Warum ich Jordan Peterson gegenüber skeptisch geworden bin

Vor beinahe einem Jahr stellte ich in einem Artikel Dr. Jordan Peterson  und seine Ideen vor. Bereits damals betitelte die englischsprachige Presse ihn als den wichtigsten Intellektuellen unserer Zeit. In den vergangenen Dezemberwochen zogen nun auch deutsche Leitmedien (Spiegel, Zeit, WELT usw.) nach und berichteten erstmals ausführlich über den kanadischen Psychologieprofessor und Philosophiepopstar.

Wie auch schon zu Beginn dieses Jahres sind die Kontroversen und die Polarisierung um Peterson groß. Für die einen ist er ein gefährlicher Neurechter, für andere der Frontmann der Culture Wars, der den Westen rettet, für andere einfach nur ein stinknormaler Intellektueller oder gar ein Scharlatan. Abgesehen davon, dass J.B.P nun noch berühmter ist, die Kontroversen noch heftiger und er mit seinem neuen Bart aussieht, als würde er jeden Morgen mit brennenden Büsche Zwiesprache halten, ist im Kern also alles relativ beim Alten geblieben.

Zumindest für Jordan Peterson. Ich selbst habe mich seitdem viel verändert, habe das Abitur gemacht, ein Studium aufgenommen und mein Leben neu ausgerichtet (#sortyourselfout). Auch meine Sicht auf ihn hat sich in der Zwischenzeit mehrmals gewandelt. Ich bin skeptisch geworden. Eine Zeit lang hatte ich mich sogar komplett von Peterson abgewandt, bis mir mein Vater zum Abitur VIP-Tickets für das Pangburn-Philosophy-Event „War of Ideas“ in Dublin schenkte, bei dem Sam Harris, Douglas Murray und Jordan Peterson auf der Bühne debattierten. Eigentlich wollte ich dort vor allem wegen Sam Harris hin, aber während des Events und als ich danach mit Murray und Peterson einige Worte wechseln konnte, flammte meine alte Begeisterung für Peterson wieder auf.

Ich ließ mir meine Ausgabe von 12 Rules signieren und las sie nochmal (unbedingt bei 12 Rules einen großen Bogen um die deutsche Übersetzung machen. Die ist leider nicht sehr gut und verzerrt die Aussagen) und dazu noch Maps of Meaning. Seitdem beschäftige ich mich wieder öfters mit Peterson, auch weil er zunehmend in Deutschland ankommt und unter den Studenten in Jena diskutiert wird.

Ich bin überzeugt, dass Jordan Petersons Wirken insgesamt bisher überwiegend positiv ist. Er hat vielen Menschen geholfen und sein Auftreten hat die Philosophie ein Stück zurück in den Mainstream gebracht und viele Leute dazu angeregt sich mehr mit den wichtigen Fragen des Lebens zu beschäftigen. Das daraus entstandene Intellectual Dark Web  trägt dazu bei, dass Philosophen und Intellektuelle wieder in der Öffentlichkeit so bedeutend und einflussreich werden wie zuletzt zu Zeiten von Sartre und Camus. Eine Entwicklung, die nur zu begrüßen ist, vor allem in einem Jahrhundert, in welchem durch das Internet Verschwörungstheorien wie noch nie grassieren und die meisten Menschen im Westen vom Konsum und linker Propaganda betäubt in Filterblasen dahinvegetieren, statt die schöne neue Digitalität dazu zu nutzen sich weiterzubilden und aufzuklären.

Dennoch bin ich weiterhin sehr skeptisch, was Jordan Peterson angeht – und werde es von Tag zu Tag immer mehr. Und das liegt nicht nur daran, dass seine Rohrschachrhetorik bzw. seine Argumentationsweise, bei genauerer Betrachtung sich oft als logisch ungefähr so dicht wie der Bug der Titanic erweist. Oder daran, dass ich nun durch das Studium vemehrt mit den Werken von weniger berühmten aber mindestens genauso scharfsinnigen Denkern in Berüherung komme. Es gibt mehrere negative Entwicklungen und Eigenschaften, die auch den Kern der Kontroversen rund um Peterson ausmachen und mich von Anfang an störten. Jordan Peterson ist zweifelsohne eine hochintelligenter und charismatischer Mensch, allerdings ist er in meinen Augen wahrscheinlich nicht der wichtigste, sondern der überbewerteste Intellektuelle unserer Zeit – und wenn die Probleme, die ich in seinem Wirken sehe, sich weiterentwickeln, möglicherweise bald der gefährlichste Denker unserer Zeit.

Die Hauptprobleme

1. Seine Anhängerschaft

Das ist ein Problem für welches man Peterson nicht direkt verantwortlich machen kann, aber sehr wohl dafür, dass er dagegen nichts unternimmt. Jordan Peterson hat viele junge Menschen dazu inspiriert sich mit Philosophie zu beschäftigen und eine Orientierung im Leben zu finden. In einer Zeit, die von Nihilismus und der Dekonstruktion vieler Werte und etablierter Strukturen geprägt ist, ist diese Führung durch das Chaos des Lebens etwas, was vor allem die heutige Jugend nicht nur aktiv sucht, sondern auch braucht. Dr. Peterson hat diese Lücke gefüllt und ist dadurch innerhalb der letzten Jahren zu der Vaterfigur einer ganzen Generation avanciert. Dies bringt allerdings die Schattenseite mit sich, dass er von vielen wie ein Guru oder Kultführer verehrt wird. Vor allem jene für die Jordan Peterson der bisher einzige Zugang zur Philosophie und Psychologie war – also der Großteil seiner jungen, männlichen Zielgruppe – reagieren mitunter empfindlich aggressiv auf Kritik an Peterson. Kritiker des Kanadiers werden im Internet schnell mit Shitstorms und Hasskommentaren überzogen. Darüber hinaus bieten viele seiner Aussagen Futter für Memes der Neuen Rechten. Seine Anhänger tun also oft genau das, wovor Peterson eigentlich in seinen Vorträgen zum Radikalismus, Faschismus und Kollektivismus warnt. Das Problem hat Peterson nach wie vor nicht direkt angesprochen. Würde er allerdings differenzierter und selbstkritischer vorgehen, würde der Personenkult um ihn herum wahrscheinlich auch nicht so extreme Formen annehmen – was zu seinem eigenen Nachteil wäre, schließlich profitiert er immens davon. Aber dieser Mangel an Differenziertheit und Reflexion, der zu der Entstehung des kultartigen Verhaltens seiner Fans beiträgt, findet sich nicht nur im Umgang mit sich selbst, sondern auch mit seiner Opposition.

2. Feindbilder, Paranoia und falscher Postmodernismus

Jordan Peterson beschwört in seinen Reden und Texten immer wieder das Feindbild einer neomarxistischen Weltverschwörung herauf und hetzt gegen die „Postmodernisten“.  Am besten kann man das in seinem Video „Dangerous People Are Teaching Your Children“ für Prager U sehen. Zwar sind viele seiner Kritikpunkte berechtigt, aber er begeht dabei viele Fehler und seine Aussagen grenzen fast schon an Verschwörungstheorien mit denen er die Gesellschaft polarisiert und Argumente für die Neuen Rechte liefert. Wen man seine Vorträge genau ansieht, merkt man, dass seine sonst eher ruhige Art durch ein aggressives, wütendes Auftreten verdrängt wird, wenn er über das Thema spricht. Ich befürchte daher, dass er sich was seine Ansichten zum Postmodernismus angeht, von den aktuellen neurechten und reaktionären Strömungen und Ideologien mitziehen lässt. Bezeichnend ist dafür vor allem, dass er als Quelle für seine Ansichten immer wieder das Buch Explaining Postmodernism: Skepticism and Socialism from Rousseau to Foucault zitiert. Dieses Buch reduziert Postmodernismus von einer philosophischen Strömung auf eine manipulative Argumentationsstrategie der radikalen Neuen Linken. Ich weiß nicht, ob Peterson auch noch andere Bücher über Postmodernismus gelesen hat, aber ich bezweifle es, denn ansonsten würde er etwas differenzierter mit dem Thema umgehen und nicht dauernd die kollektivistische Identitätspolitik und Kulturmarxismus mit Postmodernismus gleichsetzen. Und vielleicht bemerken, dass viele seiner eigenen  Argumentationsweisen und seine relativistischen Definitionen, vor allem, was Wahrheit und Realität angeht, von sehr postmodernen Standpunkten ausgehen. Wenn er zum Beispiel seine religiösen Ansichten mit der Aussage „scientific truth is different from religious truth“ verteidigt, dann greift er ein Argument des neomarxistischen und postmodernen Philosophen Jean-François Loyotard auf. (nachzulesen in The Postmodern Condition). 

