bewegungen rückbeziehen wie der Memeplex um die Alt-Right, sowie recht deutlich jene, die sich auf eine Drogenkultur beziehen wie Drugcore oder Simpsonwave.

Das änderte sich jedoch mit rasender Geschwindigkeit um 2020 herum, als die Coronapandemie über die Welt rollte und das kulturelle Leben und die Identitäts- und Sinnsuche junger Menschen noch mehr in die digitale Welt beförderte. Fehlten analoge Events, so wurde die digitale Kultur endgültig der primäre Raum, um sich selbst auszudrücken und Sinn zu finden. Immer mehr Internet Aesthetics konsolidierten sich zu richtigen Subkulturen und Influencer begannen sie zu adaptieren und in den Mainstream zu tragen. Nicht nur das, immer mehr Internet Aesthetics formten eigene Wertvorstellungen, Weltbilder und Moden aus und begannen dann das im Laufe der Pandemie langsam wieder erwachende analoge Leben junger Menschen zu prägen.

Es entstanden kollektive Projekte wie im Mai 2020 das Aesthetics Wiki, bei dem User die immer dichter und weiter wachsende Landschaft der Internets Aesthetics mit kollektiv verfassten Artikeln zu kartographieren.

Die Aesthetics zu finden, die dem eigenen Lebensgefühl entspricht, und nach dieser die eigene digitale Persona zu kuratieren, ist mittlerweile bei Heranwachsenden ein immer relevanterer Teil der eigenen Identitätsbildung. Eine der am meisten beachteten und entwickelten unter diesen neuen Subkulturen ist Dark Academia.

3. Dark Academia als eine populäre Internet Aesthetic

3.1 Die Popularität von Dark Academia

Unter den Internet Aesthetics, die sich zu einer eigenständigen Subkultur mit Mainstream Appeal entwickelt haben, ist die aus dem angelsächsischen Raum stammende Dark Academia zum Stand des Frühjahrs 2022 die vermutlich populärste. Wobei anzumerken ist, dass es bereits Anzeichen gibt, dass ihr (erster) Zenit im Jahr 2021 war, als sogar klassische, deutschsprachige Medien wie Die Zeit und die FAZ begannen über sie zu berichten. Eine Auswertung von Suchanfragen bei Google Trends deutet allerdings hin, dass sich das Interesse an Dark Academia seit Anfang 2021 bis Anfang 2022 auf einem hohen Niveau stabilisiert hat. (siehe Abb.1. im Anhang.) An Influencern, die ihre gesamte Social Media Persona der Subkultur gewidmet haben wie R.C. Waldun, iphilgoodyou oder Ruby Granger, anonymen Kanälen, die passende Playlists und Zitate verbreiten, sowie hitzigen Debatten über Aufspaltungen in neue Subkulturen wie Light Academia oder über die Inklusivität der Subkultur in Form von Videoessays auf YouTube sowie (zumeist studentischen) Medien mangelt es nicht. Mittlerweile gibt es sogar Online-Shops wie z.B. TheDarkAcademic, die ausschließlich die Fans dieser Subkultur als Zielgruppe haben.

3.2 Die Ursprünge von Dark Academia

Seinen Ursprung hat Dark Academia dabei in den Tiefen der Zeit, vor allem in der Literatur des 19. Jahrhunderts. Erste Elemente, die ersten Memes, lassen sich bereits in der antiken Literatur wiederfinden. Das erste Mal tauchte der Begriff #DarkAcademia als ein Hashtag jedoch im Jahr 2015 bei der Mikroblogging-Plattform tumblr auf, nämlich im Zusammenhang mit visuellen Repräsentationen von und Diskussionen über den Roman „Die Geheime Geschichte“ der amerikanischen Autorin Donna Tartt, der bereits 1992 erschienen ist. Anonyme User erstellten und posteten Collagen aus Bildern, die das Lebensgefühl der Charaktere, die Themen und Stimmungen des Romans einfingen und betitelten sie als #darkacademia. Andere User begannen den Hashtag für Bilder und Zitate mit ähnlichen Stimmungen zu verwenden, auch wenn diese nichts mit dem Roman zu tun hatten, sodass sich der Hashtag langsam von dem Roman zu emanzipierte und zu einem eigenen Mikro-Genre wurde. So wuchs mit der aus diesen quasi digitalen Buchclubs eine eigene Internet Aesthetics hervor, die auch Elemente aus ähnlichen fiktiven Werken wie den Filmen Dead Poet Society und Kill your Darlings und dem Roman Das verborgene Spiel von M.L. Rio sowie der Harry Potter Buchreihe und insbesondere ihrer Filme integrierte. (vgl. Aesthetics Wiki, 2022)

Anfangs adaptierten vor allem um 2017 herum Blogs, die sich mit Kunstgeschichte und klassischer Architektur beschäftigten, die visuellen Stile, die mit dem Hashtag #DarkAcademia verbunden wurden. Meist waren dies Fotos von alten Gebäuden, vor allem Universitäten wie Oxford und Harvard, vermengt mit Zitaten aus Klassikern der Literatur und Filmen über das Leben auf elitären Internaten und Universitäten. Mit den wachsenden Listen an Film- und Buchempfehlungen auf diversen Blogs, die sich an die Fans dieses Stils wandten, wuchs bald ein ganzer Kanon an Filmen und Büchern heran, die ein Memeplex bildeten, das ein Dark Academia Lebensgefühl ausdrückt, welches nur noch schemenhaft mit dem Roman verknüpft ist. Es dauerte nicht lange, bis sich #DarkAcademia auf andere Social Media Plattformen ausbreitete – so wurde der Subreddit r/DarkAcademia am 26. Dezember 2018 gegründet, ebenfalls 2018 und 2019 begann sich Dark Academia auf YouTube, Instagram und TikTok zu verbreiten, wo es um das Neujahr 2020 einen starken Aufschwung erlebte, der mit den Beginn der ersten Lockdowns Februar und März 2020 zu einem Hype akzelerierte.

Der Roman „Die Geheime Geschichte“ / „The Secret History“ von Donna Tartt ist zwar an diesem Punkt nur bedingt relevant für Dark Academia, dennoch ist er relativ hilfreich für ein Verständnis von Dark Academia als Bewegung, da er wie ein Samenkorn bereits viele wesentlichen ästhetischen und weltanschaulichen Elemente der Subkultur enthält. Manche Kommentatoren sprechen auch davon, dass „Die Geheime Geschichte“ eine Art Bibel für Dark Academia ist. Das ist ein recht passender Vergleich, wenn man bedenkt, dass die wenigsten Dark Academics den Roman tatsächlich gelesen, geschweige denn verstanden haben. (vgl. Elieson, 2021)

