Deutsche Hitler-Theologie und Polnisches Kreuzrittertum – [Randgedanken]

Wie man an meinem Namen unschwer erkennen kann, bin ich kein Deutscher in einem genealogischen Sinne. Ich bin zwar in München geboren und zum Großteil hier aufgewachsen und habe die deutsche Staatsbürgerschaft, aber ich habe auch zwei Jahre in Polen gelebt, habe eine polnische Staatsbürgerschaft und meine beiden Eltern kommen aus Polen, mein Vater kam sogar als Flüchtling, der in den 80ern in Deutschland politisches Asyl bekam. Mein Stammbaum ist, soweit er mir bekannt ist, rein polnisch, aber Deutsch ist mittlerweile die Sprache meines Denkens und Schreibens und München meine Heimatstadt.

Da ich sowohl mit der deutschen, als auch mit der polnischen Kultur aufgewachsen bin, fallen mir immer wieder Dinge auf, die in einem Kulturraum als selbstevident wahrgenommen werden, im anderen wiederrum komplett abgelehnt werden.

Eine solche Sache ist, dass in beiden Ländern eine starke, quasi-religiöse moralisch-politische Theologie gibt, die die öffentlichen Diskurse bestimmt aber jeweils zu komplett unterschiedlichen Ergebnissen führt:

Niemand, der bei klarem Verstand ist, würde sich in Deutschland öffentlich selbst als rechts bezeichnen – während in Polen niemand, der bei klarem Verstand ist, sich öffentlich selbst als links bezeichnen würde.

Ja, richtig gelesen.

Während in Deutschland das Wort „Rechter“ eine äußerst negative Konnotation hat und Intellektuelle und Aktivisten des Mainstreams gern ihre moralische Überlegenheit unter Hashtags wie #allegegenrechts präsentieren, ist es in Polen komplett andersrum. In Polen jemanden als einen „Linken“ zu bezeichnen, ist fast so, wie jemanden in Deutschland als einen „Nazi“ zu bezeichnen. Deswegen betonen polnische Intellektuelle und Aktivisten des Mainstreams ihre moralische Überlegenheit mit ihrer Distanz von allem Linken, quasi #allegegenlinks.

Entsprechend driftet Polen seit einigen Jahren zunehmend nach rechts, während Deutschland insgesamt zunehmend nach links driftet. Ja, auch wenn man durch die reißerischen Medienberichte über das populistische Frankensteinmonster namens AfD und die oft rechtsextreme Verschwörungstheoretiker- & Coronaleugnermeute manchmal den Eindruck hat, Deutschland wäre wieder kurz vor 1933, so bewegt sich realpolitisch die breite Masse doch insgesamt in die linksliberale Richtung und gleiches gilt für  die Programmatik und Diskurshoheit. [0] Das kann man besonders gut an den jungen Generationen sehen: Während in Deutschland die beliebteste Partei unter jungen Erwachsenen die Grünen sind und Deutsche unter 30 Jahren bei der letztjährigen Europawahl zu fast Zwei Drittel für linke Parteien stimmten [1], stimmen in Polen Zwei Drittel der Wähler unter 30 für rechte Parteien. [2] Das ist tatsächlich nicht nur ein Relikt, sondern ein Trend: Junge Deutsche sind statistisch betrachtet linker als ihre Eltern und junge Polen sind statistisch betrachtet rechter als ihre Eltern.

Wie kann es in so zwei geographisch aneinandergeschmiegten Ländern mit einem so regen Austausch wie Polen und Deutschland, so zwei komplett unterschiedliche kollektive politische Moralvorstellungen geben?

Eine der vielen Ursachen dahinter sind meiner Beobachtung nach zwei aus historischen Traumata und bestimmten Narrativen erwachsene mythologische Theologien, wobei die theologische Form vor allem in Deutschland ziemlich klar erkennbar ist.

Im Voraus eine kleine Anmerkung über das Offensichtliche, bevor sich jemand beleidigt fühlt oder mir völkisches Denken unterstellt: Wenn ich in diesem Text von Deutschen und Polen oder anderen Nationalitäten schreibe, meine ich nicht alle Individuuen, sondern ein kollektives Aggregat, das den Mainstream des kulturellen, moralischen und nationalen Denkens in dem jeweiligen Land bestimmt.

