Was Liberale von dem Neomarxisten Antonio Gramsci lernen können

Die Utopien der marxistischen Denkschulen sind in der Realität wiederholt gescheitert und wurden damit von der Empirie widerlegt. Das bedeutet allerdings nicht zwangsläufig, dass alle Analysen und Kritiken dieser Denkschulen falsch sind, sondern zuerst, dass lediglich die daraus gezogenen Schlussfolgerungen und gebildeten politischen Forderungen dysfunktional sind. Nur weil die Linken bestimmte Themen der Wirtschaft und der Gesellschaft missverstehen, heißt das nicht, dass sie die ganze Welt missverstehen. Es lohnt sich daher über den eigenen Tellerrand zu schauen und sich mit ihren Denkern vertraut zu machen – und selbst wenn man wider Erwarten daraus nichts Substanzielles ziehen sollte, so ist ein tieferes Verständnis des „politischen Gegners“ nie verkehrt, da man auch nur dann gegen ihn wirklich konstruktiv argumentieren und vorgehen kann.

Ein neomarxistischer Denker, der unabhängig von der eigenen politischen Position sehr interessant und lesenswert ist, da er einem helfen kann, gesellschaftlichen Wandel und die Macht des Staates zu verstehen, ist Antonio Gramsci.

Wer war Antonio Gramsci?
Der marxistische Philosoph und Journalist wurde 1891 in Sardinien geboren. Er gehört zu den Begründern der Kommunistischen Partei Italiens (Partito Comunista Italiano). Von 1924 bis 1927 war er ihr Generalsekretär und bis zu seiner Verhaftung durch die Faschisten 1926 auch Abgeordneter im italienischen Parlament. Er starb 1937 während seiner Gefangenschaft in Rom. Vor seinem Tod verbrachte er aufgrund der faschistischen Machtübernahme in Italien fast ein Jahrzehnt unter menschenunwürdigen Bedingungen in politischer Haft. In dieser Zeit schuf er seine als Gefängnishefte bekannten philosophischen und soziologischen Abhandlungen, die bis heute einen großen Einfluss auf viele Denker und politische Aktivisten haben. Insbesondere setzte sich Gramsci mit der Frage auseinander, warum es eigentlich in Russland zu einer kommunistischen Revolution kam und nicht in Mitteleuropa oder Amerika. Schließlich hatte Marx prophezeit, die Revolution würde in den Endphasen des Kapitalismus stattfinden – in Russland aber herrschte bis zur Machtübernahme der Bolschewiken noch de facto Agrarwirtschaft und Feudalismus, während bedeutende kommunistische Umstürze in den eigentlichen kapitalistischen Länder mit starken Arbeiterbewegungen wie Großbritannien und den USA ausblieben. Dabei wurde er vor allem von seinen eigenen Erfahrung während der gescheiterten Turiner Rätebewegung geprägt. Mit seinen Schlussfolgerungen verwarf er letztendlich die Theorien zur Revolution des klassischen Marxismus, des Leninismus und des Stalinismus und entwickelte eine eigene, relativ universelle Theorie, wie ein gesellschaftlicher Wandel – unabhängig von der konkreten politischen Ausrichtung der „Revolutionäre“ – durch das erlangen einer kulturellen Hegemonie zustande kommt.

Tatsächlich erfahren seine Ideen daher nicht nur eine breite Rezeption unter den Neuen Linken. Spätestens seit dem 1985 erschienen Buch des rechten Philosophen Alain de Benoist „Kulturrevolution von Rechts“ sind sie auch unter den Neuen Rechten beliebt. Vor allem die Identitäre Bewegung beruft sich immer wieder auf die Ideen von Gramsci und adaptiert sie recht erfolgreich in ihren metapolitischen Konzepten. Da diese Rechtsextremen, genauso wie die Linksextremen, Feinde der Freiheit der Menschen sind, für die die Liberalen sich einsetzen, ist es umso wichtiger, dass sich Liberale mit Gramsci auseinandersetzen, wenn sie in unseren Zeiten, in denen Rechts- und Linkspopulismus zu immer größeren Bedrohung werden, bestehen wollen.

