Vom Schreiben und Polarisieren – April Nierose im Interview

Wer sich auf Instagram in der deutschen #tomorrowsauthors-Szene bewegt, kommt um April Nierose nicht herum. Vor allem in Instastories von jungen Autorinnen taucht immer wieder ihre erfolgreiche Buchreihe „Verfall“ auf. Bei den Planet Awards Berlin 2018 kürten sie die Leser zur Autorin des Jahres. Im Interview erzählt die erfolgreiche Selfpublisherin wie sie zum Schreiben kam, warum sie polarisiert und was wir in Zukunft von ihr erwarten können.

Wann und warum hast du mit dem Schreiben angefangen?

Lesen und schreiben konnte ich bereits in einem Alter von vier Jahren, aber dass es mir Spaß macht, eigene Geschichten zu verfassen, erkannte ich deutlich später. Ich dürfte zwölf Jahre alt gewesen sein, als ich im Rahmen einer Hausaufgabe einen kurzen Aufsatz schreiben sollte. Ich schrieb drauf los und plötzlich waren es fünf Seiten geworden, ohne dass ich es merkte. Das ist etwas, was mir bis heute noch immer und immer wieder passiert.

Etwa in dieser Zeit entstanden einige Figuren, die man heute in abgewandelter Form in Verfall wiederfindet und die ersten Ideen zum Plot. Allerdings habe ich erst mit 17 Jahren begonnen, die Geschichte niederzuschreiben und das völlig frei Schnauze. Ich kannte weder Ratgeber noch Schreibtipps. Hätte ich sie gekannt, hätte ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sofort das Interesse am Schreiben verloren, denn Regeln ersticken meine Kreativität.

Es war nicht mein Plan oder mein Wunsch, eine gefeierte Autorin zu werden oder überhaupt zu veröffentlichen. Viel eher brauchte ich ein Ventil, um meine Konflikte mit mir selbst auszutragen und um meine Wut in eine nicht destruktive Richtung zu lenken. Ehe ich mich versah, hatte ich die heutigen Bände 1 und 2 der Verfall-Reihe sowie einen groben Entwurf vom heutigen Band 3.

Dein Pseudonym „April Nierose“ ist ein Anagramm auf Polarisieren. Inwiefern polarisierst du?

Das ist eine Eigenschaft, die mir in der Jugend oft zugeschrieben wurde. Das Pseudonym an sich entstand aus einem Zufall heraus, als ein Kumpel, dem ich zuvor berichtet hatte, dass mir kein Pseudonym einfalle, auf die Idee kam, alle Begriffe, die er mit mir in Verbindung brachte, in einen Anagramm-Generator einzugeben. Dann schickte er mir seine Ergebnisse und ich wählte meinen heutigen Künstlernamen aus der Liste aus. Im Nachhinein bin ich froh darüber, diese Entscheidung getroffen zu haben, denn diese polarisierende Wirkung habe ich mit meiner Protagonistin aus Verfall tatsächlich gemeinsam. Entweder mögen Menschen mich oder sie können mich nicht leiden. Erfahrungsgemäß erlebe ich keine neutralen Reaktionen, weder auf mich selbst noch auf meine Bücher. Womöglich dachte der Kumpel bei dem Begriff „polarisieren“ auch an mein ganz junges Ich, das versuchte, sich in der Grundschule für die Abschaffung christlicher Symbolik im Klassenraum einzusetzen und die Lehrerinnen in den Wahnsinn trieb, weil es der Ansicht war, dass sie sich unfair verhielten. Somit habe ich früher auch mit meinen Handlungen tatsächlich stark polarisiert. Heute hält sich diese Eigenschaft eher in Grenzen.

Worum geht es in deiner Romanreihe „Verfall“?

Das ist vermutlich die schwierigste Frage, die man mir stellen kann, denn die Reihe ist noch nicht abgeschlossen und würde ich jetzt verraten, worauf alles hinauslaufen soll, würde ich spoilern. An erster Stelle kristallisierte sich für mich bereits bei den ersten Überarbeitungen heraus, dass ich Action und Charakterentwicklung in meinen Büchern bevorzuge. Damit greife ich auf die typischen Eigenschaften von Thrillern und Romanen zurück, die sich in der literarischen Praxis beinahe zu widersprechen scheinen.

Es geht um Ereignisse, die viele Fragen aufwerfen sowie um eine komplexe Situation, die aus einem Verbrechen heraus entstanden ist. Es geht aber auch um das, was derartige Ereignisse mit den Menschen machen. Verfall handelt somit von Liebe und Hass, Freundschaft und Intrigen, eben von allem, was uns Menschen bewegt. Im Zentrum steht meine Protagonistin Hanna, die versucht, auf ihre Weise mit den vergangenen und neu eintretenden Ereignissen zurechtzukommen.

Du hast die Reihe „Verfall“ als Selfpublisherin veröffentlicht. Warum hast du dich für diesen Weg entschieden und willst ihn beibehalten?

Obwohl ohne Verlag veröffentlicht, geht die Verfall-Reihe begleitet von zahlreichen begeisterten Rezensionen bald in die vierte Runde

Die Entscheidung, Selfpublisherin zu werden, traf ich aus eigenem Entschluss. Ich habe mich bisher bei keinem einzigen Verlag beworben. Mir wurde relativ früh klar, dass ich viele fachlich verbreitete Ansichten zwar nicht ablehne, doch in meinen eigenen Büchern für untragbar halten würde. Im Internet fallen mir oft Phänomene auf, die ich als bürokratische Verkrustung beschreiben würde. Es wird ein einziger richtiger Weg propagiert, was aus meiner Sicht dem Kunstverständnis widerspricht. Würde ich einen Verlagsvertrag unterschreiben, dann wüsste ich nicht, was auf mich zukommt, ob man versuchen würde, mir als Autorin meine künstlerische Freiheit auf Kosten besserer Vermarktbarkeit zu nehmen. Wenn das passieren würde, befände ich mich in einem ständigen Kriegszustand mit dem entsprechenden Verlag, müsste meine Werke verteidigen und das aus einer unterlegenen Position heraus. Zumindest sieht mein Worstcase-Szenario so aus. Natürlich kann es auch anders kommen, aber das Risiko wäre mir mit einer Buchreihe einfach zu groß.

Dann gibt es noch die Tatsache, dass ich – und das ist eine charakterliche Angelegenheit – ungern um etwas bitte, sondern durch mein eigenes Engagement etwas erreichen will.

Oft stresst es mich, für alles verantwortlich zu sein, was meine Bücher betrifft, denn treten Fehler auf, kann ich mich hinter niemandem verstecken. Aber auf der anderen Seite genieße ich genau das, weil die Erfolge einzig und allein meine Leistung spiegeln und nicht das geschickte Marketing eines Verlags.

Von daher möchte ich diesen Weg möglichst beibehalten, auch wenn ich dadurch nur wenige Leser erreiche.

Du bist als Autorin vor allem sehr auf Instagram aktiv (ähnlich wie ich). Warum hast du dich ausgerechnet für diese Plattform entschieden und was macht Instagram insbesondere für Autoren interessant?

Tatsächlich war es eine persönliche Vorliebe für diese Plattform. Ich mag Facebook einfach nicht, obwohl es aus Sicht einiger Autoren wesentlich besser für das Marketing geeignet sein soll als Instagram und ich dort nach langem Ringen mit mir selbst sehr positive Erfahrungen gemacht habe.  

Was mir vor einigen Jahren bei Instagram im Verlauf meiner privaten Nutzung aufgefallen ist, war die Größe der Autoren- und Lesercommunity, also habe ich kurzerhand nach dem Entschluss, meine Bücher zu veröffentlichen, eine Instagram-Seite angelegt. Ich schätze Instagram wegen der einfachen Bedienung sowie der Verknüpfung von Bild und Text. Man kann dort hervorragend Zitate aus den Büchern posten, die den potenziellen Lesern ein Gefühl dafür vermitteln sollen, worum es in meinen Büchern in etwa geht. Zugleich kann man mit der Community kommunizieren. All diese Funktionen sind für mich sehr wertvoll, wenngleich diese auch von Facebook geboten werden. Im Idealfall sollte man vermutlich beide Medien und weitere Plattformen darüber hinaus verwenden, um eine möglichst große Leserzahl zu erreichen.

Woran arbeitest du zurzeit?

Zurzeit überarbeite ich Band 4, der mehr oder weniger fertig ist, schreibe an Band 5 sowie an einigen anderen Projekten, die nichts mit der Verfall-Reihe zu tun haben.

Was können wir in der Zukunft von dir an Büchern und Projekten erwarten? Hast du schon Pläne, über die du etwas verraten willst?

Es werden auf jeden Fall noch einige Verfall-Bände kommen. Parallel nehmen andere Projekte Form an, bei denen es sich um Einzelbücher handeln soll. Ich bin an einem Punkt, an dem ich etwas Neues ausprobieren möchte, auch wenn ich dadurch die sichere Komfortzone der vertrauen Verfall-Reihe verlassen würde. In meinem neuesten Projekt, das noch nicht weit fortgeschritten ist, geht es um einen Serienmörder – mehr möchte ich vorerst nicht verraten. Meine weiteren Bücher werden weiterhin einen hohen Thriller-Anteil beinhalten, denn ganz ohne Blutvergießen möchte ich nicht arbeiten, aber ich möchte auch weiterhin dem Fokus der Charakterentwicklung treu bleiben.


Da bin ich sehr gespannt drauf. Vielen Dank April für dieses Interview. 🙂

Wenn ihr mehr über April Nierose und ihre Bücher erfahren wollt, könnte ihr sie auf Facebook https://www.facebook.com/aprilnierose oder Instgram https://www.instagram.com/aprilnierose/ besuchen. Ihre Bücher könnt ihr hier kaufen: https://amzn.to/2Ry5K7Y


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Interview mit dem SadWolfVerlag

Interview mit dem SadWolfVerlag auf der Frankfurter Buchmesse am 13.10.2018

In dem von etablierten Großverlagen und Übersetzungen dominierten deutschen Literaturbetrieb haben es neugegründete Verlage oft schwer Fuß zu fassen, und die wenigsten schaffen es über den Status eines Kleinverlages hinauszuwachsen. Eine der wenigen Ausnahmen ist der junge deutsche SadWolfVerlag. Benannt nach den beiden Gründern Johannes Wolfers und Etienne Sadek hat sich der Verlag darauf spezialisiert Bücher zu verlegen, die die Noir Side of Life zeigen. Stetig wachsend und immer neue Erfolge verzeichnend, hat sich der ehemalige Insidertipp innerhalb von nun vier Jahren zu einer festen Größe in der Literaturlandschaft etabliert und betritt dieses Jahr mit der Veröffentlichung der englischen Bestsellerautorin Helen Hollick die internationale Bühne. Was ist das Erfolgsgeheimnis dahinter, und was können junge Verleger und Autoren daraus lernen? Auf der Frankfurter Buchmesse 2018 nahmen sich die beiden idealistischen Verleger die Zeit mir für das Mitgliedermagazin des BVjA QWERTZ einige dieser Fragen zu beantworten.

 

Zusammen habt ihr beiden vor fast vier Jahren, also am 14. November 2014, den Verlag gegründet. Wie kam es dazu und wie fandet ihr diese Nische des Noir?

 

Etienne: Ich bin vom Herzen her selber Schriftsteller und lehre auch im Kreativen Schreiben, und Johannes ist Musiker. Wir hatten damals zusammen angefangen an einem dystopischen Science-Fiction-Roman zu schreiben und dabei haben wir gemerkt, dass wir zwar damit weitermachen wollen, aber auch dass viele Autoren von großen Verlagen oft kaum Mitspracherecht haben und halt nur ein kleines Rädchen im Getriebe sind.

 

Johannes: Vor allem junge Autoren haben ja auch kaum Chancen bei größeren Verlagen unterzukommen.

 

Etienne: Genau. Und eines Abends haben wir ein paar Gläser viel Whisky getrunken, und haben uns dann gesagt, wir wollen das ändern und machen etwas Eigenes. Die Entscheidung war dann zwischen Musiklabel oder Verlag. Wir konnten uns nicht entscheiden, also haben wir eine Münze geworfen, und sie fiel für den Verlag. Aber dann gab es tatsächlich schon das nächste Problem, nämlich wir hatten kein Geld. Was macht man, wenn man halb nüchtern ist und man hat zu große Träume? Man geht einfach ins Casino und spielt Poker. Wir haben dann dort tatsächlich das Gründungskapital von großartigen und weltbewegenden hundert Euro zusammengetragen, und damit haben wir den SadWolfVerlag gegründet. Die Nische das Noir kam dann erst danach, also wir hatten erst den Namen, und dann haben wir erst das Konzept entwickelt. Am Anfang haben wir alles selber machen müssen. Johannes hat korrigiert, die Webseite gemacht und gelayoutet, und ich habe lektoriert und auch korrigiert und gelayoutet. Es gab natürlich Hürden und wir haben viele Fehler gemacht, aber wir haben von Anfang gesagt, wir machen Fehler und wir machen gerne Fehler, denn aus Fehlern lernt man.

 

Johannes: Wir haben den Verlag ja vor allem aus Idealismus heraus gegründet.

 

Etienne: Genau. Und klar, am Anfang waren die Zeiten schwer, wir hatten zwölf Stunden, vierzehn Stunden Tage, und auch durchgearbeitete Tage und Nächte gab es zu Haufen. Aber wir merken immer daran, dass die Autoren auf uns zählen, dass das uns Kraft gibt. Wir sind daher kein normaler Verlag, sondern mehr wie eine Familie mit den Autoren. Weil wir einfach sagen, dass die Autoren von A bis Z Mitspracherecht haben und deshalb ist der Kontakt viel größer und stärker. Mittlerweile haben wir mehrere Mitarbeiter, sogar eine Praktikantin, und es ist großartig zu sehen, wie es sich entwickelt. Das hört sich vielleicht platt an, aber wenn man Träume hat, die groß sind, dann können sie in Erfüllung gehen. Dass wir nun auf der Frankfurter Buchmesse mit einem Stand sind mit unseren Büchern, und es gibt Leute, die kommen hierher um unsere Autoren zu sehen – das ist ein großartiges Gefühl.

Aber ohne Johannes hätte ich das nie geschafft, so viel wie wir an Nächten durchgearbeitet haben, das hätte ich von keinem anderen erwartet. Und dahinter steht auch noch ein ganzes Team: Petra, Patrick, Jasmin, Stephanie, Chantal, Mel, Sabine, Sarah, die Lektoren, die Designer. Alle im Team sind hochbegeistert und hochtalentiert, und wir hatten auch einfach Glück mit unseren Autoren. Sehr viele und junge Talente, wie Petra Renée Meineke, Dominique Stalder, Vivienna Norna und Sophie Nuglisch, oder Arif Kryeziu – ein verkanntes Genie, und der ist selber Flüchtling, was zurzeit ein sehr wichtiges Thema ist. Der kam mit nichts nach Deutschland, und kann seine bitteren Erfahrungen mit so viel Herz schildern. Das ist einfach schön solchen Autoren eine Plattform bieten zu können.

 

Was ist das Wichtigste, was ihr während der Gründungszeit gelernt habt, und was würdet ihr anderen raten, die nun gerade ebenfalls einen Verlag gründen wollen?

 

Etienne: Wenn du einen Traum hast, glaube daran und arbeite daran. Du musst jeden Tag 100% geben und gute Qualität abliefern. Qualität setzt sich durch. Man muss immer dran glauben und lernen: Fehler machen und Hinfallen ist nicht schlimm. Es ist genau wie bei einem Kleinkind. Denn wie lernt ein Baby laufen? Es steht auf, geht ein paar Schritte, fällt hin, und steht wieder auf, immer wieder, bis es es irgendwann kann. Das ist ein Prozess und man darf niemals Angst davor haben, Fehler zu machen.

 

Das ist eigentlich eine Weisheit, die man auch auf das ganze Leben übertragen kann, egal ob Verlagsgründung, die Arbeit an einem Roman, Sport oder Beruf.

 

Etienne: Richtig. Aber natürlich muss man auch dafür brennen, was man tut, und herausfinden, was man im Leben liebt, und wofür man bereit ist teilweise auch achtzehn Stunden am Stück zu arbeiten.

 

Neugegründete Verlage und Kleinverlage im Allgemeinen haben es ja in den letzten Jahren sehr schwer gehabt. Euch geht es aber anscheinend entgegen dieses Trends ziemlich gut. Was ist euer Geheimnis?

 

Etienne: Einerseits natürlich diese spezialisierte Nische, durch die wir Bücher verlegen können, die nicht in die klassischen Genreschubladen der großen Verlage passen und gerade deshalb viele Leser finden. Aber am Ende ist es vor allem harte, harte Arbeit und ein tolles Team. Vor allem Johannes ist unglaublich perfektionistisch und er schafft es, immer wieder aus dem Minimalsten das Maximum herauszuholen. Johannes ist super still, weil er mehr der Vorausplanende von uns beiden ist und nicht mit seinen Erfolgen prallen will, aber wir beide sind mit unserer Leidenschaft für den Verlag beide auf der gleichen Wellenlänge, was es möglich macht so hart zu arbeiten. Man muss halt bereit sein, sein letztes Hemd zu geben und bis zum Burnout zu arbeiten, und auch darüber hinaus, denn wenn man es liebt, dann kriegt man auch keinen richtigen Burnout. Das ist letztendlich im Kern das ganze Geheimnis. Und wenn man das richtige Team hat, fragt man sich irgendwann: Ist etwas zwischen dir und mir?

 

 

Anfang 2018 kam das Reboot eures Verlags mit einer neuen Webseite und einem neuen Blog. Was hat es damit auf sich und was ist eure Vision für die Zukunft des SadWolfVerlags?

 

Johannes: Wir haben vor allem die Webseite mit einem professionelleren Design neuaufgesetzt, weil die Alte nicht mehr unser Konzept wiedergespiegelt hat. Dabei haben wir auch einen Newsletter eingerichtet und bauen gerade eine Bloggerliste auf, um auch unseren Blog regelmäßig zu füllen und unsere Reichweite auszubauen.