Die Handlung des Romans „Die Geheime Geschichte“ wird aus der Sicht des Charakters Richard Papen erzählt, der aus einer armen Familie stammend, sein Vor-Medizinstudium in Kalifornien abbricht und 1983 an das geisteswissenschaftliche Hampden College in Vermont, Neuengland wechselt, um dort als Stipendiat Altgriechisch zu studieren. Der exzentrische Professor für Altphilologie Julian Morrow unterrichtet dort seine handverlesenen fünf Studenten isoliert von der restlichen Universität. Er weigert sich anfangs Richard in diesen elitären Zirkel aufzunehmen. Dies steigert jedoch nur Papens Faszination für diese alles andere als gewöhnliche Gruppe. Ihre fünf Mitglieder – Henry Winter, Edmund „Bunny“ Corcoran, Francis Abernathy und die Zwillinge Charles und Camilla Macaulay – stammen alle aus wohlhabenden Familien, tragen Kleidung, die eher aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stammt und auf dem Campus auffällt: teure Sakkos aus Tweed, Lederschuhe, luxuriöse Mont Blanc Meisterstück Füllfederhalter, Westen und Krawatten. Sie scheinen vollständig durch-ästhetisierte Leben zu führen, gewidmet den schönen Künsten, Vorlieben für Drogen- und Alkoholexzesse und klassische Werke wie die Schriften Platons und Homers, und mit wenig Interesse an der zeitgenössischen Welt. Einige von ihnen reagieren verwundert auf eine Anmerkung Papens, es wären bereits Menschen auf dem Mond gewesen. Henry Winter führt den reaktionären Lebensstil sogar so weit, dass er weitestgehend ohne Strom lebt und seine mit Büchern überfüllte Wohnung mit Kerzen und Kerosinlampen erleuchtet. Trotz der Warnungen anderer Dozenten, schafft es Papen, getrieben von einer Obsession zu dieser esoterischen Clique dazuzugehören, durch die Demonstrierung seiner philologischen Fähigkeiten und Lügen über seine Herkunft, als sechster Studenten von Morrow in dessen Kurse aufgenommen zu werden. Nach und nach integriert sich Papen in die Clique, verbringt mit ihnen die Wochenenden auf einem Landhaus, das Francis‘ Familie gehört, und vertieft sich mit ihnen in die Leidenschaften für ein ästhetisches Leben und Studium der klassischen Philologie, wobei er stets ein Doppelleben führen muss, da er andauernd vortäuscht, ebenfalls aus einer reichen Familie zu stammen. Mit der Zeit bemerkt er jedoch, dass auch die Clique selbst von einem Geheimnis geplagt wird: Henry, Charles, Camila und Francis versuchten die dionysischen Mysterien aus antiken Berichten selbst zu erleben, indem sie eines Nachts ein Bacchanal in den Wäldern in der Nähe des Campus veranstalteten. In der folgenden Manie ermordeten sie einen Bauern. Bunny, der aufgrund seiner chaotischen Persönlichkeit von dem Bacchanal ausgeschlossenen worden war, kam ihnen auf die Schliche und erpresst seitdem die Gruppe. Die Clique verschwört sich schließlich dazu Bunny zu ermorden, was ihnen gelingt, indem ihn Henry eine Klippe hinunterstoßt, während der Rest, einschließlich des eingeweihten Papen, zusieht.

Bunnys Tod wird von den Behörden als Unfall eingestuft, doch Professor Morrow erfährt durch einen von Bunny hinterlassenen Brief die Wahrheit und verschwindet quasi über Nacht. Die psychischen Folgen zersetzen die Gruppe: sie verfallen dem Alkoholismus und psychotischen Zuständen, Charles vergewaltigt seine Schwester Camilla, die bei Henry Schutz sucht. Charles versucht schließlich Henry mit einer Pistole zu ermorden, allerdings entwaffnet Henry ihn. Um Charles‘ Mordversuch und damit das Geheimnis der Gruppe zu vertuschen, begeht Henry vor den Augen seiner Freunde Suizid, nachdem er Camilla einen Abschiedskuss gibt. Die Gruppe zerfällt traumatisiert. Obwohl sie für ihre Morde nie juristisch belangt werden, sind sie für den Rest ihres Lebens gezeichnet. Charles geht in eine Entzugsklink und bricht den Kontakt zu seiner Schwester und Freunden ab. Francis versucht Selbstmord zu begehen, scheitert und heiratet – obwohl er homosexuell ist – eine Frau, um nicht von seinem Großvater enterbt zu werden. Richard Papen, den eine niemals erwiderte Liebe zu Camilla plagt, endet als ein depressiver Akademiker der Anglistik. Der Roman folgt in vielerlei Hinsicht dem Schema nach einer der klassischen griechischen Tragödien, mit denen sich die Charaktere in ihrem Studium bei Morrow beschäftigen.

Ironischerweise ist eine die offensichtlichen Interpretationen dieses Romans, ihn aufgrund seiner tragischen Form als eine drastische Warnung vor Obsessionen mit Ästhetik, elitärer Arroganz und akademischer Überheblichkeit zu lesen. Dies wird sogar an mehreren Stellen durch Foreshadowing verdeutlicht, unter anderem in einem Dialog zwischen Henry und Morrow: „„Der Tod ist die Mutter der Schönheit“, sagte Henry. „Und was ist Schönheit?“ „Grauen.““ (Tartt 2017, S.58)

Dark Academia glorifiziert dieses Grauen: den durch-ästhetisierten, elitären, reaktionären und dekadenten Lebensstil, wohlhabender, junger Intellektueller, die sich geisteswissenschaftlichen Leidenschaften und faustischen Obsessionen für dionysische und makabre Geisteszustände widmen, ungeachtet der Konsequenzen. Das ist auch das, was das Dark, das Dunkle an dieser Internet Aesthetic ausmacht.

Doch nicht nur die Lebensstile der Charakter von „Die Geheime Geschichte“ sind prototypisch für Dark Academia, auch ihr Habitus. Dark Academia ist ein Amalgam von Präferenzen für klassische Literatur, dem Lebensgefühl der Romantik im 19. Jahrhundert, der elitären Bildung vergangener Zeit mit ihrem Fokus auf Altgriechisch und Latein. „All of these historic periods were reflected in Donna Tartt’s The Secret History. The sublime, picturesque and beautiful are concepts frequently repeated by the narrator, Richard Papen; the main characters vacation in a remote mansion and get drunk, discuss intellectually stimulating topics and lived decadently, like the Romantic poets did in their famed Geneva trip; and the ritual for Bacchanal is a representation of the same fascination with the irrational.“ (Aesthetics Wiki, 2022)

Allerdings muss hier angemerkt werden, dass sich über die Jahre und im Zuge des Mainstreamings, Dark Academia stark von dem radikal elitären und makabren Elementen aus „Die Geheime Gesichte“ emanzipiert hat. Ebenso spielt der exzessive Konsum von Drogen und Alkohol in der Subkultur im Gegensatz zu vielen der kanonischen Romane keine sichtbare Rolle. Die meisten Dark Academics haben, wie oben geschrieben, „Die Geheime Geschichte“ nie gelesen, sondern schlossen sich der Subkultur aus einer Faszination für das akademische Lebensgefühl und ihre ästhetischen Bilder an. Insbesondere bei jungen Studentinnen, die die größte Gruppe innerhalb der Bewegung ausmachen, scheint oft eher eine Identifikation mit Hermine Granger aus den Harry Potter Büchern der Anstoß zum Interesse an Dark Academia zu sein, weniger die mit Henry Winter. Die meisten leben entsprechend eher eine zahme Variante aus, die daraus besteht, sich altmodisch zu kleiden, bei Kerzenschein Bücher zu lesen, fleißiges Lernen zu glorifizieren und klassische Musik zu hören.

Für nicht wenige Menschen geht es bei Dark Academia weniger um tatsächliche Werte – wie jede Subkultur, lockt sie eine Scharr an Menschen an, die ihre Kleidermode aus Popularitätsgründen kopieren, ohne mit der Kultur an sich stark involviert zu sein. Auch wenn die Kleidermode der Bewegung sich an den Kleidungsstil der angelsächsischen Oberschicht des späten 19. Jahrhunderts sowie der 1940er und 1950er Jahre anlehnt, so ist Dark Academia als Subkultur ziemlich demokratisch.

Die passende Kleidung lässt sich im Second Hand Handel oft leicht auftrieben und viele der klassizistischen Elemente, die sich noch in Tartts Roman finden, sind im Zuge des Mainstreamings verschwunden.