In liberalen Kreisen kennt man zwar bereits ähnliche Ideen, wie die, die Antonio Gramsci ausformuliert hat, allerdings vor allem als die Social Change Theorie von Friedrich August von Hayek. Denn wie Gramsci beschäftigte sich auch Hayek damit, wie eine Gruppe einen politischen Wandel durchsetzen kann, allerdings ist Hayeks Social Change Theorie bei weitem nicht so ausdifferenziert und tiefgründig wie die Überlegungen zur kulturellen Hegemonie von Gramsci, der ein Jahrzehnt in einer Gefängniszelle seine Ideen reflektierte. Im Folgenden kann ich aber daher auch Gramscis Theorien aufgrund ihres Umfangs natürlich nur anreißen und wahrscheinlich ungenügend zusammenfassen – deswegen ist es doppelt interessant für Liberale, die sich bereits dem Social Change verpflichtet fühlen, für ein tieferes Verständnis dessen auch Gramsci zu lesen. Die folgende Zusammenfassung soll daher lediglich als Überblick und vor allem als subjektiver Kommentar dienen.

Was ist kulturelle Hegemonie nach Gramsci?
Im Unterschied zu vielen Libertären und auch zu den klassischen marxistischen Theoretikern fasst Gramsci den Staat nicht nur als einen Repressionsapparat auf, sondern als ein komplexes Herrschaftssystem, das in Wechselwirkung zu den sozialen Verhältnissen in der beherrschten Gesellschaft steht. Es besteht also eine Art Dualismus aus Zwang und Konsens. Dabei unterscheidet Gramsci zwischen der politischen Gesellschaft (Macht durch Zwang) und der bürgerlichen Gesellschaft (Macht durch Konsens). Mit letzterer bezeichnet Gramsci den gesamten privaten Sektor, also das, was man heute Zivilgesellschaft nennt und den gesamten religiösen, privaten, sozialen, intellektuellen und moralischen Bereich des menschlichen Lebens umfasst. Die politische Macht des Staats beruht nach Gramsci vor allem auf seiner Macht in der Zivilgesellschaft, weshalb diese auch von ihm nicht zu trennen ist. Daher übt der Staat seine Macht auch weniger mit Zwang aus, sondern vor allem mittels einer impliziten Ideologie, die auf Überzeugungen basiert, die von der Mehrheit der Gesellschaft als selbstverständlich angenommen werden.

Die kulturelle Hegemonie lässt sich dabei als die Produktion dieser impliziten Ideologie und damit von zustimmungsfähigen Ideen, also der Schaffung von Konsens, auffassen. Diese Hegemonie bildet und erhält sich selbst durch die Hegemonieapparate des Staates aber auch der Zivilgesellschaft, wie zum Beispiel Schulen, Kirchen, Universitäten, Vereine und Massenmedien. Damit wirkt sich die Hegemonie nicht nur auf die direkt politischen Bereiche des Lebens aus, sondern als kulturelle Macht auch auf die Sitten, die Sprache, die Traditionen, die Werte und sogar das, was man als gesunden Menschenverstand bezeichnet. Sie bestimmt, was denkbar ist und was nicht – die berühmte Box also, außerhalb jener die Kreativen denken. Durch diese kulturelle Macht kommt dem Staat durch die ideologische Hegemonie eine spontane Zustimmung der Mehrheit der Bevölkerung zu einer bestimmten Weltsicht zu gute, die seine politische Macht ermöglicht und konsolidiert und die Werte der Herrschenden rechtfertigt. Das Herrschaftssystem des Staates (und für Gramsci auch das des Kapitalismus), in dem die Menschen leben, werde von der Mehrheit der Bevölkerung daher nicht als repressiv wahrgenommen, sondern als selbstverständlich. Von diesem Grundgedanken aus sind auch die Neuen Linken unserer Gegenwart so versessen darauf, Geschlechter, die westliche Kultur, die Religionen und sogar die Sprache zu dekonstruieren und zerstören, da sie in der gesamten westlichen Kultur einen Ausdruck der kulturellen Hegemonie des Kapitalismus sehen. (Dabei handelt es sich jedoch offensichtlich um einen reduktionistischen Fehlschluss, denn viele Werte und Ideen, die Teile der gegenwärtigen Hegemonie ausmachen, offensichtlich deutlich älter als der Kapitalismus sind oder diesem sogar zuwiderlaufen und die Fundamente eines zivilisierten Lebens bieten, ohne die wir in Nihilismus und Barbarei zurückfallen.)

