Der Verfassungsschützer a.D. und Romanautor Dietmar Peitsch im Interview

Ein turbulentes und aufregendes Leben bietet die besten Voraussetzungen, um spannende Geschichten erzählen zu können. So ein Berufsleben hat auf jeden Fall der Romanautor Dietmar Peitsch hinter sich, der eigentlich Musikwissenschaftler werden wollte, aber dann als Jurist zuerst bei der Polizei und dann beim Berliner Verfassungsschutz arbeitete. Diese intimen Kenntnisse der Sicherheitsbehörden und des Geheimdienstes hat er nun auch in seinem fulminanten Debütroman „Der Kalif von Berlin“ einfließen lassen. Dieser Thriller erzählt die fiktive, aber realistische Geschichte des berliner Verfassungsschützers Heiko Peikert, der sich gleichzeitig mit rechtsextremen und islamistischen Terror und linksextremer Agitation konfrontiert sieht. Da Dietmar Peitsch auf der Leipziger Buchmesse im Rahmen des von mir moderierten Read&Great aus seinem Debütwerk lesen sollte und ich persönlich die Lektüre sehr genoss, habe ich ihn zu einem Interview geladen, um etwas mehr über die Hintergründe zu erfahren. Die Leipziger Buchmesse und damit auch die Lesung mussten nun leider abgesagt werden, aber zumindest ist dieses spannende Interview uns erhalten geblieben.

 

Vielen Dank, dass du dir die Zeit für das Interview nimmst. Was war für dich die Motivation deinen Roman „Der Kalif von Berlin“ zu schreiben und wie kam es dazu? Wie lange hast du an dem Buch gearbeitet und musstest du eigentlich dafür noch überhaupt viel recherchieren?

Zunächst war meine Motivation die Freude am Schreiben. Hinzu kam das Bedürfnis, auf unterhaltsame Weise die Arbeit der Sicherheitsbehörden zu beschreiben. In der Öffentlichkeit wird viel Kritik an der Arbeit der Nachrichtendienste geübt, ohne dass berücksichtigt wird, vor welch komplizierten Aufgaben sie stehen. Es ist sehr schwierig, aus vielen Einzelinformationen wie ein Puzzle ein Gesamtbild extremistischer Aktivitäten zusammenzusetzen. Genauso schwierig ist es, nachrichtendienstliche Operationen so zu planen und durchzuführen, dass sie zu den gewünschten Erfolgen führen. Oftmals laufen die Dinge anders als man es erwartet. In meinem Roman schildere ich zum Beispiel, welche Probleme es bei der V-Mannführung geben kann, warum Observationen schiefgehen können oder welche Schwierigkeiten es bereitet, verschlüsselte Kommunikation zu dekodieren. Ich zeige aber auch – und hier rede ich aus eigener Erfahrung -, wie sich die stressige Arbeit negativ auf das Privatleben von Verfassungsschützern auswirken kann.

Wann ich mit dem Schreiben meines Romans begonnen habe, weiß ich gar nicht mehr genau. Das muss um 2013 gewesen sein. Ich hatte damals keine Ahnung, wie man Romane schreibt, fabulierte einfach drauflos, merkte dann aber sehr schnell, dass man als Autor einiges an handwerklichem Rüstzeug braucht. Deshalb stellte ich meine Arbeiten erst einmal wieder ein und besuchte mehrere Seminare, in denen ich kreatives Schreiben lernte. 2016 ging es dann richtig los. Ich strukturierte den Plot, verfasste ein Storyboard und begann, ernsthaft zu schreiben. Mich unterstützte dabei eine Lektorin, durch deren Kommentare und Anregungen ich sehr viel gelernt habe.

Recherchiert habe ich verhältnismäßig wenig. Da mein Protagonist Heiko Peikert dieselben Aufgaben hat wie ich sie hatte, habe ich einfach aufgeschrieben, was ich damals getan und erlebt habe.

 

Ein Roman von einem ehemaligen Verfassungsschützer über den Verfassungsschutz ist ja schon etwas besonderes, vor allem da du doch die Arbeitsweise sehr detailliert beschreibst. Die meisten Bücher zu dem Thema werden ja von Außenstehenden verfasst und zumindest die amerikanischen Nachrichtendienste sind bekannt dafür, bei den von ihren ehemaligen Angestellten verfassten belletristischen und wissenschaftlichen Werken gern vor der Veröffentlichung den Zensurstift anzusetzen. Deswegen frage ich mich so als Laie: War die Veröffentlichung für dich problemlos möglich oder gab es davor juristischen Bedenken oder eine Art von Kontrolle, auch wenn die Handlung fiktiv ist?

