Jens Rohrer – Der Che Guevara der Ingolstädter Literaturszene im Interview

Jens Rohrer ist wahrscheinlich einer der kreativsten Autoren, die ich bisher getroffen habe, sowohl was die Texte, als auch die Vermarktungsmethoden angeht. Der 1975 geborene Autor schreibt seit einigen Jahren Kurzgeschichten, Gedichte und überarbeitet zurzeit seinen ersten Roman.  Durch seine Guerilla-Lesungen hat er sich den Ruf erworben der „Che Guevara der Ingolstädter Literaturszene“ zu sein. Doch was es damit auf sich hat, erklärt er am besten selbst.

1. Hallo Jens. Danke, dass du dir die Zeit für das Interview nimmst. Kommen wir direkt zur Sache: Wie kamst du zu deinem Ruf und generell auf die Idee Guerilla-Lesungen abzuhalten und wie läuft soetwas ab?

Die Idee entstand, als wir im Freundeskreis über Guerilla-Gardening sprachen. Da dachte ich mir: Na klar, Guerilla-Lesungen. Die Idee war, Literatur dahin zu bringen, wo sie sonst nicht stattfindet und vielleicht den einen oder anderen Wenig- oder Nichtleser dazu zu bewegen, mal wieder ein Buch aufzuschlagen. Ich tauche da unangemeldet an öffentlichen Orten auf und präsentiere ein literarisches Programm, das auf den Ort abgestimmt ist. Im Vorfeld wird die Lesung dann im sozialen Netzwerk angekündigt. Das Publikum ist also eine Mischung aus Eingeweihten und zufälligen Passanten. Zum Beispiel habe ich im Foyer des Klinikums Ingolstadt Krankheiten zum Thema gemacht, vor dem Schnapsregal eines Discounters habe ich aus Büchern von Schriftstellern gelesen, die Trinker oder Alkoholiker waren, im Ingolstädter Rathaus habe ich Beamtensatiren vorgelesen. Nur einmal wurde ich rausgeworfen (naja, eher gebeten zu gehen). Das war im Nordsee-Restaurant. Ich habe dort neben Auszügen aus „Der alte Mann und das Meer“ und anderen Büchern dann das letzte Kapitel aus „Moby Dick“ gelesen. Und wenn Ahab brüllt, muss das ja auch dementsprechend „vorgelesen“ werden. Das war denen dann zu viel. Es sind immer auch eigene Texte dabei. Das liest sich dann bei der Ankündigung in Reihung sehr schön, etwa: Mit Literatur von Hemingway, Kracht, Pamuk, Rohrer und Melville. J Auf youtube gibt es einige Mitschnitte von meinen Guerilla-Lesungen.

2. Wann hast du mit dem Schreiben angefangen und warum?  

Angefangen habe ich in den späten neunziger Jahren. Ich habe seit ich lesen konnte alles gelesen, was ich in die Finger bekommen konnte. Irgendwann hatte ich dann eigene Ideen, und die mussten ja irgendwohin. Also habe ich sie aufgeschrieben. Das war natürlich eine längere Entwicklung hin zu meinem heutigen Schreiben. Ganz zu Beginn dachte ich ja, Schriftsteller sein bedeutet,  so viel Rotwein zu trinken, wie nur irgendwie reinpasst und nächtelang zu schreiben. Das hat sich dann meist nach Allen Ginsberg oder Jack Kerouac angehört, war aber größtenteils Mist. Mittlerweile arbeite ich nüchtern und gehe früher ins Bett.

3. Du bist als Autor sehr lokal in Ingolstadt tätig, wo du auch geboren und aufgewachsen bist. Du bist relativ aktiv in dortigen Literaturszene und organisierst unter anderem mit den Autoren Pascal Simon und Dominik Neumayr eine eigene Lesebühne mit monatlich wechselnden Gästen. Welche Bedeutung hat Ingolstadt für dich als Autor und für wichtig schätzt du die lokale Literaturszene für dich als Autor ein?

Naja, Kant ist ja auch nie aus Königsberg rausgekommen. 😉 Bedeutung. Hmmh. Man kennt sich dort aus, kennt die Orte, an denen man Lesungen machen kann, ist dort gut vernetzt. Man kann sich an seiner Heimatstadt auch ganz gut reiben. Ich habe auch eine satirische Zukunftsvision geschrieben, die Ingolstadt auf die Schippe nimmt. Und in der Erzählung „Motor City“ vertauschen Elfen einen Einwohner der boomenden Autostadt mit einem Bürger aus der zerfallenden Autostadt Detroit. In der lokalen Autorenszene gibt es den Ingolstädter Autorenkreis, den ich auch leite. Da trifft man sich einmal im Monat, es werden neue Texte vorgelesen und besprochen. Das ist oftmals sehr hilfreich um der neuen Geschichte den letzten Schliff zu geben oder Unstimmigkeiten im Text auszumerzen.

 
4. Da du vor allem Satire schreibst: Wie weit darf Satire gehen und worin siehst du ihren Zweck?
Da ist natürlich Kurt Tucholskys Satz „Satire darf alles“. Dennoch hat Satire ihre Grenzen. Bloße Beschimpfungen sind noch keine Satire. Wobei bei Böhmermanns Erdogan-Gedicht dann der ganze Prozess drumherum schon wieder interessant war. Das war dann möglicherweise die Satire. Ich beobachte Verhaltensweisen und stelle mit Übertreibungen ihre Absurdität bloß. Oft braucht es die Übertreibung auch gar nicht, was dann auch wieder ein bisschen schlimm ist … Zum Beispiel hat im Netz ein AfDler geschrieben, dass das mit den Stürmen am Meer von den Windkraftanlagen kommt, wenn zu viel Strom im Netz ist, geben die den dann durch Drehen wieder ab. Wie soll man da noch Satire machen? Generell kommen durch den Witz Kritik und schwierige Inhalt besser beim Publikum an. Nach dem Lachen kommt dann oft auch das „Oh, Aha“. Wenn man mit erhobenem Zeigefinger Missstände anprangert, prallt man eher schon mal ab.

5. Wenn man sich mit deinem Werk vertraut machen will, welcher Text oder welches Video von einer Veranstaltung würdest du als Einstieg empfehlen?
Ich glaube, dass es da nicht DIE Geschichte gibt, mit der man einsteigen muss / sollte. Als Video auf YouTube passt vielleicht am ehesten „Einfluss am Abfluss“.

6. Was ist deiner Meinung nach das wichtigste für einen jungen Autoren, der gerade mit dem Schreiben anfängt?
Feedback. Und zwar von außen. Natürlich findet Oma deine Kurzgeschichte toll, das heißt aber nicht, dass sie auch wirklich gut ist. In vielen Städten gibt es Autorentreffs, bei denen man sich austauschen kann. Es  gibt im Internet Seiten wie z.B. leselupe.de, in denen man seine Texte veröffentlichen kann, hier erhält man oft konstruktive Vorschläge. Eine Möglichkeit sind auch Ausschreibungen von Verlagen oder Literaturzeitschriften. Ansonsten: Schreiben, Schreiben, Schreiben.

Vielen Dank für das tolle Interview! Mehr über Jens Rohrer könnt ihr auf seiner Webseite erfahren: https://www.jens-rohrer.org/


Die verwendeten Bilder habe ich vom Autoren zur Verwendung erhalten.

Fotographen: Norbert Müller (Beitragsbild), Claus J. Woelke (Bild 2)


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