Deutsche Hitler-Theologie
Die Deutschen verehrten Hitler einst als ihren Messias – und heute verehren sie ihn noch immer, allerdings als eine Art Antichrist. Wenn von Hitler die Rede ist – und das ist es oft, vor allem natürlich im Geschichtsunterricht und in den Medien – dann ist es so, als würden die Deutschen nicht von einem Menschen sprechen, sondern von einer metaphysischen Entität, einer Singularität des Bösen, dem Antichristen, der noch immer unter uns wandert und bei nicht ausreichender Buße, erneut aus der Hölle emporsteigen wird. Diese theologische Konstruktion von Hitler als das absolute Böse dient dabei – mal unbewusst, aber genauso oft offen ausgesprochen – als eine Art moralische Richtschnur in deutschen Diskursen, im Sinne von: Hitler ist das absolute Böse = alles was das Gegenteil ist, was Hitler getan hätte, ist das absolute Gute. Hitler war Rechtsextremist? So ist alles Rechte böse. Hitler war autoritär? So ist alles Autoritäre böse. Hitler war ein deutscher Nationalist? So ist jeder deutsche Nationalismus böse … et cetera et cetera …

Solch ein Denken ist nicht wirklich rational, aber als eine Art gesellschaftliches Immunsystem macht es Sinn angesichts der Schrecken der Verbrechen der Nazis, insbesondere des Zivilisationsbruchs des Holocausts. Solch eine bestalische Massenvernichtung von Menschenleben darf sich nicht wiederholen und man muss den Anfängen wehren.

Aus der Perspektive eines Außenstehenden nimmt das aber ganze manchmal etwas übetriebene, wenn nicht sogar wahnhafte Züge an, bei denen Anfänge da gesehen werden, wo sie gar nicht sind, und dafür tatsächlich Anfänge woanders ignoriert werden.

Haben die Christen im Mittelalter sich noch mit Weihwasser besprenkelt, die Bibel herunterzitiert und sich in Keuschheitsgürtel gezwängt, um ihre Reinheit von allem Sündigen und Bösen zu beweisen, so beweist der sozial gut angepasste Deutsche heute seine geistige Reinheit mit der Distanzierung von allem, was im entferntesten irgendwie mit Hitler in Verbindung gebracht werden könnte und praktiziert eine peinlich penible Politische Korrektheit. Eine so penible Korrektheit, dass – paradoxerweise obwohl er nur zu eifrig beteuert, er würde alles tun, um einen zweiten Holocaust zu verhindern – er aus Angst als Rassist, also als Nazi, bezeichnet zu werden, nur allzu oft schweigt, wenn Muslime offenen Antisemitismus zur Schau stellen oder die Kommunistische Partei in China ethnische Minderheiten in Konzentrationslager deportiert.

Besondere Perversion erlebt die Theologie zurzeit noch mit dem aus dem Amerika importierten Slogan: Silence is Violence – Wer sich nicht offen und laut zur reinen Lehre, zur Ablehnung allen Rechtens bekennt, der ist nach dieser Formel ein Ketzer, ein Rechter, ein Feind. Egal, ob die Person einfach nur schweigt, weil sie nicht das Gefühl hat eine ausreichend differenzierte Meinung zu haben, um Position zu beziehen; oder schlicht nichts von Virtue Signaling hält oder tatsächlich rechts ist. Hier zeigt sich auch die religiöse Natur dieser Theologie: Wenn man in einer Religion eine Sünde begeht, ist man sofort ein Sünder – in der Politik ist man aber nicht zwangsläufig ein Nazi, nur wenn man rechte Positionen vertritt, allerdings tun viele Deutsche so, als wäre jede rechte Äußerung ein Herbeirufen des Bösens von Hitler, und Rechte werden häufig – selbst wenn ihre Positionen sehr weit weg vom Nationalsozialismus ist – mit dem Begriff Nazi beschimpft.

