Ankündigung: Neue Anthologie „Wenn Soziopathen träumen“

Am 24. Juli 2017 erscheint meine dritte Anthologie „Wenn Soziopathen träumen„, und ähnlich wie in Wahnsinn und Wahn, wird dieses Buch wieder eine Sammlung von obskuren, gruseligen und verstörenden Geschichten enthalten. Allerdings sind diesmal die Geschichten etwas anders, schließlich habe ich mich in der Zwischenzeit als Schriftsteller weiterentwickelt und mich von der klassischen Horrorliteratur etwas entfernt und mehr den surrealistischen und psychedelischen Texten zugewandt, wie mein vorletzter Roman Crackrauchende Hühner wohl am meisten verdeutlicht. Und es gibt eine weitere Neuerung, denn das erste Mal wird ein Buch von mir Illustrationen beinhalten. Meine Freundin, die Künstlerin Vivienne Feiler, hat für das Buch 13 verstörende Zeichnungen angefertigt, für jeden Texte eine.

Insgesamt wird die Anthologie 172 Seiten haben mit 13 Texten, davon zwei Novellen, neun Kurzgeschichten, ein surrealistisches Gedicht und ein abgefucktes Lexikon, zum nachschlagen unbekannter Begriffe. Eine der beiden Novellen erzählt die Lebensgeschichte des Magiers Mos Valamor, einem Charakter in meinen beiden Elirium-Saga Romanen.

Für die Veröffentlichung sind Gewinnspiele, Kooperationen mit Bloggern, Interviews und weitere Aktionen und Events geplant. Infos dazu werden zeitnah auf meinem Blog und in den Sozialen Netzwerken, insbesondere auf Instagram, wo ich am aktivsten bin, verkündet. Vorbestellungen können bei mir via Mail an autor@leveret-pale.de getätigt werden. Bezahlung ist via PayPal und Überweisung möglich. Alle Vorbestellungen werden von der Illustratorin und mir, dem Autor, exklusiv signiert und erhalten auf Wunsch eine persönliche Widmung von mir. Der Preis für ein Taschenbuchexemplar liegt bei 9,99€. Da ich allerdings in der letzten Juliwoche auf Studienreise in Weimar bin, werden die Vorbestellungen erst am ersten August verschickt. Trotzdem erhalten die Vorbesteller die Bücher höchstwahrscheinlich früher, als die regulären Käufer, da erfahrungsgemäß die meisten Buchhändler, und auch Amazon, das Buch erst nach einer Woche, also ab Anfang August auf Lager haben werden.

Fotos vom Testdruck: https://www.instagram.com/p/BWAP-ysDJ8K/

Coverentwurf für die Anthologie




Paranoia(4): Das Monster zeigt sein wahres Gesicht

Es kreischte. Ich rannte weg, hörte hinter mir das Schnaufen der lodernden Nüster und das Kratzen der Krallen. Es kam immer näher, holte mich ein. Ich stolperte über Wurzeln durch den nebelverhangenen Wald, während ich den glühenden Atem in meinem Rücken spüren konnte. Es griff nach mir. Ich schrie und fiel hin. Der Boden gab unter mir nach, wie schwarzer Pudding und schreiend versank ich in der Finsternis.

