Vom Kampf zwischen Literatur & Literaturtheorie

Ein Frontbericht

Die meisten Schriftsteller hassen Literaturkritiker. Am bekanntesten sind für ihre Kritikerbeschimpfungen vor allem populäre Autoren der sogenannten „Unterhaltungsliteratur“ wie Stephen King, die auf das Feuilleton so spucken wie dieses auf sie. Oder man denke nur an den jahrelangen öffentlichen Zweikampf zwischen Günter Grass und seinem Kritiker Marcel Reich-Ranicki. Ich selbst verspüre das Unbehagen an der Literaturkritik und vor allem der ihr anhängenden Literaturwissenschaft und ihren Theorien. Seitdem ich sie studiere, haben mir Adorno, Derrida, Barthes und Benjamin so manches Wochenende ruiniert. Aber woran liegt das?

Man könnte zwar meinen, dass Literaturwissenschaft und damit -kritik & -theorie das Ergebnis von schmeichelhafter Bewunderung für und intensiver Beschäftigung mit den Werken von Autoren wäre (was sie zu einem Teil auch ist) und damit von uns Autoren eigentlich sehr wohlwollend begrüßt werden müsste. Weiter könnte man annehmen, dass die Literaturwissenschaft und die Literaturproduktion in einem produktiven, wechselseitigen Verhältnis stehen würden, die sich gegenseitig befruchten. Dies ist auch der Fall, aber der Prozess ist weniger deliberativ, als dialektisch – viel mehr noch, Literaturwissenschaft und Literaturproduktion stehen sich in einem heftigen Machtkampf gegenüber.

Als kreativ Schaffender nimmt man in der postmodernen Kulturlandschaft die Rolle eines Art säkularen Priesters ein, der Mythen webt, und die eines Zauberers, der das Publikum mit seinen sprachlichen Tricks zu verführen und verzaubern beabsichtigt. Man konstruiert fiktive Charaktere, mit denen die Leser mitfiebern sollen und sprachliche Bilder, in die sie sich hineinträumen sollen.

Eine gute Geschichte – ob Literatur, Film oder Propaganda – lässt so Leser und Publikum vergessen, dass sie nur eine Performanz ist. Ein erfolgreicher Literat entführt so die Leser in ihnen zuvor unbekannte fantastische Welten und psychologische Tiefen und Höhen, während man als erfolgreicher Literaturkritiker eben jene Welten zu zerschmettern und sezieren versucht.

Eine kritische Analyse packt den Zuschauer von hinten und rüttelt ihn so lange, bis er nicht nur erkennt, dass die Darbietung vor ihm eine Performanz voller narrativer Konstruktionen ist, sondern er auch die Leere zwischen den Zeilen und die einzelnen Pixel sieht, sodass die ganze Geschichte samt ihrem Zauber in willkürliche und leere Fragmente zerfällt. Literaturkritiker haben etwas von Leuten, die in einen Kinosaal stürmen und schreien, dass der Film nicht nur eine gestellte Show von Schauspielern ist sondern tatsächlich nur eine aus von der Leinwand abprallenden Photonen erzeugte Illusion, für die wir teuer bezahlen.

Solche Kritik ist wichtig, vor allem wenn auf der Bühne ein Goebbels oder Lenin das Publikum zu verführen versucht. Sie ist aus einer gesellschaftlichen Sicht auch dann wichtig, wenn ein harmloser Autor das Publikum mit seiner Weltsicht oder einer moralisch fragwürdigen Story zu verzaubern versucht, denn eine aufgeklärte Gesellschaft lebt von einer kritischen Haltung. Aber sie ist unangenehmen, sie bereitet ein Unbehagen beim Zaubernden und bei denen die sich gern Verzaubern lassen. Sie ist zwar notwendig. Aber für den Schöngeist des Ästheten und Künstlers ein notwendiges Übel, das er nur schwer akzeptiert. Des Weiteren scheint sie oft irrsinnig und lästig, da sie mit dem Effekt der Literatur etwas zu fassen versucht, was sich nicht fassen lässt und sich durch seine subjektive Natur jeglicher tatsächlicher objektiver Analyse entzieht.

