Ein ganz normaler Tag in der Junkie-WG [Kurzgeschichte]

Ich saß in der Finsternis des WG-Zimmers. Mein blasser Körper strahlte im Leichenlicht des Laptops. Aus den Schatten ragten Bücherstapel, verwesende Instantnudeln und Wände, volltapeziert mit Notizzetteln.
Seit drei Stunden starrte ich ohne zu blinzeln auf den Bildschirm.
Ich schluckte den trockenem Schleim herunter, der meinen Rachen verklebte, und drückte eine Taste. Tak. machte es in der Stille.
Tak. Tak. Ein Lächeln stahl sich auf meine aufgeplatzten Lippen.
Tak. Tak. TahkTakTak
„Ja. Ja! Ja!“ Die Plotstrukturen klackten wie Legosteine in meinem Kopf zusammen, vor meinem inneren Auge wuchsen die Worte zum Himmel, alles ergab Sinn.
Tak Tak Taktaktaktak
Endlich. Tak Tak Tak.
Nach wochenlangen Plotten und Grübeln war ich wieder im Schreibflow. Ich schlug auf die Entertaste. Bamm.
Und ein weiterer Satz ergoss sich in steriler Perfektion auf den Bildschirm.
TakTakTakTakkkraratatatatatatat. Das würde mein nächster Bestseller werden.
Tatatkatak. Ich konnte es in den Hoden spüren. Mein Gesicht verzerrte sich zu einer einzigen grinsenden Fratze. Ratatatatatatatatat, als wäre ich Rambo, und die Tastatur der Abzug, mit dem ich den Vietcong auslöschte. Rartartararartatrar …
„Ja!“ Ich tippte besessen auf die Tasten ein.
Ein Klopfen riss mich aus dem Größenwahn. Die Tür schwang hinter mir auf.
Rakta tak tak … tak …tak tak
tak ta …
Außenweltlicht erhellte die Manuskriptfetzen an den Wänden. Ich biss mir auf die Zunge. Die Legosteine fielen auseinander, das Monument verblasste. Meine Finger verkrampften. Danny, wie immer mit seinem pinken Jumpsuit gekleidet, trat an mich heran und mit ihm rollte eine dichte Dopewolke in den Raum. „Was?“, fragte ich, ohne den Blick zu heben und biss mir in die Faust, bis ich das Blut schmecken konnte.
Niemanden umbringen … Ruhig atmen.
„Yo, Nathan, ich brauche deinen Rat“, sagte Danny und ließ sich auf den Sitzsack neben meinem Schreibtisch fallen. Ich sah zuerst in seine blutunterlaufenen Augen, von denen eins geistlos durch den Raum wanderten und das andere in entgegengesetzter Richtung Dannys Hand dabei verfolgte, wie sie das Tischbein streichelte; dann auf mein Manuskript. Mit einem Seufzer klappte ich meinen Laptop zu, und griff nach einer der unzähligen Tassen, die sich um mich herum stapelten. Es war noch etwas kalter Kaffee drin.
„Hör auf meinen Tisch zu belästigen. Erzähl. Was ist los“, sagte ich und nahm einen Schluck. Mein Zentralnervensystem zuckte unter einem spontanen, ekelinduzierten Krampfanfall. Meine Zunge rollte sich auf. Okay, der Kaffee war etwas älter gewesen; wenn es überhaupt Kaffee gewesen war.
Ich biss die Zähne zusammen und versuchte so zu wirken, als würde ich aufmerksam den Problemen meines Mitbewohners lauschen, der von der ganzen Sache eh nichts mitbekommen hatte, weil er nun damit beschäftigt war, in der Nase nach den Überresten seines Gehirns zu bohren.
„Hey“, ich schnippte. „Wenn du mir schon mein Leben versaust, dann sag mir wenigstens warum.“
Danny sah mich an, blinzelte und zog den Finger wieder aus der Nase.
„Ah, ja. Stimmt. Verzeihung. Also“, Danny leckte sich über die Lippen und faltete die Hände zusammen, wie ein Politiker, der sich auf eine neutrale, nichtsagende und einschläfernde Rede vorbereitete. „Du bist ja Schriftsteller. Du weißt Sachen und so.“ Sein Blick schweifte wieder zu meinem Schreibtisch. Er runzelte die Stirn, als würde an den Tischbeinen etwas sehen, was außer ihm niemand im Stande war zu erkennen.
