Die Ethik des rationalen Drogenkonsums (6) Widerlegung und Bilanz

Widerlegung und Bilanz

oder

Ein letztes Wort zum menschlichen Drogenkonsum

Drogenkonsum mag in den meisten Fällen irrational, selbstzerstörerisch und sinnlos sein, aber das hat er leider mit der menschlichen Natur gemeinsam, denn der Mensch ist mehr als nur eine rationale, biochemische Rechenmaschine. Vielleicht geht die Menschheit deshalb trotz allem, seit jeher Hand in Hand mit Drogen durch ihre Geschichte, von den Opiumfeldern im heutigen Österreich in der Jungsteinzeit vor 8 000 Jahren, zu den Lotusessern und Bierbrauern des alten Ägyptens, über den LSD-Kult in den 1970er Jahren bis hin zu dem boomenden Research Chemical und Legal High Markt im 21. Jahrhundert.

Aber Rationalität und trockener Rationalismus vermögen alleine nicht viel vollbringen, das Geordnete, Vernünftige, Apollinische alleine führt nur zur Stagnation, Trübsal und Bilanzsuizid. Der Rausch, ob durch Drogen oder durch das Leben an sich, ist die dionysische Quelle alles Schönen, Künstlerischen und Lebenswerten. Drogen und Kunst sind ein Beispiel dafür, dass es auf den verko(r)ksten Pfaden der Menschlichkeit rational sein kann, irrational zu handeln. Allerdings ist es auch rational diese Irrationalität und damit den Drogenkonsum auf den niedrigst möglichen Niveau zu halten.




Die Ethik des rationalen Drogenkonsums (5) Zusammenfassung

Zusammenfassung

Wenn man diese Prinzipien und Differenzen betrachtet und versucht universelle Regeln für einen rationalen Drogengebrauch daraus abzuleiten, so kommt man zu den folgenden Grundsätzen:

  • Drogen im hedonistischen Prinzip zu konsumieren ist irratonal, da die potenziellen Schäden und Risiken den möglichen Nutzen überwiegen
  • Drogen im zielorientierten Prinzip zu konsumieren kann bei Alternativlosigkeit rational sein
  • Drogen im psychonautischen Prinzip zu konsumieren kann rational sein, wenn der Konsument darauf vorbereitet ist und ein klares Ziel besteht, dem dieser psychoanalytische Eingriff dienen soll
  • es muss immer das Nutzen-Risiko-Verhältnis abgewogen werden und auf deren Basis entschieden werden
  • wenn es eine bessere Alternative zum Drogenkonsum gibt, sollte diese benutzt werden

=> Drogenkonsum lässt sich rational begründen, allerdings nur in wenigen Fällen, nämlich denen, die dem Zielorientierten oder Psychonautischen Prinzip zugeordnet werden können und bestimmte Auflagen, erfüllen.

Hier gibt es eine Grafik: Und unter diesem Link geht es zu Teil 6, wo ich erkläre, warum das hier alles in der Realität, wie alle ethischen Überlegungen, nur begrenzt umsetzbar und gültig ist. Ja, klingt sehr produktiv sich selbst zu widerlegen, ich weiß, aber lest selbst.

drei-familien
Verschiedene Drogen lassen sich verschiedenen Prinzipien zuordnen




Die Ethik des rationalen Drogenkonsums (4) Das Psychonautische Prinzip

Das Psychonautische Prinzip

Die psychonautische oder erforschende Anwendung von Drogen ist heutzutage relativ selten. Sie ist am häufigsten bei intellektuellen Individuen und bei indigenen Völkern anzutreffen. Der Konsument verwendet hierbei Drogen, um seine eigene Psyche zu erforschen oder philosophische, spirituelle oder pharmakologische Experimente durchzuführen.

