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Dark Enlightenment – Eine Einführung in die NRx / neoreaktionäre Bewegung – Teil 1

Seit einigen Jahren geht ein Gespenst um – im Internet, in den Artikeln großer Medien und politischer Zines und in den intellektuellen Sphären – das Gespenst der Neoreaction (NRx) oder auch Dark Enlightenment. Diese postmoderne und futuristische Rechte Ideologie ist Transgression in Reinform, fordert sie nicht weniger als die Errichtung eines ultrakapitalistischen Cyberpunk-Feudalismus und die Abschaffung von Politik schlechthin. Nebenbei erklärt sie noch kurzhand selbst das Konservative Establishment und Populisten wie Trump zu systeminternen Scheinoppositionen eines demokratischen Systems, das in seiner Gänze überwunden werden müsse. Doch sie ist auch ein stilles Gespenst, denn die Anhänger der NRx streben weder nach dem Scheinwerferlicht noch aktiv nach politischen Ämtern – im Gegenteil, sie halten wenig von Aktivismus und generell von dem, was heutzutage als Politik bezeichnet wird.

Sie schleichen lieber hinter der Bühne des politischen Betriebs umher, betreiben Theoriearbeit, erschaffen neue Begriffe und Analysewerkzeuge, gründen Unternehmen und vernetzen sich. Ihre hunderte Seiten langen Analysen und Traktate füllen obskure Blogs, in denen sie die Machtverhältnisse unserer Gegenwart sezieren, an rechten Gegenentwürfen zur linksliberalen Demokratie tüffteln und für einen reaktionären Exit aus der angeblich viel zu links gewordenen Gesellschaft werben. Diese Fokussierung auf intellektuelle Arbeit und diese nach außen getragene, an Ernst Jüngers Anarchen erinnernde politische Passivität sollten jedoch keinswegs dazu verführen, die NRx für eine unbedeutende Gruppe von harmlosen Elfenbeinturmbewohnern zu halten – im Gegenteil, die NRx ist vielmehr wie ein meditierender Drache, der seine Flügel noch gar nicht entfaltet hat.

Warum eine Beschäftigung mit der NRx wichtig ist

Wie der Vater der Nouvelle droite (franz. Neue Rechte), der Philosoph Alain de Benoist in seiner rechten Gramsci-Exegese „Kulturrevolution von rechts“ von 1985 schreibt:

Alle großen Revolutionen der Geschichte haben nichts anderes getan, als eine Entwicklung in die Tat umzusetzen, die sich zuvor schon unterschwellig in den Geistern vollzogen hatte. Man kann keinen Lenin haben, bevor man einen Marx hatte. Dies ist die Revanche der Theoretiker – die nur scheinbar die großen Verlierer der Geschichte sind. Eines der Dramen der Rechten ist ihre Unfähigkeit, die Notwendigkeit zu begreifen, dass auf lange Frist geplant werden muss.“ – Alain de Benoist, Kulturrevolution von rechts, Jungeuropa Verlag, 2017, S.38

Im gleichen Buch konstatierte er, dass die Alte Rechte tot sei und dies auch verdient, vor allem aufgrund ihres Mangels an aktuellen philosophischen Theorien, klaren Zielen und einem Willen. Als er dies schrieb, traf das auf die politische Rechte Europas weitestgehend zu, doch in den 35 Jahren seitdem de Benoist diese Kritik an seinem eigenem Lager formulierte, hat sich vieles getan.

Auch wenn vor allem die radikale und extremistische Rechte zurzeit mit einer Menge anti-intellektuellen, geistigen Dünnschiss wie plumpen Verschwörungstheorien, Coronaleugnerei, QAnon und der verbalen Kotze von Personen wie Höcke und Trump auffällt, wäre es äußerst naiv anzunehmen, es gäbe keine rechte Intellektualität mehr – im Gegenteil, sie erlebt momentan im Hintergrund eine Renaissance wie vermutlich zuletzt während der Konservativen Revolution, und im Stellungskampf um die Kulturelle Hegemonie ist das Feuergefecht längst im vollen Gange.

In den vergangenen Jahrzehnten haben rechte Theoretiker fleißig an neuen Theorien und Philosophien als Munition für diesen Kulturkampf gebastelt, oft weit abseits der universitären Hallen in eigenen Netzwerken und zunehmend auch in den dunklen Ecken des Internets. Eine neue Generationen junger, international vernetzer Rechter voller Innovationsgeist und unternehmerischer Angriffslust wächst heran. Die von ihnen geformten Überzeugungen und Ideen beginnen bereits jetzt aus der Dunkelheit ins Licht zu strömen und sich in Parteien und Diskursen zu manifestieren, in Persönlichkeiten wie Trump, Thiel, White, Salvini und Sellner, in der Entstehung und dem metastasischen Wachsen rechtspopulistischer Parteien in fast allen westlichen Staaten. Allerdings ist dies in vielerlei Hinsicht nur ein Vorgeschmack, denn diesen aktuellen Parteien hängt noch viel altrechter, langweilig nationalistischer und pathetischer Staub an, von dem sich die ganz jungen rechten Kohorten im Hintergrund emanzipieren, um in ein neues, von Biohacking, Technokapital, Dezentralisierung und Cyberfuturismus bestimmtes Zeitalter zu accelerieren und sich daran zu adaptieren.