Die Hegemonie kann der Staat (oder die Gruppe, die nach Macht strebt) allerdings nicht direkt verordnen, sondern sie muss errungen werden, denn sie ist alles andere als statisch und ständig im Fluss. Das Schlachtfeld um Hegemonie ist dabei vor allem die Zivilgesellschaft, deren Institutionen Gramsci metaphorisch als gewaltige kulturelle und ideologische Schützengräben und Befestigungsanlagen beschreibt, die der Zitadelle der eigentlichen Macht, der herrschenden Schicht und dem Staat, im physischen wie im metaphorischen Sinne vorgelagert sind. Um die Zitadelle der Macht, also den Staat, erobern oder stürzen zu können, müssen zuerst die Befestigungsanlagen der Zivilgesellschaft eingenommen werden. Lenin konnte die politische Macht in Russland nicht an sich bringen, weil der dort eigentlich nicht vorhandene Kapitalismus in irgendeiner Endphase gewesen wäre, sondern weil die bürgerliche Gesellschaft in Russland des Zarenreichs praktisch nicht existent war. Lenin konnte also den kulturellen Krieg überspringen und sofort zur politischen und physischen Konfrontation übergehen.

In der entwickelten, westlichen Welt hingegen mit einer starken bürgerlichen Gesellschaft, in denen der Staat nicht nur politische Macht, sondern auch eine starke kulturelle Macht hat, ist eine wie auch immer geartete Revolution nicht ohne weiteres möglich. Wenn man also die herrschenden Verhältnisse beziehungsweise den Staat einnehmen oder stürzen will, ist das in den entwickelten Gesellschaften nur durch eine Transformation der allgemeinen Vorstellungen der Menschen und eine Eroberung der kulturellen Hegemonie möglich. Eine soziale Gruppe muss mit ihren Ideen führend sein und die kulturelle Macht erlangen, bevor sie die politische Macht erlangt. Dabei ist einer der widerstandsfähigsten und wichtigsten Schützengräben, den es zu erobern gilt, der Alltagsverstand, denn er ist die zentrale Arena der Zivilgesellschaft und der bestehenden Verhältnisse. Erst, wenn die Mehrheit einer Bevölkerung und der bürgerlichen Institutionen im kulturellen Kampf erobert worden ist, also die Revolution in den Geistern erfolgt ist, können die politischen Verhältnisse einer entwickelten Gesellschaft verändert werden.

Die Rolle der Intellektuellen
Wie Hayek misst Gramsci den Intellektuellen eine bedeutende Rolle im gesellschaftlichen Wandel und der Aufrechterhaltung der kulturellen Hegemonie bei. Ohne die Philosophen und Anhänger der Aufklärung, hätte es keine französische Revolution gegeben. Ohne einen Marx und die Verleger, Künstler und Journalisten, die seine Ideen verbreiteten, hätte es keinen Lenin geben, und ohne Lenin keinen Stalin. Daher sind Theoretiker und die Intellektuellen, die ihre Ideen verbreiten, noch wichtiger im kulturellen und politischen Transformationsprozess als die Politiker, die am Ende nur deren Ideen politisch umsetzen.

Gramsci beschreibt Intellektuelle allerdings im Gegensatz zu Hayek nicht in einer hierarchischen Struktur von original thinkers und second-hand dealers, sondern fasst den Begriff der Intellektuellen deutlich weiter: Jeder Mensch sei nach Gramsci ein Intellektueller, weil jeder die Fähigkeit zum rationalen Denken habe. Für ihn sind Intellektuelle nicht nur Journalisten, Wissenschaftler oder Redner, sondern alle Organisatoren der gesellschaftlichen Prozesse, die über staatliche und zivilgesellschaftliche Hegemonieapparate wie Vereine, die Schule, die Massenmedien, die Parteien usw. eine bestimmte Hegemonie herstellen und aufrechterhalten. Nicht alle Menschen würden allerdings die Funktion von Intellektuellen tatsächlich erfüllen können. Gramsci unterscheidet daher zwischen klassischen und organischen Intellektuellen.