 

Etienne:  Wir arbeiten jetzt auch mit Verlagsvertretern zusammen, damit unsere Bücher bekannter werden und mehr in den Buchhandel kommen. Wir haben nämlich die Erfahrung gemacht, dass auch Buchhändler richtig begeistert auf uns zukommen, weil Leser unsere Bücher haben wollen. Der Markt ist nämlich bereits ziemlich gesättigt von den normalen Büchern, was ja gar nichts Schlechtes ist, aber wir bringen halt mal was Anderes. Das Ziel des Reboots ist vor allem bekannter zu werden, aber wir wollen dabei auch nicht zu schnell wachsen, sondern nur so schnell, dass wir auch die Qualität unserer Bücher und die enge Zusammenarbeit mit unseren Autoren aufrechterhalten können. Wir haben uns auch Gedanken gemacht darüber, wer sind wir und wofür stehen wir? Und wir wollen einfach, dass der Leser genau weiß, er kauft ein Buch von SadWolf und erwartet eine bestimmte Qualität, und auch die Autoren haben unglaublich große Anforderungen an uns, und die wollen wir erfüllen. Das ist das Ziel. Darüber hinaus arbeiten zurzeit daran einzelne Bücher ins Englische zu übersetzen, wie jetzt 7 Tage mit Gott, und auch aus dem Englischen ins Deutsch zu übersetzen, wie jetzt mit Helen Hollick.

 

Johannes: Es geht aber auch um die Verpackung. Das Design der Cover und der Webseite sollen mit dem Konzept übereinstimmen und eine gewisse Eleganz haben.

 

Etienne, du bist selber schriftstellerisch tätig und unterrichtest auch kreatives Schreiben, weshalb wir ja auch zurzeit im Gespräch sind, dich für eins unserer Seminare einzusetzen. Was ist dein wichtigster Schreibtipp für junge Autoren?

 

Etienne: Es dauerte Jahre, teilweise Jahrzehnte, um über Nacht berühmt zu werden. Schreiben ist vielleicht 10% Talent und 90% Handwerk. Man muss sich mit dem Handwerk auskennen und sich bewusst machen, dass das ein langer Weg ist. Viele Leute werden einen nicht verstehen wollen. Man geht zum Beispiel nicht mehr auf Partys. Viele Leute waren damals irritiert, als ich mit 17 mein erstes Buch geschrieben habe, als ich gesagt habe, ich gehe heute nicht mit, sondern lese heute ein Buch oder arbeite an meinem Manuskript. Man muss auch seine eigene Stimme finden und man muss bereit sein den Preis dafür zu bezahlen und einfach dran bleiben und an sich selber glauben, auch wenn die Leute einem sagen, dass man es nicht schaffen wird. Wenn man dranbleibt und die Geduld behält, dann schafft man es auch.

 

 

Johannes: Es ist auch wichtig, dass man nicht nur seinen Verstand einschaltet, sondern auch sein Herz und dass man die Emotionen anspricht. Man muss wirklich das fühlen, was man schreibt. Wenn man Menschen berühren kann, dann hat man es eigentlich erreicht. Und selbst wenn man nur einen Leser hat, der daraus was mitnehmen kann, der richtig ergriffen ist, dann ist man ein erfolgreicher Autor.

 

Warum sollten Autoren bei euch veröffentlichen wollen?

 

Johannes: Es ist vor allem das Mitspracherecht und, dass man nicht in der Masse untergeht, wie bei anderen Verlagen. Wir machen auch nicht sehr viele Bücher, sodass die Qualität im Vordergrund steht und wir auch immer ansprechbar für unsere Autoren sind.

 

Etienne: Ja, es kann sein, dass größere Verlage mehr Budget haben, aber wir sind deutlich flexibler, auch wenn es darum geht, um auf die Wünsche der Autoren einzugehen. Wir zahlen auch immer faire Tantiemen, nämlich 10% vom Buchpreis, also wenn das Buch 15€ kostet, dann bekommt der Autor auch 1,50€. Man sollte sich niemals unter Wert verkaufen, und da ich selber Schriftsteller bin, weiß ich wie viel Zeit und Mühe da drin steckt.

 

Johannes: Die Rechte für die Bücher laufen auch nur zwei Jahren und werden nicht automatisch verlängert. Das war uns auch sehr wichtig, dass wir keine Knebelverträge haben und die Autoren nicht an uns gebunden sind. Auch wenn sie den Vertrag auflösen möchten, sind wir immer gesprächsbereit. Damit setzen wir uns auch deutlich ab.

 

Etienne: Wir wollen Autoren, die gern bei uns sind und auch gerne zu uns wiederkommen, und deswegen bieten wir ihnen eine gewisse Freiheit, damit sie ihre Visionen auch richtig umsetzen können. Zufriedene Autoren schreiben nämlich gute Geschichten, und von guten Geschichten leben wir.

 

Vielen Dank für das Interview.

Die Interviewantworten wurden aus redaktionellen Gründen stellenweise gekürzt und editiert. Dieses Interview erschien usrpünglich in der QWERTZ-Ausgabe 2018/4. Das QWERTZ ist das Mitgliedermagazin des BVjA. Das Beitragsbild wurde von Etienne Sadek zur Verfügung gestellt.

Webseite des SadWolfVerlags: https://sadwolf-verlag.de


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Warum ich Jordan Peterson gegenüber skeptisch geworden bin

Vor beinahe einem Jahr stellte ich in einem Artikel Dr. Jordan Peterson  und seine Ideen vor. Bereits damals betitelte die englischsprachige Presse ihn als den wichtigsten Intellektuellen unserer Zeit. In den vergangenen Dezemberwochen zogen nun auch deutsche Leitmedien (Spiegel, Zeit, WELT usw.) nach und berichteten erstmals ausführlich über den kanadischen Psychologieprofessor und Philosophiepopstar.

Wie auch schon zu Beginn dieses Jahres sind die Kontroversen und die Polarisierung um Peterson groß. Für die einen ist er ein gefährlicher Neurechter, für andere der Frontmann der Culture Wars, der den Westen rettet, für andere einfach nur ein stinknormaler Intellektueller oder gar ein Scharlatan. Abgesehen davon, dass J.B.P nun noch berühmter ist, die Kontroversen noch heftiger und er mit seinem neuen Bart aussieht, als würde er jeden Morgen mit brennenden Büsche Zwiesprache halten, ist im Kern also alles relativ beim Alten geblieben.

Zumindest für Jordan Peterson. Ich selbst habe mich seitdem viel verändert, habe das Abitur gemacht, ein Studium aufgenommen und mein Leben neu ausgerichtet (#sortyourselfout). Auch meine Sicht auf ihn hat sich in der Zwischenzeit mehrmals gewandelt. Ich bin skeptisch geworden. Eine Zeit lang hatte ich mich sogar komplett von Peterson abgewandt, bis mir mein Vater zum Abitur VIP-Tickets für das Pangburn-Philosophy-Event „War of Ideas“ in Dublin schenkte, bei dem Sam Harris, Douglas Murray und Jordan Peterson auf der Bühne debattierten. Eigentlich wollte ich dort vor allem wegen Sam Harris hin, aber während des Events und als ich danach mit Murray und Peterson einige Worte wechseln konnte, flammte meine alte Begeisterung für Peterson wieder auf.

Ich ließ mir meine Ausgabe von 12 Rules signieren und las sie nochmal (unbedingt bei 12 Rules einen großen Bogen um die deutsche Übersetzung machen. Die ist leider nicht sehr gut und verzerrt die Aussagen) und dazu noch Maps of Meaning. Seitdem beschäftige ich mich wieder öfters mit Peterson, auch weil er zunehmend in Deutschland ankommt und unter den Studenten in Jena diskutiert wird.

Ich bin überzeugt, dass Jordan Petersons Wirken insgesamt bisher überwiegend positiv ist. Er hat vielen Menschen geholfen und sein Auftreten hat die Philosophie ein Stück zurück in den Mainstream gebracht und viele Leute dazu angeregt sich mehr mit den wichtigen Fragen des Lebens zu beschäftigen. Das daraus entstandene Intellectual Dark Web  trägt dazu bei, dass Philosophen und Intellektuelle wieder in der Öffentlichkeit so bedeutend und einflussreich werden wie zuletzt zu Zeiten von Sartre und Camus. Eine Entwicklung, die nur zu begrüßen ist, vor allem in einem Jahrhundert, in welchem durch das Internet Verschwörungstheorien wie noch nie grassieren und die meisten Menschen im Westen vom Konsum und linker Propaganda betäubt in Filterblasen dahinvegetieren, statt die schöne neue Digitalität dazu zu nutzen sich weiterzubilden und aufzuklären.

Dennoch bin ich weiterhin sehr skeptisch, was Jordan Peterson angeht – und werde es von Tag zu Tag immer mehr. Und das liegt nicht nur daran, dass seine Rohrschachrhetorik bzw. seine Argumentationsweise, bei genauerer Betrachtung sich oft als logisch ungefähr so dicht wie der Bug der Titanic erweist. Oder daran, dass ich nun durch das Studium vemehrt mit den Werken von weniger berühmten aber mindestens genauso scharfsinnigen Denkern in Berüherung komme. Es gibt mehrere negative Entwicklungen und Eigenschaften, die auch den Kern der Kontroversen rund um Peterson ausmachen und mich von Anfang an störten. Jordan Peterson ist zweifelsohne eine hochintelligenter und charismatischer Mensch, allerdings ist er in meinen Augen wahrscheinlich nicht der wichtigste, sondern der überbewerteste Intellektuelle unserer Zeit – und wenn die Probleme, die ich in seinem Wirken sehe, sich weiterentwickeln, möglicherweise bald der gefährlichste Denker unserer Zeit.

Die Hauptprobleme

1. Seine Anhängerschaft

Das ist ein Problem für welches man Peterson nicht direkt verantwortlich machen kann, aber sehr wohl dafür, dass er dagegen nichts unternimmt. Jordan Peterson hat viele junge Menschen dazu inspiriert sich mit Philosophie zu beschäftigen und eine Orientierung im Leben zu finden. In einer Zeit, die von Nihilismus und der Dekonstruktion vieler Werte und etablierter Strukturen geprägt ist, ist diese Führung durch das Chaos des Lebens etwas, was vor allem die heutige Jugend nicht nur aktiv sucht, sondern auch braucht. Dr. Peterson hat diese Lücke gefüllt und ist dadurch innerhalb der letzten Jahren zu der Vaterfigur einer ganzen Generation avanciert. Dies bringt allerdings die Schattenseite mit sich, dass er von vielen wie ein Guru oder Kultführer verehrt wird. Vor allem jene für die Jordan Peterson der bisher einzige Zugang zur Philosophie und Psychologie war – also der Großteil seiner jungen, männlichen Zielgruppe – reagieren mitunter empfindlich aggressiv auf Kritik an Peterson. Kritiker des Kanadiers werden im Internet schnell mit Shitstorms und Hasskommentaren überzogen. Darüber hinaus bieten viele seiner Aussagen Futter für Memes der Neuen Rechten. Seine Anhänger tun also oft genau das, wovor Peterson eigentlich in seinen Vorträgen zum Radikalismus, Faschismus und Kollektivismus warnt. Das Problem hat Peterson nach wie vor nicht direkt angesprochen. Würde er allerdings differenzierter und selbstkritischer vorgehen, würde der Personenkult um ihn herum wahrscheinlich auch nicht so extreme Formen annehmen – was zu seinem eigenen Nachteil wäre, schließlich profitiert er immens davon. Aber dieser Mangel an Differenziertheit und Reflexion, der zu der Entstehung des kultartigen Verhaltens seiner Fans beiträgt, findet sich nicht nur im Umgang mit sich selbst, sondern auch mit seiner Opposition.

2. Feindbilder, Paranoia und falscher Postmodernismus

Jordan Peterson beschwört in seinen Reden und Texten immer wieder das Feindbild einer neomarxistischen Weltverschwörung herauf und hetzt gegen die „Postmodernisten“.  Am besten kann man das in seinem Video „Dangerous People Are Teaching Your Children“ für Prager U sehen. Zwar sind viele seiner Kritikpunkte berechtigt, aber er begeht dabei viele Fehler und seine Aussagen grenzen fast schon an Verschwörungstheorien mit denen er die Gesellschaft polarisiert und Argumente für die Neuen Rechte liefert. Wen man seine Vorträge genau ansieht, merkt man, dass seine sonst eher ruhige Art durch ein aggressives, wütendes Auftreten verdrängt wird, wenn er über das Thema spricht. Ich befürchte daher, dass er sich was seine Ansichten zum Postmodernismus angeht, von den aktuellen neurechten und reaktionären Strömungen und Ideologien mitziehen lässt. Bezeichnend ist dafür vor allem, dass er als Quelle für seine Ansichten immer wieder das Buch Explaining Postmodernism: Skepticism and Socialism from Rousseau to Foucault zitiert. Dieses Buch reduziert Postmodernismus von einer philosophischen Strömung auf eine manipulative Argumentationsstrategie der radikalen Neuen Linken. Ich weiß nicht, ob Peterson auch noch andere Bücher über Postmodernismus gelesen hat, aber ich bezweifle es, denn ansonsten würde er etwas differenzierter mit dem Thema umgehen und nicht dauernd die kollektivistische Identitätspolitik und Kulturmarxismus mit Postmodernismus gleichsetzen. Und vielleicht bemerken, dass viele seiner eigenen  Argumentationsweisen und seine relativistischen Definitionen, vor allem, was Wahrheit und Realität angeht, von sehr postmodernen Standpunkten ausgehen. Wenn er zum Beispiel seine religiösen Ansichten mit der Aussage „scientific truth is different from religious truth“ verteidigt, dann greift er ein Argument des neomarxistischen und postmodernen Philosophen Jean-François Loyotard auf. (nachzulesen in The Postmodern Condition). 

Diese unkritische Verurteilung von ganzen philosophischen Schulen, Schaffung von Feindbildern und das Verbreiten seiner Verschwörungstheorien einer neomarxistischen Weltverschwörung, polarisieren die Gesellschaft und vergiften den Diskurs – ganz abgesehen davon, dass sie zu großen Teilen falsch sind. Es stimmt zwar, dass diese nihilistische und antiwestliche Mentalität, die Peterson beschreibt, an Universitäten sehr weit verbreitet ist – nicht nur in den USA, wie ich von dort lebenden Verwandten und Freunden bestätigt bekommen habe, sondern wie ich selber auch hier in Deutschland erlebe – aber Peterson übertreibt, zeichnet eine schwarz-weiße Welt und schürt gezielt Angst mit seiner Wortwahl. Er gießt damit nur mehr Öl ins Feuer, statt es löschen. Er tut selber das, was er den „Postmodernisten“ vorwirft: An seiner eigenen dogmatisch Ideologie festhalten und andere Ideen ausblenden.

Aber dass Peterson von akademischer Philosophie nicht allzuviel versteht und Schwierigkeiten damit hat zu reflektieren, haben die meisten spätestens bei seinem Auftritt im Podcast Waking Up von Sam Harris hoffentlich bemerkt. Das führt uns gleich zum nächsten Punkt.

3. Überschreiten der Kompetenzen und Desinformation

Peterson beklagt immer wieder, dass er als politischer Intellektueller oder Philosoph aufgefasst wird, was er aber weder wäre noch sein wolle. Er betrachte sich selber lieber als Psychologen und Theologen.

Es stimmt zwar durchaus, dass Peterson als klinischer Psychologe kein Experte für Politik ist – dennoch verhält er sich wie einer und wird entsprechend so wahrgenommen. Und er tut auch nichts dagegen. Er wurde schließlich durch die Kontroversen um Bill C16 berühmt und seine Kritiken an der Neuen Linke und Justin Trudeau. Auch kommentiert er aktiv politisches Tagesgeschehen auf Twitter und postete Videos während der Kongresswahl 2018 in den USA, in denen er zu den Demokraten Stellung bezog. Politik war und ist für Jordan Petersons intellektuelle Tätigkeit und seinen Ruhm essentiell. Wenn er also sagt, er wäre kein politischer Intellektueller, handelt es sich dabei entweder um eine Form von kognitiver Dissonanz oder um eine bewusste Lüge.

Peterson mag vielleicht etwas anderes behaupten, aber er inszeniert sich abgesehen davon auch gern als Universalgenie. Das kann man bereits in seinem Grundwerk Maps of Meaning sehen. Darin vermischt er Ideen aus Anthropologie, Philosophie, Psychologie, Politik und Theologie zu einer Weltformel – die allerdings an vielen Stellen mangelhaft ist, da sie judeochristlichen Mythen eine archetypische Universalität zuspricht, für die sich zahlreiche Gegenbeweise finden lassen. Dafür reicht es sich Asien oder die indigene Kulturen Südamerikas anzusehen – was Peterson natürlich eher verschweigt.

Jordan Peterson ist mit Sicherheit ein sehr kompetenter Psychologe, was man an dem Erfolg seiner Selbsthilferatschläge sehen kann – aber in vielen anderen Dingen ist seine Kompetenz eher gewöhnlich. Deshalb ist es so gefährlich, wenn er seine Kompetenz verlässt und für ihn fachfremde Themen kommentiert.

Weil viele Menschen positive Erfahrungen aus seinen psychologischen Ratschlägen ziehen (die oft sehr universell gültig sind), glauben sie, dass seine Ansichten auch in anderen Gebieten richtig sein müssten. Vor allem die radikalen Anhänger, die ihn regelrecht verehren, übernehmen dann oft unkritisch seine Meinungen und wollen seine Ansichten zu allen Aspekten des Lebens wissen. Entsprechend wird Jordan Peterson auch zu anderen Themen befragt – und statt wie ein perfekter Intellektueller sich über Themen, zu denen er wenig Expertise besitzt, auszuschweigen, gibt er zu allem eine Antwort. Meist bedient er sich dabei einer Rhorschachrhetorik, die seine Aussagen so formlos und vieldeutig macht, dass jeder alles reinintepretieren kann. Oft macht er aber auch klare Aussagen, die dafür dann umso fataler sind.