Keuchend und zitternd richtete ich mich in meinem Bett auf. Um mich herum Schwärze. Kalter Angstschweiß tränkte Laken und Decke. Ich konnte Es noch immer wahrnehmen. Panisch tastete ich nach dem Lichtschalter meiner Nachttischlampe. Das Licht ging an, die Dämonen zogen sich mit stummen Schreien in die Schatten zurück und ich griff nach der Axt neben meinem Bett. Meine Brust bebte, als ich mit meinen abgemagerten Armen die schwere Waffe hob. Ich konnte spüren, dass Es noch da war. Ich drehte mich langsam um, aber da war nur die Wand. Ich wirbelte herum, mein Zimmer war noch immer ins bedrohliche Halbdunkle getaucht. Ich wagte es nicht auch nur zu blinzeln, denn ich wusste, dass der kleinste Fehler mein letzter sein könnte. Und dann hörte ich Sie. Sie flüstert meinen Namen.
Ein Schauder rieselte wie schmelzender Schnee über meinen Rücken. »Wer… Wer ist da?«, stammelte ich. Mein Herz klopfte panisch in meiner Brust wie ein lebendig Vergrabener ins seinem Sarg. Ich sprang aus dem Bett und schwang die Axt. »Wer ist da?«, brüllte ich mit angsterfüllter Stimme.
Sie flüsterte meinen Namen und kicherte.
»Verschwinde«, sagte ich, aber aus meinem verengten Hals kam nicht mehr als ein furchtsames Krächzen. Schweiß rann an meinem ganzen Körper hinab und alles begann sich zu drehen, zu tanzen wie ein Jahrmarktkarussell, aber zugleich verschwand Es. Erleichtert seufzte ich auf, die Sicht stabilisierte sich. Die Tür wurde aufgerissen. Ich kreischte und schwang die Axt durch die Luft.
»Was zur Hölle machst du da?«, fragte mich meine Mutter, die im Türrahmen stand. Ich ließ die Axt sinken, atmete schwer:
»Ich… Ich…. also. hatte… einen Albtraum. Sorry«
»Aha«, sagte sie und zeigte auf die Axt. Sie öffnete den Mund, doch bevor sie etwas sagen konnte, kam ich ihr zuvor:
»Kannst du bitte gehen. Ich will jetzt schlafen«, sagte ich mit ungewollter Intensität und Wut.
»Okay. Gute Nacht. Wenn du aber Probleme hast, dann können wir…«
»Gute Nacht«, schnauzte ich und drängte sie aus dem Zimmer.
Als sie draußen war, verbarrikadierte ich die Tür von innen mit einem Stuhl. Dann knipste ich die Deckenlampe an und durchsuchte das Zimmer, verschob Schränke und durchwühlte Klamotten. Egal wie lange ich suchte, ich konnte das Audiogerät nicht finden mit dem meine Mutter die Stimme abgespielt hatte. Ich war mir mittlerweile ziemlich sicher, dass meine Familie mich wahnsinnig machen wollte, damit sie mich, den Scheißjunkie und Troubleboy, loswerden konnten. Dazu versetzten sie das Wasser im Restaurant mit NBOMEs, spielten Tonbänder mit Stimmen ab und hatten mich bei der Polizei angezeigt, damit die Zivis mich paranoid machten. Das würde ich mir aber nicht gefallen lassen und durch meine umsichtige Selbstversorgung hatte ich ihnen bereits einen ordentlichen Strich durch die Rechnung gemacht.
»Nur weiter so und die Wichser geben bald auf«, murmelte ich zu mir selbst, als ich gerade eine weitere Schublade ausleerte. Nichts. Ich fand das Tongerät am Ende nicht und gab auf. Ich legte mich wieder in mein Bett, um etwas zu schlafen, aber sobald ich die Augen schloss, hatte ich das Gefühl, dass eine Präsenz versuchte sich in mein Zimmer zu schleichen. Ich riss die Augen wieder auf, spürte, dass etwas sich auf mich stürzen wollte und knipste noch rechtzeitig das Licht an. Die Finsternis und mit ihr das Gefühl der Bedrohung, verschwanden. Bis zum Morgen saß ich in meinem Bett, schwitzend und die Axt fest umklammert. Erst als die Sonne aufgegangen war, verschwand das Gefühl der Bedrohung und ich nickte erschöpft ein.
Am Abend verließ ich das Zimmer nur einmal, um mir mehr Wasser zu besorgen und einen Eimer zum reinscheißen. Mittlerweile hatte meine verfluchte Familie überall im Haus Tonbänder versteckt, denn ich konnte immer wieder die Frauenstimme hören. Sie hatte etwas Erotisches an sich, aber ich ignorierte es.
Damit würden sie mich nicht drankriegen. Als dann aber sogar im Radio der Moderator anfing über mich zu reden, rastete ich fast aus und zerschnitt das Stromkabel. Selbst die Öffentlichkeit hatte meine Familie auf ihre Seite gezogen. Alle sprachen hinter vorgehaltenen Händen über mich, dass ich Drogen nehmen, durchdrehen und Stimmen hören würde. Bullshit. Ich ging in mein Zimmer und nagelte die Tür von innen zu. Scheiß Wichser, ab jetzt hatte ich alle Karten in der Hand, war in Sicherheit – hoffte ich.