Für diese Ziele sind vor allem Psychedelika am besten geeignet und damit maßgebend. Das Wort psychedelisch bzw. psychedelic wurde 1956 von dem Psychiater Humphry Osmond und dem Schriftsteller Aldous Huxley geprägt und leitet sich von den griechischen Wörtern psychḗ‚ (Seele) und dẽlos (offenkundig, offenbar, manifestiert) ab. Damit soll beschrieben werden, dass Psychedelika die Grenze zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein auflösen. Das bekannteste Psychedelikum ist Lysergsäurediethylamid (LSD), welches, wie die meisten anderen auch, an den Serotoninrezeptoren 5-HT2A/C im Thalamus wirkt. Der Thalamus ist so etwas wie das Kontroll- und Zensurzentrum im Gehirn. Er entscheidet, welche Informationen aus der Umwelt und aus dem Unterbewusstsein ins Bewusstsein gelangen und welche nicht. Durch die Wirkung eines serotogenen Psychedelikum wie LSD oder Meskalin wird der Thalamus hyperaktiv und leitet viel mehr Informationen weiter als sonst. Dies führt bei höheren Dosierungen zu den bekannten Pseudohalluzinationen, wie atmenden Wänden, spirituellen Visionen und Synästhesie, da der Visuelle Cortex irgendwann mit der Menge an Informationen überfordert ist. Hierbei handelt es sich allerdings meistens eher um eine Nebenwirkung. Die Hauptwirkung von Psychedelika besteht nämlich dabei, dass der Konsument mit seinem Unterbewusstsein konfrontiert wird. Erinnerungen, Schwächen, eigenen Fehler und mentale Blockaden tauchen auf und werden bewusst. Dies kann ein sehr belastender Zustand sein und unter Umständen, insbesondere bei schlechtem Set (physische Umgebung) und Setting (psychischer Zustand) zu sogenannten Horrortrips führen, bei dem der Konsument überfordert ist und in Panik ausbricht. Solche Horrortrips können zu langfristigen Schäden wie Traumata und Depressionen führen oder latente Psychosen auslösen (auch wenn sie keine Psychosen direkt verursachen können).

Wenn allerdings ein gutes Set und Setting eingehalten wird und der Konsument den Rausch ernsthaft angeht, kann er aus ihm sehr viel über sich selbst lernen, insbesondere über seine Probleme und wie er sie lösen kann. Auch vermögen Psychedelika den Konsumenten zu rekonditionieren, also tiefsitzende Verhaltensmuster und Gewohnheiten zu verändern. Dies macht man sich in der psycholitischen Psychotherapie zunutze. Dabei wird dem Patienten MDMA[i], Psilocybin oder LSD verabreicht. Während des Rauschzustands nutzt ein dafür ausgebildeter Therapeut dann den Zugang zum Unterbewusstsein, um gezielt Fragen zu stellen und so die Ursache psychischer Probleme zu finden. Diese Therapieform hat sich als höchst effektiv bei der Behandlung von PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung), Depressionen und Drogenabhängigkeit erwiesen. Psychedelikakonsumenten haben sogar statistisch gesehen im Vergleich zum Rest der Bevölkerung ein niedrigeres Depressionsrisko[ii].

Psychedelika können allgemein als zweischneidiges Schwert betrachtet werden. Sie können bei der psychonautischen Anwendung viel Heil bringen, aber auch viel Schaden anrichten, weshalb der Konsum immer gut vorbereitet werden muss. Der Konsument sollte sich gut über das jeweilige Wirkungsspektrum der Substanz informieren und dafür sorgen, dass er während des Rausches sich auf sich selbst konzentrieren kann und nicht gestört wird. Auch setzt die sinnvolle Verwendung von Psychedlika eine gewisse geistige Reife und Stabilität voraus. Sind diese Bedingungen gegeben, so spricht eigentlich rational nichts gegen einen Psychedelikakonsum, da der Nutzen der Selbsterforschung höher ist, als die Risiken, von dem, was man in seinem Unterbewusstsein vorfinden könnte, langfristig geschädigt zu werden.

Auch wenn die körperliche Belastung der meisten Psychedelika sehr gering ist, so ist es bei LSD unmöglich eine tödliche Überdosis zu konsumieren, ist die psychische Belastung enorm.[iii] Der Konsument braucht nach einem psychedelischen Rausch in der Regel eine längere Zeit, um die daraus gewonnen Erkenntnisse zu verarbeiten. Aus empirischen Erfahrungen vieler Konsumenten, ist es nicht sinnvoll und sicher Psychedlika öfters als vier Mal im Jahr zu nehmen. Die meisten Psychedelika sind nicht suchterzeugend oder abhängigmachend und ihr Konsum reguliert sich selber, da die meisten Konsumenten den Konsum von Psychedlika nach einiger Zeit von selbst einstellen, weil sie keine neuen Erkenntnisse mehr daraus gewinnen können.