Das beste Beispiel sind  seine Ernährungsvorschläge. Fairerweise muss man anfügen, dass er zumindest hierbei selbst sagt, er wäre kein Ernährungsexperte – was ihn aber nicht davon abhält seine anekdotischen Erfahrungen auszubreiten, die von keinen wissenschaftlichen Studien unterstützt werden. So ernähren sich Dr. Peterson  und seine Tochter angeblich ausschließlich von Fleisch und preisen diese Diät öffentlich an. Seine Tochter verdient mittlerweile Geld damit, dass sie Menschen berät, wie sie auf diese aus Steaks bestehende Diät umsteigen. Abgesehen davon, dass es ökologischer und ökonomischer Sicht ziemlich unverantwortlich ist, seine Ernährung zum Großteil auf Fleisch aufzubauen, so muss man kein Ernährungswissenschaftler sein, um zu sehen, dass das kompletter Nonsens ist, denn die wissenschaftliche Studienlage dazu ist recht klar, während Peterson nur Anekdoten vorbringt. Absolut keine Kohlenhydrate zu essen, wie die beiden vorschlagen, ist gefährlich. Wenn man absolut keine Kohlenhydrate mehr zu sich nimmt, verfällt der Körper in einen Stoffwechselzustand namens Ketose, bei dem er die Kohlenhydrate durch das Auseinanderbrechen von Proteinen und Fetten gewinnt. Als Langzeitnebenwirkung dieses Stoffwechsels entstehen giftige Abauprodukte wie Aceton, die den ganzen Körper schädigen und in der Regel innerhalb von wenigen Monaten zu tödlichen Konsequenzen führen. Bei manchen Erkrankungen kann eine kurzzeitige ketogene Diät, die der von Peterson ähnlich ist, zwar laut einigen Studien tatsächlich hilfreich sein, aber langfristig und ohne ärztliche Kontrolle ist sie keine Lösung, sondern schlicht wahnsinnig. (Also eine Diät, die ausschließlich aus Fleisch besteht. Eine normale ketogene bzw. low Carb Diät ist je nach Studienlage relativ sicher und sogar mitunter gesund.)

Wobei Jordan Peterson bei seinem Auftritt bei Joe Rogan behauptete, 25 Tage lang nicht geschlafen zu haben, nachdem er einmal Cider getrunken und damit gegen seine Diät verstoßen hatte – dabei liegt der Rekord für die längste Zeit ohne Schlaf bei 11 Tagen. Also, entweder Peterson überdramatisiert und lügt mit seiner Diät, um noch mehr Aufmerksamkeit zu bekommen, oder sie schadet ihm mittlerweile kognitiv.

Die Ernährungsratschläge sind sicherlich das extremste Beispiel, aber sie stehen exemplarisch für zahlreiche andere Themenfelder auf denen Jordan Peterson sich bewegt, ohne die Expertise dafür zu besitzen und daher auch oft veraltetet und wiederlegte Theorien verbreitet. Um nur einige zu nennen: seine Aussagen zu wirtschaftlichen Problemen, zu Gödels Unvollständigkeitssatz, zu Atheismus, zu Philosophie und zu sehr viel, was mit Politik zutun hat.

Ein aufrichtiger und ehrlicher Intellektueller würde zu Themen, mit denen er sich nicht auskennt, und vor allem bei so sensiblen Sache wie Ernährung und Politik, schweigen oder sich zumindest gründlicher informieren. Bei Peterson bekomme ich zunehmend aber das ungute Gefühl, dass die Fähigkeit zur Reflexion mit dem steigendem Ruhm sinkt und die Anzahl der radikalen und polarisierenden Ansichten steigt.


Weiterführende Artikel:

https://leveret-pale.de/dr-jordan-peterson

https://www.theatlantic.com/health/archive/2018/08/the-peterson-family-meat-cleanse/567613/

https://www.psychologytoday.com/us/blog/in-excess/201307/celebrity-worship-syndrome

https://www.zeit.de/2018/52/jordan-peterson-hummer-gesellschaft-hierarchie-natur-menschen

https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/einflussreicher-psychologe-jordan-b-peterson-genie-oder-scharlatan

https://www.psychologytoday.com/intl/blog/hot-thought/201803/jordan-petersons-murky-maps-meaning


Dieser Artikel wurde von einem Laien erstellt und gibt nur meine persönliche, subjektive Meinung wieder. Auch wenn bei der Recherche größte Sorgfalt aufgewandt wurde, kann die Richtigkeit der darin enthaltenen Informationen nicht garantiert werden.

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Students for Solidarity im Interview

Am 24. November 2018 fand in der Friedrich-Schiller-Universität Jena die alljährliche Konferenz der Students for Liberty Deutschland statt. Wie bereits letztes Jahr regte sich gegen die Konferenz Protest und unter dem Namen Students for Solidarity formte sich eine Gegenkundgebung. Um die Ursachen des Konflikts aufzudecken, habe ich mit beiden Seiten gesprochen. Im Folgenden könnt ihr das Interview mit den Organisatoren der Students for Solidarity lesen.

Vielen Dank, dass Ihr euch die Zeit für das Interview nehmt. Wer sind die Students for Solidarity, wer steht dahinter und was sind eure Ziele?

Wir sind ein gruppenübergreifender, anlassbezogener Zusammenschluss bestehend aus in verschiedenen Kontexten organisierten, politisch aktiven Einzelpersonen. Wir sehen es als unsere Aufgabe, dem irreführenden Freiheitsbegriff der „Students for Liberty“ auf friedliche, demokratische Weise unser Verständnis von Freiheit entgegen zu halten. Für uns bedeutet Freiheit im Gegensatz zu den „Students for Liberty“ nämlich nicht Ausschluss von Gerechtigkeit. Aufrichtige Freiheit liegt in der gerechten Freiheit des/der anderen und somit in der Solidarität.[i]

Unser vorrangigstes Ziel ist es dabei, möglichst viele Menschen über die fragwürdigen, ideologischen Wurzeln der Students for Liberty aufzuklären.

Wer sind die Students for Liberty aus eurer Sicht?

Aus unserer Sicht handelt es sich bei den „Students for Liberty“ zuallererst um eine Organisation privilegierter Personen, denen es um den Erhalt bzw. die Verschärfung des eigenen Status quo geht und die entsprechend Ideen eines entfesselten Kapitalismus im Anschluss an die sozialfeindliche Ideologie des Libertarianismus[ii] vertreten und verbreiten. Bei Gesprächen mit ihren Anhängern und der Auseinandersetzung mit den ideengeschichtlichen Ursprüngen ihrer Organisation wird schnell ersichtlich, dass sie explizit eine andere Gesellschaftsform anstreben und grundlegende gesellschaftliche Errungenschaften für die Menschenrechte wie das Recht auf Wohnen, das Recht auf Nahrung oder aber auch das Recht auf Bildung grundlegend ablehnen. Man braucht nun absolut kein*e Sozialist*in zu sein, um die essenzielle Bedeutung dieses sozialstaatlichen, demokratischen Grundkonsens anzuerkennen. 

Dabei machen es sich die „Students for Liberty“ zu Nutze, dass der ursprünglich aus dem angloamerikanischen Raum stammende und dort auch populärere Libertarianismus im europäischen Raum noch wenig bis kaum bekannt ist und sie somit ihren pervertierten Freiheitsbegriff samt ultrakapitalistischer Interessen unter die Leute bringen können. Sie verbreiten bewusst Fehlinformation und versuchen die Öffentlichkeit zu blenden mit allgemein positiv besetzten, mehrdeutigen Forderungen wie denen nach „Frieden“ und „Freiheit“. Dabei geben sie sich auch als Graswurzelbewegung aus und verschleiern so, dass es sich bei ihnen um eine streng hierarchische Top-Down Organisation handelt, die von ihren höchsten Ämtern als „Leaders“ spricht. 

Sie missbrauchen die Begrifflichkeit absolut notwendiger, kritischer Auseinandersetzung mit den Zuständen in realsozialistischen Staaten um ihre sozialist*innenfeindlichen Vorstellungen zu verbreiten, im Zeichen des antikommunistischen Moments ihrer Ideologie. So deuten sie sich selber als die libertäre Speerspitze, als den logischen und einzig gerechtfertigten Gegenpunkt zum aus ihrer Sicht immer zutiefst negativen Sozialismus. 

Dabei setzen sie alle sozialen Bewegungen gleich und diffamieren Gewerkschaften, Mieterinitiativen, politische Gegner*innen etc. als „Gleichmacher“.

Kurz gesagt unterstellen wir den „Students for Liberty“, ideologisch den Klassenkampf[iii] von oben vorzubereiten. 

In eurem Aufruf kritisiert ihr konkret die Teilnahme des Professor Michael Dreyer aus Jena. Warum?

Bei unserer Kritik an Professor Dreyer geht es uns dezidiert nicht um ihn als Person, sondern darum, dass er sich scheinbar unkritisch ins Zeichen dieser doch klar auf Ideologiebildung abzielenden Veranstaltung stellt. Gerade ihm als Ideengeschichts-Professor, der auch bekannt ist für seine vielen wissenschaftlichen Reisen in den US-amerikanischen Raum, muss der schwer ideologische, menschen- und demokratiefeindliche Ursprung des Libertarianismus und der Unterschied zum Liberalismus vollkommen bewusst sein.

Von daher ist es uns absolut unerklärlich, wie er sich auf diese Gruppierung einlassen, dieser dadurch Legitimation verschaffen und dabei den Kontext seines Auftritts so völlig verkennen kann. Offensichtlich sieht er nicht, dass der humanistische Freiheitsbegriff Schillers, über den er dort referiert hat, für das ultrakpitalistische, eigentumszentrierte Weltbild der „Students for Liberty“ keinerlei Bedeutung hat, sondern er ihnen lediglich als Aushängeschild zwecks Prestige und Normalisierung dient.

Seine Argumentation, dass er auch genauso in anderen politischen Kontexten auftreten würde, halten wir aus oben genannten Gründen und der implizit antidemokratischen Agenda der Libertären für Augenwischerei.

Gerade weil wir ihn für eine ansonsten demokratische, wirklich liberale Person halten, ist er so zentraler Adressat unserer Kritik.

 

Bereits letztes Jahr gab es im Rahmen der damaligen Konferenz der SfL diverse Konflikte, weshalb die Konferenz dieses Jahr von Beginn an unter Polizeischutz stand. Was haltet ihr davon? Sollten in einer pluralistischen und demokratischen Gesellschaft nicht auch die Students for Liberty, selbst wenn sie fragwürdige pro-kapitalistische Ansichten vertreten, das Recht haben ihre Meinung frei zu äußern, ohne Polizeischutz zu brauchen?

Selbstverständlich gilt auch für uns das Recht der Rede- und Meinungsfreiheit als fundamentales Prinzip. Auch wenn wir die „Students for Liberty“ und ihre Ideen als implizit menschenfeindlich ablehnen sollte es auch ihnen möglich sein ohne Polizeischutz zu tagen. Und genau da liegt auch der Punkt:

Wir haben von Anfang an klargestellt, dass es sich bei unserem Vorhaben um eine dezidiert friedliche Veranstaltung handelt. Weder haben wir den „Students for Liberty“ in irgendeiner Weise Gewalt angedroht, noch ihr Recht auf freie Meinungsäußerung in Frage gestellt. Die Realität sieht sogar so aus, dass sie uns durchgehend verleumden, beschimpfen, zutexten und persönlich angehen. Unsere Persönlichkeitsrechte haben sie konsequent durch unerlaubtes Filmen und Fotografieren missachtet und unsere Kundgebung versucht zu stören bis zu dem Punkt, dass die anwesende Polizei intervenieren musste. Somit wird recht deutlich, wer hier wen versucht einzuschüchtern und wo der Unterschied liegt zwischen klassischem Liberalismus und der aggressiven Ideologie der Libertären.

Ihr kritisiert in eurem Aufruf, dass die Students for Liberty mit Rechtsradikalen aus der „Friedrich A. von Hayek – Gesellschaft“ vernetzt wären, und selber antifeministisch und rassistisch agieren würden. Allerdings spalteten sich genau deswegen 2015 die Liberalen von der damals zunehmend rechts werdenden Hayek-Gesellschaft ab und gründeten die Nous-Gesellschaft. Die führenden deutschen SfL-Mitglieder (wie zum Beispiel Rick Wendler) sind alle in der Nous, distanzieren sich also damit klar von den Rechten. Darüber hinaus setzten sich die Students for Liberty bei ihren Veranstaltungen und in ihrem Magazin Peace Love Liberty immer wieder für offene Grenzen, Frauenrechte, Antifaschismus und die Legalisierung von Drogen ein und verurteilen in dort publizierten Essays den Überwachungsstaat und Trumpwähler. Das wirkt ja eigentlich nach genau dem Gegenteil von dem, was ihr ihnen vorwerft. Wie erklärt ihr euch das?

Wir halten diese Distanzierungen seitens der „Students for Liberty“ für reine Lippenbekenntnisse. Zum einen sind nach wie vor Redner*innen der Hayek-Gesellschaft[iv] eingeladen und die Veranstaltung wird weiterhin durch eben diese auch gefördert. Zum anderen arbeiten sie unter dem Vorwand einer „liberalen“ Auseinandersetzung aktiv gegen Feminismus und Antifaschismus und versuchen diese in ihrer Bedeutung zu delegitimieren.

Außerdem muss man sehen, dass sowohl Drogenpolitik, Überwachungsstaat als auch Grenzpolitik ihnen vor allem deshalb ein Dorn im Auge sind, weil sie ihren eigenen ultrakapitalistischen Interessen zuwiderlaufen und nicht etwa wegen der tatsächlichen Bedeutungen für Individuen und Gesellschaft.

Tatsächlich verbirgt sich hinter den leeren Phrasen von „Frieden, Liebe und Freiheit“ eine krasse Ungleichheitsideologie, die auf Vorstellungen von der Ungleichwertigkeit der Menschen und der Durchsetzung der Privilegierteren fußt.

Die Eliminierung staatlicher Regelungen zwecks Zementierung des eigenen Lebensstandards auf Kosten der Schwächergestellten unserer Gesellschaft wird dabei zur obersten Maxime.

Vor diesem Hintergrund wird klar, warum es sich bei dem nach außen getragenen Image der „Students for Liberty“ um pure Verblendung handelt.

 

Rückblickend: Wie bewertet ihr eure Kundgebung am 24.11.2018? Konntet ihr eure Ziele erreichen und gab es irgendwelche Zwischenfälle? Was sind eure Pläne für die Zukunft?

Wir sind wirklich sehr zufrieden mit dem Ablauf unserer Kundgebung. Abgesehen von den vergeblichen Störversuchen seitens der „Students for Liberty“ konnten wir in Ruhe unsere Redebeiträge halten und waren sehr glücklich über die zahlreiche Unterstützung dabei, ein Zeichen zu setzen für ein solidarisches Freiheitsverständnis. Wir haben um die 50 Leute gezählt aus verschiedensten Gruppen und waren froh eine so bunte Menge erreichen und zusammenbringen zu können.

Wie wir konkret als Students for Solidarity in Zukunft auftreten werden, halten wir uns noch offen. Feststeht aber, dass wir auch weiterhin unter dem Namen Projekte starten werden. So schnell werden uns die „Students for Liberty“ nicht mehr los.

Vielen Dank, dass ihr euch die Zeit genommen habt die Fragen so ausführlich zu beantworten.

Foto: Dominik Itzigehl ( https://www.instagram.com/d.itzi/ )

Das Interview mit Rick Wendler, den Chairman der Students for Liberty, findet ihr unter folgendem Link: https://leveret-pale.de/students-for-liberty-im-interview

Das Interview führte Nikodem Skrobisz und wurde von zwei Organisatoren der SfS beantwortet, welche jedoch anonym bleiben wollen. Wer sich selbst ein Bild machen will von den Argumenten der Gegner und der Konferenz der Students for Liberty, der findet die Texte der Kundgebung auf der Facebookseite des Students for Solidarity: https://www.facebook.com/StudentsforSolidarity-1454873574642976/ und die Videoaufnahmen der Vorträge bald auf dem YouTube Kanal der Students for Liberty: https://www.youtube.com/channel/UCpEYEFggK3cUpeRsBmnRw .

 Worterklärungen:

[i] Solidarität:   Laut Duden das unbedingte Zusammenhalten mit jemandem aufgrund gleicher Anschauungen und Ziele, und in der linken Bewegung die sich auf das Zusammengehörigkeitsgefühl und das Eintreten füreinander gründende gegenseitige Unterstützung.

[ii] Libertarismus: Politische und philosophische Strömung, die Ideologie umfasst, die alle an der negativen Freiheit als Ziel festhalten und vom Selbsteigentum als Grundlage ausgehen. Negativ meint damit „Frei sein von“, also vor allem frei sein von Unterdrückung und Reglementierung durch den Staat. Innerhalb der Libertären gibt es sowohl anarchokapitalistische Ideologien, die den Staat komplett abschaffen wollen, als auch diejenigen die ihn stark begrenzen wollen. Diese Ideologie ist vor allem in den USA weit verbreitet und hat viele Anhänger in der republikanischen Partei, wobei es auch eine Libertarian Party gibt, die nach den Demokraten und Republikanern die drittgrößte Partei in den USA ist.

[iii] Klassenkampf: Begriff aus dem Marxismus, der davon ausgeht, dass die Gesellschaft aus einer ausgebeuteten Arbeiterklasse und einer ausbeutenden Kapitalistenklasse besteht, deren Interessen antagonistisch sind und die sich daher gegenseitig bekämpfen. Laut Marx wird der Klassenkampf letztendlich zu einer Revolution der Arbeiterklasse führen, die dann im Kommunismus alle Klassenunterschiede aufhebt.

[iv] Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft: Nicht zu verwechseln mit der Friedrich August von Hayek-Stiftung für eine freie Gesellschaft oder der Friedrich-August-von-Hayek-Stiftung. Eine Organisation, die sich der akademischen Förderung und Vernetzung wirtschaftsliberalen Denkens verschrieben hat, allerdings in den letzten Jahren in einige Kontroversen geraten ist, weil prominente AfD-Politiker wie Beatrix von Storch, Mitglieder sind. 2015 spaltete sich die Stiftung und es entstand die Nous.


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Students for Liberty im Interview

Am 24. November 2018 fand in der Friedrich-Schiller-Universität Jena die alljährliche Konferenz der Students for Liberty Deutschland statt. Wie bereits letztes Jahr regte sich gegen die Konferenz Protest und unter dem Namen Students for Solidarity formte sich eine Gegenkundgebung. Um die Ursachen des Konflikts aufzudecken habe ich mit beiden Seiten gesprochen. Im Folgenden könnt ihr das Interview mit Rick Wendler, dem Chairman der Students for Liberty Deutschland, lesen.

Vielen Dank, dass du dir die Zeit für das Interview nimmst. Magst du dich kurz vorstellen und deine Position bei den Students for Liberty erläutern?

Gern! Ich bin ursprünglich aus Berlin, habe hier in Jena und in Dublin Jura studiert und arbeite jetzt an meiner rechtsphilosophischen Doktorarbeit. Ich habe zusammen mit ein paar anderen vor gut zwei Jahren die Hochschulgruppe Students For Liberty Jena gegründet und bin zurzeit auch Vorsitzender der Students For Liberty Deutschland.