Ironischerweise, gibt es nicht wenige Personen im rechten politischen Spektrum in Deutschland, die sich an diesem #allegegenrechts beteiligen, weil sie selbst nicht einmal realisieren, dass sie rechts sind, weil sie alles Rechte mit dem Bösen und Irrrationalem assoziieren, und sich selbst für gut und damit nicht-rechts halten. Im Gegensatz zu der Assoziationskette, die diese deutsche Hitler-Theologie erzeugt, ist das rechte Spektrum der Politik jedoch nicht ein schwarzes Loch, in welchem alles am Ende in einen nationalsozialistischen Abgrund gesogen wird, in welchem Hitler lauert als wäre er Cthulhu. Das rechte politische Spektrum ist mindestens genauso divers wie das linke Spektrum: es reicht von libertären, individualistischen zu autoritären, kollektivistischen Ideologien, von stirnscher Anarchie bis hin zum Totalitarismus, von dezentralisierter Selbstorganisation bis hin zum totalen Etatismus, von Cryptoanarchisten bis hin zu Nationalisten, vom radikalen Atheismus bis hin zum Klerikalismus, vom Anarchokapitalismus bis hin zum antikapitalistischen Faschismus, von Freiheitsliebe bis zu Freiheitsverachtung, von Revolutionseifer & Fortschrittsfanatismus bis hin zum Konservatismus & Reaktionismus, vom Traditionalismus zum Futurismus, vom kaltem Rationalismus bis hin zur Gegenaufklärung & Verschwörungstheorien. Natürlich sind die Ränder des rechten Spektrums, wo Verschwörungstheoretiker, Rassismus und Nationalsozialismus anzutreffen sind, abscheulich, aber sie sind nicht repräsentativ für das gesamte Spektrum. Die äußeren Ränder des linken Spektrums sind nicht weniger unappetitlich und ebenso mit Verschwörungstheoretikern, Säuberungsfantasien und Stalinismus bevölkert, und dennoch assoziert die meisten links nicht sofort mit linksextrem.

Polnisches Kreuzrittertum
Nun gehen wir aber mal nach Polen. Dort herrscht eine im Vergleich zu Deutschland in vielen Bereichen umgekehrte Theologie.

Polen war de facto von 1944 bis zur Abschüttelung durch die Arbeiterbewegung Solidarność 1989 von der Sowjetunion besetzt. Das singuläre Böse im polnischen Bewusstsein sind die Kommunisten, gegen die Polen bereits 1919 bis 1921 kämpfte und von denen es ab 1944 besetzt wurde und mit deren Besetzung sie sich nie assimilierten. Die rechtspopulistische und rechtskonservative Partei PiS, die zurzeit in Polen regiert, entstand unter anderem deswegen, weil nicht wenige Polen nach der Wende der Meinung waren, dass das die Liberalen und die Post-Kommunisten die Bürokratie des polnischen Staatsapparates nicht gründlich genug von kommunistischen Funktionären und Elementen gesäubert hätten. Wie in der deutschen Theologie, wo alles Rechte in ein schwarzes Loch führt, das im Holocaust endet, führt in der polnischen Theologie alles Linke in ein schwarzes Loch, das in den Gulags, Entropie und stalinistischen Massakern endet. Und so sind in Polen #allegegenlinks.

Doch die polnische Theologie wird noch etwas komplexer, weil das „Böse“ von außen kam und sich die Polen auch als die Verteidiger des Westens und der Freiheit sehen – nach dem Narrativ: Polen schlug die muslimischen Osmanen 1683 vor Wien, Polen hatte als erster europäischer Staat 1791 eine demokratische Verfassung nach amerikanischen Vorbild und Polnische Legionen kämpften 1804 auf der Seite der Schwarzen für die Freiheit der Sklaven und die Unabhängigkeit Haitits. Als Lenin 1919 verkündete über den „Leichnam Polens“ die kommunistische Revolution auf ganz Europa auszuweiten, schlugen die Polen die Kommunisten 1920 an der Weichsel zurück, zwangen Lenin an den Verhandlungstisch und retteten Europa so vor dem Bolschewismus [3]; aber am Ende des zweiten Weltkriegs sahen die westlichen Allierten entgegen ihrer Versprechen tatenlos zu, wie Stalin Polen in den kommunistischen Ostblock zwang, woraus sich Polen erst nach einem halben Jahrhundert des Widerstands selbst befreite. [4] Die polnische Mythologie und Theologie des Nationalbewusstseins sieht die Polen als die Verteidiger des europäischen Abendlandes und der Freiheit, als Kreuzritter, die sie seit Jahrhunderten gegen das nach Europa eindringende Böse und den Imperialismus der anderen europäischen Staaten kämpfen, oft verloren haben, oft von ihren westlichen Verbündeten verraten wurden, aber immer wieder heroisch aufstehen und weiterkämpfen – und alles islamische, russische und vor allem linke wird als anti-westliche Bedrohung, also als Teil eines größeren Bösen wahrgenommen.

