Metanoia – Kapitel 5 – Teaser

Kapitel 5: Die Einladung

Am nächsten Morgen eilte ich noch vor der Arbeit zum Antiquariat und holte den Phaidros ab. Sorgfältig verstaue ich das Buch in meiner Lederlaptoptasche, die ich nur mitgenommen hatte, weil es nicht in meine Sakkotaschen passte. Ich sperrte sie in den Spind und während ich arbeitete, war ich ganz fahrig und unruhig vor Vorfreude, es endlich genauer zu lesen. Ich vermied es penibel, mit anderen Studenten bei Borfluss zu reden und wimmelte Lena ab, die mich zu einer gemeinsamen Mittagspause zu zweit überreden wollte.
Als die Mittagzeit kam, schnappte ich mir stattdessen meine Ledertasche und holte mir im nahegelegenen Supermarkt an der Frischetheke eine Packung Sushi.
In einer Seitengasse aß ich sie im Stehen mit einem Stromkasten als Tisch. Die Phaidorsausgabe legte ich direkt daneben. Die Ladys und Gentlemen in dem edlen Café dort sahen mir skeptisch zu, wie ich mir hastig die Reisklumpen einverleibte, aber das war viel erträglicher, als der stumpfe SmallTalk im Borfluss Pausenraum.
„Warum so eilig?“, fragte jemand neben mir. Zuerst glaubte ich, es wäre nur ein telefonierender Passant, wie sie in Scharen an mir dauernd vorbeizogen. Unbeirrt schlang ich ein weiteres Lachsnigiri herunter, bereits das nächste in Wasabi tunkend, den lesehungrigen Blick auf den Phaidros vor mir geheftet.
„Es ist doch ein viel zu schöner Tag, um so genusslos zu stopfen. Insbesondere wenn man ein so schönes Buch hat. Sie erlauben doch sicher?“ Eine filigrane Hand in einem bordeauxfarbenen Anzug stahl sich in mein Sichtfeld. Schwarze Saphire funkelten an den silbernen Manschettenknöpfen. Sie nahm das alte Buch und hob es in die Höhe. Verdatterte sah ich auf. Vor mir stand ein junger Mann, vielleicht Anfang zwanzig, in einem Dreiteiler. Eine schwarze Krawatte umschloss den dünnen Hals, auf dem ein schmaler, blasser Kopf ruhte. Die glänzenden, schwarzen Haare hingen in dicken Strähnen bis zu dem hervorstehenden Wangenknochen. Zwei fokussierte bernsteingelbe Augen huschten über das Buch, über das seine langen Spinnenfinger wanderten und die einzelnen Seiten befühlten. Ein goldener Ring funkelte am Ringfinger.
„Schon gelesen?“, fragte er beiläufig.
„Ich wollte damit gerade anfangen.“
Er nickte bedächtig. „Eine exzellente Lektürewahl. Auch wenn es abgedroschen klingen mag, ist der Phairdos eins meiner liebsten Werke Platons. Ihres auch?“
„Kann ich leider noch nicht sagen. Ich habe noch gar nichts von Platon gelesen“, sagte ich verlegen.
„Da haben Sie sich dafür den perfekten Einstieg und eine umwerfend schöne Ausgabe ausgesucht. Zweifelsohne echt. Sowohl Pergament, als auch Papier sind exzellent erhalten – und der Vorbesitzer war der Althistoriker Professor Hohl. Kein Prominenter, aber ein ehrwürdiger Wissenschaftler, der als vorbildhafter Anarch das Dritte Reich und die DDR aussaß und in stoischer Ruhe an nichts anderen arbeitete, als daran, die Wahrheit zu schürfen. Die Welt quittierte das damit ihn heute weitestgehend vergessen zu haben.“ Er schloss das Buch, legte es wieder hin und sah mich an. „Ein wirklich einzigartiges Exemplar. Geben Sie darauf acht und lesen Sie es mindestens zweimal.“
„Ähm …“, mir stand der Mund offen. „Danke?“
„Ah, entschuldigen Sie bitte, ich bin heute außerordentlich unhöflich unterwegs. Ich habe mich gar nicht vorgestellt.“ Er reichte mir die Hand und ich nahm sie; sein Händedruck war stark, aber ungewöhnlich kalt und der dunkle, holzige Duft von Amber, Bergamotte und Sandelholz seines Parfüms wehte mir entgegen, gemischt mit etwas kalter Asche. „Natalis Lilienthal.“
„Cassian Lisowski. Aber Cassian reicht auch.“
„Selbstverständlich doch … Aber Lisowski?“, Natalis hob dezent eine Augenbraun und kurz glaubte ich soetwas wie Überraschung in den Bernsteinmurmeln auffunkeln zu sehen. „Nicht zufällig verwandt mit Kasimir Lisowski?“
Unwillkürlich spürte ich mich erröten. „Ganz zufällig sogar mein Vater.“
„Tatsächlich? Das erklärt natürlich auch die Eile. Es gilt große Fußstapfen auszufüllen.“
„Wohl oder übel. Aber wie heißt es ja: Noblesse oblige.“