Einige Substanzen, wie MDMA oder gerauchtes Cannabis, weisen allerdings sowohl psychedelische, als auch euphorisierende und damit hedonistische Merkmale auf und können auch zur Sucht führen. Ihr Konsum sollte vorsichtig betrieben werden, da er schnell von einem psychonautischen zu einem hedonistischen Konsum werden kann und damit an Mehrwert verliert.

Neben den Psychedelika gibt es noch zwei weitere Substanzklassen, die sich für eine psychonautische Verwendung eignen. Dies wären einmal die Dissoziativa, von denen die wichtigsten Vertreter Ketamin, Salvinorin A und PCP sind. Von ihnen ist nur Salvinorin A eine reine psychonautische Droge, während die beiden anderen auch euphorisierend, suchterzeugend und schmerzstillend wirken und daher von den meisten Konsumenten ihm Rahmen des hedonistischen Prinzips benutzt werden. Auch sind Ketamin und PCP neurotoxisch und giftig, während bei Salvinorin A keine giftigen Effekte bekannt sind, weshalb Salvinorin A das einzige Dissoziativum ist, dessen Konsum mehr Nutzen bringen als Schaden anrichten kann, allerdings gelten hier die gleichen Sicherheitsbedingungen von Set und Setting wie bei den Psychedelika.

Die dritte, große und gefährlichste Substanzklasse der Drogen, die sich für einen psychonautischen Konsum eignen, ist die der oneirogenen (=traumerzeugenden) Drogen. Träume sind Produkte unseres Unterbewusstseins und können uns daher sehr viel über uns erzählen. Es gibt verschiedene Drogen, die Träume auch im Wachzustand erzeugen oder im Schlaf intensivieren können und so einen intensiveren Blick ins Unterbewusstsein eröffnen.

Die stärkste Substanz dieser Art ist das Ibogain, welches einen bis zu zwei Tage andauernden Wachtraumzustand hervorrufen kann und, durch bisher nicht ganz geklärte Mechanismen, sämtliche Entzugserscheinung und das Verlangen nach Drogen bei Abhängigen schlagartig und dauerhaft beseitigt. Diese Substanz wurde lange Zeit in den USA in Entzugsklinken verwendet, wird allerdings heutzutage immer seltener eingesetzt, da sie, insbesondere in Kombination mit anderen Drogen, tödliche Nebenwirkungen haben kann und schwer zu dosieren ist. Ihre Verwendung ohne ärztliche Aufsicht ist kritisch zu betrachten, da die Sicherheit eher gering ist.[iv]

Des Weiteren können einige Opioide und Opiate, insbesondere Opium und Kratom, in höheren Dosierungen zu psychedelischen Halbwachzuständen oder zu intensiven Träumen führen, allerdings wird dies auch von Euphorie und einem hohen Abhängigkeitsrisiko begleitet, weshalb die psychonautische Anwendung dieser Mittel, wenn überhaupt, höchstens alle paar Monate und nur von Konsumenten betrieben werden sollte, die eine starke Willenskraft besitzen.

Fast alle Pflanzlichen Drogen aus dem psychonautischen Spektrum wurden und werden von verschiedenen Völkern auch als Sakramente verwendet, um durch ihre halluzinogene und spirituell reinigende Wirkung vermeintlichen Kontakt mit übernatürlichen Wesen herzustellen. Beispiele dafür sind Mutterkorn im antiken Rom, Peyote in Nordamerika und Ayahuasca in Südamerika. Dieser Konsum ist aus moderner, rationaler und wissenschaftlicher Sicht, eher kritisch zu betrachten, allerdings hängt dies auch davon ab, wie hoch man Kultur und Tradition beurteilt.

 

Als sichere und gesündere Alternative zum psychonautischen Drogenkonsum können philosophische Studien und Meditation, bei der sogar fast identische halluzinogene Zustände erreicht werden können, angeführt werden. Ihre erfolgreiche Anwendung bedarf allerdings Jahrzehnte an täglicher Praxis und hoher Konzentration auf das Ziel.