 

3.3 Die Elemente von Dark Academia

3.3.1 Überblick

Das Aesthetics Wiki beschreibt Dark Academia Stand 03.03.2022 wie folgt: „Dark Academia is a popular (and the original) academic aesthetic that revolves around classic literature, the pursuit of self-discovery, and a general passion for knowledge and learning. […] Dark Academia’s visuals stem primarily from upper-class European cultures of the 19th century, Gothicism, and American Prep. The upper class of this time period emphasized a liberal education in which Latin, rhetoric and classics were taught subjects. These are now seen as unusual and slightly esoteric, creating an allure that presents schooling as not dreary or boring, but one that cultivates mystery, curiosity, and diligence that isn’t commonly seen in contemporary schooling. Pretentiousness is celebrated within the Dark Academia community. Romanticizing education and moments in life is the core appeal of the aesthetic. […] Dark Academia includes motifs of criminality, danger and mystery. Secret societies, cults and murder are common subjects within the aesthetic. Characters within the works of fiction associated with Dark Academia, specifically The Secret History and Kill Your Darlings, live decadent and self-destructive lifestyles involving drugs, moments of intense violence and secrets.“ (Aesthetics Wiki, 2022)

3.3.2 Stil und Mode

Ihr Lebensgefühl teilen Dark Academics online insbesondere in Form von kurzen Videos auf TikTok und YouTube, sowie Bildern und Texten auf reddit und tumblr. Eine Zusammenstellung von Dark Academia Clips von TikTok, die die wesentlichen Elemente ihrer Ästhetik einfangen, lässt sich zum Beispiel hier finden: https://youtu.be/gtvNDTJlVZg. Die Bilder sind oft dunkel, schwach erleuchtet oder in Herbstfarben wie Beige getaucht, was ihnen eine alte, mysteriöse Aura verleiht; die Musik ist entweder Klassik (z.B. Chopin) oder spielt mit dramatischen Texten wie der in der Szene populäre Song Achilles come down der Band Gangs of Youth. In Videoclips und auf Bildern sind oft Utensilien eines humanistischen Studiums in der Vergangenheit zu sehen: alte, abgewetzte Bücher mit Ledereinbänden, Feder und Tinte, Kerzenlicht. Allgemein, alles was mit Lernen, Büchern und Schreiben zu tun, wird romantisiert und glorifiziert.

Darüber hinaus, werden oft Bilder gepostet oder in Collagen eingebaut von weißen Marmorstatuen und Aufnahmen von prestigeträchtigen Gebäuden von Bildungsinstitutionen wie Oxford oder dem Trinity College, Bibliotheken und Schlösser, sowie generell gotische, neoklassische oder beaux-arts Architektur. Gepostete Gemälde auf Dark Academia Accounts stammen oft aus den europäischen Epochen des Barocks, der Renaissance, Romantik und Neoklassik oder sind neue Werke in den Stilen dieser alten Epochen.

Allgemein dominiert in den Bildern, Klängen und im Literaturkanon von Dark Academia ein starker Eurozentrismus, der von einigen Kommentatoren der Bewegung scharf kritisiert wird – und stellenweise auch aufweicht, da viele Dark Academia Influencer ethnische Nicht-Europäer sind und aktuell immer mehr passende Memes aus islamischen und asiatischen Kulturen eingeführt werden.

Die Mode bei der Kleidung von Dark Academic orientiert sich weitestgehend an einer Mischung aus Schuluniformen des gehobenen Bildungssystems im angelsächsischen Raum der 1940er Jahre; bordeauxfarbene Kaschmirpullis, weiße Hemden, Anzüge und Krawatten, aber auch Mänteln und Kleidern aus dem viktorianischen Zeitalter, der Romantik und des französischen Existenzialismus. Ebenso werden die stereotypischen Kleidungsstile von geisteswissenschaftlichen Professoren imitiert: der meist beige Tweed Sakko mit Ellbogen-Patches und der schwarze Rollkragenpullover finden sich in quasi jeder Dark Academia Garderobe. Braune Lederschuhe mit Schnürsenkeln sind gern gesehen, wobei schwarze Doc Martens als kosteneffektivere und praktischere Lösung ebenso häufig adaptiert werden. Der Kugelschreiber und der Laptop verschwinden oft – zumindest, wenn man für Social Media posiert – zugunsten von edlen Füllfederhaltern oder gar Schreibmaschinen, mit einer Tasse Kaffee im Hintergrund. Das Lesen von Klassikern des 19. Jahrhunderts und der griechischen Antike, das Lernen von Latein, Altgriechisch und Französisch, so wie generell das Posieren mit Büchern und auch oft das Diskutieren über Inhalte, stehen im Zentrum der von Mode gerahmten Selbstdarstellung als junger, traditioneller Intellektueller, der noch in einer Welt voller humanistischer und romantischer Ideale lebt.

Dark Academics wirken für Außenstehende auf den ersten Blick oft wie Laienschauspieler, die sich verkleidet haben, um wie Menschen aus dem 19. Jahrhundert oder Internatsschüler aus Harry Potter Filmen auszusehen. Ebenso scheint es auf den ersten Blick wie ein seltsamer, reaktionärer Zug, wenn neunzehnjährige Frauen 2022 sich selbst dabei filmen, wie sie mit einer Feder Briefe an Freunde schreiben und mit Wachs versiegeln. Doch diese Ästhetik, dieser visuelle Stil und die Moden, sind ein essentieller Rahmen, der erst die Vermittlung eines Glaubens an die Dark Academia Philosophie ermöglicht.

3.3.3 Lebensphilosophie

Wie im Stil, so auch in der Philosophie steht die Romantisierung einer humanistischen Bildung im Zentrum des Denkens. Am stärksten wird diese Haltung in dem wahrscheinlich am häufigsten geteilten Zitat in Dark Academia Kreisen deutlich. (vgl. Anhang Abb. 4) Es stammt von dem Julian Morrow nicht unähnlichen Lehrer John Keatings in dem Film Dead Poet Society (dt. Der Club der toten Dichter) von 1989:

„We don’t read and write poetry because it’s cute. We read and write poetry because we are members of the human race. And the human race is filled with passion. And medicine, law, business, engineering, these are noble pursuits and necessary to sustain life. But poetry, beauty, romance, love, these are what we stay alive for. To quote from Whitman, ‘O me! O life!… of the questions of these recurring; of the endless trains of the faithless… of cities filled with the foolish; what good amid these, O me, O life?’ Answer. That you are here – that life exists, and identity; that the powerful play goes on and you may contribute a verse. That the powerful play *goes on* and you may contribute a verse. What will your verse be?“ (Dead Poet Society, 1989) Und wieder: Dead Poet Society ist eine Tragödie. Die Charaktere, die diesen Worten Keatings glauben und sie ausleben, zerschellen schließlich am Ende des Filmes an der Wirklichkeit und einer begeht sogar Selbstmord. Dead Poet Society ist in seinem Kern wie The Secret History eine postmoderne Dekonstruktion einer romantischen Lebenshaltung, die die romantische Weltsicht erst konstruiert, um sie danach zu zerschmettern – aber Dark Academics ignorieren gekonnt diesen Teil. Dark Academia bedient sich dieser beiden Werke, nimmt sie jedoch nicht als Warnung und Dekonstruktion, sondern als Anleitung, um ein Lebensgefühl und ein System aus ästhetischen und ethischen Werten zu konstruieren, an die es sich zu glauben lohnt, selbst wenn postmoderne Bücher davor warnen.