„Ja“, sagte ich laut, während ich gegen die Versuchung ankämpfte die Kaffeetasse in meiner Hand als Wurfgeschoss zu verwenden. Mein Herz raste vor Wut – und das lag nicht nur am überdosierten Frühstücksamphetamin.
Das Porzellan knackte.
Danny sah mich wieder an. „Also Alex und ich waren auf Wikipedia. Und, du kennst doch Strahlenkrankheiten oder? Die man so von Strahlung bekommt.“
„Ja.“ Ich nickte und winkte mit der Tasse. „Red schneller.“
„Also, ja, da stand unter den neurologischen Symptomen. Also bei den Symptomen, die nur das Gehirn betreffen.“
„Das gesamte Nervensystem. Das Gehirn ist nur ein Teil davon.“
„Oder das halt. Also da stand: Schwindel, Benommenheit, Störung des ZNS und so weiter. Ja und. Das ist ja so ähnlich wie ein Benzo oder Saufen. Oder?“
„Oh, Nein.“ Die Tasse zerbröselte zwischen meinen Fingern und fiel in blutigen Bruchstücken zu Boden. „Du willst jetzt mir nicht ernsthaft erzählen, dass ihr darüber nachgedacht habt, durch Strahlung high zu werden? Nicht, dass … Selbst wenn. Da treffen viel mehr Sachen auf, wie Erbrechen, Nekrosen, Geschwüre, Haarausfall. Das ist so bescheuert.“
„Aber wenn man nur auf dem Gehirn, also wenn man nur das Gehirn bestrahlt, dann hat man doch nur die neurologischen Symptome, dann ist man dauerbreit. High fürs Leben und dann spart man sich die ganze Chemie.“
„Wie kommt ihr überhaupt auf solche kranken Ideen? Und wie soll man überhaupt nur Strahlung auf den Kopf anwenden. Woher wollt ihr die nehmen?“
„Na mit der Mikrowelle“, sagte Danny und sah mich an, als wäre ich der Idiot. Ich schlug verzweifelt die Hände vor dem Gesicht zusammen und zog sie mir über die Wange, bis mir die Augen fast herausploppten. Wie viel Dummheit … dunkler Herr in der Lektoratshölle, wirf Hirn hoch.
„Das ist eine ganz andere Art von Strahlung. Hast du nicht die Internetvideos von Leuten gesehen, die ihre Hamster in Mikrowellen gesteckt haben? Davon wird man nicht high, davon explodiert dir höchstens der Kopf.“
„Ooohh.“
Es gab einen lauten Knall in der Küche, gefolgt von dem panische Piepen der Mikrowelle. Das Blut schoss mir wie ein tiefgekühlter Slush durch die Adern.
„Was …? Nein, oder?“
„Also, dass … Alex wollte es ausprobieren. Ich war mir nicht so sicher, deswegen wollte ich dich um …“
Ich sprang auf und rannte in die Küche, über vollgejunkte Matratzen, einen Hamsterkäfig, Bücherpyramiden, und dreckiges Geschirr springend, aber es war zu spät.
Danny torkelte hinter mir in den Raum.
„Also, die Mikrowelle ist wohl kaputt, würde ich sagen“, stellte Danny fest. „Der hat ja ein fettes Loch in die Tür geschlagen, um seinen Kopf da durchzubekommen. Von einem Design-Studenten hätte ich mir also eigentlich eine elegantere Lösung erwartet.“
„Wir haben eine gottverdammte Leiche in der Wohnung. Das ist ein größeres Problem, als die verfluchte Mikrowelle oder irgendein Design“, schrie ich und deutete auf den kopflosen Körper, der in der Mitte der Küche lag, von deren blutgetränkten Wänden Alex´ von DXM zerfressenes Gehirn heruntertropfte.
„Also, was soll ich dazu sagen. Es ist schon traurig, aber, also, er war ein scheiß Drogensüchtiger, die sterben immer jung, da kann man wohl nichts machen“, sagte Danny, zuckte mit den Schultern und zupfte Dreck aus seinem pinken Jumpsuit.
