Vom Tod zu einer ästhetischen Ethik

Es gibt weniges, das der Zufriedenheit mit dem eigenen Leben so zuträglich ist, wie regelmäßige Spaziergänge über Friedhöfe. Nicht weil es sonderlich angenehm wäre, die verwitternden Namen und Daten auf den Grabsteinen zu sehen und sich bewusst zu machen, dass man selbst unvermeidlich eines Tages nicht mehr sein wird. Sondern weil es notwendig ist, sofern man ein gutes Leben führen will.

An so einem Ort über den Tod nachzudenken und sich bewusst zu machen, dass man sterben wird, ist ähnlich wie das morgendliche Glas kalten Wassers oder die eiskalte Dusche: sowohl fundamentale Geisteshygiene als auch ein den Geist und Körper erweckendes Ritual, um die Resilienz zu härten und die Kräfte und Sinne für das Wichtige zu schärfen, zu bündeln und zu mobilisieren.

Sich unsere Mortalität bewusst zu machen, ermöglicht es uns, herauszutreten aus all den Trivialitäten, Verstrickungen und Ablenkungen des Alltags, und unser eigenes Leben in seiner Gesamtheit zu betrachten. Aus der dieser Perspektive heraus können wir leichter prüfen, ob wir die richtigen Entscheidungen treffen und das richtige Leben führen.

Die Bewusstwerdung des verdrängten Todes
Die meisten von der kontemporären westlichen Kultur erzogenen Menschen heutzutage verdrängen den Tod so effektiv, dass seine Wirklichkeit nur schwer durch den mentalen Abwehrschild und ins Bewusstsein zu dringen vermag. Deswegen, hier ein Versuch durchzudringen:

Stell dir vor, du liegst alt auf deinem Totenbett und tust deine letzten, rasselnden Atemzüge; der Schleier der Finsternis fällt einem Vorhang gleich, das Theaterstück deines Lebens ist vorbei. Die letzten Worte verhallen, während dein Ich auseinanderfällt, erlischt, bald nicht mehr ist und nie wieder sein wird. Du kannst nichts mehr tun. Du bist nicht einmal mehr da.

Einige der Menschen, die du liebtest, werden weiterleben und sich eine Zeitlang noch an dich erinnern; aber auch sie werden sterben. So wie alles sterben wird, so wie die Städte zu Staub zerfallen, die Erde mitsamt der Sonne zur Asche zerplatzen und eines fernen Tages selbst die Sterne erlöschen und letztendlich Zeit & Raum kollabieren werden.

Nun im Angesicht deines Endes, blicke zurück auf dein Leben und frage dich: Wie hast du dein Leben gelebt? Hast du deine Zeit genutzt und einer schönen Blume gleich dein Potential strahlend entfaltet – oder zu viel mit Prokrastination, Unsinn und Oberflächtlichkeiten verschwendet?

Hast du aus dem Lehm deiner Lebenszeit und Energie das anmutige Kunstwerk geformt und gebrannt, das dein Leben hätte sein können und sollen? Oder hast du dein Leben verschwendet, den Lehm zu einer beschämenden Schlammpfütze verkommen lassen?

Bereust du es, wie du dein Leben geführt hast? Hast du dein Herz den transzendenten Wundern der Liebe geöffnet, oder aus Furcht vor Verletzung und Bindung es kalt und verschlossen gelassen? Hast du so viel Zeit mit den Menschen verbracht, die du liebtest, wie du es gern hättest? Hast du deine Träume Wirklichkeit werden lassen, oder hast du dein Leben träumend verschlafen? Hat es sich gelohnt auf deine Ängste zu hören und in Sicherheit zu verharren? Hast du alles gesagt, was gesagt werden musste; hast du alles gemalt, geschrieben und geschaffen, das von dir geschaffen werden sollte? Und wirken deine aktuellen Probleme und Ängste wirklich so groß und bedrohlich aus dieser Vogelperspektive, oder sind es nur lächerlich winzige Schlaglöcher, die nur in der Tiefe der Gegenwart unüberwindbar erscheinen?