Welche Ziele verfolgen die Students for Liberty? Für welche Werte stehen sie ein und was unterscheidet sie von etablierten liberalen Organisationen, wie den JuLis und der FDP?

Wir verstehen uns selbst als Liberale und wollen Anlaufstelle für alle am Liberalismus Interessierten sein. Ein solches Interesse kann sehr vielseitig sein, vom klassisch Liberalen über den Neoliberalen, bis hin zum libertären Anarchisten. Liberalismus ist zwar vielseitig, aber deswegen nicht beliebig. Der Kernwert bei den Students For Liberty ist die individuelle Freiheit, also die Freiheit jedes einzelnen Menschen. Das hat natürlich politische, ökonomische und soziale Dimensionen.

Politisch gehören dazu beispielsweise Rechtsstaatlichkeit oder die Meinungsfreiheit – letztere nicht nur als Abwehrrecht gegen den Staat, sondern auch als ein liberaler Wert, der in der gesellschaftlichen Sphäre gepflegt werden muss. Das meint einen Diskurs, bei dem der Austausch von Argumenten im Mittelpunkt steht und der geprägt ist von gegenseitigem Respekt, um sich derart auf die Perspektive des Gegenübers einlassen und eventuell etwas lernen zu können. Das muss zumindest als Möglichkeit immer im Hinterkopf bleiben, wenn man sich mit anderen Menschen auseinandersetzt.

Ökonomisch meint das vor allem die Prinzipien der Marktwirtschaft. Es meint, dass wenn Menschen freiwillig miteinander kooperieren, das Wirtschaften kein Nullsummenspiel ist, sondern dass der Wohlstand aller Beteiligten steigt. Marktwirtschaft ist nicht nur die Ursache unseres Wohlstands und verantwortlich dafür, dass in den vergangenen Jahrzehnten in nie dagewesener Weise auf der ganzen Welt große Teile der Menschheit aus bitterer Armut entkommen sind. Sie ist auch wichtig als wirtschaftliche Freiheit, die den Menschen Autonomie und vielseitige Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung gibt. Das heißt nicht, dass es perfekte Märkte gäbe oder keine Probleme – aber ein System, das besser wäre als eines, das auf den Prinzipien der Marktwirtschaft basiert, ist schlicht nicht ersichtlich.

Gesellschaftliche Freiheit bedeutet für uns, grob gesagt, dass jeder sein Leben nach den eigenen Vorstellungen leben kann, so lange er damit niemand anderem einen unmittelbaren Schaden zufügt – egal ob als schwules Pärchen, als Hippie in der Kommune oder als traditionelle Familie.

Eine solche Freiheit ist unübersichtlich und herausfordernd. Sie ermöglicht keine einfachen Antworten und klaren Zielvorgaben. Manche sind von dieser Herausforderung auch überfordert und verfallen dann in antiliberale Reflexe. Um das zu verhindern und die Vorzüge der individuellen Freiheit zu verdeutlichen, engagieren wir uns als Students For Liberty.

Wir sind völlig parteiunabhängig, stehen also keiner Partei per se nahe oder sind gar organisatorisch angebunden – auch nicht an die FDP. Parteien haben grundsätzlich den Nachteil, dass sie an starre Strukturen gebunden sind und immer mit wenigstens einem Auge auf die nächste Wahl schielen müssen. Wir sind da freier. Wir können uns ganz unabhängig von äußerem Druck überlegen, welche Themen relevant sind und wie wir am besten unsere Mitmenschen damit erreichen können. Wir zielen auch nicht darauf ab, dass unsere Ideen unmittelbar in politische Maßnahmen umgesetzt werden, die dann anderen von oben herab diktiert werden. Wir wollen die Menschen in unserer Gesellschaft davon überzeugen, dass Liberalismus und individuelle Freiheit nichts sind, wovor man sich fürchten muss; dass sie niemals selbstverständlich sind und dass es sich lohnt, sich für sie einzusetzen. Deswegen setzen wir vor allem auf Bildungsveranstaltungen, wie Vortragsabende und Diskussionsrunden – oder eben unsere Konferenz, bei der wir einen ganzen Tag ein dichtes Programm mit vielen verschiedenen Formaten anbieten.

 

Warum findet eigentlich die jährliche Konferenz der Students for Liberty Deutschland eigentlich in Jena statt und was ist ihr Zweck?

Die Konferenz findet immer an wechselnden Orten statt. Für Jena sprach vor allem, dass wir hier eine große Lokalgruppe mit vielen aktiven Mitgliedern haben – denn so eine Konferenz zu organisieren ist schließlich viel Arbeit. Es hat uns aber auch gefreut, zum ersten mal eine Students-For-Liberty-Konferenz in Ostdeutschland abzuhalten, wo ja oft antiliberale Vorurteile noch weit verbreitet sind.

Wir wollen damit vor allem einen Austausch über unsere Ideen ermöglichen und dadurch auch neue Gedanken anstoßen. Bei uns können sich Gleichgesinnte und Interessierte treffen und gegenseitig inspirieren. Zu unseren Konferenzen kommen jedes Jahr junge Menschen aus ganz Deutschland, Österreich und auch der Schweiz.

Was sagst du zu den Vorwürfen die Students for Liberty hätten Verbindungen zur rechtsextremen Szene, vor allem zur Identitären Bewegung und zur „Friedrich A. von Hayek – Gesellschaft“, zu der auch mehrere prominente AfD-Mitglieder, wie Alice Weidel und Beatrix von Storch, gehören? Und wie sieht es mit Rassismus und Antifeminismus in euren eigenen Reihen aus?

Wir stellen uns entschieden gegen jede Form des Rassismus, weil er in eklatantem Widerspruch zu unseren Werten steht. Wir haben uns in Veranstaltungen auch schon intensiv mit Rechtsextremismus in Deutschland auseinandergesetzt. Der Vorwurf, die Students For Liberty wären rechtsradikal oder hätten Kontakte zur rechtsextremen Szene, entbehrt jeder Grundlage. Mir ist kein einziger Kontakt und keine einzige Kooperation mit der identitären Bewegung bekannt. Das gleiche gilt für die AfD. Die Hayek-Gesellschaft gehört sicher nicht zur rechtsextremen Szene. Meines Wissens haben weder Beatrix von Storch noch Alice Weidel einen nennenswerten Einfluss in der Hayek-Gesellschaft. Aber der entscheidende Punkt ist, dass wir weder Frau von Storch, noch Alice Weidel, noch einen anderen AfDler zu unserer Konferenz eingeladen haben. Man versucht mit solchen vagen Verbindungen eine Nähe zu konstruieren, die tatsächlich nicht besteht. Ich finde außerdem, dass eine derartige Inflationierung des Rechtsextremismus-Vorwurfs sehr gefährlich ist. Man sollte nicht einfach alle, die eine andere Meinung haben, als Nazis beschimpfen. Das verharmlost nämlich die wirklichen Nazis und lässt die Menschen abstumpfen hinsichtlich tatsächlich gefährlicher Entwicklungen.

Wir sehen uns selbst auch nicht als „Antifeministen“. Aber die eigentliche Frage liegt etwas tiefer, denn es gibt nicht den einen Feminismus. Der klassische Feminismus, der die Gleichberechtigung aller Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht forderte, ist urliberal und wird von uns bedingungslos unterstützt. Wir haben auch schon Veranstaltungen dazu organisiert, wie ein liberaler Feminismus heutzutage aussehen kann. Nun gibt es aber Leute im linken Spektrum, die eine alleinige Deutungshoheit für alle feministischen Fragen für sich beanspruchen. Dazu gehört in der Regel ein Glaube an das Patriarchat und an einen erbitterten Kampf zwischen den Geschlechtern. Es wird dann versucht, die Menschen zu spalten aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit. In dieser Gedankenwelt werden die Menschen in starr vorgegebene Kategorien eingesperrt, die der Vielschichtigkeit der individuellen Lebensentwürfe gar nicht gerecht werden können. Während das Geschlecht im klassischen Feminismus keine Rolle spielen sollte für die Rechte eines Menschen, wird es im linken Feminismus auf einmal zur alles bestimmenden Eigenschaft. Das Problem bei diesem Verständnis von Feminismus ist, dass er die Zugehörigkeit zur Gruppenidentität überhöht und damit anti-individualistisch ist. Denn die Frau wird dann nicht mehr als Individuum gesehen, das ihre ganz eigenen Präferenzen hat, sondern eben als Repräsentantin der Obergruppe „Frau“ die sich gefälligst an den linken Erwartungen zu messen habe. Es gibt sowohl Männer als auch Frauen, die Karriere machen wollen und das auch schaffen – oder eben auch dabei scheitern. Genauso gibt es sowohl Männer als auch Frauen, die andere Präferenzen haben und gar kein Interesse an einer strapaziösen Karriere haben. Wir finden, dass jeder Mensch das Recht haben sollte, seinen ganz eigenen Lebensweg zu gehen – unabhängig vom Geschlecht. Wenn man den Menschen die Freiheit gibt, ihr Leben den eigenen Wünschen und Vorstellungen entsprechend zu führen, werden die Ergebnisse ganz unterschiedlich sein. Das ist aus liberaler Perspektive zu respektieren. Wenn alle Menschen aber gleich gemacht werden sollen, anstatt ihnen die gleichen Rechte zu geben, geht das nicht, ohne massiv in das Privatleben und die Freiheit der Bürgerinnen und Bürger einzugreifen.

Aber ein solche differenzierte Auseinandersetzung ist von jenen, die uns hier kritisieren, wohl nicht zu erwarten. Der Vorwurf war ja sogar, wie wären „Maskulinisten“. Das soll wohl heißen, wir würden Privilegien für Männer fordern. Das wurde behauptet ohne irgendeinen Beleg oder direkten Bezug. So etwas ist an Absurdität und Unredlichkeit kaum zu überbieten.

Die Students for Liberty sind eine internationale Organisation, die in den USA gegründet wurde und von dort aus koordiniert wird. Zu den größten Geldgebern gehören die Gebrüder Koch. Inwiefern werden die Students for Liberty dadurch beeinflusst weltweit us-amerikanische Wirtschaftsinteressen, vor allem von den von Erdöl profitierenden Koch Industries, durchzusetzen? Auffällig ist ja zum Beispiel, dass einer der Sponsoren der Konferenz EIKE e.V. ist, welche als Lobbygruppe der Klimaleugnerszene in Deutschland gilt.

Was sind denn US-amerikanische Wirtschaftsinteressen? Freihandelsabkommen, wie sie noch Obama vorangetrieben hat? Oder das Aufkündigen aller Freihandelsabkommen, wie es Trump tut? Die Frage – bzw. der Vorwurf, den sie aufgreift – krankt an einem besorgniserregenden Simplizissimus. Irgendwo im Verborgenen seien geheime Mächte am Werk, die die Geschicke der Welt lenken.

Es stimmt, neben vielen anderen hat auch die Charles Koch Foundation die US-amerikanischen Students For Liberty in ihren Anfangsjahren unterstützt. Ich wüsste aber schon nicht, inwiefern diese Stiftung explizit amerikanische Wirtschaftsinteressen propagiert – noch dazu bei der Zusammenarbeit mit einer Studentenorganisation innerhalb der USA. Die Koch Foundation setzt sich für viele gesellschaftspolitische Belange ein, so zum Beispiel für eine Reform des amerikanischen Strafjustizsystems angesichts eklatanter Probleme wie der überquellenden Gefängnisse. Außerdem ist Charles Koch selbst einer der entschiedensten und einflussreichsten Kritiker Donald Trumps. Aber auch an dieser Stelle sind unsere Kritiker nicht im Ansatz an einer differenzierten Betrachtung interessiert, sondern begnügen sich mit Plattitüden, wie „Eine amerikanische Stiftung? Das muss Imperialismus sein!“, solange sie nur die eigenen Vorurteile bedienen.

Ich habe es eben schon gesagt: Marktwirtschaft ist keine Verschwörung der US-Eliten, sondern der Weg aus der Armut für viele Milliarden Menschen auf der ganzen Welt. Unsere Freunde von den Students For Liberty Africa beispielsweise wären heilfroh, wenn sie mehr wirtschaftliche Freiheit und Zugang zu internationalen Märkten hätten und damit dem Dirigismus[i] der korrupten Autokraten entkämen.

Aber der ganze Vorwurf ist ohnehin eine Farce, denn in Deutschland haben wir nie finanzielle Unterstützung durch die Koch Foundation erhalten. Überhaupt – es wird von uns niemand bezahlt für das, was wir tun. In Deutschland engagieren sich bei Students For Liberty ausschließlich Studenten und das ausnahmslos ehrenamtlich. Es mag für die Linken vielleicht nur schwer vorstellbar sein, aber es gibt tatsächlich auch in Deutschland viele junge Menschen, die sich für den Liberalismus begeistern können und sich für diese Werte einsetzen wollen – ganz ohne finstere Mächte, die im Hintergrund die Fäden ziehen.

Dieser Glaube an Verschwörungstheorien, an verborgene Mächte, die aus dem Hintergrund alle Fäden in der Hand halten ist, ehrlich gesagt, beschämend. Teil dieser Verschwörung seien natürlich auch die Mont Pèlerin Gesellschaft oder die Friedrich-Naumann-Stiftung. Das ist das gleiche Argumentationsmuster, wie man es oft bei den Rechten findet. Mit haargenau den gleichen Ausführungen zieht ein Viktor Orban in Ungarn im Kampf gegen US-amerikanische Wirtschaftsinteressen gegen Stiftungen und Universitäten ins Feld, die von George Soros unterstützt werden. In dieser Hinsicht nehmen sich Linke und Rechte offenbar nichts.

Sie versuchen lediglich ihre eigenen Vorurteile zu reproduzieren und jeder der eine andere Meinung hat als sie, muss ein schlechter Mensch mit bösen Absichten sein. Dazu werden dann allerhand Schlagworte bemüht: neoliberal, rechtsradikal, faschistisch, rassistisch, antifeministisch. Ob davon tatsächlich etwas zutrifft ist ihnen auch ganz gleich. Denn wenn man sich einmal die Mühe macht, die Artikel zu lesen, die die „Students For Solidarity“ als Belege für ihre Behauptungen zitieren, findet sich darin nichts, was dem entsprechen würde. Es handelt sich stets um vage Anspielungen und aufgeblasene Halbwahrheiten, mit denen hier der Diskurs vergiftet wird.

Einen Einfluss auf den Inhalt unserer Konferenz in Jena oder unsere sonstige Arbeit hatte auch EIKE  offensichtlich nicht, wie man unschwer erkennen kann. Auch hier wird scheinbar nur versucht, ein möglichst abschreckendes Stigma zu erzeugen, ohne sich mit unseren Inhalten auseinanderzusetzen.

Bereits letztes Jahr gab es ja im Rahmen der damaligen Konferenz der SFL Konflikte mit dem StuRa der FSU und Probleme mit Demonstranten. Auch dieses Jahr fand eine Gegenkundgebung statt. Wie erklärst du dir diese offene und anscheinend nicht geringe Ablehnung? Wer sind die Demonstranten aus deiner Sicht?

Ich kenne davon niemanden persönlich, daher weiß ich nicht viel über sie – obwohl wir ihnen auch schon im vergangenen Jahr angeboten hatten, dass wir uns bei einem Bier zusammensetzen und die Sache respektvoll miteinander ausdiskutieren.

Sie definieren sich jedenfalls selbst als links und pflegen offenbar eine scharfe Freund-Feind-Unterscheidung. Jeder der nicht ihrer eigenen Ideologie anhängt ist für sie ein Feind und muss bekämpft werden – ganz egal ob es Liberale, Konservative oder wirkliche Rechtsextreme sind.

Dass sie uns Liberale als Feinde betrachten, sagt mehr über sie selbst aus als über uns. Wir haben beispielsweise Veranstaltungen gemacht, bei denen wir mit DDR-Zeitzeugen über ihre Erfahrungen im Sozialismus gesprochen haben. Oder wir informieren darüber, wie dank der Marktwirtschaft nicht nur in Europa, sondern überall auf der Welt der Wohlstand in noch nie dagewesener Weise gestiegen ist und in den letzten Jahrzehnten Milliarden von Menschen der Armut entfliehen konnten – während in sozialistischen Ländern die Entwicklung stagniert oder sogar eine Verelendung einsetzt, wie derzeit in Venezuela. Das bringt natürlich das Gedankengebäude jener, die uns da anfeinden, erheblich ins Wanken und sie wissen sich scheinbar nicht anders zu helfen, als Schimpf und Schande über uns auszuschütten. So waren auch die Texte der „Students For Solidarity“ überwiegend eine bloße Aneinanderreihung von haltlosen Verunglimpfungen. Es ist müßig, jeden dieser Vorwürfe zu entkräften, wenn das Gegenüber gar nicht an einem konstruktiven Diskurs interessiert ist.

Doch obwohl die Ablehnung dieser speziellen Szene tatsächlich nicht unerheblich ist, ist doch das Interesse an unseren Veranstaltungen in der Jenaer Studentenschaft erheblich größer. Wir haben regelmäßig abendliche Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen, die mehr als 50 Gäste anziehen. Wir haben dieses Semester so viele Neumitglieder wie noch nie zuvor. Und zu unseren Konferenzen kommen jedes Jahr dreistellige Besucherzahlen aus dem ganzen deutschsprachigen Raum. Es stimmt uns sehr positiv, dass unsere Arbeit insgesamt sehr gut angenommen wird und viele junge Menschen ebenfalls bereit sind, unsere Anliegen in ihrer knappen Freizeit zu unterstützen.

 

Rückblickend: Wie bewertest du die diesjährige Konferenz und die Ereignisse drumherum?

Wir hatten einen tollen Tag mit vielen interessanten Vorträgen und spannenden Diskussionen. Es haben sich neue Perspektiven auf alte Probleme eröffnet. Wir konnten sehr angeregt darüber diskutieren, unter welchen Bedingungen Wohlstand und Innovationen entstehen, was wir heute noch von Friedrich Schillers Freiheitsbegriff lernen können, welche Bedeutung Patente in einer freien Gesellschaft haben und vieles mehr. Ich freue mich, dass ich wieder einmal so viele tolle Menschen kennenlernen konnte.

Letztlich ist es schade, dass die Auseinandersetzung drumherum nicht auf einem angemessenen Niveau geführt werden konnte. Da aber alles friedlich geblieben ist, gehört das wohl schlicht zu den Herausforderungen einer liberalen Gesellschaft dazu.

