22. Juni 2026
ArtikelEssay

Warum Höhlenmenschen Remigration lieben

Europa steht heute an allen Fronten zugleich unter Druck und taumelt von einer Krise in die nächste. Noch immer tragen wir die Schulden der Pandemie und der Energiepreisschocks ab, die auf Russlands Überfall auf die Ukraine folgten – und häufen schon neue an, während Zölle und neue Kriege unsere Lieferketten disruptieren. Die Wachstumsprognosen werden gekappt, die Inflation liegt wieder über dem Zielwert der EZB, und die Deindustrialisierung nimmt Fahrt auf, vor allem in West- und Mitteleuropa.

Hinter diesen akuten Symptomen steckt ein chronisches Leiden: Bei den Technologien, die heutzutage immer mehr die Wirtschaft vorantreiben, fällt Europa zurück, und seine alten Konzerne beginnen zu sterben, ohne dass würdige Nachfolger heranwachsen.

Ein europäischer Arbeitnehmer bringt es heute nur noch auf rund drei Viertel der Produktivität eines amerikanischen – und fast die gesamte Lücke entfällt auf IT und KI, wo Europa über weite Strecken bloß Konsumkolonie des Silicon Valley ist. Dazu die ständige Sorge um Energie, Sicherheit, Demografie und die Zukunft der Arbeit: Kein Wunder, dass viele Bürger das Gefühl haben, ihnen gleite der Boden unter den Füßen weg – und das nicht ohne Grund. Die Älteren bangen um ihre Renten, die Jüngeren um schwindende Chancen und steigende Lebenshaltungskosten.

Die politische Antwort darauf ist ein Ruck nach ganz rechts. Giorgia Meloni regiert Italien seit 2022. In Österreich wurde die FPÖ 2024 stärkste Kraft. In Deutschland verdoppelte die AfD ihren Stimmenanteil, landete im Februar 2025 auf Platz zwei und führt inzwischen die bundesweiten Umfragen an. In Frankreich liegt der Rassemblement National vorn, in Großbritannien Reform UK. Erstmals rangieren rechtsextreme Parteien gleichzeitig in den E3 an der Spitze der Umfragen – den drei größten Volkswirtschaften Europas. Ihr Programm ähnelt sich überall: die Türen für ausländische Arbeitskräfte zuschlagen, sich bei den Oligarchen und Autokraten dieser Welt anbiedern, die EU schwächen, die Ukraine fallen lassen, dem Migranten und dem ‚woken‘ Akademiker die Schuld geben – und mit der ‚Remigration‘ beginnen. Es ist eine Politik, die Europas Krise nicht lösen, sondern vertiefen würde; das wird fast jeder Ökonom bestätigen. Und ja: Schlecht gesteuerte Zuwanderung und misslungene Integration belasten unsere Gesellschaften durchaus. Aber gemessen an der wirtschaftlichen und sozialen Verwüstung, die eine tatsächlich umgesetzte Remigrationspolitik anrichten würde, ist diese Belastung kaum mehr als ein Rundungsfehler.

Das ist eine Tragödie – aber eine menschliche, allzumenschliche und altbekannte.

Remigration wurde längst ausprobiert

Es ist nicht das erste Mal in der Geschichte, und Europa ist auch heute nicht der einzige Ort, an dem Menschen massenhaft für eine Politik stimmen, die ihren eigenen Interessen zuwiderläuft. Und es ist nicht das erste Mal, dass sie in der Remigration eine Lösung für ihre wirtschaftlichen und sozialen Nöte sehen.

Tatsächlich haben mehrere Länder die Remigration bereits ausprobiert. Eines hat sie sogar einmal in genau jenem gewaltigen Umfang durchgezogen, von dem die identitäre Bewegung träumt: die Massenabschiebung sämtlicher Einwanderer, immerhin rund zwölf Prozent der Bevölkerung. Die Rede ist von Ghana im Jahr 1969 – dem wohl Nächsten, was die Geschichte einem kontrollierten Experiment in großflächiger Remigration zu bieten hat. In den 1960ern waren die Kakaopreise eingebrochen, die Arbeitslosigkeit stieg, die Wirtschaft schrumpfte. 1969 erließ Premierminister Kofi Busia die Aliens Compliance Order: Jeder Ausländer ohne Aufenthaltsgenehmigung hatte zwei Wochen Zeit, das Land zu verlassen. Die ghanaische Öffentlichkeit bejubelte den Schritt als patriotische Tat – endlich würden die Illegalen Migranten hinausgeworfen und die Jobs dem eigenen Volk zurückgegeben.

