Zukunftsängste&Chill – Cocos Cocaine

„Mein kreativer Genosse, sag mal, ist das nicht sinnlos, so einen Roman zu schreiben? Ich meine ja nur, wer liest heutzutage?“, fragte mich Coco, ein 22-jähriger Italiener und Musikstudent, der mittlerweile wie ich zum Stammgast geworden war.
Nun eigentlich fragte er es mich auf Englisch, denn im Travelshack sprach niemand Deutsch; die Barkeeper beherrschten es genauso wenig wie die meisten der Gäste. Es war wie ein eigenes Universum, eingebettet in den 15. Bezirks Wiens und bevölkert von einem multikulturellen Cocktail aus Expats, Backpackern, Touristen und paar Wahnsinnigen. Eigentlich hieß Coco auch Jacopo Coppola, aber Coco passte zu ihm besser, vor allem, weil er die ganze Zeit Kokain zog und dadurch ganz loco durch die Gegend hüpfte und sich wie jeder Tweaker1 pausenlos im verschwitzten Gesicht rieb, was er auch wieder tat, als er mir seine Frage stellte und weiter ausführte: „Ich meine, einige tun es, aber ich nicht, und was das angeht, bin ich mal keine Minderheit. Lesen ist was für alte Leute, am Aussterben wie die Biene und daher bald durch Roboter ersetzt.“ Er fuchtelte mit seinen Fingern vor meiner Nase herum und presste die Luft durch die Zähne, um ein schiefes Summen zur erzeugen, was wohl einen sterbenden Bienenschwarm imitieren sollte.
Ich zündete mir eine filterlose Dragon an; ein tiefer Zug zur Beruhigung und blies den grauen Strahl zur Decke. „Darum geht es gar nicht, zumindest nicht in erster Linie. Literatur ist eine Kunstform, in der man aus der Sprache Geschichten meißelt.“
„Tatsache. Ich wäre mir aber zu blöd für solch eine brotlose Kunst. Da ist mir die Musik deutlich lieber, die boomt und boomt. Das Schreiben aber, das war doch immer schon arm. Selbst wenn es eine Zukunft hätte, es bringt kein Geld.“
Ich hob die Augenbraun. „Erzähl das mal J.K. Rowling, Dan Brown oder Stephen King.“
„Die paar kreativen Genossen sind doch alte Ausnahmen. Die hatten Glück und schreiben Mainstreamzeug. Was du doch nicht machst, oder?“
Ich schüttelte den Kopf und verkniff mir eine Analogie zur Musikbranche und Cocos avantgardistischer Hardbass-Neuinterpretation von Richard Wagner mit MumbleRap-Anleihen herzustellen. „Nein. Ich schreibe die brotloseste Kunst vom allen. Ich schreibe über deine, meine, unsere Generation, ihr Leben und Fühlen. Ich filtere ihre Essenz aus dem Chaos des Lebens und verpacke es in Fiktion.“ Oder zumindest würde ich das tun, wenn ich schreiben würde, dachte ich mir.
„Unsere Generation?“ Coco lachte und klopfte auf den Tisch. „Mein Beileid, Genosse. Weißt du, was die Essenz unserer Generation ist? Darüber willst du wirklich schreiben?“
Ich erhob mich. „Wie es ist panisch zitternd in einer Welt zu leben, die wie ein sich überschlagendes Karussell der Apokalypse entgegenrast, und in der nichts mehr sicher scheint, wobei eh kaum noch jemand was davon versteht, weil die Aufmerksamkeitsspanne vom chronischen Meme-Konsum2 komplett im Eimer ist? Ja, exakt, darüber will ich schreiben. Selbst wenn mich nur noch die alten Säcke lesen sollten, dann wäre es das wert. Sie haben die Macht in dieser Welt. Irgendjemand muss aufschreiben, was bei uns hier unten los ist.“
Ich hatte mich in Rage geredet und schlug mit der geballten Faust auf den Tisch. Die Glut meiner Zigarette spritzte durch die Luft. Coco wich erschrocken zurück. Er rieb sich die Stirn, blinzelte und nickte langsam, während er von beiden Seiten seine Backe packte und energisch rieb. Als er damit fertig war, sagte er: „Ja… Ich denke, du hast da irgendwo recht, auch wenn ich das Thema noch immer scheiße finde.“
„Eben. Das Brot ist zweitranging, die Kunst ist alles“, sagte ich und setzte mich wieder, um einen großen Schluck von meinem Jameson Ginger zu nehmen.
„Aber warte, hast du überhaupt schon einen Roman veröffentlicht bekommen?“, fragte Coco. Er hatte sich wieder gefangen, und in seinen blutunterlaufenen Augen funkelte die scharfsinnige Schadenfreude eines Koksers.
„Ich habe noch nicht einmal einen geschrieben, wenn ich ehrlich bin“, sagte ich und versuchte zu lächeln, was mir aber nicht so recht gelang, weshalb ich schnell weiterredete: „ Ich habe aber schon paar Kurzgeschichten und Artikel in Literaturzeitschriften und Anthologien und so veröffentlicht, aber für einen Roman, da suche ich noch nach der passenden großen Idee.“
Coco nickte. „Guter Anfang. Große Idee. Klingt gut, sehr gut, und da bist du ja hier ganz richtig. Als Musiker kann ich dir nur bestätigen, dass dieser Ort nur so vor Inspiration sprüht. Aber weißt du, was dir sicher helfen würde, mein kreativer Genosse?“
„Eine Nase?“, fragte ich, rollte mit den Augen und exte meinen Drink. Eine Nase, ja das war Cocos Antwort auf alles, aber nicht meine. Dieses hepatitsverseuchte Zuckerpulver konnte mir gestohlen bleiben. „Nein, Danke.“
„Umso besser, dann bleibt mehr für mich. Ich gehe mal kurz aufs Klöchen, mir das Näschen pudern. Man sieht sich, Genosse.“ Coco exte seinen Drink und verschwand Richtung Toilette, wobei er sich unterwegs rastlos im Gesicht rieb. Ich schüttelte den Kopf. Nicht, dass ich irgendetwas gegen den Fremdkonsum von Kokain hätte, aber die Toilette des Travelshacks war der letztgeeignete Ort für den hygienischen Konsum von was auch immer. Anderseits, wenn man das in Benzin ausgekochte und in Zement aufgebackene Extrakt irgendwelcher Blätter durch seine Nase zog, war die Hygiene einem eh egal.
Ich drückte die Zigarette im Aschenbecher aus und nahm aus dem Päckchen eine neue. Aus der Hosentasche zog ich mein Clipperfeuerzeug – ein Andenken an meine zwei Monate zuvor durchgeführte Abifahrt im schönen Utrecht, die ich im Salviarausch3 verbrannt hatte – und entzündete den Sargnagel. Mit einem Seufzer ließ ich den warmen Rauch aus meinen Lippen gleiten und lehnte mich zurück.
Es gab keinen besseren Ort, um Menschen zu beobachten und mit ihnen ins Gespräch zu kommen, als hinter einer vorgehaltenen Hand, die eine glühende Zigarette hielt. Ich ließ meinen Blick durch den Raum schweifen. Die meisten der Anwesenden waren mir unbekannt, andere erkannte ich von vorherigen Besuchen wieder. Am Billardtisch spielte Christoph, ein ehemaliger Olympiagoldmedaillenträger, der nun nach eigener Aussage nichts anderes mehr tat als zu saufen, gegen einen Argentinier, der aussah wie Jack Kerouac. Beide rauchten selbstgedrehte Zigaretten, während sie in Marschgeschwindigkeit um den Tisch rotierten. Sie waren in ihr Spiel mit höchster Konzentration vertieft und rammten achtlos mit den Queues die hinter ihnen stehende Leute, vor allem eine Gruppe junger Französinnen, die jedes Mal empört aufschrien und von den beiden ignorierte Flüche ausstießen. Hinterm Kicker zu meiner Rechten, versuchte sich ein Schwuler an einem gelangweilt dreinblickenden Heten, der offensichtlich nur wegen den spendierten Drinks und der Komplimente das Anflirten über sich ergehen ließ, und dabei vapte. Traurige Situation, weshalb ich schnell weitersah, und da entdeckte ich eine Gruppe mir vertrauter Gesichter in einer Nische zusammengebeugt über dem blassblauen Licht eines Smartphones. Das waren die Schauspielerin Lynn und der japanische Opernsänger Kimitake, sowie zwei unbekannte Männer. Ich aschte meine Kippe ab, steckte sie in meinem Mund, sprang auf und bahnte mir den Weg zu meinen Freunden, um herauszufinden, warum sie so interessiert auf Lynns Smartphone starrten.

