Instagrampoetry of anxiety and depression – Die Dichterin fakemaggy im Interview

Wer schreibt, der schreibt sich auch immer etwas von der Seele; und wie die Literaturgeschichte zeigt, haben die strahlendsten Worte oft ihren Ursprung in den dunkelsten Abgründen. Das trifft auf jede Autorin und jeden Autor, mich eingeschlossen, zu, aber vielleicht noch etwas mehr auf die junge Dichterin Magdalena Groh, alias fakemaggy. Sie veröffentlichte ihren ersten Gedichtband „Poetic Mind“ nachdem sie sich freiwillig wegen Sozialphobie und Depressionen in einer psychiatrischen Klinik behandeln ließ und arbeitete darin ihre Gefühle auf. Das Buch ist entsprechend auf eine intime Art sehr berührend und tiefgründig und hat sich, wie ihr zweites Buch „If you read this i love you“ zu einem kleinen Geheimtipp entwickelt mit ausgezeichneten Rezensionen. Beide Bücher kann ich an dieser Stelle nur empfehlen. Da fakemaggy und ich beide auf der kommenden Leipziger Buchmesse an zwei Veranstaltungen beteiligt sind, dachte ich mir, dass ein Interview mit diesem Ausnahmetalent doch sicher interessant wäre.

 

Vielen Dank, dass du dir die Zeit für das Interview nimmst und erstmal Hallo Magdalena …. oder fakemaggy? Und da wären wir ja schon bei der ersten Frage: Wie bist du auf dein Pseudonym gekommen und was bedeutet es für dich? Das fake klingt ja auf den ersten Blick etwas unpassend, wenn man deine äußerst authentischen Gedichte liest.

Ich habe zu Danken!

Ja, ich habe in lezter Zeit schon öfter gesagt bekommen, dass dieses „fake“ ja so gar nicht passen würde, was es also dann bedeutet. Meine Antwort ist immer dieselbe: was interpretierst du denn in meinen Namen?

 

Du bezeichnest deine Lyrik als instagrampoetry, was ja mittlerweile ein wachsendes Genre ist mit auch prominenten Vertretern wie zum Beispiel atticus. Was macht für dich den Reiz dieses Genres aus, worin unterscheidet es sich von konventioneller Lyrik und welchen Einfluss hat das Medium Instagram auf Lyrik deiner Meinung nach?

Tatsächlich habe ich nie geplant in dieses Genre einzutreten, wenn man das so sagen kann. Ich habe ursprünglich damit angefangen Romane zu schreiben und habe irgendwann einfach in kurzen Sätzen meine innersten Gedanken aufgeschrieben um mir ihnen klar kommen zu können. Irgendwann hat sich das irgendwie gereimt und irgendwie hatte ich das Bedürfnis die kleinen Worte zu teilen.

Ich denke der große Unterschied zur konventionellen Lyrik ist, dass es durch Instagram ehrlicher, echter ist. So zumindest ist es bei mir. Ich bearbeite meine Gedichte kein einziges Mal, bevor ich sie hochstelle. Ich schreibe sie und fertig. Bevor man jedoch ein Buch rausbringt möchte man sich 10000% sicher sein, dass ja kein Fehler zu finden ist. Die Gedichte sind dann vielleicht perfekter, verlieren jedoch meiner Meinung nach an Ehrlichkeit was sich auch gleichzeitig auf die Lyrik insgesamt auswirkt. Außerdem wird durch Instagram Lyrik mehr wahrgenommen und nicht als dieses veraltete, schwer zu lesende Etwas angesehen.

 

Wie bist du eigentlich zum Schreiben überhaupt gekommen und hast auch eigentlich auch soetwas wie Vorbilder, die dich mit ihren Stilen und Ideen inspirieren?

Vorbilder habe ich keine, hab mich auch nie richtig mit verschiedenen Stilen, Ideen oder sonstigem beschäftigt. Ich möchte meine Schreibweise nicht perfektionieren, ich wachse einfach ständig selbst durch äußere Einflüsse, jedoch nicht gezwungenermaßen.

Angefangen habe ich damals in der 5. Klasse und habe in der Zeit Trilogien über einen Reiterhof verfasst. Schreckliche Geschichten aus heutiger Sicht, damals war ich aber total in dieser Welt versunken und habe sie einfach nur für mich geschrieben.

 

Deine beiden Gedichtbände sind wie Tagebücher aufgebaut und umspannen insgesamt einen Zeitraum von April 2016 bis Juli 2019, wobei sie den Leser auf eine emotionale Reise durch deine Gedanken und Gefühle mitnehmen. Wie kamst du zu der Entscheidung deine Texte zu veröffentlichen und was bedeutet es für dich, deine Gedanken und Gefühle so offen mit der Welt zu teilen und dann auch von Leserinnen und Lesern Feedback dazu zu bekommen?

Mein Traum war es schon immer ein Buch mit meinen Gedanken im Buchladen zu sehen. Warum weiß ich nicht. Begonnen dann wirklich was zu veröffentlichen habe ich 2014 auf wattpad, dann irgendwann auch auf Instagram. Ich hatte dahinter tatsächlich nie diesen Gedanken gesehen oder gemocht werden zu wollen, es war mir einfach ein Bedürfnis das, was ich sowieso hatte auch für andere öffentlich zu machen.

Ich bin wahrscheinlich auch die Falsche zu fragen, was es für mich bedeutet meine tiefsten Gefühle zu veröffentlichen, einfach weil ich es einfach mache.

Erst als ich jetzt vor 4 Monaten mein zweites Buch rausgebracht habe ist mir richtig bewusst geworden, dass ich mich unglaublich verletzlich mache und hatte plötzlich totale Angst wie meine Worte ankommen.