Die Nacht verbrachte ich unruhig mit der Axt durchs Zimmer streifend. Immer wieder fielen mir die Augen zu und dann ergriff mich eine unerträgliche Panik. Mittlerweile hatte die Stimme der Frau an Intensität zugenommen und sie sprach von anzüglichen Dingen, aber ich war zu erschöpft um zuzuhören. Meine Beine waren dünn, die Haut hing schlaff von ihnen herab. Ich schwitzte und hatte Mühe die Axt zu halten, aber die Angst vor Es war größer, als meine körperliche Schwäche. Irgendwann gegen Morgengrauen, setzte ich mich vor das Fenster. Immer wieder hörte ich Geräusche hinter mir und drehte mich um, aber da war nichts. Als die ersten Sonnenstrahlen sich über den Horizont erhoben, hörte ich einen Wagen näherkommen und Stimmen.
Kurz darauf hielt ein großes gepanzertes Fahrzeug vor unserem Haus. Vermummte Kämpfer mit Maschinenpistolen und Polizeiabzeichen begleitet von Zivis sprangen heraus. Mein Herz begann zu rasen. Nein. Die Bullen hatten beschlossen zum finalen Schlag auszuholen, mich wegen dem Salvia Divinorum, welches sie aus der Post abgefangen hatten, ins Gefängnis zu stecken. Meine Mutter kam aus dem Haus und sprach mit den Polizisten, die kurz darauf unter mir in der Haustür verschwanden. Ich schrie und zeterte, schlug mit der Faust gegen die Wand. Verfluchte Wichser! Lebend würden die mich nicht kriegen. Ich erhob mich und nahm die Axt. Meine Sicht schwankte, die Wände waberten, meine Augen fielen immer wieder zu und ich spürte ein Ziehen in meinem Kopf, aber zeitgleich raste mein Herz. Kampfbereit positionierte ich mich vor der Tür.
Es klopfte.
»Kommen Sie heraus«, brüllte ein Polizist auf der anderen Seite. Ich schwieg. Ich war zu müde und jede Antwort wäre sowieso nur ein gefundenes Fressen für die Anklage.
»Wir kommen jetzt herein«, rief die Stimme. Es rüttelte an der Tür.
»Er hat sie von Innen zugenagelt«, hörte ich meine Mutter flüstern. Verfluchte Verräterin. Ich biss mir auf die Lippen bis ich Blut schmeckte.
»Scheiße, das ist ernst. Da haben wir keine andere Wahl«
Die Tür erzitterte unter einem Schlag. Meine degenerierten Muskeln zuckten unwillkürlich. Ich fühlte mich, als würde ich auf einer Wolke stehen, die sich jeden Augenblick auflösen könnte. Noch ein Schlag oder Tritt. Das Holz ächzte. Ich konnte sehen, wie sich die Nägel an der Tür langsam herausschoben, wie ausgedrückte Mitesser. Die Tür wurde von einer weiteren Erschütterung erfasst. Nägel sprangen zu Boden, mein Kiefer verkrampfte sich. Mit einem lauten Krachen zersplitterte die Tür.
Ein halbes Dutzend Polizisten in Kampfmonturen stürzten sich mit bloßen Händen auf mich. Ich riss schreiend die Axt in die Höhe und ließ sie niedersausen. Sie verfehlte einen Cop nur knapp, der sich wegduckte. Bevor ich den Fehler korrigieren konnte, sprang von der anderen Seite einer auf mich und riss uns beide zu Boden. Die Axt flog weg und ich schrie, während zwei weitere Cops mich packten und hochzogen. Ich strampelte mit den Beinen und kreischte, als ein dritter sein Messer zog und auf mich zuging. Die Klinge versank in meinem Bauch. Ich brüllte vor Schmerzen, dann zog der Cop das Messer heraus und es begann zu schmelzen. Ich verstummte erstaunt. Es wurde zu einer Spritze. Die Uniformen der Cops schmolzen zu weißen Sanitätermonturen. Verwirrt sah ich mich um, spürte wie müde ich war. Meine Gliedmaßen erschlafften, die Gedanken versanken unter einer dicken Decke aus Watte. Man schleppte mich die Treppe runter und hievte meinen schweren Körper auf eine Bahre. Meine Mutter kam zu mir und ergriff meine Hand. Sie weinte.
Ich sah zu ihr auf und murmelte: »Das Salvia… das tut mir leid… Dafür werde ich ins Gefängnis kommen.«
»Keine Sorge, das wird nicht passieren.«
»Warum sollten sie mich sonst mitnehmen?«
»Weil du Hilfe brauchst. Das… Das Salvia habe ich vor drei Wochen in der Post gefunden und weggeworfen. Du hättest uns erzählen können, dass du ein Drogenpro…« Weiter kam sie nicht. Ich lachte wie Irre. Das scheiß Salvia war gar nicht von der Polizei beschlagnahmt worden? Es war… es war die ganze Zeit von meiner Mutter abgefangen und entsorgt gewesen? Ich hatte mich unnötig gestresst. All die Sorgen vor den Zivis waren unbegründet, sinnlos wie der ganze Wahn. Ich lachte und lachte und begann unkontrolliert mit den Armen um mich zu schlagen. Ich konnte einfach nicht mehr. Das war zu komisch, zu abgefuckt. All der Stress und die Verzweiflung explodierten aus mir heraus im wahnhaften und sinnlosen Gelächter. Ich lachte noch immer lauthals und stammelte: »abgefangen… es war die ganze Zeit abgefangen… mein… Hirn ist gefickt… hahaha abgefangen, dass Salvia, die Zivis… meine Mam«, als man mich in den Krankenwagen schob und jemand sagte: »Mehr Diazepam. Der Typ dreht komplett durch«. Kurz darauf sank ein dunkler Schleier über die Welt und ich schlief ein, starb?




