Krimidinner und Schreiben mit Legasthenie – Autorin Sabrina Wolv im Interview

Die Kunst der Worte ist keine einfache und sie kann die vielfältigsten Formen annehmen. Autorinnen und Autoren  begegnen auf ihren Schreibpfaden oft Hindernissen oder Begleitern, die das Schreibleben zusätzlich erschweren. Meine Kollegin Sabrina Wolv – die wie ich eine Wiederholungstäterin ist, was den Besuch des von Yvonne Powell organisierten Autorenstammtisches in München angeht – schreibt nicht nur Romane und in dem eher ungewöhnlichen Genre der Krimidinner. Sie hat auch eine eher ungewöhnlichen Begleiter: Ihre Legasthenie. Wie sich das auf das Schreiben auswirkt und was eigentlich mit ihren Romanen und Krimidinnern auf sich hat, habe ich in dem folgenden Interview mal nachgefragt.

 

Dein Debütroman „Die Lichtbringer – Nummer 365“ ist im Verlagshaus el Gato erschienen und hat ziemlich gute Rezensionen – doch abgesehen davon, was macht ihn so außergewöhnlich und worum geht es darin? Warum sollte man ihn lesen? 

In meinem Roman begleitet man den traumatisierten Jungen Strudel durch eine düstere Zukunft. Er wird als Kind von der Armee der Lichtbringer in die Akademie verschleppt und soll dort zum Elitesoldaten ausgebildet werden. Während die Lichtbringer alles daran setzen, Strudel für ihre Zwecke auszunutzen, muss er sich seinen Ängsten stellen, um sein Leben und das seiner Freunde zu retten. Es geht um Überleben, Krieg und Trauma. Aber auch ums Erwachsenwerden, um das Bewältigen der eigenen Abgründe und um tiefe Freundschaft.

Ich denke ungewöhnlich ist, dass ich Strudels Geschichte von Anfang an erzähle. So sind Strudel und die anderen Kinder zu Beginn etwa 6 Jahre alt. Im Laufe des Romans werden aus verängstigten Kindern, jugendliche Elitesoldaten. Besonders wichtig war mir dabei zu zeigen, wie sich die Charaktere entwickeln und sich ihre Ansichten verändern.

Wer also gerne eine Dystopie mit tiefgründigen Charakteren lesen möchte, in der nicht romantische Liebe, sondern Freundschaft im Vordergrund steht, ist bei ‚Nummer 365 – Die Lichtbringer‚ genau richtig.

 

Neben Romanen verfasst du auch Krimidinner. Wenn man – wie z.B. ich – noch nie – nüchtern – in einem Krimidinner war: Wie kann man sich das vorstellen, wie funktioniert das und was macht für dich den besonderen Reiz dieses Genres aus?

Ein Krimidinner ist ein interaktives Spiel, bei dem alle Mitspieler*innen in eine Rolle schlüpfen und versuchen während eines gemeinsamen Essens einen Kriminalfall zu lösen.

Ich schreibe Zuhause spielbare Krimidinner, die auf realen historischen Kriminalfällen beruhen. So können die Spieler bei ‚Der Herbst des Schreckens‘ auf die Jagd nach dem legendärem Jack the Ripper gehen. Bei ‚Die Nacht des Wahnsinns‘ können sie versuchen, das Geheimnis rund um den Sechsfachmord auf dem bayrischen Einödhof Hinterkaifeck  zu lüften.

Diese Erklärung führt in aller Regel aber erst mal zu noch mehr Fragen:

Frage: Wie spielt man das?

Antwort: Zunächst mal muss man sich ein Krimidinner besorgen. Das ist normalerweise eine Box oder eine CD, die die Beschreibung des Falls zum Vorlesen, eine Spielanleitung und Rollenbeschreibungen für jeden Mitspielenden enthält. Ab dann kann man einfach der Spielanleitung folgen und muss sich nur noch Leute einladen, die Lust haben den Fall gemeinsam zu spielen.

Frage: Wie? Da kommen dann Schauspieler nach Hause?

Antwort: Nein. Ihr seid selbst die Schauspieler. Jeder von euch übernimmt eine Rolle im Fall. Das ist ganz einfach. Ihr lest die Rollenbeschreibung und werdet dann für einen Abend zu dieser beschriebenen Person.

Das heißt auch, dass einer von euch der Verbrecher ist, der von den anderen entlarvt werden soll.

Frage: Hä? Muss ich da dann Text auswendig lernen?

Antwort: Nein. Man sollte sich zwar schon merken, was in der Rollenbeschreibung steht, doch man muss keinesfalls Wort für Wort etwas aufsagen. Viel mehr ist es ein bisschen wie ein Improvisationstheater. Zum Beispiel bittet man während des Spiels die Mitspieler*innen gelegentlich etwas lauter zu sprechen, anstatt ihnen am Anfang vorzulesen, dass man Gertraut, die schwerhörige aber gerissene Großmutter ist.