Nach Jahrhunderten der Kämpfe für ihre nationale Souvernität und Freiheit sind die Polen entsprechend sehr stolz auf diese, und auch wenn sie Europa und die EU allgemein sehr mögen, sind sie auch sehr skeptisch gegenüber einer EU, die von Deutschland und deutschen, linken Moralvorstellungen dominiert wird.

Zusammenfassung und Schlussfolgerungen
In Deutschland also der Büßer, der alles Rechte aus sich und seiner Gesellschaft austreiben will, weil er das Rechte als das Böse sieht – und in Polen der Kreuzritter, der alles Linke als das Böse sieht und dagegen ins Feld ziehen will.

Bietet irgendeine dieser beiden mythologisch aufgeladenen Theologien eine sinnvolle Anleitung für politisches Handeln? Vielleicht ein bisschen, aber ich würde sagen eher Nein.

Ist es vernünftig gegen alles Rechte zu sein, weil Hitler ein Rechtsextremist war?
Nein.

Ist es vernünftig gegen alles Linke zu sein, weil die Sowjetunion linksextrem war?
Nein.

Die Realität ist komplex. Bei manchen politischen Problemen bedarf es einer linken Lösung, bei anderen politischen Problemen ist hingegen eine rechte besser; manche Phänomene können linke Theorien besser erklären, manche Phänomene können rechte Theorien besser erklären. Starre Gut-Böse-Dualismen und quasi religiöse Moralvorstellungen bringen wenig, sie schaden eher nur einem gesunden Diskurs und einer rationalen Entscheidungsfindung und Problemlösung. Wer meinen Blog liest, der weiß auch, dass ich solch eine Pluralität von rechten und linken Ideen für sehr wertvoll halte und daher auch in meinen Essays sowohl linke Denker wie Marx, Gramsci und Camus zitiere, als auch rechte wie Hayek, Land und Nietzsche, sowie sowohl liberale Denker wie Popper als auch anti-liberale wie Jünger. In meinem Bücherregal flankieren die Bücher von Alain de Benoist und Slavoj Žižek jene von Karl Popper und Hannah Arendt, weil ich tatäschlich wenig von ideologischen Dogmen und Schranken halte und ich bei meiner Suche nach Erkenntnis und Inspiration keine Berührungsängste, weder mit Links noch mit Rechts, habe. Deshalb bin ich auch weder ein Linker, noch bin ich ein Rechter, und ich bin auch weder konservativ noch liberal. Ich stehe prinzipiell intellektuell auf der Seite keiner Ideologie, sondern nur auf meiner eigenen Seite.

Das ist nämlich auch etwas, was ich durch das Aufwachsen zwischen solchen zwei Kulturen beobachten konnte: Das Scheitern und Gelingen von rechten, als auch das Scheitern und Gelingen von linken Politiken und meine Präferenzen für einzelne. Keins der beiden Länder ist ein Utopie und keins der beiden Länder ist ein Dystopie. Beide haben ihre Pobleme. Vieles funktioniert nämlich in Deutschland besser als in Polen, vieles andere funktioniert in Polen aber deutlich besser als in Deutschland.

 


Anhang 1 von 2: Exkurs über die Antirassismus-Religion

Vor allem durch aus der BLM-Bewegung kommenden amerikanischen Einflüsse entsteht in Deutschland zurzeit eine besonders wirre Mutation einer theologischen Gesinnungsethik, die oft als „Antirassismus“ oder „rassismuskritisches Denken“ vermarktet wird. Im Kern dieses „Antirassismus“ steht die These, weiße Menschen könnten keine Opfer von Rassismus sein und wären passiv ständig Täter.

Eine Autorinkollegin hat vor kurzem in ihrer Instagramstory ein Zitat von Tupoka Ogette gepostet, dessen Aussage war: „Rassismus gegen Weiße gibt es nicht. Nicht in Deutschland und auch nicht woanders.