Zwischen ein paar hunderttausend und zwei Million Menschen, überwiegend Nigerianer, wurden so aus Ghana hinausgedrängt. Nur hatten genau diese ‚Illegalen‘ einen Großteil der Arbeit gestemmt, die das Land zusammenhielt: Vielleicht zwei Fünftel der Erwerbstätigen waren es, sie schufteten auf den Kakaoplantagen, in den Minen, im Handel. Also fielen Ernte und Preise noch tiefer, die Lieferketten brachen zusammen, und die Vertreibung verschärfte genau den Abschwung, den sie kurieren sollte. Arbeitslosigkeit und Armut stiegen rapide an – denn der wirtschaftliche Wohlstand wurde durch die Remigration nicht etwa an die ‘autochthonen’ Ghanaer umverteilt, stattdessen brach die Wirtschaft schlicht in sich zusammen. Busias Regierung war binnen drei Jahren gestürzt.

Und das Rad drehte sich weiter. Während Ghanas Wirtschaft weiter zerfiel, wanderten über eine Million Ghanaer ins ölreiche Nigeria aus. Als dann Nigeria 1983 und 1985 selbst in die Krise rutschte, machte es es genauso: Remigration, diesmal gegen die Ghanaer im Land. Dasselbe Drehbuch – jeder Nachbar versucht, sein Elend zu exportieren, und am Ende sind alle ärmer.

So sehr Ghana 1969 und Nigeria 1983/85 wegen ihres Ausmaßes und ihrer Nähe zu dem herausstechen, was Europas Rechtspopulisten heute fordern – die einzigen Fälle in der Geschichte sind sie nicht.  1972 zerstörte Ugandas Vertreibung der asiatischstämmigen Bevölkerung den Handelssektor des Landes. Angolas Operação Brilhante jagte 2004/05 weit über hunderttausend Ausländer außer Landes, vor allem kongolesische und westafrikanische Minenarbeiter. Gelöst haben diese Maßnahmen nie etwas. Sie haben jede bestehende Krise verschärft und den Niedergang beschleunigt. Die Praxis war auf dem Kontinent so verbreitet wie verheerend geworden – so verbreitet, dass die Afrikanische Charta der Menschenrechte und Rechte der Völker 1981 eigens die ‚Massenausweisung von Nicht-Staatsangehörigen‘ untersagen musste.  

Auch im Westen wurde die Remigration auch schon ausprobiert. Zwischen 1929 und 1936 entzogen die USA mehreren hunderttausend Amerikanern mexikanischer Herkunft die Staatsbürgerschaft und schoben sie ab – unter dem Schlachtruf ; American Jobs for real Americans‚, ‚Amerikanische Jobs für echte Amerikaner‘. Der Effekt war das genaue Gegenteil: weniger und schlechtere Jobs für die Zurückgebliebenen. Denn mit den mexikanischen Arbeitskräften verschwand auch die Nachfrage, die quer durch die Wirtschaft qualifizierte Stellen in Management, Verwaltung und Vertrieb getragen hatte.

Die ökonomische Forschung lässt kaum Zweifel: Würden europäische Länder heute mit Massen Remigration beginnen, würden sie sich mindestens so selbst schaden wie die USA in den 1930ern. Im schlimmsten Fall glitten sie in dieselben Teufelskreise aus wirtschaftlichem Zusammenbruch und ethnischem Hass ab, in denen viele afrikanische Staaten seit Jahrzehnten gefangen sind. Dass manch ein Akteur in Washington oder Moskau dabei applaudieren würde, kann ich nachvollziehen – aber kein echter europäischer Patriot sollte sich so etwas wünschen.