Aus der Perspektive des Schaffenden wirken Literaturtheoretiker und -kritiker oft wie Ketzer, die in den von ihnen errichteten Tempel eindringen, seine Heiligtümer verunstalten und den Zauber, den die Autoren über das Publikum ausüben, brechen. Die Konfrontation zwischen Literaten und Literaturwissenschaftlern ist ein Machtkampf, zwischen jenen die verzaubern und jenen, die den Zauber brechen; zwischen Götzenschmieden und Ikonoklasten, zwischen Hexern und Inquisitoren, zwischen jenen die das Geheimnis ausleben und wahren und jenen, die es lüften wollen. Als Schriftsteller, der Philosophie und Literaturwissenschaft studiert, fühle ich mich oft nicht nur durch die Theorie bereichert und zu neuen kreativen Höhenflügen stimuliert. Im Gegenteil, oft fühle ich mich in eine schizophrene Rolle gepresst, sowohl Hexer als auch Inquisitor zu sein.

Verschärft wird dieser Konflikt dadurch, dass sich die Literaturwissenschaftler seit den 1960ern selbst zu Priestern aufgeschwungen haben. Nicht nur analysieren sie die Poetik, also die Wirkung eines Textes und deren Mechanismen, sie bedienen sich auch der Hermeneutik, um eine Bedeutung zu extrahieren – oder eher zu konstruieren. Sie deuten in ihren Exegesen Politisches und Gesellschaftliches in die Texte der Literaturschaffenden hinein, nicht selten – so oft der Eindruck des Außenstehenden – um ihre eigene politischen Agenda zu verbreiten, wobei sie auf fachfremde Theorien zurückgreifen, die sie selbst kaum verstehen. Als Beispiel dafür kann man die starke Verbreitung und den laxen Umgang mit der Psychoanalyse in literaturwissenschaftlichen Vorlesungen und Publikationen aufführen, während in der Psychologie ein Großteil der Psychoanalyse als pseudowissenschaftlicher Unfug längst aus den Fakultäten verbannt wurde.

Dadurch fühlen sich die Literaten gleich doppelt als würde man sich an ihren Werken vergehen: Nicht nur werden die kunstvoll und unter großer Mühe gewebten Geschichten samt ihrer Aura ermordet und zerfleddert. Nicht nur maßen sich Literaturtheoretiker an, besser zu verstehen, was für eine Bedeutung ein Text hat als dessen Autor. Der Leichnam wird auch noch verwendet, um ihn in einem Essay für eine politische Botschaft zu benutzen und nicht selten auch noch, um den Autor die Komplizenschaft mit irgendeinem böswilligen Prozess zu unterstellen.

Man muss auch bedenken, dass Analysen und Interpretationen von Literarischen Werken etwas historisch betrachtet sehr neues sind. Eine Produktion des späten 19. Jahrhunderts. Davor gab es eine Literaturkritik und -theorie wie wir sie heute kennen, nicht. Stattdessen lernten Schüler und Studenten die Werke Shakespears und Homers auswendig, studierten Grammatik und Rhetorik daran, um ihr eigenes sprachliches Geschick zu schleifen und sich Kulturelles Kapital anzueignen. Die Ausdifferenzierung, die Kategorisierung, die Trennung, der Versuch die „wahre Bedeutung“ zu finden (oder eher zu konstruieren) ist ein sehr modernes und postmodernes Phänomen bei der Literatur, welches man zuvor nur in der Theologie und in den Rechtswissenschaften kannte. Zu Zeiten Platons waren noch Literatur und Philosophie kaum auseinanderdividiert, seine philosophischen Abhandlungen bestehen zum Großteil aus literarischen Dialogen zwischen Sokrates und anderen Philosophen und bei den hellenistischen Philosophen wird nicht selten Homer zitiert.

Zu diesem Zustand einer Universalpoesie, einer Vereinigung von Philosophie und Kunst, strebt mein literarisches Schreiben zurück. Das zu begreifen, dabei half mir die Lektüre der Literaturtheorie.

Vielleicht macht den Literaten eben aus, dass er die Trennung der Dinge in Wissenschaft, Literatur, Fiktion, Realität in seinem Schaffen sich weigert zu akzeptieren. Während die meisten Literaturwissenschaftler und -kritiker, diese bereits resigniert hingenommen haben und hinnehmen müssen, ist doch das Einfangen und Zerteilen der Welt in Kategorien und Abstrakta die Grundlage der reflexiven Analyse und damit ihres Geschäfts.

