Die progressive Universalpoesie in der digitalisierten Postmoderne

Auf den ersten Blick erscheint die Welt seit der Aufklärung und spätestens nach der Niederlage der Hippies und dem globalen Siegezug des Kapitalismus und der Digitalisierung, wie ein kalter, unromantischer Ort: Technik überall, Bildschirme, Vereinsamung. Maschinen übernehmen die Arbeit. Der Mensch wird durch Technologie entmenschlicht. Nur einige störrische Ethikräte verhindern bisher, dass der feuchte Traum aller Transhumanisten, ein genetisch modifizierter Übermensch, im Labor gezüchtet wird. Gott ist tot, und dank der Wissenschaft können wir uns einigermaßen sicher sein, dass es keine Einhörner gibt.
Jegliche Magie und Mystik scheinen auf den ersten Blick aus der Welt verschwunden oder werden nur noch von esoterischen Spinnern verfolgt. Die Ideen der Romantik, der Gegenbewegung zur gefühlslosen, rationalen Aufklärung scheinen überholt.* Der Ansatz der progressiven Universalpoesie die Realität mit Kunst, die Wissenschaft mit den Gefühlen, und die Kunstformen untereinander zu vermischen, und so das Leben zu poetisieren, scheint auf den ersten Blick gescheitert.
Das ist allerdings nur der Schein, denn tatsächlich ist unser Leben heutzutage in den westlichen Ländern so von Universalpoesie durchzogen, wie noch nie. Zwar sind aufklärerische, nüchterne Gedanken extrem dominant in Politik und Beruf, allerdings ist das irrationale und romantische Antidot immer da und dominiert jede freie Sekunde, das Denken und die Freizeit, auch wenn tatsächlich leider eine ziemliche emotionale Abkühlung feststellbar ist.
Natürlich ist das auch eine Frage der subjektiven Herangehensweise des Individuums, allerdings ermöglicht unsere moderne multikulturelle Gesellschaft, jedem Individuum seine eigene Weltsicht zu wählen. Und so kann man auch argumentieren, dass es heutzutage so viele Wege und Türen zur Romantik, zur Poesie, zur Ästhetik, zur Fantasie und zur Metaphysik gibt, wie noch nie in der Menschheitsgeschichte; sodass die meisten von uns die Universalpoesie bereits leben, ohne sich dessen bewusst zu sein.
Das fängt damit an, dass Ästhetik und Kunst in Form von Produktdesign überall um uns herum sind; geht weiter damit, dass wir über unsere Smartphones jeden Tag mehr Bilder, Geschichten, Ideen, Musikstücke und Kunstwerke, kurz: Poesie, konsumieren, als in früheren Zeitaltern ein Mensch in seiner gesamten Lebensspanne; und endet noch lang nicht damit, dass wir umgebend sind, von einer riesigen Blase aus fiktiven Geschichten, Symbolen und Welten; seien es Emoticons, Lieder und Instagrampics oder Videospiele, Filme und Serien, die an Komplexitität, Quantität, Qualität und Tiefe sämtliche Sagen der Antike und mitunter sogar die Stücke Shakespeares in den Schatten stellen und dabei auch noch die Ansprüche der romantischen, progressiven Universalpoesie erfüllen, indem sie Philosophie, Wissenschaft, Bildung und verschiedene Kunstformen miteinander fusionieren.
Dies alles wird durch den technologischen Fortschritt erst ermöglicht und beschleunigt. Die größte dieser technologischen Errungenschaften, nämlich das Internet, ist dabei selbst ein universalpoetischer Kochtopf, der Technologie, Realität, Kunst, Gesellschaft, Individuum, Literatur und Fiktion miteinander verkocht und verbindet und das Leben um eine gewaltige metaphysische Ebene erweitert.
Die zweitegrößte, das Smartphone, integriert diese Universalpoesie komplett in unseren Alltag und ermöglicht es uns, jederzeit darauf zuzugreifen. Genug Akku und Kopfhörer vorausgesetzt, können wir unser Leben konstant mit Musik aus unserer Spotifyplaylist poetisieren und emotional aufladen, oder uns an den unendlichen verschiedenen Medienenformen zerstreuen und erfreuen. FanArt, Kommentarfunktion, Cosplay, Conventions und SocialMedia intergrieren den Konsumenten in die Fiktion und tragen sie in die Realität.
Insbesondere sind hier Serien interessant zu betrachten, wie zum Beispiel das avantgardistische Hackerdrama Mr. Robot, welches man exemplarisch als Ausblick darauf nehmen kann, was auf uns zukommt, und wie die progressive Universalpoesie in unserer postmodernen Medienlandschaft aufblüht. (Zum Trailer auf YouTube)
Mr. Robot vereint wie die meisten Serien die Künste Literatur, Filmkunst, digitale Poesie, Musik, Tontechnik, Baukunst, Animationstechnik und viele mehr miteinander – damit hätten wir die universale, romantische Vermischung der Künste.