Es hat etwas Ironisches: Leute wie Martin Sellner wähnen sich als Retter der europäischen Zivilisation – und blicken dabei auf die Welt wie ein afrikanischer Demagoge der 1960er Jahre. Jede volkswirtschaftliche Fakultät Europas könnte ihnen sagen, dass die Remigration Europa höchstwahrscheinlich nicht ins Deutschland der 1950er verwandeln würde, sondern ins Ghana der 1970er. Was die extreme Rechte als Rettung Europas verkauft, läuft darauf hinaus, den Kontinent institutionell und wirtschaftlich in einen gescheiterten Staat nach afrikanischem Vorbild zu verwandeln. Remigration speist sich nicht nur aus fehlender Empathie, aus Hass und Rassismus. Sie ist obendrein eine dumme Politik, die nichts löst. Und trotzdem wird sie immer beliebter und katapultiert ihre Verfechter an die Spitze der Umfragen. Propaganda, Unwissenheit und dergleichen spielen dabei zwar eine gewisse – überschätzte – Rolle. Doch unter dieser verheerenden Popularität liegt ein tieferer Mechanismus, ein ökonomischer und ein psychologischer.

Nicht nur Unwissenheit nährt Selbstschädigung und Populismus

In schweren Zeiten stimmen Menschen mit erstaunlicher Regelmäßigkeit nicht für die Politik, die sie aus dem Loch zöge, sondern für jene, die es tiefer gräbt: gegen Handel, gegen Zuwanderung, dafür, die Reichen zu stutzen, statt den Kuchen zu vergrößern, für Populisten, die versprechen, den Wohlstand anderer zu greifen und neu zu verteilen. Daraus entstehen regelmäßig genau jene Teufelskreise, die Ökonomen wie Benjamin Friedman beschrieben haben: Wirtschaftliches Elend erzeugt Nullsummendenken, dieses bringt extraktive Institutionen und einen ausgrenzenden Autoritarismus hervor – und beide schaffen wiederum ein Nullsummenklima und noch mehr Elend. Eine Abwärtsspirale. Viele Länder der Dritten Welt stecken in genau diesem Kreislauf. Dass aber auch ein vermeintlich zivilisierter Ort wie Europa hineinrutschen könnte, nehmen die wenigsten als das ernst, was es ist: ein immer realeres Risiko.

Die bequeme Erklärung – beliebt bei jenen, die die Krise nicht berührt hat – lautet: Wer Populisten wählt, ist eben unwissend oder wurde von Demagogen über den Tisch gezogen, neuerdings auch von Elon Musks Shitposting auf X. Aber das beschreibt ein Symptom, nicht die Ursache. Die eigentlichen Gründe, warum die Demagogie in den Köpfen überhaupt auf fruchtbaren Boden fällt, sind, glaube ich, heimtückischer und tragischer. Einer der Hauptschuldigen ist ein tief verwurzeltes neuropsychologisches Überbleibsel, das die Welt überdauert hat, für die es einmal nützlich war.

Es ist das Nullsummendenken

Das geistige Relikt, das einen Großteil der populistischen Politik von rechts wie von links trägt, ist das Nullsummendenken: die Bauchgewissheit, dass der Gewinn des einen zwangsläufig der Verlust des anderen sein muss. Dass Wohlstand und Wohlergehen ein fester Kuchen sind, den man verteilen, aber nicht gemeinsam vergrößern kann. Dass man anderen etwas wegnehmen muss, um selbst voranzukommen. Es ist der dunkle Kern vieler hässlicher Phänomene, die wir heute erstarken sehen: Schutzzölle, Stammesdenken, Diskriminierung, Rassismus, Autoritarismus, Geschlechterkämpfe, die Unterdrückung von Frauen, Eroberungs- und Ausbeutungskriege.

Diese heimtückische Tragödie ruht auf zwei Mechanismen, die schon in meinen früheren Texten im Mittelpunkt standen.

Der erste ist ökonomisch. In der Sprache der Spieltheorie ist eine wachsende Wirtschaft ein Nicht-Nullsummenspiel, eine stagnierende unterm Strich ein Nullsummenspiel, eine schrumpfende ein Negativsummenspiel. Wächst der Kuchen, können alle zugleich gewinnen. Stagniert er, zerfällt die Gesellschaft in Gewinner und Verlierer – und dieser Riss verdirbt messbar das moralische Klima: Aus Offenheit und Zusammenarbeit werden Abschottung und Diskriminierung. Die bittere Ironie, gut belegt in der soziologischen wie ökonomischen Forschung: Genau dieses Verhalten vertieft und verlängert den Abschwung, weil das Nullsummendenken zur selbsterfüllenden Prophezeihung wird.