 

Hier geht es weiter mit Teil 5 von 6

 

[i] The safety and efficacy of ±3,4-methylenedioxymethamphetamine-assisted psychotherapy in subjects with chronic, treatment-resistant posttraumatic stress disorder: the first randomized controlled pilot study

  von Michael C Mithoefer, Mark T Wagner, Ann T Mithoefer, Lisa Jerome und  Rick Doblin

http://jop.sagepub.com/content/25/4/439

 

[ii] Universität Alabama, Journal of Psychopharmacology doi:10.1177/0269881114565653; Jan. 2015

  1. S. Hendricks, C. B. Thorne, C. B. Clark, D. W. Coombs, M. W. Johnson: Classic psychedelic use is associated with reduced psychological distress and suicidality in the United States adult population. In: Journal of Psychopharmacology. 29, 2015, S. 280, doi:10.1177/0269881114565653.

 

[iii] Lysergic acid diethylamide (LSD) for alcoholism: meta-analysis of randomized controlled trials, von Teri Krebs und Pål-Ørjan Johansen, veröffentlicht 2012

 

Safety and Efficacy of Lysergic Acid Diethylamide-Assisted Psychotherapy for Anxiety Associated With

Life-threatening Diseases, von Peter Gasser, MD,* Dominique Holstein, PhD,ÞYvonne Michel, PhD,þ Rick Doblin, PhD,§ Berra Yazar-Klosinski, PhD,§ Torsten Passie, MD, MA,|| und Rudolf Brenneisen, PhD, veröffentlicht 2014

 

[iv] Screening and safety in ibogaine treated patients, Dora Weiner Foundation, Staten Island, NY

K.R. Alper, H.S. Lotsof, G.M. Frenken, D.J. Luciano, J. Bastiaans 1999 234–42.

  Giannini, A. James: Drugs of Abuse, 2nd, Practice Management Information Corporation, 1997, ISBN 1-57066-053-0.H.S. Lotsof (1995). Ibogaine in the Treatment of Chemical Dependence Disorders: Clinical Perspectives

 




Die Ethik des rationalen Drogenkonsums (3) Das Zielorientierte Prinzip

Das Zielorientierte Prinzip

Das Zielorientierte-Pragmatische Prinzip ist das zweithäufigste Konsummuster in der westlichen Gesellschaft. Hierbei werden Drogen nicht zum Spaß oder um geistig zu wachsen benutzt, sondern als Werkzeuge, um bestimmte objektive, langfristige Ziele zu erreichen. Klassische zielorientierte Drogen sind Schmerzmittel und Stimulanzien, die genommen werden, um leistungsfähig zu bleiben und ein relevantes Ziel zu erreichen.

Diese Anwendung ist in den meisten Fällen als akzeptabel anzusehen, da sie nicht zu Konformität und Unmündigkeit verleitet und die Nutzen in der Regel die Risiken überwiegen.

Als weitverbreitetes Beispiel kann man hier den Konsum des Stimulans Koffein anführen, welches übrigens die am häufigsten konsumierte psychoaktive Substanz der Welt ist. Koffein erhöht die Leistungsfähigkeit, Konzentration und Ausdauer, sodass der Konsument in der Lage ist, mehr Arbeit in kürzerer Zeit und effektiver zu verrichten. Auf der körperlichen Seite, belastet es den Kreislauf und die Nebennieren, aber verursacht keine gravierenden körperlichen Schäden. Das größte Risiko bei Koffein ist, dass es körperlich abhängig macht, weshalb man es nicht jeden Tag konsumieren sollte, sondern nur, wenn es absolut nötig ist, da der Konsument sonst irgendwann nicht mehr in der Lage ist, ohne die Substanz zu funktionieren, was ihn unfrei macht und von vielen unangenehmen und hinderlichen Nebenwirkungen begleitet wird. Neben den Entzugserscheinungen sind die Begleiterscheinungen bei Koffeinabhängigkeit Reizbarkeit, Nervosität, Herzklopfen, Schlafstörungen und schneller Herzschlag. Psychisch ist Koffein bei moderaten Konsum ebenfalls relativ sicher. Erst bei regelmäßigen Konsum erhöht es, wie alle Stimulanzien, das Psychoserisiko. Die Nutzen-Risiken-Bilanz ist also bei unregelmäßigen Konsum höher, als bei absoluter Abstinenz und als beim regelmäßigen Konsum.