„Das tut es, im gewissen Sinne bereits in Sarpedons Ansprache an Glaukos auf der Wehr von Troja bei Homer – die Frage ist nur, wie man dieser Pflicht nachgeht. Es gibt nämlich viele Wege und ich persönlich bezweifel, dass der beste davon beinhaltet so genusslos in einer Gasse zu stehen.“
„Da sind wir uns einige, nur befürchte ich, arbeite ich als Werkstudent in einer Unternehmensberatung. Da gilt es jeden Tag aufs Neue zu beweisen, dass man für das Gehalt auch mehr leistet als der Geringverdiener und da bleibt wenig Zeit für Genuss.“
„Ich deduziere mal, dass das verfolgte Studium ähnlich profan ist – auch wenn Ich beim Anblick solch einer schönen Platon Ausgabe zuerst kurz auf Philosophie hoffte.“
Ich starrte ihn verdutzt an. Er traf ins Schwarze und war damit fast schon mental übergriffig, aber er hatte einen gewissen, vertrauten Charme an sich, der mich an den katholischen Pfarrer erinnerte, der verständnisvoll mich widerspenstigen Atheisten durch die Kommunion gelockte hatte. Er war eine dieser seltenen Person, vor der man instinktiv frei sprechen konnte. „Ich wünschte manchmal es wäre Philosophie oder noch besser, Literatur, aber ich befürchte, es ist die ganz bourgeoise Betriebswirtschaftslehre.“
„Freiwillig das Fach gewählt?“
„Gewissermaßen, es erschien mir als das sinnvollste, was man studieren kann. Aber es gab zweifelsohne einen Druck, all den Investitionen meines geschätzten Vaters gerecht zu werden und nicht zu einem Versager zu werden, der für immer parasitär von Dividenden lebt.“
„Ein Druck sich anzupassen, einzupassen in die vorgegebene Form. Solch ein Druck kann durchaus abhärten – aber auch er kann sehr aushöhlen.“ Natalis hielt kurz inne, als würde er über Wichtiges nachsinnen. Da griff in die Innentasche seinen bordeauxfarbenen Sakkos und zückte ein schwarzes Notizbuch samt einem Mont Blanc Meisterstück Füllfederhalter. Er kritzelte geschwind etwas hinein, riss die Seite heraus und reichte sie mir. „Cassian, es war mir eine Freude dich kennenzulernen. Ich befürchte allerdings, dass ich nun schon weiter muss, bevor du auch mich wirklich kennenlernen konntest. Aber wenn du es so willst, würde ich unser Gespräch gerne vertiefen. Morgen Abend gebe ich eine Art kleine Feier auf meinem Anwesen. Alles steht auf dem Zettel. Es wäre mir eine Freude, würdest du uns als der Ehrengast des Abends beehren.“
„Vielen Dank. Ich kann aber noch nichts versprechen“, sagte ich verdattert.
„Das musst Du auch gar nicht.“ Natalis schmunzelte. „Guten Appetit noch!“, sagte er und wandte sich zum Gehen. Ich starrte ihn verdutzt hinterher. Nach wenigen Schritten blieb er abrupt stehen, als hätte er etwas wichtiges vergessen und sagte laut für mich hörbar, aber doch mehr zu sich selbst: „Was unterscheidet einen Menschen von einer seelenlosen Maschine? Es ist der freie Wille. Ist es nicht kurios, wie die meisten Menschen sich dennoch dafür entscheiden als Maschinen zu existieren, weil sie so viel Angst davor haben Mensch zu sein?“
Eine Weile starrte ich fassungslos dieser rotschwarzen, schlanken Gestalt hinterher, während sie in der Menge und bald hinter einer grauen Altbauecke verschwand. Dann sah ich auf das zerknitterte Papier in meiner Hand. In kunstvoll geschwungener, schwarze Tinte stand dort eine Adresse im Villenviertel am Nordrand der Stadt, zwanzig Uhr, gezeichnete Natalis Lilienthal.
Langsam und nachdenklich kaute ich die letzten Makis.


Weitere Informationen dazu, wann und wo dieser Roman erscheinen wird, werde ich in den kommenden Monaten sobald wie möglich auf diesem Blog und in meinem Newsletter bekanntgeben. Bis dahin empfehle ich die Lektüre von paar altgriechischen Klassikern und meinen eigenen bisherigen Veröffentlichungen zur Einstimmung: https://amzn.to/3em3DNk


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Nikodem

Nikodem Skrobisz, auch unter seinem Pseudonym Leveret Pale bekannt, wurde am 26.02.1999 in München geboren. Er ist als Journalist und Schriftsteller tätig und hat bereits mehrere Romane und Kurzgeschichten publiziert, die meist philosophische und gesellschaftliche Themen behandeln. Er studierte Kommunikationswissenschaften und Psychologie, und studiert zurzeit Philosophie und Sprache, Literatur und Kultur. Halbprivate Einblicke gibt es auf Instagram

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