Paranoia(3): Hunger

Es waren Pollen in der Luft und mir tränten die Augen, juckte die Haut und ich hatte überall Ausschläge. Es ist scheiße Allergiker zu sein. Das Immunsystem hat einfach einen paranoiden Knall, greift harmlose Proteine an, die es für feindlich hält und zerstört dabei den Körper mit Stresshormonen und Histamin. Gegen die Histaminausschüttung, die für den Juckreiz und die Schwellugen ursächlich ist, kann man Antihistaminika nehmen. Zum Beispiel Cetirizin. Mein Begleiter im Frühling und Sommer seit Kindheitstagen. Ich ging in die Küche und nahm eine Schachtel des Wundermittels aus dem Arzneimittelschrank. Ich drückte aus dem Blister eine Tablette auf meine Handfläche und wandte mich dem Waschbecken zu, um mir ein Glas Wasser einzuschenken. Plötzlich erstarrte ich wie vom Blitz getroffen. Was waren eigentlich die Nebenwirkungen bei Cetirizin? Ich suchte den Beipackzettel. Sehr selten rief das Mittel allergische Reaktionen hervor.
Ich spürte, wie meine Poren Schweiß aussonderten und meine Lungen verkrampften. Was, wenn ich allergisch darauf reagierte? Stark allergisch? So dass ich einen anaphylaktischen Schock erlitt und starb? Ich hatte das Mittel zwar bereits hunderte Male genommen, aber Allergien konnten sich auch spontan entwickeln und dann würde ich sterben. Ich konnte mich selbst vor meinem inneren Augen sehen, wie ich mit geschwollenem Hals zuckend am Boden erstickte. Tod durch Allergie auf ein Antiallergikum. Ich warf die Tablette in den Müll. Tief durchatmend stolperte ich davon. Gerade noch war ich dem Tod entronnen. Glaubte ich zumindest.

