Metanoia – Kapitel 4 – Teaser

Kapitel 4: Eine Begegnung mit der Vergangenheit

Der erste Dominostein, der zu den tragischen und wundervollen Ereignissen jenes Sommers führte, fiel an einem Donnerstag in der folgenden, letzten Juliwoche, so unangenehm heiß wie alle vergangenen Wochen. In der Nacht hatte ich Donna Tarrts Roman Die geheime Geschichte beendet und als ich am späten Nachmittag aus der Empfangslobby von Borfluss trat, verspürte ich die unbändige Lust neue Bücher zu kaufen. Eigentlich hätte ich nach Hause fahren sollen, um an meiner Hausarbeit über das Management von Lieferketten zu schreiben.
Nachdem ich den ganz Tag auf Exceltabellen und Bilanzen gestarrt hatte, war der Gedanke daran, meinen Kopf mit noch mehr Wirtschaftsthemen zu beschäftigen allerdings ungefähr so angenehmen wie sich einen rostigen Nagel in den Schädel zu rammen. So setzte ich meine Ray Ban Sonnenbrille auf, schlüpfte aus den dunkelblauen Vistula Sakko und hängte ihn mir über den linken Zeigefinger gehackt über die Schulter und schlug den Weg Richtung Universität und der sie umgebenden Buchhandlungen ein.
Gemächlich schlenderte ich durch die schier endlosen Massen an Menschen, die sich an diesem heißen Tag durch die Schatten der alten Kirchen und Kaufhäuser drängten. Nachdenklich wanderte ich durch die Duftwolken teurer Parfüms der mit Einkaufstüten von Louis Vitton und Christian Dior beladenen Shoppern, durch den beißenden Geruch ungewaschener Körper und saurem Schweiß, durch Dampf von süßem Vapejuice und Rauchwolken der Dunhillzigaretten, vorbei an mit wuchtigen Kameras rotierenden Touristengruppen und betrunken umherstolpernden Jugendlicher, vorbei an Obdachlosen mit vom Schmutz starren Kleidern, traurig glänzenden Augen und ausgefranzten Pappschildern.
In den ersten Wochen meines Jobs bei Borfluss hatte ich mich wie bei meinen früheren Praktika in prestigeträchtigen Institutionen unglaublich cool gefühlt. Es war auch irgendwo cool in einem eleganten Anzug in einer angesehenen Consultingfirma mitten im teuren Stadtzentrum zu arbeiten. Ich hatte mich verbunden gefühlt mit all den anderen wichtig aussehenden und schnell gehenden, anzugtragenden Männern und Frauen, die in den hier ansässigen Investmentbanken, Hedge Funds und sonstigen abgehobenen Instituten arbeiteten oder zumindest ihr Geld in den umliegenden Luxusgeschäften verbrannten. Doch mittlerweile war dieses Gefühl von Wichtigkeit und Coolness nur ein fad gewordener Nachgeschmack. Seitdem ich die Arbeit hinter den Fassaden kannte, die ganzen öden Zahlen und Exceltabellen hinter dem zur Schau gestellten Protz, kam mir das alles wie ein abstoßendes Theater vor, so falsch und verstellt wie das Lächeln, dass ich jeden Morgen der Office Managerin am Empfang zeigte.
In diesem sonderbaren Theaterstück, das sich fünf Tage die Woche wiederholte und vom noch skurrilerem Theater von Partys am Wochenende mit meinen Kommilitonen ergänzte, fühlte ich mich gefangen. Zum ersten Mal im Leben verstand ich, warum alle vom Hamsterrad der Arbeit sprachen und warum fast alle es verlassen wollten, aber ich wusste nicht, was ich sonst mit mir anfangen sollte. Ich wusste nur, dass mich dieses Leben – und noch schlimmer, der Gedanke nach meinem Studium es noch extremer weiterzuführen als Vollzeitangestellter oder Unternehmer – von innen zerfraß. Es erzeugte eine Leere, die ich gerade noch so mit dem Lesen von Romanen und ihren traumhaften Geschichten in den Nächten verdrängen konnte.
