Teaser: Prolog zu „Crackrauchende Hühner“

‚Crackrauchende Hühner‘ ist ein postmoderner, surrealistischer Gegenwartsroman, der 2017 erscheinen wird. Hier gibt es jetzt die vorläufige Fassung des Prologs zur Einstimmung.

Kapitel 1/36 (Prolog): Nathan der Weise

 

Nathan war ein komischer Kauz.

Das fing bei seinem Aussehen an. Die Haare standen widerspenstig in alle Richtungen ab, die Wangenknochen traten aus dem abgemagerten Gesicht hervor. Am Grund seiner eingefallenen Augenhöhlen lagen blaue Opale, die einen stechenden, analytischen Blick ausstrahlten. Wenn Nathan einen ansah, konnte man das spüren. Es fühlte sich an, als würde eine kalte Geisterhand in einem herumtasten. Man zuckte unwillkürlich zusammen und rieb sich am Körper, um das klebrige Gefühl dieser sonderbaren Kälte zu vertreiben.

Sein Gang war schleppend, als würde er durch den Raum treiben. Die spinnenartigen Beine waren dem Körper immer einen Meter voraus, der bei jedem Schritt etwas in die Knie ging und wieder hochwippte.

Als wir im Deutschunterricht die Ringparabel aus Nathan der Weise von Lessing lasen, fragte unser Deutschlehrer, wohl im Scherz, Nathan, was er von der Ringparabel halten würde. Nathan antwortete ohne mit der Wimper zu zucken in einem sachlichen Ton:

»Statt den Ringen hätte Lessing auch drei Pferdeäpfel nehmen können, das wäre anschaulicher. Die kann man nämlich auch kaum auseinanderhalten, und sie entsprechen deutlich akkurater der Natur solcher Scheißdogmen.«

Die Klasse brach in schallendes Gelächter aus, unser Deutschlehrer erblasste und sagte: »Nathan, nach der Stunde zu mir.«

Und natürlich ging Nathan nach der Stunde einfach nach Hause, statt mit dem Lehrer zu diskutieren. Denn so war Nathan, verrückt, manchmal kindisch, dann wieder todernst, immer ein Rebell, der einfach machte und sagte, was er wollte.

Wir nannten ihn seitdem oft Nathan der Weise, wie den Typen aus der Ringparabel. Das war eigentlich als Witz gedacht, aber wir lagen damit sicherlich nicht ganz falsch, denn unser Nathan hatte tatsächlich, trotz allem Unsinn, den er trieb, etwas Weises an sich, aber auch etwas Gefährliches und Skrupelloses.

Viele bezeichneten ihn als einen Psychopathen, und spätestens seit dem Vorfall mit Herrn Maaysen zweifelte kaum jemand daran, dass er auch einer war.

Der Vorfall ereignete sich letzten Winter. Herr Maaysen war damals unser Englischlehrer. Niemand mochte ihn, und er mochte niemanden. Er war ein aufgeblasener Despot, der von allen gefürchtet werden wollte, offensichtlich, um zu kompensieren, dass er wie ein weichgespültes Muttersöhnchen aussah. Anfangs hatten wir den Fehler gemacht, ihn wegen seines Auftretens – kleingebaut, weiche, schwabbelige Statur, fettiges blondes Haar und Quietschestimme – zu unterschätzen und ihm keinen Respekt entgegenzubringen. Nach zwei Schulwochen, zehn Verweisen und zahlreichen Strafarbeiten hatte er uns allen Angst eingehämmert, allen, außer Nathan.

Herr Maaysen gab an dem Tag die letzte Schulaufgabe an die Klasse heraus. Wie bei jedem seiner Tests, war der Notenschnitt fatal. Als der Despot Nathan dessen Schulaufgabe austeilte, lächelte er breit und sagte:

»Nathan. Du hast einen sehr großen Wortschatz und dein Essay ist nicht schlecht formuliert. Aber leider hast du das Thema verfehlt. Note Sechs.« Nathan nahm sie, blätterte durch sein Essay und stand auf. Er ging zum Waschbecken neben der Tafel.

»Nathan, was machst du da?«, fragte Herr Maaysen.

»Ihr Thema war scheiße und mein Essay besser, als alles, was Sie jemals zustande bringen könnten. Die Note ist inakzeptabel«, sagte Nathan und entzündete mit diesen Worten die Schulaufgabe mit einem Zippo. Die orangenen Flammen züngelten aus dem Waschbecken. Nathan drehte den Wasserhahn auf und das Feuer erlosch zischend; Dampf stieg auf.

Die ganze Klasse sah atemlos zu, selbst diejenigen, die noch gerade wegen ihrer schlechten Noten geschluchzt hatten, erstarrten.

»Spinnst du?«, brüllte Herr Maaysen »Feuer in der Schule. Dafür wirst du fliegen!«

»Wenn Sie es darauf ankommen lassen wollen«, sagte Nathan stoisch, zuckte mit den Schultern, nahm seinen Schulranzen und ging zur Tür.

»Wohin gehst du? Ich will mit dir nach der Stunde zum Direktor. Das ist Brandstiftung. Gib mir das Feuerzeug!«, brüllte Maaysen. Seine Wangen wurden so knallrot, wie jedes Mal, wenn er einen Wutanfall bekam. Sie gaben ihm das Aussehen eines Milchbubis aus einer Zwiebackwerbung. Darüber machten wir Schüler uns häufig hinter seinem Rücken lustig.