Mein Manuskript hat niemand zensiert, und da ich Jurist bin, weiß ich ziemlich genau, was ich schreiben darf und was nicht. Ich habe die Arbeit der Sicherheitsbehörden nur soweit real beschrieben, wie sie allgemein bekannt ist. Zum Beispiel schildere ich die Telefonüberwachung in dem Umfang, wie sie gesetzlich geregelt ist. Das Gesetz kann jeder lesen. Was ich nicht schreibe, sind die einzelnen Arbeitsabläufe und der Umgang mit den aus der Überwachung gewonnen Informationen. Ähnlich ist es bei der V-Mannführung. Dass sich ein V-Mannführer mit seinen Informanten trifft und sie ausfragt, wie ich es schildere, weiß jeder oder kann sich zumindest jeder denken. Was aber für ein immenser Aufwand hinter der Werbung und Führung von V-Leuten steckt, zum Beispiel, wie ihre Glaubwürdigkeit geprüft werden muss und nach welchen Kriterien ihre Berichte auf den Wahrheitsgehalt bewertet werden, ist geheim, und darüber schreibe ich nichts.

 

Du hast deinen Roman über Tredition veröffentlicht, einem professionellen Selfpublishing-Anbieter. Was war der Grund für dich für den Weg zu entscheiden und nicht zu einem konventionellen Verlag zu gehen – bei deinem Hintergrund und der Aktualität des Stoffes wäre es ja sicher nicht schwer, bei einem unterzukommen?

Ich hatte zunächst einige Agenturen angeschrieben, aber, soweit sie überhaupt geantwortet haben, Absagen erhalten. Dann hatte ich letztes Jahr bei Meet&Greet auf der Leipziger Buchmesse teilgenommen. Ein Verlag zeigte sich zunächst interessiert, meinte aber später, mein Roman passe nicht ins Verlagskonzept. Da ich von anderen Autoren viel Negatives über Agenturen und Verlage im Umgang mit Nachwuchsschriftstellern gehört hatte, verspürte ich keine Lust, mich lange anzubiedern. Für mich stand von vornherein fest, entweder es klappt gleich oder ich veröffentliche im Selfpublishing. Da es nun nicht beim ersten Versuch geklappt hat, bin ich zu Tredition gegangen. Dort ging alles ganz schnell und problemlos.

 

Wie bist du eigentlich zum Schreiben gekommen und hast du auch literarische Vorbilder, die dich beeinflussen?

Ich habe schon immer gern geschrieben und musste auch beruflich viel und ganz Unterschiedliches schreiben. Eine meiner Aufgaben war es, Gesetze zu entwerfen. Dabei kommt es auf jedes Wort an. Ich habe manchmal tage- oder sogar wochenlang mit Kollegen und Abgeordneten um einzelne Formulierungen gerungen. Das hat mir Spaß gemacht und ich habe dabei gelernt, mit der Sprache umzugehen. Ich habe auch öfter Reden für meine Senatoren formuliert, Pressemitteilungen verfasst oder Berichte für den Senat oder das Abgeordnetenhaus von Berlin geschrieben. Das war eine ganz andere Form des Schreibens als das Entwerfen von Gesetzen, und ich fand die Vielfältigkeit unterschiedlicher Textformen spannend.

Mein literarisches Vorbild ist Yassin Musharbash. Er kennt als Journalist die Arbeit der Sicherheitsbehörden gut, was man seinen Romanen anmerkt, die, wie meiner, sehr realitätsnah sind.

 

Wir erleben zurzeit politisch ziemlich turbulente Zustände mit wachsender Polarisierung und Stärkung der politischen Ränder. Auch der Verfassungsschutz geriet in den letzten Jahren immer wieder mit Kontroversen in die Schlagzeilen. Wie schätzt du persönlich die Lage ein: Wird der Verfassungsschutz in seiner jetzigen Form langfristig seiner Verantwortung gerecht oder muss sich etwas am gegenwärtigen System ändern?

Ich habe von 1993 bis 2000 beim Verfassungsschutz gearbeitet und habe mir schon damals oft die Frage gestellt, ob die Behörde wirklich wirksam arbeiten kann. Es gab und gibt noch heute eine Reihe von Punkten, die eine wirklich effektive Arbeit verhindern. Da ist zunächst die Zersplitterung der Verfassungsschutzbehörden. Wir haben das Bundesamt und 16 Landesämter. Alle machen im Prinzip dasselbe, wodurch viel Doppelarbeit entsteht. Zum Beispiel geben alle Ämter ihre jährlichen Berichte heraus, und vieles steht in allen Berichten mehr oder weniger identisch drin. Jedes Amt hat seinen eigenen Servicebereich, zum Beispiel für Personal, Haushalt oder Technik. Die dafür aufgewendeten Ressourcen könnte man anderweitig sinnvoll einsetzen, wenn diese Aufgaben zentralisiert wahrgenommen werden würden. Die Kommunikation zwischen den Ämtern ist auch nicht immer optimal, da man mitunter andere Dienststellen nicht an seinen Informationen teilhaben lassen will. Deshalb bin ich der Meinung, dass der Verfassungsschutz eine Bundesangelegenheit werden muss. Wir brauchen ein Bundesamt mit mehreren Außenstellen. Ein weiterer Kritikpunkt, den ich habe, ist das Verhältnis des Verfassungsschutzes zur Polizei. Eigentlich ist die Arbeitsaufteilung klar: Der Verfassungsschutz beobachtet extremistische Strukturen im Vorfeld der Begehung von Straftaten, und die Polizei verfolgt diese Straftaten. Seitdem die Polizei aber seit den 1990er Jahren zunehmend Befugnisse im Vorfeld der Begehung von Straftaten erhalten hat, verwischen sich die Zuständigkeiten in der Praxis. Auch hier kommt es zu mitunter unkoordinierter Doppelarbeit. Das Verhältnis von Verfassungsschutz und Polizei muss überdacht werden. Generell muss die Kommunikation zwischen den Sicherheitsbehörden verbessert werden.

