George Orwell – Das Freiheitslexikon

Wann und wo auch immer es um den Kampf für politische Freiheit geht, dauert es meist nicht lange, bis der Titel von George Orwells berühmtesten Buch „1984 fällt. Wie kaum eine andere Dystopie veranschaulicht dieser vom Stalinismus inspirierte Roman die Schrecken eines totalitären Überwachungsstaates. Orwells zweitbekanntestes Buch „Farm der Tiere“ ist eine kritische Parabel auf die russische Revolution und den darauffolgenden Sowjetterror. Im Ostblock wurde die Lektüre seiner Bücher daher mit Gefängnisstrafen geahndet, während sie sich im liberalen Westen sehr schnell und bis heute als Schullektüren und Longseller etablierten. George Orwell ist damit der wahrscheinlich einflussreichste politische Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Die CIA erwarb sogar die Rechte an den Romanen und ließ sie verfilmen und während des Kalten Krieges für antikommunistische Propaganda verwenden – dabei war Eric Arthur Blair, wie der Schriftsteller eigentlich hieß, selber ein Sozialist.

Biographie

George Orwell kam als Eric Arthur Blair am 25. Juni 1903 in der indischen Region Bengalen als Sohn eines Kolonialbeamten zur Welt. Zusammen mit seiner Mutter und seinen beiden Schwestern […]

Den Rest meiner Kurzbiographie zu George Orwell könnte ihr im Freiheitslexikon nachlesen: https://freiheitslexikon.de/george-orwell/ Das Prometheus-Institut hat dieses Projekt initiiert um ein deutsprachiges, digitales Lexikon der Freiheit zu schaffen. Wenn ihr euch mal mit verschiedenen freiheitlichen Ideen, Konzepten und Personen auseinandersetzen wollt, ist das die perfekte Anlaufstelle und ich freue mich sehr darüber, etwas dazu beizutragen. An ein paar weiteren Kurzbiographien arbeite ich auch schon bereits 😉 Informationen zum Prometheus-Institut findet ihr auf deren Webseite: https://prometheusinstitut.de/

 

 

 

 


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Noch ist es zu früh für ein geeintes Europa

Eine Trennlinie verläuft zwischen den Köpfen vieler Europäer. Die einen wollen die Vereinigten Staaten von Europa haben, am besten sofort oder zumindest spätestens 2025 wie es sich zum Beispiel einige SPDler erhoffen. Auf der anderen Seite gibt es Reaktionäre, die vehement gegen ein geeintes Europa sind und am liebsten die EU auf eine reine Zweckgemeinschaft zurückreduzieren oder sie einfach gleich auflösen wollen. Und dazwischen gibt es natürlich eine Mehrheit, die die Abstufungen zwischen den beiden radikalen Polen ausfüllt. Während es nicht viel bedarf, um eine Abschaffung der EU als reaktionäre Idiotie zu erkennen, so muss ich doch leider als Spielverderber auch den Europaenthusiasten mal dazwischen grätschen. Ich selber will eines Tages in einem geeinten Europa leben, aber ich denke, dass die Zeit dafür noch nicht reif ist.

Von oben verordneter Zwang funktioniert nicht
Der Weg von einzelnen Nationen bis hin zu einem neuen, vereinten Staat, ist sehr lang. Man kann den Zusammenschluss von Menschen zu einer Nation daher nicht auf rein politischem Weg erreichen oder von oben diktatorisch erzwingen. Nicht nur verursacht das heftige Gegenwehr, wie wir sie jetzt in Form der Rechtspopulisten sehen. Selbst wenn man es schafft, fliegt ein auf Zwang zusammengeführter Staat oder Staatenbund aufgrund mangelnder kultureller Hegemonie [1] langfristig wieder auseinander oder wird konstant von Konflikten zerrüttet, wie es in der Vergangenheit mit Jugoslawien und der Sowjetunion geschah und heute noch in vielen afrikanischen Ländern aufgrund der kolonialen Grenzziehung der Fall ist.

Jetzt ist es noch zu früh aus der EU einen föderalen Staat zu machen, weil die soziokulturelle Integration und die Identifikation der Bürger mit Europa noch nicht tiefgreifend genug ist. Die meisten Bürger der EU identifizieren sich schlicht noch nicht primär als Europäer. In den letzten Jahren war die Entwicklung der EU zu schnell und nicht bürgernah genug. Zurecht spricht man daher vom „Brüssler Raumschiff“ und viele Leute fragen sich, woher diese EU kommt und warum sie sich in nationale Angelegenheiten einmischt. Dass viele Menschen dann auf die Möglichkeit, dass ihre Nation innerhalb eines undemokratisch wirkenden Superstaats verschwindet, reaktionär mit Angst oder Wut reagieren, ist verständlich. Sie fühlen sich nun mal mit ihr verbunden und definieren einen Teil ihrer individuellen Identität darüber. Es mag zwar etwas infantil wirken, sich an einem sozialen Konstrukt wie einem Nationalstaat festzuhalten wie an einer Nuckelflasche, nur weil man da reingeboren wurde. Es sind aber solche Konstrukte, die eine hochkomplexe und große Gesellschaft überhaupt möglich machen. Man kann nicht von einem Tag auf den anderen ein Konstrukt durch ein anderes ersetzen.

Die Versuche einiger, vor allem linker Politiker, als Antwort auf die EU-Skepsis die Einigung deswegen noch weiter institutionell voranzutreiben und politisch von oben zu verordnen ist daher kontraproduktiv. Solch ein rein politisches Vorgehen nährt die Entfremdung zwischen Bevölkerung und den europäischen Institutionen nur weiter. Deshalb ist es auch notwendig, jetzt etwas auf die Bremse zu treten und den Prozess der politischen Integration zu verlangsamen und die EU zu reformieren. Die EU muss effizienter, bürgernaher und transparenter werden, damit sie nicht noch mehr ihr eigener Feind wird. [2] Langfristig ist die Einigung Europas zwar das Ziel, aber dieses kann nicht allein auf politischem Wege erreicht werden. Eine weitere rein institutionelle Verzahnung der bestehenden Nationen, wie sie bereits weit vorangeschritten ist, reicht nicht aus. Erst müssen gewisse soziokulturelle Grundlagen entstehen.

Wie Nationen und dann moderne Staaten entstehen
Damit ein Staat beziehungsweise eine Nation, die so einen hervorbringen kann, sich bilden können, sind mehrere soziokulturelle und auch technologische Faktoren notwendig. Die natürliche Bildung von Staaten ist erstens das Ergebnis einer entstehenden kulturellen Hegemonie [1], also der Etablierung gemeinsamer Überzeugungen, einer gemeinsamen Sprache und Denkhaltung innerhalb der Bevölkerungsgruppe, die sich dann als Ergebnis zusammenschließt. Man identifiziert sich ja zum Beispiel schließlich als Deutscher, wenn man Deutsch spricht und sich der deutschen Kultur angehörig fühlt. Damit das geht, müssen ja sowohl die gemeinsame Sprache als auch die Kultur zuerst existieren.

Allerdings ist das nur die Spitze des Eisbergs, denn über die Entstehung einer gemeinsamen Kultur hinaus ist die Bildung von Nationen immer eine Antwort auf politische, ökonomische, soziale und kulturelle Krisen, die vor allem Modernisierungsprozesse oder Kriege mit sich bringen.

So entstanden die Nationalstaaten im 18. und 19. Jahrhundert nicht aufgrund der Realisierung irgendwelcher mythischen Völker in staatliche Gemeinschaften, wie es dann ideologisch verklärt wurde und wird, um ein kohärentes Narrativ zu schaffen. Am Anfang des 19. Jahrhunderts war zum Beispiel die Idee eines vereinten Deutschlands nur der Traum einer kleinen versprengten Elite. Also fast so, wie heute der Traum eines vereinten Europas. Am Ende des 19. Jahrhunderts hatte diese Überzeugung nicht nur Millionen von Anhängern – sie war Realität geworden. Wie kam es dazu?

Fallbeispiel: Wie aus Deutschland eine Nation wurde
Die technologische Entwicklung im 19. Jahrhundert, also die Industrialisierung, ermöglichte 1812 die Erfindung der Schnellpresse und 1845 die der Rotationsmaschinen, was zur Entstehung der Massenpresse führte. Gleichzeitig stieg durch die Schaffung von Bildungssystemen die Alphabetisierungsrate von 10% in 1750 auf 88% im Jahre 1871. Es konnte fast jeder lesen und sich weiterbilden. Insgesamt 3500 Zeitungen entstanden auf dem gesamten deutschsprachigen Gebiet. Die Menschen lebten nicht mehr in den Filterblasen ihrer kleinen Städte oder Kleinstaaten. Über die Grenzen hinweg breiteten sich Nachrichten, Ideen und literarische Werke aus. Menschen in Bayern konnten in ihren Zeitungen lesen, was in anderen deutschsprachigen Staaten wie Preußen geschah.

Dieser radikal wachsende Zugang zu Wissen und zu Kontakt mit Menschen aus allen deutschsprachigen Gebieten, förderte nicht nur die Entstehung eines Verbundenheitsgefühls und einer Durchmischung der Kulturen zu einer gemeinsamen. Er brachte auch die Aufklärung hervor. Die tradierten Weltbilder zerfielen und die gesellschaftlichen Ordnungssysteme wurden zunehmend in Frage gestellt. Die Menschen waren nicht mehr gewillt, sich von den Adeligen in Kleinstaaten regieren zu lassen, und auch die Lehren der Kirchen konnten kaum noch überzeugende Rechtfertigungen für den Status quo liefern.

Die Industrialisierung führte nämlich auch dazu, dass die Menschen nicht mehr ihr Leben lang auf immer den gleichen Bauernhöfen lebten. 1835 fuhr die erste Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth. Keine zwanzig Jahre später, zog sich nicht nur durch ganz Deutschland, sondern sogar bereits durch ganz Europa ein Netz aus Eisenbahnschienen, die den Handel von Waren und das Reisen von Menschen über Grenzen hinweg radikal vereinfachten und beschleunigten. Immer mehr Menschen zogen in die Städte, um in den Fabriken dort zu arbeiten. Der gesellschaftliche Aufstieg war nicht mehr den Adeligen vorbehalten. Eine mobile bürgerliche Klasse bildete sich heraus, wie es sie zuvor nicht gab, und die sich zunehmend als Deutsch identifizierte. Aber auch die Kriegsführung wurde durch die industrielle Herstellung von Waffen angekurbelt. Die zahllosen Kriege des 19. Jahrhunderts führten dazu, dass die kleinen Staaten enger zusammenarbeiten mussten, da sie allein militärisch die Herausforderung nicht bewältigen konnten.

Insgesamt waren die kleinen Staaten, aber auch ihre Bewohner und Herrscher, von den Herausforderungen der Industrialisierung und Aufklärung überfordert. Kulturell zerbrach die alte Weltordnung der Traditionen und die Moderne begann – oder wie es Nietzsche in seinem Zarathustra metaphorisch zusammenfasste: „Gott ist tot“. Eine tiefe, gesellschaftliche Krise war die Folge und die Menschen suchten nach neuen Antworten und Systemen um ihr Leben zu ordnen. Die Idee, dass man ein gemeinsames Volk ist, das sich souverän selbst regieren sollte, also die Idee des Nationalismus und auch der Demokratie, waren beides neue und naheliegende Konzepte zur Bewältigung dieser existenziellen und sozialen Krisen. Die Entstehung der Nationalstaaten war also nicht nur etwas, was die Menschen wollten – es war auch eine Notwendigkeit, denn die feudalen Kleinstaaten waren nicht mehr in der Lage die Herausforderungen der neuen technologischen, wirtschaftlichen und sozialen Wirklichkeit zu bewältigen. Metaphorisch wurde Gott als Stifter von Wohlstand, Gerechtigkeit und Orientierung durch den Nationalstaat ersetzt. Das hatte natürlich auch negative Konsequenzen, da der Staatsglaube uns Zwei Weltkriege einbrachte, aber durch die Synthese mit dem Liberalismus und der Demokratie, diente letztendlich der Nationalstaat überwiegend als friedensstiftende und funktionale Lösung für die Probleme der Moderne. Aber Geschichte ist ein Prozess ohne Ende. Was gestern funktionierte, wird es nicht zwangsläufig morgen auch tun.

Die Herausforderungen der Gegenwart
Die Entwicklung der Informationstechnologie und der Zugang von billigen Flügen für eine breite Masse an Menschen in den vergangenen Jahrzehnten ist ein radikaler Sprung, genauso wie es die Entstehung der Massenpresse und der Eisenbahn im 19. Jahrhundert waren. Wir sind nur wenige Berührungen mit unseren Fingern auf einem Smartphonebildschirm davon entfernt, zu erfahren, was gerade unsere Freunde in den USA oder Neuseeland machen, worüber die indische Presse berichtet oder welcher Skandal gerade Japan erschüttert. Wir können uns aber auch stattdessen die deutsche Übersetzung eines Romanes des chinesischen Science-Fiction Autors Cixin Liu herunterladen und lesen oder aber einen Flug nach Paris oder Moskau buchen. Gleichzeitig können wir in einem Café auf einem Stuhl aus Schweden sitzen, Kaffee aus Brasilien trinken und Kleidung aus Bangladesch tragen, während auf der Straße vor dem Fenster Menschen aller möglichen Ethnien vorbeilaufen. Wir merken es nicht, aber damit unser Alltag so reibungslos funktioniert, arbeiten nonstop Regierungen und Konzerne untereinander und miteinander international zusammen. Dass wir Smartphones besitzen, die in China aus Materialen aus der ganzen Welt zusammengesetzt werden, und Supermärkte uns Papayas, Bananen und argentinische Steaks bieten können, ist eine logistische Meisterleistung, die ohne internationale Kooperation nicht möglich wäre. Zunehmend gibt es daher immer mehr Unternehmen wie Axel-Springer, Allianz, Tesa und Zalando, aber auch Start-Ups, die supranational in Europa arbeiten und als Rechtsform europäische Aktiengesellschaften SEs (Societas Europaea) sind.

Dadurch verwischen heute die Grenzen zwischen bestehenden Staaten und Kulturen, denn Bevölkerungsgruppen müssen über Grenzen hinweg zusammen arbeiten und kommunizieren. Es existiert und wächst eine neue, extrem mobile „Erasmus-Generation“ in Europa heran. Diese Gruppe an Europäern wuchs mit den offenen Grenzen des Schengenraums auf und führt soziale Beziehungen und tätigt Geschäfte über nationale Grenzen hinweg. Zunehmend identifizieren sich diese jungen Menschen, zu denen ich mich auch zähle, als Europäer, da die kulturellen Unterschiede zwischen den einzelnen europäischen Staaten geringer werden, als zu anderen, nicht-europäischen Staaten. Dieses Zusammenwachsen Europas ist ein natürlicher Prozess und auch eine Notwendigkeit.

Nur Deutsch zu sprechen reicht heutzutage vielleicht noch aus, wenn man in Deutschland einem Handwerksjob nachgeht Durch die Digitalisierung und Globalisierung werden aber regional gebundene Jobs noch weiter abnehmen und die Arbeit wird intellektuell immer anspruchsvoller und auch internationaler. Es ist heute schon so, dass wenn man einigermaßen gut verdienen will, man am besten Auslandserfahrung und mehrere Sprachen auf dem Kasten hat, man sich darauf versteht mit Menschen aus verschiedenen Kulturen Verhandlungen zu führen und mobil ist, weil immer mehr Unternehmen international handeln und der europäische Binnenmarkt immer wichtiger wird. Sogar als Beamter ist man gezwungen, interkulturell kommunizieren zu können, da innerhalb von Europa immer mehr Menschen auf Arbeitssuche aus Regionen mit wenig Arbeit, wie Südeuropa, in Regionen mit einem Mangel an Fachkräften, wie Mitteleuropa, ziehen. Europaweite Programme wie Erasmus und auch die Schaffung eines Systems zur Vergleichbarkeit von Abschlüssen mit der Bologna-Reform, ermöglichen es, dass europäische Bürger jene Voraussetzung erhalten, die notwendig sind international zu studieren und zu arbeiten, um wettbewerbsfähig zu bleiben, und befördern gleichzeitig das Europäisieren der Bürger. Dieses Zusammenwachsen Europas hat aber natürlich nicht nur Vorteile.

Wir stehen durch die Globalisierungsprozesse heute vor Herausforderungen ähnlicher Art, wie die vor denen die Menschen im Europa des 19. Jahrhunderts standen. Diesmal ist jedoch nicht Gott tot, sondern der Nationalstaat ist tot. Globale Herausforderungen wie internationale Machtkämpfe, Massenmigration, Klimawandel oder die Kolonialisierung des Weltraums, überfordern den einzelnen, kleinen europäischen Nationalstaat, der von Superstaaten wie China oder den USA militärisch, wirtschaftlich und technologisch übertrumpft wird. Zeitgleich lösen sich die bestehenden Herrschaftsstrukturen, Identitäten und Ordnungssysteme auf und neue kulturelle Sphären konsolidieren sich. Man versucht zwar nach wie vor die immer gleichen alten ideologischen Kategorien aus dem 19. Jahrhundert von links, rechts, konservativ und liberal auf die politische Landschaft zu pressen, aber zunehmend wird klar, dass das nicht mehr funktioniert. Neue Parteien, wie z.B. Volt, versuchen sich daher mittlerweile komplett von diesen Schemata zu lösen. Wir sind mit der Globalisierung und modernen Technologien, kurz mit unserem gesamten postmodernen Zeitalter überfordert, und genauso unsere Politiker. Dies merkt man vor allem daran, dass Politik in den letzten zwei Jahrzehnten zunehmend jeglichen Idealismus und alle Zukunftsvisionen verloren hat, und sich nur noch um Detailfragen und Machterhalt dreht. Wir befinden uns in einer Epoche des Umbruchs, einer Modernisierungskrise. Eine Rückkehr in alte Zeiten, wie sie Populisten versprechen, kann aber nicht funktionieren, weil man den Fortschritt nicht umkehren kann.