Eine der neueren und radikalsten und wahrscheinlich auch spannendsten theoretischen Strömungen dieses neuen, anti-konservativen rechten Spektrums ist in dieser Hinsicht eben die NRx. Sie hat in ihrem Kern nicht viel mit den kontinentalen Philosophien der europäischen Neuen Rechten à la de Benoist zu tun (man findet am ehsten noch ein paar Parallelen zu Guillaume Fayes Archeofuturismus) und die meisten ihrer Vertreter stammen aus dem angelsächsischen Raum und ehemals libertär und neoliberal geprägten Milieus, vor allem aus den USA und Großbritannien. Das einzige, was diese Neoreaktionären mit der New Right, Neuen Rechten oder der Nouvelle droite zu tun haben (die alle drei übrigens unterschiedliche Strömungen darstellen) ist dabei oft lediglich der das heterogene rechte Spektrum einigende Antiegalitarismus.

Trotz ihrer Neuheit und ihrer bisherigen Randexistenz wird die NRx wahrscheinlich in den kommenden Jahren einiges an Bekanntheit dazugewinnen. Denn nicht nur liefert sie Argumente und damit intellektuelle Munition für weniger intellektuelle Bewegungen wie die Alt-Right. Sie gewinnt seit einigen Jahren durch prominente Persönlichkeiten wie Peter Thiel vor allem an Einfluss in der größten technologischen und kulturellen Zukunftsschmiede des Westens: im Sillicon Valley, und noch mehr in den zurzeit neu entstehenden Silicon Hills in Texas. Viele Projekte, die dort vorangetrieben werden, wie die Vorbereitung für die Kolonialisierung des Marses und die Gründung von Privatstädten dort und auf hoher See, gehören zu den zentralen Sehnsüchten und Theoriefixpunkten der NRx und könnten eine Realisierung der NRx Ziele auch ohne einen metapolitischen Wandel oder eine Diskursverschiebung herbeiführen.

Es ist es daher meiner Auffassung mehr als wert, dieser neuen Theoriebewegung etwas Aufmerksamkeit auf meinem Blog zu widmen. Nicht nur, weil die NRx mit ihrem theoretischen Anspruch eine interessante intellektuelle Herausforderung darstellt. Durch das Studium der radikalen Theorien von heute, kann man oft ein Verständnis der möglichen Politiken von morgen gewinnen – und es braut sich so einiges zusammen am dunklen Horizont dieses Jahrhunderts, das das vermeintliche Ende der Geschichte und damit auch den Liberalismus und die Demokratie mit immer schnelleren Schritten und Katastrophen hinter sich zu lassen scheint.

Die wichtigsten Denker
Auf den ersten Blick besteht die Reactosphere aus einem extrem lose durchs Internet gespannten Netzwerk aus zahlreichen Bloggern und YouTubern, die meist nur eint, dass sie extrem komplizierte (oder zumindest extrem kompliziert ausformulierte) Theorien weben, nicht mehr an die Vereinbarkeit von Freiheit und Demokratie glauben und anti-demokratische Gesellschaftsmodelle befürworten. In vielerlei Hinsicht sind sie damit das Spiegelbild der postmodernen Linken mit deren Theoriegeblubber über Intersektion und Progressivität.

Man kann drei Hauptcharaktere in diesem dunklen Spinnennetz der NRx ausmachen:

Der Unternehmer Curtis Yarvin, der unter seinem Pseudonym Mencius Moldbug auf dem Blog Unqualified Reservations von 2007 bis 2013 auf hunderten von Seiten die Grundlagen der Neoreaction ausformulierte und auf dem Blog The Grey Mirror of the Nihilist Prince diese nun seit diesem Jahr wieder weiterentwickelt. Er ist unbestreitbar das Zentrum der Neoreaktion und sein aktueller Grey Mirror ist als ein Handbuch für junge Politiker konzipiert. Dass nach 7 Jahren Pause Yarvin mit diesem Projekt zurückgekehrt ist, deutet darauf hin, dass er die NRx in ein zunnehmend praktische Richtung zu entwickeln versucht.

