Meine Abiturrede bei der Abifeier 2018 des Nymphenburger Gymnasiums

Die folgende Rede hielt ich im Rahmen der Abiturfeier meines Jahrgangs am 29.07.2018 im berühmten Löwenbräukeller in München.

So, wenn der Lehrertisch hinten rechts auch mal leise sein würde, dann könnten wir auch anfangen.

Sehr geehrte Frau Florian, sehr geehrte Schulleitung, sehr geehrter Vorstand, sehr geehrte Lehrerinnen und Lehrer, liebe Eltern und Verwandte, liebe Freunde, liebe Mitschülerinnen und Mitschüler. Wie auch unsere geehrte Direktorin Frau Florian und die Moderatoren zuvor, heiße auch ich Sie heute Abend im Namen der Abiturienten zu unserer Abschussfeier herzlich Willkommen.

Jedes Jahr schließt an unserer Schule nach unzähligen Prüfungen eine nte-Zahl Schüler ihre – zumindest in der Theorie 12 Jahre lange –  Schulkarriere mit einem Abitur ab. ( Dieses Jahr hatten wir ja zwischen beeindruckenden acht Jahren – Adem, man kann dich eigentlich dafür nicht genug ehren – und entspannten vierzehn glaub ich fast alles gehabt.)

Das ist jedes Jahr etwas Schönes, doch dieses Jahr, ist es zusätzlich noch etwas sehr besonders, zumindest für uns, denn heute sind wir es, wir, die in die zweifelhafte Freiheit entlassen werden-

Wir haben es endlich geschafft.

Das noch dazu als der bisher größte Abiturjahrgang in der Geschichte der Nymphenburger Schulen. 135 Abiturienten waren wir, die dieses Jahr antraten.

Und wie jeder Jahrgang vor uns, haben dafür auch wir ein Abi-Motto gewählt. In den letzten Jahren ist das Motto meistens eher so ein sarkastischer oder lustiger Spruch gewesen, doch nicht dieses Jahr, nicht mit uns.

Nicht nach so vielen Jahren der Bildung.

Wir haben uns stattdessen demokratisch auf einen pointierten Aphorismus geeinigt:

Ich darf vorlesen: ( )

Abitur 2018: Ich fand´s kacke

Ich muss jetzt leider die Deutschlehrer enttäuschen, es wird keine Lehrplan gerechte Analyse geben.         Diese Tage sind vorbei.

Nein. Vielmehr soll es darum gehen, warum das Abitur kacke war. Warum das aber auch gut so ist. Warum keiner der hier Anwesenden daran Schuld ist. Denn im Gegenteil, ohne der hier Anwesenden,  wäre es viel schlimmer gewesen, und dafür sollten wir dankbar sein.

Wie man es dreht und wendet, wir, die hier versammelten Abiturienten, hatten dank des Engagements unserer Eltern die Möglichkeit eine gute Privatschule zu besuchen. Wir konnten dank Ihnen an einem der wahrscheinlich besten Gymnasien dieses Landes sein – und dafür verdienen sie unsere Dankbarkeit. Wir konnten eine Schule besuchen, an der die Lehrer wirklich das Schulmotto – zitat von der Homepage „Wir haben Zeit für unsere Schüler!“ ernst nehmen. Sogar persönliche Gespräche zwischen Lehrern und Schüler  außerhalb der Unterrichtszeiten sind daher keine Seltenheit gewesen, auch wenn es meistens dabei nur um so banale Themen ging wie die noch nicht zurückgegebene Klausur oder Fehlstunden.

Und auch die Schulleitung ist zwar wahrscheinlich nicht sehr viel beliebter als an anderen Schulen ( – es ist irgendwo ein undankbarer Job – ) aber sie ist kompetent und setzt sich für die Schüler ein.

Und nicht nur die Lehrer, Eltern und die Schulleitung haben sich für uns engagiert. Auch die Pädagogen, die Hausmeister, der Schulverband, unsere großartgie SMV, das Team von der Verwaltung und alle anderen, haben dabei mitgeholfen, dass der Schulbetrieb reibungslos ablaufen konnte und wir mit so wenig Verwirrungen und Problemen wie möglich zu unserem Abitur kamen.

Dabei verdient vor allem unsere Oberstufenkoordinatorin Frau Edhofer gebührenden Respekt, denn sie hat die Herkulesaufgabe bewältigt, über 135 mehr oder weniger postpubertäre Teenager erfolgreich zu managen – und das ist nach dem, was man von anderen Schulen hört und kennt, alles andere als selbstverständlich. Vor allem mit einem so großen Jahrgang wie unserem, wo es Schüler gibt, die sogar vergessen haben Stifte zu Klausuren mitzubringen – oder auf die Idee kamen, mitten im Jahr nach Thailand zu emigrieren, um dort ein Hippieleben zu starten. Und von den Klassen- und Studienfahrten fangen wir gar nicht erst an.

Wir können uns also privilegiert und glücklich schätzen, dafür dass wir an einer Schule sein konnten, die uns so unterstützt und so viele Möglichkeiten eröffnet. Insbesondere wenn es um die Dinge geht, die über den Lehrplan hinausgehen, ist die Nymphenburger Schule mehr als nur Schule.

Damit ist nicht nur das Fitnessstudio gemeint, oder dass wir hier in den letzten Jahren Spiele spielen, werkeln und Muffins backen konnten. (Das ist ein Insiderwitz, die Schüler können Ihnen ihn erklären … oder Herr Sautier)

Nein, im Ernst. Schüler bekommen hier Unterstützung von den Lehrern und können theoretisch in den eher zu unrecht unbeliebten AGs, dann doch irgendetwas fürs Leben lernen.  Und in den von den Sozialpädagogen organisierten Aktionen wie Endlich Kontakt oder dem Rumänienpraktikum bekommt man auch mal einen sehr wichtigen Einblick in die Tatsache, dass es nicht  allen so gut geht, wie uns in unser Konformzone.