Die Videos zu den Vorträgen und Podiumsdiskussionen werden bald auf unserem Youtube-Kanal zu sehen sein. Da kann sich dann jeder selbst ein Bild machen, wie „neoliberal-faschsitisch“ wir wirklich sind. Ich freue mich auf eine konstruktive Diskussion.

Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast die Fragen so ausführlich zu beantworten.

Foto: Dominik Itzigehl ( https://www.instagram.com/d.itzi/ )

Das Interview mit den Students for Solidarity könnte ihr nachlesen: https://leveret-pale.de/students-for-solidarity-im-interview

Das Interview führte Nikodem Skrobisz und es wurde von Rick Wendler beantwortet. Wer sich selbst ein Bild machen will von den Argumenten der Gegner und der Konferenz der Students for Liberty, der findet die Texte der Kundgebung auf der Facebookseite des Students for Solidarity: https://www.facebook.com/StudentsforSolidarity-1454873574642976/ und die Videoaufnahmen der Vorträge bald auf dem YouTube Kanal der Students for Liberty: https://www.youtube.com/channel/UCpEYEFggK3cUpeRsBmnRw .

 

Worterklärungen:

[i] Dirigismus: Die vollständige zentrale Lenkung der gesamten Wirtschaft durch den (meist faschistischen) Staat mit dem Instrument der Planwirtschaft. Es werden also Produktion als auch Preise vom Staat diktiert und nicht von Angebot und Nachfrage.


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Warum der Islam kritisiert werden muss

Wer den Islam kritisiert, wird heutzutage schnell als islamophob, politisch unkorrekt oder als Rechter verschrien und mundtot gemacht. Dies ist jedoch nicht nur diametral zu einer vernünftigen Auseinandersetzung mit dem Thema, sondern auch zu den Grundlagen der modernen westlichen und multikulturellen Gesellschaft, deren Existenz auf den Werten der Aufklärung, des Liberalismus und des Humanismus fußt. Zu diesen gehört nämlich nicht nur berechtigterweise die Religionsfreiheit, sondern auch die Säkularisierung, die Meinungsfreiheit und damit das aufklärerische Ideal sapere aude und die Möglichkeit und Pflicht, alles zu hinterfragen, zu diskutieren und zu prüfen. Sogar liberale Muslime üben daher mittlerweile Kritik an den europäischen Linken, die mit ihrer politischen Korrektheit berechtigte Kritiken am Islam an sich zu unterdrücken versuchen. [26]

Wenn wir nicht die Werte, die der Islam mit sich bringt, hinterfragen, dann geraten wir in Gefahr, dass unsere multikulturelle und liberale Gesellschaft scheitert, weil wir ignorant gegenüber seinen Schattenseiten werden und sie nicht richtig integrieren. Und die Schattenseiten des Islams sind extrem problematisch, da der Islam nicht eine Religion des Friedens ist, wie oft behauptet wird, sondern in seinem orthodoxen Kern eine totalitäre und kriegerische Ideologie.

(Abgesehen in der Form von reformierten Splittergruppen wie den Ahmadiyya, die zwar vor allem in Deutschland medial sehr präsent sind, aber auch dort eine Minderheit darstellen und lediglich ca. 1% der Muslime weltweit ausmachen, und deshalb nicht repräsentativ für die restlichen 99% sind, die sich zu den beiden orthodoxen Hauptströmungen bekennen. In diesem Artikel soll allerdings der Islam als Ideologie an sich kritisiert werden, nicht die Moslems.).

Doch um das zu verstehen, lasst uns erstmal einen Blick in den Koran, das heilige Buch des Islams, werfen. Denn wie kann man sonst einen unverfälschteren Eindruck von dem islamischen Denken bekommen, als durch den Text, welcher dessen Fundament und Zentrum bildet? Ich rate jedem, der sich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzen will, sich selber ein Exemplar des Korans zu besorgen, um sich selbst von der Natur des Islams überzeugen zu können. Wenn man durch dieses Buch blättert, wird einem nicht nur die Redundanz und die aphorismenartige Schreibweise auffallen, man muss auch unweigerlich mehrmals innehalten, vor allem bei Passagen wie den folgenden, die leider auch durch den (hier fehlenden) Kontext, nichts Eindeutigkeit einbüßen :


Und tötet sie, (die Ungläubigen) wo immer ihr sie trefft, und vertreibt sie, von wo sie euch vertrieben haben. Denn Verführen ist schlimmer als Töten. Kämpft nicht gegen sie bei der heiligen Moschee, bis sie dort gegen euch kämpfen. Wenn sie gegen euch kämpfen, dann tötet sie. So ist die Vergeltung für die Ungläubigen.“ (Sure 2, Vers 192)

Eure Frauen sind euch ein Saatfeld. So kommt zu eurem Saatfeld, wann und wie ihr wollt. “ (Sure 2, Vers 223)

Vorgeschrieben ist euch der Kampf, obwohl er euch zuwider ist. Aber vielleicht ist euch etwas zuwider, während es gut für euch ist. Und vielleicht liebt ihr etwas, während es schlecht für euch ist. Und Gott weiß, ihr aber wisst nicht Bescheid.“ (Sure 2, Vers 217)

„Laßt also für Allahs Sache diejenigen kämpfen, die das irdische Leben um den Preis des jenseitigen Lebens verkaufen. Und wer für Allahs Sache kämpft, als dann getötet wird oder siegt, dem werden Wir einen gewaltigen Lohn geben.“ (Sure 4, Vers 74)

Und wenn die verbotenen Monate verflossen sind, dann tötet die Götzendiener, wo ihr sie trefft, und ergreift sie, und belagert sie, und lauert ihnen auf in jedem Hinterhalt. Bereuen sie aber und verrichten das Gebet und zahlen die Zakat, denn gebt ihnen den Weg frei. Wahrlich, Allah ist allverzeihend, barmherzig.“ (Sure 9, Vers 5)

Kämpft gegen diejenigen, die nicht an Allah und nicht an den Jüngsten Tag glauben und nicht verbieten, was Allah und Sein Gesandter verboten haben, und nicht die Religion der Wahrheit befolgen – von denjenigen, denen die Schrift gegeben wurde –, bis sie den Tribut aus der Hand entrichten und gefügig sind!“ (Sure 9, Vers 29)


Diese und viele weitere explizite Aufrufe zur Gewalt, zur Unterdrückung von Frauen, und zum Krieg gegen Ungläubige, finden sich im Koran, und lassen sich schwer anders interpretieren, als das was sie sind: Alles andere als friedlich. Hinzu kommt, dass im Islam der Koran einen extrem hohen Stellenwert hat und als direktes und unverfälschtes Wort Gottes verstanden wird, also kaum anders als wörtlich ausgelegt werden kann.

Wenn also Terroranschläge, Selbstmordattentate und Vergwaltigungen von Muslimen begangen werden, liegt das Problem nicht primär darin, dass diese Personen Fundamentalisten oder Extremisten oder psychisch Kranke sind, auch wenn das auch eine Rolle spielt. Extremisten einer friedlichen Religion wären ja extrem friedlich und selbstlos, so wie man es beispielweise bei buddhistischen Mönchen oder Anhängern des Jainismus beobachten kann. Wenn Muslime Krieg führen im Namen Allahs, dann liegt das daran, dass der Islam in seinem Kern kriegerisch ist, da ihr Begründer Mohammed ein Warlord war, und seine gläubigen Anhänger diesen kriegerischen Kern und den Glauben, wie er im Koran vorgeschrieben wird, ausleben und wie der Religionsstifter mit dem Schwert verbreiten wollen. Wer an den Islam glaubt und dem Koran konservativ befolgt und sein Leben nach dem von Mohammed ausrichtet, für den sind die Unterdrückung der Frau, das Töten von Andersdenkenden und Märtyrertum moralisch richtige Handlungen. Wer den Koran selbst liest, wird feststellen, dass es extrem viele geistige Verrenkungen und Auslassungen nötigt sind, um den Koran auch nur ansatzweise friedlich zu interpretieren.


Muslime und Islam

Doch leben Muslime wirklich nach dem Text?

Natürlich leben nicht alle 1,6 Milliarden auf diesem Planeten zurzeit lebenden Muslime den Koran wörtlich aus. Auch viele islamische Traditionen wie die Vollverschleierungen lassen sich daher nicht direkt im Koran ableiten, sondern haben sich im Laufe der Zeit aus der Intepretation des Buches ergeben. Die meisten Muslime wollen, wie die meisten Menschen, wahrscheinlich nur friedliche und gute Leben führen, allerdings ist die Zahl der sogenannten moderaten Muslime, die meist westliche Moralvorstellungen angenommen haben, viel geringer, als man in den Medien oft suggeriert bekommt. Imame wie Riza Akdemir [16], die liberale und tolerante Ansichten vertreten, sind leider noch immer Einzelfälle[17]. Im Gegenteil hat sich durch das Internet, die steigende Alphabetisierungsrate und die Migration der letzen Jahre die Radikalisierung von Muslimen weiter verstärkt. Seitdem immer mehr Muslime den Koran selber lesen und sich mit anderen über das Interent darüber austauschen können, verschärfen sich die Probleme. Das kann man zum Beispiel an dem jüngsten Wandel der Türkei von einem säkularen Staat zu einen islamischen Staat unter Erdogan sehen, oder an der zunehmend Verbreitung von Salafismus. Des Weiteren haben sich zwar viele Muslime in Europa nach außen mit den westlichen Werten assimiliert, aber sie tragen oft weiterhin ihre durch den orthodoxen Islam bedingten Vorurteile und regressiven Denkweisen weiter, womit sie fruchtbaren Boden für Extremisten bilden. Des Weiteren verhindern sie oft dadurch, dass sie den Koran als heilig und unantastbar verteidigen, dass berechtigte Islamkritik geübt werden kann.

Folgt man aktuellen und repräsentativen Umfragen, befürworten weltweit 70% aller Muslime (das sind 1,29 Milliarden Menschen) [1], dass das Sharia-Gesetz in ihrem Land Staatsgesetz sein sollte. Das Sharia-Gesetz ist eine sehr textnahe Auslegung des Korans, die sich darüber hinaus an dem kriegerischen Leben Mohammeds orientiert, wie sie auch der IS auf seinen Gebieten umsetzt. Es sieht die Todesstrafe für Homosexualität, Apostasie und Atheismus vor, während es zugleich Mehrfachehen erlaubt und Männern gestattet sich an unverschleierten Frauen sexuell zu ‚bedienen‘. Sogar in säkularisierten Ländern wie Großbritannien, befürworten mehr als 50% aller der dort lebenden Muslime eine Kriminalisierung von Homosexualität und rund 40%, dass das Sharia-Gesetz wichtiger sein sollte als das nationale britische Gesetz. [2] Auch in Deutschland befürwort ein Großteil der muslimischen Bevölkerung das Sharia-Gesetz, und es gibt sogar mehrere Fälle, in denen deutsche Gerichte daher islamisches Recht für ihre Entscheidungen miteinbezogen. [12]  Immer wieder kommt es allerdings auch zu Ehrenmorden, die dann von den Tätern mit dem Sharia-Gesetz begründet werden;  [15] und Ex-Muslime müssen selbst in Europa um ihr Leben fürchten, da der Koran die Apostasie unter Todesstrafe stellt. [19] Allgemein stimmt die Hälfte aller deutschen Muslime, der Aussage „Das Befolgen der Vorschriften meiner Religion ist für mich wichtiger als Demokratie“ zu. Und 29,9% aller deutschen Muslime können sich “gut vorstellen, selbst für den Islam zu kämpfen” und dafür ihr “Leben zu riskieren”. [14] Vor allem unter jungen Muslimen, sind noch  radikalere Tendenzen immer wieder zu beobachten. So befürworteten 8% aller muslimischen Schüler in Niedersachsen bei einer Umfrage 2016, die Handlungen des Islamischen Staats (IS). [13] Die Entstehung einer islamischen und damit menschenrechteverachtenden Paralleljustiz ist damit ein reales Problem, welches mit dem Islam auftritt.

Dennoch hört man immer wieder, vor allem in den Medien, von linken Ideologen und von Menschen, die sich nicht näher mit dem Islam beschäftigt haben, dass der Islam doch eine Religion des Friedens sei. Schließlich hat der Islam seine Wurzeln bei Abraham, so wie Judentum und Christentum, und ist doch eine Religion, deren Namen sogar übersetzt Frieden bedeutet. Und überhaupt, was ein Mensch privat glaubt, ist doch in einer modernen, multikulturellen und säkularen Gesellschaft egal, schließlich schadet er damit niemanden und hat durch die Religionsfreiheit das Recht auf seinen Glauben.

Das wäre schön so, entspricht aber leider nicht der Realität und ist damit utopisches Wunschdenken. Wer nämlich versucht den Islam mit dem westlichen Verständnis der Religion zu beschreiben, der hat den Islam und Religion nicht verstanden. Wenn wir im Westen von Religionen sprechen, und in dem Zuge auch von religiöser Freiheit, meinen wir damit das Konzept eines ethischen und spirituellen Weltbildes, welches dem Individuum einen Sinn innerhalb der Schöpfung gibt. Diese moralischen Systeme mischen sich in einer säkularen und liberalen Gesellschaft optimalerweise nicht signifikant in die Politik und das gesellschaftliche Zusammenleben ein und können als Privatsache betrieben werden. Dieses Konzept beschreibt sehr gut die traditionellen westlichen Religionen wie Judentum und das reformierte Christentum und auch viele östliche Denktraditionen wie den Buddhismus. Auch der Islam bietet wie diese Religionen ein spirituelles und ein moralisches Fundament für das Leben, allerdings auch viel mehr als das.

Der Islam ist nicht nur eine Religion, sondern auch eine totalitäre und politische Ideologie, die ihre Koexistenz mit westlichen Ideen wie Feminismus, Menschenrechte, Demokratie, Liberalismus und Atheismus aktiv verneint. Der Koran gibt klar vor, wie Staat und Alltag aufgebaut sein müssen, etwas was man in keiner anderen größeren Religion in dieser Form findet. Der Islam ruft aktiv zu der Bekämpfung von Andersdenkenden auf; er hat einen starken Konservatismus eingebaut, der sogar Veränderungen am Arabischen nicht erlaubt, und versucht das Leben seiner Anhänger und aller anderen totalitär zu kontrollieren. Der Islam verspricht Muslimen, die im Kampf gegen Ungläubige sterben, das Paradies. [10] Der Islam schreibt dem gläubigen Moslem nicht nur seinen Glauben vor, sondern sein ganzes Leben, welches allein dem Gehorsam gegenüber Allah und dessen patriarchalisch-theokratischen Gesellschaftsbild ausgerichtet sein soll. Dies zeigt sich bereits daran, dass der Religionsstifter Mohammed selber ein alles andere als friedlicher Kriegsherr war, der den Islam dazu benutzte, seine Anhänger zu indoktrinieren. Mit dem Schwert verbreitete er seinen Glauben und eroberte weite Teile des heutigen Nahen Ostens, um so das erste Kalifat zu schaffen, welches als Vorbild für den heutigen IS und die Rechtsprechung in Staaten wie Iran und Saudi-Arabien dient. Dieser Personenkult, der Reinheitswahn und die gewaltsame Expansion erinnern dabei stark an den Nationalsozialismus. Allein an diesen Staaten, deren Bevölkerung und Rechtssprechung islamisch ist, kann man die potentielle Grausamkeit des Islams gut erkennen:

Allein im Iran wurden seit der islamischen Revolution 1979 über viertausend Menschen wegen Homosexualität hingerichtet [8], und auch im Sudan, Jemen, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten droht Homosexuellen die Todesstrafe. In Saudi-Arabien werden Menschen, die sich nicht zum salafistischen Islam bekennen wollen, exekutiert. Alle Frauen müssen in der Öffentlichkeit bodenlange Gewänder und Kopftücher tragen. Generell belegen ausschließlich Islamische Länder die untersten 25 Plätze des Global Gender Gap Reports. [9] Nirgendswo sonst werden Frauen, Homosexuelle und Freidenker so stark unterdrückt, wie in den islamisch geprägten Teilen unseres Planeten. Kritiker des Islams und jene, die den Islam verlassen, müssen weltweit um ihr Leben fürchten [23], wie zum Beispiel der indische Ex-Muslim und Schriftsteller Salman Rushdie, der seit dem Erscheinen seines Romans „Die Satanische Verse“ 1989 unter Polizeischutz steht. Zuletzt erhöhten 2012 der Iran das Kopfgeld, welches jener Muslim erhält, der Rushdie tötet, auf 3,3 Millionen Dollar. Der Roman ist dabei nichteinmal ein direkte kritische Schrift gegen den Islam, sondern erzählt die Geschichte eines indisch-muslimischen Immigranten in Großbritannien, die vom Leben des Propheten Mohammed inspiriert ist. [21] 2015 wurden elf Menschen in den Redaktionsräumen des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo von Islamisten dafür erschossen, dass die Redakteure in satirischen Karikaturen den Propheten Mohammed dargestellt hatten. [22] Eine Ideologie, die auf Kritik und Satire mit extremer Gewalt reagiert, ist nicht vereinbar mit dem freiheitlichen Gedanken des Westens Dinge zu hinterfragen und einander und andere Meinungen zu tolerieren. Anbetracht der Tatsache, dass der Islam aufgrund der hohen Geburtenraten unter Muslimen in wenigen Jahrzehnten die dominierende Religion auf der Welt sein wird, ist das eine beunruhigende Entwicklung. Auch, dass islamistische Regime wie der Iran dabei sind, Atombomben zu entwickeln, ist besorgniserregend, da diese im Gegensatz zu der atheistischen Sowjetunion sich nicht davon abschrecken lassen werden, dass der Einsatz von Nuklearwaffen zu ihrer eigenen Vernichtung führen könnte – Märtyrer und muslimische Kollateralschäden kommen schließlich ins Paradies.

Das gibt der Tatsache, dass vor allem liberale Linke den Islam in Europa verteidigen, einen zynischen Beigeschmack, da sie zu den ersten gehören würden, die in einem islamischen Regime einer Steinigung zum Opfer fallen würden. Mittlerweile werden daher die europäischen Linken für ihre Politik der politischen Korrektheit dafür von liberalen Muslimen kritsiert.


Islam im Vergleich zu Christentum und Judentum

Gegen diese Kriegstreiberei und die Opression argumentieren viele, dass auch das Christentum für Kriege verantwortlich war, und die kriegerischen Seiten des Christentums durch die Aufklärung beseitigt werden konnten. Der Islam auch noch früher oder später sich reformieren wird und dazu nur Toleranz und Zeit braucht.