Der zweite Mechanismus ist evolutionär. Viele unserer moralischen Intuitionen sind neuronale Heuristiken – Daumenregeln, geformt von und für die Welt unserer Vorfahren. Und eine Daumenregel kann ihre Welt überleben und zu einem fehlangepassten Relikt gerinnen: zu einem Überbleibsel, das nicht mehr hilft, sondern oft schadet, und das sich in dem zeigt, was Verhaltensökonomen Biases nennen.

In der Höhle gab es kein Wachstum

Das Nullsummendenken gibt es, weil die Welt fast die gesamte Menschheitsgeschichte hindurch tatsächlich annähernd ein Nullsummenspiel war. Wachstum gab es kaum, Spezialisierung ebenso wenig. Technologische Innovation – der eigentliche Motor des realen Pro-Kopf-Wachstums – lag während des allergrößten Teils der 300.000 Jahre, die der homo sapiens schon existiert, praktisch bei null. Was ein Clan von Höhlenmenschen herstellen konnte, blieb über ein ganzes Leben hinweg ungefähr gleich. Bekam der Nachbar ein größeres Stück, blieb deins kleiner. Drang ein fremder Stamm in dein Jagdrevier ein, war der Streit um das Wild fast unausweichlich. Fremde bedeuteten meistens unbekannte Krankheiten und Konkurrenz, nicht Bereicherung. In dieser Welt war Misstrauen – gegen den Außenseiter wie gegen fremden Gewinn – oft überlebensnotwendig.

Heute leben wir in weithin positivsummigen Welten. Ständig bessere Technik und Arbeitsteilung in einer wachsenden Wirtschaft verschaffen uns den Hebel dafür, dass am Ende tatsächlich alle besser dastehen, wenn wir zusammen arbeiten und handeln.

Das Problem ist nur: Die neuronale Verschaltung, die für die Nullsummenwelt der Höhle gemacht wurde, steckt uns noch immer im Kopf. Sie denkt in Stämmen und Revieren, wittert schnell den Betrüger und beäugt den Fremden. Füttert man sie mit den Nachrichten eines modernen, unpersönlichen Marktes, fällt sie das falsche Urteil: Handel bringe unterm Strich nichts, und der Gewinn eines Fremden müsse eine Art Diebstahl sein. Eine Politik, die zu diesen Bauchgefühlen passt, fühlt sich richtig, gerecht und wahr an – ganz gleich, ob sie es ist. Und genau das ist der Knopf, den Populisten so gern drücken. Er erlaubt ihnen, eine schlechte Idee als gesunden Menschenverstand auszugeben und zugleich jene emotionalen Schaltkreise zu zünden, die den Verstand umgehen und Wähler sehr effektiv emotionalisieren und mobilisieren.

Zum Glück ist das Nullsummendenken weder unausweichlich noch ständig auf voller Lautstärke. Das Gehirn ist formbar, und im alltäglichen Überfluss der modernen Welt halten unsere rationalen Fähigkeiten den alten Reflex in Schach. Er flammt auf, wenn es die Zeiten schwieriger werden, und verblasst, wenn genug für alle da ist. Als Sahil Chinoy, Nathan Nunn, Sandra Sequeira und Stefanie Stantcheva 20.400 Amerikaner befragten, fanden sie das Nullsummendenken am stärksten bei Menschen – und bei den Nachkommen von Menschen –, die Stagnation, verbaute Aufstiegswege oder Sklaverei erlebt hatten, und am schwächsten dort, wo Wachstum schon lange normal war. Die Intuition ist auf ihre Umgebung geeicht, genau wie man es von einer Anpassung erwartet. Verlustangst macht alles schlimmer und zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung: Im Abschwung schmerzt die Furcht, das Vorhandene zu verlieren, stärker als die Hoffnung auf mehr – und so erscheint der Aufstieg des anderen wie der eigene drohende Absturz. Wahrnehmung und Wirklichkeit schaukeln sich hoch, denn eine schrumpfende Wirtschaft ist im Moment tatsächlich ein Stück nullsummiger geworden.