Als ich diese Autorinkollegin daraufhin fragte, wie das zusammenpasst mit der Existenz von antipolnischen Rassismus? Schließlich sind Polen weiß. Und was war dann der auf einer Rassenlehrere basierende, nationalsozialistische Genozid an weißen Slawen, Juden und anderen ethnischen Minderheiten, wenn nicht rassistisch?

Die Kollegin erklärte mir dann mit vollem Ernst, dass nur weiße Menschen rassistisch sind, und, dass die Ermordung von mehreren Millionen ethnischen Polen durch die Nazis (die überzeugt waren, dass Slawen wie Polen einer minderwertigen Rasse angehören) kein Rassismus war, sondern „Diskriminierung“. Ausschwitz war laut dieser linken, deutschen Moralistin kein Akt des Rassismus, sondern einfach nur „Diskriminierung“, weil  die Opfer keine „People of Color“ waren, sondern weiße Slawen, Juden und andere Minderheiten …

Nochmal, weil ich es selbst nicht fassen kann: Wenn weiße Deutsche, weiße Polen brutal kolonialisieren und abschlachten und dies damit begründen, dass Polen einer minderwertigen Rasse angehören würden, ist dies laut der „Antirassismus“-Religion kein Rassismus, weil die Priesterin der Antirassismus-Religion Tupoka Ogette predigt: „Rassismus gegen weiße Menschen gibt es nicht.“. Laut ihr können Rassismus nur „People of Color“ erleben und er könne nur Weißen ausgehen, die alle rassistisch sind …

Und als ich bei der Kollegin nachhakte, was denn die vom chinesischen Regime propagierte rassische Überlegenheit der Han [9] und die vom chinesischen Regime betriebene Deportierung von ethnischen Minderheiten wie den Uiguren in Konzentrationslager sei, wenn nicht rassistisch – dann antwortete sie wieder, dass das kein Rassismus sei, sondern nur Diskriminierung.

Nach den Ausführung dieser Autorin zu ihrem „antirassistischen“ Glauben und der Schuld von allen weißen Menschen an allen Übeln in der Welt blieb mir die Spucke weg … Nicht nur, weil ich selbst im Laufe meines Lebens immer wieder anti-polnischen Rassismus erlebt habe. Dieser vermeintliche „Antirassimus“ ist nämlich eine Verhöhnung der Opfer von rassistisch motivierten Genoziden, die an weißen Slawen und Juden verübt wurden, und jener, die heute noch Opfer von anti-slawischen und anti-semitischen Rassismus sind. 

Zu glauben, dass nur Weiße zu Rassismus fähig sind, nie die Opfer von Rassismus sein können und, dass alle Weißen am Rassismus eine kollektive Schuld tragen, ist eine extrem rassistische Rassenlehre. Nicht nur das. Es bedeutet auch die Augen zu verschließen davor, dass Rassismus (also die Diskriminierung von ethnischen Gruppen, aufgrund einer auf vermeintlichen kulturellen oder biologischen Unterschieden basierenden Konzeption einer Rassenzugehörigkeit) leider ein globales und allgemein menschliches Problem ist, dass in so gut wie allen Kulturen vorkommt. Rassismus ist nichts, warauf Weiße ein Monopol haben. Japanischer Rassismus gegen Chinesen existiert, genauso wie der offene Rassismus der Han-Chinesen gegenüber Minderheiten. Arabischer Rassismus gegen Schwarze und Weiße existiert nach Jahrhunderten des islamischen Sklavenhandels ebenso, und in einigen islamischen Ländern wird leider heute noch Sklaverei betrieben … und die Beispiele aus den Geschichtsbüchern und aus der Tagespolitik sind endlos.

Dieser vermeintliche „Antirassismus“, der behauptet nur Weiße könnten rassistisch sein und der den Rassismusbegriff versucht für eine schwarz-weiße Idenititäspolitik zu vereinnahmen, ist die Negation einer äußerst komplexen Realität, zugunsten einer pervertierten, dualistischen Opfermoral. Jeder, der behauptet, Rassismus ist etwas, worauf Weiße ein Monopol haben und wovon Weiße nicht betroffen sein können, ist ein Charalatan oder lebt in einer Ideologieblase, die den Großteil der Menschheitsgeschichte und viele Schandtaten, die noch immer passieren, leugnet. Im schlimmsten Fall ebnet die Rassenlehre dieses „Antirassismus“ den Weg zur ungehemten Ausbreitung von Rassismus und in besten Fall zu einer schädlichen Verengung des Diskurses.