Die traditionellen Intellektuellen sind die etablierten Schriftsteller, Philosophen und Künstler, die sich selber fälschlicherweise oft als eine eigene Klasse außerhalb der Gesellschaft betrachten würden. Jede soziale Gruppe (beziehungsweise Klasse) bringt allerdings selber auch organische Intellektuelle hervor. Diese organische Intellektuelle sind jene Personen, die mit Artikeln, ihren Gesprächen, ihren Liedern und Bildern durch die Sprache der Kultur die Gefühle und Erfahrungen ihrer sozialen Gruppe artikulieren.

Eine neue Kultur zu schaffen bedeutet nicht nur, individuell ›originelle‹ Entdeckungen zu machen, es bedeutet auch und besonders, bereits entdeckte Wahrheiten kritisch zu verbreiten, sie sozusagen zu ›vergesellschaften‹ und sie dadurch Basis vitaler Handlungen, Element der Koordination und der intellektuellen und moralischen Ordnung werden zu lassen. Dass eine Masse von Menschen dahin gebracht wird, die reale Gegenwart kohärent und auf einheitliche Weise zu denken, ist eine ›philosophische‹ Tatsache, die viel wichtiger und ›origineller‹ ist, als wenn ein philosophisches ›Genie‹ eine neue Wahrheit entdeckt, die Erbhof kleiner Intellektuellengruppen bleibt.

 

Oft versucht eine soziale Gruppe, die die Hegemonie anstrebt, die traditionellen Intellektuellen für ihre Ideen zu begeistern. Es ist allerdings nach Gramsci viel schneller und effizienter, wenn eine soziale Gruppe eigene organische Intellektuelle hervorbringt, die eine eigene Kultur und damit eine alternative Hegemonie innerhalb der bestehenden bürgerlichen Gesellschaft schaffen. Um diese alternative Hegemonie zu errichten, sieht Gramsci vor, dass in der politischen (beziehungsweise bei ihm proletarischen) Bewegung jedes Individuum zunehmend sein intellektuelles Potential entfaltet und die Funktion eines Intellektuellen einnimmt, um die bestehenden hierarchischen Verhältnisse aufzulösen. Dadurch kann durch die Quantität der Intellektuellen allein die alternative Hegemonie eine Diskurshoheit erreichen und die öffentliche Meinung in Besitz nehmen, womit sie langfristig zur allgemeinen kulturellen Hegemonie wird. Es reicht an die Erfolge der 68er Bewegung zurückzudenken, um zu sehen, dass diese Vorgehensweise in der Realität relativ effizient ist.

Die Effektivität der hegemonialen Strategien gegen liberale Gesellschaften
Die größte Schwäche einer liberalen Gesellschaft ist, dass sie keine eigenen politischen Verteidigungsmechanismen im kulturellen Kampf hat – etwas, was wir in den Zeiten des Populismus von Links und Rechts schmerzhaft zu spüren bekommen. Man kann mit Polizei und Justiz gewalttätige Angriffe auf die Freiheit abwehren, aber eine liberale Gesellschaft zeichnet sich nun mal durch ihre Toleranz aus. Sie kann deswegen nur mit Mühe die Verbreitung von antiliberalen Gesinnungen, Büchern, Filmen und Artikeln bekämpfen ohne selbst antiliberal zu handeln. Diese Tatsache nutzen vor allem die Neuen Rechten gezielt und bewusst aus, indem sie durch Tabubrüche, Querfrontstrategien und radikale Publikationen über den Diskurs die liberale Demokratie zur Selbstzerstörung treiben wollen. Eine liberale Gesellschaft kann sich gegen solche Angriffe nur verteidigen, wenn sie eine starke Zivilgesellschaft mit engagierten liberalen Intellektuellen hat, die eine liberale Hegemonie jeden Tag aufs Neue erkämpfen und sich weder von den Linken noch von den Rechten einschüchtern oder verführen lassen. Oder wie es Gramsci treffend für die Linken pointierte, was aber nichts daran ändert, dass es auch für Liberale gültig ist:

Man muss nüchterne, geduldige Menschen schaffen, die nicht verzweifeln angesichts der schlimmsten Schrecken und sich nicht an jeder Dummheit begeistern. Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens.