Diese unkritische Verurteilung von ganzen philosophischen Schulen, Schaffung von Feindbildern und das Verbreiten seiner Verschwörungstheorien einer neomarxistischen Weltverschwörung, polarisieren die Gesellschaft und vergiften den Diskurs – ganz abgesehen davon, dass sie zu großen Teilen falsch sind. Es stimmt zwar, dass diese nihilistische und antiwestliche Mentalität, die Peterson beschreibt, an Universitäten sehr weit verbreitet ist – nicht nur in den USA, wie ich von dort lebenden Verwandten und Freunden bestätigt bekommen habe, sondern wie ich selber auch hier in Deutschland erlebe – aber Peterson übertreibt, zeichnet eine schwarz-weiße Welt und schürt gezielt Angst mit seiner Wortwahl. Er gießt damit nur mehr Öl ins Feuer, statt es löschen. Er tut selber das, was er den „Postmodernisten“ vorwirft: An seiner eigenen dogmatisch Ideologie festhalten und andere Ideen ausblenden.

Aber dass Peterson von akademischer Philosophie nicht allzuviel versteht und Schwierigkeiten damit hat zu reflektieren, haben die meisten spätestens bei seinem Auftritt im Podcast Waking Up von Sam Harris hoffentlich bemerkt. Das führt uns gleich zum nächsten Punkt.

3. Überschreiten der Kompetenzen und Desinformation

Peterson beklagt immer wieder, dass er als politischer Intellektueller oder Philosoph aufgefasst wird, was er aber weder wäre noch sein wolle. Er betrachte sich selber lieber als Psychologen und Theologen.

Es stimmt zwar durchaus, dass Peterson als klinischer Psychologe kein Experte für Politik ist – dennoch verhält er sich wie einer und wird entsprechend so wahrgenommen. Und er tut auch nichts dagegen. Er wurde schließlich durch die Kontroversen um Bill C16 berühmt und seine Kritiken an der Neuen Linke und Justin Trudeau. Auch kommentiert er aktiv politisches Tagesgeschehen auf Twitter und postete Videos während der Kongresswahl 2018 in den USA, in denen er zu den Demokraten Stellung bezog. Politik war und ist für Jordan Petersons intellektuelle Tätigkeit und seinen Ruhm essentiell. Wenn er also sagt, er wäre kein politischer Intellektueller, handelt es sich dabei entweder um eine Form von kognitiver Dissonanz oder um eine bewusste Lüge.

Peterson mag vielleicht etwas anderes behaupten, aber er inszeniert sich abgesehen davon auch gern als Universalgenie. Das kann man bereits in seinem Grundwerk Maps of Meaning sehen. Darin vermischt er Ideen aus Anthropologie, Philosophie, Psychologie, Politik und Theologie zu einer Weltformel – die allerdings an vielen Stellen mangelhaft ist, da sie judeochristlichen Mythen eine archetypische Universalität zuspricht, für die sich zahlreiche Gegenbeweise finden lassen. Dafür reicht es sich Asien oder die indigene Kulturen Südamerikas anzusehen – was Peterson natürlich eher verschweigt.

Jordan Peterson ist mit Sicherheit ein sehr kompetenter Psychologe, was man an dem Erfolg seiner Selbsthilferatschläge sehen kann – aber in vielen anderen Dingen ist seine Kompetenz eher gewöhnlich. Deshalb ist es so gefährlich, wenn er seine Kompetenz verlässt und für ihn fachfremde Themen kommentiert.

Weil viele Menschen positive Erfahrungen aus seinen psychologischen Ratschlägen ziehen (die oft sehr universell gültig sind), glauben sie, dass seine Ansichten auch in anderen Gebieten richtig sein müssten. Vor allem die radikalen Anhänger, die ihn regelrecht verehren, übernehmen dann oft unkritisch seine Meinungen und wollen seine Ansichten zu allen Aspekten des Lebens wissen. Entsprechend wird Jordan Peterson auch zu anderen Themen befragt – und statt wie ein perfekter Intellektueller sich über Themen, zu denen er wenig Expertise besitzt, auszuschweigen, gibt er zu allem eine Antwort. Meist bedient er sich dabei einer Rhorschachrhetorik, die seine Aussagen so formlos und vieldeutig macht, dass jeder alles reinintepretieren kann. Oft macht er aber auch klare Aussagen, die dafür dann umso fataler sind.

Das beste Beispiel sind  seine Ernährungsvorschläge. Fairerweise muss man anfügen, dass er zumindest hierbei selbst sagt, er wäre kein Ernährungsexperte – was ihn aber nicht davon abhält seine anekdotischen Erfahrungen auszubreiten, die von keinen wissenschaftlichen Studien unterstützt werden. So ernähren sich Dr. Peterson  und seine Tochter angeblich ausschließlich von Fleisch und preisen diese Diät öffentlich an. Seine Tochter verdient mittlerweile Geld damit, dass sie Menschen berät, wie sie auf diese aus Steaks bestehende Diät umsteigen. Abgesehen davon, dass es ökologischer und ökonomischer Sicht ziemlich unverantwortlich ist, seine Ernährung zum Großteil auf Fleisch aufzubauen, so muss man kein Ernährungswissenschaftler sein, um zu sehen, dass das kompletter Nonsens ist, denn die wissenschaftliche Studienlage dazu ist recht klar, während Peterson nur Anekdoten vorbringt. Absolut keine Kohlenhydrate zu essen, wie die beiden vorschlagen, ist gefährlich. Wenn man absolut keine Kohlenhydrate mehr zu sich nimmt, verfällt der Körper in einen Stoffwechselzustand namens Ketose, bei dem er die Kohlenhydrate durch das Auseinanderbrechen von Proteinen und Fetten gewinnt. Als Langzeitnebenwirkung dieses Stoffwechsels entstehen giftige Abauprodukte wie Aceton, die den ganzen Körper schädigen und in der Regel innerhalb von wenigen Monaten zu tödlichen Konsequenzen führen. Bei manchen Erkrankungen kann eine kurzzeitige ketogene Diät, die der von Peterson ähnlich ist, zwar laut einigen Studien tatsächlich hilfreich sein, aber langfristig und ohne ärztliche Kontrolle ist sie keine Lösung, sondern schlicht wahnsinnig. (Also eine Diät, die ausschließlich aus Fleisch besteht. Eine normale ketogene bzw. low Carb Diät ist je nach Studienlage relativ sicher und sogar mitunter gesund.)

Wobei Jordan Peterson bei seinem Auftritt bei Joe Rogan behauptete, 25 Tage lang nicht geschlafen zu haben, nachdem er einmal Cider getrunken und damit gegen seine Diät verstoßen hatte – dabei liegt der Rekord für die längste Zeit ohne Schlaf bei 11 Tagen. Also, entweder Peterson überdramatisiert und lügt mit seiner Diät, um noch mehr Aufmerksamkeit zu bekommen, oder sie schadet ihm mittlerweile kognitiv.

Die Ernährungsratschläge sind sicherlich das extremste Beispiel, aber sie stehen exemplarisch für zahlreiche andere Themenfelder auf denen Jordan Peterson sich bewegt, ohne die Expertise dafür zu besitzen und daher auch oft veraltetet und wiederlegte Theorien verbreitet. Um nur einige zu nennen: seine Aussagen zu wirtschaftlichen Problemen, zu Gödels Unvollständigkeitssatz, zu Atheismus, zu Philosophie und zu sehr viel, was mit Politik zutun hat.