Neue Ideen, Ideologien und vor allem Visionen werden nötig sein, um diese Krisen zu bewältigen. Eine davon ist die Schaffung einer europäischen Identität und dann auch eines europäischen Staats. Dabei geht es nicht darum die alten Identitäten (Deutscher, Pole, Franzose usw.) zu zerstören, denn diese werden von selbst zunehmend kraft- und bedeutungslos, so wie es die regionalen Identitäten im 19. Jahrhundert wurden. Es geht darum, eine neue Identität als Europäer zu schaffen, die dieses entstehende Vakuum an Identität neu füllen und damit Ordnung bringen kann. Ein internationaler Superstaat wie ein vereintes Europa, wird langfristig den Menschen in Europa ermöglichen sich an die multikulturelle und rapide wandelnde Realität der Globalisierung anzupassen und wettbewerbsfähig zu bleiben, während die Identifizierung damit Zusammenhalt und Stabilität ermöglichen wird.

Im 19. Jahrhundert und auch heute in vielen unterentwickelten Teilen der Welt, ist letztendlich Krieg der Auslöser oder zumindest der begleitende Prozess, der eine Nation zusammenschweißt. So wie zum Beispiel die napoleonischen Kriege die Einigung Deutschlands in Gang setzten und der Deutsch-Französische Krieg 1871 sie abschloss. In unserer gegenwärtigen Welt ist ein Krieg, vor allem ein so großer, dass er Europa zusammenschweißt, nicht denkbar aufgrund der nuklearen Bedrohung – zumindest im konventionellen Sinne. Wir befinden uns allerdings bereits in Konflikten zwischen der islamischen Welt, China und Russland. Ein möglicher Handelskrieg mit China, der bereits laufende Cyber- und Informationskrieg mit Russland und das Hadern mit der kulturellen Expansion des Islams, werden, sofern sie sich weiter verschärfen, ein Feindbild schaffen, welches Europa zum wirtschaftlich mächtigsten Staat der Welt zusammenschweißen wird. Eine gemeinsame Armee, Polizei und Sicherung der Außengrenzen wird notwendig sein, um die innere Freiheit und Sicherheit des Schengenraums zu gewährleisten und die Außengrenzen zu verteidigen. International wird das auch notwendig sein in Zeiten, in denen die USA America first schreit, Europa militärisch und damit auch in der Identität weiter zu einen.

Insgesamt, befinden wir uns bereits mitten in dem Prozess, der die Entstehung einer neuen, europäischen Nation notwendig macht und ermöglicht. Warum gibt es aber dann aber noch nicht die Vereinigten Staaten von Europa?

Was fehlt?
Auf den ersten Blick sind wir in dem integrativen Prozess noch nicht weit genug. Es braucht noch eine gemeinsame europäische Erzählung und eine gemeinsame Sprache, in der sie erzählt werden kann, sowie ein klares Feindbild, durch das man sich nach außen abgrenzen und einen kann und entsprechend feste Außengrenzen. Doch die europäischen Staaten haben ein reiches, gemeinsames historisches und kulturelles Erbe, das dafür die Grundlagen an freiheitlichen Werten legt. Die Expansion des politischen Islams an unseren Grenzen und die globale Chinas, sind beides ausreichend starke Kontraste zu der liberalen europäischen Kultur und eine Stärkung von Frontex steht bereits auf dem Programm der EU. Die Sprache ist hier das größere Hindernis, aber auch Nationen mit mehreren Sprachen, wie die USA, Kanada oder die Schweiz, können existieren, solange vor allem das Gefühl einer gemeinsamen Identität besteht und man mindestens eine Sprache hat, die alle beherrschen. Allerdings ist davon auszugehen, dass es nur noch eine Frage von wenigen Jahren ist, bis wir durch K.I.s Geräte bekommen, die für uns live ein Gespräch übersetzen, sodass wir uns mit Menschen unterhalten können, deren Sprache wir eigentlich gar nicht verstehen. Und auch ermöglicht das Bildungssystem es mittlerweile, das immer mehr Menschen mehrsprachig sind. Die meisten Schüler Europas lernen neben der Sprache ihres Nationalstaates längst mindestens noch Englisch, meist sogar noch eine oder zwei weitere Sprachen, und im Studium kommt nicht selten noch eine weitere dazu.

Das große Hindernis, wie bei vielen Modernisierungsprozessen unserer Gegenwart, ist die Altersstruktur in Europa. Der Großteil der Wähler und Politiker in Europa sind alte Menschen, was man vor allem in Deutschland daran sieht, dass die Bedenken der jungen Generation bei Themen, die sie betreffen wie Digitalisierung und Klimawandel von Politikern oft übergangen werden. [3] Die Alten sind es auch überwiegend, die noch an ihren alten nationalen Identitäten festhalten und die Konsequenzen ihres Ignorierens von globalen Problemen wie Massenmigration und Klimawandel nicht mehr werden erleben müssen. Solange diese Bevölkerungsschicht einen Großteil der Wähler ausmacht und die jungen Europäer eine marginalisierte Minderheit bleiben, wird sich auch der Prozess der Einigung Europas weiter hinauszögern.

Was tun?
Wir jungen Europäer können die Politik nicht mehr so umstürzen, wie 1848 oder 1968, dazu sind wir zu wenige – die Masse ist daher nicht auf unserer Seite, dafür aber die Zeit und die Qualität. Wir verstehen die digitale und globale Welt im Gegensatz zu den Alten deutlich besser, weil wir in sie reingeboren wurden und ihre Sprache sprechen. Unsere Zeit wird kommen, sofern keine Katastrophe dazwischenkommt. Daran wird auch das Aufflammen des reaktionären Populismus in den einzelnen Staaten nichts ändern können, wenn wir ihm nicht weitere Nahrung geben. Es gilt, jetzt geduldig dagegen anzuarbeiten, sich an den Wahlen zu beteiligen und darauf zu warten, bis die integrativen Prozesse zu ihrem logischen Ende und die Mehrzahl der Reaktionäre in ihren Altersheimen angekommen sind.

 


[1] Die genaueren kulturellen Prozesse und das Konzept der kulturellen Hegemonie erklärte ich in einem Essay über Antonio Gramsci: https://leveret-pale.de/liberaler-gramscismus

[2] Wie ich in meinem Essay „Warum wir eine liberale EU brauchen“ skizziert habe: https://leveret-pale.de/liberale-eu

[3] Das ist einen eigenen Artikel wert. Ich habe auch schon zu diesem Thema einiges geschrieben, aber ich werde noch etwas Zeit brauchen, um das alles zu einem veröffentlichtbaren Essay zu komprimieren, weshalb ich hier nur auf dieses Video verweise: https://youtu.be/xr4janMiEPE


Bild von Greg Montani auf Pixabay


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Blood Addicts – Der Musiker Lloyd Buchholz im Interview

Wie ich in dem ein oder anderen Interview selber gesagt habe, ist die größte meiner Inspirationsquellen das Leben an sich, also die Dinge, die ich erlebe und die Menschen, denen ich begegne. Eine Person, die mich dabei immer wieder inspiriert und in gemeinsamen Gesprächen auf neue Perspektiven und Ideen bringt, ist Lloyd Buchholz. Lloyd ist wie ich ein Münchener Kindl und schreibt auch – allerdings vor allem Songtexte zu einem wilden Genremix des „Acid Punk Rocks“, die er auch vertont mit seiner Band Blood Addicts aufführt. Er ist ein genialer und junger Musiker unserer jungen Gen Z, von dem ich glaube wir noch einiges sehen und hören werden. Für die Arbeit an meinem Roman „Zukunftsängste&Chill“ interviewte ich ihn daher auch einmal September 2018, um einen tieferen Einblick in die Welt des kreativen Musizierens zu erlangen (ich selber bin leider mit einer Triangel fast schon überfordert). Es entstand eine faszinierende, über vier Stunden lange Aufnahme – die ich aber entsprechend weder so komplett veröffentlichen kann, noch zu transkribieren willens bin. Wir traffen uns daher vor kurzem nocheinmal zu einem neuen und kürzeren, für die Öffentlichkeit bestimmten Interview, um die wichtigsten Kernelemente des ersten Interviews noch abzufragen und auch auf den neusten Stand zu bringen. Viel Spaß beim Lesen!

 

1.Wie kommt man auf den Bandnamen Blood Addicts?

Interessante Frage. Im Gegensatz zu dem, was viele annehmen, sind wir nämlich keine Vampire. Zwar sind der Teint der letzten 4 Monate ohne Sonne und die Schminke, die ich hin und wieder bei Live-Konzerten aufsetze, Indiz genug dafür, dass wenigstens ich einer sein könnte. Das ist aber jetzt auch diskutierbar.

Reisen wir ein wenig südlicher von Transsylvanien in das alte Griechenland zu einem sehr klugen Arzt namens Hippokrates von Kos. Er schuf nämlich die Viersaftlehre, welche wiederum die Vier-Temperamente Lehre stark beeinflusste. Um nicht zu tief in die Materie vorzudringen, versuche ich das kurz und knackig zu erklären: 

Es gibt laut dieser Theorie vier Temperamente bzw. Elemente zu welchen Menschen in verschiedenen Anteilen zugeordnet werden können. Diese heißen Choleriker, Melancholiker, Phlegamtiker und zu guter letzt Sanguiniker. Zu letzterer Gruppe habe ich mich paradoxerweise Weise in meiner nachdenklichstens Phase mit 14, 15 Jahren besonders hingezogen gefühlt.

Übersetzt bedeutet Sanguiniker nämlich der Blutsüchtige, da ihm ein rauschsuchendes und impulsives Verhalten nachgesagt wird. Und genau das macht auch den Spirit unserer Musik und Live-Performances aus, nämlich ausschweifendes Rumgetanze und lebensbejahende Parolen. Ich denke wir erwecken dadurch in jedem einen Funken Freude und Leben im Moment.

2. Wie kammst du zum Musizieren und in welchen Bands hast du vor den Blood Addicts gespielt? Und wie kam es zur Bandgründung?

Gefühlt wollte ich immer schon in einer Band spielen. Spätestens als ich damals als kleiner Bub auf MTV das Musikvideo von Clint Eastwood von Gorillaz gesehen habe. Ich muss da so 5 oder 6 gewesen sein, doch damals wusste ich sofort, dass ich das auch machen möchte. Von da ab hieß es für mich nur noch eins: Musikhören und mir dabei ausmalen wie sehr ich Bock darauf habe später einmal Rockstar zu werden. Meist habe ich damals wirklich gemalt, und zwar mich selbst wie ich dem grauen Alltag durch die Macht der Musik entfliehen kann. Eine Hürde war dann aber doch noch zu überwinden, denn ich hatte nicht die geringste Ahnung wie man ein Instrument spielt. Ich habe zwar immer schon gerne gesungen bzw. mir ab und zu selbst versucht Klavier beizubringen, um meine Lieblingslieder von den Beatles spielen zu können, aber es passierte nichts Weltbewegendes bis ich 13 wurde und endlich mit dem Gitarrespielen anfing. Es gab damals zwei Filme, die mich damals extrem beeinflussten: Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt, welcher mich für kurze Zeit zum Bassspielen animierte und The Song Remains The Same von Led Zeppelin. Letzterer Konzertfilm veranlasste mich nicht nur mit fast 14 den alten Bass von meinem Vater in die Ecke zu stellen sondern auch mir zum nächsten Geburtstag eine Gitarre zu wünschen und von da an jeden Tag bis zu 12 Stunden zu üben. Ich war schließlich meinen gleichaltrigen Mitmusikern ein paar Schritte zurück und musste aufholen. 

Zwei Monate später, unter anderem mit der Hilfe von meinem Gitarrenlehrer Landy Landinger, spielte ich Foxy Lady von Jimi Hendrix in der Schule vor und das nächste Jahr durfte ich in die Schulband. Mit 15 fing ich an mit meinem damals besten Freund, der beim Bassspielen geblieben war, im Keller eines Kollegen Musik zu machen. 

Die Geburtsstunde der Blood Addicts, die aus endlosen Jams und einem Cover von „Psycho Killer“ von den Talking Heads bestand.

Als ich 17 war, fragte mich die Band Zoo Escape an, ob ich bei ihnen mitspielen wollte. Ein halbes Jahr war ich dann dabei und sammelte mit ihnen meine ersten richtigen Erfahrungen als Live-Band. Danach wusste ich, dass es Zeit ist selbst etwas in die Hand zu nehmen und ich belebte die Blood Addicts mit meinem sehr guten Freund und Bassisten Fischer wieder zum Leben. Nicht lange nachdem die ersten Songs geschrieben wurden kamen auch schon Barbie Redskins und Helena an den Drums dazu und wir proben seit dem in einem kleinen aber preisgünstigem Jugendzentrum in Schwabing. 

Zusätzlich spiele ich als eine Art on /off Beziehung mit den Floating Nutshells als Gitarrist, wo aber bald mehr aus gemeinsamer Feder kommen wird.

3. Wie findest du Inspiration?

Ich habe manchmal eher das Gefühl Inspiration findet mich, als andersrum. Das klingt zwar wirklich nach dem stereotypischen Esoterik-Künstlergefasel was du unter Instagramposts von sogenannten „Personen des Öffentlichen Lebens “ finden kannst, aber es ist schon was dran. Beispielsweise kommen mir verdammt viele gute Ideen, vo rallem musikalischer Natur, beim Einschlafen oder beim Aufwachen. Dann nach einem harten Tag Durchmusizieren und komponieren, wenn mein Kopf eigentlich im Aufräummodus ist, hör ich plötzlich ein ganzes Orchester im Kopf. Oft verzauberten mich diese Momente der Trance so sehr dass ich mich entschließe einfach einzuschlafen mit den Gedanken: „*gähn* das ist so ne gute Idee, das vergessen ich doch nie in meinem ganzen Leben…“ Natürlich ist alles am nächsten Morgen weg. Seit dem mir ein paar zu oft passiert ist, überwinde ich mich jedes Mal aufs neue solche Ideen einzufangen. Manchmal schick ich kurz die Melodie und die Textfragmente meiner Freundin im WhatsApp Chat und markier sie anschließend mit einem Stern oder ich nehme wirklich einige Tonspuren in meiner DAW auf und kann dann zufrieden einschlafen.

Natürlich passiert das mit den Ideen nicht immer nur dann, wenn man es nicht erwartet. Ich spiele die meiste Zeit auf meiner Gitarre irgendwas vor mich hin, probiere neue Akkorde oder Kadenzen aus, übe vor  allem neue Techniken und Songs. Wenn ich nämlich eins gelernt habe über die 6 Jahre Gitarre spielen ist es, dass man niemals genug Wissen haben kann, in dem was man tut. Also für alle, die kreativ Songs schreiben wollt, lernt alles was ihr könnt, am besten aus den wildesten und auch schwierigsten Richtungen, das mit den Ideen kommt von selbst wenn man oft genug seine Komfortzone verlässt und hart genug übt.

4. Sind deine Lieder Einblicke in deinen Inneres oder ein Spiel mit der Wirklichkeit?

Sowohl als auch würde ich sagen. Es ist nicht immer einfach die Bedeutung eines Songtextes an die Wand zu nageln. Vor allem wenn man sich von der radiofreundlichen Popularmusik ein wenig wegbewegt, wird es oft sehr bizarr was die Instrumentierung und Lyrik einiger Stücke angeht. Da ich aber ein Mensch bin, der sich genau mit solchen Liedern, die mehr Fragen aufwerfen als sie zu beantworten, am liebsten beschäftigt, ist auch mein musikalischer Output nicht viel anders.

 Ich versuche meist ein gewisses Lebensgefühl oder einen Gedanken mit einem dem Text und der dazugehörigen Melodie an den Menschen zu bringen. Natürlich sind höchst intime Vorgänge, die ich da zur Schau stelle, doch ich denke ebenfalls, dass genau das ist was es wieder universell zugänglich macht. Dadurch, dass ich mehr über die Stimmung und Vibes singe und mit bewusst gewählten Worten, die als Eckpfeiler meiner Lyrik dienen, Assoziationen bei meinen Zuhörern wecke, tue ich vermutlich beides: Ich verbiege ein wenig meine eigene Wirklichkeit, um den anderen einen Zugang zu neuen Welten und Emotionen geben zu können.

Trotzdem kann man das nicht so pauschal sagen; ich denke jeder sucht sich am Ende des Tages mehr oder weniger die eigene Bedeutung des Songs raus. Manchmal kann es der Zufall sein, dass genau ein Lied der Blood Addicts läuft während sich zwei Menschen verlieben. Manchmal ist es ein wildes Live Konzert von uns, dass die Leute an einem ganz bestimmten Nerv trifft.

Ich überlasse das jedem selbst, was er aus den Songs herausliest.

5. Vorletztes Jahr bekam der Musiker Bob Dylan den Literaturnobelpreis, was sehr kontrovers diskutiert wurde. Ist ein Lied für dich Literatur?

