Warum ich Ave Europa verlassen habe
Ich habe Ave Europa an den Iden des März 2026 verlassen. Es war keine leichte Entscheidung, aber die einzig richtige.
Zu lange habe ich öffentlich eine Bewegung vertreten und für sie als Pressesprecher gesprochen, die in den vergangenen Wochen rasant von dem abgedriftet ist, was ich mit meinen eigenen demokratischen Überzeugungen und Werten vereinbaren kann.
Unredliche Personen verbreiten derzeit Lügen über die Gründe meines Ausscheidens, während die verbliebene Führung von Ave Europa deren Verwandlung in Etwas vorantreibt, mit dem ich nicht in Verbindung gebracht werden möchte. Daher sehe ich mich gezwungen, in dieser öffentlichen Erklärung die Gründe für meinen Entschluss darzulegen, nicht nur als Sprecher von Ave Europa zurückzutreten, sondern jene Bewegung zu verlassen und mich von ihr loszusagen, in deren Aufbau ich in den vergangenen Monaten viel Zeit, Kapital und Energie investiert habe.
Auch wenn ich niemand bin, der normalerweise mit Dramen und Konflikten an die Öffentlichkeit geht, machen diese Umstände – und die Tatsache, dass ich lange Zeit faktisch als das öffentliche Gesicht von Ave Europa fungiert habe – eine öffentliche Stellungnahme meinerseits zu einer Notwendigkeit für meine persönliche Ehre und, was wichtiger ist, zu einem Gebot des öffentlichen Interesses.
Gleichwohl werde ich mich nicht auf billige Ad-hominem-Angriffe oder unsaubere Schlammschlachten, persönliche Anfeindungen, auf Desinformation oder sonstige Demagogie einlassen. Ich bin Philosoph – aus Ausbildung wie aus Überzeugung –, kein opportunistischer Sophist und Demagoge. Daher werde ich vorerst weder auf Details eingehen, die nicht in die Öffentlichkeit gehören, noch einzelne Personen gezielt beschuldigen. Ich werde nur das wesentliche Gesamtbild der Ereignisse zeichnen, die zu meiner Entscheidung geführt haben.
Was passiert ist
Anfangs und über die längste Zeit hinweg war Ave Europa eine geeinte Front unterschiedlicher Menschen, die sich vom liberalen Zentrum bis zum rechten Rand des politischen Spektrums erstreckte: von Liberalen Demokraten wie mir bis hin zu eher konservativen und rechten Kräften – zusammengehalten von der gemeinsamen Vision eines geeinten Europas, das souverän, wettbewerbsfähig und selbstbewusst ist. Die Vision, die viele bei Ave Europa teilten, habe ich gemeinsam mit Octavian Posta in einem Gastbeitrag für das deutsche Magazin skizziert, das nach einem meiner intellektuellen Helden benannt ist – Cicero. Eine englische Übersetzung unseres Artikels, in dem wir die Vision einer geeinten demokratischen Föderalen Republik Europa nach Schweizer Vorbild umreißen, kann man hier kostenlos nachlesen. Im Grunde aber kann man festhalten, dass alle bei Ave Europa eins gemeinsam hatten: Sie wollte eine paneuropäische Partei, die über Ländergrenzen hinweg sich für die Einigung Europas einsetzt nach dem Vorbild von Volt – aber eben ohne die linke Identitätspolitik von Volt.
Diese demokratische Vision, verwurzelt im europäischen Erbe des demokratischen Republikanismus, wurde leider nicht von allen innerhalb von Ave Europa geteilt – insbesondere nicht von all jenen, denen es im Laufe der Zeit gelungen war, sich in zentrale interne Macht- und Einflusspositionen einzuschleichen.
Zentrale Organe von Ave Europa wurden meiner Ansicht nach von rechtsextremen Kräften unterwandert und/oder radikalisiert, die im Januar 2026 begannen, gemäßigtere und liberale Persönlichkeiten systematisch auszuschließen, zu drangsalieren und an den Rand zu drängen sowie auf eine radikalere Positionierung, infantilen Populismus und die Adaption identitäre ideologische Elemente wie den Ethnokulturalismus hinzuwirken. Mehrere Gründungsmitglieder und Führungspersönlichkeiten von Ave Europa, die klar liberal positioniert waren, wurden aus der Organisation rausgedrängt. Im Schock über die undemokratischen Rauswürfe und den Shift in der Tonalität, verließen mehr liberal Basismitglieder ebenefalls die Organisation, und eine Abwärtsspirale setzte ein, in der die Organisation immer mehr nach rechts rückte, wodurch gemäßigtere und liberale Mitglieder gingen, wodurch die Organisation noch weiter nach rechts rückte und so weiter …
Meine Position
Als jemand, der seit vielen Jahren politisch aktiv ist, Philosophie studiert hat und viel in PR und Marketing gearbeitet hat, bin ich an Meinungsverschiedenheiten gewöhnt – und ebenso daran, Organisationen und Positionen öffentlich zu vertreten, mit denen ich nicht in jedem Punkt übereinstimme. Während meiner Zeit bei einer Marketing-Agentur habe ich sogar Werbetexte für Whiskey und Gin geschrieben – obwohl ich Abstinenzler bin (wenngleich ich alkoholfreien Wein durchaus genieße, da er mich ästhetisch wie einen postmodernen Philosophen fühlen lässt, ohne mich geistig zu einem solchen zu machen).
