Der Faschist – Kapitel 1 – Teaser

Vor kurzem kündigte ich an, dass ich am 30.06.2020 meinen nächsten Roman Der Faschist veröffentlichen werde. Die Arbeit an dem Projekt kommt – trotz des Coronachaos – gut voran und ich freue mich, euch heute als Teaser das erste Kapitel vorstellen zu können. Es handelt sich dabei um eine noch frühe Version, weil das Manuskript noch nicht lektoriert und korrgiert wurde.


Klapptext: Nachdem seine Freundin ihn mit einem aus Afrika stammenden Migranten betrügt und er die Beziehung zu ihr beendet, ist der junge Marketingspezialist Nikolas Schaber am Boden zerstört und versinkt in einer lähmenden Depression. Aus der Dunkelheit des gebrochenen Herzens erwächst bald Wut und Hass auf seine Ex und ihren neuen Freund. Trost, neue Kraft und einen Kanal für seine Gefühle findet er in dem Machtfetisch und der Rhetorik einer neofaschistischen Bewegung, der er Stück für Stück verfällt. Bald wendet sich Nikolas ihnen komplett zu, tritt ihrer Partei bei und steigt in den Rängen auf mit dem einzigen Ziel fürchterliche Rache zu nehmen. Jahre später blickt er in seinen Memoiren auf sein Leben zurück und zieht Bilanz.