Kontrovers oder nicht – eins denke ich wird jeder, der sich nur ansitzweise mit dem Bob Dylan Gesamtwerk auseinandergesetzt hat, zugeben:  Dylan ist kein normaler Musiker. Natürlich hat er Melodien und Rhythmen benutzt, und selbstverständlich war er auch darin sehr ausgefuchst, doch was obendrauf, quasi als Mon Cherie auf der Kirsche auf dem Sahnehäubchen des Rieseneisbechers liegt, ist das man Dylans Texte eben auch ohne musikalische Untermalung genießen kann. Da viele seiner Texte höchst politisch oder gesellschaftskritisch beeinflusst bzw.  beeinflussend sind, ist es vielleicht auch nicht schlecht sich mal in Ruhe nur mit den Lyrics des Guten Herrn auseinanderzusetzten.

Ich finde das sollte man sowieso sehr oft machen: Für mich als Songwriter ist es ebenso wichtig einen in sich stimmigen Text zu schreiben, welcher eben noch eine Aussage oder wenigstens ein markantes Gefühl vermittelt. Die wahre Kunst aber liegt darin die beiden Formate Lyrik und reines Instrumentalstück so zu verbinden dass ihre Moleküle nicht mehr von einander trennbar sind.

5. Wo kann man eure Musik live oder auch online erleben?

Wir geben des Öfteren Live-Konzerte, die wir meist mindestens eine Woche vorher auf Instagram bekannt geben. Ebenso kann man uns gerne anschreiben falls jemand selber eine Band hat und Unterstützung von einer Vor- oder Nachband braucht oder gerne an seinem Geburtstag uns vier schräge Vögel auf seiner Party haben will, damit wir bissl Musik machen und ordentlich auf den Putz hauen. 

Vor etwa einem Monat haben wir Fünf Songs im „Taptone Studio“ aufgenommen und die kommen bald auf eine kleine, aber feine EP mit samt einiger Überraschungen. Ein genaues Release-Datum ist noch nicht bekannt, da das Album erst fertig gemischt werden muss, doch ich denke so gegen Ende Juni werden wir ein dickes Fest im Namen der Veröffentlichung feiern können. 

Ab da an kann ein jeder die CD auf Spotify, Applemusic, Tidal und Co. anhören, bei Amazon erwerben oder (für die Haptikfans unter uns) sie direkt bei unseren Konzerten abstauben.


Wenn ihr mehr über Lloyd oder seine Band Blood Addicts erfahren wollt, so findet ihr sie auf Instagram: https://www.instagram.com/bloodaddicts/, dort werden Auftritte angekündigt und Einblick in das musikalische Leben gewährt.


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Jens Rohrer – Der Che Guevara der Ingolstädter Literaturszene im Interview

Jens Rohrer ist wahrscheinlich einer der kreativsten Autoren, die ich bisher getroffen habe, sowohl was die Texte, als auch die Vermarktungsmethoden angeht. Der 1975 geborene Autor schreibt seit einigen Jahren Kurzgeschichten, Gedichte und überarbeitet zurzeit seinen ersten Roman.  Durch seine Guerilla-Lesungen hat er sich den Ruf erworben der „Che Guevara der Ingolstädter Literaturszene“ zu sein. Doch was es damit auf sich hat, erklärt er am besten selbst.

1. Hallo Jens. Danke, dass du dir die Zeit für das Interview nimmst. Kommen wir direkt zur Sache: Wie kamst du zu deinem Ruf und generell auf die Idee Guerilla-Lesungen abzuhalten und wie läuft soetwas ab?

Die Idee entstand, als wir im Freundeskreis über Guerilla-Gardening sprachen. Da dachte ich mir: Na klar, Guerilla-Lesungen. Die Idee war, Literatur dahin zu bringen, wo sie sonst nicht stattfindet und vielleicht den einen oder anderen Wenig- oder Nichtleser dazu zu bewegen, mal wieder ein Buch aufzuschlagen. Ich tauche da unangemeldet an öffentlichen Orten auf und präsentiere ein literarisches Programm, das auf den Ort abgestimmt ist. Im Vorfeld wird die Lesung dann im sozialen Netzwerk angekündigt. Das Publikum ist also eine Mischung aus Eingeweihten und zufälligen Passanten. Zum Beispiel habe ich im Foyer des Klinikums Ingolstadt Krankheiten zum Thema gemacht, vor dem Schnapsregal eines Discounters habe ich aus Büchern von Schriftstellern gelesen, die Trinker oder Alkoholiker waren, im Ingolstädter Rathaus habe ich Beamtensatiren vorgelesen. Nur einmal wurde ich rausgeworfen (naja, eher gebeten zu gehen). Das war im Nordsee-Restaurant. Ich habe dort neben Auszügen aus „Der alte Mann und das Meer“ und anderen Büchern dann das letzte Kapitel aus „Moby Dick“ gelesen. Und wenn Ahab brüllt, muss das ja auch dementsprechend „vorgelesen“ werden. Das war denen dann zu viel. Es sind immer auch eigene Texte dabei. Das liest sich dann bei der Ankündigung in Reihung sehr schön, etwa: Mit Literatur von Hemingway, Kracht, Pamuk, Rohrer und Melville. J Auf youtube gibt es einige Mitschnitte von meinen Guerilla-Lesungen.

2. Wann hast du mit dem Schreiben angefangen und warum?  

Angefangen habe ich in den späten neunziger Jahren. Ich habe seit ich lesen konnte alles gelesen, was ich in die Finger bekommen konnte. Irgendwann hatte ich dann eigene Ideen, und die mussten ja irgendwohin. Also habe ich sie aufgeschrieben. Das war natürlich eine längere Entwicklung hin zu meinem heutigen Schreiben. Ganz zu Beginn dachte ich ja, Schriftsteller sein bedeutet,  so viel Rotwein zu trinken, wie nur irgendwie reinpasst und nächtelang zu schreiben. Das hat sich dann meist nach Allen Ginsberg oder Jack Kerouac angehört, war aber größtenteils Mist. Mittlerweile arbeite ich nüchtern und gehe früher ins Bett.

3. Du bist als Autor sehr lokal in Ingolstadt tätig, wo du auch geboren und aufgewachsen bist. Du bist relativ aktiv in dortigen Literaturszene und organisierst unter anderem mit den Autoren Pascal Simon und Dominik Neumayr eine eigene Lesebühne mit monatlich wechselnden Gästen. Welche Bedeutung hat Ingolstadt für dich als Autor und für wichtig schätzt du die lokale Literaturszene für dich als Autor ein?

Naja, Kant ist ja auch nie aus Königsberg rausgekommen. 😉 Bedeutung. Hmmh. Man kennt sich dort aus, kennt die Orte, an denen man Lesungen machen kann, ist dort gut vernetzt. Man kann sich an seiner Heimatstadt auch ganz gut reiben. Ich habe auch eine satirische Zukunftsvision geschrieben, die Ingolstadt auf die Schippe nimmt. Und in der Erzählung „Motor City“ vertauschen Elfen einen Einwohner der boomenden Autostadt mit einem Bürger aus der zerfallenden Autostadt Detroit. In der lokalen Autorenszene gibt es den Ingolstädter Autorenkreis, den ich auch leite. Da trifft man sich einmal im Monat, es werden neue Texte vorgelesen und besprochen. Das ist oftmals sehr hilfreich um der neuen Geschichte den letzten Schliff zu geben oder Unstimmigkeiten im Text auszumerzen.

 
4. Da du vor allem Satire schreibst: Wie weit darf Satire gehen und worin siehst du ihren Zweck?
Da ist natürlich Kurt Tucholskys Satz „Satire darf alles“. Dennoch hat Satire ihre Grenzen. Bloße Beschimpfungen sind noch keine Satire. Wobei bei Böhmermanns Erdogan-Gedicht dann der ganze Prozess drumherum schon wieder interessant war. Das war dann möglicherweise die Satire. Ich beobachte Verhaltensweisen und stelle mit Übertreibungen ihre Absurdität bloß. Oft braucht es die Übertreibung auch gar nicht, was dann auch wieder ein bisschen schlimm ist … Zum Beispiel hat im Netz ein AfDler geschrieben, dass das mit den Stürmen am Meer von den Windkraftanlagen kommt, wenn zu viel Strom im Netz ist, geben die den dann durch Drehen wieder ab. Wie soll man da noch Satire machen? Generell kommen durch den Witz Kritik und schwierige Inhalt besser beim Publikum an. Nach dem Lachen kommt dann oft auch das „Oh, Aha“. Wenn man mit erhobenem Zeigefinger Missstände anprangert, prallt man eher schon mal ab.

5. Wenn man sich mit deinem Werk vertraut machen will, welcher Text oder welches Video von einer Veranstaltung würdest du als Einstieg empfehlen?
Ich glaube, dass es da nicht DIE Geschichte gibt, mit der man einsteigen muss / sollte. Als Video auf YouTube passt vielleicht am ehesten „Einfluss am Abfluss“.

6. Was ist deiner Meinung nach das wichtigste für einen jungen Autoren, der gerade mit dem Schreiben anfängt?
Feedback. Und zwar von außen. Natürlich findet Oma deine Kurzgeschichte toll, das heißt aber nicht, dass sie auch wirklich gut ist. In vielen Städten gibt es Autorentreffs, bei denen man sich austauschen kann. Es  gibt im Internet Seiten wie z.B. leselupe.de, in denen man seine Texte veröffentlichen kann, hier erhält man oft konstruktive Vorschläge. Eine Möglichkeit sind auch Ausschreibungen von Verlagen oder Literaturzeitschriften. Ansonsten: Schreiben, Schreiben, Schreiben.

Vielen Dank für das tolle Interview! Mehr über Jens Rohrer könnt ihr auf seiner Webseite erfahren: https://www.jens-rohrer.org/


Die verwendeten Bilder habe ich vom Autoren zur Verwendung erhalten.

Fotographen: Norbert Müller (Beitragsbild), Claus J. Woelke (Bild 2)


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Das Trümmerfeld des Informationskriegs

Wie Online-Propaganda die Menschen und das Internet spaltet

Was haben Facebookseiten mit Namen wie “Black Matters”, “Brown Power” und “Patriotic Today”, “United Muslims of America”, “LGBT United” und “Army of Jesus” gemeinsam? Auf den ersten Blick scheint es nicht viel zu sein, doch es lohnt sich genauer hinzusehen: Sie existieren mittlerweile alle nicht mehr, hatten davor aber jeweils mehrere hunderttausende Follower und sprachen unterschiedliche, aber klar definierte Personengruppen in den USA an. Diese Facebookseiten verbreiteten dabei oft das, was man als Hatespeech, Fake News und Identitätspolitik bezeichnet, und hetzten ihre Follower gegen die Follower der jeweils anderen Seiten auf. So verteufelten zum Beispiel die Seiten “Black Matters” und “Brown Power” Weiße, insbesondere Polizisten, und riefen zu Demonstrationen der Black Lives Matter-Bewegung auf, während “Patriotic Today” gegen die Schwarzen und die BLM-Bewegung hetzte.

Die Hetze war aber nicht der primäre Grund, warum die Seiten 2016 von Facebook gelöscht wurden. Gelöscht wurden sie, weil sie wie circa 8,000 andere Facebookseiten und zahllose YouTube-Kanäle alle aus dem gleichen Gebäude stammen, einem unscheinbaren Betonklotz mit verspiegelten Fenstern in St. Petersburg. Dort hat die russische Internet Research Agency ihren Sitz, eine sogenannte Trollfabrik, die neben den Sendern Russia Today und Sputnik einer der größten Kanäle der russischen Online-Propaganda darstellt. In den USA haben die Folgen dieser Propaganda und deren noch immer laufende Aufarbeitung seit dem US-Wahlkampf 2016 zu einer tiefen Spaltung und Verunsicherung der Gesellschaft beigetragen. Entsprechend fürchtet man auch in Europa vor allem in Hinblick auf die bevorstehenden EU-Wahlen eine Wiederholung. Im Dezember 2018 legte daher die EU-Kommission einen Aktionsplan gegen Fake News und russische Propaganda vor, um die EU-Wahlen vor dieser zu schützen, da man befürchtet, sie könnten zu einem Erfolg von Anti-EU-Parteien beitragen. Doch warum ist diese russische Propaganda so effektiv und wie funktioniert sie? Warum zittert der halbe Westen vor einem Betonklotz in St. Petersburg, in dem ein paar “Trolle” sitzen?

Firehose of Falsehood – Der Feuerwehrschlauch der Falschheit

2015 veröffentlichte die amerikanische RAND Corporation (research and development), ein 1948 gegründeter staatlicher Thinktank, der das US-Militär berät, ein Paper, das das neue Modell der russischen Propaganda beschreibt. Die Strategien, die darin unter dem Namen Firehose of Flasehood, Feuerwehrschlauch der Falschheiten, beschrieben und zusammengefasst werden, stellen in ihrer Skrupellosigkeit jedes ARD-Framing meilenweit in den Schatten.

Grundlegend bauen die russischen Propagandastrategien wie die der Sowjetunion darauf, die eigenen Intentionen zu verschleiern und die Gegner gegeneinander auszuspielen, ohne dass sich diese dem  Einfluss der Propagandisten bewusst werden. So werden zum Beispiel bereits bestehende Ressentiments in der Gesellschaft des feindlichen Landes dazu heimlich verstärkt und etablierte Normen dekonstruiert. Dadurch soll der Feind sich selbst durch innere Konflikte zur außenpolitischen Handlungsunfähigkeit lähmen und am besten gleich selbst zerstören. Diese Vorgehensweise ist damit viel effizienter und kostengünstiger als die offensive Überzeugungsarbeit klassischer Propaganda oder konventionelle Kriegsführung. Russland mag zwar, was die Zahl der Soldaten und der physischen Waffen angeht, der NATO unterlegen sein, aber das ist in Zeiten der modernen, hybriden Kriegsführung im Cyberspace weitestgehend irrelevant, und das nicht nur, weil ein offener physischer Krieg aufgrund des nuklearen Damoklesschwerts quasi unmöglich ist. Ein kleines Team von Propagandisten kann mit wenigen gezielten Desinformationskampagnen, also dem Verbreiten von Fake News, immensere Schäden an den liberal-demokratischen Strukturen des Westens ausrichten als jeder Drohnenschlag – und das meistens auch noch unentdeckt. Spätestens seit dem Einfall Russlands in Georgien 2008 vollzog sich durch die neuen Möglichkeiten des Internets eine Revolution der russischen Propagandamethoden, die vor allem im Zuge der Krim-Annexion 2014 und den USA-Wahlen 2016 in ihrer vollen Ausprägung zur Anwendung kamen.

Das neue russische Propagandamodell der Firehose of Falsehood nutzt die ganze Bandbreite an Möglichkeiten der Digitalisierung, um den Gegner nicht nur über zahlreiche Kanäle wie aus Wasserschläuchen mit Lügen vollzuspritzen, sondern ihn regelrecht in Fake News zu ertränken, bis niemand mehr weiß, was wahr oder falsch ist. Als die Kern-Elemente dieses Modell identifiziert die Rand Corporation daher:

  1. High-volume and multichannel
  2. Rapid, continuous, and repetitive
  3. Lacks commitment to objective reality
  4. Lacks commitment to consistency

Die Psychologie hinter dem Fake News-Schwall

Über zahlreiche Kanäle, angefangen bei den Blogs und YouTube-Kanälen von Russia Today und Sputnik News bis hin zu zahllosen gefälschten Facebook-Seiten und durch die fingierten Kommentare von Bots und sogenannten “Trollen”, die Lügen, politische Memes und Provokationen in den Kommentarbereichen von Webseiten und in Foren verbreiten, werden europäische und amerikanische Internetnutzer in großer Menge und schneller Geschwindigkeit mit Fake News bombardiert. So wird die liberale Demokratie an ihrer größten Schwachstelle angegriffen: ihrer Abhängigkeit von der öffentlichen Meinung und einem Konsens, und damit von der Vernunft der Massen.

So operiert diese Art der Propaganda, indem sie den gesunden Menschenverstand durch die Ausnutzung mehrerer psychologischer Heuristiken und Denkprinzipien des menschlichen Geistes effektiv aushebelt: Durch den Informationsoverload werden die Menschen dazu verleitet, noch stärker als sonst schon mentale Abkürzungen (also Heuristiken) zu verwenden, um den Wahrheitsgehalt einer Meldung zu beurteilen. Das stärkt zuerst den sogenannten Primäreffekt, der bewirkt, dass Menschen sich für die erste Meldung zu einem Ereignis nicht nur mehr interessieren, sondern diese auch eher glauben und verinnerlichen als die darauffolgenden Meldungen, die die erste eventuell als Lüge enttarnen. Durch gegenseitige Zitation, eine professionelle Aufmachung und redaktionelles Bearbeiten erhalten die Fake News eine Art von Autorität und damit Glaubwürdigkeit, die den Nutzer dazu verleitet, nach dem Autoritätsprinzip zu urteilen (“wenn es seriös aussieht, muss es auch glaubwürdig sein”). Wenn ein Nutzer dann trotzdem nicht sofort einer Falschmeldung glaubt, so wirkt diese Propaganda langfristig dann trotzdem dadurch, dass er sie von allen Seiten immer wieder zu sehen oder zu lesen bekommt. Durch diese Wiederholung entsteht ein Reiterationseffekt (“was man oft hört, merkt man sich”). Spätestens, wenn er dann vergisst, dass die gemerkte Information aus unglaubwürdigen Quellen stammt, das “Fake” also vergessen und nur noch die “News” im Gedächtnis geblieben ist – was man in der Psychologie als Sleeper-Effekt bezeichnet – wird er sie auch in den meisten Fällen glauben. Durch diesen gezielten Angriff auf die psychologischen Schwachpunkte des menschlichen Verstandes ist es äußerst schwer, sich dem Einfluss dieser Propaganda zu entziehen. Man muss dafür besonders wachsam und kritisch sein, was wohl die wenigsten von uns sind, wenn sie morgens vor dem zweiten Kaffee noch im Bus zur Uni durch Facebook scrollen und eigentlich nur ein paar Memes und Aufreger zum Wachwerden suchen.