Das Denken über den Tod schärft den Blick für das Leben
Sobald wir uns bewusst werden, dass die Zeit zwischen unseren Fingern zerinnt und der Tod sicher ist, wird uns klar, dass wir im Alltag beständig dazu verführt werden unsere kostbare Lebenszeit zu verschwenden. Die meisten Menschen leben nicht. Sie existieren, sie schuften, sie konsumieren und sie vegetieren – zu oft lassen sie sich von Trivialitäten, Schwachsinn und Belanglosigkeiten vom Leben selbst ablenken, zu oft verschieben sie die wirklich wichtigen Dinge auf ein Morgen, so oft bis es kein Morgen mehr gibt und die Dinge unerledigt bleiben.

Die meisten Menschen verfallen daher beim Nachdenken über ihren Tod der Traurigkeit oder werden von Angst paralyisiert, bis sie den Tod wieder aus ihrem Bewusstsein verdrängt haben – um dann dennoch unbewusst aus Angst vor ihm sich noch weiter mit Hedonismus zu betäuben und zu zerstreuen, sodass sie ihre Leben statt zu leben, damit verbringen sich von dieser inneren Todesangst abzulenken.

Andere hingegen streben von dieser Angst gepeitscht nach der Illusion der realen oder zumindest symbolischen Unsterblichkeit – was ein sinnloses Unterfangen ist, das sowohl die würdelose Population dahinvegetierender Altenheimbewohner als auch von tausendjährigen Reichen fantasierende Fanatiker erzeugt.

Sowohl jene von Todesangst gelähmten, die sich vom Leben ablenken, als auch jene von der Todesangst gepeitschten, klammern sich aus Angst so sehr am Leben fest, dass es sich gar nicht frei entfalten kann. Letztendlich verpassen sie aus Angst vor dem Ende ihres Lebens das Leben an sich.

Das einzige Gegenmittel, um die Angst vor dem Tod zu verlieren ist nicht Verdrängung oder toxisches Streben nach unereichbarer Ewigkeit – sondern Akzeptanz und eine heroische Hinwendung zum Leben. Den Tod zu akzeptieren lernen bedeutet, das eigene Schicksal in seiner Gesamtheit und die persönliche Verpflichtung gegenüber diesem zu akzeptieren. Diese Verpflichtung ist eine schwere, eine, die Denken abverlangt – nicht ohne Zufall merkte bereits Michel de Montaigne an: „Philosophieren heißt sterben lernen“ – und entschlossenes Handeln.

Da wir nur einmal leben, haben wir auch nur einen einzigen Versuch dafür richtig zu leben und im ersten und einzigen Anlauf möglichst viele richtige Entscheidungen zu treffen – weshalb Ethik, die Lehre vom richtigen Handeln, eine der wichtigsten Disziplinen für jeden ist, der sein eigenes Leben wirklich leben will. Die Wirklichkeit des Todes als unumstößliche Tatsache des menschlichen Lebens, ist eins der Fundamente auf denen sich das Gebäude einer authentischen Ethik erschließen lässt.

Gegen Nihilismus und Hedonismus
Die Kontemplation über den Tod und die endgültige Annihiliation führt beinahe unvermeidlich – zumindest bei jenen, die sich keinen Illusionen über ein ewiges Jenseits hingeben – zu der Einsicht, dass die Welt und damit das wahre Leben jeglichem allgemeinen Sinn entbehren und jenseits von den konventionellen Vorstellungen von Gut und Böse liegen.

Doch dies ist keine Legitimation für den anti-ethischen, amoralischen Nihilismus und Hedonismus, die unserer Tage wie Krebsgeschwüre durch Gesellschaft und Zeitgeist metastieren. Das ist kein Freifahrtschein zu tun und zu lassen, was man will. Im Gegenteil.  Entgegen des populären, nihilistischen Mindsets stellt die menschliche Sterblichkeit und die Endlichkeit alles Seins eben nicht eine Negation des Lebenssinns und jeglicher menschlicher Moral dar. Das Leben wird nicht wert- und sinnlos dadurch, dass es unvermeidlich letztendlich ausgelöscht wird, im Gegenteil, seine Endlichkeit und das Bewusstsein derer macht es erst wertvoll; und erst Moral macht es lebenswert.