„Halt doch einfach mal deine verdammte Klappe“, schrie ich und kratze mir über den Kopf, während ich hin und her hüpfte und die blutigen Schubladen und Schränke nacheinander aufriss und wieder zuwarf. Verdammtes Amphetamin. Verdammtes Adrenalin. Verdammte Scheiß Junkies. „Okay, ruhig bleiben. Ruhig bleiben. Wir finden eine Lösung“, schrie ich vor mich hin, rastlos auf der Suche nach etwas, woran ich meine weiteren Handlung orientieren konnte. Danny stand weiter debil im Türrahmen und bohrte in der Nase. Entweder hatte er den Ernst der Lage noch immer nicht begriffen; oder er war zu zugedoped, um sich aufzuregen. Er sah mich an und zog den Finger aus der Nase.
„Meinst du. Also. Sollten wir nicht vielleicht die Polizei oder den Bestattungsdienst oder so rufen?“
Ich starrte ihn an. „Bist du total irre? Wie zur Hölle sollen wir das hier erklären? Niemand, wirklich niemand, wird uns glauben, dass er wirklich so bescheuert war, seinen Kopf da reinzustecken. Naja, vielleicht seine Eltern, aber sicher nicht die Behörden. Und wenn sie erst hier ne Durchsuchung machen. Und die ganzen Drogen finden, dann sind wir geliefert.“ Ich knurrte und ließ meinen Unterkiefer hin und her kreiseln, um die Kiefersperre loszuwerden, und lief aufgedreht im Kreis, während meine aufgeputschten Synapsen die Lage erfassten. „Wir müssen diese Leiche loswerden. Mit etwas Glück können wir dann auch noch sein Bafög und das Geld, das seine Eltern ihm immer schicken, einstreichen, bevor jemand bemerkt, dass er weg ist. Wir müssen nur einen Weg finden ihn loszuwerden, nur wie?“
„Du bist doch Schriftsteller, dachte ich, die kennen sich doch mit so etwas aus.“
„Aber ich schreib doch keine Krimis, was bin ich, ein lahmer Mainstreamer? Und nur weil ich Bücher schreib .. ich bin noch lange nicht irgendwie … Ah vergiss es. Nein, nein, nein … Vielleicht sollten wir ihn vergraben? Oder Jonathan anrufen, der kann Säure besorgen … oder …“ Doppeltes Piepen.
Ich erstarrte. Danny sprach in sein Smartphone:
„Siry. Wie wird man eine Leiche los? Also so einen toten Körper, Biomüll praktisch, oder so.“
„Piep. Lass mich suchen. Ein Moment.“
„Dein fucking Ernst“, schrie ich. Danny hob die Hand.
„Schh. Sie hat mir bisher immer geholfen. Ihr Tweaker seid immer viel zu, also, aufgedreht, um die einfachsten Lösungen zu erkennen.“
Siry antwortete: „Ich habe verschiedene Optionen gefunden, wo man eine Leiche entsorgen könnte. Es gibt einen Friedhof, ein Krematorium, drei Wälder und einen Sumpf in deiner Nähe.“
Danny sah mich an. Ich seufzte. „Sumpf klingt gut. Wir sind so am Arsch.“
„Siry, markiere den Sumpf bei Woogle Maps.“
„Erledigt. Kann ich sonst noch etwas für dich tun?“
„Ja, also, wie bekommt man Blut von Wänden und so ab?“
„Ich empfehle das Dubaplex Bleichmittel von Sandoy.“
„Bestell mir bitte eine Flasche Bleichmittel, also von diesem Sandoy, einen Klapspaten und die großen Mülltüten via Trime Now. Und ah, also, da bräuchte ich noch eine neue Mikrowelle, am besten die selbe wie letztes Mal.“
„Erledigt. Die Bestellung wird innerhalb der nächsten zwei Stunden eintreffen. Kann ich sonst noch etwas tun?“
„Ähm, also, das Gleiche wie immer.“
„Zwei Pizza Hawaii XXL wurden bei Giovanni bestellt.“
„Oder warte. Also. Nathan“, Danny sah zu mir auf. „Du magst schon Pizza Hawaii, oder?“
„Ja, ja, passt schon“, sagte ich, bevor ich den Raum verließ, um mich wieder in meinem Zimmer einzusperren und Jonathan anzurufen, damit er Danny half die Leiche zu entsorgen. Für mich war das alles viel zu viel. Da widmete ich mich doch lieber meinen Texten, die besaßen im Gegensatz zu der Realität zumindest so etwas wie eine innere Logik und einen Sinn. Die Charaktere waren auch realistischer, wenn ich so darüber nachdachte. Ah, da kam mir auch gleich wieder die Idee für eine neue Kurzgeschichte … Vielleicht war der Flow noch zu retten.

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