Ein aufrichtiger und ehrlicher Intellektueller würde zu Themen, mit denen er sich nicht auskennt, und vor allem bei so sensiblen Sache wie Ernährung und Politik, schweigen oder sich zumindest gründlicher informieren. Bei Peterson bekomme ich zunehmend aber das ungute Gefühl, dass die Fähigkeit zur Reflexion mit dem steigendem Ruhm sinkt und die Anzahl der radikalen und polarisierenden Ansichten steigt.


Weiterführende Artikel:

https://leveret-pale.de/dr-jordan-peterson

https://www.theatlantic.com/health/archive/2018/08/the-peterson-family-meat-cleanse/567613/

https://www.psychologytoday.com/us/blog/in-excess/201307/celebrity-worship-syndrome

https://www.zeit.de/2018/52/jordan-peterson-hummer-gesellschaft-hierarchie-natur-menschen

https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/einflussreicher-psychologe-jordan-b-peterson-genie-oder-scharlatan

https://www.psychologytoday.com/intl/blog/hot-thought/201803/jordan-petersons-murky-maps-meaning


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Tod oder Transhumanismus – Die Zukunft des Lebens

Warum wir Transhumanismus brauchen

Das fragile und einzigartige Wunder der Menschheit

Obwohl die Menschheit einigen statistischen Berechnungen folgend angesichts der gewaltigen Größe des Universums nur eine unter vielen Zivilisationen sein sollte [1], sind wir – soweit wir wissen – allein. Keine Radiowellen, keine Übertragungen, keine Dysonspähren, keine Anzeichen von Raumfahrt. Kurz: Nichts, was auf anderes intelligentes Leben im Kosmos hinweist, trotz über zehn Milliarden an bewohnbaren Planeten allein in unserer Milchstraße, und der Tatsache, dass die Erde mit ihren vier Milliarden Jahren ein recht junger Planet ist. [2] Diese Diskrepanz zwischen unseren Vermutungen, dass es mehr Zivilisationen geben müsste, und der Realität, dass wir die einzige Bekannte sind, beschreibt man als Fermi-Paradoxon. [3]

Viele Wissenschaftler, darunter Stephen Hawking, Carl Sagan und Nick Bostrom, gehen daher davon aus, dass die meisten Zivilisationen sich nie weit genug für die Raumfahrt und starke Radiosender entwickeln und in Epidemien, Naturkatastrophen, Nuklearkriegen oder Nanobots untergehen – wobei die beiden letzteren eigentlich höhere Technologie voraussetzen, wie Radiowellen, die wir noch immer nicht aufspüren konnten. (Die ersten Bilder, die potentielle Außerirdische von uns empfangen würden, wären übrigens die Übertragungen von Hitlers Reichstagen in Nürnberg, da dabei erstmalig Sender verwendet wurden, die stark genug sind. Der erste Eindruck ist ja aber bekanntlich nicht so wichtig …[4])

Einige der plausibelsten neueren Erklärungen für dieses Paradoxon ist allerdings, dass intelligentes Leben nicht nur viel seltener ist, als wir bisher annehmen, sondern generell höheres Leben kaum möglich ist. Wir hatten das Glück, dass Cyanobakterien die Atmosphäre der Erde vor 2,5 Milliarden Jahren stabilisierten, und so höheres Leben erst möglich machten. Möglicherweise gelang dieser Prozess bisher erst auf der Erde. Auf Venus und Mars z.B. sind die Atmosphären zu schnell gekippt, sodass die dort eventuell vorhandenen Mikroben es nicht mehr schafften und ausgelöscht worden. [5] Des Weiteren ist die Entstehung von intelligenten Wesen wie Menschen eventuell viel seltener oder bisher nur einmal aufgetreten, da Intelligenz im Anfangsstadium nur in einer sehr spezifischen Umgebung einen Selektionsvorteil bietet. Und wenn es auftritt, dann löscht es sich sehr schnell selbst aus. Vielleicht hatten wir als einzige Zivilisation das Glück, dass wir unsere Pest überlebten und einen kalten Krieg hatten.

Doch selbst wenn es irgendwo noch primitives Leben geben sollte, so werden unsere Hoffnungen es in unserer Nähe zu finden, regelmäßig zunichte macht. Ein Ziel dieser Hoffnungen war bis vor kurzem noch der nur 4,25 Lichtjahre entfernte Exoplanet Proxima b im System Proxima Centauri, der die Fantasie vieler Wissenschaftler und ScienceFiction Fans beflügelte.  Man plante ihn mithilfe moderner Teleskope der nächsten Generation auf Leben zu untersuchen, bis er vor kurzem von einer Sonneneruption geröstet und sterilisiert wurde. Falls es dort jemals Leben gab, ist es spätestens jetzt nicht mehr vorhanden. [6]

Daraus lässt sich schlussfolgern, dass Leben etwas extrem seltenes ist und noch seltener überlebt. Allen Anschein nach sind wir die bisher einzige Zivilisation, die es geschafft zu hat zu entstehen, nicht von Pandemien hingerafft zu werden, sich nicht mit Atomwaffen selbst auszulöschen und, wie das Beispiel von Proxima b zeigt, von einem zufälligen kosmischen Ereignis ausgelöscht zu werden.

Das Universum ist kein lebensfreundlicher Raum. Die Erde ist nichts als ein kleines Staubkörnchen in dieser weiten, tödlichen Leere. Eines Tages wird auch die Erde von einer Sonneneruption, einem Asteroiden oder anderen kosmischen Ereignissen getroffen werden, es könnte bereits in 10 Minuten so weit sein; spätestens in zwei, drei Milliarden Jahren wird die Sonne sich so weit ausdehnen, dass die Oberfläche schmilzt; allerdings wird der Klimawandel und die Verschiebung des Magnetpols den Planeten wahrscheinlich bereits in wenigen hundert bis tausend Jahren für höheres Leben unbewohnbar machen. Bereits am Ende des 21. Jahrhunderts werden Prognosen zufolge weite Teile heutiger Ballungsräume durch Hitzewellen, Überschwemmungen und Naturkatastrophen unbewohnbar. Amsterdam wird in den Fluten versinken und Mekka unter wortwörtlich tödlicher Hitze leiden.
Das bedeutet, dass das Leben auf der Erde sich in einer sehr prekären Lage befindet und früher oder später hier nicht mehr möglich sein wird. Unabhängig davon, was wir Menschen tun, ist die Erde langfristig ein verlorener Posten. Wenn die Menschheit nicht möglichst bald zu einer interstellaren Zivilisation wird, wird sie aussterben und damit langfristig auch das terrestrische Leben, und damit möglicherweise das einzige intelligente Leben, welches je existierte.

Die mögliche Zukunft des Lebens im Universum

Es gibt drei mögliche Szenarien für die langfristige Zukunft der Menschheit, und damit, wenn wir davon ausgehen, dass die Menschheit die einzige intelligente Zivilisation ist, für das gesamte Leben im Universum:

1. Tod. Leben wird ausgelöscht.

Die Menschheit stirbt aus;  sei es durch religiöse Spinner, größenwahnsinnige Präsidenten, Pandemien, Übervölkerung oder aber auch eine spontane Sonneneruption oder schlicht durch Zeit. Langfristig wird der Klimawandel und die Expansion der Sonne dazu führen, dass die Erde unbewohnbar wird, und damit wird möglicherweise das einzige intelligente Leben, welches jemals existierte, zu ende gehen. Dies wäre eine Tragödie und moralisch nicht zu akzeptieren.

2. Posthumanismus. Das Leben überlebt, allerdings werden biochemische Lebensformen auf Kohlenstoffbasis, einschließlich der Menschen, durch welche aus Metallen ersetzt.