Diese Argumente sind allerdings an sich nicht valid, da ob andere Religionen friedlich sind oder nicht, keinen Einfluss darauf hat, wie man den Islam moralisch bewertet. Nur weil andere Religionen oder Ideologien auch schlechte Seiten haben, heißt das nicht, dass man den Islam nicht für seine eigenen Schattenseiten kritisieren kann. Die Schattenseiten anderer Religionen sind Thema einer anderen Debatte. Da diese Argumente dennoch immer wieder auftauchen, möchte ich hier trotzdem kurz darauf eingehen.

Es stimmt zwar, dass das Christentum im Laufe der Geschichte immer wieder für Kriege instrumentalisiert wurde und an sich selber keine komplett friedliche Religion ist. Zweifelsfrei wurden viele Grausamkeiten von den Christen im Namen ihres Glaubens begannen.

Doch im Gegensatz zum Islam, besitzt das Christentum in seinem Fundament bereits das Potential die friedliche Religion zu werden, die es heute weitestgehend, dank vieler Kritiker und Reformatoren, ist. Zuerst war das Christentum zu Beginn bereits säkular und wurde erst durch die römischen Kaiser politisch, während der Islam bereits von Mohammed politisiert wurde. Weder im alten, noch im neuen Testament finden sich darüber hinaus, abgesehen von einigen Seiten in den fünf Büchern Mose, Aufforderungen jemanden zu töten. Diese Forderungen werden aber auch jeweils von Gesetzmäßigkeiten des Talmuds und der Nächstenliebe-Maxim des Neuen Testaments weitestgehend wieder überschrieben. Im Judentum wird nämlich durch den Talmud das kritische Denken höhergehalten, als der reine Glauben. (Was dazu beiträgt, dass die jüdische Kultur überdurchschnittlich viele brillante Wissenschaftler hervorgebracht hat. Im Gegensatz zum konservativen Islam, ist das Judentum in seinem Kern stärker liberal ausgerichtet und versucht auch nicht aktiv durch Gewalt zu missionieren, sondern macht es im Gegenteil Konvertiten besonders schwer ein Teil der Religionsgemeinschaft zu werden. ) Und Jesus‘ Forderungen der Nächstenliebe stehen im definitiven Kontrast zu jeder Form von Gewalt, vor allem zu Mohammeds Aufrufen zu Mord, Vergewaltigung, absoluten Gehorsam gegenüber ihm und Märtyrertum, welches bereits zu seinen Lebzeiten abertausend das Leben kostete und noch heute bis zu solchen abartigen Grausamkeiten wie den Anschlägen vom 11. September führt. Ganz abgesehen davon, dass sich Jesus bzw. das Neue Testament aus politischen Sachen nahezu raushält und nicht die totalitären Ansprüche des Islams stellt.

Natürlich haben auch Christentum und Judentum trotzdem ihre Schwächen und Nebenwirkungen, weshalb wir im Westen zum Glück es geschafft haben unsere Staaten weitestgehend (wenn auch nicht komplett) zu säkularisieren und den Glauben ins Private zu drängen, wo er möglichst wenig Schäden anrichten kann. Dadurch können auch Atheisten sich leichter zu ihrem rationalerem Weltbild bekennen, da sie nicht befürchten müssen, verfolgt zu werden.

Der Islam lässt sich jedoch aufgrund seiner kriegerischen und totalitären Fundamente nur sehr schwer säkularisieren und aufklären, und hat damit mehr mit den beiden toxischen Ideologien Nationalsozialismus und Kommunismus gemein als mit Christentum. Deswegen ist es umso wichtiger, dass wir den Islam kritisieren und dekonstruieren, und als das entlarven, was er wirklich ist, so wie es die Aufklärer und Reformatoren mit dem Christentum taten. Wenn wir aus Gründen der Toleranz und politischen Korrektheit über die Fehler des Islams schweigen, wird es auch keine Reformen geben.

Und natürlich sind nicht alle Moslems gewalttätige Dschihadisten, aber auch nicht alle Nazis haben in Konzentrationslagern gearbeitet. Trotzdem würde niemand eine Existenzberechtigung des Nationalsozialismus damit rechtfertigen, dass es auch moderate Nazis gab, die nur ihre Heimat und ihre Familien verteidigen wollten und zwar Hitler verehrten, aber das ja nur eine Privatsache ist. Selbst wenn viele Moslems nicht nach den gewalttätigen und primitiven Prinzipien des Korans leben, so tragen sie zum Erhalt dieser menschenverachtenden Religion bei. Die wenigsten Muslime sind sich ihrer Fehler bewusst, sie glauben lediglich das Richtige zu tun, allerdings ist dieses aus humanistischer und liberaler Sicht nicht akzeptabel und muss angesprochen werden.

Eine Gesellschaft, die zurecht Mein Kampf und Hakenkreuze zensiert, eine Gesellschaft, die zurecht die Taten Stalins, Hitlers und Maos verurteilt; diese Gesellschaft kann nicht im gleichen Zug den Koran und den Antisemitismus, den Aufruf zu Gewalt und den Hass tolerieren, den der Islam beinhaltet. Das wäre nicht nur heuchlerisch und inkonsequent. Eine Gesellschaft, die zulässt, dass das regressive und gefährliche Gedankengut des Islams nicht hinterfragt wird, wird langfristig genauso enden, wie die Weimarer Republik, die den Antisemitismus, Aufruf zur Gewalt und den Hass der Nationalsozialisten tolerierte. Daher ist es wichtig den Islam zu kritisieren, um innere Reformen anzuregen. Denn mit der zunehmenden Ausbreitung durch Migration nach Europa und der hohen Geburtenraten in islamischen Ländern, stellt der aktuelle Islam damit neben dem wachsenden Rechtspopulismus die größte Bedrohung für die Zukunft einer freien und humanistischen Welt im 21. Jahrhundert dar. Statt immer wieder mantrahaft zu wiederholen, dass jeder glauben darf, was er will, und dass der Islam eine friedliche Religion ist, sollten wir Anbetracht der Tatsachen eine ernsthafte Debatte über unseren Umgang mit dem Islam beginnen. Und dann stellt sich die Frage, ob wir islamische Kindergärten und Islamunterricht an unseren Schulen als liberale und aufgeklärte Menschen befürworten können, oder ob wir nicht eher in den Schulen Ethik und Philosophie lehren sollten.

Wir dürfen allerdings dabei auch nicht den Fehler zu begehen, in Angst oder Hass auf dem Islam oder dessen Anhänger zu verfallen oder uns selbst dadurch durch scharfe Polizeigesetze, Überwachung und Politische Korrektheit selbst zu versklaven. Das beste, was wir tun können, ist durch Kritik und Analyse sowie Diskurs, die moralischen Verfehlungen des Islams und seine rückständigen Denkweisen anzugreifen, sodass die liberalen und aufklärerischen Kräfte in den muslimischen Gesellschaften an Rückhalt gewinnen. Die Migration und Integration vieler Muslime in Europa ist damit eine Chance, eine Reformbewegung innerhalb des Islams auszulösen und so die liberale Auslegung des Islams, wie sie zurzeit von einer moderaten Minderheit der Muslime praktiziert wird, stärker zu verbreiten, wie es bereits teilweise in den USA gelingt, weil eben Kritik nicht zensiert wird. [18] Ein Lichtblick für eine zukünftige Entstehung es weltweit akzeptierten liberalen, menschenfreundlichen und nicht-totalitären Islams sind neue Reformbewegungen wie die säkulare Ahmadiyya-Bewegung[24] [25] oder Reformer wie der ehmalige Muslimbruder Hamed Abdel-Samad [23], die den Mut haben, trotz der Lebensgefahr, den Islam zu kritisieren und so zu dessen Selbstaufklärung beizutragen. Der Islam mag zwar in seinem Kern kriegerisch sein, aber es bedeutet nicht, dass keine Möglichkeit besteht, dies zu ändern. Der erste Schritt zur Verbesserung ist aber immer die Anerkennung des Problems.

Und dafür muss Kritik geübt werden dürfen.

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Und hier noch eine Grafik, die das Problem von Toleranz gegenüber dem Islam sehr schön veranschaulicht: https://i.redditmedia.com/SZT187klyb00UNlabxpbFw8qLNMgchQ5mS2l-5I99eI.jpg?s=b57e3763ddc4cb1c30fac31a9707bf17

 

Wobei hierzu wichtig ist anzumerken, dass Popper nicht Zensur befürwortete, sondern damit die liberale Redefreiheit begründete. Solange wir uns trauen mit Argumenten und rationalen Debatten gegen Intoleranz und gefährliche Ideologien vorzugehen, und uns nicht selber mit Politischer Korrektheit zensieren, brauchen wir auch nicht mit Gewalt (und das wäre unter anderem Zensur) dagegen vorzugehen, vor allem weil diese sehr schnell eskalieren und auch die Falschen treffen kann.

Quellen:

Bildquelle Von Dying Regime from Maldives – Protest calling for Sharia in Maldives, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=38161912

: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:A_public_demonstration_calling_for_Sharia_Islamic_Law_in_Maldives_2014.jpg

Restliche Quellen:

[1] http://www.pewresearch.org/fact-tank/2017/08/09/muslims-and-islam-key-findings-in-the-u-s-and-around-the-world/ (abgerufen am 14.05.2018)

[2] https://www.theguardian.com/uk-news/2016/apr/11/british-muslims-strong-sense-of-belonging-poll-homosexuality-sharia-law (abgerufen am 14.05.2018)

[3] https://www.telegraph.co.uk/news/uknews/1510866/Poll-reveals-40pc-of-Muslims-want-sharia-law-in-UK.html (abgerufen am 14.05.2018)

[4] Die Bibel https://amzn.to/2ImWV84

[5] Der Koran https://amzn.to/2wCDFlH

[6] https://www.youtube.com/watch?v=DpkvNbQjjCM (abgerufen am 14.05.2018)

[7] http://www.spiegel.de/panorama/justiz/homosexualitaet-unter-strafe-iran-will-18-jaehrigen-trotz-falscher-vorwuerfe-hinrichten-a-710753.html (abgerufen am 14.05.2018)

[8] https://www.zeit.de/zeit-magazin/leben/2017-11/iran-homosexualitaet-fs (abgerufen am 14.05.2018)

[9]  http://www3.weforum.org/docs/WEF_GGGR_2017.pdf (abgerufen am 14.05.2018)

[10] https://www.thereligionofpeace.com/pages/quran/suicide-bombing.aspx (abgerufen am 15.05.2018)

[11] https://www.youtube.com/watch?v=LfKLV6rmLxE (abgerufen am 15.05.2018)

[12] https://www.welt.de/politik/deutschland/article13845521/Scharia-haelt-Einzug-in-deutsche-Gerichtssaele.html (abgerufen am 15.05.2018)

[13] https://www.crash-news.com/2018/01/11/islamisierung-in-deutschen-klassenzimmern-viele-muslimische-schueler-fordern-scharia/ (abgerufen am 15.05.2018)

[14] https://www.nzz.ch/feuilleton/zeitgeschehen/radikaler-islam-sympathisanten-des-terrors-ld.83821 (abgerufen am 15.05.2018)

[15] https://www.welt.de/vermischtes/article174477644/Laupheim-Vater-von-niedergestochener-17-Jaehriger-verweist-auf-Scharia.html (abgerufen am 15.05.2018)

[16] https://youtu.be/SSgdW_F9BiI (abgerufen am 15.05.2018)

[17] https://youtu.be/I0dRCzs1hvs?t=9m44s (abgerufen am 15.05.2018)

[18] https://www.youtube.com/watch?v=HrcwdQ5LeqU (abgerufen am 15.05.2018)

[19] https://www.youtube.com/watch?v=3-XXQV3mZlg (abgerufen am 15.05.2018]

[20] https://www.youtube.com/watch?v=wd8BhusSF7c (abgerufen am 15.05.2018]

[21] https://de.wikipedia.org/wiki/Salman_Rushdie (abgerufen am 15.05.2018)

[22] https://de.wikipedia.org/wiki/Anschlag_auf_Charlie_Hebdo (abgerufen am 15.05.2018)

[23] https://www.zeit.de/2017/40/islamkritik-reformen-liberal-bedrohung (abgerufen am 16.05.2018)

[24] https://de.wikipedia.org/wiki/Ahmadiyya (abgerufen am 16.05.2018)

[25] http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/wofuer-stehen-die-ahmadiyya-muslime-in-deutschland-15170663.html (abgerufen am 16.05.2018)

[26] https://www.deutschlandfunk.de/samuel-schirmbeck-liberale-muslime-weltweit-sind-von-linken.886.de.html?dram:article_id=429722

 

 




BoD & Amazon – Problematik wohl endgültig gelöst

Letztes und vorletztes Jahr berichtete ich auf meinem Blog hier ausführlich über das Problem, dass Bücher von BoD bei Amazon nicht mehr erhältlich bzw. nicht bestellbar waren. (Die Artikel finden sich in der Bibliothek) Amazon und BoD erklärten dies mit Datenbankproblemen, allerdings wirkte das alles für Außenstehende doch eher wie ein Machtkampf zwischen den beiden größten Anbietern für Selfpublishing. Darauf deutet auch die Tatsache hin, dass die meisten Bücher nach einigen Monaten wieder bei Amazon bestellbar und auf Lager waren – mit Ausnahme der Bücher, deren Printpreis sehr niedrig lag. Diese Bücher, die meist pro Stück 4,99€ kosten, sind bis vor kurzem weiterhin nicht bei Amazon in der Printfassung bestellbar gewesen. Die liegt wahrscheinlich daran, dass der geringe Preis für Amazon nur geringe Margen ermöglicht (wobei dies nur eine Spekulation ist). Das hat mich persönlich sehr geärgert, da ich selber vier Bücher für den Preis von 4,99€ angeboten habe, darunter auch das Bestsellersachbuch über Kratom. http://amzn.to/2piQ9It

Nun hat BoD sich dieser Problematik anscheinend angenommen, indem es selber als Händler bei Amazon auftritt und die Bücher direkt dort verkauft.

Es fallen dadurch zwar 1,49€ zusätzliche Lieferkosten an, weshalb es für Sparfüchse besser ist, direkt bei BoD zu bestellen, um die Versandkosten zu sparen, aber da Amazon den größten Markt für Selfpublisher darstellt, ist es erfreulich dass die Bücher dort jetzt wieder erhältlich und schnell lieferbar sind.

Dass die Bücher überhaupt lieferbar sind, ist zwar eine Verbesserung, allerdings sind die zusätzlichen Versandkosten für Amazonkunden, vor allem jene mit Primeaccounts, ein deutlich negativer Aspekt.




Konsum psychoaktiver Substanzen und schulische Leistungsfähigkeit

Letztes Jahr habe ich bereits einen sehr ausführlichen und mit persönlichen Anekdoten angereicherten Artikel über die Wirkung von Drogen auf die Kreativität, vor allem im Bezug auf schriftstellerisches Schaffen, publiziert, und bereits davor setzte ich mich mit den Kosten-Nutzen-Verhältnis von Drogen in meiner Schrift zur Ethik des rationalen Drogenkonsums auseinander. In anderen Artikel befasst ich mich mit der rechtlichen Lage von Badesalzen und mit der Behandlung von LSD-Flashbacks.

Nun konnte ich mich in den vergangenen Monaten auch im schulischen Rahmen mit dem Zusammenhang zwischen Drogenkonsum und Schulnoten und generell der Wirkung auf die jugendliche Psyche beschäftigen. Im Rahmen meines Psychologiekurses, den ich als Profilfach nun bereits das zweite Jahr belege, organisierte ich mit vier anderen Schülern ein Seminar für eine zehnte Klasse unserer Schule. Darin gingen wir darauf ein, wie man ohne die Verwendung von Stimulanzien wie Ritalin, seine Konzentrations und Leistungsfähigkeit verbessern kann. Mein vier Kollegen behandelten wie ausreichend Schlaf, die richtige Organisation und der richtige Lebensstil allgemein dazu beitragen, die Leistungsfähigkeit und Konzentrationsfähigkeit zu verbessern, und führten mit den Schülern diverse Übungen durch. Am Schluss hielt ich einen Vortrag über die Folgen vom Konsum psychoaktiver Substanzen auf die Gehirnentwicklung und die akademische und schulische Leistung. Erwartungsgemäß zeigten sich die Schüler sehr interessiert an diesem kontroversen Thema, und die meisten von ihnen waren sich davor gar nicht bewusst gewesen, wie schädlich vor allem auch legale Drogen wie Tabak und Alkohol für das Gehirn sind, dessen Entwicklung erst mit dem 25ten Lebensjahr abgeschlossen ist.

Auf der Basis der Evaluationen, die wir mit den Schülern vor und nach dem Seminar durchführten, und der sehr intensiven Recherche zu dem Thema, verfasste ich in den Faschingsferien 2018 eine Arbeit zu dem Thema „Konsum psychoaktiver Substanzen und schulische Leistungsfähigkeit„, die meine Schulaufgabe im zweiten Halbjahr ersetzte, und die ich euch nicht vorenthalten will, da sie doch den ein oder anderen Leser interessieren und helfen könnte.

Die Arbeit kann unter dem Dropboxlink https://www.dropbox.com/s/mtsqe5otwe27esa/geschw%C3%A4rztPsychologiearbeit%20von%20Nikodem%20Skrobisz%20%C3%BCber%20Psychoaktive%20Substanzen.pdf?dl=0 heruntergeladen werden. Sensible Daten, sowie die Evaluationsergebnisse sind stellenweise geschwärzt, um die Privatspähre der Schüler zu achten.

Ich wünsche viel Spaß beim Lesen 🙂

 

 


Dieser Artikel wurde von einem Laien erstellt. Auch wenn bei der Recherche größte Sorgfalt aufgewandt wurde, kann die Richtigkeit der darin enthaltenen Informationen nicht garantiert werden. Wenden Sie sich bei medizinischen Fragen an ihren Arzt oder Apotheker. Nehmen Sie keine Drogen oder Medikamente ohne Rücksprache mit einem Arzt ein.