Das faszinierende an Dark Academia als eine Aesthetic ist, dass sie trotz ihres Ursprungs in der durch Technologie ermöglichten, digitalen Welt, so durchgehend anti-technologisch ist. Wie Henry Winter in „Die Geheime Geschichte“ scheint sie in dem falschen Jahrhundert zu leben. Sie orientiert sich in ihren Bildern und der Musik mehr an der Romantik und dem Viktorianischen Zeitalter des 19. Jahrhunderts, als an den neurotischen Bildern unserer Gegenwart. Sie drückte eine Sehnsucht aus nach einer analogen Welt, einer Welt, in der klassische Bildung und esoterisches Wissen, das entschleunigte akademische Arbeiten bei Kerzenlicht mit einem Füllfederhalter, im Zentrum stehen; eine Sehnsucht nach einer Transzendenz, einer höheren Welt, jenseits des Pragmatismus und Rationalismus der von Kapitalismus und Technologie getriebenen Welt der Gegenwart. Dark Academia ist eine digitalisierte Flucht aus unserer technozentrischen Welt, vermittelt durch Technologie; sie ist eine Ablehnung einer Welt, in der die Geisteswissenschaften zugunsten von MINT Fächern verfallen, und drückt diese Ablehnung durch die von MINT-Fächern geschaffenen Plattformen aus. In vielerlei Hinsicht ist Dark Academia voller Widersprüche und Irrationalitäten – aber welche Subkultur ist schon „vernünftig“?

Die zwei Memes im Herzen von Dark Academia sind Romantik in ihrer leidenschaftlichsten Form, eine Idealisierung des Traditionellen, der hohen Ziele, der dionysischen Kräften; und auf der anderen Seite eine apollinische Obsession mit der Erweiterung des eigenen Bildungshorizonts auf einer geisteswissenschaftlichen Ebenen. Der Dark Academia Influencer R.C. Waldun ließ sich in einem Video sogar dazu hinreißen, Dark Academia als eine zweite Renaissance und eine Rückkehr ihrer Studia humanitatis zu bezeichnen; die Hoffnung ausdrückend, dass die Anhänger der Subkultur langfristig eine neue, diskursweite Popularität für klassische Literatur und Bildung erzeugen könnten. (vgl. Waldun, 2021)

All dies wird zusammengehalt und eingerahmt in einen ästhetischen, audio-visuellen Stil, der die Bilder einer Zeit nachahmt, in der solch eine romantische Haltung und solch ein humanistischer Glaube noch realistisch zu sein schienen. Ja, der Rückgriff auf Bilder, Kleidung und Habitus der Spätmoderne in der Ästhetik von Dark Academia fungieren als ein ästhetischer Rahmen, der erst einen Glauben an die Werte von Dark Academia plausibel macht. Es ist schwierig im 21. Jahrhundert nicht desillusioniert auf die humanistischen Ideale der Spätmoderne und Romantik zu blicken; aber wenn man sich so kleidet, als wären das 20. und 21. Jahrhundert noch gar nicht geschehen, so kann man sich sehr viel leichter zurückversetzen in der Zeit und an diese Werte glauben. Das Tragen von altmodischen Klamotten und das Teilen von Bildern alter Gebäude und das Posieren mit Literaturklassikern ist daher nicht eine seltsame Marotte der Dark Academics, die später mit romantischen und humanistischen Werten einfach aufgeladen wurde – dieser ästhetische Stil ermöglicht erst den Glauben an diese Werte.

Dark Academia ist Performanz, ein kulturelles Kleid gewoben aus den Fetzen von eigentlich bereits totgeglaubten, dekonstruierten Gespenstern der Vergangenheit. Es ist die Sehnsucht nach einer humanistischen Welt, wie die, an die man zuletzt vor der Postmoderne glaubte. Und das führt uns zu der Frage, wie Dark Academia als Phänomen des ästhetisch vermittelten Glaubens an eine humanistische Bildung und Tradition, eigentlich in unsere post-postmoderne Welt passt. Denn allein durch die technologische Entwicklung und die Veränderungen der materiellen Bedingungen lässt sich dieses Phänomen nicht greifen; man muss auch den großen kulturellen Paradigmenwechsel nach der Postmoderne sehen, dessen Teil Dark Academia zweifelsohne ist. Hier kommt der Performatismus von Raoul Eshelman ins Spiel.

4. Die Theorie des Performatismus als Post-Postmoderne

4.1 Die Postmoderne und ihr Ende

Wie passt ein kollektives Phänomen wie die Internet Aesthetic Dark Academia in unseren Zeitgeist und durch welche Mittel – jenseits der rein technischen Ebene der Memes – entfaltet es seine Wirkung? Um dies zu verstehen, muss man verstehen, wo wir heute stehen: In den Trümmern der Postmoderne. Doch was war die Postmoderne?

Die Postmoderne erwuchs selbst aus Trümmern, aus den Trümmern von Nagasaki und Hiroshima, aus den Trümmern der vernichteten Leben und Welten im Holocaust, Holodomor und dem Archipel Gulag. Als der Tsunami des Schreckens und der Vernichtung zweier Weltkriege Ende der 1940er Jahre endlich endete, hinterließ er nicht nur zerstörte Landschaften, ausgebombte Städte und ausgelöschte Leben hinter sich, auch die utopischen Visionen der Ideologien und die ästhetischen Ideale der Moderne waren kaum mehr noch als Ruinen. Sie alle schienen mitschuldig an den Katastrophen zu sein und keine war mehr glaubenswürdig. Wie Eshelman schreibt: „[…]. Die Gegenreaktion, die man Postmoderne nennt, ergibt sich dabei weniger aus bewusst entworfenen programmatischen Überlegungen […] als vielmehr aus dem diffusen Bestreben, die katastrophalen Fehler der Moderne nie wieder aufkommen zu lassen. Davon ausgehend wandte man sich vom Utopismus und von klar markierten ideologischen Positionen ab, man verwarf die Suche nach authentischer individueller Erfahrung als illusorischen Selbstbetrug und weigerte sich, eigene Werke als völlig neu […] zu deklarieren.“ (Eshelman, 2016, S.18)

Die Moderne war in Katastrophen implodiert. Aus Furcht vor neuen Implosionen, verweigerten sich die Kulturschaffenden der Postmoderne allen alten und neuen Überzeugungen. Das führt absurderweise zu der Annahme von Anti-Überzeugungen, die darauf zielten, jeden Glauben zu ironisieren und zu dekonstruieren: „Beinahe durchgehend findet man eine grundsätzlich desillusionierende Haltung, die authentisches innerliches Erleben, die Aufdeckung eines tieferen, verborgenen Sinnes oder die schlagartige Synthese des Neuen aus dem Alten unterwandern, ad absurdum führen oder prinzipiell unmöglich machen.“ (Eshelman, 2016, S.20)

Auch von der Schönheit und von der Ästhetik wandte sich die Postmoderne in ihrer Kunst ab – schließlich war die Ästhetisierung der Politik nach Walter Benjamin Grundlage des Faschismus, schließlich verführt Schönheit stets an etwas Höheres zu glauben, von wo aus das Utopische nicht mehr weit ist. Das Ergebnis war eine Art Anti-Kunst: Abstrakte Gemälde, substanzloses Marketing als Anti-Kunst wie bei Andy Warhol, Fotos von hässlichen Industriegebieten bei Bernd und Hilla Becher und affektlosen Gesichtern bei Thomas Ruff. (vgl. Eshelman 2016, S.24)