Die Menschheit entwickelt künstliche Intelligenz und damit Bewusstsein und damit letztendlich Leben auf der Basis von Metall. Ob das überhaupt möglich ist, können wir aktuell nicht wissen; aber sollte es das sein, wird diese neue Form des Lebens die alte ersetzen (können). Maschinen bzw. Lebewesen aus Metall sind perfekt dafür geeignet, um das Universum zu kolonialisieren. Sie können Jahrtausende durch den Weltraum fliegen und sich mit nuklearer Energie am Leben erhalten, ohne dass Strahlung, Kälte, Sauerstoffmangel oder Trockenheit ihnen etwas ausmachen können. Des Weiteren lassen sich Materialien wie Eisen und Energieressourcen wie Wasserstoff auf fast jeden Planeten in ausreichenden Mengen für die Vermehrung und Weiterentwicklung finden. Des Weiteren könnten künstliche Intelligenzen durch Selbstoptimierung sich exponentiell schnell stetig weiterentwickeln und ein kollektives Bewusstsein entwickeln und damit kognitive Fähigkeiten, die im Vergleich zu denen der Menschen göttlich wären. Man stelle sich eine Entität vor, die innerhalb von Sekundenbruchteilen ganz Wikipedia und mehr abrufen und mit seinen Verstand ganze Städte oder Planeten steuern kann.

Allerdings stellt sich hierbei das Problem, ob künstliches Leben und künstliches Bewusstsein überhaupt möglich sind. Geht man von einem reduktionistischen Materialismus aus, so ist Bewusstsein lediglich ein Emergenzphänomen und daher auch mit anderen Materialien und Mechanismen als dem bekannten biochemischen System auf Kohlen-/Wasserstoffbasis erzeugbar. Allerdings sprechen gegen so einen Reduktionismus nicht nur die subjektiven Erfahrungen jedes Menschen, sondern auch liefert die Wissenschaft teilweise Indizien dafür, dass der Geist nicht rein materiell ist, wie zum Beispiel die Studien des amerikanischen Psychiaters Dr. Rick Strassman mit dem endogenen Hormon Dimethyltryptamin. Dies spielt anscheinend eine große Rolle bei Geburt und Tod. Die exogene Gabe des Hormons führt zu außerkörperlichen und mystischen Erfahrungen, die sich rein neurologisch nicht erklären lassen und darauf hindeuten, dass Bewusstsein eventuell etwas ist, das in das Gehirn „geladen wird“ und nicht nur auf der von uns beobachtbaren rein materiellen Ebene existiert. [7] So oder so, haben wir bisher praktisch kaum Verständnis davon, woher Leben und Bewusstsein ursprünglich kommen, weshalb es riskant wäre die Zukunft den Maschinen zu überlassen. Ganz abgesehen davon, dass dabei die Menschlichkeit und damit so schöne und wertvolle Sachen wie Liebe,Kunst, Mitgefühl und Gefühle im allgemeinen verschwinden könnten.  Letztendlich leben wir durch Arbeit und Produktivität, aber für die Liebe, den Sinn, die Geimeinschaft und die Schönheit.

3. Transhumanismus. Die Menschen werden selbst zu Göttern, wozu sie eins mit der Technologie werden müssen.

Wenn wir nicht aussterben oder von einer göttlichen K.I. ersetzt werden wollen, müssen wir uns selber weiterentwickeln. Dabei wäre eine Verschmelzung mit Technologie gar kein großer oder revolutionärer Schritt, sondern die Fortsetzung jenes Prozesses, der uns von den Tieren abgespalten und zu dem gemacht hat, was wir sind. Bereits jetzt sind wir mit unserer Technologie verbunden, und benutzen sie, um die menschlichen Schwächen zu überwinden und mehr zu leisten und besser zu leben, als unsere Vorfahren. Bereits jetzt gleichen wir mehr Göttern, als den ersten Menschen, die noch vor 70.000 Jahren als sprachlose Wesen  die Prärie durchstreiften. Brillen verbessern unsere Sehkraft. Bücher und Festplatten speichern das Wissen, das nicht mehr in unsere Köpfe passt. Prothesen erlauben es Gliedmaßen zu ersetzen. Der leistungssteigernde Kaffee wird vom Großteil der Bevölkerung täglich getrunken. Ritalin macht Schüler, Studenten und Professoren leistungsfähiger. Ultraschall, Impfungen,  Bluttests, Antibiotika und Röntgen erlauben es uns Krankheiten schneller festzustellen und zu heilen. Smartphones erweitern uns um den ständigen Zugang zu Informationen und speichern Ideen, die wir sonst vergessen würden. In den USA debattieren Juristen bereits, ob Smartphones nicht als Teil der Persönlichkeit ihrer Besitzer betrachtet werden sollten, da die Menschen immer größere Teile ihrer Kommunikation, ihres Denkens, ihrer Erinnerungen und Handlung über die Geräte ausführen und speichern. [8] Mithilfe von Gentechnik, Implantaten, SmartDrugs und Vernetzung können wir unsere Intelligenz, Gesundheit und Lebenserweiterung noch weiter steigern und mithilfe von Raumfahrttechnik das Universum kolonialisieren und unsere Technologien immer weiter entwickeln. Wir können den Planeten verlassen, überleben und besser leben. Wir können die Lebensqualität und das Glück der gesamten Population dauerhaft maximieren. Genetisch modifizierte Menschen, die mithilfe von Implantaten sich miteinander und mit dem Internet verbinden können, würden nicht nur länger leben, mehr wissen, sondern auch mehr verstehen und sich besser in andere einfühlen können. Psychische und physiologische Krankheiten könnten fast komplett aus der Welt geschafft werden. Stupide Arbeiten würden Roboter und Algorithmen übernehmen, während das Forschen und Kolonialisieren des Weltraums Jahrmillionen an Jahren und Generationen in Anspruch nehmen und beschäftigen würde. Viel unnötiges Leid und die Abhängigkeit von der Erde als Lebensort könnten für immer abgeschafft werden, genauso wie rückständiges Denken und Ideologien, wie Islam oder Nationalismus, und damit dauerhafter Weltfrieden etabliert werden. Natürlich werden dabei neue Probleme entstehen, vor allem ethische und gesellschaftliche, aber es liegt an uns, wie wir diese lösen.

Abgesehen von den offensichtlichen Verbesserungen der Lebensqualität und des Glücks, verpflichtet uns jedoch nicht nur der Utilitarismus zu einer transhumanistischen Wende.