 

Des Weiteren – und das verwirrte die Forscher zu Beginn am meisten, denn es widerspricht allen bisherigen bekannten Propagandamodellen – bemüht sich diese Propagandastrategie nicht einmal im Ansatz um Konsistenz und Kontinuität oder irgendwie darum, sich zumindest teilweise den Anschein von Objektivität und Aufrichtigkeit zu geben. So leugnete Putin am Anfang der Krim-Krise, es wäre im Interesse Russlands, die Krim zu annektieren, genauso wie er sagte, es gäbe keine russischen Soldaten auf der Krim, nur um später zu verkünden, dass die Annektion natürlich von Anfang an der Plan war und selbstverständlich russische Truppen ausgeschickt worden waren, um die russische Mehrheit zu schützen. Noch extremer verbreiten russische Trollfabriken und Nachrichtensender sich widersprechende und rapide wechselnde und konkurrierende Fake News, um von der einen Seite zum Beispiel die Black-Lives-Matter-Bewegung zu verurteilen und von der anderen im gleichen Sekundentakt in den Himmel zu loben. Zusätzlich arbeiten rund um die Uhr professionelle “Trolle” in der Internet Research Agency daran, ihre tägliche Quote von 135 Kommentaren zu erfüllen, indem sie Streit in Foren anzetteln und Artikel und Autoren diffamieren, die nicht in die russische Agenda passen oder zu schlichten versuchen.

 

Bei genauerer Analyse ergibt sich, dass so eine Streuung und Ambivalenz bei Fake News hocheffektiv ist. Zwar mag es zu einem gewissen Grad der Glaubwürdigkeit schaden, wenn man ständig etwas anderes behauptet, doch zugleich wecken Widersprüche das Interesse der Rezipienten und wenn ein starkes Argument für den Meinungswechsel geliefert wird, wirkt die Quelle dann oft für viele Menschen paradoxerweise vertrauenswürdiger, da sie ausgewogener zu berichten scheint. Durch den Conformation-Bias und die personalisierten Algorithmen der sozialen Netzwerke bekommt der Rezipient am Ende aber auch zum Großteil nur das zu lesen und zu sehen, was eh seine Weltsicht bestätigt und seine soziale Gruppe anspricht, was ihn zu einer leichten Beute für instrumentalisierte Identitätspolitik macht. Wer dann doch versucht, aus seiner Filterblase auszutreten und sich nicht wie eine Schachfigur gegen die anderen Gruppen ausspielen zu lassen, der versinkt durch die Trolle und Fake News in einem Meer aus Widersprüchen, Lügen und Beleidigungen. Wie schwierig es ist, Trolle von echten Nutzern und von außen gestiftete Identitätspolitik und Chaos von genuinen Interessen zu unterscheiden, illustriert nicht nur die Black-Lives-Matter-Bewegung in den USA, deren gewaltsame Eskalationen nun zumindest zum Teil wohl ausländischem Einfluss zuzurechnen sind, genauso wie die Tumulte rund um den letzten US-Wahlkampf. Auch in Deutschland äußerte Angela Merkel während der Münchener Sicherheitskonferenz 2019 ihren Verdacht, die zeitgleich stattfindenden Schülerdemos der Fridays for Future könnten das Ergebnis ebensolcher hybriden Kriegsführung sein. Für diese Aussage wurde sie von den deutschen Medien scharf kritisiert – aber wer weiß schon am Ende, ob die Schüler, die sonst eher durch politische Passivität glänzen als durch Aktivismus, tatsächlich von selbst auf die Idee der Demos kamen oder nicht doch irgendwo ein paar von Russland betriebene Instagram-Seiten dahinter stecken? Und selbst wenn jemand behauptet zu wissen, wie es wirklich war, woher soll man wissen, ob man ihm trauen kann?

 

Steve Bannon und Trumps Fake News

Russland ist natürlich mittlerweile nicht die einzige Nation, die sich solcher schmutzigen Propagandatechniken bedient. Wer beim Lesen des Artikels bisher etwas mitdachte, der kam sicher nicht drumherum, an den wahrscheinlich größten Troll unserer Gegenwart zu denken: Donald Trump. Der US-amerikanische Präsident ist quasi eine Ein-Mann-Trollfabrik. Jeden Tag gibt er über alle Kanäle Polemik und Lügen von sich und ergänzt das noch mit einer endlosen Flut an privaten Tweets. Die Ähnlichkeit zum russischen Propaganda-Modell ist unverkennbar. Tatsächlich erklärte im November 2018 der ehemalige Wahlkampfberater von Trump und Chefstratege der Alt-Right Steve Bannon bei einem Q&A in Oxford ganz unverfroren, dass sich die Alt-Right und Trump ganz selbstverständlich der Lügen und des Populismus bedienen. Bannon und Trump sind, auch wenn es viele Linke gern so darstellen, keine Idioten. Sie wissen, dass vieles, was sie von sich geben, populistische Lügen sind. Aber nach Bannons Logik ist der Populismus die schmutzige Waffe, derer man sich bedienen müsse, wenn man das (in seinen Augen korrupte) “Establishment” angreifen und den Westen verteidigen wolle.

 

Man mag von Bannon halten, was man will, aber Trump und er konnten zweifelsfrei Erfolg verbuchen durch das Kopieren des russischen Modells. Dass sich nun das US-amerikanische Staatsoberhaupt und viele der US-amerikanischen Leitmedien aber am regen Verbreiten von Falschheiten und der Pervertierung der Wahrheit beteiligen, macht es langfristig für die Welt aber alles andere als besser, sondern stürzt sie eher langfristig in eine antiaufklärerische Paranoia.

 

Was tun gegen den Lügenstrom?

Wie soll eine Gesellschaft auf diesen endlosen Strom von Lügen reagieren, wie kann sie sich vor der Spaltung und dem Realitätsverlust durch so ein Fake-News-Bombardement wehren? Wie kann ein demokratischer Diskurs in so einem Umfeld weiter bestehen? Untätig kann eine Regierung nicht wegschauen und auch der Markt ist derzeit nicht wirklich in der Lage, eine Antwort hervorzubringen. Obwohl bereits viele der sozialen Netzwerke sich zumindest formell der Enthüllung von Fake News verschrieben haben und mehrere Webseiten und Zeitungen Faktenchecks veröffentlichen, ziehen sie trotzdem deutlich weniger Leser an als Fake News. Diese sind durch ihren skandalösen und emotionalen Charakter dabei auch für viele soziale Netzwerke deutlich profitablere Quellen für Klicks und damit Werbeeinnahmen als die sachlichen Texte der Aufklärer.

 

Die Lösungsvorschläge von RAND

Das Paper der RAND Corperation schlägt der Regierung daher vier Strategien vor, wie sie gegen die digitale Propaganda ankämpfen kann. So sollte man 1. die Bevölkerung warnen und die Wahrheit zuerst verbreiten, also schneller sein als die Gegenseite, um den Primäreffekt auszunutzen. Allerdings ist das oft schwer möglich – vor allem bei der Berichterstattung von Ereignissen, die nie stattfanden, sondern reine Erfindung der Propagandisten sind. Deswegen sollen die USA auch versuchen, 2. die Zielgruppen mit eigener Propaganda in eine “produktivere” Richtung zu lenken und dabei auch 3. die russische Propaganda damit zu übertönen und das Netz mit einer eigenen Firehose of Falsehood dominieren, wie es die neurechten Kreuzritter bereits mehr oder weniger erfolgreich mit Breitbart News und Rebel Media versuchen. Zu guter Letzt kann man natürlich auch 4. die Verbreitungsplattformen attackieren, was man in den letzten drei Jahren in den USA auch tat. Öffentlich ergaben sich daraus vor allem die für alle Seiten etwas peinlichen Auftritte der Chefs von Google und Facebook vor dem US-Kongress. Im Hintergrund entwickelten die Cyberstreitkräfte der US-Armee, das USCYBERCOM, die Vorschläge hingegen in die für sie typisch brachialen Strategien. Diese bestehen mehreren veröffentlichten Papieren und Medienberichten zufolge vor allem daraus, zusammen mit der NSA für die Tage rund um wichtige Ereignisse wie Kongresswahlen durch Hackerangriffe die Internetverbindung der Internet Research Agency lahmzulegen. Das sind aber eher Nadelstiche als eine langfristig zielführende Methode, da die Propaganda auch dann weiter wirkt, selbst wenn ihre Quelle für drei Tage im Jahr stehen bleibt, denn die Memes, Artikel und Clips der Propagandisten werden auch von unwissenden Nutzern geteilt, kopiert und weiterverbreitet.

 

Nationalisierung und Zensur des Internets

Eine weitere radikale Antwort auf den Informationskrieg, wie sie derzeit aber auch für viele andere Probleme vorgebracht wird, sind Nationalisierung und Protektionismus. Russland selbst hat am Anfang dieses Jahres einen Gesetzentwurf gebilligt, der eine Überwachung und Abschottung des russischen Internets vom restlichen Internet ermöglicht. Von einem souveränen russischen Internet und virtuellen Grenzübergängen ist darin die Rede und der Möglichkeit, bei Krisen die Verbindung zum nicht-russischen Internet sofort zu kappen. Man kann also von einer Nationalisierung des Internets sprechen, ähnlich wie sie bereits in China mit der Great-Firewall, aber auch in Iran und Nordkorea existiert.

 

Die offiziellen Maßnahmen der EU

Bereits 2015 gründete die EU eine 14-köpfige Expertengruppe, die East StratCom Task Force, was damals vor allem als Antwort der EU auf die russische Propaganda und deren Verwirrungstaktiken rund um den Abschuss des Flugzeugs MH17 galt. Seitdem listet diese Taskforce jede Woche potentielle Fake News auf, analysiert russische Medien und betreut ein globales Netzwerk von Fakten-Checkern, die vor Ort den Wahrheitsgehalt von Berichterstattungen prüfen. Die Ergebnisse der Task Force sind der Öffentlichkeit zugänglich und werden auf der Webseite https://euvsdisinfo.eu/ veröffentlicht. Wie effektiv diese Methode der Entlarvung von Fake News ist, kann man allein daran erkennen, dass selbst in politischen und journalistischen Dunstkreisen sich kaum jemand findet, der schon mal von der Webseite gehört hat. Dennoch hat die EU für die kommenden Wahlen das jährliche Budget der Task Force von 1,9 Millionen auf 5 Millionen mehr als verdoppelt. Darüber hinaus versucht die EU zurzeit, unter dem Vorwand der Terrorismus- und der Kriminalitätsbekämpfung und des Urheberrechtsschutzes zahlreiche Gesetzesreformen voranzubringen, die es durch Vorratsdatenspeicherungen und Uploadfilter ermöglichen, Inhalte und Nutzer in einem großen Maßstab zu überwachen und zu kontrollieren. Man kann spekulieren, dass damit auch in Wirklichkeit die Grundlagen für eine Great Firewall für Europa gelegt werden sollen.  

 

Liberale Alternativen zur Bekämpfung der Falschheit

Zensur und nationales Internet sind auf den ersten Blick effektive Lösungen für die Bedrohung der Fake-News-Propaganda, doch die Folgen könnten langfristig in einen totalitären Alptraum führen, da der Staat dadurch ein Monopol darauf erringen könnte, was wahr ist und was nicht. Das Problem der Fake News und der hybriden Kriegsführung ist ein gutes Beispiel dafür, wie die digitalisierte Welt uns vor Probleme stellt, die sich kaum durch die Anwendung alter Dogmen lösen lassen. Die Freiheit der Individuen im Westen kann nur bestehen, wenn sie sich nicht von innen oder außen durch Lügen und Populismus zerstückeln lässt. Ob wir es wollen oder nicht; wir befinden uns in einem globalen hybriden Krieg, den wir zurzeit an die Lügner und Populisten verlieren. Vor allem in Hinblick auf die kommenden EU-Wahlen sollte jeder von uns daher Selbstverantwortung übernehmen, kritisch die konsumierten Medien betrachten und seine Stimme erheben für Freiheit und Wahrheit, die besseren Memes posten und sich nicht von der Filterblase verführen lassen.  


Dieser Artikel erschien ursprünglich auf dem Blog von Peace Love Liberty: https://peace-love-liberty.de/das-truemmerfeld-des-informationskriegs/ sowie in gedruckter Form in der Printausgabe desselben Magazin April 2019.


Weiterführende Links:

  1. https://www.rand.org/pubs/perspectives/PE198.html
  1. https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/russland-will-nationales-intranet-eiserner-digital-vorhang/24005666.html
  2. https://peace-love-liberty.de/

Image by Elchinator from Pixabay

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Künstliche Intelligenz – Das Ende des Kapitalismus?

Dieser Artikel erschien ursprünglich am 26.03.2019 auf dem Blog des Magazins Peace Love Liberty.

Diese Zeilen entstanden, wie alle Artikel von Peace Love Liberty, in quasi menschlicher Handarbeit. Diese läuft in der Regel wie folgend ab: Ein Autor setzt sich in einigen freien Stunden hin, recherchiert Quellen und liest sich in das Thema ein, bis er sich sicher ist ausreichend zu wissen. Der Autor tippt dann auf der – meist von Energydrinks bereits klebrigen Tastatur – einen ersten Entwurf. Er überarbeitetet diesen mehrmals und schickt ihn anschließend an die Redaktion. Sofern der Artikel nicht abgelehnt wird, lesen ihn ein oder zwei Redakteure sorgfältig durch und merken Fehler und Verbesserungsvorschläge an. Der Text geht zurück an den Autor, dieser bearbeitet den Artikel erneut und schickt ihn wieder an die Redaktion, die ihn erneut prüft und gegebenenfalls mit neuen Verbesserungsvorschlägen zurückschickt. Der Prozess geht solang hin und her, bis die Redaktion und der Autor zufrieden sind und der Chefredakteur den Artikel freigibt. Es folgen Bildersuche, Formatierung und schließlich die Veröffentlichung auf dem Blog.

Rein theoretisch könnte dieser Prozess bereits aber ganz anders ablaufen und nur wenige Sekunden dauern: Der Eigentümer des Magazins tippt in ein Programm das von ihm gewünschte Thema ein und ein Computer generiert dank Künstlicher Intelligenz in Sekundenbruchteilen einen fertigen Artikel, der bereits fehlerfrei und nahezu perfekt formuliert ist. Ein Redaktionsteam, geschweige denn freie Autoren und deren Kreativität und Arbeitszeit wären überflüssig.

GPT2 – Der Alogrithmus, der Artikel und Romane schreiben kann

Dieses Szenario ist bereits jetzt in Grundzügen technisch möglich, wenn man den Berichten des von Elon Musk gegründeten Non-Profit-Unternehmens OpenAI über deren neuste Entwicklung GPT2 Glauben schenken mag. Dabei handelt es sich um den Prototypen einer KI, die selber Texte schreiben kann, die in der Qualität denen von Menschen im Wenigen nachsteht. Im Gegensatz zu alten Textgeneratoren ist dieses Programm nämlich in der Lage, Inhalte von Texten quasi zu verstehen und eigene Inhalte sich auszudenken. So schrieb GPT2 in einem Versuch einen fiktiven Artikel aus der Zukunft des Brexits, den es mit fiktiven Zitaten britischer Politiker und Andeutungen über Probleme an der irischen Grenze versah.

Diese unglaubliche Qualität liegt vor allem darin begründet, dass GPT2 im Zuge des maschinellen Lernens mit einer Textmenge gefüttert wurde, die rund 35,000 Romanen entspricht – mehr als ein Mensch jemals in seinem Leben lesen könnte.

OpenAI hat sich entschieden die anwendbaren Ergebnisse und die Quellcodes ihrer Forschung nicht zu publizieren, da die Befürchtung besteht, dass ein derart starker Textgenerator in vielerlei Hinsicht missbraucht werden könnte. Dabei stehen die Sorgen um die Arbeitsplätze diverser Redaktionsteams allerdings eher an hinterster Stelle, sondern vor allem die Befürchtung, dass damit das Internet hocheffizient und rapide mit FakeNews-Artikeln geflutet werden könnte.

OpenAIs GPT2 ist, wie alles was zurzeit auf der Welt als KI bezeichnet wird, jedoch keine eine echte Künstliche Intelligenz, sondern „nur“ ein hocheffizientes Computerprogramm, das mit Sprache intelligent umgehen kann. GPT2 und andere zurzeit existierende Programme deuten aber bereits an, wozu eine echte Künstliche Intelligenz, die nicht nur maschinell lernen, sondern auch autonom handeln und sich selbst modifizieren könnte, in der Lage wäre. Die Möglichkeiten solcher KIs werfen extreme Fragen um die langfristige Zukunft der Märkte und der Menschheit auf, denn ihre Entwicklung bedeutet den Beginn einer neuen industriellen Revolution.