Weitere zielorientierte Drogen können andere Stimulanzien wie Methylphenidat, Amphetamin und Kokain sein, oder auch sogenannte Nootropika, Substanzen wie Modafilin, Phenibut und Kratom, die die Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit der Psyche erhöhen. Wie immer, sollte man den Konsum möglichst geringhalten und nur betreiben, wenn es situationsbedingt absolut nötig ist z.B.: wenn man eine Arbeit innerhalb kürzester Zeit verfassen muss, oder, wenn man ein Soldat im Krieg ist, der für einen strategischen Vorteil drei Tage ohne Schlaf durchstehen muss, während er sich durch ein feindliches Gebiet kämpft. (Dies wurde zum Beispiel von der Wehrmacht beim Blitzkrieg und den U.S. Streitkräften im Vietnamkrieg praktiziert, indem man den Soldaten Methamphetamin gab, was sie aggressiver und leistungsfähiger machte). Allerdings sollte es bei dem situationsbedingten, unregelmäßigen Konsum bleiben und nicht zu einem täglichen oder hedonistischen Konsum ausufern, da dies zur Sucht und damit zu mehr Schaden, als Nutzen führen kann und damit selbstzerstörerisch und irrational ist.

Ein weiteres Anwendungsgebiet des Zielorientierten Prinzips ist die Medizin, in der z.B.: Narkotika verwendet werden, um Operationen sicherer und schmerzlos durchführen zu können. Dies ist in der Regel rational und ethisch absolut in Ordnung, da das Wohlergehen des Patienten damit sichergestellt wird. Allerdings muss natürlich auch hier je nach Situation abgewogen werden, ob es sinnvoll ist bestimmte Substanzen zu verwenden oder nicht.

Ein umstrittenes Gebiet ist hier besonders die Psychiatrie, in der häufig mit Drogen/Medikamenten lediglich die Symptome einer Störung unterdrückt werden, allerdings oft auf Kosten des langfristigen Wohlergehens des Patienten und ohne auf die eigentlichen psychologischen Ursachen der Probleme einzugehen.

Einen Schizophrenen mit Neuroleptika ruhigzustellen, ist für die Ärzte und sein Umfeld einfacher, schneller und billiger, als ihn mit einer langwierigen und anstrengenden psychoanalytischen Behandlung zu kurieren. Allerdings führt die Behandlung von Neuroleptika auf Dauer zu einer Degeneration des Gehirns und nicht selten zu einer Verschlimmerung der Symptome beim Absetzen der Mittel. Ähnliches lässt sich über die Behandlung von unruhigen Kindern mit ADHS durch Methylphenidat sagen. Hier werden die Erwartungshaltungen der Gesellschaft durch chemische Methoden auf ein Kind forciert, welches sich der Konsequenz noch gar nicht bewusst sein kann. Dies führt häufig dazu, dass diese Kinder unfreiwillig abhängig werden von Medikamenten und starke Nebenwirkungen entwickeln, an denen sie mehr leiden, als an dem nüchternen Anderssein.

In Fällen von echten psychischen Beeinträchtigungen, wie wirklich stark ausgeprägtem ADHS, ist es natürlich sinnvoll und sogar wegweisend, entsprechende Medikamte zu nehmen.

Auch ist die tendenziell immer häufigere und leichtsinnige Verschreibung von Antidepressiva anzuführen und kritisch zu betrachten, bei denen eine der häufigsten Nebenwirkungen Suizid ist.

Psychopharmaka sollten in der Psychiatrie nur dann eingesetzt werden, wenn es unausweichlich ist.

Hier muss man daher die tendenzielle Herangehensweise der modernen Psychiatrie verurteilen sofort und immer häufiger, ohne Alternativen abzuwägen, Medikamente zu verschreiben. Dies macht den Patienten häufig, statt ihn wirklich zu kurieren, zu einem Abhängigen, bei dem lediglich die Symptome unterdrückt werden, so dass er für die Gesellschaft noch vom Nutzen ist, aber er nicht mit sich selbst ins Reine kommen kann.

Ähnliches muss man aber auch denjenigen Individuen vorwerfen, die sich selbst mit Drogen behandeln. Wer zum Beispiel an einer Sozialphobie leidet und, statt diese zu konfrontieren und für alle Zeit zu überwinden, sich mit Beruhigungsmitteln selbsttherapiert, der verschlimmert diese Phobie auf Dauer nur und stürzt sich selbst in eine Abhängigkeit. Ergo er handelt langfristig gesehen selbstzerstörerisch und damit irrational.

