Was für ein beschissenes Halloween

Sein Gesicht verkrampfte sich, während die Anspannung mit dem Druck stieg, und entspannte sich stöhnend, als der Druck abließ. Das Wasser unter ihm platschte. Es war erstaunlich, wie viel Scheiße man (wortwörtlich) mit sich herumtragen konnte und wie plötzlich alles herauskommen wollte. Manch einer hätte es wohl als Karma bezeichnet, weil er kurz davor den Kindern, die an seiner Tür geklingelt und ihr »Süßes oder Saures« zwischen ihren, von Karies zerfressenen, Zähnen heruntergeleiert hatten, anstelle von Süßigkeiten leckere, mit Schokolade überzogene Heuschrecken gegeben hatte. Bei der Erinnerung an den Jungen, der in Tränen ausgebrochen und schreiend davongelaufen war, musste er lächeln. Abrupt kam ein neuer Schub, der sich in die Toilette unter ihm entleerte, während er sich stöhnend nach vorne beugte. Nein, Karma war seines Erachtens nach (passenderweise) Bullshit, so etwas gab es nur in den Köpfen dieser Möchtegern-Hippie-Veganer mit ihren kotzgrünen Spinatsmoothies. So etwas nannte man eine Lebensmittelvergiftung oder eine Magendarmgrippe. Wie, als wollte sein Verdauungstrakt seinen Spot kommentieren, bahnte eine Gaswolke ihren Weg geräuschvoll nach draußen. Zumindest war kein Land in Sicht. Es sah so aus, als würde er heute noch etwas länger auf der Kloschüssel sitzen müssen. Das machte ihm nichts aus, schließlich ist die eigene Toilette der Ort, an dem man sich am sichersten und geborgensten fühlt. Ein Tempel der Privatsphäre und Intimhygienen. Er nahm sein iPhone aus seiner Hosentasche und entsperrte es. Einen Augenblick lang starrte er auf seine ordentlich geordneten Apps und fragte sich, warum er es überhaupt herausgenommen hatte. Dann öffnete er eine Nachrichten App, um zu sehen, was wohl außerhalb seiner sauberen, weißen, nach Seife und Körperflüssigkeit duftenden Wände so los war. Nicht mehr als sonst, also nicht viel. Die Amis verkloppten mal wieder irgendwelche Hinterwäldler im Nahen Osten, irgendjemand hatte im Suff jemand anderen erschlagen und ausnahmsweise ging die zusammengeschusterte Reportage über Halloween. Irgendeine Schauspielerin hatte in einem Magazin für Nacktbilder posiert und nun hing ihr nackter Arsch in der Galerie der App.
»Wer interessiert sich für so einen Scheiß?«, grunzte er verächtlich, während er an der Galerie vorbeiscrollte. Die einzige Antwort, die er bekam, war das zynisch anmutende, trompetenartige Solo seines Enddarms. Als er gerade dann doch durch die Galerie mit den Nacktbildern blätterte, klingelte es. Verdammte Bälger, die lernten ihre Lektionen auch nie, oder? Anderseits war es mittlerweile fast Mitternacht, also waren es wohl nur irgendwelche Säufer. Sonst gäbe es niemanden, der an seinem Haus klingen könnte. Er ließ es noch mehrmals läuten, bis es aufhörte, und wechselte währenddessen auf seinem Smartphone von einem Minispiel zum nächsten. Gelegentlich beugte er sich stöhnend vor, wenn sein Körper wieder etwas loswerden wollte, oder betätigte die Spülung.
Plötzlich klopfte es. Vor Schreck fiel ihm sein Smartphone auf den Boden. Das Klopfen kam von seiner Badezimmertür. Der Schreck wurde schlagartig zu Entsetzen, als er das Smartphone in Scherben zu seinen Füßen liegen sah.
»Verfluchte Scheiße!« Es war das neuste Modell gewesen. Hastig griff er danach, wobei sich die Displaysplitter in seine Finger schnitten. Egal wie oft er auf den nun lose hängenden Homebutton drückte, als wolle er einen Toten reanimieren, der Bildschirm blieb dunkel. Doch bevor er über den Verlust in Tränen ausbrechen konnte, erstarrte sein Körper vor Angst zur Salzsäule. Es war wieder da: Ein lautes aufdringliches Klopfen, welches ihm schlagartig wieder bewusst werden ließ, was ihn dermaßen erschreckt hatte. Er ließ sein nun bedeutungsloses Smartphone wieder fallen. Langsam hob er seinen Kopf. Hinter der Milchglasscheibe in der weißen Holztür leuchteten auf Augenhöhe zwei blaue Punkte. Wieder das Klopfen. Die Augen schienen ihn zu durchbohren. Seine Arschbacken ließen einen laut johlenden Kommentar ab, bei dem etwas Schlamm dabei war. Diesmal riss es ihn aber aus seiner Versteinerung.