Angebot und Nachfrage

Wenn in sich in einigen Jahrzehnten KIs durchsetzen sollten, die Artikel, Musik und Computerprogramme schreiben, Fabriken und Farmen betreiben, LKWs und Drohnen steuern können, welchen Platz haben dann der Mensch und seine Produktivität noch in der Gesellschaft? Die Freiheit des Menschen geht mit der Freiheit der Märkte und damit der Möglichkeit zur freiwilligen Partizipation an Transaktionen einher. Doch wie können Märkte frei sein und Transaktionen zustande kommen, wenn das Angebot auf dem Markt nicht mehr von Menschen, sondern vollständig oder nahezu vollständig von KIs gestellt wird? Dabei geht es nicht nur um Schriftsteller, die arbeitslos werden würden, weil der Eigentümer von Axel-Springer nicht mehr tausende von Redakteuren braucht, sondern lediglich die Lizenz für eine KI. Oder um die Zukunft von Fabrikarbeitern und LKW- und Taxi-Fahrern, die von 3D-Druckern und selbstfahrenden Autos ersetzt werden. Bereits jetzt gibt es erste Programme, die Krankheiten besser erkennen, als ein Arzt. Und selbst der ruhigste Chirurg hat zittrige Hände im Vergleich zu einem Roboter. Google präsentierte vor einiger Zeit sogar ein Programm, das Gespräche und E-Mails mit Menschen führen kann, wobei die Menschen auf der anderen Seite nicht in der Lage waren, den Computer von einem echten Menschen zu unterscheiden. Wozu also Call-Center? Erste Prototypen von Google sind sogar in der Lage selber Computerprogramme zu entwickeln, womit sich die Informatiker selber abschaffen, weil sie auch teilweise nicht mehr in der Lage sind nachzuvollziehen, was das Programm da programmiert. Vom ungebildeten Analphabeten bis hin zum studierten Experten werden alle in ihren Arbeitsplätzen durch KI langfristig bedroht.

Frühere Revolutionen der Wirtschaft und Gesellschaft, wie die Industrielle Revolution und die Digitalisierung, vernichteten zwar unzählige Arbeitsplätze, schufen allerdings unterm Strich mehr neue Jobs und ermöglichten es den Menschen essentielle Güter wie Nahrungsmittel und Kleidung viel billiger zu bekommen. Es fielen vor allem die Arbeitsplätze in schwierigen und unangenehmen Berufen der Landwirtschaft und der Industrie weg, also primär Berufe, die Handarbeit und körperliche Kraft benötigen, die nun von Maschinen erledigt werden kann. Die Menschen konnten daraufhin auf die immer wichtiger werdenden Dienstleistungen und geistigen Arbeiten ausweichen und statt mit ihren Händen mit ihrem Verstand arbeiten. Es besteht daher bei vielen die Annahme, dass es im Falle eine KI Revolution ähnlich zugehen würde. Was dabei oft ausgeblendet wird, ist wie radikal eine echte KI Revolution wirklich wäre. Im Gegensatz zu Maschinen kann der Menschen mit seinen Verstand und seiner Kreativität in der post-industriellen Gesellschaft arbeiten. Womit und in welchen Bereichen soll der Menschen aber in einer KI-Welt arbeiten, wenn seine Intelligenz und Kreativität von der der KIs bei weitem übertroffen wird? Wenn KIs das komplette oder beinah komplette Angebot nicht nur auf den materiellen, sondern auch geistigen Märkten produzieren, was für Angebote kann der Mensch bieten? Nichteinmal seinen Körper kann er verkaufen, wenn Spenderorgane aus 3D-Druckern kommen und täuschend echte Sexroboter, wie sie bereits in China und Japan seriell produziert und verkauft werden, die Bordelle übernehmen. Bleibt den Menschen dann nur noch übrig als Nachfrager zu dienen und zu konsumieren? Wie sollen sie aber dann für das Angebot bezahlen, wenn sie über keine relevante Produktivkraft mehr verfügen, die sie eintauschen können?

Realistisch betrachtet ist aufgrund der Tatsache, dass auf der Erde zurzeit noch die meisten Länder technologisch weit unterentwickelt sind und Wachstumspotential besteht, noch sehr viel Zeit, bis im Falle einer KI Revolution der komplette Markt von KI dominiert wird. Zurzeit herrscht auch im Westen akut eher aufgrund des demographischen Wandels ein Defizit an qualifizierter, menschlicher Arbeitskraft. Auch ist es nicht sicher, ob es technisch wirklich möglichst ist eine echte KI zu erschaffen. Aber sollte dies der Fall sein, könnte sich eines Tages tatsächlich die Frage stellen, was der Mensch eigentlich noch selber machen kann und soll. Wie sollen jene Menschen, die keine Jobs und damit kein Geld mehr haben, Zugang zu den kommenden technologischen Errungenschaften bekommen? Wäre dann eine Art SciFi-Kommunismus die Antwort, in welchem alle Produktionsmittel, ergo alle KIs, vergesellschaftlicht werden und die Menschheit kollektiv von deren Arbeitskraft dank einer bedingungslosen Grundversorgung lebt? Wenn jede Produktion und jeder Bedarf von vernetzten Computern registriert und kontrolliert wird, fällt schließlich das Problem der Anmaßung von Wissen weg, die es menschlichen Planern unmöglich macht Wirtschaft zu planen. Aber es bleibt dann die Frage nach dem Warum des Lebens, ohne das selbst das einfachste Wie unerträglich wird. Was soll dann der Mensch machen? Womit soll er sich die Zeit zwischen Geburt und Tod vertreiben? Mit einem noch extremeren Hedonismus, als er bereits in vielen westlichen Ländern sich etabliert hat? Mit einer Existenz ohne Herausforderungen und Aufgaben, die nur noch aus einer einzigen Neftlix-Binge-Session, VRPorn und Xanax-Wettschlucken besteht?

Liberalismus jenseits von Angebot und Nachfrage

Wie die Vergangenheit gezeigt hat, wäre so ein SciFi-Kommunismus nicht nur mit liberalen und aufklärerischen Werten schwer zu vereinbaren, es würde auch die Gefahren die mit jeder Zentralisierung und Enteignung einhergehen mit sich bringen, nämlich Diktatur und Terror – wobei eine komplett digitalisiert durchdrungene Welt auch absolute Überwachung und Unterdrückung ermöglichen würde, wie es bereits in China mit seinem SocialCredit System in Ansätzen realisiert wird. Müssen wir Menschen daher, wie es OpenAI nun mit GPT2 getan hat, KI-Entwicklung einschränken oder gar stoppen? Muss der Staat vielleicht doch eingreifen und regulieren und paradoxerweise mal den freien Markt dadurch vor einer Selbstzerstörung zu schützen?

Diese und weitere Fragen wirft die Möglichkeit der Existenz einer echten KI auf, und keine der bestehenden, klassischen Denkschulen und Theorien über Wirtschaft und menschliches Zusammenleben, bietet darauf eine schlüssige Antwort. Das liegt nicht nur darin begründet, dass mit den KIs etwas entsteht, das Arbeit nicht nur erleichtert, sondern komplett ersetzen könnte. Das Problem mit KIs ist, dass sie nicht nur Maschinen oder Werkzeuge sind wie gewöhnliche Computer und Algorithmen, die von Menschen benutzt werden können, um Arbeitsprozesse zu vereinfachen. Die Folgen ihrer Existenz würden weit über die ökonomischen Konsequenzen hinausgehen. Richtige KIs wären autonome, selbsthandelnde Entitäten, mit Kapazitäten in Intelligenz und Kreativität, die de facto übermenschlich sind. Unsere bestehenden Theorien über die Wirtschaft und Politik bauen allerdings vor allem auf bestimmten Menschenbildern und Vorstellungen vom Funktionieren menschlicher Gesellschaften auf – Theorien oder schlüssige Bilder, die die Existenz von übermenschlichen Akteuren wie KIs miteinschließen, haben wir bisher, bis auf wenige Ansätze diverser Wissenschaftler und Intellektueller, (noch) nicht.

Wenn wir die Freiheit des Individuums langfristig erhalten wollen, müssen wir daher auch darüber nachdenken, wie wir das anstellen, wenn mit dem freien Markt eine der wichtigsten Grundlagen dafür, wegfällt. Die Fokussierung auf wirtschaftliche Themen, wie sie momentan in der liberalen Szene vorherrscht, könnte dabei im Weg stehen, da sie den Blick versperrt auf die Frage nach der Freiheit jenseits des Ökonomischen und die langfristigen Hürden für die Aufrechterhaltung von gesellschaftlicher Stabilität und Freiheit.


Wie so eine von KI regierte Welt aussehen könnte, habe ich übrigens bereits 2017 in meiner Novelle „Das Erwachen des letzten Menschen“ thematisiert: https://amzn.to/2WvHbXg


Bildquelle: https://pixabay.com/photos/robot-woman-face-cry-sad-3010309/

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Die Verlegerinnen von Hummel&Sahne im Interview

Die meisten meiner Leser kennen bereits den Verlag Hummel&Sahne zumindest vom Namen her, denn in dessen erster, gerade erschienen Anthologie „Abgeranzte Liebe“ bin ich mit meiner Kurzgeschichte „Abort“ vertreten. Ich habe auch schon in meinen letzten Posts und Interviews erzählt, dass ich die beiden Verlegerinnen Helen und Sarah bei einem Münchener Autorenstammtisch kennenlernte, als die Idee zu ihrer Verlagsgründung entstand. Doch wer sind diese beiden ambitionierten Verlegerinnen? Nachdem sie mich bereits einmal für ihren Verlagsblog interviewt haben, dachte ich, drehe ich den Spieß mal um:

Hallo, es freut mich, dass ihr beiden euch die Zeit für das Interview nehmt. Ich kenne euch beide ja bereits, aber wollt ihr euch nochmal kurz den Lesern vorstellen? Wer seid ihr, was macht ihr?

Wir sind zwei Jungautorinnen, die Spaß haben miteinander und mit anderen Autoren zusammen zu arbeiten. Aus dieser Motivation heraus ist auch Hummel&Sahne entstanden. Wir wollen voneinander lernen und so das bestmögliche Ergebnis erzielen. Uns ist die Qualität der Texte, die wir veröffentlichen, wahnsinnig wichtig.

Der Weg zum eigenem Verlag ist ja alles andere als einfach. Ihr habt auf eurem Blog ja bereits erzählt, wie ihr euch beim Autorenstammtisch kennengelernt habt und auf die Idee von Abgeranzte Liebe kamt. Was hat euch dazu motiviert diesen Weg zu gehen und was waren dabei die größten Hürden, die ihr überwinden musstest? Was habt ihr unterwegs gelernt?

Die besten Ideen entstehen ja, wenn man nicht damit rechnet. Auf besagtem Autorenstammtisch wurde die Idee bei einem Glas Wein geboren. Wie begeistert wir beide davon waren, haben wir erst am nächsten Morgen festgestellt, als wir unabhängig voneinander die Idee weiter gesponnen haben. Von der Ernsthaftigkeit waren wir ehrlich gesagt selbst überrascht. Von da an haben wir uns gegenseitig stark motiviert. Alleine hätte keine von uns dieses Abenteuer gestartet. Das ging nur im Team. Gelernt haben wir wahnsinnig viel. Angefangen bei der Art und Weise Feedback zu geben, wie wir lektorieren wollen bis zu rechtlichen Angelegenheiten. Was macht einen fairen Autorenvertrag aus beispielsweise.

Was macht das fertige Buch „Abgeranze Liebe“ so besonders? Warum sollte man es kaufen und lesen?

Es wird viel über Liebe geschrieben. Aber die Schattenseite davon ist ebenfalls allgegenwärtig und sollte nicht verschwiegen werden. Das Wort „abgeranzt“ steht nicht im Duden. Umso spannender ist daher die Interpretation von verschiedenen Autoren. Das Ergebnis sind wahnsinnig tolle Texte, die alle einen eigenen Charakter haben. Dank all der Energie, die wir in dieses Projekt gesteckt haben, wird jeder einzelne Text zu einem Erlebnis.

Wie sieht es mit eurem eigenen Schreiben aus? Bei anderen Autoren, die Verlage gegründet haben, habe ich oft beobachtet, dass sie am Ende selber mit dem Schreiben aufhörten und sich ganz dem verlegen widmeten. Wollt ihr weiterhin selber schreiben und bekommt ihr es noch unter den Hut?

Auf jeden Fall. Das Schreiben ist für uns nicht nur ein Hobby, sondern etwas, das wir brauchen. Sarah bezeichnet das Schreiben immer als Psychotherapie. Wenn es ihr schlecht geht, schreibt sie. Helen geht es da ähnlich. Schreiben ist einfach ein Teil von ihr, ohne geht es nicht. Aber dafür braucht es Selbstdisziplin. Schreiben ist eine kreative Tätigkeit, die Zeit benötigt. Und Zeit ist ja bekanntermaßen des Künstlers wichtigste Ressource. Da hilft nur sich Zeitfenster aus dem ohnehin schon vollen Terminkalender frei zu schaufeln und rigoros zu blocken. Mails ausschalten. Telefon auf lautlos und am Besten im Nebenraum. Wir machen all das neben unserem Brotjob. Da wird effizientes Zeitmanagement extrem wichtig. Momentan arbeiten wir beide an einem Roman.

 

Was kommt als nächstes? In welche Richtung soll sich der Verlag Hummel&Sahne weiterentwickeln?

Unsere Ausrichtung ist feministisch und gesellschaftskritisch. Wir wollen starke Frauen darzustellen. Es gibt viele Lebensentwürfe für Frauen, die alle ihre Berechtigung haben. Und genauso viele Geschichten, die erzählt werden wollen. Sarah beschäftigt sich mit sozialen Ungerechtigkeiten und ökologischen Themen. In ihrem Romanprojekt thematisiert sie Rassismus und Ressorcenausbeutung. Helen hat Luft- und Raumfahrttechnik studiert und arbeitet in einer klassischen Männerdomäne. Sie beschäftigt sich unter anderem mit unserer modernen Arbeitswelt. Wir haben gemerkt, dass sich unsere Themengebiete wunderbar ergänzen und wollen daraus etwas erwachsen lassen, das andere Leute inspiriert und zum Nachdenken bringt. Wir möchten Literatur schaffen über die man diskutieren kann und gleichzeitig davon unterhalten wird. All unsere Texte sollen eine Botschaft tragen. Um unseren eigenen Blickwinkel zu weiten arbeiten wir mit Autoren zusammen. Im Herbst dieses Jahres soll die nächste Anthologie folgen.  Anschließend hoffentlich unsere eigenen Romanprojekte. Unsere Vision ist es Bücher von Autoren zu veröffentlichen, die ähnliche Sichtweisen haben wie wir.


Wenn ihr mehr über abgeranzte Liebe und den Verlag Hummel&Sahne erfahren wollt, solltet ihr unbedingt auf deren Blog vorbeisehen: www.hummelundsahne.de Die Anthologie könnt ihr unter anderem hier erwerben: https://amzn.to/2UebTXc


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Warum wir eine liberale EU brauchen

Bürger- und Menschenrechte, die Freiheit der Märkte und der Gedanken, Rechtsstaatlichkeit, Individualismus, der Glaube an Aufklärung, Diskurs, Toleranz und Fortschritt. Das sind die Kernwerte des Westens – und die des klassischen Liberalismus. Der Etablierung und Umsetzung dieser Werte haben wir es zu verdanken, dass die Menschen im Westen, das heißt vor allem in Nordamerika, Australien und Europa, in einem Glück leben, wie es einzigartig in der Welt ist. Fast nirgendwo sonst können die Menschen so viel Freiheit genießen; sei es bei der Wahl ihres Berufs, der Wahl ihrer Liebesbeziehungen, ihres Wohnortes oder bei der schlichten Entscheidung, welches Produkt sie aus dem überfüllten Supermarktregal nehmen sollen, während sie zugleich frei von den Schrecken eines Krieges oder eines Terrorregimes in Frieden leben können.

Vor allem wir jungen Menschen in Europa nehmen diese Freiheit und den Frieden oft als etwas Selbstverständliches an; doch leben wir im Gegenteil nicht nur in einer geographischen Filterblase, sondern auch in dieser in einer einzigartigen historischen Neuheit. Noch vor etwas über 30 Jahren litt halb Europa hinter dem Eisernen Vorhang unter den Schrecken des Kommunismus und die ganze Welt lebte in Angst vor dem nuklearen Damoklesschwert; in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts starben Millionen, um die Werte der Freiheit gegen Faschismus, Nationalsozialismus und Kommunismus zu verteidigen. Die EU und ihre Vorgängerinstitutionen haben in den letzten Jahrzehnten dafür gesorgt, dass das vergossene Blut nicht umsonst war und die einzigartige Freiheit, der Wohlstand und der Frieden in Europa prosperieren konnten. Es ist jedoch alles andere als gewiss, ob diese historische Phase des Friedens und der Prosperität nicht doch nur eine kurze Episode ist und nicht der Beginn einer friedlicheren Weltordnung, wie wir es sonst anzunehmen geneigt sind. All diese Errungenschaften stehen nämlich heute auf dünnem Eis und von allen Seiten schlagen Krisen gefährliche Risse, die Europa erneut zurück in die Barbarei zu stürzen drohen.