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Tod oder Transhumanismus – Die Zukunft des Lebens

Warum wir Transhumanismus brauchen

Das fragile und einzigartige Wunder der Menschheit

Obwohl die Menschheit einigen statistischen Berechnungen folgend angesichts der gewaltigen Größe des Universums nur eine unter vielen Zivilisationen sein sollte [1], sind wir – soweit wir wissen – allein. Keine Radiowellen, keine Übertragungen, keine Dysonspähren, keine Anzeichen von Raumfahrt. Kurz: Nichts, was auf anderes intelligentes Leben im Kosmos hinweist, trotz über zehn Milliarden an bewohnbaren Planeten allein in unserer Milchstraße, und der Tatsache, dass die Erde mit ihren vier Milliarden Jahren ein recht junger Planet ist. [2] Diese Diskrepanz zwischen unseren Vermutungen, dass es mehr Zivilisationen geben müsste, und der Realität, dass wir die einzige Bekannte sind, beschreibt man als Fermi-Paradoxon. [3]

Viele Wissenschaftler, darunter Stephen Hawking, Carl Sagan und Nick Bostrom, gehen daher davon aus, dass die meisten Zivilisationen sich nie weit genug für die Raumfahrt und starke Radiosender entwickeln und in Epidemien, Naturkatastrophen, Nuklearkriegen oder Nanobots untergehen – wobei die beiden letzteren eigentlich höhere Technologie voraussetzen, wie Radiowellen, die wir noch immer nicht aufspüren konnten. (Die ersten Bilder, die potentielle Außerirdische von uns empfangen würden, wären übrigens die Übertragungen von Hitlers Reichstagen in Nürnberg, da dabei erstmalig Sender verwendet wurden, die stark genug sind. Der erste Eindruck ist ja aber bekanntlich nicht so wichtig …[4])

Einige der plausibelsten neueren Erklärungen für dieses Paradoxon ist allerdings, dass intelligentes Leben nicht nur viel seltener ist, als wir bisher annehmen, sondern generell höheres Leben kaum möglich ist. Wir hatten das Glück, dass Cyanobakterien die Atmosphäre der Erde vor 2,5 Milliarden Jahren stabilisierten, und so höheres Leben erst möglich machten. Möglicherweise gelang dieser Prozess bisher erst auf der Erde. Auf Venus und Mars z.B. sind die Atmosphären zu schnell gekippt, sodass die dort eventuell vorhandenen Mikroben es nicht mehr schafften und ausgelöscht worden. [5] Des Weiteren ist die Entstehung von intelligenten Wesen wie Menschen eventuell viel seltener oder bisher nur einmal aufgetreten, da Intelligenz im Anfangsstadium nur in einer sehr spezifischen Umgebung einen Selektionsvorteil bietet. Und wenn es auftritt, dann löscht es sich sehr schnell selbst aus. Vielleicht hatten wir als einzige Zivilisation das Glück, dass wir unsere Pest überlebten und einen kalten Krieg hatten.

Doch selbst wenn es irgendwo noch primitives Leben geben sollte, so werden unsere Hoffnungen es in unserer Nähe zu finden, regelmäßig zunichte macht. Ein Ziel dieser Hoffnungen war bis vor kurzem noch der nur 4,25 Lichtjahre entfernte Exoplanet Proxima b im System Proxima Centauri, der die Fantasie vieler Wissenschaftler und ScienceFiction Fans beflügelte.  Man plante ihn mithilfe moderner Teleskope der nächsten Generation auf Leben zu untersuchen, bis er vor kurzem von einer Sonneneruption geröstet und sterilisiert wurde. Falls es dort jemals Leben gab, ist es spätestens jetzt nicht mehr vorhanden. [6]

Daraus lässt sich schlussfolgern, dass Leben etwas extrem seltenes ist und noch seltener überlebt. Allen Anschein nach sind wir die bisher einzige Zivilisation, die es geschafft zu hat zu entstehen, nicht von Pandemien hingerafft zu werden, sich nicht mit Atomwaffen selbst auszulöschen und, wie das Beispiel von Proxima b zeigt, von einem zufälligen kosmischen Ereignis ausgelöscht zu werden.

Das Universum ist kein lebensfreundlicher Raum. Die Erde ist nichts als ein kleines Staubkörnchen in dieser weiten, tödlichen Leere. Eines Tages wird auch die Erde von einer Sonneneruption, einem Asteroiden oder anderen kosmischen Ereignissen getroffen werden, es könnte bereits in 10 Minuten so weit sein; spätestens in zwei, drei Milliarden Jahren wird die Sonne sich so weit ausdehnen, dass die Oberfläche schmilzt; allerdings wird der Klimawandel und die Verschiebung des Magnetpols den Planeten wahrscheinlich bereits in wenigen hundert bis tausend Jahren für höheres Leben unbewohnbar machen. Bereits am Ende des 21. Jahrhunderts werden Prognosen zufolge weite Teile heutiger Ballungsräume durch Hitzewellen, Überschwemmungen und Naturkatastrophen unbewohnbar. Amsterdam wird in den Fluten versinken und Mekka unter wortwörtlich tödlicher Hitze leiden.
Das bedeutet, dass das Leben auf der Erde sich in einer sehr prekären Lage befindet und früher oder später hier nicht mehr möglich sein wird. Unabhängig davon, was wir Menschen tun, ist die Erde langfristig ein verlorener Posten. Wenn die Menschheit nicht möglichst bald zu einer interstellaren Zivilisation wird, wird sie aussterben und damit langfristig auch das terrestrische Leben, und damit möglicherweise das einzige intelligente Leben, welches je existierte.

Die mögliche Zukunft des Lebens im Universum

Es gibt drei mögliche Szenarien für die langfristige Zukunft der Menschheit, und damit, wenn wir davon ausgehen, dass die Menschheit die einzige intelligente Zivilisation ist, für das gesamte Leben im Universum:

1. Tod. Leben wird ausgelöscht.

Die Menschheit stirbt aus;  sei es durch religiöse Spinner, größenwahnsinnige Präsidenten, Pandemien, Übervölkerung oder aber auch eine spontane Sonneneruption oder schlicht durch Zeit. Langfristig wird der Klimawandel und die Expansion der Sonne dazu führen, dass die Erde unbewohnbar wird, und damit wird möglicherweise das einzige intelligente Leben, welches jemals existierte, zu ende gehen. Dies wäre eine Tragödie und moralisch nicht zu akzeptieren.

2. Posthumanismus. Das Leben überlebt, allerdings werden biochemische Lebensformen auf Kohlenstoffbasis, einschließlich der Menschen, durch welche aus Metallen ersetzt.

Die Menschheit entwickelt künstliche Intelligenz und damit Bewusstsein und damit letztendlich Leben auf der Basis von Metall. Ob das überhaupt möglich ist, können wir aktuell nicht wissen; aber sollte es das sein, wird diese neue Form des Lebens die alte ersetzen (können). Maschinen bzw. Lebewesen aus Metall sind perfekt dafür geeignet, um das Universum zu kolonialisieren. Sie können Jahrtausende durch den Weltraum fliegen und sich mit nuklearer Energie am Leben erhalten, ohne dass Strahlung, Kälte, Sauerstoffmangel oder Trockenheit ihnen etwas ausmachen können. Des Weiteren lassen sich Materialien wie Eisen und Energieressourcen wie Wasserstoff auf fast jeden Planeten in ausreichenden Mengen für die Vermehrung und Weiterentwicklung finden. Des Weiteren könnten künstliche Intelligenzen durch Selbstoptimierung sich exponentiell schnell stetig weiterentwickeln und ein kollektives Bewusstsein entwickeln und damit kognitive Fähigkeiten, die im Vergleich zu denen der Menschen göttlich wären. Man stelle sich eine Entität vor, die innerhalb von Sekundenbruchteilen ganz Wikipedia und mehr abrufen und mit seinen Verstand ganze Städte oder Planeten steuern kann.

Allerdings stellt sich hierbei das Problem, ob künstliches Leben und künstliches Bewusstsein überhaupt möglich sind. Geht man von einem reduktionistischen Materialismus aus, so ist Bewusstsein lediglich ein Emergenzphänomen und daher auch mit anderen Materialien und Mechanismen als dem bekannten biochemischen System auf Kohlen-/Wasserstoffbasis erzeugbar. Allerdings sprechen gegen so einen Reduktionismus nicht nur die subjektiven Erfahrungen jedes Menschen, sondern auch liefert die Wissenschaft teilweise Indizien dafür, dass der Geist nicht rein materiell ist, wie zum Beispiel die Studien des amerikanischen Psychiaters Dr. Rick Strassman mit dem endogenen Hormon Dimethyltryptamin. Dies spielt anscheinend eine große Rolle bei Geburt und Tod. Die exogene Gabe des Hormons führt zu außerkörperlichen und mystischen Erfahrungen, die sich rein neurologisch nicht erklären lassen und darauf hindeuten, dass Bewusstsein eventuell etwas ist, das in das Gehirn „geladen wird“ und nicht nur auf der von uns beobachtbaren rein materiellen Ebene existiert. [7] So oder so, haben wir bisher praktisch kaum Verständnis davon, woher Leben und Bewusstsein ursprünglich kommen, weshalb es riskant wäre die Zukunft den Maschinen zu überlassen. Ganz abgesehen davon, dass dabei die Menschlichkeit und damit so schöne und wertvolle Sachen wie Liebe,Kunst,  Mitgefühl und Gefühle im allgemeinen verschwinden könnten.

3. Transhumanismus. Die Menschen werden selbst zu Göttern, wozu sie eins mit der Technologie werden müssen.

Wenn wir nicht aussterben oder von einer göttlichen K.I. ersetzt werden wollen, müssen wir uns selber weiterentwickeln. Dabei wäre eine Verschmelzung mit Technologie gar kein großer oder revolutionärer Schritt, sondern die Fortsetzung jenes Prozesses, der uns von den Tieren abgespalten und zu dem gemacht hat, was wir sind. Bereits jetzt sind wir mit unserer Technologie verbunden, und benutzen sie, um die menschlichen Schwächen zu überwinden und mehr zu leisten und besser zu leben, als unsere Vorfahren. Bereits jetzt gleichen wir mehr Göttern, als den ersten Menschen, die noch vor 70.000 Jahren als sprachlose Wesen  die Prärie durchstreiften. Brillen verbessern unsere Sehkraft. Bücher und Festplatten speichern das Wissen, das nicht mehr in unsere Köpfe passt. Prothesen erlauben es Gliedmaßen zu ersetzen. Der leistungssteigernde Kaffee wird vom Großteil der Bevölkerung täglich getrunken. Ritalin macht Schüler, Studenten und Professoren leistungsfähiger. Ultraschall, Impfungen,  Bluttests, Antibiotika und Röntgen erlauben es uns Krankheiten schneller festzustellen und zu heilen. Smartphones erweitern uns um den ständigen Zugang zu Informationen und speichern Ideen, die wir sonst vergessen würden. In den USA debattieren Juristen bereits, ob Smartphones nicht als Teil der Persönlichkeit ihrer Besitzer betrachtet werden sollten, da die Menschen immer größere Teile ihrer Kommunikation, ihres Denkens, ihrer Erinnerungen und Handlung über die Geräte ausführen und speichern. [8] Mithilfe von Gentechnik, Implantaten, SmartDrugs und Vernetzung können wir unsere Intelligenz, Gesundheit und Lebenserweiterung noch weiter steigern und mithilfe von Raumfahrttechnik das Universum kolonialisieren und unsere Technologien immer weiter entwickeln. Wir können den Planeten verlassen, überleben und besser leben. Wir können die Lebensqualität und das Glück der gesamten Population dauerhaft maximieren. Genetisch modifizierte Menschen, die mithilfe von Implantaten sich miteinander und mit dem Internet verbinden können, würden nicht nur länger leben, mehr wissen, sondern auch mehr verstehen und sich besser in andere einfühlen können. Psychische und physiologische Krankheiten könnten fast komplett aus der Welt geschafft werden. Stupide Arbeiten würden Roboter und Algorithmen übernehmen, während das Forschen und Kolonialisieren des Weltraums Jahrmillionen an Jahren und Generationen in Anspruch nehmen und beschäftigen würde. Viel unnötiges Leid und die Abhängigkeit von der Erde als Lebensort könnten für immer abgeschafft werden, genauso wie rückständiges Denken und Ideologien, wie Islam oder Nationalismus, und damit dauerhafter Weltfrieden etabliert werden. Natürlich werden dabei neue Probleme entstehen, vor allem ethische und gesellschaftliche, aber es liegt an uns, wie wir diese lösen.

Abgesehen von den offensichtlichen Verbesserungen der Lebensqualität und des Glücks, verpflichtet uns jedoch nicht nur der Utilitarismus zu einer transhumanistischen Wende.

Die moralische Verpflichtung zum Überleben

Ein Eisbär kann nicht den Weltraum kolonialisieren. Er schafft es nicht einmal sich an die verändernden Umweltbedingungen anzupassen, und wird daher bald zu den über 99% aller bereits ausgestorbenen terrestrischen Spezies gehören.
Die Menschen können allerdings sich extrem schnell und effizient durch Technologie ihrer Umwelt anpassen und sie verändern. Sie können mithilfe von Technologien unnötige Arbeiten an Maschinen abladen und das Lebensglück, die Gesundheit und die Erfüllung aller Individuen steigern. Und nicht nur das, sie können auch dafür sorgen, dass der Eisbär nicht ausstirbt, indem sie seine DNA konservieren.
Leben ist mehr als Individuen und ihr Lebensglück; Leben ist mehr als ein Emergenzphänomen der Materie. Leben ist das größte und komplexeste Wunder des Universums; ohne Leben wäre das Universum ein toter und bedeutungsloser Raum, dessen Wunder nicht beobachtet werden können. Die Menschen sind die einzigen, die das Leben dauerhaft erhalten können, vor allem, wenn man davon ausgeht, dass die Erde, der einzige Planet mit intelligentem Leben ist. Das bedeutet, dass das Schicksal bzw. die Zukunft des Lebens im Universum in den Händen der Menschheit liegt. Damit tragen wir Menschen kollektiv und individuell eine moralische Verpflichtung das Leben weiterzutragen und zu erhalten. Wenn wir keine interstellare Spezies werden und das Leben über die Grenzen der Erde hinaustragen, wird es untergehen.
Des Weiteren könnte Leben langfristig die Hoffnung auf Ewigkeit sein. Soweit wir wissen, wird das Universum eines Tages zwangsläufig durch Entropie an einem Wärmetod sterben und sich dabei in einen leeren, kalten, reaktionslosen Raum verwandeln. Entropie steigt in einem geschlossenen System irreversibel an. Leben könnte die einzige Hoffnung sein, diesen Prozess aufzuhalten oder zu verändern und damit die Welt unsterblich zu machen. Wenn sich die Technologie immer weiter entwickelt, könnte es sein, dass sie eines Tages die Manipulation von Zeit und Raum ermöglicht, und damit die Erschaffung von neuen Universen oder Systemen, die die Entropie unseres aufnehmen, oder die Möglichkeit sich in der Zeit hin und her zu bewegen oder die Menschheit in ein neues Universum zu befördern oder mithilfe uns noch unbekannter Kräfte Energie aus dem Nichts zu erzeugen und so die Entropie zu umgehen. Das mag jetzt lächerlich und unmöglich klingen und es widerspricht dem, was wir zurzeit über Thermodynamik und allgemein das Wesen unseres Universums wissen, aber hätte man vor zweihundert Jahren einem damaligen Wissenschaftler versucht Atomkraftwerke, das Internet, Antibiotika und Raumfahrt zu erklären, er würde es weder glauben noch verstehen können.
Wenn die Menschheit versagt und ausstirbt, dann wird das zuerst zum Untergang jedes Bewusstseins und langfristig zur Annihilation jeden Seins führen. Daher haben wir die moralische Obligation uns weiterzuentwickeln und zu überleben. Da wir niemals bestimmen können, ob künstliche Intelligenz echtes Bewusstsein ist, können wir auch nicht zulassen, dass Maschinen die Macht übernehmen, da das sonst zu der Entfesselung eines Prozesses führen könnte, der nicht nur uns, sondern jegliches anderes, potentiell existierendes Leben auslöschen und durch kalte Maschinerie ersetzen würde. Technologischer Stillstand hingegen würde zwangsläufig dazu führen, dass wir aussterben und unnötig leiden werden. Transhumanismus ist damit die einzige Möglichkeit das maximale Lebensglück, die maximale Anzahl an Lebewesen und das Überleben des Lebens und möglicherweise des Universums zu sichern.

Die meiner Generation und ich werden das alles wahrscheinlich nicht mehr erleben und auch nicht mehr von Gentechnik vollständig profitieren können, allerdings gehöre ich zu jener Generation, die bereits von der verbesserten Lebensqualität profitieren und die die Weichen für die Zukunft stellt. Wir werden die ethischen Regeln und Grenzen definieren, die vorhandenen Technologien weiterentwickeln, diese Technologien möglichst gerecht der gesamten Menschheit zur Verfügung stellen und die ersten Kolonien innerhalb unseres Sonnensystem gründen müssen. Es gibt viel zu tun und zu entscheiden, was letztendlich entscheiden wird, auf welchen der drei möglichen Pfade wir enden werden. Daher sehe ich es in unserer Verantwortung diese Zukunft zu ermöglichen und vorzuformen und ich hoffe, dass die Menschen in den kommenden Jahren die richtigen Entscheidungen fällen und sich nicht selbst vernichten werden.