 

Du arbeitest ja bereits an einem weiteren Roman rund um deinen Protagonisten Heiko Peikert. Kannst du bereits etwas zu der Handlung verraten und wann das Buch voraussichtlich erscheinen wird? Hast du abgesehen davon noch literarische Projekte geplant, vielleicht auch zu einem anderen Thema?

In meinem neuen Roman ist Peikert einer Geheimorganisation auf der Spur, die sich Gladio nennt. Diese Organisation hat es tatsächlich gegeben. Sie existierte während der Zeit des Kalten Krieges in vielen NATO-Staaten als sogenannte Stay-behind-Organisation. Ihre Mitglieder waren dafür ausgebildet, im Fall der Invasion des Warschauer Paktes hinter den feindlichen Linien Informationen zu sammeln und Sabotageakte auszuführen. 1990 bekannte der italienische Premierminister Giulio Andreotti, dass Gladio in Italien mehrere Bombenattentate mit vielen Toten begangen hatte. Von politischer Seite wurden die Kommunisten für die Attentate verantwortlich gemacht. Man wollte durch die Diskreditierung der Kommunistischen Partei ihre Beteiligung an der italienischen Regierung verhindern. Auch in anderen europäischen Staaten soll Gladio an Anschlägen beteiligt gewesen sein. In Deutschland wird die Organisation immer wieder mit dem Bombenanschlag auf das Münchener Oktoberfest im Jahre 1980 in Verbindung gebracht. Seit Jahren ranken sich viele Verschwörungstheorien um Gladio.

Stay-behind-Gruppen gab es tatsächlich auch in Berlin, wo mein neuer Roman wieder spielt. Die Bundesregierung behauptete vor einigen Jahren, die Berliner Gruppen seien in den 1990er Jahren aufgelöst worden. Mein Protagonist Heiko Peikert findet nun heraus, dass eine Berliner Organisation noch immer existiert und sich jeglicher Kontrolle entzogen hat. Die Gruppe begeht Anschläge, die nicht nur große Unruhe unter der Bevölkerung hervorrufen, sondern sogar zu diplomatischen Verwickelungen führen. Ich habe mir vorgenommen, bis Ende dieses Jahres das Manuskript abzuschließen.

Im vergangenen Jahr ist eine Kurzgeschichte von mir in der Anthologie des 5. Bubenreuther Literaturwettbewerbs erschienen. Außerdem habe ich einen Beitrag zum Putlitzer Preis 2020 eingereicht. Vielleicht erscheint im Frühjahr eine weitere Kurzgeschichte. Auf diese Publikationsmöglichkeiten bin ich durch Hinweise in den Qwertz-Heften des BVjA aufmerksam geworden. Außerdem habe ich gerade einen Beitrag für eine Zeitschrift über die Berliner Polizei zur Zeit der Wende fertiggestellt.

Vielen Dank für diese ausführlichen und interessanten Antworten! Vieles, was du über die Probleme und Herausforderungen des VS sagst, deckt sich mit meinen Beobachtungen zu den Problemen anderer Behörden wie der Bundeswehr, die ich während meiner Praktika im Bundestag und bei der Bundeswehr machte. Mit reibungsloser Kommunikation untereinander tun sich offensichtlich die meisten Behörden in Deutschland etwas schwer.

Ich hoffe, wir schaffen es spätestens bei der LBM 2021 deine Lesung nachzuholen.


Wenn ihr mehr über Dietmar Peitsch und seine Bücher erfahren wollt, könnt ihr auf seiner Amazonautorenseite vorbeischauen oder diesen Beitrag im Tagespiegel lesen oder ihm auch auf Facebook folgen.


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Nikodem Skrobisz

Nikodem Skrobisz, auch unter seinem Pseudonym Leveret Pale bekannt, wurde am 26.02.1999 in München geboren. Er ist als Journalist und Schriftsteller tätig und hat bereits mehrere Romane und Kurzgeschichten publiziert, die meist philosophische und gesellschaftliche Themen behandeln. Zurzeit ist er Vorstandsmitglied des Bundesverband junger Autoren und Autorinnen e.V.. und studiert Kommunikationswissenschaften und Psychologie. Halbprivate Einblicke gibt es auf Instagram

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