Doch ich kann und werde niemals Ideale und Methoden vertreten, die grundlegende menschliche Würde misachten oder antidemokratisch sind, und die ich daher nicht mit meinen festen liberalen und demokratischen Überzeugungen in Einklang bringen kann. Ich werde niemals eine Bewegung öffentlich vertreten oder zu rechtfertigen suchen, die diese Werte mit Füßen tritt. Ave Europa hat sich leider in rasendem Tempo in eine Bewegung verwandelt, die ebendies tut – eine Bewegung, die von Menschen unterwandert wurde, die plumpen Populismus betreiben und Ansichten vertreten, welche mit den Errungenschaften der europäischen Zivilisation und freiheitlich-demokratischen Grundordnung unvereinbar sind. Einige von ihnen glauben, wie ich erst nach meinem Rücktritt erfuhr, sogar, es wäre für Europa besser gewesen, wenn Deutschland die Weltkriege gewonnen hätte – etwas was mittlerweile auch für Außenstehende erkennbar ist: Bei der Vollversammlung auf Schloss Ortenberg Anfang Mai 2026 wurde die verbotene, Blut-und-Boden-Ideologie symoblisierende Odal-Rune von einem Teilnehmer stolz getragen, wie lokale Aktivisten dokumentierten.
Die öffentlich am deutlichsten sichtbare rote Linie vor meinem Austritt wurde für mich überschritten, als gegen meinen Widerstand AfD- und FPÖ-Politiker als Gastredner zur genau dieser geplanten Generalversammlung von Ave Europa auf Schloss Ortenberg eingeladen wurden; und in der Folge ein Großteil der ursprünglich eingelandenen liberaleren und moderaten Gastredner ihre eigene Teilnahme absagte. Ich dachte, es müsste jedem mit auch nur einem Mindestmaß an strategischem Denken einleuchten, dass man die europäische Demokratie nicht retten und vereinen kann, indem man sich mit nationalistischen Demagogen verbrüdert.
Die Einladung dieser AfD- und FPÖ-Politiker geschah zunächst hinter meinem Rücken,. Ich wurde weder informiert noch konsultiert, während ein anderer Anführer von Ave Europa jenen Personen Zusagen für eine Teilnahme an der Veranstaltung machte. Als ihre Einladung schließlich beim jüngsten Führungsgipfel von Ave Europa Anfang März 2026 im Schwarzwald zur Aussprache gestellt wurde, wurde ich überstimmt, und die Einladung wurde offiziell. In diesem Augenblick wurde mir bewusst, wie tief die Unterwanderung und Radikalisierung bereits fortgeschritten war – wie weit das antidemokratische Krebsgeschwür bereits gewuchert hatte. Maßnahmen, es zurückzudrängen, erwiesen sich aufgrund der eher dilettantisch konstruierten und unvollkommenen rechtlichen Struktur von Ave Europa als vergeblich; daher ließ mein Gewissen mir nur eine Entscheidung: zu gehen.
Diese Entscheidung fiel mir nicht leicht. Im vergangenen Jahr habe ich de facto für die Bewegung Ave Europa gelebt. Habe unter ihrer Fahne geschlafen. Habe sie in Podcasts vertreten. Bin quer über den Kontinent gereist und habe viele großartige, kluge und anständige Menschen getroffen. Die Mehrzahl der Mitglieder von Ave Europa sind anständige demokratische Bürgerinnen und Bürger gewesen, doch die Führungsstrukturen – insbesondere in Deutschland und auf internationaler Ebene – sind nach meinem Dafürhalten durch rechtsextremen Einfluss bis zur Unrettbarkeit korrumpiert. Wie sehr ich Ave Europa auch geliebt habe – diese Bewegung ist nicht mehr, was sie noch vor wenigen Monaten war. Aus einem edlen Streben, Europa zu vereinen, ist eine Krankheit geworden.
Da ich als öffentliches Gesicht der Bewegung und als Sprecher des Vorstands fungiert habe, habe ich aus Protest meinen Rücktritt eingereicht, denn ich kann die Richtung, in die Ave Europa nun eingeschwenkt ist, nicht mit meinen festen liberaldemokratischen Überzeugungen vereinbaren – noch kann ich sie mit meinem Namen und meinem Gesicht vertreten.
Wie es weitergeht
Ich persönlich glaube nicht, dass Ave Europa noch eine (erfolgreiche) Zukunft hat. Die meisten jener Menschen, die ich für anständig, gebildet, klug und tugendhaft halte, haben sich in den letzten Wochen verabschiedet oder bereiten ihren Abschied von Ave Europa nun vor. Viele, die wie ich einen cordon sanitaire gegen illiberale und nationalistische Kräfte wahren wollen, haben ihre Mitgliedschaft bei Ave Europa wie ich aufgekündigt. Es scheint, dass ganze Sektionen vor der Abspaltung oder Auflösung stehen; mehrere Vorsitzende nationaler Sektionen haben mich von ihrem beabsichtigten Rücktritt unterrichtet.
Wir werden in der paneuropäischen Politik weiterhin aktiv bleiben, uns aber nun neu formieren und neu ausrichten. In den vergangenen Wochen habe ich mit zahlreichen ehemaligen und gegenwärtigen Mitgliedern von Ave Europa, mit Journalisten, Denkfabriken, Bewegungen, Initiativen und etablierten Parteien gesprochen. Ave Europa mag gescheitert sein – aus ihrer Asche aber werden viele neue, schönere Initiativen erwachsen und erblühen. Unser Eintreten für ein geeintes Europa, tief verwurzelt in seinen zivilisatorischen Errungenschaften wie der Demokratie, hat erst begonnen.
Dies ist eine leicht aktualisierte und angepasste Übersetzung meiner Rücktrittserklärung, die ich ursprünglich am 17. März 2026 auf English auf meinem Substack veröffentlicht habe: https://nikodemskrobisz.substack.com/p/why-i-left-ave-europa