Eines Abends gab es Tortillas zu essen. Meine Leibspeise bis zu diesem Tag. Ich zerschnitt eine Tortilla mit Messer und Gabel, während meine Eltern und Geschwister sich die Tortillas mit den Händen in den Mund schoben.
»Warum isst du nicht mit den Händen?«, fragte mich einer meiner Brüder verwundert.
»Wegen dem Dreck an den Fingern… Krankheiten und so…«, murmelte ich und er nickte verwirrt, bevor er sich von mir abwandte. Ich war für meine Familie schon immer ein Sonderling mit komischen Macken gewesen, also verwunderte meine neue Essgewohnheit keinen. Ich kaute gerade genüsslich meinen dritten oder vierten Bissen, als ein Gedanke in meinen Kopf schoss. Was wenn der Fladen abgelaufen war oder doch nicht aus purem Mais bestand, schließlich war ich auf Weizen allergisch? Mein Kiefer erstarrte und mir wurde übel. Ich nuschelte etwas und stand auf.
In der Küche spuckte ich den Speisebrei aus meinem Mund in den Biomüll und begann den Plastikmüll zu durchwühlen. Ich fand die Tortillapackung und erblasste. Sie war vor neun Tagen abgelaufen. Mit zittrigen Fingern drehte ich sie um. Weizenmehl (20%) stand fettgedruckt bei den Zutaten. Ich ließ die Packung fallen und stürzte schreiend ins Bad. Meine Familie rief mir verwundert hinterher. Ich fiel auf die Knie und rammte mir die Hände in den Rachen. Immer und immer wieder, bis sich mein schmerzender und malträtierter Verdauungsapparat aufbäumte und ich die paar wenigen Bissen erbrach. Ich weinte.
»Was ist…«, hörte ich die besorgte Stimme meiner Mutter.
»Was ist?«, brüllte ich und der Tränenschleier vor meinen Augen bebte. »Du hättest mich fast umgebracht! Die Tortillas enthalten Weizen und sind abgelaufen«
Meine Mutter sah mich an, als hätte ich den Verstand verloren. »Du hast die immer gegessen. Das bisschen hat dir nie geschadet und ein paar Tage…«
»Ich bin allergisch und es sind neun Tage! Ich werde sterben! Ruft den Krankenwagen!«
Kreischend stürzte ich ins Wohnzimmer zum Telefonhörer, um den Notruf zu wählen. Mein Bruder stellte sich mir in den Weg. Meine Eltern schickten mich aufs Zimmer, wo ich weinend auf meinen Tod wartete – der nicht eintrat. Seit dem Tag an kochte ich für mich selber.

Ich nahm ein Glas aus dem Schrank und wollte Wasser einfüllen, als ich etwas sah, was mich innehalten ließ. Am Boden des Glases war eine halbdurchsichtige Schicht. Kalk? Vielleicht aber auch getrocknetes Spülmittel? Ich stellte das Glas weg, um direkt aus dem Hahn zu trinken. Mein Herz stockte. Am Filter des Hahns war ein großer weißer Klumpen mit einem Gelbstich. Schimmel? Nein. Das war Kalk. Ganz normale Kalkablagerungen. Aber was für Krankheitserreger mochten darauf leben?
Ich ging zum Supermarkt Wasserflaschen kaufen.

Ich sah mir ein YouTube Videos an und aß dazu Chips mit einer Gabel aus der Tüte. Mit der Gabel, damit ich die Chips nicht mit meinen Fingern kontaminierte. Nach einiger Zeit hatte ich das Gefühl, dass die Chips merkwürdig schmeckten. Sie waren zwar noch lange haltbar, aber vielleicht verunreinigt oder so. Ich schmiss die halbe Packung weg und kotzte.

Am Mittwoch war ich mit meiner Mutter in der Stadt einkaufen. Immer wieder sah ich mich um. Ich spürte ein merkwürdiges Ziehen in meinem Kopf, als würde jemand versuchen meine Gedanken zu lesen. Die meiste Zeit des Einkaufes verbrachte ich dann damit möglichst kompliziert oder gar nicht zu denken, um die Gedankenleser zu verwirren.