Meine Krimidinner verbinden für mich zwei meiner Leidenschaften:

Erstens bin ich ein totales Spielkind. Wir haben weit mehr als 100 Gesellschaftsspiele zuhause. Besonders gerne mag ich Spiele mit einer gut ausgearbeitet Geschichte und solche bei denen man gemeinsam Rätsel lösen kann.

Zweitens bin ich ein ziemlicher Geschichtsnerd. Ich liebe historische Romane, betreibe Schwertkampf als Sport und recherchiere gerne über vergangene Zeiten. Historische Krimidinner-Spiele sind also perfekt für mich.

 

Was motiviert dich zum Schreiben?

Es motiviert mich, wenn aus einem weißen Blatt Stück für Stück ein Roman mit mehreren hundert Seiten geworden ist.

Es motiviert mich, wenn meine Figuren mit jedem Wort lebendiger werden.

Es motiviert mich, wenn meine Gedanken mit dem Text verschmelzen und ich so den Leser*innen meine Welt zeigen kann.

Es motiviert mich, wenn Leser*innen  mir schreiben, dass meine Geschichte und Figuren sie berührt und zum nachdenken gebracht haben.

 

Du bist ja Legasthenikerin, was unter Autorinnen und Autoren nicht gerade häufig ist und das Schreiben wahrscheinlich nicht gerade einfach macht. Oder täusche ich mich da? Wie wirkt sich deine Legasthenie auf dein Schreiben konkret aus?

Es gibt ein paar Dinge, die ich anders mache als andere Autor*innen. Ich lasse etwa beim Signieren die Leute ihren Namen immer für mich aufschreiben und schreibe ihn dann Buchstabe für Buchstabe ab. So versuche ich zumindest zu vermeiden, dass sich dort ein Fehler einschleicht. Lesungen bereite ich sehr genau vor. Ich beginne mindestens eine Woche vor einer Lesung zu üben und kann den Text am Ende fast auswendig.

Wenn ich etwas schreibe, muss ich immer nochmal jemanden drüberlesen lassen. Sonst lassen sich Fehler nicht vermeiden. Ich benutze zwar das tolle Schreibprogramm Papyrus Autor,  aber alle Fehler kann es leider auch nicht finden. Deshalb bin ich auf menschliche Testleser*innen angewiesen. Zum Glück habe ich ein paar tolle Freundinnen und Freunde, die das für mich übernehmen. Mein Manuskript von ‚Nummer 365 – Die Lichtbringer‘ haben zum Beispiel mindestens 6 Leute auf Rechtschreibfehler überprüft (und natürlich hat das Korrektorat des Verlages trotzdem noch viele gefunden).

An dieser Stelle mal wieder ein dickes DANKESCHÖN an alle meine tollen Testleser*innen!

Ich glaube aber, das allermeiste mache ich genau wie alle anderen Autoren auch. Ich sehe meine Legasthenie übrigens nicht als Handicap, sondern als Teil von mir. Sie ist eine meiner größten Stärken.  Denn durch sie habe ich gelernt mich durchzukämpfen und ich bin davon überzeugt, dass  meine Kreativität eng mit meiner Legasthenie zusammenhängt.

 

Wenn du in der Zeit zurückreisen könntest, um dir selbst am Anfang deiner Schreibkarriere einen Ratschlag zu geben: Welcher wäre es?

Da sind wir gleich wieder bei meiner Legasthenie. Denn so wie heute, habe ich nicht immer gedacht. Deshalb würde ich mich selbst gerne schütteln und sagen:

Lass dich von so etwas unwichtigem wie Rechtschreibung nicht von deinen Träumen abhalten! Hör auf niemanden, der dir etwas anderes einreden will.  Schreib einfach!

 

Welche Veröffentlichungen und Projekte können wir von dir in der nahen Zukunft erwarten? Kannst du uns verraten, woran du zurzeit schreibst oder was sogar sich auf dem Weg  zur Veröffentlichung befindet?

Gerade durchläuft der zweite Teil meiner ‚Nummer 365‘ Dilogie das Lektorat. ‚Der Abendstern‘ wird die Geschichte abschließen und soll noch vor Jahresende erscheinen. Danach werde ich mich wohl zunächst einem neuen Romanprojekt widmen. Aber auch weitere Krimidinner sind in Planung. Es geht also weiter.

Vielen Dank, für das abwechslungsreiche Interview! Ich freue mich schon auf unser nächstes Treffen!

 

Vielen Dank Sabrina für deine Zeit und deine interessanten Antworten. Spätestens beim BVjA Autorenstammtisch in München am 07.10, bei dem ich auch einen Vortrag halten werde, sehen wir uns ja wieder 😉


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Nikodem Skrobisz

Nikodem Skrobisz, auch unter seinem Pseudonym Leveret Pale bekannt, wurde am 26.02.1999 in München geboren. Er ist als Journalist und Schriftsteller tätig und hat bereits mehrere Romane und Kurzgeschichten publiziert, die meist philosophische und gesellschaftliche Themen behandeln. Zurzeit ist er Vorstandsmitglied des Bundesverband junger Autoren und Autorinnen e.V.. und studiert Kommunikationswissenschaften und Psychologie. Halbprivate Einblicke gibt es auf Instagram

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