Doch das Individuum allein reicht nicht aus. Niemand, nicht einmal ein Julian Assange oder ein Ross Ulbricht, kann im Alleingang einen korrupten Staat, eine ungerechte Justiz, eine moralisch fehlgeleitete Gesellschaft oder eine herannahende Armee niederringen. Die Realität hat keinen John Galt – und selbst dieser muss in dem Roman “Atlas Shrugged” von Ayn Rand erst eine Gefolgschaft rekrutieren.

Gramsci arbeitet in seinen Abhandlungen deshalb relativ detailliert aus, wie politische Bewegungen sich aufbauen, rekrutieren und wie sie mit anderen Bewegungen zum erreichen ihrer Ziele einen hegemonialen Block (was man heutzutage als Querfrontstrategie bezeichnet) bilden müssen, um erfolgreich zu sein. Für ihn steht am Ende vor allem im Sinne Machiavellis die Kommunistische Partei als „moderner Fürst“ im Zentrum der Schaffung der neuen Hegemonie, aber es ist auch wichtig, andere Institutionen zu besetzen. Durch kollektivistische Aktionen, Publikationen und Mitarbeit in etablierten und neu geschaffenen Institutionen müssen wichtige Kultureinrichtungen und der Diskurs infiltriert werden, um von dort aus die eigene Ideologie in die Gesellschaft zu bringen. Sobald die öffentliche Meinung dominiert und die Hegemonie der eigenen Kultur etabliert wurde, kann ein Umsturz der bestehenden Verhältnisse durch Wahlen und eine Übernahme der Regierung erfolgen.

Das sind komplexe Methoden, die Zeit brauchen, aber auf die sich zurzeit die Neuen Linken und sogar die Spinner der Identitären Bewegung berufen, und die sie relativ erfolgreich instrumentalisieren. Und wenn die Linken und Rechten in der Lage sind, Gramscis Ideen zu adaptieren, warum sollten Liberale nicht den Spieß umdrehen und es auch tun können?

Liberaler Gramscismus
Auf den ersten Blick wirkt es vielleicht wie ein Paradoxon, wie Liberale diese Methoden für sich nutzen sollten. Der Liberalismus fußt schließlich im Gegensatz zu den Ideologien der Rechten und Linken auf dem Individualismus und dem Rationalismus, weshalb man auch kaum Liberale Flaggen schwenken oder irgendwo aufmarschieren sieht und viele Liberale den Liberalismus nicht einmal als eine Ideologie auffassen. Doch, wenn die Liberalen die Menschen wirklich zur Freiheit hinführen wollen, müssen sie dieses Paradoxon überwinden und sich kollektivistischer Methoden und Ideen bedienen, um kollektiv eine ideologische Hegemonie zu schaffen und für ihre Ideen der Individualität und Freiheit zu wirken. Denn erst durch dieses kollektive Handeln kann letztendlich die Diskurshoheit und damit die kulturelle Hegemonie errungen werden. Natürlich ist das ein schmaler Grat, denn er kann sehr schnell dazu führen, dass man seine eigenen Ideale verrät, oder schlicht durch Subversion verliert. Doch hier sind die liberalen Tugenden der Aufklärung wie die Selbstverantwortung, stetige Bildung und kritische Reflexion, und vor allem die Freiheit in den Gedanken, die besten Gegenmittel gegen einen solchen Verfall in echten Kollektivismus und Dogmatismus.

Was Liberale meiner Meinung nach schlussfolgern sollten
Es reicht nicht aus, wenn sich alle Politiker im Bundestag formal zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung bekennen. Es ist auch relativ egal ob zurzeit eine liberale Partei 3%, 8%, 18% oder sogar 90% im Parlament hat. Auch spielen die Wahlkämpfe alle vier Jahre eine eher geringfügige Rolle, wenn es darum geht, die Freiheit der Menschen zu bewahren oder die Macht des Staates zu reduzieren. Letztendlich reproduzieren und stärken sie nämlich ohne ein eigenes kulturelles Fundament und eigene alternative Hegemonie nur die Legitimation und die repressive Macht der bestehenden kulturellen Hegemonie des Staates, die wir als Liberale doch eigentlich reduzieren wollen. Es muss auf lange Sicht geplant und gearbeitet werden, vor allem im kulturellen Bereich, wenn wir den Staat schwächen und die Menschen befreien wollen. Es muss eine eigene liberale Kultur erschaffen und zur Hegemonie geführt werden.