Für einen Kopf im Nullsummenmodus fühlt sich Nehmen oft gar nicht wie Nehmen an, sondern wie das Verteidigen des Eigenen, wie das Nötige, das eben getan werden muss. Die Grenze dichtmachen, die sichtbare Fremdgruppe bestrafen, einem starken Mann die Macht geben, der den festen Kuchen neu aufteilt – all das fühlt sich nach Schutz an und nach Gerechtigkeit. Es fühlt sich an wie der Weg aus dem dunklen Tal, nicht hinein.

Die Tragödie des Rust Belt

Eines der traurigsten aktuellen Beispiele – aktueller und meinen Lesern wohl vertrauter als die historischen Fälle von vorhin – liefert Amerikas Rust Belt. Das Stahl- und Autoland von Michigan, Ohio, Pennsylvania und West Virginia wählte Trump und seine Zölle, verkauft als die Politik, die Amerika befreien und die Fabriken zurückholen werde. Nur treiben Zölle auf Stahl und Aluminium die Kosten für all jene – weit zahlreicheren – Betriebe in die Höhe, die diese Metalle verarbeiten. Sie laden zu Vergeltungszöllen ein und lähmen Investitionen mit Unsicherheit lahm. Die 2025 eingeführten Zölle brachten keine Wiederbelebung. Sie kosteten Zehntausende Fabrikjobs, Werke schlossen ausgerechnet in den Städten, die sie gewählt und bejubelt hatten, und neue Jobs entstanden stattdessen im Süden, im Sun Belt.

Und das ist kein Einzelfall. Manuel Funke, Moritz Schularick und Christoph Trebesch werteten mehr als achthundert Wahlen in zwanzig Demokratien seit 1870 aus und fanden: Gerade nach Finanzkrisen legt die extreme Rechte im Schnitt um rund dreißig Prozent beim Stimmenanteil zu. Eine Krise macht die Menschen nicht nur ärmer. Sie lässt das Schuldzuweisen wie gesunden Menschenverstand erscheinen. Stockt die Wirtschaft, steigen Intoleranz, Ressentiment und Misstrauen. Umgekehrt gilt dasselbe: Läuft es gut und wächst die Wirtschaft, werden die Menschen offener und großzügiger. Kaum jemand beschließt im Abschwung bewusst, knausriger zu werden. Es ist einfach so, dass Großzügigkeit in einer schrumpfenden, bedrohlichen Welt allmählich wie Luxus wirkt – und der Fremde eher wie ein bedrohlicher Konkurrent denn wie ein möglicher Freund.

Dauerhafter Wohlstand wächst, das bestätigt ein großer Teil der ökonomischen Forschung, auf inklusiven Institutionen: auf sicheren und breit gestreuten Eigentumsrechten, offenem Wettbewerb, echtem politischem Mitspracherecht für die einfachen Leute, einer wirksamen Eingliederung von Humankapital in einen Arbeitsmarkt, den keine Diskriminierung verzerrt. Ihr Gegenteil – extraktive Institutionen, in denen eine kleine Elite Macht und Profit hortet – erstickt den Anreiz, zu investieren, zu bauen und zu erfinden. Und Diskriminierung wie Fremdenfeindlichkeit sorgen dafür, dass Humankapital vergeudet wird.

Russland ist der Lehrbuchfall: eine Gesellschaft, die seit Jahrzehnten in wirtschaftlichem Elend und quasifeudalen Strukturen feststeckt und sich nun dem Ende eines selbstzerstörerischen Zyklus nähert. Unter wirtschaftlichem Druck hat der Staat den Griff einer schmalen Elite fester gezogen, den Westen und die eigenen Dissidenten zu Feinden erklärt, mit dem Überfall auf die Ukraine 2022 die eigene Erwerbsbevölkerung und die eigenen Finanzen ruiniert und 2023 die ‚LGBT-Bewegung‘ zur extremistischen Organisation gestempelt. Sündenbocksuche und Enteignung, kostümiert als Landesverteidigung – während die Wirtschaft und die Menschen, die er zu schützen vorgibt, im Stillen verrotten. Viele arme Länder stecken in ebensolchen Teufelskreisen und schaden sich mit autoritären Maßnahmen ununterbrochen selbst. Als Uganda 2023 sein brutales Anti-Homosexualitäts-Gesetz verabschiedete – mit Strafen bis hin zu lebenslanger Haft und Tod –, stoppte die Weltbank neue Kredite an ein Land, das auf sie angewiesen ist, und verschärfte damit genau die Knappheit, aus der die Politik erst erwachsen war.

