Über die größte bewusstseinserweiternde Erfahrung meines bisherigen Lebens: Die Liebe

Ich bin in meinem jungen Leben bereits ziemlich herumgekommen; zwar werde ich in drei Monaten erst 19, aber weil ich stets von meiner Rastlosigkeit getrieben und meiner Neugier gelockt wurde, sah ich in dieser Zeit viele verschiedene Aspekte dieser Welt. Ich war auf verschiedenen Schulen; von heruntergekommenen Vorstadbetonklötzen bis hin zu Elite-Internaten; ich bereiste dank meiner reisfreudigen Eltern die Welt, sah die Slums in Afrika und die Wolkenkratzer Tokyos, stand vorm Eiffelturm und vorm Weißen Haus. Ich habe Freundschaften mit Menschen aus allen Gesellschaftsschichten geschlossen und mich in vielen verschiedenen Leidenschaften betätigt, von Programmieren, über Kampfsport bis hin zum literarischen Schreiben, welches ich sogar für mein Alter recht erfolgreich betreibe. (Wenn ich das so unbescheiden formulieren darf.) Noch mehr als die äußere Welt, erforschte ich dabei allerdings meine inneren Welten, indem ich nicht nur viel las (Aristoteles, Nietzsche, Schopenhauer, Watts, Camus, Sartre,Becker, Yalom, Jung, Hesse, Dick, Dostojewski, Tolstoi … )  und philosophierte, sondern auch extrem viel schrieb, meditierte und auch experimentierte, darunter eine Zeit lang mit bewusstseinsverändernden und -erweiternden Substanzen, wie LSD. Kurz: Ich war stets auf der Suche nach neuen Wegen um Erkenntnis und Glück zu finden. Dies führte immer wieder zu tiefen Einsichten, die mein Leben über die Zeit stark umformten.
In all den 18 Jahren meines Lebens durchlief ich durch meine Explorationen immer wieder starke Veränderungen, wie wohl jeder Mensch in dieser Lebensphase zu einem gewissen Grad. Man könnte sagen, der Nikodem, der mit dem Schreiben anfing nach den LSD Erfahrungen, war ein anderer als der ambitionierte Kampfsportler und Partylöwe davor, genauso wie dieser ein komplett anderer Nikodem war als der dicke Nerd, der bis zum dreizehnten Lebensjahr gemobbt wurde und seine Zeit mit Videospielen und Programmierung verbrachte, bis er irgendwann mal durch Ritalin und Stress einen Nervenzusammenbruch erlitt und sich neuaufbaute. Die meisten Veränderungen wurden tatsächlich von schmerzhaften traumatischen Erfahrungen initiiert und vollzogen sich recht schnell, oft über wenige Wochen hinweg. Jedes Mal war es dabei ein Sprung, eine Überwindung von alten, negativen Gewohnheiten und Aneignung neuer Perspektiven und Ziele.
Doch die größte positive Veränderung und am meisten bewusstseinserweiternde Erfahrung meines Lebens war jedoch eine langsame und umfasst fast das gesamte Jahr 2017. Diese Erfahrung war und ist die der Liebe.
Durch meine Freundin Vivienne erfuhr ich und erfahre ich immer wieder aufs Neue, was wahres Glück und was Liebe bedeuten. Bis zu dieser Beziehung war ich von Kind auf konstant ein eher sehr pessimistischer und rastloser Mensch, mit Neigungen zu Depressionen und Nihilismus. Bereits mit sechs Jahren war ich wegen Angststörungen in Psychotheraphie, mit elf bekam ich das erste Mal Psychopharmaka. Ich habe das Leben eher gehasst und es vor allem aus Neugier weitergeführt; doch Vivienne veränderte das grundlegend. Oder eher, wir beide veränderten uns gegenseitig. Anfangs waren wir nämlich beide eher düstere Menschen mit einem Hang zur schwarzen Romantik; wir trugen beide immer Schwarz (tun wir heute noch, aber nun vor allem, weil Schwarz stilisch ist), dachten nihilistisch und das erste Gespräch, das wir je führten, handelte von Schopenhauer, Houellebecq und Lovecraft (drei sehr depremierende Autoren). Doch als wir dann langsam zusammen kamen und sich unsere Beziehung entwickelte, lernten wir was Liebe wirklich bedeutete, und es veränderte uns. Die Finsternis