Man könnte argumentieren, dass solch eine liberale Kultur bereits existiert. Das ist auch weitestgehend wahr: die kapitalistische Nützlichkeitslogik beherrscht den Alltagsverstand der meisten westlichen Menschen, genauso wie die liberale Demokratie einer fast schon göttlichen Idealisierung ausgesetzt ist – allerdings ist diese Hegemonie lediglich auf das Rationale beschränkt und daher zumindest meinem Eindruck nach insbesondere in Europa mittlerweile ziemlich verkommen und hat zu wenige organische und klassische Intellektuellen. Sie hat den heroischen Glanz, den sie im 18. Jahrhundert im Lichte der Aufklärung vielleicht noch hatte, weitestgehend verloren. Das liberale Milieu bringt zurzeit in Europa kaum nennenswerte Intellektuelle und Künstler hervor und wird daher vor allem durch Politiker und Wirtschaftsakteure bevölkert. In der Folge ist es so sehr von zwanghafter Rationalität, schlipstragender Dekadenz und vor allem wirtschaftlichen Denken durchdrungen, dass es für die meisten Menschen ästhetisch und emotional so ansprechend und zugänglich ist, wie die mit Mathewitzen beschmierte Kachelwand einer Toilette der Physikfakultät. Der Mensch ist nämlich entgegen der Wunschvorstellung vieler Liberaler, kein ausschließlich rationales und auch kein ausschließlich ökonomisches Wesen. Er braucht Subjektivität, Liebe, Gemeinschaft, Identität, Werte – also eine Sinn stiftende Kultur. Ohne ein Warum ist jedes noch so gute Wie, jeder noch so hohe Kontostand, unerträglich. Es ist meiner Meinung nach nunmal daher der Status quo, dass man entweder so mit Amphetamin zugedröhnt sein muss wie Ayn Rand oder einen, wie es Erich Fromm nennt, nekrophilen Charakter besitzen muss, um etwas lebenswertes wie Sinn und Schönheit in der durchrationalisierten Welt der gegenwärtigen Kultur des europäischen Liberalismus sehen zu können. Und das ist fatal.

Wenn wir weiterhin in einer genauso freien, oder besser, langfristig in einer noch freieren Gesellschaft als der jetzigen leben wollen, so müssen wir heute die Saat der Freiheit säen und am Aufbau einer neuen liberalen Kultur und Hegemonie arbeiten. Wir brauchen dafür nicht nur liberale Unternehmer, Anwälte und Politiker, sondern viel mehr liberale Künstler, liberale Rapper, liberale Dichter und liberale Romanautoren, die die liberale Mentalität massentauglich machen und vermenschlichen. Vielleicht werden wir niemals die Früchte dieser Arbeit ernten können, aber zumindest dann unsere Enkelkinder.

Insbesondere zeigt Gramsci meiner Meinung nach, dass wir unsere Zeit und unsere freiheitlichen Gesinnungen nicht mit zu viel politischer Parteiarbeit und unnötiger Bürokratie aufreiben oder durch das Verlangen nach politischer Macht korrumpieren lassen sollten. Überlassen wir die Parteien eher jenen, die von Natur aus einen autoritären, konformistischen und bürokratischen Charakter haben und nur zu gern als Werkzeuge der bestehenden Hegemonie dienen. Konzentrieren wir uns darauf, den kulturellen Wandel zu bringen und eine eigene Hegemonie zu etablieren, die dann auch langfristig tatsächlich das politische System reformiert, statt uns zu Handlangern des Status quo zu machen. Nur so können wir langfristig die kulturelle Schlacht um die Freiheit der Menschen gegen die antiliberalen Gesinnungen verteidigen und auch zum Sieg führen.


Dieser Artikel erschien ursprünglich am 18.04.2019 auf PLL: https://peace-love-liberty.de/liberaler-gramscismus/


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