 

Du sprichst in deinem Podacst „Poetic Mind“ auch sehr offen und direkt über psychische Erkrankungen und wie man mit ihnen umgehen sollte. Welche Bedeutung hat die Aufklärung über diese Themen für dich und welche Veränderung würdest du gerne in der Gesellschaft sehen oder auch damit erreichen?

Auch das wieder etwas ungeplantes, einfach passierendes. Ich wurde mit 15 diagnostiziert und war mit 18 dann in einer Klinik in der ich zusätzlich zu den Depressionen auch mit sozial Phobie diagnostiziert wurde. Erst nach der Klinik habe ich gemerkt was das alles eigentlich bedeutet und gemerkt, dass meine Gedichte auch um meine Krankheiten gehen. Da ich immer mehr Nachrichten von Leser*innen bekommen habe, wie wichtig ihnen meine Worte sind und wie sehr es ihnen helfen würde, habe ich mich etwas geärgert, schließlich umschreibe ich den Kernpunkt „nur“. Also wollte ich ohne Filter die Fakten auf den Tisch legen, da ich Erfahrungsgemäß lernen musste, dass sich so gut wie niemand wirklich tiefergehend mit den Themen auskennt.

Ich möchte Aufklären um Verständnis zu schaffen. Und das zum Glück ganz alleine durch meine Gedichte, jedoch eben auch durch Erläuterungen und meinen eigenen Erfahrungen. Ich möchte, dass Menschen mit oder ohne psychischen Krankheiten sich in dieses Thema mehr eindenken um sich und deren Umwelt besser verstehen zu können. Ich möchte, dass man tiefgründiger denkt und nicht oberflächlich Dinge hinnimmt. Und ich möchte zeigen wie die harte Wirklichkeit aussieht und dass man sich eben NICHT aussuchen kann psychisch Krank zu sein und es nicht ansatzweise ein Spaziergang ist damit umgehen zu müssen.

 

In Sozialen Netzwerken wie Instagram und Tumblr werden psychische Erkrankungen manchmal auch romantisch verklärt oder sogar heroisiert. Ist das deiner Meinung nach ein Problem oder eine Hilfe für Betroffene und Angehörige?

Da werde ich auf der einen Seite unfassbar traurig, auf der anderen wütend. Das ist meiner Meinung nach ein vollkommen falscher Ansatz! Psychische Krankheiten sind kein Spaß und beinträchtigen nicht nur Betroffene sondern auch deren Umfeld! Was ist bitte romantisch daran, wenn dein eigener Kopf dir ständig sagt es würde alles keinen Sinn mehr machen also nur noch der Tod eine Möglichkeit sein?

 

Du liest ja auch öffentlich aus deinen Büchern, was wahrscheinlich mit einer Sozialphobie nicht immer ganz einfach ist. Wie erlebst du das und hast du vielleicht Tipps für solche öffentlichen Events, wenn man selbst betroffen ist?

Tatsächlich habe ich damit kein all zu großes Problem. Sozial Phobie wirkt sich allgemein bei den Betroffenen in ganz verschiedenen Lebensweisen und Orten aus. Ich denke zwar schon dass es für mich schwerer ist, da ich vor und nach den Lesungen sehr mit mir selbst kämpfen muss um nicht durchzudrehen, währenddessen befinde ich mich aber in einem großen Nichts in dem ich einfach funktioniere.

Mein einziger Tipp ist und der gilt für alles: Mach es! Es scheint unmöglich, jedoch schaffst du so unglaublich viel mehr als du dir selbst zutrauen würdest. Außerdem wird es von Mal zu Mal besser.

 

Was können deine Leserinnen und Leser als nächstes von dir erwarten? Hast du schon weitere Bücher geplant, von denen du uns schon etwas erzählen willst, und wohin soll die Reise als Autorin für dich weitergehen? Hast du ein bestimmtes Ziel?

Gerade arbeite ich in einem Projekt, welches auf Instagram @deckname_offenesohr heißt mit und habe mich dafür mit einer poetischen Kurzgeschichte beteiligt. Ansonsten lasse ich mich einfach treiben. Bisher sind die Projekte immer auf mich zugekommen was ein großes Geschenk ist. Und wenn gerade mal kein Nebenprojekt steht, habe ich mit meinem Alltag und dem Instagramgedichte posten sowieso genug zu tun.

 

Vielen Dank für diese einsichtsreichen und ausführlichen Antworten 🙂


Wenn ihr mehr über fakemaggy erfahren und lesen wollt, könnt ihr das natürlich auf ihrer Instagramseite machen oder euch direkt bei Amazon eins ihrer beiden Bücher „if you read this, i love you“ oder „poetic mind“ bestellen. Ihren Podcast und mehr Infos findet man unter anderem auf ihrer Webseite: https://fakemaggy.wixsite.com/page . Abgesehen davon, könnt ihr fakemaggy und auch meine Wenigkeit demnächst bei der Leipziger Buchmesse erleben.

Am Samstag, den 14. März moderiere ich um 11:20 ihre Lesungen in Halle 5 am Stand D602 und am Abend desselben Tages lesen wir beide im Rahmen von Leipzig liest.


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Nikodem Skrobisz

Nikodem Skrobisz, auch unter seinem Pseudonym Leveret Pale bekannt, wurde am 26.02.1999 in München geboren. Er ist als Journalist und Schriftsteller tätig und hat bereits mehrere Romane und Kurzgeschichten publiziert, die meist philosophische und gesellschaftliche Themen behandeln. Zurzeit ist er Vorstandsmitglied des Bundesverband junger Autoren und Autorinnen e.V... Er studierte bis 2020 Kommunikationswissenschaften und Psychologie. Halbprivate Einblicke gibt es auf Instagram

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