Der demographische Wandel und unkontrollierte Migration erdrücken die arbeitende Bevölkerung, Zentralisierung, Nepotismus und Protektionismus zerstören die Märkte, der Klimawandel den Planeten. Digitalisierung und K.I.s machen die Zukunft des Arbeitsmarkts scheinbar unberechenbar; russische, islamische und chinesische Expansionsbestrebungen, und zeitgleich der Vertrauensverlust in die USA, drängen Europa aufgrund ihrer vernachlässigten Verteidigungspolitik wieder als potentielles Schlachtfeld in das Zentrum der globalen Machtkämpfe. Hedonistische Dekadenz und Ignoranz gegenüber der Geschichte und den Werten Europas, gepaart mit der Propaganda ausländischer Mächte und den Ideologien der Neuen Linken, treiben die Jugend wie eine Herde bekiffter Schafe über die kulturelle Klippe, in den Abgrund von Nihilismus und Selbstzerstörung. Populismus und Identitätspolitik von Links und Rechts spalten in Folge die Bevölkerung und die Parlamente. Spätestens seit dem Brexit werden die nicht unberechtigten Befürchtungen lauter, das Überleben der EU angesichts so vieler innerer und äußerer Feinde sei in Gefahr.

Dabei ist der größte Feind der Europäischen Union die Europäische Union selbst. Sie ist nämlich in den vergangenen Jahren zu einem bürokratischen Monster geworden, das still und heimlich immer mehr Macht an sich reißt. Diese Entwicklung hat zu der Politikverdrossenheit und dem Populismus geführt, die viele der Krisen in der EU um Euro, Migration und Rechtsstreitigkeiten verschärft haben und auch mitunter unlösbar machen. Vor allem die Migrationskrisen stürzten die EU in innere Konflikte und trieben viele Menschen in die Arme von Rechtspopulisten, die einfache Lösungen versprechen. Um das Problem der Migration zu bewältigen, helfen allerdings weder die linkspopulistischen und naiven Forderungen nach komplett offenen Grenzen, noch die rechtspopulistischen und ebenso irren Forderungen nach totaler Abschottung und Zersplitterung. Gleiches trifft ebenso auf die anderen aktuellen Krisen der EU zu, sei es die Verteidigungspolitik, der Klimawandel, der Brexit oder der Umgang mit China und Russland. Populistische, einfache Antworten sind ungefähr so effektiv, wie sich einen Fuß abzusägen, weil der kleine Zeh gebrochen ist – sie führen uns, genauso wie die Populisten und Utopisten des vergangenen Jahrhunderts es immer wieder taten, eher zurück in die Schützengräben, wenn nicht gar in eine nukleare Wüste, als dass sie jemals eines ihrer Utopieversprechen einlösen. Auch eine konservative “Weiter so”-Politik, die an der Vergangenheit festhält, wie sie im Deutschland der letzten Jahren grandios gescheitert ist,  kann keine konstruktiven Lösungen bieten. Wir leben in einer Welt, die sich immer schneller entwickelt und taktet und sich in einer technologischen Revolution befindet, deren Ausgang möglicherweise zurzeit unvorstellbare Veränderungen des Menschen durch Gentechnik, künstliche Intelligenzen und Gehirn-Computer-Schnittstellen sein wird. Darauf muss die Politik aktiv reagieren, wenn der Fortschritt an Europa und seinen Bürgern nicht vorbeiziehen soll.

Die konstruktive Antwort auf die existierenden und kommenden Herausforderungen Europas können deshalb nur liberale Reformen der EU liefern. Die Europäische Union ist als Soft Power und Koordinationsnetzwerk der europäischen Staaten eine einzigartige und nicht mehr wegzudenkende Errungenschaft, vor allem im Hinblick darauf, dass sich Europa nur geschlossen gegen die Machtspiele der USA, der islamistischen Staaten,  Russlands und Chinas bewähren kann. Sie abzuschaffen wäre daher Selbstmord – sie aber in ihrem jetzigen Kurs weiter gewähren zu lassen, wäre eine sichere Nominierung für den Darwin-Award. Die Eigendynamik der überflüssigen EU-Bürokratie muss in seinem immer perverser werdendem Wachstum eingedämmt werden; und ebenso muss den Träumen einiger Linker aus Europa eine neue Sowjetunion oder einen anderweitig dysfunktionalen Zentralstaat zu machen, Einhalt geboten werden. Europa kann sich in den komplizierten Zeiten, die uns bevorstehen, weder einen regressiven Rückfall in die Kleinstaaterei des 19. Jahrhunderts leisten, noch einen erstickenden, das Leben und damit die Produktivkräfte ausbremsenden Bürokratiekoloss.

Europa braucht stattdessen eine starke, liberale EU, die die europäischen Werte von Freiheit und Recht verteidigen kann, die sich nicht auf die Gefühle einiger laut schreiender Extremisten, sondern auf das aufklärerische Ideal der Vernunft verlässt; die nicht der Versuchung der Macht erliegt, sondern der spontanen Ordnung und den regionalen Politikern gewähren lässt und zugleich aufgeschlossen gegenüber der Zukunft und den damit einhergehenden notwendigen Veränderungen ist. Nur so kann langfristig der Wohlstand gemehrt, mit Innovationen die Umwelt gerettet und Frieden und Freiheit bewahrt werden. Und auch nur ein stabiles und funktionierendes Europa ist am Ende auch in der Lage, den Wohlstand und die Freiheit auch in andere Länder zu verbreiten und so auch die gesamte Welt besser zu machen.

Liberale Politik bedeutet nämlich nicht nur freie Märkte schaffen – auch wenn diese essentiell sind, da es kaum freie Menschen ohne einen freien Markt geben kann. Liberale Politik bedeutet vor allem Mut zu notwendigen Veränderungen, die Verteidigung der Errungenschaften der Freiheit, der Glaube an die Zukunft und den Wert der Bildung, sowie an die Verantwortung und die Rechte des Individuums. Und das brauchen wir heute in Europa so dringend, wie vielleicht noch nie zuvor.


Dieser Artikel erschien ursprünglich am 09.03.2019 auf dem Blog des Magazins „Peace Love Liberty“: https://peace-love-liberty.de/liberale-eu/ Und ist mehr oder weniger die Zusammenfassung der politischen Forderungen, die sich aus meinem Essay „Der Nihilismus der Freiheit“ ergeben, aber auch aus meiner Islamkritik.


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#kunterbunteleserschaft – Die Bloggerin Frollein von Kunterbunt im Interview

Vor kurzem erschien auf dem Blog Frollein von Kunterbunt ein Interview mit mir zu meinen Lesegewohnheiten. Dieses Interview war mein Beitrag zu ihrem Projekt #kunterbunteleserschaft. Doch was sind die Hintergründe und Ideen hinter diesem Projekt und wer ist die Bloggerin dahinter? Dieses Interview soll etwas Licht ins Dunkle bringen.

Du betreibst den Blog https://frolleinvonkunterbunt.wordpress.com. Worum geht dort und was hat dich zum bloggen gebracht?

Der Weg zu meinem eigenen Blog war ein schleichender Prozess. Ich habe vor vielen Jahren mit Instagram angefangen und dort irgendwann bemerkt, dass es eine ziemlich große Bücher-liebende Community gibt. Ich fühlte mich endlich verstanden und fing an, mich mit anderen sogenannten „Boostagrammer*innen“ zu vernetzen und meine Leidenschaft auszuleben, indem ich eben auch vermehrt Bücher zeigte und empfahl. Aus den kurzen Snippets resultierten irgendwann zunehmend Nachfragen zu konkreten Büchern, Autoren und Genren, sodass ich dann im Frühjahr des letzten Jahres beschloss, meinen eigenen Blog zu starten und meine Buchempfehlungen und Rezensionen dort zu teilen. So können diejenigen, die Interesse daran habe, dort ausführliche Blogposts lesen und mein Instagram-Account bleibt weiterhin eine  kunterbunte Mischung aus meinem Alltag und Dingen, die mich glücklich machen. Zusätzlich zu Büchern findet man auf meinem Blog aber auch noch kleine Auszüge aus meinem zweiten, kleinen Hobby: der Makrofotografie. Die dabei entstandenen Bilder zieren nicht nur meinen Header, sondern haben sogar einen eigenen, kleinen Bereich bekommen.

Was ist dein Lieblingsbuch und warum?

Der kleine Prinz“, immer und immer wieder! Manchmal braucht es kleine Fluchten aus dem Alltag, wenn einem mal wieder alles über den Kopf wächst und man den Glauben an die Menschheit verliert. In diesen Momenten kehre ich gerne zu dem Prinzen auf seinem kleinen Planeten zurück, der so herzergreifend positiv und rein ist, dass er sämtliche Zweifel und Trauer sofort wegwischt.
Dazu kommt, dass man mit jedem gewonnenen Lebensjahr neue Dinge in diesem kleinen Büchlein entdeckt, sodass man auch als vermeintlich erwachsener Mensch jedes Mal aufs Neue Dinge dazu lernt, anders sieht und anschließend neue Perspektiven einnehmen kann. Der kleine Prinz rückt alles entweder wieder gerade, oder in ein neues Licht, je nachdem, was man gerade braucht.

Du hast vor einiger Zeit das Projekt #kunterbunteleserschaft gestartet. Worum es geht dabei und wie kam es dazu?

In dem Projekt geht es darum Leser*innen vorzustellen. Das klingt im ersten Moment total banal, aber mich hat schon immer fasziniert, wie viele unterschiedliche Lesertypen es gibt. Und es ist eigentlich ziemlich egal was man liest, da uns alle eines eint: die Liebe zu Büchern.
Ich habe bei vielen anderen Bookstagrammer*innen mitbekommen, dass sie oftmals für ihre Wahl an Büchern und Genren kritisiert oder gar angefeindet wurden und habe nie verstanden, warum Menschen sowas machen. Es gibt keine richtige und keine falsche Literatur. Es ist egal, ob man vermeintlich triviale Literatur liest oder nur Sachbücher ins eigene Bücherregal einziehen. Kein Buch, möge es in den eigenen Augen noch so seicht oder auch zu hochtrabend erscheinen, verdient es seinen Platz abgesprochen zu bekommen, ebenso wenig wie die Leser*innen dieser Bücher.
Daher habe ich mich irgendwann entschieden, dieses Projekt ins Leben zu rufen. Es ist zum einen meinem persönlichen Interesse und meiner subjektiven Faszination geschuldet, zum anderen ist es aber auch ein „in die Bresche springen“ für jeden einzelnen Leser und jede einzelen Leserin dort draußen.
Die Interviews, die dabei entstanden sind, ordne ich dabei extra möglichst so an, dass jede Woche unterschiedliche Sichtweisen aufeinander folgen. Der Krimi-Fan folgt auf jemanden, der mit Krimis überhaupt nichts anfangen kann. In deinem Interview, Nikodem, erzählst du beispielsweise, dass du mit vermeintlicher Trivialliteratur überhaupt nichts anfangen kannst. In der Woche zu vor hat jemand jedoch ungewollt eine Art Plädoyer für genau diese Art von Büchern geschrieben, und das mit so viel Herzblut, dass einem einfach klar wird, dass man niemanden für seine Wahl an Büchern und seinem Leseverhalten kritisieren kann.

Du postest immer wieder über Feminismus auf deiner Instagramseite. Was ist deine Definition von Feminismus und was ist dein wichtigstes Argument dafür?

Diese Frage lässt sich nicht mit wenigen Worten beantworten und auch ich selbst stehe noch ganz am Anfang meiner Reise. Selbst wenn man sich schon seit einigen Jahren mit dem Thema beschäftigt, und das tue ich bereits, so lernt man doch immer wieder Neues.
Im Feminismus geht es für mich um die Gleichbehandlung aller Menschen. Niemand sollte auf Grund seines Geschlechts, seines Genders, seiner Herkunft, seiner Hautfarbe, seines Einkommens, seiner sexuellen Orientierung etc. anders behandelt werden oder weniger Chancen bekommen. Dies bedeutet nicht nur die „Emporhebung der Frauen“, wie oftmals vermutet, sondern bringt auch Vorteile und Weiterentwicklung der Männer mit sich. Zudem wollen wir Frauen auch nicht empor gehoben oder anders gestellt werden als die Männer, sondern fordern einzig und allein die gleiche Behandlung, die Männern bereits zugutekommt. Leider wird das oftmals übersehen oder willentlich ignoriert, um Feminist*innen zu diskreditieren.
Das Ganze ist ein furchtbar komplexes Thema mit unfassbar vielen unterschiedlichen Facetten und Auslegungen. Ein Blick hinter die Reichweite des Patriarchats zu werfen ist ein Schritt, der unglaublich schwer fällt, da uns die Andersbehandlung von Männern und Frauen von Kindesbeinen an beigebracht wird, ich sagen nur ‚blau ist für Jungs und rosa für Mädchen‘. Die Systematik dahinter zu verstehen ist nicht einfach, aber augenöffnend und macht einen zu einem toleranteren Menschen.
Ein für mich wichtigstes Argument für den Feminismus gibt es nicht, mal ganz abgesehen davon, dass die Gleichbehandlung der Menschen eh unser Ziel sein sollte . Es ist ein Konglomerat aus tausenden von Gründen. Was mir damals die Augen geöffnet hat war die Tatsache, dass es mir anerzogen wurde, dass ich als Frau nachts im Dunkeln nicht alleine nach Hause gehe. Für mich ist es Alltag, mich zu „bewaffnen“, um den Weg nach Hause anzutreten. Für Millionen von Frauen in  Deutschland und überall anders auf der Welt ebenso. Das wir als Gesellschaft den Frauen beibringen, dass sie sich vor übergriffigen Männern schützen müssen, statt den Männern beizubringen, sich so zu verhalten, dass Frauen nachts keine Angst haben müssen, ist einfach falsch. (Dies soll übrigens keine Pauschalisierung von Männern sein, bitte nicht so verstehen. Nur hat mich meine eigene Erfahrung und die vieler Freundinnen zu sehr geprägt.) An dem Punkt habe ich verstanden, dass in unserer Gesellschaft etwas nicht richtig läuft und der Stein des Anstoßes war gelegt und hat noch viele weitere ins Rollen gebracht.

Was können Leser in Zukunft auf deinem Blog erwarten?

Viele weitere Rezensionen von hoffentlich guten Büchern, noch mehr Literaturempfehlungen, wünschenswerterweise jeden Montag ein Interview im #kunterbunteleserschaft Projekt, immer mal wieder Makrofotografien und Blogposts zu Dingen, die mich beschäftigen. Mein Blog ist und bleibt kunterbunt – so wie mein Leben es nunmal auch ist.


Vielen Dank Tina für die Beantwortung der Fragen 🙂 Wenn ihr mehr über den Blog und das Projekt #kunterbunteleserschaft erfahren wollt, könnt ihr das direkt auf dem Blog: https://frolleinvonkunterbunt.wordpress.com/ oder auf Tinas Instagramseite: https://www.instagram.com/frollein_von_kunterbunt/


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Über die Verantwortung von Autoren und den Wert der Erfahrung

Vor kurzem fragte der BookTuber Florian Jung auf seiner Instagramseite, welche gesellschaftlichen Verantwortung (Horror-)Autoren in der heutigen, seiner Meinung nach zunehmend verrohenden Zeit haben. * Einen Ausschnitt meiner Videoantwort darauf könnt ihr in seinem neusten Video sehen.

Aufgrund des Umfangs musste er leider meine fast viertelstündige Erklärung auf einen rund eineinhalb Minuten langen Ausschnitt reduzieren. Dieser stellt daher nur einen Teil der meiner Aussagen dar, weshalb ich es mir nicht nehmen lasse hier auf dem Blog meine Gedanken ausführlich und vollständig zu elaborieren – und noch um die ein oder andere Einsicht zu ergänzen, die vor allem für junge Autoren, aber auch Leser interessant sein sollte, da ich mich auf Belletristik-Autoren und Publizisten im Allgemeinen beziehe.

Ich schreibe unter dem Pseudonym Leveret Pale selber Horror und Science Ficition, und auch ich greife mit meinen Büchern immer wieder aktuelle philosophische und politische Themen auf, allerdings glaube ich nicht, dass ein Autor von Belletristik, wozu Horror zählt, im Bezug auf die Gesellschaft mit seinen Werken eine allgemein definierbare extrinsische Verantwortung hat, sondern nur eine intrinsische Verantwortung gegenüber dem eigenem Schaffensprozess aus der sich dann eine gesellschaftliche Funktion ergibt.

Natürlich ist jeder Autor auch Bürger. Als Bürger sollte er sich mit seiner gesellschaftlichen Verantwortung als Bürger auseinandersetzen und diese erfüllen – allerdings ist es eine andere Frage, ob der Autor zusätzlich zu den bürgerlichen Pflichten noch weitere, für seine Tätigkeit spezifische Verantwortungen hat, und falls ja, inwiefern und wie er diese wahrnehmen kann.

Belletristik-Autoren im Vergleich zu anderen Schriftstellern

Vor allem bei metaphysischen Angelegenheiten (hier: der Kirchenvater Hieronymus) kann es – so zumindest einige zynische Stimmen – schwierig sein die Grenze zwischen Kreativität und Wahrheitssuche zu definieren.

Für die Beantwortung der Frage nach der Verantwortung von (Horror-)Autoren ist es essentiell erstmal festzustellen, worin ihre Tätigkeit eigentlich besteht.

Das kreative Schaffen von Romanen, Gedichten und Erzählungen, wie es Autoren von Horror und anderen belletristischen Genre betreiben, ist nämlich ein anderer Prozess des Schreibens, als das publizistische Schaffen von Artikeln, Essays oder wissenschaftlichen Abhandlungen.