Kapitel 1: Der Fall

Die Historiker, die nur zu gern den Menschen vergessen und von großen Ereignissen, Klassen und Völkern schwafeln, werden eines Tages behaupten es hätte mit der Pandemie begonnen. Oder mit den darauffolgenden Wirtschaftskrisen, vielleicht auch sogar schon mit den Migrationskrisen oder gar dem Mauerfall. Das mag zwar alles irgendwo richtig sein. Wenn man aber mich aber fragt, war es eine Reihe von persönlichen Entscheidungen, die die Tragödie, die sich nun über ganz Europa und die Welt entfaltet, auslösten. Damit meine ich nicht nur die entschlossenen Handlungen unseres Führers Kasimir Nenad. Tatsächlich bin ich überzeugt, dass das alles erst durch meinen persönlichen Abfall von der Menschlichkeit an einem Samstagabend vor rund zehn Jahren seinen Anfang nahm und damit mit meinen Entscheidungen. Konkret begann es mit einem Streit, der zu dem Zerbrechen der Beziehung zu meiner damaligen Freundin Lisa führte.
Wobei Streit hier ein etwas unpräziser Begriff ist, denn ich hatte einen de facto katatonischen Nervenzusammenbruch und war kaum in der Lage ein Wort auszusprechen, während sie mich mal anbettelte, mal vollheulte und dann wieder anschrie. Obwohl es so lange her ist und vieles, was davor und danach geschah, im Nebel der Zeit verschwimmt, ragen diese Szenen so klar und deutlich vor mir aus dem dunklen Meer der Erinnerungen auf, wie leuchtende Inseln.
„Es tut mir ja leid. Es war nur ein Mal, nur ein Versehen“, schluchzte sie am Ende. Ihre wunderschönen blonden Haare hingen zerzaust über ihrem verzweifelten und vor Schmerz und Tränen verzerrten Gesicht. Die einst süßen Grübchen waren tiefen Blitzen aus Falten gewichen. Ich senkte den Blick und starrte meine in die Stuhllehnen gekrallten Hände an. Sie zitterten. Die ganze Welt zitterte, schrumpfte auf einen dunklen Tunnel zusammen, durch den ich hinab in einen Abgrund raste. „Sieh mich an. Ich bitte dich. Ich war betrunken. Er hat mich abgefüllt. Das wird nie wieder geschehen, ich verspreche es dir ja“, schluchzte sie, aber ich hörte sie nicht. Ich hörte zwar die Laute, die Worte, aber ihre Bedeutung versank in den dunklen Wellen, die um meinen Verstand tosten. Ich hatte das Gefühl zu ertrinken, als würde eiskaltes Wasser meine Lungen und meinen Schädel füllen und mich immer weiter in die schwarze Tiefe des Abgrundes ziehen.
„Bitte, Nikolas, rede doch mit mir!“, kreischte sie verzweifelt und ihre Hand berührte meine Schulter, ihre Brüste drückten gegen mein Gesicht. Ich hob langsam den rechten Arm und schob sie weg. Tonlos hörte ich meine Stimme sagen: „Verschwinde. Ich will dich nie wieder sehen.“ Es war eine Lüge. Ich konnte mir ein Leben ohne sie nicht vorstellen. Ich wollte sie jeden Tag und jede Nacht an meiner Seite sehen. Ich liebte sie mehr als alles andere. Wie ein Netz voller Widerhaken zerdrückte und zerriss der Schmerz mein Herz, aber ich konnte nicht anders. Ich konnte nicht mit jemanden zusammen sein, der fremdging, der die wichtigsten Prinzipien der Liebe mit ein paar Drinks einfach wegkippte. Sie schrie, sie wimmerte, sie flehte mich an, sie weinte, sie brüllte wütend, sie beschimpfte mich. Ich schwieg. Starrte nur in den Abgrund, in den ich gefallen war, sah alles um mich herum zerbrechen und zerfallen. Irgendwann knallte die Wohnungstür. Irgendwann hob ich den Kopf und sah, dass ich allein war. Draußen vor dem Fenster dämmerte es über den Häuserdächern.
Ein neuer Tag brach an. Die Nacht war vorbei. Mein altes Leben war vorbei. Ein neues Leben kroch aus der Dunkelheit. Ich stand von dem Stuhl auf, ging zu dem leeren Doppelbett, legte mit drauf, zog die Beine an und weinte. Der dunkle Schleier der Lähmung zerriss und die Gedanken stürzten sich auf meinen Verstand wie Aasgeier. Die Bilder, die ich auf ihrem Smartphone entdeckt hatte, kreisten um mich, ich konnte sein dunkles Gesicht sehen, sein weißes Grinsen, seine dreckigen Hände, ihr erregtes, stöhnendes Gesicht. Ich stellte mir vor, wie sie es trieben, während ich treu und naiv in der Arbeit das Geld für uns beide erarbeitete.