Das literarische Streben nach Erhaltung der Einheit deckt sich dabei mit Immanuel Kants Theorie in seiner Kritik der Urteilskraft, dass Ästhetik allgemein der Versuch ist die Lücke zwischen der materiellen und der geistigen, zwischen der Welt der Kräfte und Gewalten und der Welt der Ideen zu schließen und zu verschwinden zu bringen. Das Werk zergliedernde und analysierende, unästhetische und trockene Theorien fühlen sich dann oft wie ein weiteres Hindernis auf diesem Sysiphusweg an, auch wenn sie versuchen den Weg nur besser zu ergründen. Man könnte aber auch sagen: Literaturkritische Analysen injizieren und ergründen das Vorhandensein von Interesse im von Kant in der Ästhetik theoretisierten ‚interessenlosen Interesse‘ und zerstören so den ästhetischen Effekt.

Man kann aber auch als Schriftsteller nicht ganz ohne Theorie leben, ist schließlich nicht jedes Werk ein Versuch mit den theoretischen Grenzen und Möglichkeiten, den Kontexten und Intertextualität zu spielen und die Literatur neu zu definieren? In jedem Roman schwingt ein bisschen Romantheorie mit. Literatur schreiben, ist auch immer ein Versuch Literatur neuzuerfinden, weiterzubringen, und somit auch ein theoretisches Denken über die Literatur, auch wenn es nicht unbedingt expliziert wird.

Nicht selten fängt der kreative Prozess beim Schreiben von Literatur damit an, sich als Autor zu fragen an welcher Konvention und Erwartungshaltung man sich diesmal vergehen will. Denn mit dem Konventionellen und Gängigen wollen die meisten Autoren weder sich selbst noch ihre Leser langweilen. Auch wenn die wenigsten Autoren dafür explizite Literaturtheorie zu Rate ziehen, bedienen sie sich einer impliziten Intuition über den gegenwärtigen Stand der Literatur.

Diese Intuitionen jedoch explizit zu machen und mit anderen Dingen – der Politik, der Gesellschaftskritik, irgendwelchen ideologischen Projekten – zu verbinden, wie es die Literaturtheoretiker vom Beruf her machen, ist ein kleiner Affront gegen die Magie und Aura, die das Erschaffen eines kreativen Werks begleiten. Es ist auch häufig hochgradig irrführend, was Literaturtheoretiker über Literatur vor sich hin theoretisieren, da die meisten von Ihnen das Schaffen von Literatur nicht von Innen kennen und den Prozess und seine Ergebnisse von Außen zu systematisieren versuchen. So gehen die Theorien oft meilenweit an dem vorbei, was Schriftsteller tagtäglich in ihrer Praxis erleben und tun. Dass dann Foucault und Barthes den Tod des Autors verkünden und bei der Interpretation die Gedanken des Autors herausstreichen, ist dann nur noch ein weiterer kränkender Tritt gegen den kreativen und schöpferischen Kopf.

Die unangenehme Reflexivität und Schizophrenie sich sowohl kreativ schaffend betätigen zu wollen, als auch philosophisch und literaturtheoretisch mich zu bilden und mit krassen Paradoxons zwischen der gelehrten Theorie und meiner Praxis konfrontiert zu werden, lähmt mich oft kurzfristig in meinem kreativen Schaffen. Langfristig … Ich bin mir nicht sicher, ob die dadurch gewonnen tiefere Reflexivität meine Literaturproduktion verbessert. Sie verbessert mich zweifelsohne als intellektuelles Individuum, schärft meinen Verstand und erweitert meinen Horizont. Das ist etwas, was ich sehr schätze, da ich nicht nur Romancier sein will, sondern auch Ambitionen jenseits der Literatur habe und einer Tugendethik folgend meinen ganzen Charakter zu entwickeln trachte. Aber ich frage mich dennoch: Wie viele große Schriftsteller hat die Literatur verloren, weil man Ihnen an einer Universität Kreativität und den Zugang zur literarischen Magie raubte und durch oft zweifelhaftes theoretisches Gerede ersetze?

Es schwingt eine Menge Ressentiment in diesem Machtkampf zwischen Kreativen und Kritikern mit. Ressentiment auf Seiten der Literaturwissenschaftler, weil nicht wenige von Ihnen zweifelsohne selbst gern Schriftsteller geworden wären, aber aufgrund des fehlenden Talents, der mangelnden Disziplin und der fehlenden Intuition daran gescheitert sind. Ressentiment auf Seiten der Schriftsteller, weil sie wohl auch gern die Fähigkeiten und Möglichkeit hätten so klug mit hochkomplexen Gedanken umzugehen und sich einen sicheren, vom Staat finanzierten Lehrstuhl an einer Universität zu sichern, statt daran zu verzweifeln, wie man von den meist mickrigen Tantiemen denn überleben soll.