Appendix 2 von 2: Randnotizen und weitere Gedanken

1. Einige, die diesen Artikel jetzt gelesen haben, werden jetzt vielleicht einwenden, dass Polen so rechts ist, weil es einfach noch „nicht so weit entwickelt“ ist in einem wirtschaftlichen oder sonstigen Sinne. Aber, dass Fortschritt automatisch zu linkeren oder liberale Positionen führt, ist eine gängige progressive Miskonzeption. Ich verweise hier mal als Gegenbeispiel auf das wie Polen ziemlich rechte und ethnisch sehr homogene Japan, welches in vielerlei Hinsicht deutlich weiterentwickelt ist als Deutschland, und in dem zufälligerweise auch Verwandte von mir leben. Als weiteres Beispiel könnte man das seit langer Zeit von rechten Parteien regierte Israel nennen, in welchem die Jungend wie in Polen zurzeit immer rechter wird [6], im Gegensatz zu der Jugend in Westeuropa, die zurzeit immer linker wird. Ein weiteres, extremes Beispiel ist China, welches seit einigen Jahren trotz rasanter technologischer und wirtschaftlicher Entwicklung immer totalitärer und nationalistischer wird. Entgegen von marxistischen und anderen historizistischen Theorien, führt eine positive Veränderung der materiellen Verhältnisse nicht zwangsläufig zu liberaleren und linkeren Gesellschaften, da kulturelle, staatliche und religiöse Elemente ebenfalls eine massive Rolle spielen. Ich verweise hier mal auf meinen Text zur Kulturellen Hegemonie.

2. Die performative Marginalisierung von Rechten im öffentlichen Diskurs, führt in Deutschland wahrscheinlich auch zu einem gewissen Grad dazu, dass es weniger bekannte rechte Intellektuelle gibt und sich viele sich selbst als rechts identifizierende Personen „alternativen“ Medien und eigenen Filterblasen in Online-Communitys zuwenden, wo sie auch eher mit Verschwörungstheoretikern, irrationalem Schwachsinn und Extremismus in Berührung kommen. Das schafft langfristig eine extremistischere Rechte und erklärt zu einem gewissen Teil, warum Coronaleugner in Deutschland sich nicht nur aus esoterischen, sondern auch stark aus rechten und rechtsextremen Bewegungen rekrutieren, während in anderen Ländern wie zum Beispiel Frankreich – wo es etablierte rechte Intellektuelle und Parteien gibt – Rechte härtere Maßnahmen gegen Corona fordern, statt die Realität zu leugnen. In Polen verhängten die regierenden Rechtspopulisten auch sehr früh, sehr strikte Maßnahmen gegen die Ausbreitung von Corona. Die Existenz einer etablierten gemäßigten Rechten ist wahrscheinlich einer der Gründe, warum Polen auch im Gegensatz zu vielen anderen westlichen Staaten wie Deutschland und Norwegen in den vergangenen Jahren keine Terroranschläge und Attentate durch rechtsextreme (oder sonstige) Terroristen erlitt, weil das rechte Establishment radikalere und extremistische Strömungen absorbiert und neutralisiert und junge Rechte sich nicht in Isolation und extremistische Filterblasen zurückziehen. Wobei die starke politische Macht des Katholizismus und die ethnische Homogenität Polens hier zweifelsohne ebenfalls große Faktoren sind.

3. Der in der Deutschland oft wahrgenommene Rechtsruck, der empirisch nicht belegbar ist, lässt sich vor allem mit einer Weitung des Overtonsfensters durch Social Medien in alle Richtungen erklären, sowie mit dem Aufstieg der AfD. Die AfD ist jedoch nicht das Symptom eines Rechtsruck, sondern eher eines Linksrucks der CDU und der FDP, der Raum und Wählerpotential schuff für eine neue rechte Partei. Bei dem aktuellen Zahlen und den parteiinternen Konflikten sieht es aber so aus, als ob die AfD wieder auf dem Weg zur bedeutungslosen Erscheinung ist, da sie so viele unterschiedliche und widersprüchliche rechte Strömungen und damit auch Moderate und Extremisten zusammenbringt, dass sie langfristig sich wahrscheinlich und hoffentlich selbst demontiert.