Die moralische Verpflichtung zum Überleben

Ein Eisbär kann nicht den Weltraum kolonialisieren. Er schafft es nicht einmal sich an die verändernden Umweltbedingungen anzupassen, und wird daher bald zu den über 99% aller bereits ausgestorbenen terrestrischen Spezies gehören.
Die Menschen können allerdings sich extrem schnell und effizient durch Technologie ihrer Umwelt anpassen und sie verändern. Sie können mithilfe von Technologien unnötige Arbeiten an Maschinen abladen und das Lebensglück, die Gesundheit und die Erfüllung aller Individuen steigern. Und nicht nur das, sie können auch dafür sorgen, dass der Eisbär nicht ausstirbt, indem sie seine DNA konservieren.
Leben ist mehr als Individuen und ihr Lebensglück; Leben ist mehr als ein Emergenzphänomen der Materie. Leben ist das größte und komplexeste Wunder des Universums; ohne Leben wäre das Universum ein toter und bedeutungsloser Raum, dessen Wunder nicht beobachtet werden können. Die Menschen sind die einzigen, die das Leben dauerhaft erhalten können, vor allem, wenn man davon ausgeht, dass die Erde, der einzige Planet mit intelligentem Leben ist. Das bedeutet, dass das Schicksal bzw. die Zukunft des Lebens im Universum in den Händen der Menschheit liegt. Damit tragen wir Menschen kollektiv und individuell eine moralische Verpflichtung das Leben weiterzutragen und zu erhalten. Wenn wir keine interstellare Spezies werden und das Leben über die Grenzen der Erde hinaustragen, wird es untergehen.
Des Weiteren könnte Leben langfristig die Hoffnung auf Ewigkeit sein. Soweit wir wissen, wird das Universum eines Tages zwangsläufig durch Entropie an einem Wärmetod sterben und sich dabei in einen leeren, kalten, reaktionslosen Raum verwandeln. Entropie steigt in einem geschlossenen System irreversibel an. Leben könnte die einzige Hoffnung sein, diesen Prozess aufzuhalten oder zu verändern und damit die Welt unsterblich zu machen. Wenn sich die Technologie immer weiter entwickelt, könnte es sein, dass sie eines Tages die Manipulation von Zeit und Raum ermöglicht, und damit die Erschaffung von neuen Universen oder Systemen, die die Entropie unseres aufnehmen, oder die Möglichkeit sich in der Zeit hin und her zu bewegen oder die Menschheit in ein neues Universum zu befördern oder mithilfe uns noch unbekannter Kräfte Energie aus dem Nichts zu erzeugen und so die Entropie zu umgehen. Das mag jetzt lächerlich und unmöglich klingen und es widerspricht dem, was wir zurzeit über Thermodynamik und allgemein das Wesen unseres Universums wissen, aber hätte man vor zweihundert Jahren einem damaligen Wissenschaftler versucht Atomkraftwerke, das Internet, Antibiotika und Raumfahrt zu erklären, er würde es weder glauben noch verstehen können.
Wenn die Menschheit versagt und ausstirbt, dann wird das zuerst zum Untergang jedes Bewusstseins und langfristig zur Annihilation jeden Seins führen. Daher haben wir die moralische Obligation uns weiterzuentwickeln und zu überleben. Da wir niemals bestimmen können, ob künstliche Intelligenz echtes Bewusstsein ist, können wir auch nicht zulassen, dass Maschinen die Macht übernehmen, da das sonst zu der Entfesselung eines Prozesses führen könnte, der nicht nur uns, sondern jegliches anderes, potentiell existierendes Leben auslöschen und durch kalte Maschinerie ersetzen würde. Technologischer Stillstand hingegen würde zwangsläufig dazu führen, dass wir aussterben und unnötig leiden werden. Transhumanismus ist damit die einzige Möglichkeit das maximale Lebensglück, die maximale Anzahl an Lebewesen und das Überleben des Lebens und möglicherweise des Universums zu sichern.

Die meiner Generation und ich werden das alles wahrscheinlich nicht mehr erleben und auch nicht mehr von Gentechnik vollständig profitieren können, allerdings gehöre ich zu jener Generation, die bereits von der verbesserten Lebensqualität profitieren und die die Weichen für die Zukunft stellt. Wir werden die ethischen Regeln und Grenzen definieren, die vorhandenen Technologien weiterentwickeln, diese Technologien möglichst gerecht der gesamten Menschheit zur Verfügung stellen und die ersten Kolonien innerhalb unseres Sonnensystem gründen müssen. Es gibt viel zu tun und zu entscheiden, was letztendlich entscheiden wird, auf welchen der drei möglichen Pfade wir enden werden. Daher sehe ich es in unserer Verantwortung diese Zukunft zu ermöglichen und vorzuformen und ich hoffe, dass die Menschen in den kommenden Jahren die richtigen Entscheidungen fällen und sich nicht selbst vernichten werden.


Dieser Artikel wurde von einem Laien erstellt. Auch wenn bei der Recherche größte Sorgfalt aufgewandt wurde, kann die Richtigkeit der darin enthaltenen Informationen nicht garantiert werden. Wenden Sie sich bei medizinischen Fragen an ihren Arzt oder Apotheker. Nehmen Sie keine Drogen oder Medikamente ohne Rücksprache mit einem Arzt ein.

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Bildquelle: https://www.flickr.com/photos/gsfc/15056614365/in/photostream/

[1] https://www.space.com/32793-intelligent-alien-life-probability-high.html
[2] https://de.sputniknews.com/wissen/20160511309767433-bewohnbarer-planeten-milchstrasse/
[3] https://www.youtube.com/watch?v=wWSJYr1Lr0E
[4] http://news.bbc.co.uk/2/hi/uk_news/magazine/7544915.stm
[5] https://motherboard.vice.com/de/article/wnxvy5/astrobiologen-legen-bisher-traurigste-loesung-fuer-das-fermi-paradoxon-vor-634
[6] https://www.derstandard.de/story/2000075135345/naechstgelegener-erdaehnlicher-exoplanet-wird-von-flares-gegrillt

[7] http://amzn.to/2G2chi0

[8] https://aeon.co/ideas/are-you-just-inside-your-skin-or-is-your-smartphone-part-of-you

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Fermi-Paradoxon#Selbstausl%C3%B6schung

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Transhumanismus

[11] Homo Deus http://amzn.to/2oUPmNm




Die #sortyourselfout Gegenkultur des Dr. Jordan Peterson

Our next speaker certainly does not need any introduction. He is the man you cornered by his seat, he is the man you cornered in the foyer, and he is the man you cornered outside the bathroom, so please put your hands together for Doctor Peterson*“, mit diesen Worten leitet der Moderator am 4ten November 2017 bei der Students For Liberty Canada West Regional Conference die Rede von Jordan Peterson ein, den die anwesenden Studenten mit Applaus begrüßen. Einundhalb Stunden lang erzählt der kanadische Psychologieprofessor der UoT über die neuen Medien im Internet und seine Erfahrungen damit. Er selbst leitet die Rede damit ein, dass er kein Medienexperte sei. Dennoch hören die Studenten gebannt zu, als der klinische Psychologe, dessen Forschungsschwerpunkte eigentlich auf Persönlichkeitsentwicklung und – verbesserung sowie die psychologischen Mechanismen von ideologischen und religiösen Systemen liegen, über YouTube und SocialMedia redet. Es gibt nämlich zurzeit wenige Personen, die die Effekte dieser Technologien in letzter Zeit so intensiv erlebt und genutzt haben, wie Jordan Peterson. Der Professor ist dank ihnen in den letzten einunhalb Jahren zu einer einflussreichen Internetpersona aufgestiegen, mit über 630.000 Abonennten auf YouTube, zahlreichen Memes, Fanseiten und Auftritten in Podcasts, bei TED-Talks und im Fernsehen.

Seit 2012 ist Dr. Jordan Peterson auf Quora aktiv. Seit 2013 lädt er die Aufzeichnung seiner Lesungen und Vorträge an der University of Toronto und zahlreiche gesonderte Videos auf YouTube hoch. Mittlerweile  finden sich allein auf seinem Kanal über 700 Stunden Videomaterial. Darin erklärt er nicht nur die klassischen Prinzipien und Inhalte der Psychologie. Er gibt auch aktiv Lebensratschläge, erklärt anhand der Jung´schen Psychoanalyse die Archetypen, die die Gesellschaft zusammenhalten und veranschaulicht diese mit Klassikern der Weltliteratur und Disneyfilmen. In den Mythen und großen Texten finden sich laut ihm die Antworten darauf, wie man seine Persönlichkeit im Angesicht des Leidens und Chaos des Lebens entwickeln und ein gutes Leben führen kann. Immer wieder argumentiert er dabei gegen den Relativismus und Nihilismus der Postmoderne, gegen Politische Korrektheit, gegen Verantwortungslosigkeit und appelliert an den Verstand, den Logos, den die Philosophen der Postmoderne und die modernen Neomarxisten (so zumindest Petersons Standpunkt) zum Feind erklärt haben. Oft humorvoll kontert er dabei die Argumente seiner Gegner mit wissenschaftlichen Fakten und anschaulichen Beispielen. So erklärt er anhand von Hummern, dass Hierarchien keine gesellschaftlichen Konstrukte sind, wie von den Postmodernisten oft behauptet, sondern in unserer Biologie fest verwurzelte psychologische Mechanismen.

Über seine Medienpräsenz und Lehr- und Forschungstätigkeit hinaus, ist er Verfasser des Buches „Maps of Meaning„, welches analysiert wie Ideologien und Religionen entstehen und unser Leben bestimmen, und des erst gestern erschienenen „12 Rules for Life„. Über seine Webseite bietet er unter anderem ein Selfauthoring Programm und einen Persönlichkeitsevalutationstest an. Durch dieses Engagement und seinen wertvollen Content ist Jordan Peterson Vielen, die Interesse an Psychologie und Philosophie hegen wie mir, bereits seit Jahren bekannt.