Ich erinnerte mich daran, was wir in den letzten Jahren alles durchlebt hatten. Ich erinnerte mich daran, wie wir uns das erste Mal beim Abiturball küssten, daran, wie sie mich hielt, als ich am Grab meiner Eltern schwankte, die während der Pandemie starben, daran wie sie mir aus den Depressionen geholfen hatte und ihre Eltern und sie zu meiner neuen Familie geworden waren, wie ich ihren Vater gepflegt hatte, wie sie ihre Ausbildung begann und ich mein Studium und wie oft ich sie nach der Arbeit abholte, wie wir zusammen im Sommerurlaub durch die Straßen ferner Städte gelaufen waren, sie lachend, mich küssend, mir versprechend, dass sie mich für immer lieben würde. Nun lag der Verlobungsring, den ich ihr nach sechs Jahren Beziehung am Wochenende anstecken wollte, ungesehen in einer Schatulle unterm Bett. Ich stellte mir mein Leben ohne sie vor. Es wirkte leer, kalt und einsam. Ich hatte den Drang, mein Smartphone zu nehmen und sie anzurufen, mit ihr noch alles zu klären, nochmal eine Chance zu geben … aber ich zwang mich dazu, es nicht zu tun, denn es hätte nichts gebracht. Soetwas bringt nie etwas, es verlängert höhstens das Leiden und zögert das Unvermeidliche nur hinaus. Ich war damals noch nicht der Mann der Tat, der für seine Kaltherzigkeit geehrt wird, aber ich war schon damals – wohl durch den frühen Tod meiner Eltern – jemand, der mit Vernunft und Willen die Gefühle versuchte niederzuzwingen.
Ich wälzte mich hin und her, geplagt von den nach mir pickenden Aasgeiern der Gedanken und der Trauer. Ich bekam kein Auge zu und lag noch immer wach da, mich selbst quälend, als die Sonne wieder unterging. Mein Schweiß und meine Tränen tränkten die Laken, meine Schreie hallten durch das Fenster und die Gassen darunter. Die Nacht verging, die Sonne stieg wieder auf, ich nahm schließlich mein Smartphone. Für einen Augenblick hatte ich Hoffnung, doch noch alles zu klären … Aber sie hatte mir in der Zwischenzeit mehrere Nachrichten geschickt, in denen sie mich beschimpfte und sämtliche Hoffnungen zerstäubte. Ich kann die genauen Worte und Bilder nicht mehr wiedergeben, aber sinngemäß stand dort etwas in der Art von: Du wirst nie wieder so eine wie mich haben. Ich habe dich geliebt und du zerstörst alles, nur weil ich einmal, ein einziges Mal einen kleinen Fehler gemacht habe? Was bist du für ein reaktionäres Arschloch? Meine beste Freundin Celina ist in einer offenen Beziehung und es gibt keine Probleme, aber für dich und dein kleines, egoistisches, dummes Spatzenhirn ist das natürlich unvorstellbar, dass frau auch manchmal Abwechslung sucht und dass daran nichts Verwerfliches ist. Ich bin fertig mit dir! Du wirst mich nie wieder sehen und du wirst es bereuen!
Über dem wütenden Textblock waren noch die letzten, alten Nachrichten voller lächelnder Emoijs und Herzen. Ich kniff die Augen zusammen. Ich hatte das Gefühl zu ersticken. Schluchzend löschte ich den Chat und dann ihren Kontakt. Ich kroch aus meinem Bett, schleppt mich zum Kühlschrank und nahm eine Packung Vanilleeis heraus. Während ich es in mich mit der bebenden Hand hineinschaufelte, schrieb ich meinem Chef Mike, dass ich krank war und nicht zur Arbeit konnte, dann bestellte ich mir Pizza. So ging es dann einige Tage. Ich schlief nicht. Ich aß kaum etwas und nur Pizza und Süßigkeiten, die ich mir zusätzlich zu meinen üblichen Einkäufen direkt vor die Wohnungstür liefern ließ. Am dritten Tag ohne Schlaf, begannen um mich herum die Schatten an den Wänden ein Eigenleben zu entwickeln. Sie bewegten sich, manchmal hörte ich sie sogar sprechen und mich verhöhnen. Wenn ich auf dem Klo saß, waberte der Kachelboden wie eine Pfütze, und unter Dusche fielen die Wassertropfen an mir in Zeitlupe vorbei und zersprangen klirrend wie Glasperlen zu meinen Füßen. Wenn mein Kopf nicht zugedröhnt wäre mit Schmerz und Erinnerungen, hätte ich mich allein diese Halluzination wahnsinnig gemacht, aber so zog alles an mir vorbei, wie ein sonderbarer Film, der nicht enden wollte. Ich versuchte zu schlafen, aber selbst wenn ich die Augen schloss, brannte der Sturm der Gedanken, der Hoffnungslosigkeit und der Verwirrung durch meinen Schädel.
Die Eltern von Lisa riefen mich drei Mal an im Laufe der Woche. Ich weiß nicht, ob ich abhob und sie anschrie, oder ob ich es nur träumte. Auf jeden Fall hörte ich seitdem nichts mehr von ihnen.