Der Kultur ergeht es dann wie den Institutionen: Sie rutscht hinterher und hinab in das Elend. Wo das Leben über längere Zeit tatsächlich ein Nullsummenspiel ist, setzen sich Überzeugungen durch, die Anstrengung entmutigen – Neid, die Furcht aufzufallen, Misstrauen gegen jeden, dem es gut geht. Kurzfristig halten sie den mörderischen Konkurrenzkampf im Zaum, langfristig ersticken sie das Wachstum. So geht der Sprung in Ausgrenzung und Ausbeutung gleich doppelt schief: Er zerlegt den Motor der Erholung und zementiert obendrein jene Stimmung aus Misstrauen und Mutlosigkeit, die die Knappheit ohnehin schon erzeugt. In eine solche Spirale fällt man weit leichter hinein, als man wieder herausklettert. Denn zum Herausklettern muss man gegen den eigenen Instinkt handeln und gerade in der Knappheit großzügig sein.

Ein Steinzeitreflex in einer modernen Wirtschaft

Nullsummendenken wirkt aus der Nähe wie gesunder Menschenverstand und ist im Großen verheerend. Für die Höhlenmenschen mochte es stimmen: Da war der Kuchen wirklich fest, und der Gewinn des Rivalen war wirklich dein Verlust. In einer modernen Wirtschaft ist es grundfalsch. Hier vergrößern wir den Kuchen selbst, und das Mittel gegen Knappheit besteht gerade darin, jene offenen, inklusiven Institutionen zu bauen, die ihn wachsen lassen. Unsere Intuition kann die beiden Welten nicht auseinanderhalten, weil die Evolution unser Gehirn nie dafür geformt hat. Genau das macht das Nullsummendenken zum fehlangepassten Relikt: es ist kein beliebiger Irrtum, sondern eine alte, einst nützliche Reaktion, die in einer Welt feuert, die sich über Jahrtausende verändert hat. Wer in der Krise auf Populisten hereinfällt, ist deshalb nicht zwangsläufig böse, dumm oder ungebildet. Er erliegt bloß einem überholten Instinkt, der, von Angst getrieben, den Verstand umgeht und uralte Kampf-oder-Flucht-Muster aus Fremdenfeindlichkeit und Stammesdenken aktiviert. Ironischerweise geben sich viele dieser populistischen Anführer als Verteidiger der europäischen Zivilisation – und predigen in ihrem Denken eine instinktgetriebene, vorzivilisatorische Barbarei.

Wenn die Bauchreaktion auf harte Zeiten genau das ist, was die harten Zeiten verlängert, dann ist der Schutz von Wachstum und offenen Institutionen wie der liberalen Demokratie und des Rechtsstaats kein hübsches Ziel unter vielen und kein selbstgefälliges Moralisieren. Er ist eine Leitplanke gegen ein Versagen, zu dem wir alle neigen. Und weil man die menschliche Natur samt ihren evolutionären Macken wie dem Nullsummendenken nicht einfach wegreden kann – der Neue Sowjetmensch ist nie erschienen –, hilft nur ein Hebel: kluges institutionelles Design. Institutionen, die unseren Wettbewerbsdrang aufs Schaffen lenken statt aufs Ergreifen. Verfassungen und Gerichte, die uns daran hindern, im Affekt das Fundament unseres Wohlstands einzureißen. Kapitalistische Märkte, die Konkurrenzlust in produktives Unternehmertum kanalisieren statt in zerstörerische Plünderung – die die Größenwahnsinnigen darum wetteifern lassen, ihre Produkte für alle billiger zu machen, statt darum, wer mehr erobert und niedermetzelt. Und so weiter. Wenn uns in der Krise der archaische Instinkt einflüstert, die liberale Demokratie niederzubrennen, müssen wir uns vor Augen halten: Sie ist in Wahrheit der wahrscheinlichste Ausweg. Das gilt auch für die Krise, in der Europa heute steckt.

Der Ausweg

Ein künftiges Europa, das seinen Ängsten nachgäbe – das populistische Hardliner an die Macht ließe und Menschen wegen ihrer Hautfarbe abschöbe –, würde seinen Wohlstand nicht schützen. Es würde ihn wegwerfen.