lüftete sich. Ich veränderte mich in diesen Monaten von einem kruden Außenseiter, der die meiste Zeit blutige und verrückte Roman schrieb, zwischen Depressionen, Pillendosen und Wahnsinn hin und her schwangte, und fast die Schule abgebrochen hätte – nicht wegen schlechten Noten, sondern um ein Aussteiger zu werden -, im Lauf dieser Monate zu einem ziemlich glücklichen Menschen, der Verantwortung für seine Handlungen übernimmt, seine psychischen Aussetzer deutlich besser unter Kontrolle hat, und sich am Leben freut, einen Sinn sieht (auch in seinem Schreiben), und so viel mehr versteht und deutlich empathischer auf seine Menschen sieht … Ich habe in keinem Jahr meines Lebens zuvor so viel Glück erlebt und so viel gelernt, dabei habe ich weniger gelesen als zuvor, und auch den Drogenkonsum habe ich eingestellt. Der beste Lehrer ist das Leben, und die wundervollste und mächtigste Erfahrung, die ein Menschen in seinem Leben machen kann, ist die der Liebe. Selbst in ihrem spirituellen Gehalt schlägt sie jedes Psychedelikum um Welten. (Tatsächlich beweisen Studien, dass das „Liebeshormon“ Oxytocin Spiritualität fördert.)
Sie veränderte mich, nicht nur als Mensch, auch als Schriftsteller. (Auch wenn sich das in meinen Werken noch nicht abgezeichnet hat, da ich bisher kaum etwas von den Texten publiziert habe, die ich bisher während der Beziehung schrieb. Es sind auch etwas weniger, als im Jahr zuvor, und das liegt nicht nur daran, dass ich weniger Zeit hätte. Wie Wagner einst in einem Brief schrieb: „Hätten wir das Leben, hätten wir keine Kunst nötig. Die Kunst fängt genau da an, wo das Leben aufhört. Ich begreife gar nicht, wie ein wahrhaft glücklicher Mensch auf den Gedanken kommen soll, „Kunst“ zu machen[…]“. Ich habe durchaus mehr Leben als früher.)
Mit der Liebe fand ich einen Zugang zum Leben, eine Antwort auf das Sein und eine glänzlich neue Perspektive. Tausende von schönen Erinnerungen habe ich gesammelt und durch Vivienne und auch mit ihr zusammen viele neue Bereiche in der Kunst, Philosophie und Realität entdeckt. Wir haben zusammen Städte bereist, neue Menschen kennengelernt und vieles erlebt; waren füreinander da, wenn der andere krank war oder Probleme hatte, lernten uns zu öffnen und einander ziemlich blind zu vertrauen. Vor allem zu lernen, dass man jemanden wirklich bedingungslos vertrauen und alles sagen kann, und für diesen auch mit seinem Leben mitverantwortlich ist, war für ein zu Paranoia neigendem Scheidungskind für mich eine heilende Erkenntnis.
Ich fühle mich so weise und glücklich wie noch nie zuvor im Leben. Das, was ich in den letzten Jahren zwischen den Seiten der großen Werke toter Männer und an der Peripherien des Geistes gesucht hatte, mit Meditation, Rausch und Reisen zu finden hoffte, fand ich letztendlich im Leben selbst.
Natürlich, die Zukunft hält noch viele Überraschungen und Wendungen für mich bereit. Ich bin noch sehr jung und ich bezweifel nicht, dass sich in meinem Handeln und Denken noch viel verändern wird, und dass ich noch vieles verstehen muss, dass ich noch recht unerfahren bin, und dass mein Geist vielleicht noch die ein oder andere Erweiterung und Veränderung durchlaufen wird, allerdings, wenn ich hier zu meinem bisherigen Leben ein Resümee ziehen müsste, so würde ich sagen: Was mich am meisten prägte, nach meiner Kindheit, war wohl die romantische Liebe.*

 


*Meine Eltern liebten mich auch beide sehr und waren immer für mich da, auch während und nach der Scheidung, aber diese parentale Liebe ist etwas anderes, als die zu einem Seelenverwandten. Vor allem wenn man Geschwister hat und der Vater als Manager um die Welt jettet und einmal im Monat zuhause ist.

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