Des Weiteren fließen auch philosophische und sozialkritische Konzepte in die Serie ein. Der Zuschauer wird beiläufig über Themen gebildet, mit denen er sich sonst wahrscheinlich nicht beschäftigen würde: Psychische Krankheiten, Netzwerksicherheit, Nihilismus, Isolation, Kritik an der digitalisierten, anonymisierten Welt und der Dekadenz des Establishments, sowie der Vereinsamung in der Leistungsgesellschaft.
Mr. Robot kritisiert den Status Quo und spielt mit philosophischen Ideen herum – damit erfüllt sie Schlegels Forderung, Kunst&Literatur müssten nicht nur unterhalten, sondern auch bilden und philosophische Fragen stellen.
Außerdem verschmilzt die Serie einmal mit der Handlung und durch SocialMedia, die Marketingaktionen und FanFics auch mit der Realität und mit anderen Formen der Kunst.
In der Serie kommt es zum Einsatz postmoderner Stilmittel wie Metafiktion und Metareferenzen. Der Protagonist spricht direkt mit Zuschauer und Episoden parodieren stellenweise andere Serien. Dadurch werden die Grenzen zwischen Zuschauer, Protagonist, Handlung und Realität aufgelöst; dabei entwickelt sich die Handlung und die Komplexität progressiv mit jeder weiteren Staffel.
Solch ein intelligentes Filmerlebnis, das dem Zuschauer nicht nur auf innovative Art und Weise unterhält, sondern auch interessante philosophische Fragen aufstellt und mit anderen Kunstformen verschmilzt, wird zunehmend populärer. Als Beispiele dafür kann einmal Serien wie Westworld nehmen, aber insbesondere auch Quantum Break, welches sowohl als Serie als auch als Videospiel erzählt wird, wie mittlerweile auch die meisten größeren Franchise wie GoT oder The Walking Dead, oder aber auch die kommenden Umsetzungen von Stephen Kings Der dunkle Turm Romanreihe als Serien, Comics und Filme. Die Medien werden anspruchsvoller und gleichzeitig universaler. Die Geschichten werden parallel in mehreren Medien erzählt, ganze fiktive Universen kreiert. Die Grenzen verwischen, wie es die Romantiker forderten, auch wenn ihnen noch die Technologie dafür fehlte. Sie konnten Musik nicht mit Bild und Text verschmelzen, das ermöglichte erst die moderne Filmkunst. Sie konnten nicht den Alltag der Leser mit den Geschichten ausfüllen, das ermöglichten erst das moderne Merchandising und Smartphoneapps.
Flaches, pures Entertainment wird weniger, gleichzeitig entwickeln sich gegenwärtige Film- und Kunstformen weiter. Neue Technologien, wie OculusRift und ArgumentedReality ermöglichen es komplett in fiktiven Welten zu versinken. StartUps tüfteln am intelligenten Lesen und eReadern, die die Augen der Leser tracken und bei entsprechenden Stellen Hologramme, Geräusche und Grafiken aufpoppen lassen. Sogar das klassische Lesen wird digitalisiert und um neue poetische und ästhetische Ebenen erweitert. Durch das Smartphone und seine Kameralinsen, Snapchat, WhatsApp, Instagram, Pinterest, reddit, 9gag, sind wir mittlerweile konstant mit dem Internet und seiner reichen Fülle an Ästhetik und Poesie verbunden. Das Individuum wird konstant mit digitalem Entertainment und Kunst konfrontiert und verschmilzt dabei selber mit dem Internet und seiner eigenen digitalen Persona.
Und sobald Technologien wie VirtualReality, ArgumentedReality und Videospiele noch besser werden, wird unser Leben immer mehr mit der Fiktion und dem Internet und der Wissenschaft verschmelzen; wir werden durch Implantate, Wohlstand,Schulbildung und Smartphones immer klüger, freier, aufgeklärter und gebildeter und haben ununterbrochen Zugang zu dem gesamten Wissensschatz der Menschheit. Gleichzeitig versinken wir immer dichter einem Netz aus Fiktion, Entertainment und Ästhetik und werden immer freier dabei unsere Gefühle auszudrücken. Jeder** kann heute Bücher veröffentlichen, einen tumblr-Blog führen, sich selbst künstlerisch in seiner Freizeit und im Rahmen seiner Kompetenzen verwirklichen und mit jeder Person eine Liebesbeziehung eingehen, ohne Verfolgung fürchten zu müssen oder reich zu sein, wie noch die adeligen Autoren der Romantik. Auch steht uns eine viel größere Breite an kreativen Stimuli und Umsetzungsmöglichkeiten zur Verfügung, sodass auch die Fiktion immer komplexer wird.
Klingt das nicht, wie eine moderne Umsetzung der progressiven Universalpoesie?

„Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie. Ihre Bestimmung ist nicht bloß, alle getrennten Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in Berührung zu setzen. Sie will und soll auch Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen, die Poesie lebendig und gesellig und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen, den Witz poetisieren und die Formen der Kunst mit gediegnem Bildungsstoff jeder Art anfüllen und sättigen und durch die Schwingungen des Humors beseelen. Sie umfaßt alles, was nur poetisch ist, vom größten wieder mehrere Systeme in sich enthaltenden Systeme der Kunst bis zu dem Seufzer, dem Kuß, den das dichtende Kind aushaucht in kunstlosem Gesang. […] Nur die romantische Dichtkunst kann ein Spiegel der ganzen umgebenden Welt, ein Bild des Zeitalters werden.“
-Friedrich Schlegel, 116tes Athenaeumsfragment (1799)

Und auch das Mystische und das Unendliche sind noch immer am Leben; anders, aber nicht weniger als vor dreihundert Jahren. Außerirdische, Psychedelizismus, die Frage nach dem Sinn des Lebens, nach der Kontinuität von Zeit&Raum, Multiversen und was überhaupt real ist und was nicht, sind die neuen romantischen und unlösbaren Fragen, die uns in die dunklen und fantastischen Reiche des Unbekannten führen, wie eindrucksvoll Arrival, Matrix, Doctor Strange und die geniale Serie Rick and Morty porträtieren. Quantenphysik ist die neue Alchemie; Existentialismus die neue Quelle der Angst; Game of Thrones ist das neue Hamlet; der Tod ist noch immer der Übergang ins Ungewisse.

Dabei dringen wir tiefer zu den eigentlichen, existentialistischen und wichtigsten Fragen um die menschliche Natura vor. Moderne Medien konzentrieren sich verstärkt auf die Psychologie und das Individuum. Damit kommen sie wieder der romantischen Unviersalpoesie und dem Menschen näher:
„Das wunderbarste, das ewige Phänomen, ist das eigene Dasein. Das größeste Geheimnis ist der Mensch sich selbst […]. Die höchste Aufgabe der Bildung ist, sich seines transzendentalen Selbst zu bemächtigen, das Ich seines Ich’s zugleich zu sein. Um so weniger befremdlich ist der Mangel an vollständigem Sinn und Verstand für Andre. Ohne vollendetes Selbstverständnis wird man nie andere wahrhaft verstehn lernen.“
Novalis, Fragmente und Studien (1797)

Das Mystische lebt z.B.: auch weiter in Horrorserien wie Stranger Things oder Fantasiereichen von Videospielen wie The Witcher 3 oder Skyrim, oder dem Konsum von Legal Highs und Halluzinogenen wie LSD, wie er in den letzten Jahren wieder populärer geworden ist. Und auch die Wissenschaft verschmilzt mit der Fiktion, wie man zum Beispiel daran sehen kann, das selbst renommierte Dozenten, mitunter Serien und Filme benutzen, um ihren Schülern komplexe Sachverhalte zu erkläre. So z.B.: der Psychiater Dr. Eric Bui, der den StarWars-Charakter Anakin Skywalker als Musterbeispiel benutzt, um die Borderline-Persönlichkeitsstörung zu erklären; oder aber auch der YouTube-Kanal WiseCrack mit seiner Serie The Philosophy of …., der anhand von Serien, Animes und Filmen komplexe soziologische und philosophische Fragen erläutert. (Beispiel: The Philosophy of Attack on Titan – WiseCrack Edition)