Benommen von diesen melancholischen Gedanken schlenderte ich durch die Straßen, wartete an den Ampeln, während die Lamborghinis und Teslas vorbeirauschten. Vor dem alten Universitätshauptgebäude bog ich ab in eine der Nebenstraßen voller Cafés, Fakultäten und Buchhandlungen.
Die nächtliche Lektüre von Tarrts Tragödie über die dekadenten AltGriechisch-Studenten hatte in mir eine ungreifbare Sehnsucht erweckt. Von dieser geleitet sah ich im Vorbeigehen hoffnungsvoll in die Richtung der Philologiefakultät, die sich gegenüber der ersten Buchhandlung befand. Ich weiß nicht, was ich genau erwartet hatte; vielleicht zumindest einen Ansatz von erhabener Bildung, von prätentiösen und hochintelligenten Genies in klassischen Anzügen aus dem 19. Jahrhundert wie im Roman. Vor der Philologiefakultät mit ihrer unpassend modernen Architektur standen aber nur hässliche Lastenräder herum. Auf den Stufen und Bänken des kleinen Vorhofes tummelten sich kleine Gruppen von jungen Studierenden in schmuddeligen Secondhandklamotten, mit Dreadlocks oder bunten gefärbten Haaren und Piercings, die mit Bieren und selbstgedrehten Zigaretten in den Händen vulgär lachten oder auf ihre chinesischen Smartphones von Xiamoi starrten. Es stank nach Cannabis und noch mehr als in den Einkaufsstraßen nach sauer gewordenen, alten Schweiß.
Angeekelt und enttäuscht wandte ich den Blick ab und stieß einen verzweifelten Seufzer aus.
In der Buchhandlung wandelte ich zwischen Regalen voller knallbunter Neuerscheinungen, gelber Reclamhefte, weißer Diogenesbände und grauer Hardcover. Ich wollte etwas Klassisches finden, was anknüpfte an die nächtliche Lektüre, aber je länger ich umherschritt und die Bücher ansah, desto weniger sprachen sie mich an. Alle waren neu und glänzend, charakterlos gestaltet, so oberflächlich perfekt, dass ich unwillkürlich an die postmodernen Kunstwerke im Büro denken musste. Keins davon weckte in mir das Bedürfnis es aus dem Regal herauszunehmen und aufzuschlagen. Nach einigen Minuten blieb ich vor den Philosophiebüchern stehen. Normalerweise las ich nur Romane und hatte mich stets von Philosophie ferngehalten. Nicht, weil ich davon nichts hielt. Ethik war nach Deutsch und Englisch das dritte Fach gewesen, in welchem ich in meinem Abiturzeugnis mit perfekten 15 Punkten glänzen konnte. Ich hatte mich schlicht nie dafür interessiert in meiner Freizeit durch – wie ich glaubte – mühsame Texte zu quälen. Ein unbestimmtes Gefühl kam in mir auf, dass ich mit meiner Suche nach Erhabenen dort fündig werden könnte.
Als ich die Philosophiesparte genauer betrachtete, ernüchterte ich erneut. Zwei Bretter waren gefüllt mit Gender Studies, Antikapitalismus und anderen schmuddeligen, politischen Traktaten – eins langweiliger als das nächste. Optisch war der Rest so schlicht und unedel gestaltet wie Gebrauchsanleitungen für Wasserkocher. Schließlich nahm ich mir ein in hässlichen Organe gekleidetes Taschenbüchlein von Bertrand Russel Probleme der Philosophie, welches mir der Student, der in dem Laden aushalf, als eine Einführung in die Philosophie empfahl. In der Hoffnung, dass es zumindest als guter Einstieg sein Versprechen erfüllen würde, kaufte ich es und trottete aus dem Laden. Es passte gerade perfekt in die Innentasche meines Sakkos.