Die kollektive und individuelle Entfremdung von der Wirklichkeit des Todes durch die hermetische Abschottung über Altenheime, Intensivstationen und geschlossene Särge, die Bagatellisierung ihrer durch Actionfilme, Massenmedien und Videospiele, liegt an der Wurzel der von Vielen wahrgenommenen Sinnlosigkeit unserer Gegenwart. Aus dieser wahrgenommenen Sinnlosigkeit lassen sich auch viele der hedonistischen Dekadenzerscheinungen und Wahnvorstellungen der postmodernen westlichen Gesellschaft erklären. Wie Viktor Frankl anmerkte: „Wenn ein Mensch keinen tiefen Sinn finden kann, lenkt er sich mit Vergnügen ab.“


Der Wert der knappen Lebenszeit

Dadurch, dass unsere Lebenszeit knapp ist und  jede Entscheidung unwiederrufbar, bekommt das Leben erst seinen Sinn, seine Größe und Einzigartigkeit. Jede Sekunden ist nur einmal da und danach unwiederruflich verbraucht, was menschliche Lebenszeit zur wertvollsten aller Ressourcen macht.

Allein aus dieser simplen Tatsache lassen sich zahllose klassische Moralvorstellungen und Tugenden ableiten und begründen.

So wenig wie wir unsere eigene Zeit verschwenden sollten, sollten wir die unserer geschätzten Mitmenschen vergeuden. Rede daher nicht um den heißen Brei herum, lüge nicht, artikuliere deine Wünsche, Gefühle und Gedanken klar; zögere nicht, arbeite effizient, arbeite fleißig, entziehe dich nicht deiner Verpflichtungen. Sei für jene da, die dir wichtig sind, und für jene, die sich auf dich verlassen. Tue nicht das, was einfach und bequem ist, sondern das richtige.

Das fundamentalste ist aber wohl: Verwende deine Zeit darauf, das Leben zu bejahen, in allen seinen Tief und Höhen, denn du hast nur eine einzige Gelegenheit dafür. Statt auf dem Sofa vor dem Fernseher zu verschimmeln und von einem aufregenden Leben zu träumen, gehe raus und lebe das Leben: liebe, schaffe, lerne, erkunde, kämpfe, erobere, gestalte und helfe. Mache aus dir und der Welt das Beste in Anbetracht der Umstände.


Die Tugenden einer ästhetischen Ethik

Die oberste Tugend, die sich aus den Betrachtungen des Todes ergibt, ist zu leben – die Bejahung des Lebens, das Ja-Sagen zu den wunderbaren Facetten und Möglichkeiten des Lebens, seiner Höhen und Tiefen und seiner inhärenten Bestimmung. Wie ein wachsende Pflanzen danach strebt ihre Wurzeln auszubreiten und ins Licht zu wachsen, strebt der lebendige und nach dem Leben durstende Mensch danach seine Macht, seine Freiheit, den Aktionsradiun und die Kraft seines Willens auszuweiten. Das gut geführte Leben ist eines der romantischen Autopoiesis, eins, das den Pfaden des Schicksals und der Berufung folgend, alle Keime aufblühen lässt und einen Garten voller magischer Erinnerungen, atemberaubender Momente und bewunderswerter Kunstwerke hinterlässt. Es ist ein Leben der Ästhetik, denn die im weitesten Sinn gefasste Ästhetik ist es, welche Dingen, Ereignissen und Ideen Sinn und Leben verleit.

Doch auch dies ist keine Rechtfertigung für zynischen und kalten Egoismus – als Menschen sind wir stets in die Gesellschaft eingebunden, stets Teil des Lebens und Wirkens unserer Mitmenschen, ebenso wie sie ein Teil des unseren Lebens sind. Aus der harmonischen Verschränkung, aus der Integration in die Gesellschaft und die wechselseitige Gestaltung, ist das Kunstwerk unseres Lebens auch ein Teil der Kunstwerke unserer Liebsten, unserer Gemeinde, unserer Institutionen, unserer Nationen, Völker, Ethnien, Kulturen und zu guter letzt der Menschheit selbst.

Die Welt ist eine Bühne, ein Bündel unzähliger Lebensgeschichten und Kunstwerke, eine schwingende, aus der Zukunft auftauchende, in der Gegenwart schillernde und in der Vergangenheit wieder verschwindende Kette, in der alle Individuuen als Glieder eingewoben sind. Der Wandel des menschlichen Weltgeists ist ein kosmisches Ereignis, an dem wir alle mitwirken und das durch uns alle hindurchwirkt.