4. Ich denke mein makabrer Humor und der Zynismus in meinen Büchern ist auch von der polnischen Kultur geprägt, denn während der durchschnittliche Deutsche auf die Frage: „Wie gehts?“ meist mit einem oberflächlichen und falschen „gut“ anwortet, antwortet der durchschnittliche Pole auf solch eine Frage entweder mit „ah, die alte Armut“ oder gleich mit einer ehrlichen Auflistung aller seiner Problem und einem dunklen Witz.


Quellen:

Lebenserfahrung

[0] https://m.tagesspiegel.de/politik/wider-die-maer-vom-rechtsruck-die-afd-mobilisiert-bestehendes-potenzial/25234450.html

[1] https://rp-online.de/politik/eu/europawahl/europawahl-2019-so-haben-menschen-unter-30-gewaehlt-die-ergebnisse_aid-39046513

[2] https://www.tagesspiegel.de/politik/fremde-nachbarn-warum-ist-polen-den-deutschen-so-fern/25110758.html

[3] 1920: Die Schlacht von Warschau – Der Wendepunkt im Polnisch-Sowjetischen Krieg https://youtu.be/3uRzN57qusI

[4] Geschichte ab 1939 aus der polnischen Perspektive, etwas Propaganda, aber intuitiv: https://youtu.be/Q88AkN1hNYM

[5] https://m.focus.de/politik/deutschland/schwarzer-kanal/die-focus-kolumne-von-jan-fleischhauer-schuldig-durch-geburt-wer-weiss-ist-kann-nur-rassist-sein_id_12173171.html

[6] https://www.timesofisrael.com/the-kids-are-all-right-wing-why-israels-younger-voters-are-more-conservative/

[7] Islamischer Sklavenhandel: https://de.wikipedia.org/wiki/Sklaverei_im_Islam

[8] https://www.theguardian.com/commentisfree/2020/jun/14/white-privilege-is-a-lazy-distraction-leaving-racism-and-power-untouched

[9] https://hongkongfp.com/2017/05/04/race-traitors-pro-beijing-papers-accuse-democracy-figures-inviting-us-interfere-hong-kong/

https://www.latimes.com/opinion/op-ed/la-oe-goldberg-china-jim-crow-20180821-story.html

die Links jeweils abgerufen am 01.09.2020


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Nikodem Skrobisz

Nikodem Skrobisz, auch unter seinem Pseudonym Leveret Pale bekannt, wurde am 26.02.1999 in München geboren. Er ist als Journalist und Schriftsteller tätig und hat bereits mehrere Romane und Kurzgeschichten publiziert, die meist philosophische und gesellschaftliche Themen behandeln. Zurzeit ist er Vorstandsmitglied des Bundesverband junger Autoren und Autorinnen e.V... Er studierte bis 2020 Kommunikationswissenschaften und Psychologie. Halbprivate Einblicke gibt es auf Instagram

One thought on “Deutsche Hitler-Theologie und Polnisches Kreuzrittertum – [Randgedanken]

  • Warum Deutschland diesen Linksdrall hat? Es ist das Land, in dem der Sozialismus erfunden worden ist. Man hält es hier für den germanischen Erbteil, dem Kollektivismus zu fröhnen.

    Zwei Weltkriegsniederlagen, die Reeducation und die 68er haben den Nationalismus, Militarismus, Traditionalismus und Rassismus weitgehend abgeräumt. Da die Reeducation in den Westzonen freundlicher daherkam und nicht von den unbeliebten Sowjetrussen verabreicht wurde, hatte sie in Westdeutschland mehr Erfolg. Die 68er kamen sowieso nur bis zur Zonengrenze. Daher ist Westdeutschland linker bzw. linksliberaler als Ostdeutschland, das ja relativ rechts/osteuropäisch ist, auch weil es wie Polen eine schmerzhafte kommunistische Vergangenheit hat.

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