Während letztere vor allem Sachtexte sind, die mithilfe der Rhetorik, Argumenten und Objektivität klare Sachverhalte und bewusste Gedanken und Erkenntnisse ausformulieren, handelt es sich bei den literarischen oder lyrischen Erzählungen von Horrorautoren um Texte, die Geschichten erzählen. Im Gegensatz zu Sachtexten appellieren Geschichten nicht primär an den Verstand (Logos) des Lesers, sondern an seine archaischen und unterbewussten Intuitionen und das, was man im allgemeinem Sprachgebrauch als das Herz oder die Seele eines Menschen umschreibt und in der Rhetorik auch als Pathos bezeichnet wird. Entsprechend haben die meisten und besten literarischen Geschichten ihren Urpsrung nicht im Verstand des Autors, sondern in seinen Gefühlen und in seinem Unbewussten.

Diese Unterscheidung ist nicht immer ganz möglich, allerdings trotzdem wichtig, da an den Verstand eines Kulturkritikers, Journalisten oder Wissenschaftlers andere Maßstäbe der Verantwortung gesetzt werden müssen und können (z.B. die Verpflichtung zur Wahrheit und Belegbarkeit), als an das Herz eines Poetens, da sie über andere Wege wirken und schaffen und andere Funktionen für die Gesellschaft erfüllen. Während ein Journalist mit seinem Schreiben die Funktion erfüllt Öffentlichkeit herzustellen, zu berichten und zu beurteilen, und ein Wissenschaftler die Funktion erfüllt Wissen zu generieren, zu überprüfen und aufzuarbeiten, erfüllt der Horrorautor – obwohl er auch schreibt wie die andern – eher die Funktion eines Künstlers. Während Wissenschaftler, Journalisten und Politiker die Verantwortung haben die bewussten Probleme der Gesellschaft zu lösen, ist die Aufgabe der Künstler allerdings diese Probleme zu generieren.

Der Schatten der Gesellschaft bei C. G. Jung

Der schweizer Psychiater Carl Gustav Jung entwickelte die analytische Psychologie, die zwar zu Teilen auf der freudschen Psychoanalyse aufbaut, sich allerdings differenzierter mit archetypischen Strukturen der Kultur und der Psyche beschäftigt

In der analytischen Psychologie gibt es einen interessanten Ansatz, was den Künstler und seine Rolle in der Gesellschaft angeht – und Autoren von Geschichten sind ja Künstler, wenn auch ihre Leinwand das Papier und ihre Farben die Worte sind.

Folgt man den Ideen von analytischen Psychologen wie Otto Rank und Carl Jung entstehen Krisen in Gesellschaften unter anderem dadurch, dass in einer Kultur kollektiv bestimmte Themen und Ideen verdrängt werden. Mißstände, die nicht in das Selbstbild der Gesellschaft passen, werden sozusagen kollektiv ins Unbewusste abgeschoben. Der Mensch neigt ja nicht nur als Einzelner, sondern auch als Gemeinschaft dazu, sich ein falsches Lächeln aufzusetzen und so zu tun, als ob alles in Ordnung wäre, obwohl es das nicht ist. Dadurch entsteht eine Dissonanz, also ein  Unterschied zwischen der Wirklichkeit und der Persona, also der Maske, die sich die Menschen jeden Tag aufsetzen.

Die Summe dieses Verdrängten und des archetypisch angelegten Unbewussten bezeichnet die analytische Psychologie als Schatten. Trotz dieses düsteren Namens ist der Schatten nicht rein negativ. Der Schatten enthält nach Carl Jung das, was dem positiven (und meist naiven) Selbstbild und der Maske / Persona eines Individuums oder Kollektivs entgegensteht.  Außer dem „Bösem“ können daher im Schatten auch positive Entwicklungsimpulse lauern. So kann zum Beispiel der Schatten neben verdrängten Ängsten, Trieben, Ressentiments und Mordfantasien, auch das Streben nach Selbsterfüllung oder Mut beinhalten, wenn das Ich-Bewusstsein von Angst oder schädlichen Hemmungen dominiert wird.

Das Gefährliche am Schatten ist, dass wenn man ihn zu lange ignoriert, er immer mächtiger wird, da das Ausblenden von verdrängten Sachverhalten, vor allem wenn immer mehr Beweise für sie auftauchen, viel Energie kostet . Das führt zu psychischen Spannungen, einer Entfremdung vom wahren Selbst, der Selbstwahrnehmung und der Persona. In der Folge kommt es zu sozialen Konflikten. Einem Dämon gleich sabotiert der Schatten das Leben, wenn man ihn ignoriert.

Psychische Gesundheit kann bei Jung nur bestehen, wenn man seine dunklen Seiten, also den Schatten, als wichtigen Teil seiner Selbst anerkennt und integriert. Ein ähnliches Konzept findet man im Daoismus bzw. in dem Konzept Taijitu als Ganzheit von Yin und Yang.

Fast jeder kennt zum Beispiel jene Vorfälle, bei denen man sich mit seiner Freundin, den Eltern oder einem Freund streitet und sich danach selbst fragt, was für ein Dämon da in einen gefahren ist: Irgendeine Kleinigkeit passiert, einer der Beteiligten rastet aus und die Konversation eskaliert zu einem gegenseitigen Anschreien. Nach dem Streit bemerken die Beteiligen dann oft, dass es eigentlich gar nicht in dem Streit um diese Kleinigkeit ging, die ihn ausgelöst hat, also nicht um etwas was direkt davor passiert ist oder die beim Streit erhobenen Vorwürfe, sondern dass da mehr dahinter steckt. Dieses mehr ist meist ein Teil des Schattens, der im Unterbewusstsein rumort und nie ausgesprochen wurde. Manchmal wird man sich bewusst, was die Natur dieses Schattenaspekts ist und man realisiert verdrängte Gefühle oder Traumata, aber umso häufiger wundern sich alle Beteiligten, warum sie eigentlich so wütend aufeinander sind und woher diese Spannungen zwischen ihnen ihren Ursprung haben. Oft lassen sich keine Antworten finden, da die Wahrheit ein Teil des Schattens ist, den man ausblendet, um das etablierte Bild von sich Selbst und den Anderen zu wahren. Solange der Schatten aber ausgeblendet wird, können die Spannungen auch kaum gelöst werden. Ein psychisch gesunder Mensch und damit eine psychisch gesunde Gesellschaft kann daher nur existieren, wenn man sich selbst überwindet und seine dunklen Seiten anerkennt und den Schatten kontinuierlich integriert und so den lebenslangen Prozess der Selbstwerdung beziehungsweise Individuation auf sich nimmt. Nur wenn man akzeptiert, dass in jedem Menschen – auch einem selbst – sowohl das Potential dazu steckt, so gutmütig wie Mutter Theresa als auch so hasserfüllt und böse wie Adolf Hitler oder Ted Bundy zu sein, kann man vernünftig mit den inneren Trieben und Komplexen umgehen. Sinngemäß schreibt Carl Jung: „Man wird nicht dadurch erleuchtet, daß man sich Lichtgestalten vorstellt, sondern durch Bewusstmachung der Dunkelheit.“

Die besondere Gabe des Horrautors als Wortkünstler

Was den Künstler und in dem Fall den (Horror-)Schriftsteller nun ausmacht ist nach Jung, dass er intuitiv ein Gefühl  für den Schatten (oder zumindest einen Teil davon) seiner Gesellschaft hat. Mehr noch: dieser Schatten ergreift wie ein Dämon Besitz vom Künstler. Dieses Besitzergreifen wird von vielen Autoren oder anderen Kreativen mit so Phrasen umschrieben wie: „Das Buch musste einfach raus.“, „Es wollte geschrieben werden.“ oder „Ich konnte nicht anders.“ oder einfach wie bei Poe, als Monomanie beschrieben.  Der Künstler fasst in seiner Besessenheit den Schatten in eine Form, bietet einen Weg ihn als Bild oder Werk auszudrücken und bringt ihn so zurück in die Gesellschaft. Die Kultur kann in Folge den Schatten wieder integrieren. Die Integration ist oft mit Komplikationen verbunden, führt aber letztendlich zu einer Auflösung der Konflikte und langfristig zu einer besseren psychischen Gesundheit beziehungsweise gesellschaftlichen Stabilität.

Entgegen dieser etwas mystisch klingenden Metaphern, begründen sich die besondere Begabung des Künstlers und die Mechansimen des Schattens nicht in irgendwelchen übernatürlichen Kräften. Bei dem Künstler sind – um es umgangsprachlich zu sagen – einfach ein paar Schrauben locker, in dem Sinne, dass Verdrängungs- und Filtermechanismen nicht so gut funktionieren und sein Gehirn Details registriert und miteinander assoziert, die die meisten anderen Menschen einfach ausblenden oder nicht weiter beachten würden. Diese Fähigkeit bzw. dieser Defekt erklärt auch die Neigung vieler Kreativer zu Hypersensibilität und psychischen Erkrankungen. Kreativität basiert nunmal darauf in der Lage zu sein Probleme, Zusammenhänge und Lösungen zu sehen, die andere nicht sehen können und deren Anblick auch nicht besonders gut tut.

Für die Gesellschaft macht der Künstler durch seine von der Intuition und Subjektivität getriebenen Einsichten in den Schatten also die Dunkelheit bewusst, damit andere Menschen, wie zum Beispiel Wissenschaftler, objektive Methoden entwickeln können, um die Dunkelheit zu lösen. Das unterscheidet auch wahre Literatur und Kunst von Propaganda wie Gemälden von Führungspersonen und politischen Narrativen oder von dem Design von Produkten. Propaganda und Design bedienen sich zwar künstlerischer und literarischer Methoden, allerdings meist mit dem bewusst definierten Ziel die Menschen blind zu machen für die Dunkelheit, um sie so in eine bestimmte Richtung zu lenken.

Der Schlaf der Vernunft bringt die Monster des Menschen hervor – aber diese Monster sind auch dann da, wenn die Vernunft wach ist. Manchmal muss man daher die Vernunft kurzzeitig verlassen, um die Monster erkennen und später mit Vernunft bekämpfen zu können.

Folgt man nun der Theorie vom Künstlers als Erkenner und Integrationsbeauftragter des Schattens weiter, so ist der Horrorschriftsteller als Subtyp des Künstlers im Bezug auf die Gesellschaft besonders dafür zuständig die verdrängten und aktuellen Ängste aus dem Schatten zu extrahieren und aufzuarbeiten.

Das kann man dann auch tatsächlich an den prägenden Horrorwerken einer Zeit sehen.

So sind zum Beispiel Werke wie E.T.A. Hoffmanns Der Sandmann in denen Menschen zu Maschinen werden, zur Zeit der Industrialisierung entstanden. Edgar Allan Poes etwas psychotischen, eitrigen Krimigeschichten sind in einer Zeit geboren, als die Menschen ihre Gesichter puderten und imperiale Dekadenz vorspielten, während sich gleichzeitig Syphilis und Tuberkulose epidemiehaft ausbreiteten und die ersten Serienkiller auftauchten. Lovecraft schrieb seinen Kosmischen Horror als durch die Elektrisierung in Amerika und die Hochkonjunktur der Physik – vor allem durch die damals neue Relativitätstheorie von Einstein – die Winzigkeit der Erde im riesigen Universum in das Mainstreambewusstsein drang und die Leute verunsicherte. Die Serie Walking Dead erschien 2010, kurz nachdem die Probleme mit Migrationskrisen im Westen richtig aufflammten. 2010 hat Obama bereits Soldaten an die Mexikanischen Grenzen schicken müssen, um der Lage dort Herr zu werden (so ähnlich wie Trump 2018) und dann kam die Flüchtlingskrise auch nach Deutschland, und Walking Dead wurde zum Bestseller bzw. Blockbuster, weil es einfach dieser unbewussten, rassistischen Angst Ausdruck gab, dass die menschliche bzw. westliche Zivilisation von blutrünstigen Massen überrannt und zerstört wird.

Die Aufgabe des Horrorautors ist also solche verdrängten Ängste aufzuspüren, zu beschreiben und auszuformulieren und damit der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten, damit sie erkennt, von welchen irrationalen Ängsten sie gerade in dumme Entscheidungen getrieben wird – oder zumindest ein Ventil dafür zu schaffen, wie die Katharsistheorie proponiert. Der gute Horrorautor zeichnet sich demnach dadurch aus, dass er besonders gut darin ist, die aktuellen Ängste seines Zeitgeistes aufzuspüren und sie wortkünstlerisch auszuleben.

Das ist auch das, was in meinen Augen Stephen King so großartig macht. In seinen Geschichten, insbesondere bei Es und jetzt wieder in Der Outsider, geht es meist um Dinge, die lange verdrängt und weggeredet werden, bevor sie ausbrechen oder eskalieren und gefährlich werden. Dabei hat King ein gutes Gespür für den Geist der Zeit und den Schatten der amerikanischen Kultur. Seine Bücher sind nicht nur Unterhaltung, sondern auch immer eine Warnung an die Leser die irrationalen Ängste nicht zu verdrängen sondern bewusst auseinanderzunehmen.

Warum man gesellschaftliche Verantwortung und Politik beim kreativen Schreiben ausblenden muss

Wie die Literaturgeschichte und auch die analytische Psychologie zeigen, ist der Autor meist derjenige, der am wenigsten versteht, warum er etwas Bestimmtes geschrieben hat. Wenn wir Lovecraft fragen könnten, warum er seinen kosmischen Horror entwickelt hat, oder King warum er diese oder jene Geschichte geschrieben, dann würde keiner von denen sagen, dass er das gemacht hat, weil er irgendwo ein Problem in der Gesellschaft gesehen hat und es ansprechen wollte. Genausowenig haben die Drehbuchautoren von Walking Dead wahrscheinlich bewusst daran gedacht, dass die sich gerade entwickelnden Migrationskrisen eine klasse (wenn auch rassistische) Analogie auf eine sich daher gut verkaufende Zombieapokalypse wären.

Wenn Autoren im Nachhinein erklären, wie ein Buch entstand, handelt es sich bei ihren Erklärungen meist entweder um merkwürdig anmutende Konstruktionen wie die Eisbergtheorie von Hemingway oder Lovecrafts Theorie der Angst vorm Unbekannten (die ich einer wissenschaftlichen Arbeit widerlegt habe) oder komische psychoanalytische Monologe wie in meinem Fall. Nur selten sind Autoren so ehrlich zu sich selbst und anderen wie Stephen King, der zugibt, dass er sich aufgrund von Drogenkonsum an das Niederschreiben einiger seiner Romane nicht erinnern kann und bei den meisten anderen frei nach Gefühl geschrieben hat und auch nicht so genau weiß, wie das im Detail funktioniert. (Stephen Kings biographischer Schreibratgeber Das Leben und das Schreiben ist meiner Erfahrung nach der einzige nützliche Schreibratgeber auf dem Markt, weil er einen nicht mit irgendwelchen kruden, realtitätsfernen Theorien zuhäuft – wie es einige Literaturprofessoren tun, die selber noch nie einen guten Roman geschrieben haben, aber glauben anderen erklären zu können wie es geht – sondern einfach nur mit Kings brutaler Ehrlichkeit und Erfahrung gefüllt ist.)

Die meisten und die besten Schriftsteller schreiben das, was sie (vom Schatten besessen) intuitiv für richtig und wichtig halten. Ich denke, das ist auch das, was belletristische Autoren tun sollten. Ein Autor sollte dem Schatten seine Arbeit tun lassen. Dafür muss er jede Zensurschere aus dem Kopf werfen und frei vom Herzen und der Intuition folgend die Geschichten erzählen. Wenn die Muse dann verlangt, dass das Manuskript voll mit Kettensägenmorden sein muss, dann sollte der Autor das auch so ausformulieren. Würden (alle) Autoren gegen die Muse ankämpfen und sich selbst zensieren oder von der Vernunft geleitet umschreiben, dann würden gesellschaftskritische Werke wie American Psycho wahrscheinlich nicht existieren, geschweige denn ihre Wirkung entfalten können. Letztendlich entscheiden die Leser selber, ob sie etwas lesen oder nicht. Sich Sorgen zu machen, dass man mit einem gewalttätigen Buch seine Leser gewalttätig macht, ist nicht nur aus empirischer Sicht zweifelhaft, sondern auch wenn man bedenkt, wie brutal der Mensch in seiner Grundveranlagung ist, absurd.

Die Intuition ist ja ein Produkt des Unbewussten und damit weiß sie, wie die Schattentheorie zeigt, oft mehr als unser bewusstes Ich, vor allem wenn es eben um komplexe Zusammenhänge geht. Autoren sollten einfach ihre Geschichten schreiben, nicht überlegen, was andere darüber denken würden, nicht versuchen politisch korrekt zu sein, sondern einfach machen, der Gesellschaft den Spiegel vorhalten und damit auf bisher nicht beachtete Probleme hinweisen. Der kreative Autor ist wie ein Bergarbeiter, der aus den Tiefen der menschlichen Psyche und des kollektiven Unterbewussten die Probleme aus dem Schatten an das Tageslicht des Bewusstsein schürft. Ein konstruktive Lösung für diese Probleme zu finden, ist danach die Aufgabe der Wissenschaftler, Journalisten und anderer Experten, die im Lichte des Verstands mit objektiven Werkzeugen arbeiten.