Sich mit Literaturtheorie zu beschäftigen ist gerade aber durch diesen Konflikt zwischen diesen beiden, in einem nietzscheanischen Sinne, Priesterklassen, so spannend. Denn jede gute Geschichte, hat in ihrem Kern einen Konflikt, einen Konflikt zwischen den Helden, ihren Bedürfnissen und Zielen, den Antagonisten und der Gesellschaft. Die Literaturtheorien und die Literaturwissenschaft erzählen und erschaffen selbst eine hochspannende Geschichte, die Geschichte der Menschheit und ihrer hellsten Köpfe, wie sie Kulturen und ihre Kulturgüter hervorbringen, wie sie mit ihnen umgehen, wie sie Literatur mal – wie in den Zeiten der Kolonialismus – als etwas Zivilisierendes sehen, mal – wie in den Zeiten des Nationalismus – als etwas Einendes erleben, mal – wie in der postmoderne – als einen Zugang zur Welt und als Kritik an Herrschaft begreifen.

Und während die Literaten und Künstler sich meist nur um sich selbst und ihr prophetisches Schaffen kümmern und immer weiter schreiben, mit neuen Medien experimentieren und neue Geschichten in die Welt bringen; theoretisieren, kritisieren und analysieren die Kritiker und Theoretiker, ordnen ein und reflektieren; und die Unternehmer speisen Innovation, Wissen und Reflexion in den steten Strom der Produktion, so das Denken und seine Erzeugnisse unter allen Köpfen verbreitend, während die Politiker organisieren, reagieren und mit der Kultur deliberieren; und wir alle, wir schreiben weiter an der größten Geschichte aller Geschichten, der Geschichte der Menschheit. Es ist eine faszinierende Geschichte, von Affen, die sich ihrer selbst bewusst wurden, die die Sprache fanden, das Wort schufen und die heldenhaft auszogen, um kraft ihrer Gefühle, ihrer Gemeinschaft und ihres Verstandes zuerst die Elemente, die Natur, einander und wahrscheinlich bald die Kälte des Kosmos zu erobern, und doch nie sich selbst beherrschen, nie wohl ganz sich selbst und diese Welt verstehen werden. So wie alles im Wandel ist und wahrscheinlich niemals zu einem wahren Ende kommen wird, so ist mit der Literatur, den Theorien, den Trends und der Kultur, so ist es auch mit unserer Geschichte.

Das macht die Schönheit des Denkens, des ewigen intellektuellen und kreativen Sisyphoswegs aus, des Lebens selbst. Es ist oft ein anstrengender, ein frustrierender, doch stets aufs neue die Kräfte mobilisierender und uns Menschen vitalisierender Kampf.

Wie wichtig Literatur in dieser Geschichte der Menschheit – und im weitesten Sinne jede Form von Geschichtenerzählung, egal ob am Lagerfeuer, auf der Höhlenwand, in Büchern, auf Leinwänden, Bildschirmen oder virtuellen Realitäten – ist, zeigt nicht nur, dass es ganze Lehrstühle und Fakultäten gibt, die sich damit beschäftigen. Unsere Kultur und unser Denken als Kollektive und Individuen wird maßgeblich von Medien und ihren Inhalten geformt. Daher sollte jeder von uns sich ein bisschen mit Kultur- und Literaturtheorien beschäftigen.

Das ist etwas, was ich intuitiv schon lange ahnte – es schlägt sich bereits in den literaturtheoretischen Essays meine Schulzeit nieder – und das mir expliziert und besser zu begreifen die Beschäftigung mit Literaturtheorie in der Universität half, selbst und gerade durch quälende Seminare, in denen ich mich durch den stilistischen Affront von Adorno, Benjamin, Derrida und Lukasc wühlte. Dieser Essay entstand dabei als eine literarische Kritik an der Literaturtheorie – was für ein schöner Kreislauf.


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Nikodem

Nikodem Skrobisz, auch unter seinem Pseudonym Leveret Pale bekannt, wurde am 26.02.1999 in München geboren. Er ist als Journalist und Schriftsteller tätig und hat bereits mehrere Romane und Kurzgeschichten publiziert, die meist philosophische und gesellschaftliche Themen behandeln. Er studierte Kommunikationswissenschaften und Psychologie, und studiert zurzeit Philosophie und Sprache, Literatur und Kultur. Halbprivate Einblicke gibt es auf Instagram

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