Schlagartige und weitreichende Berühmtheit erlangte er jedoch erst Juni 2017, als er gegen die Verabschiedung des Bill C-16 durch die kanadische Regierung protestierte. Er argumentiert, dass das Gesetz die Redefreiheit unterdrückt und keine wissenschaftliche Grundlage besitzt. Dieses Gesetz stellt es unter Strafe, wenn man eine Person nicht mit dem von ihr erwünschten Geschlechts-Pronomen anspricht.  Dies mag zwar auf dem ersten Blick wie eine vernünftige Maßnahme zum Schutz vor Diskriminierung von Minderheiten wie Transsexuellen wirken, bietet jedoch auch sehr viel Missbrauchspotential. Vor allem in neomarxistischen Kreisen und der gegenwärtigen amerikanischen Jugendkultur ist der Glaube verbreitet, das Geschlecht wäre lediglich eine soziale Konstruktion und deshalb frei wählbar. In der Folge dessen gibt es teilweise über 400 erfundene Geschlechteridentitäten, wie Molligender („ein Geschlecht, das weich und subtil ist“), Hydrogender („ein Geschlecht, das wie Wasser ist“) oder Affectugender („ein Geschlecht, das von der Stimmung bestimmt wird“), die in der Regel nur angenommen werden, um sich selbst besonders zu fühlen, (da man nicht mehr männlich oder weiblich oder trans zu sein glaubt), ohne dass die Benutzer dieser unwissenschaftlichen Selbstbezeichnungen biologische oder psychologische Grundlagen dafür hätten. Vor allem von Linken wird dies im Rahmen des neuen Kulturmarxismus instrumentalisiert, in denen aus den klassischen Klassen der „bösen Kapitalisten“ nun „heterosexuelle, weiße Männer“, und aus den „Arbeitern“ nun Frauen, sexuelle und ethnische Minderheiten geworden sind. Wenn dann jemand sich weigert willkürliche und undefinierte Pronomen wie „They“ oder „Ze“ für die fiktiven Geschlechtskonstruktionen zu verwenden oder wagt diese zu kritisieren, fühlen sich die Anhänger der linksextremen Ideologien angegriffen. Personen, die es an amerikanischen Universitäten wagen auf die biologischen Unterschiede und Merkmale von Männern und Frauen hinzuweisen, wie Chromosome oder Hormonhaushalt oder Genitalien, werden mitunter angegriffen und als Nazis beschimpft. Gegen die gesetzliche Unterstützung dieses Trends, der von linksextremen und postmodernistischen Studenten vorangetrieben und instrumentalisiert wird, ging Peterson vor, um seiner Aussage nach die Meinungsfreiheit zu erhalten. Tausende linksextreme Demonstranten marschierten daraufhin gegen Peterson auf, doch noch mehr Menschen, darunter viele echte Transgender, stellten sich auf die Seite des populären Professors. Mit diesem Kampf und der Propagierung von Rationalität und Selbstverantwortung zog Jordan Peterson jedoch nicht nur die Aufmerksamkeit der Medien auf sich, er hat auch eine ganze Gegenkultur-Bewegung losgetreten.

 

Während man zunehmend das Gefühl hat, dass die Mainstream-Jugendlichen zurzeit in der westlichen Welt in kurzsichtigen Hedonismus wie Drogen, SocialMedia und Berieselung mit Netflix und Co. versumpfen, verwirrt nach einer Identität suchen in Zeiten von Relativismus und hunderten Geschlechteridentiäten, und in ihrer Opfermentalität nur Ansprüche an die Gesellschaft stellen und mimosenhaft auf jede Beleidigung reagieren, überstresst und deprimiert sind oder sich zunehmend extremistischen Bewegungen im linksradikalen Spektrum, wie der Antifa oder den SJW / Social Justice Warriors, anschließen, nehmen die Anhänger von Jordan Peterson das Leben mit einem radikalen Individualismus an sich in Angriff. Statt das Glück zu jagen, von anderen kostenlose Versorgung ohne Gegenleistung zu verlangen oder sich mit fragwürdigen Methoden oberflächlich selbstdarzustellen und kollektivistischen Identitäten nachzulaufen, versuchen sie ihr Leben zwischen Chaos und Ordnung zu balancieren und ihren Charakter weiterzuentwickeln und so ihr Leben und die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

 

Unter dem Slogan #sortyourselfout (frei übersetzt: Krieg dein Leben auf die Reihe) krempeln überall in Kanada und den USA zurzeit vor allem junge Männer von Peterson inspiriert ihr Leben um. Sie fangen an ihr Zimmer aufzuräumen. Denn wer nicht einmal sein eigenes Zimmer in Ordnung halten kann, der sollte laut Peterson gar nicht erst daran denken die Welt irgendwie in Ordnung zu bringen. Die Verbesserung der Welt und die Bewältigung des existenziellen Leid und der Identitätssuche kann nur aus dem Inneren geschehen, durch Integration dessen, was Carl Jung den Schatten nennt, durch Selbstverbesserung und durch Bildung, durch die Erfüllung des eigenen Potentials. Die Anhänger Petersons lesen Klassiker von Dostojewski, Orwell, Nietzsche, Jung und anderen großen westlichen Denkern (oder sehen sich zumindest Petersons Analysen dazu an, der über einen einzigen Paragraphen von Nietzsche eine Stunde lang referieren kann). Sie übernehmen Verantwortung für ihr Handeln, überlegen wie sie sowohl für sich und die Gesellschaft etwas Gutes tun können und feiern Jordan Peterson wie einen Propheten des Logos. Einen modernen Propheten natürlich, dessen Ideen mit Memes, Hashtags und Videos verbreitet werden. Viele seiner Sprüche wie „Clean your room“ oder „Sort yourself out“, sind zu viralen Hits geworden. Doch im Gegensatz zu vielen Internetphänomenen unserer Tage, hat dieser Hype die Möglichkeit die Welt nachhaltig zu verbessern. Er kann den Westen eine Alternative zum Nihilismus und Extremismus bieten, mit denen er seit dem Niedergang des Christentums ringt. Er kann einer Generation, die zwischen unzähligen Glaubenssystem und Lebensstilen umherirrt, einen Weg zur Verbesserung der Welt zeigen.

Das ist nicht das erste Mal, dass ein Psychologieprofessor ein weltverändernde Jugendbewegung initiiert. In den 60ern verteilte der Psychologieprofessor Timothy Leary in Harvard LSD an Studenten und erweckte damit die Gegenkultur der Hippies zum Leben. Nun verteilt der Psychologieprofessor Jordan Peterson, der selber auch einst an Harvard lehrte, bewusstseinserweiternde Bücher und Ideen und erweckt damit eine Gegenkultur zum Leben, die wir dringend brauchen. Während die Hippies die Gesellschaft von vielen repressiven Mechanismen befreiten, bringt Jordan den Sinn und die Vernunft zurück zu den Menschen. Seine Bewegung gibt Halt im Kampf gegen das Chaos und das Leiden des Lebens. Jordans Gegenkultur verwirklicht die Ideale der großen Denker und der Aufklärung wie kritisches Denken und Tugenden. Nützlichsein und etwas aus sich machen, die Werte von Freiheit und Individualismus sind die von ihm geformte Gegenkultur.

Allerdings ist Dr. Peterson natürlich nicht ganz der Heilige, für den ihn viele seiner Anhänger halten.

Manche seiner Aussagen widersprechen sich selbst, manche wirken manchmal etwas reaktionär, manche unterstützen die Postmoderne, die er sonst bekämpft. Obwohl seine Theorien sonst sehr logisch und kohärent sind, bezeichnet er sich selber als einen nichtpraktizierenden Christen. Dann behauptet er bei einer anderen Gelgenheit, dass Religion für nicht so erfolgreiche und eher weniger intelligente Individuun als moralischer Kompass notwendig ist, er selber aber nicht daran glaube – als Atheisten bezeichnet er sich selber dann trotzdem nicht, weil Atheismus in seinem symbolischen Denken mit Nihilismus und Amoralität gleichgesetzt ist. Ab und zu werden seine Anti-marxistischen Vorträge von einer etwas irrationalen Paranoia geprägt – bei anderen Debatten gibt er aber dann wieder zu, dass auch Linke eine wichtige gesellschaftliche Funktion erfüllen.