Grundsätzlich war die Essenz der allgemeinen Kulturbewegung von 1945 bis 1990 in der Postmoderne die der Desillusion, Anti-Ästhetik und Ironie, der Distanzierung von allen Überzeugungen, aber auch eine ständige Opferethik, die alle Individuuen als fremdbestimmt sieht und jegliche Machtzentren, unabhängig von ihren tatsächlichen Wirkungen, im Zuge von Diskurstheorien kritisch attackiert. Das Weltbild der Postmoderne ist jedoch nicht nur eins der vollkommenen Desillusionierung und Verweigerungshaltung, was politische Visionen und Ästhetik angeht: Zweier Beziehungen, insbesondere das romantische Ideal der monogamen Liebe und intakte Familien, werden in postmodernen Werken regelmäßig als unmöglich dargestellt.  Metaphysisch war die Postmoderne sogar noch nihilistischer und leerer: einen transzendenten Ausweg, Hoffnung auf Gott oder Erlösung gibt es in ihr nicht. Die Postmoderne war ein nihilistischer Behemoth, geboren in den Schrecken von Ausschwitz, gedeihend unter dem Horror des nuklearen Damoklesschwerts im Kalten Krieg; ein Ungeheuer von einem Zeitgeist, der wie Nietzsches letzter Mensch zynisch alles, was nach Höherem und Schönerem strebt, verspottet und dekonstruiert.

Mit dem Bröckeln des Eisernen Vorhanges und der nuklearen Bedrohung setzte jedoch auch bald das Bröckeln der Postmoderne ein. In den 90er Jahren – als Donna Tartts Roman erschien – begannen Kultur- und Geisteswissenschaftler einen paradigmatischen Wandel in der Kultur wahrzunehmen und zunehmend theoretisch zu erfassen. Die Debatten dazu, ob und in welcher neuen kulturellen Epoche wir uns nun heute – über dreißig Jahre nach dem Beginn dieser Zeitwende – befinden, sind noch lange nicht abgeschlossen und unzählige Theorien über neue, post-postmoderne oder auch metamoderne Paradigmen und Strukturen konkurrieren miteinander im akademischen Diskurs, sich laufend weiterentwickelnd. Das theoretische Framework, welches jedoch die stärkste Erklärungskraft bei Phänomenen wie Dark Academia hat, ist die Theorie des Performatismus von Raoul Eshelman.

4.2 Performatismus als Post-Postmoderne

Nach Eshelman beginnt Mitte der 90er Jahre Gegenpositionen zur Postmoderne auszubilden, die „nicht nur Kritik [an ihr], sondern vor allem auch ästhetisch anziehende Erzähl- oder Stilstrategien aufbieten. […] Der unausgesprochene Schwerpunkt dieses Richtungsschwenks gegen die Postmoderne ist eine Ästhetik, die Zuschauer oder Leser – ob sie dies wollen oder nicht – mit formalen Mitteln in eine glaubende Haltung versetzt.“ (Eshelman 2016, S.30) Eshelman erkennt darin den Beginn einer neuen Epoche, deren Eigenschaften er systematisch in seinem Werk ausarbeitet und die er Performatismus nennt, da ihr wesentliches Element die Verführung zum Glauben durch formale Mittel – per forma – ist. Dieser Glaube ist jedoch nicht religiös oder weltanschaulich zu verstehen, er hat auch keinen „im Voraus benennbaren Inhalt […] Vielmehr wird er durch ästhetische Verfahren erzeug […] Diese Ästhetik ist wohlgemerkt kein naiver Vermittler von Glückseligkeit oder Hoffnung. Grund dafür ist unsere durchgehend säkulare Befindlichkeit, die allen kulturellen Erscheinungen mit grundsätzlicher Skepsis […] begegnet.“ (Eshelman 2016, S.42) Diese Skepsis, ein Erbe der Postmoderne, wird im Performatismus nicht vollständig abgelegt, aber sie verhindert dennoch das wir uns einfach so in eine glaubende Haltung versetzen lassen. „Vielmehr müssen wir gewissermaßen „hereingelegt“ werden, damit wir uns in eine glaubende Haltung begeben. Dies kann durch formale, ästhetisch vermittelte „Tricks“ geschehen, d.h. anhand von künstlerischen Mitteln, die uns kaum eine andere Wahl lassen, als an ein bestimmtes Etwas in einem Werk zu glauben.“ (Eshelman 2016, S.42)

„Warum diese Wende hin zu ästhetisch vermitteltem Glauben?“ (Eshelman, 2016, S.47) Nun, zu einem sind mittlerweile genug Generationen ohne Gedächtnis an den Zweiten Weltkrieg und so manche schon ohne Erinnerung an die Existenz der Sowjetunion und deren atomarer Bedrohung geboren. Der Ironie und Anti-Ästhetik der postmodernen Kulturartefakte wurde man mit der Zeit überdrüssig, sehnte sich nach positiveren und optimistischeren Medien; vor allem weil nach dem Fall des Eisernen Vorhangs der Durchmarsch des globalen Kapitalismus nie dagewesenen Wohlstand und technologische Wunder brachte wie das Internet, die kaum zum postmodernen Pessimums passen. Der ätzendenden Erkenntniskritik und Opferethik der Postmoderne wird man mit der Zeit überdrüssig (auch wenn sie im Diskurs in den letzten Jahren im populären Raum, insbesondere um Themen wie Gender und Rassismus, ihre Verbreitung ausbauen konnte); mehr noch, durch die Dekonstruktion jeden Glaubens in der Postmoderne, verhungert der Menschen langfristig spirituell und sehnt sich umso mehr nach Glauben – und sei er nur ein Spiel im Zuge des Kulturkonsums. „[Die] Entwicklung [des Performatismus] wird verständlicher, wenn man Glaube nicht institutionell oder metaphysisch, sondern vielmehr kulturanthropologisch versteht, als eine im Menschen verankerte Grundeigenschaft, die ermöglicht, dass gesellschaftliches Leben überhaupt zustande kommt. Glaube ist somit nicht nur eine Sache des Individuums oder der Kirche, sondern notwendig, damit eine Gesellschaft überhaupt funktioniert. Dies gilt im Übrigen auch für säkulare Gesellschaften wie die unsere, in denen Religion nicht mehr eine bestimmende Rolle spielt.“ (Eshelman, 2016, S.48)

Im Performatismus nähert sich die Kultur also langsam wieder dem Glauben an, ohne den sie nicht lange funktionieren kann, allerdings nur vorsichtig, nur ästhetisch durch die Schaffung von formalen Rahmen innerhalb des Kontextes eines einzelnen Werkes – auch wenn eine gewisse Re-Ideologisierung der letzten Jahre darauf hindeutet, dass die formalen Rahmen sich auch zunehmend als Einfallstore für neue inhaltliche Füllungen anbieten.

4.3 Die Merkmale performatistischer Kulturartefakte

Raoul Eshelmans „These ist, dass in Werken der Kultur [im Performatismus] die Techniken des Glaubens erneut auf uns einwirken, ohne dass wir uns dessen immer bewusst sind.“ (Eshleman, 2016, S.11) Dies ist eine notwendige Wendung, da – ausgehend von der generativen Anthropologie von Eric Gans – „viele gesellschaftliche Verhaltensweisen eine ursprünglich sakrale Funktion [haben] und umgekehrt: Sakrale Funktionen spielen immer noch eine zentrale, wenngleich nicht immer sichtbare Rolle im weltlichen Treiben unserer Gesellschaft.“ (Eshelman, 2016, S. 14) Das Sakrale ist essentiell für das Bestehen der Zivilisation, da es Ressentiments bindet und friedliches Zusammenleben erst ermöglicht, sodass die postmoderne Desillusionierung keine Dauerlösung sein konnte und wir uns nun formal wieder dem Glauben zuwenden. Davon ausgehend, stellt Eshelman drei Momente heraus, die wesentlich bei der Kulturentwicklung im Performatismus sind: „(1) Einheitsdenken (Monismus), (2) performativ bzw. ästhetisch vermittelter Glaube (im Unterschied zum religiösen Dogma) und (3) die Rückkehr des Schönen.“ (Eshelman, 2016, S.14) Diese Momente manifestieren sich auf vielschichte Weise in den Eigenschaften und inhärenten Weltbildern von Artefakten performatistischer Kultur. Im Folgenden werden einige zentrale skizziert, die für die spätere Analyse von Dark Academia aus einer theoretischen Perspektive relevant werden.