Zusammenfassend kommt man zu dem Schluss, dass die Ideen Schlegels in unserer heutigen, postmodernen Welt schleichend Realität werden. Zwar können wir durch die Aufklärung nicht mehr an Märchen und Sagen glauben, aber es gibt noch immer Dinge, die wir niemals verstehen können werden; wie z.B.: dissoziative, außerkörperliche Rauschzustände, auch genannt Astralprojektion, wie sie intensive Meditation oder der Konsum von Atztekensalbei induzieren; oder was sich nach dem Tod befindet, oder was vor dem Urknall war, oder wie Zeit eine Dimension sein kann, oder ob wir in einer Matrix sind; oder ob wir überhaupt real sind und nicht das Hirngespinst eines bekifften Einhorns, das im Garten Eden chillt und Äpfel mampft. Die Welt, die Abgründe unserer Psyche und der Ursprung der Welt bleiben für immer mystisch, egal wie viel wir erforschen. Des Weiteren kreieren wir mehr Kunst und Ästhetik, als je zuvor und erschaffen uns damit metaphysische Reiche. Technologie, Kultur und Mensch gehen eine Synergie ein, sie verschmelzen, und damit auch die Welt des rationalen Verstandes und die Welt der Gefühle und das Mystische, wie es die Romantiker wollten. Denn die Romantik wollte keine Herrschaft der Emotionen, sondern einen harmonischen Ausgleich zwischen ihnen und dem Verstand. Sie forderten ein Equilibrium, und es sieht so aus, als würde dies nun Wirklichkeit werden. Man muss sich nur darauf einlassen.

Wir werden eins mit der Technik, und dadurch werden wir eins mit unserer Kultur und damit mit der Poesie. Gentechnik und Digitalisierung werden uns zu Göttern machen und mit Computern werden wir unsere eigenen Welten erschaffen. Das ist etwas Wunderschönes. Das ist positiv, das ist die Verwirklichung des uralten Menschheitstraums, Gott zu werden.

Dass das Gefahren birgt und schief gehen kann und wahrscheinlich auch wird, ist allerdings offensichtlich. Megakonzerne, die uns mit Fiktion beliefern, werden zu totalitären Regimes wachsen; die Menschheit wird im schlimmsten Fall in einen berauschten Dämmerzustand abgleiten, in der sie nur noch konsumiert und faulenzt, während K.I.s sie am Leben erhalten. Die Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen denen, die sich Implantate leisten können und denen, die es nicht können, wird die Menschheit zerreißen und wie immer in Blut versenken. Naja, die geringe Chance besteht, dass alles gut ausgeht.
Was das aber für den Menschen an sich bedeutet, und was überhaupt menschlich ist, und welche Rolle Transhumanismus und Emotionen in der Zukunft spielen werden; und warum K.I.s niemals menschlich werden können; dazu werde ich meine Gedanken in einem zweiten Essay erläutern. Hierbei wird vor allem die Serie Westworld interessant, also wer schon mal etwas spicken will 😉
* (Hier ist nicht der moderne, kitschige Romantikbegriff gemeint, sondern der literarische. Die Romantiker waren der Meinung, dass alles in der Poesie, also Kunst, Kultur, Musik und Literatur, danach strebt, eins zu werden: Die Universalpoesie, und dass die Welt poetisiert werden muss)

** Mit Jeder meine ich natürlich nicht wirklich jeden, sondern nur die privilegierten Menschen der ersten Welt Länder, wie USA, Deutschland, Frankreich, Großbritannien oder Dänemark.

 

Ich habe übrigens vor einiger Zeit eine SciFi Novelle geschrieben, die im Jahre 2137 spielt und Themen wie Nihilismus und Transhumanismus behandelt: Das Erwachen des letzten Menschen

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