Am fünften Tag fand ich mich bei meinem Arzt wieder. Ich konnte mich nicht erinnern, wie ich zu ihm kam. Mittlerweile war ich so müde, dass ich mehrmals hintereinander Pizza bestellte, weil ich sofort wieder vergaß, dass ich es bereits getan hatte. Die Zeit zerbrach in Splitter der Wachheit inmitten bewusstloser Finsternis. Mein Herz raste ununterbrochen vor Kummer und vor Schlaflosigkeit, wodurch ich noch aufgekratzter und ruheloser wurde. Ich dachte, ich würde sterben. Das sagte ich auch meinem Arzt. Das glaube ich zumindest. Der alte Dr. Raji, der mich bereits als Kind behandelt hatte, klopfte mir tröstend auf die Schulter und verschrieb mir eine Schachtel Bromazepam, ein starkes Beruhigungs- und Schlafmittel. Auf der Krankmeldung stand Grippe. Irgendwie schleppte ich mich zur Apotheke, bekam die Tabletten, die aussahen wie kleine blaue Schokoladentafeln, zerbrach eine, schluckte die Hälfte und fiel irgendwie, irgendwann ins Bett. Die Aasgeier verschwanden, die Schatten beruhigten sich, meine Gedanken verstummten und ich versank in einer wohlig, warmen Ruhe. Ich schlief fast das ganze Wochenende durch.
Am Montag stand ich auf, fühlte mich erholt, wieder stark genug, um zu leben, zu kämpfen, mich von dem gebrochenen Herzen und Gefühlen nicht noch weiter zerstören zu lassen. Ich sah fürchterlich im Spiegel aus. Meine Augen versanken in dunklen, konzentrischen Kreisen, meine Wangen waren eingefallen und von Stoppeln und roten Schwellungen und frischen Pickeln überzogen.
Ich duschte mich kalt, rasierte mich, schlüpfte in ein weißes Hemd und frische Jeans und ging zur Arbeit.
Die Marketingagentur, für dich arbeitete, war in einem großen Bürogebäude nur zwei Kilometer zu Fuß entfernt, doch der Weg erschien mir an dem Tag unglaublich lang, laut und das Tageslicht viel zu grell. Ich war wie in Trance, nur einmal schreckte ich kurz auf, als ich über einen der vielen Obdachlosen stolperte, der zusammen mit paar anderen im Eingang eines geschlossenen Geschäfts schlief. Er säuselte schlaftrunken etwas auf Rumänisch und warf mit einer leeren Wodkaflasche, der ich fluchend auswich. Sie zersprang auf der Straße. Während ich mit schnellen Schritten weiterging, hatte ich den ersten halbwegs positiven Gedanken seit der Trennung: Zumindest habe ich finanziell Glück und es geht mir nicht so wie diesen Pennern. Es war ein widerlicher Gedanke voller speiendem Ekel und Verachtung, aber dieses empathielose Überlegenheitsgefühl gab mir dennoch für einen Augenblick einen kurzen Energiekick. Und ich hatte tatsächlich Glück. Seitdem zwei Jahre zuvor durch die SARS-Cov-2 Pandemie, die Weltwirtschaftskrise und die platzenden Immobilienblasen China die ganze Welt mit sich in den ökonomischen Abgrund gerrissen hatte, war selbst München voller geschlossener Geschäfte und Landstreichern, die durch ganz Europa wanderten auf der Suche nach Arbeit oder zumindest einer intakten Sozialhilfe. Während die Arbeitslosenzahlen immer weiter stiegen und in den Arbeitsämtern Massenschlägereien ausbrachen, hatte ich sogar erst vor zwei Wochen eine Gehaltserhöhung erhalten. Mochten die Kassen für Sozialhilfe und Investitionen leer sein, die Politiker überschütteten uns PR-Leute eimerweise mit ihrem frischgedruckten Geld, damit wir die Krisen herunterspielten und ihre Umfragewerte sicherten, vor allem jetzt, wo nach dem Bruch der Grün-Schwarzen-Koalition schon wieder Neuwahlen anstanden. Die dritten in zwei Jahren. Im Vergleich zum Großteil der Menschen, ging es mir trotz Liebeskummer verdammt gut, versuchte ich mir selbst zu versichern, während ich die Sicherheitskontrolle in der Lobby des Bürogebäudes passierte. Ein Angestellter einer privaten Sicherheitsfirma, der eine Maschinenpistole umgeschnallt hatte und eine Schutzmaske trug, nahm mit einem Laserthermometer meine Temperatur und prüfte meinen Angestelltenausweis, dann winkte er mich durch.
Im Aufzug lehnte ich mich an die Wand und seufzte erschöpft, bis die stählerne Tür vor mir wieder aufglitt.


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Nikodem Skrobisz

Nikodem Skrobisz, auch unter seinem Pseudonym Leveret Pale bekannt, wurde am 26.02.1999 in München geboren. Er ist als Journalist und Schriftsteller tätig und hat bereits mehrere Romane und Kurzgeschichten publiziert, die meist philosophische und gesellschaftliche Themen behandeln. Zurzeit ist er Vorstandsmitglied des Bundesverband junger Autoren und Autorinnen e.V.. und studiert Kommunikationswissenschaften und Psychologie. Halbprivate Einblicke gibt es auf Instagram

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