4.3.1 Ästhetik statt Anti-Ästhetik

Im Performatismus kehrt die Ästhetik zurück in den Vordergrund der Kultur, nachdem in der Postmoderne eine Anti-Ästhetik und eine kritische Haltung gegenüber Schönheit dominierte. Schönheit ist wieder etwas inhärent Gutes. „Performatismus entwickelt grundsätzlich positive Projektionen. Schönheit wird zunächst formal hergestellt, durch die Schaffung eines abgeschlossenen (erzählerischen oder architektonischen) Raumes, zu dem man Abstand nehmen kann und der auf einen ganzheitlich einwirkt.“ (Eshelman 2016, S.176)

4.3.2 Zeichentheorie – Mimesis statt Diskurse

In Postmoderne dominiert die Auslegung von Zeichen und Diskursen, woraus eine radikale Erkenntniskritik, ein Relativismus und eine Überzeugung von der Fremdbestimmung des Menschen folgt. Im Performatismus sind dagegen „Mimesis (Nachahmung) und Anschauung (Intuition) […] bestimmend. Sprache und Zeichen sind häufig einfach oder eindeutig verständlich und lassen sich durch Nachahmung oder Bauchgefühl erfolgreich wiederholen oder anwendenden.“ (Eshelman, 2016, S.174)

4.3.3 Ontologie der Transzendenz statt Gefängnis der Immanenz

In der grundlegend pessimistischen Postmoderne dominiert eine Ontologie, die weder Transzendenz noch Metaphysik kennt, nur das Gefangensein des Menschen in einer endlosen Immanenz, aus der es keinen Ausweg gibt. Im Performatismus kehrt zumindest die Hoffnung auf einen Ausweg zurück. „Transzendenz wird in Aussicht gestellt (aber nicht immer erreicht). Die Grundhaltung ist (verhalten) optimistisch.“ (Eshelman 2016, S.175)

4.3.4 Subjektivität und die Überwindung der Trennung

In der Postmoderne ist „Der Grundzustand von Protagonisten […] der einer diskursiven Fremdbestimmung, die keine innere Einheit aufkommen lässt. […] Versuche, diese Zustände zu überwinden, enden in Misserfolg.“ (Eshelman 2016, S.177) In Erzählungen im Performatismus, insbesondere in Romanen und Filmen, fällt die diskursive Fremdbestimmung weg, die Menschen werden wieder zu Akteuren, die sich ihre Autonomie zurückerobern – meist ausgehend aus einer Position der postmodernen Trennung heraus, diese erfolgreich überwindend.

4.3.5 Ernsthaftigkeit statt Ironie

In der Postmoderne war die Grundhaltung ironisch, menschliche Ziele und Absichten wurden defätistisch und zynisch als absurd skizziert. Im Performatismus wendet man sich hiervon ab. Eine neue Ernsthaftigkeit zieht ein: „Die Grundhaltung ist ernsthaft, und zwar in dem Sinne, dass menschliche Ziele und Absichten – egal wie unsinnig oder verquer diese sein mögen -, trotzdem eine Aussicht auf Realisierung haben. Wer daran glaubt, kommt mit der Welt am besten zurecht.“ (Eshelman 2016, S.176)

4.3.6 Narrative – formaler Glauben durch doppelte Rahmung

In der Postmoderne dominiert das Bestreben Narrative und Glauben zu dekonstruieren durch endlose Regresse und Desillusionierungsstrategien. Im Performatismus entsteht dagegen als Erzähltechnik die „Doppelte Rahmung. Performatistische Werke verklammern eine äußere Werkebene mit einer inneren Szene, die uns verbindlich an etwas glauben lässt.“ (Eshelman 2016, S. 174) Eine prinzipielle säkulare Zurückhaltung bleibt von der Postmoderne erhalten, aber der Glaube und die Bedeutung von Narrativen, von überzeugenden Geschichten sowohl in der Fiktion als auch in der Gesellschaft, kehren zurück, und ein bisschen wie in der progressiven Universalpoesie der Romantik, wird die Trennung ästhetischer und inhaltlicher Ebenen aufgelöst durch eine engere Verklammerung und Rahmung.

5. Dark Academia als Phänomen des Performatismus

5.1 Die Rückkehr der Ästhetik und Mimesis

Im Performatismus kehren Ästhetik und Schönheit zurück in die Kultur – und nirgendswo geschieht das vermutlich so explizit und radikal wie bei Dark Academia, in deren Zentrum eine Obsession mit Ästhetik steht.

Eshelman schreibt, dass im Performatismus Schönheit zuerst in einem erzählerischen oder architektonischen Raum hergestellt wird (vgl. Eshelman 2016, S-176). Internet Aesthetics wie Dark Academia erweitern die Konzeption noch weiter, weil im Internet alle möglichen Medien – Bilder, Videos, Musik, Videospiele, virtuelle Realitäten, Narrative – miteinander verschlungen digitale, mehrdimensionale Räume schaffen, die mehrere Memeplexe zu größeren zusammenführen und durch eine starke Inter- und Paratextualität eine Matrix schaffen, die mit ihrer Wirkung weit über den einfachen Rezeptionsmoment hinausgeht. Dark Academia mit seinen Wurzeln in der Romantik geht sogar weiter und strebt nach dem Vorbild der progressiven Universalpoesie eine komplette Ästhetisierung des ganzen Lebens und Habitus an. Wer durch die ästhetischen Rahmen tritt, die Dark Academia bildet, wird nicht nur per forma dazu gebracht, Schönheit und Ästhetik zu bewundern; die Subkultur fordert aktiv dazu auf, sich selbst zu ästhetisieren, selbst durch Mimesis ein Teil des kollektiven Kunstwerkes zu werden, das sich Dark Academia nennt, indem man den eigenen Social Media Feed, die eigene Garderobe und schließlich den eigenen Lebensstil dem ästhetischen Rahmen anpasst.

5.2 Formaler ästhetischer Trick und Glauben

Die gesamte Dark Academia kann als ein großer, kollektiv geschaffener Trick beschrieben werden, der die Anhänger durch ästhetische, formale Mittel wie Musik und Mode in eine glaubende Haltung im Angesicht romantischer und humanistischer Werte versetzt. Rational sind viele der romantischen Werte in Dark Academia ebenso wie die traditionalistischen Handlungen nicht mehr überzeugend, nicht mehr glaubhaft; doch das Memeplex legt die User durch die visuellen Bilder, das Netz aus Assoziationen, aus denen Dark Academia gewebt ist, in einen Rahmen hinein, in welchem sie nicht anderes können, als mindestens formal an die Transzendenz der dahinter stehenden Kräfte von Apollon und Dionysos zu glauben.