Der ehemalige Philosophieprofessor und Vater des Akzelerationismus Nick Land, der nach seiner Wiedergeburt als dunkler Prophet der politischen Rechten 2014 Yarvins Ideen aufgriff und in dem der Bewegung ihren Namen gebenden Essay The Dark Enlightenment mit zusätzlicher akademischer Tiefe versah. Allerdings ist etwas fraglich, inwiefern Nick Land wirklich ein Neoreaktionärer ist, und wie sehr er doch die NRx als Vehikel sieht, um die von ihm imaginierte Akzeleration des Technokapitals weiter zu vorantreiben. (Ich empfehle hier die Lektüre meines zweiten Artikels zum Akzelerationismus). Was auch immer seine Motive sind, sein Einfluss und seine Wirkmacht auf die NRx sind sehr groß.

Der dritte ist der ikonische Milliardär und Unternehmer Peter Thiel, der selbst als studierter Philosoph und bekennender Rechtslibertärer in seinen eigenen Essays und Reden immer wieder Stichworte für die Theoretiker der NRx gibt oder deren Ideen zu paraphrasieren scheint. Er betrachtet und bezeichnet sich selbst offiziell nicht als Teil der NRx, allerdings investierte er in Yarvins Unternehmen und scheint Medienberichten zufolge mit ihm zusammenzuarbeiten und recht offensichtlich in vielen Bereichen identische Ideen zu vertreten, weshalb er von vielen als einer der wichtigsten und einflussreichsten Akteure der NRx betrachtet wird. Als grundlegend gilt dabei sein Essay The Education of a Libertarian, in welchem er 2009 prominent verkündete, dass er nicht mehr an die Vereinbarkeit von Demokratie mit Freiheit&Fortschritt glaubt – was auch eine der Grundüberzeugungen der NRx ist.

Die Grundidee

Im Gegensatz zur Alten Rechten, zu den Konservativen oder dem, was allgemein als Neue Rechte bezeichnet wird, scheren sich Neoreaktionäre wenig um Traditionen und den Erhalt irgendwelcher konservativer Werte, Identitäten oder Nationen. Sie wollen nicht America great again machen oder Deutschland wieder deutsch machen – ganz im Gegenteil, wenn es nach der NRx ginge, gäbe es weder die USA, noch Deutschland noch irgendeinen anderen Nationalstaat. Nationalismus ist laut den meisten NRxlern wie Demokratie und Egalitarismus eine Götze der Aufklärung und der Moderne, die es zu überwinden gilt. Egalité und Fraternité gehören auf den Scheiterhaufen der Geschichte, man reiche uns nur noch Liberte mit einer Prise mehr Sécurité; man schaffe Demokratie ab und übergebe die Macht bitte einen Haufen technokratischer CEOs, die das Volk wie ein Unternehmen mit kapitalistischer Effizienz und aristokratischer Würde verwalten. Nur so können Freiheit und Fortschritt bewahrt werden, was essentiell ist, soll der Westen nicht erneut in ein dunkles Zeitalter wie im Mittelalter versinken. Oder wie Yarvin selbst schreibt:

„The essence of any 21st-century reaction is the unity of these two forces: the modern engineering mentality, and the great historical legacy of antique, classical and Victorian pre-democratic thought. The adept, to achieve reactionary enlightenment, observes that both yield the same result. What can it be, but the truth for which all good men seek? Armed with this sure and fearless faith, the Reaction conquers all.“ – Curtis Yarvin

Doch wie stellen sich die Anhänger der NRx eine Freiheit oder Demokratie vor und wie sieht diese ideologische Synthese konkret aus? Um das zu verstehen, werde ich in Teil II dieses Artikels einzelne theoretische Konzepte der NRx – Anti-Egalitarismus, Demokratiekritik, Universalismuskritik, Head for Exit-Patchwork, Kathedrale, Hyperrassismus – zusammenfassend erläutern.


Wie auch bei meinen Artikeln zum Faschismus und zum Akzelerationismus, distanziere ich mich von den hier präsentierten Ideen der NRx. Ich stelle diese Theorien aus einem intellektuellen Interesse hier vor, ohne sie selbst zu vertreten. Meine eigene politische Meinung lässt sich in meinen Essays und Randgedankenschriften finden.

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Nikodem

Nikodem Skrobisz, auch unter seinem Pseudonym Leveret Pale bekannt, wurde am 26.02.1999 in München geboren. Er ist als Journalist und Schriftsteller tätig und hat bereits mehrere Romane und Kurzgeschichten publiziert, die meist philosophische und gesellschaftliche Themen behandeln. Er studierte Kommunikationswissenschaften und Psychologie, und studiert zurzeit Philosophie und Sprache, Literatur und Kultur. Halbprivate Einblicke gibt es auf Instagram

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