»Ich nehme mir frei für heute. Das ist mir zu bescheuert«, sagte Nathan und verschwand durch die Tür. Herr Maaysen sah ihm wie paralysiert hinterher, dann wirbelte er schlagartig herum und schrie uns an:

»Was glotzt ihr so? Diktat! Sofort und auf Note! Die nächsten zwei Stunden und wehe jemand sagt auch nur ein Wort, der sitzt am Wochenende nach!«

Wir hassten Nathan in diesen Stunden der stillen Qualen, die er uns bereitet hatte, aber als wir am nächsten Morgen in die Schule kamen, war das alles schnell wieder vergeben.

Ich kann mich noch bildhaft daran erinnern. Bereits vom Weiten konnte ich die kleine Gestalt sehen, die nackt, bis auf die Eierzwicker-Unterhose, auf dem Dach der Schule auf und ab sprang und brüllte. Neben ihr stand ein Fiat Punto. Es war Herr Maaysen.

Er wollte hinunter, aber von der bunten Schülermasse unten erhielt er nichts als spöttisches Gelächter.

Die Leiter zum Dach fehlte und als die Feuerwehr endlich Herrn Massen mit einem Kran aus seiner Pein befreite, war er so durchgefroren, dass er die nächsten drei Wochen im Bett verbringen musste. Bis sein Auto vom Schuldach verschwand, dauerte es fast genauso lange und benötigte wieder die Hilfe der Feuerwehr.

Alle wussten, dass Nathan, der in einiger Entfernung grinsend auf einer Bank saß und einen Joint rauchte, der Verantwortliche war, aber nicht einmal die Polizei konnte seine Schuld beweisen, noch konnte sie herausfinden, wie das Auto samt Herr Maaysen, der einen Filmriss hatte, auf das Dach gelangt war.

Seitdem bekam Nathan keine schlechtere Note mehr als eine Zwei.  Sogar das Verbrennen der Schulaufgabe hatte keine Konsequenzen für ihn, im Gegensatz zu Herrn Maaysen. Dieser war wie verwandelt nach seiner Rückkehr. Er wurde sogar ein ängstlicher und zuvorkommender Lehrer, der immer zitterte, sobald Nathan das Wort erhob. Es war fast schon schade, als er am Ende des Schuljahres kündigte.

Als Held feierten wir Nathan trotzdem nicht. Er blieb der verschrobene Außenseiter. Wir machten einen großen Bogen um ihn. Nathan ging seinerseits auch uns aus dem Weg.

Er war ein notorischer Schulschwänzer und wenn er mal auftauchte, wirkte er selten nüchtern, noch an uns Mitschülern interessiert. Man sah ihn oft in Büchern vertieft, die für uns so kryptische Titel trugen, wie »Das Sein und das Nichts«, »Entweder – Oder«, »Also sprach Zarathustra«, »Warum Krieg?« oder »Naked Lunch«.

Seine Zeugnisse gehörten, trotz seiner notorischen Abwesenheit und Auflehnung, soweit ich weiß zu besten der Schule. Er galt als hochintelligent, auch wenn weder Schulpsychologen noch Pädagogen ihn dazu bringen konnten, sich entsprechend zu verhalten.

Er besaß eine befremdliche Aura, als wäre er nicht von dieser Welt, wie ein Prophet. Und er wusste über Dinge Bescheid, die kaum einer von uns verstand, egal ob es um Quantenphysik oder Psychologie ging, und diskutierte sie bei Gelegenheit oft breit mit unseren Lehrern aus, bis sie vor ihm kapitulierten. Nicht selten vollführte er auch merkwürdige Tricks und Wunder, wie den Streich an Herrn Maaysen, die sich nicht mit Logik und Physik allein erklären ließen.

Manchmal habe ich das Gefühl, er wäre ein Messias gewesen, der von Alpha Centauri entsandt worden war, um die menschliche Rasse zu bekehren, aber dann beim Anblick ihrer Dummheit resigniert hatte.

Er hatte aber auch mehr mit einem Dämon, als mit einem Menschen gemein. Ich hatte, um ehrlich zu sein, Angst vor ihm. Ich hatte ja auch allen Grund dazu, wenn man bedenkt, wie es Herr Maaysen ergangen war und wie launisch Nathan zu sein schien.

Ich war zwei Jahre lang mit ihm in einer Klasse und schaffte es ihm die ganze Zeit aus dem Weg zu gehen. Wahrscheinlich hätte ich nie ein Wort mit ihm gewechselt, wenn nicht die Berlinklassenfahrt am Ende des zweiten, gemeinsamen Schuljahres gewesen wäre.

Man teilte mich mit ihm, Luis und dem zweiten Klassensonderling Jakob in ein Zimmer ein, weil Luis und ich es nicht mehr schafften in einem anderen Zimmer unterzukommen.

Nun gab es kein Entkommen mehr vor dieser merkwürdigen Kreatur. Ich machte mich auf alles gefasst, von wilden Drogenorgien in unserem Zimmer bis hin zu Polizeieinsätzen und üblen Streichen. Bald merkte ich aber, dass meine Angst vor ihm großteils unbegründet war. Er war mir gegenüber gleichgültig, vergrub sein Gesicht in Büchern, rauchte Joints, oder verschwand für mehrere Stunden spurlos. Er schien kein Interesse an mir zu hegen, und auch nicht daran, uns Schwierigkeiten zu machen. Bald entspannte ich mich in seiner Nähe.

Es war schließlich die Abschlussfahrt der 10ten Klasse, die letzte Woche vor den Sommerferien, nach denen mit der Oberstufe und dem Abitur der Ernst des Lebens auf uns mit aller Kraft eindreschen sollte. Keiner von uns wollte Stress; ich schon gar nicht.

 

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