Und sogar Kim Jong Un kann man hier ein bisschen gleichtun, indem man wie er, ein IB erwirbt, das man wahrscheinlich auch wie er niemals brauchen wird.

 Manche von uns können es sich sogar leisten das Klischee eines Privatschulenschülers soweit zu erfüllen, dass sie ihren 500m weiten Schulweg durch Nymphenburg im eigenen Auto zurücklegen.

Doch warum war es dann trotz all dieser Privilegien und Annehmlichkeiten, die anderen Schulen und deren Schüler nicht haben, kacke?

Nun, vielleicht weil es in der Natur der Welt liegt, dass manche Dinge kacke sein müssen, egal was man dagegen tut. Und dass das auch gut so ist.

Wir Schüler gingen in den letzten zwei Jahren durch eine Reifeprüfung. Und die wenigsten Prüfungen, die das Leben einem entgegenwirft sind einfach und angenehm – im Gegenteil, sonst wären sie schließlich auch keine Prüfungen, sonst würden sie uns nicht dazu herausfordern über uns selbst hinauszuwachsen; und wir würden daraus auch nichts lernen können.

Ohne Hürden dieser Art stagnieren wir, und Wer in Biologie, Psychologie oder Wirtschaft nicht nur geschlafen, sondern auch ab und zu aufgepasst hat, der weiß, dass Stagnation im Leben meist tödlich ist.

Erst wenn man durch Prüfungen und Herausforderungen an seine Grenzen getrieben wird, kann man sie überwinden und ein besserer Mensch werden. Der Prozess dahin kann oft frustrierend sein, er ist schmerzhaft, er kann einen um den Schlaf bringen,  er ist oft einfach kacke. und In den letzten zwei Jahren, gingen wir als Gemeinschaft und als Individuen durch viele schwierige Prüfungen; nicht nur in der Schule, sondern auch im Persönlichen.

Wir lernten nicht nur die Funktion der Mitochondrien, die Videos von Simple Club und die Grenzwerte von e^x kennen, sondern auch unsere eigenen Grenzen. Damit ist nicht nur die Erkenntnis über das persönliche Limit für Kaffeekonsum während einer Klausurenphase – oder für Alkoholkonsum nach der Klausurenphase gemeint.

Wir lernten nicht nur Thomas Manns merkwürdiges Verhältnis zu kleinen Jungs kennen, wir lasen nicht nur von Fausts Existenzieller Krise oder von Werthers verzweifelten Liebesschmerz;

 wir selber gingen durch Krisen, philosophische Metamorphosen, wurden gezwungen unser Weltbild zu hinterfragen, schlossen Freundschaften, gingen Beziehungen ein und beendeten sie wieder,

wir entdeckten unsere Mitmenschen und uns Selbst neu,

wir wurden von chaotischen Teenagern, zu chaotischen jungen Erwachsenen

wir lernten unsere Schattenseite zu integrieren und uns selbst zu überwinden.

Das war oft alles andere als einfach, es war stressig, es wurde oft eng und grob, schweißtreibend und schrecklich kompliziert, manchmal ist man gerade noch so durchgekommen. In anderen Worten, es war tatsächlich kacke, es war verdammt kacke, aber es war auch verdammt lehrreich, und gleichzeitig wunderschön und faszinierend all das kennenzulernen und zu erleben.

Die letzten zwei Jahre gehören daher wahrscheinlich nicht nur zu denen, in denen wir uns am meisten durch Stress positiv veränderten, sondern auch gleichzeitig zu den schönsten in unseren bisherigen Leben. Es war kacke, es war wunderschön; und es ist gut, dass es vorbei ist, aber wir werden sicherlich noch in vielen Jahren mehr positiv als negativ auf diese Zeit der Metamorphosen, Partys, Neuentdeckungen und Hindernisse zurückblicken.

Denn das alles, auch wenn es uns oft sinnlos vorkam, half uns zu besseren und reiferen Menschen zu werden, und uns auf die Prüfungen des Lebens, die noch auf uns zu kommen – Studium, Praktika, Arbeit, Erwachsensein, Selbständigsein, Familie, die erste Steuerhinterziehung et cetera – vorzubereiten.

Das Abitur ist damit nicht nur ein Zettel mit Noten, der uns den Weg in die akademische und berufliche Welt eröffnet. Es ist auch ein Zeugnis der Zeit, die uns darauf vorbereitet hat, das Beste aus unseren Privilegien und uns Selbst herauszuholen und die kommenden Prüfungen des Lebens ebenfalls zu meistern. Nachdem wir hier waren, haben wir nämlich auch die Verantwortung uns selbst gegenüber, dies zu tun, und ich bin zuversichtlich, dass wir dies auch erfolgreich schaffen.

Doch bevor es wieder an die nächsten Prüfungen geht, bevor wir uns wieder morgen, oder eher übermorgen, vielleicht auch etwas später, den nächsten Prüfungen des Lebens widmen, sollten wir diesen großen Schritt ins Erwachsenenleben angemessen feiern, vielleicht noch einmal die ein oder andere dionysische Grenze aufsuchen und die Grenzwerte von Neuem tangieren. Lasst uns heute daher noch einmal richtig auf den Putz hauen und feiern. Wir haben es uns alle verdient, die Schüler ebenso wie alle hier Anwesenden, die sie in den letzten Jahren unterstützen. Enstprechend hoffe ich möglichst viele von Ihnen morgen früh noch im P1 zu sehen.

Danke

 

 


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