Die Spitzentechnologien, von der unsere Erholung abhängt, ruhen auf einer winzigen, hochmobilen Gruppe. Mehr als die Hälfte der weltbesten KI-Forscher arbeitet in einem anderen Land als dem, das sie ausgebildet hat – und Amerikas Vorsprung, rund sechzig Prozent der absoluten Spitze, beruht fast ausschließlich auf seiner Anziehungskraft auf diese Menschen. Wer dieses Talent vertreibt, schlägt ausgerechnet die Tür zu, die Europa am dringendsten offenhalten muss. Es gibt keinen sichereren Weg, ein Rennen zu verlieren, als die eigenen Läufer nach Hause zu schicken. Und das gilt längst nicht nur für die hochqualifizierte Elite: Allein in Deutschland erwirtschaften ausländische Staatsbürger 13 Prozent des BIP. Eine Politik wie die Remigrationspläne der AfD würde nicht nur sie vertreiben, sondern auch das Vertrauen und jede Attraktivität für Fachkräfte zerstören. Sie würde Deutschlands Wirtschaft auf das Niveau eines Entwicklungslandes herunterwirtschaften – dazu verdammt, von Russland und den USA zum Vasallen gemacht zu werden.

Der Weg aus der Krise führt nicht über das Nachgeben gegenüber den niedrigsten Instinkten.

Er beginnt damit, das Nullsummendenken beim Namen zu nennen und ihm nicht auf den Leim zu gehen – und vor allem damit, sich ein positivsummiges Denken zu eigen zu machen. Die Nullsummenwelt zu überwinden heißt, sich bewusst und oft gegen den Bauch zu entscheiden: den Kuchen zu vergrößern, statt um die Stücke zu zanken. Die Grenzen für Fachkräfte und die Märkte für freien Handel offenzuhalten, statt die Zugbrücke hochzuziehen. Talente willkommen zu heißen, statt sie zu vertreiben. Jene zu belohnen, die bauen und erfinden, nicht jene, die horten und Schuld zuweisen. Auf Investition und Unternehmertum zu setzen statt auf Sündenböcke, Sondersteuern und Enteignung. Gegen die Bauchinstinkte einer verängstigten Wählerschaft anzukommen, ist schwer. Aber wir können die Institutionen bauen und die Geschichten erzählen, die unsere Wettbewerbsenergie aufs Schaffen lenken statt aufs Ausbeuten – und wir können diese Institutionen schützen, bis die wirtschaftliche Erholung Zeit hatte, zu greifen.

Offene Gesellschaften haben sich aus Krisen immer auf dieselbe Weise herausgearbeitet: indem sie hoffnungsvoll blieben, kooperierten, ihre Institutionen offen hielten und die geduldige Arbeit auf sich nahmen, den Kuchen zu vergrößern, statt ihn zu zerlegen. Angst und Hass haben stets nur an einen Ort geführt – ins Verderben. Harte Zeiten bezwingt man mit Optimismus. Und ich für meinen Teil bin sehr zuversichtlich, dass Europa die Kurve kriegt, statt seinen verkommensten und selbstzerstörerischsten Versuchungen zu erliegen.

Mit anderen Worten: Feigheit und Hass sind eine Sackgasse – nicht nur moralisch, sondern auch empirisch. Krisen überwindet man mit Mut und damit, das Richtige zu tun, auch angesichts von Angst und Ungewissheit – im Leben des Einzelnen wie im Leben einer Gesellschaft. Wenn wir die Zivilisation schützen wollen, müssen wir dem Höhlenmenschen in uns widerstehen und ihn überwinden.


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Dieser Essay erschien ursprünglich auf English als „Why Cavemen love Remigration“ auf meinem Substack Blog: https://nikodemskrobisz.substack.com/p/why-cavemen-love-remigration


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Nikodem Jan Skrobisz

Nikodem Skrobisz wurde 1999 in München geboren und nebenbei als Schriftsteller tätig. Bereits als Schüler hat er, zunächst unter dem Pseudonym Leveret Pale, bereits mehrere Romane und Kurzgeschichten publiziert, die meist philosophische und gesellschaftliche Themen behandeln. Er studierte Kommunikationswissenschaften, Psychologie, Philosophie sowie Sprachen und Literatur. Seine Masterarbeit schrieb er an der LMU München. Halbprivate Einblicke gibt es auf Instagram

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