»W-Wer ist daaa?« Er legte all seine Kraft darin seine Stimme sicher klingen zu lassen, doch zeitgleich preschte eine neue braune Welle heran und wurde mit einem schmatzenden Geräusch zur Welt gebracht, was all seine Bemühung zunichtemachte seriös zu klingen. Eine tiefe, wenn auch schüchterne Stimme räusperte sich vor der Tür:
»Ähm. Ich weiß, der Zeitpunkt ist etwas ungünstig, aber ich bin der Tod. Deine Zeit ist um.«
Einen Moment ließ er die Worte in sich einsinken, ohne sie wirklich verstehen zu wollen, dann brach er in Gelächter aus.
»Du Irrer willst mir wohl Angst machen. Happy Halloween und so. Doch hier gehst du zu weit, Freundchen. Das ist Hausfriedensbruch und dafür rufe ich jetzt die Polizei«‹, bluffte er. Aufstehen erlaubt ihm sein widerspenstiger Verdauungstrakt nicht und auch fürchtete er sich einem Verrückten entgegenzutreten.
»Cleve Austin. Geboren am 28. September 1994, Null Uhr Acht. Dein Smartphone ist gerade kaputtgegangen. Du hast ein Muttermal an deiner linken Arschbacke. Deine Zeit ist um.«
Cleve erbleichte, denn dies war tatsächlich sein Name. Aber den konnte doch jeder rausfinden, wenn er … wenn er im Einwohnermeldeamt nachfragte? Seine Post durchwühlte? Aber den Geburtstag und das Muttermal, nein davon wusste niemand, zumindest kein Kerl, oder?
»Ha. Ich lass dich nicht rein, Tod. Du kannst mich mal«, kläffte er. Die Türklinke bewegte sich langsam hinab, doch die Tür war verriegelt. Obwohl er seit Jahren allein wohnte, prägte eine Kindheit mit drei älteren Schwestern einen dauerhaft.
»Lass mich rein«, jammerte der Tod.
»Nein«
»Aber …«
»Nope!«
»Du machst es uns beiden nur unnötig schwer. Du musst ohnehin gehen.«
»Ich denke nicht.«
»Glaubst du, ich tue das gerne? Ich gehe nur meiner Pflicht nach, wie jeder andere. Deine Pflicht ist es, jetzt zu sterben.«
»Scher dich zum Teufel.«
»Aber der schickt mich doch …« Tod klang nun total verzweifelt. Dann wurde es still, außer einem leisen Klirren und Wühlen in … in einer Geldbörse? Cleves Blick fiel auf den Riegel unterhalb der Türklinke. Diesen konnte man von außen mit einer Münze aufdrehen. Metall schabte an Metall und der Riegel drehte sich langsam auf.
Es gab keine andere Möglichkeit. Cleve sprang von der Kloschüssel weg, die blutigen Hände nach vorne ausgestreckt. Für einen Augenblick bewegte sich die Welt in Zeitlupe. Der Riegel, der sich langsam aufdrehte, Cleve, der für einen Augenblick wie Superman durch die Luft flog, die Fontäne, die aus seinem Arschloch spritzte und die Decke und Wand dahinter besudelte. Sein Kopf krachte hart gegen die Tür und seine Genitalien wurden auf dem kalten Fußboden zerdrückt. Das Bild eines Testdummys, der durch eine Windschutzscheibe flog, schoss ihm durch den Kopf. Mit aller Kraft drückte er mit seinen blutverschmierten Fingern den Riegeln herunter und hörte, wie die Münze auf der anderen Seite heraussprang und auf den Boden fiel. Während er gegen die Bewusstlosigkeit ankämpfte, verfluchte er sich dafür die Fußbodenheizung nicht angestellt zu haben. Dann würden seine Rühreier mindestens nicht erfrieren.
»Du kannst nicht ewig da drinnen bleiben und es herauszögern«, heulte der Tod, der scheinbar mittlerweile am Rande eines Nervenzusammenbruchs war und vor sich hin schluchzte.
Heiße Tränen liefen über Cleves Gesicht, als er zurückschrie:
»Nein. Fick dich. Ich lass dich nicht rein. Noch habe ich Wasser und Strom. Ich kann hier drin für Wochen ausharren und wenn ich mich dafür von Shampoo und Klopapier ernähren muss« In diesem Augenblick zerbarst die Glühbirne über ihm und ein Regen aus feinen Glasscherben rieselte auf ihn hinab. Das einzige Licht im Raum war das blaue Leuchten, welches durch die Milchglasscheibe drang. Cleve bemerkte erst jetzt die Displayscherben, die in seinem Oberschenkel steckten. Er weinte hemmungslos. Seine Finger brannten, warmes Blut floss seinen Oberschenkel entlang und die zermatschten Eier erfroren. Zum allem Überfluss heulte der Tod vor dem Bad mit ihm um die Wette. Was für ein beschissenes Halloween.


Weitere Kurzgeschichten von mir, gibt es in den Anthologien Wahnsinn und Wahn.

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