Generell ist der Einsatz von Drogen im Zielorientierten Prinzip oft der Weg des geringsten Widerstandes, um ein Problem zu lösen, aber auch häufig der, der langfristig gesehen eher schadet als nützt. Zielorientierter Konsum ist nur akzeptabel und rational, wenn er die beste mögliche Option darstellt.

Hier geht es weiter mit Teil 4

 




Die Ethik des rationalen Drogenkonsums (2) Das Hedonistische Prinzip

Das Hedonistische Prinzip

Das am weitesten verbreitete Prinzip des Drogenkonsums in der modernen westlichen Gesellschaft ist das Hedonistisch-Soziale. Das Motiv des Drogenkonsums ist hier das Erreichen von Freude, und das Vergessen von Sorgen und, aber nicht zwangsläufig, die Sozialisierung mit anderen Individuen. Dies wird auch häufig betrieben, um Gruppenzwang zu entsprechen oder um Schwächen zu kompensieren oder um sich in Feierstimmung zu versetzen, was aber alles letztendlich auch auf das Ziel Freude heruntergebrochen werden kann.

Das Individuum strebt also primär schnelles Glück und Freude an, und konsumiert entsprechend primär euphorisierende Drogen.

(An dieser Stelle muss angemerkt werden, dass, entgegen eines weitverbreiteten Irrglaubens, nicht alle Drogen euphorisierend und betäubend wirken. Vor allem im Psychonautischen Spektrum findet man viele Drogen, wie z.B.: Salvinorin A[i], die dysphorisch und psychedelisch wirken.)

Die am häufigsten konsumierte und markanteste der hedonistisch genutzten Droge ist in den Industrienationen kulturell bedingt Ethanol/Trinkalkohol in Form von Wein, Bier und Spirituosen, weshalb dessen Betrachtung am geeignetsten ist, um das hedonistische Prinzip zu veranschaulichen.

Ethanol betäubt die Sinne, versetzt den Konsumenten in ein angeheitertes Delirium, bei dem er mit steigender Berauschung die Kontrolle über seine Handlung verliert. In diesem Zustand ist er nicht in der Lage klar zu denken und neigt zu emotionalen Ausbrüchen, was sich unter anderem daran widerspiegelt, dass 40% aller Gewalttaten in Deutschland von alkoholisierten Tätern begangenen werden.[ii] Dieser Zustand hat, abgesehen von Euphorie und der verstärkten Sozialisierung mit anderen Berauschten, die aber auch nüchtern erreicht werden können, keinen erkennbaren Mehrwert. Des Weiteren schadet Alkohol der persönlichen Entwicklung und kann einen Menschen unmündig machen, da es ihn vergessen lässt, was ihn an sich selbst und seinem Leben missfällt, statt ihn damit zu konfrontieren oder die Kraft zu geben sein Leben zu verändern. Wie alle euphorisierenden und betäubenden Drogen, verleitet Ethanol zur Konformität und Akzeptanz von Missständen. Wer das Glück einfach aus der Flasche kriegen kann, ist prinzipiell weniger daran interessiert Glück und Erfolg durch harte Arbeit zu erringen. Sich selbst mithilfe einer Substanz glücklich zu machen, ist Selbstbetrug, da man eigentlich nichts getan hat, worüber man glücklich sein könnte. Des Weiteren senkt ein einziger Vollrausch die Leistungsfähigkeit für mehrere Wochen und erhöht die Wahrscheinlichkeit an Depressionen zu erkranken signifikant.

Auf der körperlichen Seite verursacht dieses Mittel als Zellgift bereits in nicht berauschenden Dosierungen Schäden im gesamten Körper des Konsumenten, was sich daran wiederspeigelt, dass allein in Deutschland jedes Jahr 74.000 Menschen an den Folgen von Ethanolkonsum sterben. Hinzu kommt, dass Ethanol als GABA-errege Droge körperlich abhängig machen kann und ein hohes Sucht- und Abhängigkeitspotenzial besitzt. Dieses hohe Abhängigkeitspotential wird durch die hohe kulturelle Akzeptanz und Integration der Substanz in den westlichen Industrienationen abgemindert, trotzdem gibt es allein in Deutschland 9,5 Millionen Menschen, die einen problematischen Ethanolkonsum aufweisen, von denen ungefähr 1,3 Millionen abhängig sind.[iii] Der Entzug bei Alkoholabhängigkeit kann mitunter tödlich verlaufen.