 


Dieser kleine Teaser, soll einen Einblick in mein vor kurzem in der Rohfassung abgeschlossenes Projekt „Zukunftsängste&Chill“ gewähren. Mehr findet man auf Wattpad: https://my.w.tt/4vnA4mcmQW Der Roman befindet sich derzeit in der Überarbeitungsphase und ich bin aktuell im Gespräch mit diversen geeigneten Verlagen.  Ein Überblick meiner bisher erschienen Bücher lässt sich unter anderem hier finden: https://amzn.to/2HvDInU


 

1Tweaker = Jemand, der bereits länger von starken Aufputschmitteln abhängig ist, und das dafür typische Verhalten zeigt.

2Meme = Eine sich viral ausbreitende Idee. Im Kontext der Internetkultur vor allem kurze Videos, GIFs und Bilder, die zumeist popkulturelle Themen aufgreifen, parodieren oder überspitzt darstellen.

3 Salvia Divinorum = Atztekensalbei. Der Konsum der Blätter dieser Salbeiart führt zu dissoziativen Erlebnissen wie außerkörperlichen Erfahrungen und Halluzinationen. Siehe auch die Erwähnung in meiner Kurzgeschichte „Abort“ in der Anthologie „Abgeranzte Liebe“ des Verlags Hummel&Sahne.


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