Dark Academia funktioniert dabei wie ein großes begehbares Kunstwerk, ein kollektives Kunstwerk, welches seinen Rahmen über das ganze Erleben seiner Rezipienten auszudehnen trachtet. Wie ein performatistisches Kunstwerk, überzeugt Dark Academia nicht mit logischen oder pragmatischen Gründen – es erschafft einen ästhetischen Rahmen, innerhalb dessen Glauben und Transzendenz möglich sind.

5.3 Transzendenzversprechen

Postmoderne Subkulturen waren in ihrem Kern meist leer, also nihilistisch und relativistisch. Sie füllten diesen leeren Kern mangels eines konkreten Glaubens mal mehr oder stärker mit vorgeblichen Werten maskiert entweder mit nonkonformistischen Hedonismus (Beatniks, Hippies, Punks), Eskapismus (Goths) oder systematischer Gier (Yuppies) oder gänzlich unmaskierter Verzweiflung (Emos). Ganz anders performatistische Internet Aesthetics: Sie laden mit ihrer Form gerade zum Glauben ein und manche formulieren sogar explizit ideologische Sehnsüchte (z.B. Fash Wave, Soviet Wave). Im Gegensatz zu einer Religion oder eine politische Subkultur, formuliert Dark Academia keine explizite Utopie oder den Glauben an die Existenz eines Gottes, aber ähnlich wie die Romantik vor ihr, deutete sie eine Transzendenz als einer Befreiung der Immanenz unserer Welt an. Dark Academia hat dafür auf der eine Seite eine Reihe von Memes eingebaut, die als einfache, einheitsstiftende (ostensive) Zeichen dienen, auf der anderen, verspricht ihre Ästhetik eine Transzendenz des relativistischen, technologisierten, multipolaren und kapitalistischen Gesellschaft der Gegenwart. Die Ästhetik und die Werte von Dark Academia verweisen alle in ihrer Haltung auf die Existenz von höheren, unvergänglichen, über das Rationale und damit die physische Welt hinausgehenden, also transzendenten Werten, wie Schönheit, Humanismus, Romantik, esoterisches, faustisches Wissen und dionysische Schaffenskräfte.

5.4 Subjektivität und Überwindung der Trennung

Die Globalisierung, Urbanisierung, Kapitalismus, postmoderne Kultur und zuletzt die Pandemie haben eine Epidemie der Einsamkeit ausgelöst, da sie traditionelle soziale Strukturen wie Familien destabilisierten und deterritorialisierten. Dark Academia, so wie alle Internetbewegungen, ermöglicht eine Überwindung dieser Isolation. User bilden, sich mit Gleichgesinnten aus der ganzen Welt vernetzend, Gemeinschaften. An die Stelle von lokal begrenzten Familien und Freunden, treten globale Peergroups. Insbesondere während der physischen Trennung in Zeiten von Lockdowns stieg die Popularität von Dark Academia, weil sie jungen Studenten ermöglichte das verloren gegangene Campusleben bzw. eine stark romantisierte Version davon, online zu erleben und sich ihre Autonomie zurück zu holen. Selbst eine globale Katastrophe wie die Pandemie, konnte Dark Academics nicht davon abhalten, selbstbestimmt und sozial zu agieren Diese performatistische Überwindung von Isolation ist nicht nur im modus operandi von Dark Academia sichtbar. Sie findet sich ebenso explizit in den Narrativen, die die Subkultur bestimmen: Der prototypische Protagonist ist ein junger Intellektueller, der nach einer Zeit des intensiven, isolierten Lernens, sich mit anderen trifft und mit ihnen rauschende intellektuelle Debatten führt, ihnen seine Gedichte vorträgt oder Kunstwerke teilt – ob online oder analog spielt dabei in der Praxis keine Rolle. Das Digitale erscheint dabei oft realer, sogar hyperreal.

5.5 Die Ernsthaftigkeit und Ironielosigkeit

Dark Academia ist daraus entstanden, dass User im Internet die romantische Lebenshaltung, die postmoderne Werke wie The Secret History und Dead Poet Society dekonstruierten, anfingen ernst zu nehmen und auf ihr aufbauend zuerst kollektiv eine eigene Aesthetics und schließ einen Literatur- und Wertekanon aufbauten. Ironie, Desillusionierungsstrategien und zynische Dekonstruktion, also die Eckpfeiler der Postmoderne? Nichts liegt Dark Academia ferner, schließlich geht es um die maximale Ästhetisierung und Romantisierung, getragen von einem performatistischen Glauben. Mit einer apollinischen Ernsthaftigkeit und Gründlichkeit, widmet man sich totgeglaubten Sprachen, Werten und Kulturen, verweigert sich so mancher technologischer Annehmlichkeit und streitet leidenschaftlich über Werte und als objektiv wahrgenommen Tatsachen. Die Zeichen sind eindeutig, die menschlichen Sehnsüchte, Ziele und Träume ernst zu nehmen.

5.6 Die formale Rückkehr des Abendlandes

Im Zentrum vieler postmoderner Strömungen und Erzählungen stand die hyperkritische, ironische Unterwanderung der großen Erzählungen des Abendlandes zugunsten einer Anti-Ideologie. Dark Academia verhält sich politisch und ideologisch weiterhin passiv bis agnostisch, aber per forma knüpft sie an die Symbole der Moderne und den großen, mit ihr untergegangenen Erzählungen des Abendlandes an. Mehr als das: Ihre Ästhetik als Rahmung und die Narrative und Werte auf inhaltlicher Ebene sind eng miteinander verklammert. Und dennoch: Niemand in der Dark Academia Szene äußert den Wunsch, man mögen das Internet abschaffen und tatsächlich zu der Zeit des Kolonialismus und Imperialismus des 19. Jahrhunderts zurückkehren; im Gegenteil, die Selbstkritik am Eurozentrismus gehört mittlerweile zum guten Ton in der Szene. Aber die humanistischen Ideale des 19. Jahrhunderts, seine Träume und Visionen, die Ästhetik seiner imperialen, in die Höhe strebenden Architektur und Literatur? Die Opulenz von Ornamenten und sakralen Werken und Bauten, das Studium der klassischen aristotelischen Tugenden und platonischen Lehren, die Narrative der Aufklärung und Romantik von der Selbstbestimmung des Individuums und der Möglichkeit von Schönheit und Weisheit? All diese von der Postmoderne als tot erklärten Narrative und von ihr verspotteten Elemente, begrüßen die Dark Academics mit offenen Armen und unterziehen es einer kritischen, aber optimistischen Untersuchung und Aneignung. Statt mit der Moderne radikal und kompromisslos zu brechen wie es die Kulturströmungen der Postmoderne taten, beleben die Dark Academics das wieder, was sie als wertvoll erachten, graben in der Geschichte, um wieder an die großen geistigen Traditionen anzuknüpfen. Die Geschichte hat sich aus ihrer Schockstarre gelöst und geht weiter – zwar reflektierter und kritischer und daher sich der dunklen Gefahren bewusst – aber wieder hoffnungsvoll und optimistisch.

6. Einige Schlussgedanken

Das theoretische Framework des Performatismus, wie es Raoul Eshelman entwickelt hat, bietet aufschlussreiche Einsichten darüber, wie sich unsere Kultur nach der Postmoderne wandelt und wie neue kulturelle Artefakte ihre Wirkung entfalten. Es bietet weitestgehend eine adäquate Beschreibung von einigen der wichtigsten Grundzüge unserer Epoche. Es kann sogar, wie diese Arbeit hoffentlich anhand des Beispiels von Dark Academia zeigen konnte, einige der wichtigsten Mechanismen von komplexeren kulturellen Phänomen wie neuen, digitalen Subkulturen beschreiben und erklären. Allerdings tun sich bei der Untersuchung digitaler Kulturräume auch die aktuell noch größten Lücken in der Theorie des Performatismus auf, da das Framework aktuell noch die Digitalisierung – den meines Erachtens nach wichtigsten Faktor in dem kulturellen Wandel unserer Zeit – zu sehr vernachlässigt.