Wenn man nun den Nutzen und die Risiken des Ethanolkonsums miteinander abwägt, so stellt man fest, dass die Risiken und Schäden an Körper und Geist sehr hoch sind, der Konsum aber keinen langfristigen Nutzen oder Mehrwert für die persönliche Entwicklung hat, sondern lediglich einige Stunden sinnloser Euphorie und Verwirrung bescheren kann. Ähnlich verhält es sich mit anderen, rein hedonistischen Drogen, wie Tabak und Heroin und auch mit der hedonistischen Verwendung von tendenziell zielorientierten Drogen wie Kokain oder psychonautischen wie Cannabis. Immer besteht ein hohes Risiko von Sucht, körperlicher Degeneration und moralischer und willentlicher Korrumpierung.

Manch einer mag hierauf gegenargumentieren, dass gelegentlicher und mäßiger hedonistischer Konsum zur Erholung vom Alltagsstress für die psychische Gesundheit und das allgemeine Wohlbefinden förderlich sei. Hierbei handelt es sich jedoch um einen Trugschluss. Die von Opioiden, Ethanol oder anderen Drogen verursachte Euphorie fühlt sich zwar subjektiv erholend an, stellt aber immer eine zusätzliche objektive Belastung für das Nervensystem dar und untergräbt auf Dauer damit die Stressresistenz des Individuums. Für das allgemeine Wohlbefinden ist absolute Abstinenz von Drogen in der Regel am förderlichsten.

Ein weiteres, starkes Argument, welches hedonistischen Konsum befürwortet, ist, dass dieser häufig enthemmend wirkt und so bestimmte soziale Interaktionen überhaupt erst ermöglicht. Auch ist er ein Teil der westlichen Kultur und des Soziallebens, den man, wenn man daran teilhaben will, nur schwer übergehen kann. Aus rationaler Sicht aber, wäre es für ein Individuum und die Gesellschaft psychisch und gesundheitlich besser, wenn auf euphorisierende Drogen verzichtet werden würde und die Menschen lernen würden, sich selbst ohne chemische Hilfe zu überwinden und daran zu wachsen. Und, jeder kann willentlich entscheiden, ob er nüchtern oder nicht nüchtern am Sozialleben teilnimmt. Beides ist möglich, weshalb es rational gesehen nicht zwingend notwendig ist Ethanol und andere Drogen zu konsumieren.

Die reinrationale Schlussfolgerung hieraus ist also, dass man diese Drogen beziehungsweise das gesamte hedonistische Prinzip, meiden sollte und Drogen niemals aufgrund von Gruppenzwang oder zum Spaß nehmen sollte, da dies Missbrauch von Drogen ist, der mehr schadet, als nützt.

Hier geht es weiter mit Teil 3

 

[i] Bronwyn Kivell, Zeljko Uzelac, Santhanalakshmi Sundaramurthy, Jeyaganesh Rajamanickam, Amy Ewald, Vladimir Chefer, Vanaja Jaligam, Elizabeth Bolan, Bridget Simonson, Balasubramaniam Annamalai, Padmanabhan Mannangatti, Thomas E. Prisinzano, Ivone Gomes, Lakshmi A. Devi, Lankupalle D. Jayanthi, Harald H. Sitte, Sammanda Ramamoorthy, Toni S. Shippenberg, :

Salvinorin A regulates dopamine transporter function via a kappa opioid receptor and ERK1/2-dependent mechanism,

Neuropharmacology, Volume 86, November 2014, Pages 228-240,

ISSN 0028-3908,

http://dx.doi.org/10.1016/j.neuropharm.2014.07.016.

 

[ii] Laut der Webseite der Drogenbeauftragten der Bundesregierung und den Polizeilichen Kriminalstatistiken 2012, veröffentlicht vom Bundesministerium des Inneren (BMI); Stand: Oktober 2016

 

[iii] Quelle: Statistiken der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), veröffentlicht im Rahmen des Weltdrogentages 2010