Wieder in der Sonne, ging ich weiter die Straße entlang mit der bewussten Absicht einen kleinen Bogen zu schlagen, um mich etwas nach dem stundenlang Herumkauern vor Bildschirmen zu bewegen. Vielleicht war auch eine unbewusste Intuition dabei, denn meine Beine trugen mich vor das Schaufenster eines kleinen Antiquariats, an dem ich in der Vergangenheit öfters vorbeigelaufen war. Diesmal blieb ich stehen und betrachtete das zwischen dunklen Möbeln, Büsten und Bildern in einer Ecke des Geschäfts stehende Regal mit in Leder gebundenen Büchern. Ohne weiter darüber nachzudenken, trat ich durch die offene Tür.
Hinterm Tresen schnarchte ein alter Mann in seinem Stuhl, die faltigen Hände zusammengefaltet über den vom Bauch gespannten, ausgewaschenen Kaschmirpullover. Es roch nach modrigen Holz. Die Dielen seufzten unter meinen Derbys, während ich zum Bücherregal schlich.
Zuerst glaubte ich, wieder enttäuscht zu werden. Die meisten der dicken Lederschinken waren Kochbücher, Märchensammlungen oder Sonderausgaben von Goethes und Schillers Werken, von denen ich seit der Schulzeit genug hatte. Ich war bereits dabei auf dem Absatz kehrt zu machen, doch dann fiel mein Blick auf einen schmalen Buchrücken aus gebleichten Pergament, der zwischen zwei dunklen, dicken Wälzern steckte. Auf roter Farbe stand dort in Buchstaben aus Gold Platon Phaidros, umrahmt von zwei breiten Streifen aus filigranen Goldmustern. Unwillkürlich hob ich die Hand und zog das Büchlein heraus. Auf dem ebenso bleichen Umschlag war lediglich ein goldenes Siegel eingestanzt, ein Davidstern umschlossen von einem Lorbeerkranz. Ein kitzelnder Schauer der Ehrfurcht eine Art Schatz gefunden zu haben überkam mich. Vorsichtig öffnete ich das Buch.
Das Innenleben war noch schöner. Auf der Innenseite des Umschlags klebt ein handgezeichnetes Blättchen, das einen zwischen Kerzen kauernden und mit einer Feder schreibenden Gelehrten zeigte. In altdeutschen Buchstaben war darunter geschrieben Ex libris Dr. Hohl. Auf den folgenden Seiten stand dick in Rot erneut der Titel gedruckt, darunter in Schwarz, dass das Buch verlegt worden war bei einem gewissen Eugen Diederichs in Jena 1906 und dass das Buch aus japanischen Büttenpapier bestand, gebunden in Ganzpergament. Ich blätterte um.
Eine kunstvolle Initiale des S voller roter Schnörkel eröffnete den Text, der in einer angenehmen Schriftart gedruckt war, die den Augen schmeichelte, vor alllem, nachdem sie lange von Windowsstandardfonts gequält worden waren. „Sokrates: Mein lieber Phaidros, wohin und woher?“, begann der Text. Ehe ich mich versah, hatte ich mehrere Seiten darüber gelesen wie Sokrates mit einem gewissen Phaidros durchs Antike Athen spazierte, um in einem Bach die nackten Füße zu kühlen, bei den Göttern zu schwören und über die Liebe zu philosophieren. Vielleicht hätte ich das Buch komplett durchgelesen in dieser plötzlichen Trance, aber mich weckte eine ruhige, aber bestimmende Stimme.
„Wollen Sie das Buch kaufen?“
Ich drehte mich zu dem Verkäufer um, der trotz seines massigen Körpers und dessen Alter schnell hinter den Tresen hervorkam und sich vor mir aufbaute.
„Wie viel wollen Sie denn dafür?“, fragte ich. Es kam mir nichts anderes in den Sinn, als dass so ein schönes und altes Buch eine staatliche Summe kosten müsste. Der Mann streckte seine Hand entgegen und ich reichte ihm das Buch. Er schlug die letzte Seite auf.
„Fünfzehn Euronen. Wenn Sie noch weitere Bücher nehmen, gibt es Rabatt.“
„Nehmen Sie auch Karte?“
Tat er nicht und das, obwohl das 21. Jahrhundert bereits so weit vorangeschritten war. Ich zog meine Geldbörse, aber abgesehen von einigen Münzen, war sie nur voll mit schwarzen Karten.