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Bildquelle: https://www.flickr.com/photos/gsfc/15056614365/in/photostream/

[1] https://www.space.com/32793-intelligent-alien-life-probability-high.html
[2] https://de.sputniknews.com/wissen/20160511309767433-bewohnbarer-planeten-milchstrasse/
[3] https://www.youtube.com/watch?v=wWSJYr1Lr0E
[4] http://news.bbc.co.uk/2/hi/uk_news/magazine/7544915.stm
[5] https://motherboard.vice.com/de/article/wnxvy5/astrobiologen-legen-bisher-traurigste-loesung-fuer-das-fermi-paradoxon-vor-634
[6] https://www.derstandard.de/story/2000075135345/naechstgelegener-erdaehnlicher-exoplanet-wird-von-flares-gegrillt

[7] http://amzn.to/2G2chi0

[8] https://aeon.co/ideas/are-you-just-inside-your-skin-or-is-your-smartphone-part-of-you

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Fermi-Paradoxon#Selbstausl%C3%B6schung

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Transhumanismus

[11] Homo Deus http://amzn.to/2oUPmNm




Die #sortyourselfout Gegenkultur des Dr. Jordan Peterson

Our next speaker certainly does not need any introduction. He is the man you cornered by his seat, he is the man you cornered in the foyer, and he is the man you cornered outside the bathroom, so please put your hands together for Doctor Peterson*“, mit diesen Worten leitet der Moderator am 4ten November 2017 bei der Students For Liberty Canada West Regional Conference die Rede von Jordan Peterson ein, den die anwesenden Studenten mit Applaus begrüßen. Einundhalb Stunden lang erzählt der kanadische Psychologieprofessor der UoT über die neuen Medien im Internet und seine Erfahrungen damit. Er selbst leitet die Rede damit ein, dass er kein Medienexperte sei. Dennoch hören die Studenten gebannt zu, als der klinische Psychologe, dessen Forschungsschwerpunkte eigentlich auf Persönlichkeitsentwicklung und – verbesserung sowie die psychologischen Mechanismen von ideologischen und religiösen Systemen liegen, über YouTube und SocialMedia redet. Es gibt nämlich zurzeit wenige Personen, die die Effekte dieser Technologien in letzter Zeit so intensiv erlebt und genutzt haben, wie Jordan Peterson. Der Professor ist dank ihnen in den letzten einunhalb Jahren zu einer einflussreichen Internetpersona aufgestiegen, mit über 630.000 Abonennten auf YouTube, zahlreichen Memes, Fanseiten und Auftritten in Podcasts, bei TED-Talks und im Fernsehen.

Seit 2012 ist Dr. Jordan Peterson auf Quora aktiv. Seit 2013 lädt er die Aufzeichnung seiner Lesungen und Vorträge an der University of Toronto und zahlreiche gesonderte Videos auf YouTube hoch. Mittlerweile  finden sich allein auf seinem Kanal über 700 Stunden Videomaterial. Darin erklärt er nicht nur die klassischen Prinzipien und Inhalte der Psychologie. Er gibt auch aktiv Lebensratschläge, erklärt anhand der Jung´schen Psychoanalyse die Archetypen, die die Gesellschaft zusammenhalten und veranschaulicht diese mit Klassikern der Weltliteratur und Disneyfilmen. In den Mythen und großen Texten finden sich laut ihm die Antworten darauf, wie man seine Persönlichkeit im Angesicht des Leidens und Chaos des Lebens entwickeln und ein gutes Leben führen kann. Immer wieder argumentiert er dabei gegen den Relativismus und Nihilismus der Postmoderne, gegen Politische Korrektheit, gegen Verantwortungslosigkeit und appelliert an den Verstand, den Logos, den die Philosophen der Postmoderne und die modernen Neomarxisten (so zumindest Petersons Standpunkt) zum Feind erklärt haben. Oft humorvoll kontert er dabei die Argumente seiner Gegner mit wissenschaftlichen Fakten und anschaulichen Beispielen. So erklärt er anhand von Hummern, dass Hierarchien keine gesellschaftlichen Konstrukte sind, wie von den Postmodernisten oft behauptet, sondern in unserer Biologie fest verwurzelte psychologische Mechanismen.

Über seine Medienpräsenz und Lehr- und Forschungstätigkeit hinaus, ist er Verfasser des Buches „Maps of Meaning„, welches analysiert wie Ideologien und Religionen entstehen und unser Leben bestimmen, und des erst gestern erschienenen „12 Rules for Life„. Über seine Webseite bietet er unter anderem ein Selfauthoring Programm und einen Persönlichkeitsevalutationstest an. Durch dieses Engagement und seinen wertvollen Content ist Jordan Peterson Vielen, die Interesse an Psychologie und Philosophie hegen wie mir, bereits seit Jahren bekannt.

Schlagartige und weitreichende Berühmtheit erlangte er jedoch erst Juni 2017, als er gegen die Verabschiedung des Bill C-16 durch die kanadische Regierung protestierte. Er argumentiert, dass das Gesetz die Redefreiheit unterdrückt und keine wissenschaftliche Grundlage besitzt. Dieses Gesetz stellt es unter Strafe, wenn man eine Person nicht mit dem von ihr erwünschten Geschlechts-Pronomen anspricht.  Dies mag zwar auf dem ersten Blick wie eine vernünftige Maßnahme zum Schutz vor Diskriminierung von Minderheiten wie Transsexuellen wirken, bietet jedoch auch sehr viel Missbrauchspotential. Vor allem in neomarxistischen Kreisen und der gegenwärtigen amerikanischen Jugendkultur ist der Glaube verbreitet, das Geschlecht wäre lediglich eine soziale Konstruktion und deshalb frei wählbar. In der Folge dessen gibt es teilweise über 400 erfundene Geschlechteridentitäten, wie Molligender („ein Geschlecht, das weich und subtil ist“), Hydrogender („ein Geschlecht, das wie Wasser ist“) oder Affectugender („ein Geschlecht, das von der Stimmung bestimmt wird“), die in der Regel nur angenommen werden, um sich selbst besonders zu fühlen, (da man nicht mehr männlich oder weiblich oder trans zu sein glaubt), ohne dass die Benutzer dieser unwissenschaftlichen Selbstbezeichnungen biologische oder psychologische Grundlagen dafür hätten. Vor allem von Linken wird dies im Rahmen des neuen Kulturmarxismus instrumentalisiert, in denen aus den klassischen Klassen der „bösen Kapitalisten“ nun „heterosexuelle, weiße Männer“, und aus den „Arbeitern“ nun Frauen, sexuelle und ethnische Minderheiten geworden sind. Wenn dann jemand sich weigert willkürliche und undefinierte Pronomen wie „They“ oder „Ze“ für die fiktiven Geschlechtskonstruktionen zu verwenden oder wagt diese zu kritisieren, fühlen sich die Anhänger der linksextremen Ideologien angegriffen. Personen, die es an amerikanischen Universitäten wagen auf die biologischen Unterschiede und Merkmale von Männern und Frauen hinzuweisen, wie Chromosome oder Hormonhaushalt oder Genitalien, werden mitunter angegriffen und als Nazis beschimpft. Gegen die gesetzliche Unterstützung dieses Trends, der von linksextremen und postmodernistischen Studenten vorangetrieben und instrumentalisiert wird, ging Peterson vor, um seiner Aussage nach die Meinungsfreiheit zu erhalten. Tausende linksextreme Demonstranten marschierten daraufhin gegen Peterson auf, doch noch mehr Menschen, darunter viele echte Transgender, stellten sich auf die Seite des populären Professors. Mit diesem Kampf und der Propagierung von Rationalität und Selbstverantwortung zog Jordan Peterson jedoch nicht nur die Aufmerksamkeit der Medien auf sich, er hat auch eine ganze Gegenkultur-Bewegung losgetreten.

 

Während man zunehmend das Gefühl hat, dass die Mainstream-Jugendlichen zurzeit in der westlichen Welt in kurzsichtigen Hedonismus wie Drogen, SocialMedia und Berieselung mit Netflix und Co. versumpfen, verwirrt nach einer Identität suchen in Zeiten von Relativismus und hunderten Geschlechteridentiäten, und in ihrer Opfermentalität nur Ansprüche an die Gesellschaft stellen und mimosenhaft auf jede Beleidigung reagieren, überstresst und deprimiert sind oder sich zunehmend extremistischen Bewegungen im linksradikalen Spektrum, wie der Antifa oder den SJW / Social Justice Warriors, anschließen, nehmen die Anhänger von Jordan Peterson das Leben mit einem radikalen Individualismus an sich in Angriff. Statt das Glück zu jagen, von anderen kostenlose Versorgung ohne Gegenleistung zu verlangen oder sich mit fragwürdigen Methoden oberflächlich selbstdarzustellen und kollektivistischen Identitäten nachzulaufen, versuchen sie ihr Leben zwischen Chaos und Ordnung zu balancieren und ihren Charakter weiterzuentwickeln und so ihr Leben und die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

 

Unter dem Slogan #sortyourselfout (frei übersetzt: Krieg dein Leben auf die Reihe) krempeln überall in Kanada und den USA zurzeit vor allem junge Männer von Peterson inspiriert ihr Leben um. Sie fangen an ihr Zimmer aufzuräumen. Denn wer nicht einmal sein eigenes Zimmer in Ordnung halten kann, der sollte laut Peterson gar nicht erst daran denken die Welt irgendwie in Ordnung zu bringen. Die Verbesserung der Welt und die Bewältigung des existenziellen Leid und der Identitätssuche kann nur aus dem Inneren geschehen, durch Integration dessen, was Carl Jung den Schatten nennt, durch Selbstverbesserung und durch Bildung, durch die Erfüllung des eigenen Potentials. Die Anhänger Petersons lesen Klassiker von Dostojewski, Orwell, Nietzsche, Jung und anderen großen westlichen Denkern (oder sehen sich zumindest Petersons Analysen dazu an, der über einen einzigen Paragraphen von Nietzsche eine Stunde lang referieren kann). Sie übernehmen Verantwortung für ihr Handeln, überlegen wie sie sowohl für sich und die Gesellschaft etwas Gutes tun können und feiern Jordan Peterson wie einen Propheten des Logos. Einen modernen Propheten natürlich, dessen Ideen mit Memes, Hashtags und Videos verbreitet werden. Viele seiner Sprüche wie „Clean your room“ oder „Sort yourself out“, sind zu viralen Hits geworden. Doch im Gegensatz zu vielen Internetphänomenen unserer Tage, hat dieser Hype die Möglichkeit die Welt nachhaltig zu verbessern. Er kann den Westen eine Alternative zum Nihilismus und Extremismus bieten, mit denen er seit dem Niedergang des Christentums ringt. Er kann einer Generation, die zwischen unzähligen Glaubenssystem und Lebensstilen umherirrt, einen Weg zur Verbesserung der Welt zeigen.

Das ist nicht das erste Mal, dass ein Psychologieprofessor ein weltverändernde Jugendbewegung initiiert. In den 60ern verteilte der Psychologieprofessor Timothy Leary in Harvard LSD an Studenten und erweckte damit die Gegenkultur der Hippies zum Leben. Nun verteilt der Psychologieprofessor Jordan Peterson, der selber auch einst an Harvard lehrte, bewusstseinserweiternde Bücher und Ideen und erweckt damit eine Gegenkultur zum Leben, die wir dringend brauchen. Während die Hippies die Gesellschaft von vielen repressiven Mechanismen befreiten, bringt Jordan den Sinn und die Vernunft zurück zu den Menschen. Seine Bewegung gibt Halt im Kampf gegen das Chaos und das Leiden des Lebens. Jordans Gegenkultur verwirklicht die Ideale der großen Denker und der Aufklärung wie kritisches Denken und Tugenden. Nützlichsein und etwas aus sich machen, die Werte von Freiheit und Individualismus sind die von ihm geformte Gegenkultur.

Allerdings ist Dr. Peterson natürlich nicht ganz der Heilige, für den ihn viele seiner Anhänger halten.

Manche seiner Aussagen widersprechen sich selbst, manche wirken manchmal etwas reaktionär, manche unterstützen die Postmoderne, die er sonst bekämpft. Obwohl seine Theorien sonst sehr logisch und kohärent sind, bezeichnet er sich selber als einen nichtpraktizierenden Christen. Dann behauptet er bei einer anderen Gelgenheit, dass Religion für nicht so erfolgreiche und eher weniger intelligente Individuun als moralischer Kompass notwendig ist, er selber aber nicht daran glaube – als Atheisten bezeichnet er sich selber dann trotzdem nicht, weil Atheismus in seinem symbolischen Denken mit Nihilismus und Amoralität gleichgesetzt ist. Ab und zu werden seine Anti-marxistischen Vorträge von einer etwas irrationalen Paranoia geprägt – bei anderen Debatten gibt er aber dann wieder zu, dass auch Linke eine wichtige gesellschaftliche Funktion erfüllen.

Er selber sagte aber auch, dass das Sein viel zu kompliziert ist, als das es von einem einzigen Individuum vollständig verstanden werden könnte. Und letztendlich sind die meisten von ihn vertretenen Prinzipien und Werte und seine Meinungen nichts Neues, sondern ein Neuaufguss der traditionellen Denkweise des Westens, vor allem geprägt von Nietzsche, Aristoteles und Kierkegaard, synergetisch kombiniert mit Carl Jungs Psychoanalyse und einigen postmodernen Ideen von Denkern wie Wittgenstein und Adler. Von seinen (vor allem linken) Kritikern wird daher Dr. Peterson oft als Konservativer und sogar Vertreter der Neuen Rechten oder Neonazi bezeichnet. Jordan Peterson bezeichnet sich selber als einen klassischen Liberalen und Individualisten. Wenn man sich auch mit seiner Arbeit genauer auseinandersetzt, wird einem sehr schnell klar, dass er zwar etwas konservativ ist und einige seiner Überlegungen, die über die Psychologie hinausgehen, nicht sehr ausgereift sind, aber alles andere als ein Nazi.

Einen Großteil seiner akademischen Laufbahn hat Jordan Peterson mit dem Studium und der Analyse von totalitären Systemen verbracht, allen voran der Sowjetunion und Nazi-Deutschland. Der Gedanke an das Zerstörungspotential der Menschheit stürzte ihn im Laufe seines Lebens immer wieder in Depressionen. Der Kampf gegen rechten und linken Totalitarismus und Nihilismus ist sein persönliches Anliegen. Er argumentiert sowohl gegen Rechts, als auch Links (wobei letzteres in Kanada zurzeit weiter verbreitet ist). Im Gegensatz zu vielen anderen Kulturkritikern unserer Zeit, begnügt er sich nicht mit simplen, monokausalen, populistischen Erklärung der Probleme, sondern analysiert die Dinge gründlich. Seine Videos dauern daher oft mehrere Stunden (z.B.: allein seine Analyse der Bibel und ihrer psychologischen Bedeutung ist insgesamt 38 Stunden lang); eine Zeit, die leider viele seiner Kritiker gar nicht investieren, um zu verstehen, was sie kritisieren. Jordan Peterson ist ein Mann mit einer unglaublichen interdisziplinären Allgemeinbildung, die über das Fach Psychologie weit hinausgeht. Dies kann man immer wieder in Podcasts und Diskussionen erleben. Er ist in der Lage aus dem Stegreif Weltliteratur zu zitieren und über alle möglichen Themen, von Biologie, Wirtschaft, Neurologie, Politik bis hin zu Beziehungen, zu debattieren. Die Essenz dieses immensen Wissen, angeeignet durch ein akademisches Leben, gibt er an seiner Zuhörer weiter und hilft sie zu kontextualisieren. In einer postfaktischen Zeit, in der Gefühle oft als wichtiger wahrgenommen werden, als die Realität, liefert Dr. Peterson knallharte Erkenntnisse und Fakten. Vor allem in der Sozialpsychologie, sind viele dieser Fakten oft alles andere als politisch korrekt und damit nicht unbedingt gern gesehen. Teilweise bedient sich Jordan Peterson dabei auch sehr umstrittenen Quellen wie dem Buch „The Bell Curve„, welchem oft Rassismus vorgeworfen wird. Gelgentlich lehnt er sich auch weit aus dem Fenster, wenn er über Themen redet, die wenig mit seinem Fachgebieten zu tun haben. Durch diese Herangehensweise verursachte Jordan Peterson viele Kontroversen, und man sollte wie bei allen anderen Denkern auch, stets kritisch bleiben, bei dem was er sagt. Jeder Mensch hat irgendwo Fehler in seinen Ansichten. Vor allem, wenn es bei Peterson nicht nur um Psychologie geht, sollte man kritisch beim Zuhören sein. Bei vielen politischen und gesellschaftlichen Themen gibt er sich ignorant und in einer Debatte mit dem Philosophen Sam Harris, konnte er mit seiner Argumentation über die Natur der Wahrheit nicht überzeugen.

Insgesamt ist Jordan Peterson definitiv ein Denker, mit dem man sich, vor allem als junger Mensch, wenn auch kritisch auseinandersetzen sollte. Er regt zum Handeln und zur Beschäftigung mit dem Leben an und viele seiner Ideen sind sehr wertvoll. Die Effektivität seiner Prinzipien zur Verbesserung des Lebens wird tagtäglich von seinen Anhängern in Internetforen wie Reddit bestätigt, allerdings sind sie sicherlich auch nicht für jeden geeignet. Für jungen Menschen ist wahrscheinlich sein Video „2016/11/08: My Message to Millenials: How to Change the World — Properlyein interessanter Einstieg. Man sollte jedoch stets im Hinterkopf behalten, dass man es mit einem stark vom Christentum und einigen reaktionären Ideen geprägten Denkern zutun hat.

Gestern erschien Jordan B. Petersons zweites Buch „12 Rules for Life: An Antidote to Chaos„, in welchem er seine 12 wichtigsten Regeln für ein stabiles Leben zwischen Ordnung und Chaos erläutert. Dieses Buch ist das Konzentrat seiner Arbeit der letzten Jahre. Ich lese das Buch zurzeit, und obwohl ich vieles aus den Videos und Podcasts wiedererkenne, entdecke ich auch immer neue Ideen und Aspekte – von denen ich aber nicht ganz so überzeugt bin, wie von dem, was ich bisher von Peterson gehört habe. Jordan Peterson ist nach Nietzsche der Denker, der mich in den letzten Jahren am meisten dazu inspiriert hat, mein Schreiben zu intensiveren und mein Weltbild zu überdenken. Anfangs sah ich seine Videos vor allem an, weil mich Psychologie fasziniert und ich dieses Fach selber studieren will. Durch Peterson habe ich allerdings entdeckt, welche weitreichenden Einsichten dieses Fach über die menschliche Natur und das Leben an sich ermöglicht. Des Weiteren hat er mich dazu gebracht, viele Aspekte meines Lebens zu überdenken und mich mit vielen neuen Themen auseinanderzusetzen.

Sobald ich das Buch durchgelesen habe, welches die Basis einer neuen Bewegung sein könnte, die die Welt statt durch Revolutionen und Gewalt, mit individueller Charakterentwicklung zum Positiven verändern könnte, werde ich hier auf meinem Blog eine Rezension dazu posten.

Jetzt muss ich aber erstmal mein Zimmer aufräumen, denn während ich den Artikel geschrieben habe, versank es erneut im Chaos.

 

*Übersetzung: Unser nächster Redner braucht sicherlich keine Einführung. Er ist der Mann, den ihr an seinem Sitz in die Enge getrieben habt, er ist der Mann, den ihr in der Eingangshalle in die Enge getrieben habt, und er ist der Mann, den ihr vor dem Badezimmer in die Enge getrieben habt, also ich bitte um Applaus für Dr. Peterson.

 

 

 


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