Er selber sagte aber auch, dass das Sein viel zu kompliziert ist, als das es von einem einzigen Individuum vollständig verstanden werden könnte. Und letztendlich sind die meisten von ihn vertretenen Prinzipien und Werte und seine Meinungen nichts Neues, sondern ein Neuaufguss der traditionellen Denkweise des Westens, vor allem geprägt von Nietzsche, Aristoteles und Kierkegaard, synergetisch kombiniert mit Carl Jungs Psychoanalyse und einigen postmodernen Ideen von Denkern wie Wittgenstein und Adler. Von seinen (vor allem linken) Kritikern wird daher Dr. Peterson oft als Konservativer und sogar Vertreter der Neuen Rechten oder Neonazi bezeichnet. Jordan Peterson bezeichnet sich selber als einen klassischen Liberalen und Individualisten. Wenn man sich auch mit seiner Arbeit genauer auseinandersetzt, wird einem sehr schnell klar, dass er zwar etwas konservativ ist und einige seiner Überlegungen, die über die Psychologie hinausgehen, nicht sehr ausgereift sind, aber alles andere als ein Nazi.

Einen Großteil seiner akademischen Laufbahn hat Jordan Peterson mit dem Studium und der Analyse von totalitären Systemen verbracht, allen voran der Sowjetunion und Nazi-Deutschland. Der Gedanke an das Zerstörungspotential der Menschheit stürzte ihn im Laufe seines Lebens immer wieder in Depressionen. Der Kampf gegen rechten und linken Totalitarismus und Nihilismus ist sein persönliches Anliegen. Er argumentiert sowohl gegen Rechts, als auch Links (wobei letzteres in Kanada zurzeit weiter verbreitet ist). Im Gegensatz zu vielen anderen Kulturkritikern unserer Zeit, begnügt er sich nicht mit simplen, monokausalen, populistischen Erklärung der Probleme, sondern analysiert die Dinge gründlich. Seine Videos dauern daher oft mehrere Stunden (z.B.: allein seine Analyse der Bibel und ihrer psychologischen Bedeutung ist insgesamt 38 Stunden lang); eine Zeit, die leider viele seiner Kritiker gar nicht investieren, um zu verstehen, was sie kritisieren. Jordan Peterson ist ein Mann mit einer unglaublichen interdisziplinären Allgemeinbildung, die über das Fach Psychologie weit hinausgeht. Dies kann man immer wieder in Podcasts und Diskussionen erleben. Er ist in der Lage aus dem Stegreif Weltliteratur zu zitieren und über alle möglichen Themen, von Biologie, Wirtschaft, Neurologie, Politik bis hin zu Beziehungen, zu debattieren. Die Essenz dieses immensen Wissen, angeeignet durch ein akademisches Leben, gibt er an seiner Zuhörer weiter und hilft sie zu kontextualisieren. In einer postfaktischen Zeit, in der Gefühle oft als wichtiger wahrgenommen werden, als die Realität, liefert Dr. Peterson knallharte Erkenntnisse und Fakten. Vor allem in der Sozialpsychologie, sind viele dieser Fakten oft alles andere als politisch korrekt und damit nicht unbedingt gern gesehen. Teilweise bedient sich Jordan Peterson dabei auch sehr umstrittenen Quellen wie dem Buch „The Bell Curve„, welchem oft Rassismus vorgeworfen wird. Gelgentlich lehnt er sich auch weit aus dem Fenster, wenn er über Themen redet, die wenig mit seinem Fachgebieten zu tun haben. Durch diese Herangehensweise verursachte Jordan Peterson viele Kontroversen, und man sollte wie bei allen anderen Denkern auch, stets kritisch bleiben, bei dem was er sagt. Jeder Mensch hat irgendwo Fehler in seinen Ansichten. Vor allem, wenn es bei Peterson nicht nur um Psychologie geht, sollte man kritisch beim Zuhören sein. Bei vielen politischen und gesellschaftlichen Themen gibt er sich ignorant und in einer Debatte mit dem Philosophen Sam Harris, konnte er mit seiner Argumentation über die Natur der Wahrheit nicht überzeugen.

Insgesamt ist Jordan Peterson definitiv ein Denker, mit dem man sich, vor allem als junger Mensch, wenn auch kritisch auseinandersetzen sollte. Er regt zum Handeln und zur Beschäftigung mit dem Leben an und viele seiner Ideen sind sehr wertvoll. Die Effektivität seiner Prinzipien zur Verbesserung des Lebens wird tagtäglich von seinen Anhängern in Internetforen wie Reddit bestätigt, allerdings sind sie sicherlich auch nicht für jeden geeignet. Für jungen Menschen ist wahrscheinlich sein Video „2016/11/08: My Message to Millenials: How to Change the World — Properlyein interessanter Einstieg. Man sollte jedoch stets im Hinterkopf behalten, dass man es mit einem stark vom Christentum und einigen reaktionären Ideen geprägten Denkern zutun hat.

Gestern erschien Jordan B. Petersons zweites Buch „12 Rules for Life: An Antidote to Chaos„, in welchem er seine 12 wichtigsten Regeln für ein stabiles Leben zwischen Ordnung und Chaos erläutert. Dieses Buch ist das Konzentrat seiner Arbeit der letzten Jahre. Ich lese das Buch zurzeit, und obwohl ich vieles aus den Videos und Podcasts wiedererkenne, entdecke ich auch immer neue Ideen und Aspekte – von denen ich aber nicht ganz so überzeugt bin, wie von dem, was ich bisher von Peterson gehört habe. Jordan Peterson ist nach Nietzsche der Denker, der mich in den letzten Jahren am meisten dazu inspiriert hat, mein Schreiben zu intensiveren und mein Weltbild zu überdenken. Anfangs sah ich seine Videos vor allem an, weil mich Psychologie fasziniert und ich dieses Fach selber studieren will. Durch Peterson habe ich allerdings entdeckt, welche weitreichenden Einsichten dieses Fach über die menschliche Natur und das Leben an sich ermöglicht. Des Weiteren hat er mich dazu gebracht, viele Aspekte meines Lebens zu überdenken und mich mit vielen neuen Themen auseinanderzusetzen.

Sobald ich das Buch durchgelesen habe, welches die Basis einer neuen Bewegung sein könnte, die die Welt statt durch Revolutionen und Gewalt, mit individueller Charakterentwicklung zum Positiven verändern könnte, werde ich hier auf meinem Blog eine Rezension dazu posten.

Jetzt muss ich aber erstmal mein Zimmer aufräumen, denn während ich den Artikel geschrieben habe, versank es erneut im Chaos.

 

*Übersetzung: Unser nächster Redner braucht sicherlich keine Einführung. Er ist der Mann, den ihr an seinem Sitz in die Enge getrieben habt, er ist der Mann, den ihr in der Eingangshalle in die Enge getrieben habt, und er ist der Mann, den ihr vor dem Badezimmer in die Enge getrieben habt, also ich bitte um Applaus für Dr. Peterson.

 

 

 


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Kratom – Mitragyna Speciosa. Ein Wundermittel aus Südostasien?

Kratom, Mambog, Mitragyna, Biak, Gratom, Roter Sentolbaum, Mabog, Katawn. Die Namen für die Blätter des Baumes Mitragyna Speciosa sind zahlreich. Und das gleich kann man auch über ihre Anhänger sagen. Insbesondere in den USA, wo zurzeit eine heiße Debatte um die Legalität dieser Pflanze zwischen DEA (Drogenaufsichtsbehörde), Politikern, Wissenschaftlern und abertausenden Aktivisten geführt wird, erfreut sich Kratom einer großen Popularität als alternatives Medikament und als Droge. Man geht zurzeit von ca. 6 Millionen Kratomkonsumenten in den USA aus, Tendenz steigend. Auch in Deutschland steigt schleichend die Popularität von Kratom an. Grund genug, der Sache auf den Grund zu gehen.