Eshelman schreibt, dass es aus seiner Sicht „zweifelhaft“ ist, ob die Digitalisierung „die grundlegenden Mechanismen der Hochkultur wirklich nachhaltig verändern kann […] Sie ist aber [aus Eshelmans Sicht] dediziert nicht die treibende Kraft hinter der performatistischen Wende. Kultur wird in erster Linie von Menschen und nicht von Medien gemacht, die mal so oder mal so eingesetzt werden können.“ (Eshelman 2016, S. 46) Auch wenn ich dem letzten Satz prinzipiell zustimme, so verändert sich meiner Ansicht nach die Art und Weise wie und welche Menschen Kultur machen durch die Digitalisierung fundamental. Von (anonymen) Usern generierter Content ist für die meisten Menschen mittlerweile die Hauptform ihrer Kulturkonsumption, und die sogenannte Hochkultur rennt seit Jahren den von den digitalen, anonymen Massen geschaffenen Trends hinterher. Wenn ich die Romane lesen oder Filme sehe, die in den letzten Jahren geschaffen wurden, sehe ich darin oft die Extraktionen und oder noch häufiger eine plumpe Imitation dessen, was ich oft bereits Jahre zuvor in den weiten Memepools der kollektiven Kreativität der anonymen, digitalen Welten sah.

Die Digitalisierung ist vermutlich nicht die auslösende Kraft hinter der performatistischen Wende, aber sie das Kerosin, das gerade mit unermesslicher Geschwindigkeit in ihren Maschinenraum strömt und diese Wende transformiert. Die Entstehung von ganzen neuen Subkulturen, die keine Gurus oder Anführer kennen, nur kollektive Massen als Väter und Mütter, und die dann die Diskurse und die Produkte der Hochkultur formen, ist etwas Neues. Es folgt dem performatistischen Schema, aber ich glaube, da steckt mehr dahinter – und der Blick auf Memetik und die hier nur angeschnittenen offensichtlichen Bildungen neuer Gemeinschaften im Neotribalism des Internets, könnten uns einen noch tieferen Einblick ermöglichen, als ein alleiniges Betrachten einer vermeintlichen Hochkultur, die meist nichts als das filtrierte und vieler wesentlicher Elemente beraubte Extrakt der gesamten, heute zum Großteil digitalen Kultur ist.

Mehr noch. Um unsere Epoche zu verstehen, reicht es nicht, die Destillate aus den Fluss der Kultur – die hochpolierten Werke einer vermeintlichen Hochkultur und Popkultur – zu analysieren. Wir müssen vielmehr auf die neuen Quellen achten, die sich geändert haben. Die Quellen sind nämlich zunehmend die immer mächtiger werdenden Schwarmintelligenzen digitaler Memepools, aus denen sich der Fluss immer mehr speist, während alte Quellen wie Machtzentrum von ihnen überschwemmt werden. Waren früher die anonymen Massen kulturell die geistigen Sklaven von Ideen intellektueller Eliten und Künstler, deren Existenz sie sich nur selten bewusst waren; so sind heute die grauhaarigen Männer und Frauen an den Spitzen der alten kulturellen Institutionen zunehmend die geistigen Sklaven der Memes digitaler Bewegungen anonymer Massen, deren Existenz sie sich nur vage bewusst sind. Als ein jüngster Meilenstein dieser Ausweitung digitaler Kultur, ihrer Einverleibung und Unterwerfung der alten Welt und ihrer hierarchischen Strukturen, kann man zum Beispiel darin sehen, dass selbst traditionsreiche Auktionshäuser wie Sotheby’s nun mit digitaler Kunst handeln.

Internet Aesthetics und digitale Subkulturen wie Dark Academia sind erst der Anfang. Das Internet legt ein globales Netz unendlich weiter und zahlreicher ästhetischer Rahmen über die Menschheit und in diesen Rahmen eröffnen sich neue Möglichkeiten, die weit über neuen Glauben und formale Transzendenzversprechen hinausgehen. Manche nennen das, was hier geboren wird Cyberspace, Virtual Reality oder Metaverse – wie man es auch nennt, es ist mehr als die Geburt einer neuen Epoche, es ist eher ein neuer Sprung in der kulturellen Evolution wie er vielleicht zuletzt stattfand, als die Sprache erfunden wurde. Vor allem ist es eine populistische Kulturrevolution, die – wie in dieser Arbeit bereits skizziert – die Dominanz einer wie auch immer bestimmten, von Eliten getragenen Hochkultur zerschmettert und die Ströme der kulturellen Produktion fundamental umkehrt und die kulturformende Macht zumindest im westlichen, unzensierten Internet in die Dunkelheit der anonymen Massen verlegt. Eine geisteswissenschaftliche Praxis, die die Digitalisierung und die von ihr vorangetriebene populistische Kulturrevolution vernachlässigt und sich mit der Analyse einer zunehmend irrelevanten Hochkultur begnügt, kann daher langfristig nicht ausreichen, wenn es darum geht unsere Epoche vollständig zu beschreiben. Die Theorie des Performatismus bietet eine solide und intelligente Ausgangsbasis, aber es liegt noch eine Menge spannender Arbeit vor uns.

7. Quellen

 

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@myfairesttreasure (2020): dark academia hobbies. Online verfügbar unter https://www.instagram.com/p/B7E5t8GhuQ5/, zuletzt aktualisiert am 09.01.2020, zuletzt geprüft am 03.03.2022.

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Elieson, Clark (2021): The Dangerous Worship of Dark Academia. Online verfügbar unter https://www.youtube.com/watch?v=Q6L1CRP5AKw, zuletzt aktualisiert am 20.06.2022, zuletzt geprüft am 06.01.2022.

Eshelman, Raoul (2016): Die Rückkehr des Glaubens. Zur performatistischen Wende in der Kultur: Phänomen.

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Waldun, R. C. (2021): Why Dark Academia Is The Modern Renaissance – YouTube. Online verfügbar unter https://www.youtube.com/watch?v=zoZ88tm3mSI, zuletzt aktualisiert am 27.03.2021, zuletzt geprüft am 05.03.2022.

[1] geboren im Zeitraum 1997 – 2011 (vgl. Dimock, 2019)

[2] vom Altgriechischen μίμημα / mīmēma „nachgeahmte Dinge“

[3] Beispiel für ein frühes DarkAcademia YouTube Video von 2019: https://youtu.be/J5DE7ZqJVcQ

 


Dies ist eine Hausarbeit zum Seminar: Performatism or Culture after the End of Postmodernism

Dozent: Prof. Dr. Raoul Eshelman

Wintersemester 2021/2022

Ludwig-Maximilians-Universität München

Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaften

Benotung: 1,0

DOI: 10.13140/RG.2.2.10291.30244


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Nikodem

Nikodem Skrobisz, auch unter seinem Pseudonym Leveret Pale bekannt, wurde am 26.02.1999 in München geboren. Er ist als Journalist und Schriftsteller tätig und hat bereits mehrere Romane und Kurzgeschichten publiziert, die meist philosophische und gesellschaftliche Themen behandeln. Er studierte Kommunikationswissenschaften und Psychologie, und studiert zurzeit Philosophie und Sprache, Literatur und Kultur. Halbprivate Einblicke gibt es auf Instagram

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