„Ich muss kurz zur Bank gehen. Können Sie das Buch für mich so lange beiseite legen?“
Der alte Mann sah auf seine Armbanduhr. „Das kann ich. Aber Sie müssen leider morgen wiederkommen, denn in zwei Minuten schließen wir.“
„Wann öffnen Sie morgen?“
„Um acht Uhr“, sagte der Mann, das Buch, welches ich nicht aus den Augen lassen konnte, bereits unter den Arm geklemmt.
„Ich werde um morgen kurz nach acht da sein. Sie versprechen, dass es dann noch da ist?“
„Natürlich“, sagte der Mann.
„Ganz sicher?“, fragte ich.
„Ja“, entgegnete er enerviert.
„Alles klar. Ich werde da sein. Kurz nach acht, vielleicht auch halb neun. Aber ich werde da sein“, sagte ich und verließ den Laden, immer wieder zurückblickend.
Auf der Heimfahrt ließ ich den Taxifahrer an einer Bank halten und hob eine Handvoll Scheine ab.
Nachdem ich paar Kekse als Abendessen verspeiste, duschte ich mir zuhause den Schweiß des Tages vom Körper und setzte mich in den Bademantel gehüllt und mit Bertrand Russels Buch gerüstet auf den Balkon. Es dämmerte bereits hinter den Dächern und gespannt schlug ich es auf, in der Erwartung es würde mir einen großartigen Einstieg in etwas Erhabenes bieten.
Nach ein paar zähen Seiten, auf welchem Russel darüber philosophierte ob es möglich wäre, die Existenz des Tisches zu beweisen, auf dem er das Buch verfasste, schlug ich dieses wieder zu. Es war fast so trocken wie meine Wirtschaftslehrbücher mit ihren Tabellen und Zahlen, mit dem einzigen Unterschied, dass es mir vollkommen nutzlos erschien. Also entschied ich mich für den Abend doch eher im Sinne meiner Hausarbeit zu widmen, wenn ich denn meine Zeit schon so trocken verwenden sollte.
Erst später sollte ich erfahren, dass Russel als ein Vertreter der sogenannten analytischen Philosophie zählt – und auch wenn er trocken argumentiert, dies eher wie die Trockenheit eines hochwertigen Weines etwas ist, was man erst zu schätzen lernen muss. Wobei natürlich ein nietzscheanischer oder existentialistischer Cocktail mit paar idealistischen Shots die weitaus bessere Ausgangsbasis für eine unvergessliche Nacht darstellten. Doch dafür war ich damals, wie für noch vieles, alles andere als bereit, auch wenn schon der folgende Tag mir die Tür zu dieser neuen Welt weit aufstoßen sollte.


Weitere Informationen dazu, wann und wo dieser Roman erscheinen wird, werde ich in den kommenden Monaten sobald wie möglich auf diesem Blog und in meinem Newsletter bekanntgeben. Bis dahin empfehle ich die Lektüre von paar altgriechischen Klassikern und meinen eigenen bisherigen Veröffentlichungen zur Einstimmung: https://amzn.to/3em3DNk


Thumbmail: https://pixabay.com/images/id-1859616/


Wenn dir dieser Artikel weitergeholfen oder dich unterhalten hat, dann würde es mich freuen, wenn du mir einen Kaffee spendieren würdest, mit dem ich noch mehr solcher Artikel schreiben kann ?
Kaffee spendieren via Ko-Fi

Nikodem

Nikodem Skrobisz, auch unter seinem Pseudonym Leveret Pale bekannt, wurde am 26.02.1999 in München geboren. Er ist als Journalist und Schriftsteller tätig und hat bereits mehrere Romane und Kurzgeschichten publiziert, die meist philosophische und gesellschaftliche Themen behandeln. Er studierte Kommunikationswissenschaften und Psychologie, und studiert zurzeit Philosophie und Sprache, Literatur und Kultur. Halbprivate Einblicke gibt es auf Instagram

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.