Daraus ergibt sich ebenso eine Verpflichtung sich den Mitmenschen und auch der Welt gegenüber tugendhaft zu verhalten – doch auch gegenüber sich selbst. Zur Gestaltung des eigenen Lebens zu seiner vollen Entfaltung, gehören Tugenden, Disziplin und Prinzipien zu den unverzichtbaren Utensilien. Wer keine Ideale und keine Selbstdisziplin besitzt, ist seinen niederen Trieben und Instinkten ausgeliefert, lässt sich nur allzuleicht von den destruktiven Dämonen der Trägheit, Wollust und des Ressentiements lähmen, ablenken und bei der Verwirklichung der eigenen Potentiale und Träume und der Erfüllung der Pflichten sabotieren.

So wie ein Gedicht oder ein Roman bei aller Wildheit, Freiheit und Trangressivität seines Inhalts, sich doch stets an die Regeln von Grammatik, Rechtschreibung und Form zu halten hat, um ästhetisch ansprechend und verständlich zu bleiben – so muss das Leben, so frei und individuell es auch geführt wird, stets durch Tugenden und Disziplin in Form gegossen werden, um seine Schönheit, Anmut und Sinnhaftigkeit zu bewahren.

In der endlosen Weite der Grenzlosigkeit kann nichts entstehen, nur zerfallen. Erst Regeln, das Eindringen der Ordnung in das Chaos, gebährt Existenzen. Dionysisches – die Wildheit, das Abenteuer, die Leidenschaften, das Herz, das Chaos – und das Apollonische – die Disziplin, die Tugend, die Pflichterfüllung, der Verstand, die Ordnung – müssen ausbalanciert sein. Nur ein Kunstwerk, nur ein Leben, das beide kreativen Kräfte harmonisch vereint, blüht schöpferisch und lebensbejahend in seiner vollen Pracht auf. Nur ein Garten, der regelmäßig und skrupellos von degenerierten Stämmen und Unkraut befreit, dessen Hecken zurechtgestutzt und Pflanzen beschnitten werden, kann schön und gesund bleiben.

Wer sein Leben als ein ein ästhetisches, bewunderswertes Gesamtkunstwerk führt und somit sich selbst und das Leben der Mitmenschen entzückt, der wird beim Spaziergang über den Friedhof keine Angst verspüren, sondern nur eine Bestätigung auf dem richtigen Pfad zu sein. Denn dann ist auch der Tod nur der notwendige Abschluss, den jedes Theaterstück, jedes Gemälde, jeder Roman, jedes Kunstwerk und jedes mit gutem Gewissen geführte Leben für seine Vervollständigung braucht.

 


Weiterführende Lektüren von Denkern, die mich stark beeinflussten bei der Entwicklung der in diesem Essay skizzierten Gedanken:

Solomon, Sheldon; Greenberg, Jeff; Pyszczynski, Tom: Der Wurm in unserem Herzen: Wie das Wissen um die Sterblichkeit unser Leben beeinflusst
Frank, Viktor: …. Und trotzdem Ja zum Leben sagen
Nietzsche, Friedrich: Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik
Nietzsche, Friedrich: Menschliches, Allzumenschliches
Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra
Heidegger, Martin: Sein und Zeit
Camus, Albert: Der Mythos der Sisyphos
Jünger, Ernst: Betrachtungen zur Zeit


Wenn dir dieser Artikel weitergeholfen oder dich unterhalten hat, dann würde es mich freuen, wenn du mir einen Kaffee spendieren würdest, mit dem ich noch mehr solcher Artikel schreiben kann. Kaffee ist nämlich eine ausgezeichnete Stimulation, um das Leben intensiver bejahen zu können 😉
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Nikodem Skrobisz

Nikodem Skrobisz, auch unter seinem Pseudonym Leveret Pale bekannt, wurde am 26.02.1999 in München geboren. Er ist als Journalist und Schriftsteller tätig und hat bereits mehrere Romane und Kurzgeschichten publiziert, die meist philosophische und gesellschaftliche Themen behandeln. Zurzeit ist er Vorstandsmitglied des Bundesverband junger Autoren und Autorinnen e.V... Er studierte Kommunikationswissenschaften und Psychologie, und studiert zurzeit Philosophie und Sprache, Literatur und Kultur. Halbprivate Einblicke gibt es auf Instagram

Ein Gedanke zu „Vom Tod zu einer ästhetischen Ethik

  • Ein wundervoll geschriebener Essay – durchzogen von der Spannung zwischen impliziter Bejahung der Autonomie, welche jedoch gleichsam als Verwirklichung eines aufgegebenen Geschickes gefasst wird.

    Doch gerade das macht den Text interessant.. und ich würde zu einer kleinen Diskussion zum Thema nicht nein sagen.

    LG

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