Wenn man als Autor versucht aufgrund eines extrinsischen Verantwortungsgefühls politische Ideen oder eine Analyse oder Lösung der Probleme in ein belletristisches Werk einzubauen oder vorzuschlagen, dann verfälscht man meist nicht nur unabsichtlich die von der Intuition vorgegebenen Wahrheiten, man neigt auch dazu das Narrativ zu zerstören und oberflächliche und nicht ausdifferenzierte politische Statements aneinanderzureihen. Dadurch verliert der Roman meist nicht nur seine Authentizität und Tiefe. Auch der Leser fühlt sich erschlagen, denn da wo er einen Roman erwartete, bekommt er langatmige Erklärungen. Ein Roman überzeugt allerdings nicht mit Argumenten, sondern mit den Narrativen und Gefühlen, die er aufbaut, und den Archetypen und anderen tiefenpsychologischen Strukturen, die er damit im Leser berührt. Natürlich kann man einen Roman auch mit philosophischen Dialogen versehen, aber wenn diese nicht von selbst kommen und sich aus dem Narrativ ergeben, sondern plump reinkonstruiert werden, so wird der Roman oft statisch und trocken oder wirkt inkonsistent. Als Beispiel dafür wie politische und philosophische Ideen Geschichten ruinieren, können die zwar populären, aber nüchtern kaum lesbaren Romane von Ayn Rand, insbesondere Atlas Shrugged, genannt werden. Als gelungenes Beispiel dafür, dass schwere Themen durch Geschichten und Dialoge vermittelt werden können und man dafür keine Agenda forcieren muss, sind die Romane von Irvin Yalom, Hermann Hesse und Fijodor Dostojewski aufzuführen.

Politiker, Journalist und Wortkünstler in einer Person zu sein ist nicht unvereinbar

Auch wenn er heutzutage vor allem als Politiker bekannt ist, war Winston Churchill auch als Romanautor, Kriegsberichterstatter und Biograph tätig. Insgesamt schrieb er zwanzig Bücher und erhielt 1953 den Literaturnobelpreis.

Die Natur des kreativen Schreibens als subjektiver, vom Unbewussten getriebener Prozess, fordert allerdings nicht, dass sich Autoren komplett aus der Politik, Wissenschaft oder Philosophie heraushalten oder ihren logischen Verstand wegballern sollten. Sie sollten es nur, wenn es darum geht, fiktive Romane und Geschichten zu schaffen, denn gute Erzählungen benötigen höchste Konzentration und die Schöpfung eben jener tiefenpsychologischer Archetypen und Intuitionen. Wenn ein Autor außerhalb seines belletristischen Schaffens politische, wissenschaftliche oder journalistische Werke, wie Essays, Artikel und dergleichen schafft, oder wie Churchill als Politiker oder wie Yalom als Wissenschaftler tätig ist oder wie Goethe sowohl als Politiker als auch Wissenschaftler, so spricht nichts dagegen. Wichtig ist lediglich, die Funktion des Autors als Verfasser von Erzählungen von der Funktion derselben Person als Urheber nicht-belletristischer Texte und nicht-literarischer Tätigkeiten zu trennen.

Ich bin zwar vor allem als Schriftsteller unter dem Pseudonym Leveret Pale bekannt, selber allerdings in meiner Person als der Bürger Nikodem Skrobisz politisch sehr engagiert. Ich schreibe politische Artikel für diverse Magazine und bin unter anderem Redakteur für das liberale Studentenmagazin Peace Love Liberty. Darüber hinaus bin ich als Local Coordinator für European Students for Liberty in Jena tätig und fungiere als PR-Berater für mehrere liberale Organisationen; nebenbei bin ich Vorstandsmitglied des Bundesverbands junger Autoren und Autorinnen e.V. und engagiere mich für Autorenrechte. Dennoch trenne ich diese intellektuellen und politischen Tätigkeiten bewusst von meinem kreativen Prozess beim Schreiben meiner Romane und Kurzgeschichten. Selbstverständlich fließt die Beschäftigung mit Politik trotzdem in meine belletristischen Texte ein – sie ist ja auch fest in meiner Psyche verankert – doch so behält die Belletristik ihre Authentizität und ihre Funktion. Würde ich bewusst versuchen meine Agenda in die Romane einzuweben oder mir missfallende Themen herauszuschneiden, so befürchte ich, würden die Romane unauthentisch und langweilig werden. Entweder weil sie zu politischen Pamphleten verkommen würden oder in ihrer Komplexität künstlich beschnitten wären.

Wenn ich also kreativ schreibe, lasse ich die Handlung von meiner Intuition diktieren und räume von meinem Schreibtisch die aktuellen politische und philosophischen Texte beiseite, um nicht in Versuchung zu geraten sie in den Text einzubauen. Wenn ich Geschichten erzählen will, erzähle ich Geschichten – wenn ich argumentieren und analysieren will, schreibe ich Arbeiten und Artikel. Beides zu vermischen würde weder mir, meinen Texten noch meinen Lesern gut tun. Der kritische Verstand ist bei einem belletristischen Text, der eine Geschichte erzählt, erst wichtig, wenn es an das Korrigieren und Lektorieren geht, aber auch das sollte nur dazu dienen eine Geschichte verständlicher und lesbar zu machen und nicht in ihrem Kern zu verändern.

Welche Verantwortung hat der (Horror-)Autor nun?

„The best teacher is experience and not through someone’s distorted point of view.“- Jack Kerouac

Neben dem ehrlichen und aufrichtigen Schreiben, ist die größte Verantwortung für einen Autoren sein Unbewusstes auch ausreichend mit dem Zeitgeist und Erlebnissen zu füttern. Die meisten Menschen erleben nur einen kleinen Ausschnitt des Lebens und der Welt. Wenn ein Autor über tiefere Wahrheiten schreiben will und über mehr, als den gewöhnlichen kleinen Ausschnitt, so muss er ihn vergrößern und sein Unbewusstes und damit die Quelle seiner Kreativität mit viel mehr Wissen und vor allem mit viel mehr Erfahrungen als der gewöhnliche Mensch speisen. Die Betonung liegt dabei vor allem auf Erfahrung. Nichts ist entweder fader und langweiliger oder fanatischer und gefährlicher, als die Produkte des von der Welt abgekapselten Theoretikers, der nur liest und schreibt und nichts selber erlebt hat. *2

Die größten und lesenswertesten Werke der Menschheitsgeschichte stammen von jenen Menschen, die selber Geschichte erlebten und gestalteten – Marcus Aurelius, Goethe, Winston Churchill, Jack Kerouac, George Orwell, Ernest Hemmingway, Hunter S. Thompson und William Burroughs, um einige zu nennen – und nicht von irgendwelchen Bücherratten, die die Realität nur aus zweiter Hand und die menschliche Natur nur aus dem Spiegel kannten. Echte Literatur schreibt sich nicht allein mit schönen Worten und eingeübten Konstruktionen (,wie es einem Literaturprofessoren manchmal einreden wollen, deren eigenen Werke meist nach wenigen Jahren in Vergessenheit geraten), sondern vor allem mit Herzblut und Lebenserfahrung.

Du willst ein guter Autor werden und deine Verantwortung als Autor gegenüber deinem Werk erfüllen? Dann schmeiß den Fernseher aus dem Fenster, die Spielkonsole direkt hinterher und kündige dein Netflixabo. Wahrheit und Kreativität findet man nicht im digitalen Opium – höhsten im echten. Lies mindestens zwei Bücher die Woche, schreibe jeden Tag, um das Schreibhandwerk zu meistern und vor allem: geh nach draußen und erlebe etwas – rede mit Menschen, mit denen du sonst nicht reden würdest; tue Dinge, die du sonst nicht tun würdest oder beobachte zumindest andere dabei, und schreib über die Dinge, die du wirklich verstehst, in deinem Herzen fühlst und mit deiner eigenen Haut überprüft hast, weil sonst kommt nur Quark raus.

Du willst Liebesromane schreiben? Dann gehe hinaus in die Welt und lerne die Höhen und Tiefen der Liebe kennen. Du willst mit deinen Ideen die Welt zu einem besseren Ort machen? Lerne zuerst dein eigenes Leben in Ordnung zu bringen und dich selbst zu einem besseren Menschen zu machen. Du willst über Angst, den existentialistischen Kern der menschlichen Existenz und ähnliche tiefgründige Themen des Lebens schreiben? Dann gehe hinaus, und lass dich vom Leben zerschmettern und wiederaufbauen, durch Angst und Freude, Illusion und Enttäuschung jagen. Erst wenn du was erlebt hast, kannst wirklich einen Platz am Lagerfeuer der ehrlichen und für die Gesellschaft nützlichen Geschichtenerzähler einnehmen. Ansonsten kannst du höchsten mit paar schönen, aber falschen Worten als Hochstapler und Schwätzer Karriere machen und dich einreihen in die endlose Kolonne nutzloser Literaten, die vielleicht von paar Deutschlehrern, einigen Feuilletonisten und anderen abgehobenen Sprachfetischisten geliebt werden, aber von der Welt ungefähr genauso gebraucht werden, wie der Plastikplunder auf dem Kitschmarkt.

Die Verantwortung eines belletristischen Autors liegt in meinen Augen ausschließlich darin, ehrlich und aufrichtig mit seiner Kreativität umzugehen, sie nicht für Geld oder Ideologien zu verhuren oder aus Angst oder Eitelkeit zu verfälschen, und vor allem darin, nicht zu einem trockenem Literaten zu werden.


Anmerkungen:

* Ich glaube im Gegensatz zu Florian Jung nicht, dass wir in zunehmend verrohenden Zeit leben, sondern im Gegenteil, die Welt aktuell so friedlich und die Menschen in den westlichen Ländern so verweicht und zimperlich, also so nicht-roh, wie noch nie zuvor in der Menschheitsgeschichte sind. Gewalt, Drogenkonsum und Sex unter Minderjährigen sind genauso wie die globale Armut und die prozentuelle Anzahl von Menschen, die in Kriegsgebieten oder ohne Dach überm Kopf leben müssen, zum Beispiel auf historischen Tiefstand. Der Welt geht so gut zurzeit, wie noch nie, auch wenn wir die Sensationslust der Medien das nicht immer realisieren. Vielleicht sind die Filme und Bücher, die wir konsumieren brutaler, aber das ist eher eine Kompensation der ereignislosen Alltagsrealität der meisten Menschen. Allerdings sehe ich auch, dass der Umgangston und die Wahrnehmung zunehmend roher werden. Das liegt allerdings nicht in einer faktischen Verrohung der Welt, sondern meiner Meinung nach eher in der Veränderung der subjektiven Wahrnehmung dieser (in den Medien und in Filmen und Büchern wird für den Nervenkitzel immer mehr Gewalt gezeigt) und daran, dass ein Gros der Menschen heutzutage dünnhäutig und rückgratslos geworden ist. Man könnte wieder mit Jung sagen, dass wir vieles, was die tragenden Säulen unserer Kultur sind – Ehre, Aufrichtigkeit, Individualismus, Rationalität, Freiheit, Mut, klare Geschlechterrollen, Verteidigung der eigenen Werte – in den Schatten zugunst einer politisch korrekten, sozialistisch-progressiven Wunschutopie verdrängt haben, was nun zurückschlägt durch die radikale Antwort in Form der Neuen Rechten, die aber mit ihren radikalen-reaktionären Ideen mindestens genauso toxisch sind wie die Neuen Linken mit ihren radikalen-progressiven Ideen. Durch die Polarisierung der Öffentlichen Meinung, der Politisierung des Privatlebens durch die Omnipräsenz von digitalen Medien und Identitätspolitik und der medialen Dynamik der Eskalation und Sensationslust, bauen sich in Folge dessen zunehmend Spannungen auf. Diese können letztendlich tatsächlich langfristig zu einer faktischen Verrohung der Gesellschaft führen, auch wenn nicht glaube, dass dieser Prozesse bereits ausgelöst wurde, aber wir sind nah dran, weshalb ich die Frage von Florian Jung trotzdem für aktuell und wichtig halte. Weitere Kommentare und Anmerkungen von mir zu diesen Aussagen findet ihr als Kommentare unter dem Video von Florian.

*2 Ein berühmtes Beispiel, wohin ein Defizit an entsprechender Lebenserfahrung und der Versuch, die Methoden des kreativen Schreibens auf das wissenschaftliche Schreiben zu übertragen, führen können, ist Karl Marx. Dieser Theoretiker entwickelte eine realtitätsfremde Arbeitswerttheorie und baute darauf das hochkomplexe Narrativ eines Klassenkampfes und politische Forderungen auf – während er selber niemals wirklich gearbeitet hat und sich sein Leben lang von dem Farbikbesitzer Engels durchfüttern ließ, also praktisch keine eigene Erfahrung in Bezug auf Wirtschaft und Arbeit hatte. Einem Propheten gleich verkündete er mit geschickter und pathetischer Rhetorik seine Ideen und überzeugte zahlreiche Menschen davon. Da diese Ideen jedoch auf realitätsfernen Prämissen und einem Defizit an empirischer Überprüfung basieren, führte und führt bis heute jeder Versuch diese Ideen der Realität aufzuzwingen zu Elend, Blutvergießen und unermeßlichen Leid. Marx Ideen halten sich wie eine Religion trotz ihrer empirischen Mängel hartnäckig in vielen Köpfen der Menschen, weil die Marxisten wie religiöse Fanatiker an ihren deterministischen Dogmen festhalten und alles andere zugunsten dieser verdrehen. Dieses Beispiel verdeutlicht, dass auch Wissenschaftler, die mit dem Verstand arbeiten, praktische Erfahrung sammeln und ihre Ideen empirisch durch Experimente und Studien prüfen müssen. Reine Theoretiker und Bücherratten, egal ob in der kreativen Literatur, der Philosophie oder in der Wissenschaft, verlieren langfristig den Bezug zur Realität, was dann letztendlich auch ihre Theorien nutzlos macht. Deswegen kann auch ein Marcus Aurelius in seinen Büchern die stoische Philosophie besser erklären, als jeder Philosophieprofessor. Während der Professor davon lebt Menschen über Philosophie zu unterrichten und sich in seinen vom Staat bezahlten Sessel in Ideen zu vertiefen, hat Marcus Aurelius diese Dinge nebenbei auch getan, doch er musste die Ideen vor allem auch praktisch anwenden und konnte sie so überprüfen. Als römischer Kaiser schrieb er den Großteil seiner philosophischen Texte über das Ertragen von Leid und die Stoa während seiner Kriegszüge abends im Zelt, umgeben von Feinden und sterbenden Freunden. Ebenso sind die Vorschläge zur Verbesserung des eigenen Lebens von einem Klinischen Psychologen wie Jordan Peterson viel überzeugender und wirkungsvoller, als die eines moralisierenden Lifestyle-Journalisten, da Peterson sein theoretisches Wissen testen und ausdifferenzen konnte, weil er im Laufe seiner Karriere tausenden Patienten helfen musste. Und um bei Autoren zu bleiben: Die Bücher des Journalisten und PR-Berater Walter Lippmann zum Thema Public Opinion bzw. Öffentliche Meinung erschienen in den 1920er Jahren und sind nicht nur klarer und verständlicher geschrieben, sie decken auch bereits alle „Erkenntnisse“ ab, die Jahrzehnte später die Berufsakademiker der Kritischen Theorie wie Jürgen Habermas in ihren sperrigen Texten präsentierten. Genauso geht ein Unternehmer, wenn er den falschen Vorstellungen und Theorien über das Wirtschaften anhängt, sehr schnell in die Insolvenz, denn die praktische Realität zögert nicht ihn eines Besseren zu belehren. Ein Professor oder Wirtschaftstheoretiker wird hingegen selten dazu gezwungen seine Theorien, Lebensratschläge oder philosophischen Ideen praktisch an der eigenen Haut zu überprüfen und kann daher ungeschoren realitätsferne Phantasmen produzieren.


Weiterführende Literatur:

Der Mensch und seine Symbole von Carl Jung (klasse Einführungswerk in die analytische Psychologie.)

Terror-Management in der Fall Charles Dexter Ward von Nikodem Skrobisz (Eine Analyse des einzigen Romans von H.P. Lovecraft durch meine Wenigkeit anhand der Terror-Management-Theorie und Ansätzen aus der analytischen Psychologie.)

Das Risiko und sein Preis – Skin in the Game von Nassim Taleb (Geniales Buch, das zeigt, wie Asymmetrie bei der Risikoverteilung in der Gesellschaft dazu führt, dass reine Theoretiker und Bürokraten den Kontakt zur Realität verlieren und andere ihre Irrtümer ausbaden müssen.)

Kunst und Künstler: Studien zur Genese und Entwicklung des Schaffensdranges von Otto Rank (geht viel tiefer und weiter als Carl Jung mit seiner analytischen Psychologie, wenn es darum geht den Schaffensdrang und die Mechanismen hinter der Kreativität von Künstlern aufzudecken. Macht nicht unbedingt Spaß zu lesen, wenn man ein kreativer Mensch ist, verhilft aber zu sehr tiefen Einsichten.)

Angst und Schrecken in Las Vegas von Hunter S. Thompson (Das literarische Manifest des Gonzo-Journalismus, bei dem Realität, Gesellschaftskritik und Fiktion, Künstlertum und Journalismus ineinander krachen, um ein einzigartiges literarisches Feuerwerk abzubrennen.)

Öffentliche Meinung: Wie sie entsteht und manipuliert wird von Walter Lippmann (Standardwerk darüber wie Propaganda, PR und Journalismus funktionieren, mit tiefen Einsichten in die Mechanismen der menschlichen Psyche und den inherenten Problemen der Kommunikation.)


Quelle des Beitragsbild: https://pixabay.com/photo-1261572/

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