Bei Kratom handelt es sich um einen Baum, der nah verwandt mit dem Kaffeestrauch ist und in fast ganz Südostasien wächst. Dort werden seine Blätter seit Jahrtausenden, ähnlich wie bei Khat in Afrika und Coca in Südamerika, von der einheimischen Bevölkerung als Medikament und Droge gebraucht. Vor allem thailändische Reisbauern kauten die Blätter früher während der mühseligen Arbeit, um länger motiviert und konzentriert zu bleiben. Heutzutage wurde es aber in der Region Großteils von stärkeren Drogen, wie Yabba (Methamphetamin) und dem Heroin aus dem Goldenen Dreieck verdrängt. Dies liegt unter anderem auch daran, dass Kratom 1943 in Thailand verboten wurde, da es damals in Konkurrenz stand zu dem Opium, welches die thailändische Regierung während des Zweiten Weltkriegs in großen Maßen anbaute und als Morphin auf die Schlachtfelder der Welt exportierte. Mittlerweile gibt es Bewegungen in Thailand, die Kratom wieder legalisieren wollen, da es als eine weiche Droge angesehen wird. Zurzeit sind diese Bemühungen noch erfolglos, weshalb der Großteil des Kratoms für den europäischen und amerikanischen Markt in Indonesien angebaut wird, da es dort legal ist. Eine ganze Industrie hat sich in Indonesien um Kratom aufgebaut und immer wieder neue Plantagen sprießen aus dem Boden. In den USA gibt es sogar schon zahlreiche Kratom-Bars, in denen statt Alkohol, Kratomtee und manchmal auf Kava-Kava-Shakes (eine andere Pflanze) ausgeschenkt werden. Doch woher der ganze Hype um eine Pflanze? Und gibt es nicht schon genug illegale und legale Drogen?

Es gibt mehrere Faktoren, die Kratom als Rauschmittel und als Medikament einzigartig machen. Zuerst wäre da das unglaublich flexible Wirkungsspektrum.
In geringen Dosen steigert Kratom die Motivation, macht wach und produktiv, ähnlich wie Coca oder Kaffee. In mittleren Dosen, wirkt es bereits stark schmerzstillend, ungefähr 12 mal (hängt vom Alkaloidgehalt ab, das Hauptalkaloid 7-Hydroxy-Mitragynin alleine ist sogar 17 mal) so stark wie Morphin, ohne dabei aber viele der Nebenwirkungen von Morphin zu haben oder träge und müde zu machen.  In höheren Dosierungen wirkt es stark beruhigend, euphorisierend und träumerisch, ähnlich wie Opium, mit einer psychedelischen Note.
Dabei ist es aber bei Kratom, im Gegensatz zu vergleichbaren Substanzen, praktisch nicht möglich eine tödliche Überdosis einzunehmen. Wer zuviel Kratom einnimmt, der muss sich übergeben, ihm ist schwindelig und er ist extrem schläfrig und kann sich kaum wachhalten, aber es kommt nicht zu Bewusstlosigkeit oder einer Störung der lebenswichtigen Körperfunktionen. Nur in Mischung mit anderen Drogen, wie Alkohol oder Beruhigungsmitteln, kann Kratom für einen Menschen lebensgefährlich werden.
Die chemische Zusammensetzung von Kratom ähnelt, abgesehen von den verschiedenen psychoaktiven Alkaloiden, sehr stark der von Grünen Tee. Tatsächlich erinnert Kratom, welches in der Regel pulverisiert verkauft wird, vom Aussehen und Geruch an Matcha, schmeckt allerdings viel, viel bitterer.
Die meisten von Grünen Tee bekannten positiven gesundheitlichen Effekte, wie die verbesserte Regulierung des Blutzuckerspiegels und die Stärkung des Immunsystems durch Antioxidantien, lassen sich aber auch auf Kratom übertragen. Zusätzlich unterdrückt Kratom den Hustenreiz, hilft gegen Durchfall und wirkt fiebersenkend. Bereits vor Jahrhunderten wurde Kratom in Thailand auch als Hilfsmittel zum Opiatentzug verwendet, und auch in den USA konnten viele Abhängige damit von härteren Drogen wie Heroin oder Oxycodon wegkommen. Viele Patienten mit chronischen Schmerzen haben in den USA auch die teuren und stark abhängigmachenden Opioide, die ihnen sonst verschrieben werden, gegen das billigere und weniger schädliche Kratom ausgetauscht. Diese unkontrollierte und immer populärer werdende Selbstmedikamentation, die den Pharmamarkt untergräbt, ist auch der Hauptgrund, weshalb die amerikanische Regierung versucht Kratom gesetzlich zu regulieren.
Hier sind wir aber auch an einer der wenigen Schattenseiten von Kratom angekommen. Nämlich das Abhängigkeitspotential, welches zwar niedriger ist, als bei Alkohol und konventionellen Opioiden, aber noch immer ungefähr auf dem Niveau von Cannabis oder Kaffee liegt. Im Gegensatz zu Cannabis oder Kaffee sind die Entzugerscheinungen bei Kratom allerdings viel stärker ausgeprägt. Wer jahrelang Kratom täglich konsumiert und dann abrupt damit aufhört, wird eine Woche lang schwitzend und schlaflos mit Grippesymptomen im Bett verbringen müssen, allerdings ist das auch im Vergleich zum Alkohol-, Benzodiazepin- oder Opiatentzug relativ harmlos. Entzug von den drei genannten kann nämlich im Gegensatz zu Kratom tödlich verlaufen und wird oft von Psychosen begleitet. Abgesehen von der Abhängigkeit, führt chronischer Kratomkonsum zu Verstopfung und Gewichtsverlust.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Kratom eine Pflanze mit hohen medizinischen Potential als Medikament ist und wenige Nachteile in der Verwendung als gelegentliche Freizeitdroge hat. (Allerdings darf Kratom in Deutschland nicht als Arzneimittel verwendet werden und es ist auch nicht von den Behörden für den menschlichen Verzehr zugelassen, weshalb ich davon abraten muss) Warum aber die hedonistische Verwendung von Drogen trotzdem im allgemeinen unklug ist, erfährst du in meinem Essay über rationalen Drogenkonsum.

In Deutschland beriet der Sachverständigenausschuss für Betäubungsmittel am 3. Mai 2010 über die Aufnahme von Kratom ins Betäubungsmittelgesetz. Kratom wurde nicht ins BtmG aufgenommen und ist in Deutschland daher nach wie vor legal. (Stand: 31. Oktober 2016)

Die Proteste der Wissenschaftler und Aktivisten in den USA haben übrigens Erfolg gezeigt. Die DEA plante Kratom ab dem 1. Oktober 2016 illegal zu machen, nahm aber kurz darauf wegen des öffentlichen Drucks und der kontrahierenden Faktenlage von diesem Vorhaben Abstand.

Wenn du mehr über Kratom, den Konsum von Kratom und seine einzigartigen pharmakologischen Wirkungsmechanismen erfahren willst, empfehle ich dir das Buch: Kratom – Alles über die einzigartige Mitragyna Speciosa


—Haftungsausschluss: Stand der Informationen vom 1.11.2016. Trotz sorgfältiger Recherche kann der Autor nicht für Richtigkeit der in diesem Text präsentierten Informationen bürgen. Der Autor haftet nicht für mögliche Schäden, die durch die Verwendung der Informationen entstehen können. Dieser Text dient der Aufklärung und soll nicht zum Drogenkonsum animieren. Dieser Text fungiert nicht als Rechtsberatung. Bei rechtlichen Fragen, wenden Sie sich an ihre lokalen Behörden. Bei gesundheitlichen Fragen, wenden Sie sich an ihren Arzt oder Apotheker. Nehmen Sie Medikamente und Drogen nur mit Absprache mit ihrem Arzt—