Die Klospülung rauschte hinter mir und ich ging zurück in mein Zimmer. Ich setzte mich wieder an meinen PC und griff nach einer offenen Flasche, als mich ein fürchterlicher Gedanke ergriff.
Was, wenn irgendjemand LSD, NBOMEs oder Gift in mein Wasser getan hatte, während ich kaken war? Vielleicht mein Bruder? Vielleicht Tim? Ich konnte bereits vor meinem geistigen Auge sehen, wie ich auf einem Badtrip schreiend und kotzend elendig durchdrehen würde. Ich rümpfte die Nase, dann verschloss ich die Flasche, warf sie in den Mülleimer und öffnete eine neue. Ich trank und plötzlich hatte ich das Gefühl beobachtet zu werden. Ich stellte die Flasche ab und griff langsam unter dem Tisch nach dem Messer, welches ich dort befestigt hatte. Ich drehte mich wie zufällig um. Unsere Blicke trafen sich und ich knurrte wütend. Der Zivi auf dem Balkon gegenüber, mit seiner ah so coolen Sonnenbrille, gab wieder mal vor ein Sonnenbad zu nehmen. Ich ließ das Messer los und grinste. Keine Beweise mehr, außer das Salvia in der Post, aber deren Bestellung könnt ihr mir nicht nachweisen. Ich weiß zumindest wie man Bitcoins wäscht. Scheiß Bierprollos.
Ich ging zum Fenster und ließ die Rollladen für immer herunter. Ich hatte nichts zu verbergen, aber beschatten lassen musste ich mich auch nicht.

Das letzte Mal verließ ich das Haus zu einem gemeinsamen Familienfahrradtrip zu einem griechischen Restaurant ein paar Kilometer entfernt. Ich fühlte mich fiebrig und schwindelig, als würde ich gleich zusammenbrechen. Mein Herz raste wegen der Angst vorm Zusammenzubrechen und Schweiß rann in Strömen an mir herab. Die Sonne brannte gnadenlos. Meine Beine hatten wenig Kraft, weil ich seit längerem nicht mehr trainiert und mehrere Kilo Körpergewicht verloren hatte.
Ein paar Zivilcops kamen uns entgegen und einmal sah ich sogar einen Einsatzwagen am Straßenrand, aber ich behielt souveräne Ruhe und fuhr meiner Familie hinterher. Keuchend und schnaufend hielt ich irgendwie mit und war erleichtert, als wir endlich ankamen.
Wir setzten uns in den Biergarten. Überall waren Menschen, die ihre drecks Droge Ethanol tranken und ich könnte wetten, dass nicht wenige von Ihnen der Polizei nahestanden.
Der Kellner kam zu uns. Er grinste suspekt. Wir bestellten Getränke und nach einigem Zaudern entschied ich mich für Garnelen. Der Typ notierte sich alles, lächelte verschwörerisch und verschwand Richtung Küche. Meine Familie redete und redete, aber ich hörte nicht zu. Ich hatte das Gefühl zu ersticken und mir war ganz schummrig, während gleichzeitig mein Herz panisch gegen die Rippen pochte. Ich hielt die Augen geschlossen, versuchte ruhig zu atmen. Ich würde jeden Moment einen Schlaganfall oder Herzinfarkt bekommen, das spürte ich. Vielleicht war es sogar bereits passiert, aber daran konnte ich sowieso nichts ändern, also versuchte ich ruhig zu bleiben. Auf die Fragen meiner Familienmitglieder antwortete ich mit einem geknurrten: »Hab Kopfschmerzen… Jetzt nicht. In Ordnung«
Der Kellner brachte die Getränke. Er stellte ein Glas Mineralwasser vor mich. Kein Saft, schließlich könnte ich auf die Früchte darin allergisch reagieren, und mit Sprudel, der zumindest ein paar Bakterien abtötete.
Ich hatte Durst und merkte, dass ich komplett dehydriert war, aber ich musterte das Glas misstrauisch. War es sauber? Vielleicht hatten die Angestellten des Restaurants vergessen es richtig auszuspülen und es war noch mit Hepatitis kontaminierte Spucke eines anderen Gastes oder karzinogene Spülmittelrückstände darin? Oder? Ich sah misstrauisch in die Runde. Vielleicht war es vergiftet, aber selbst wenn, ich durfte mir nichts anmerken lassen. Ich griff nach dem Glas und nahm einen Schluck. Das Wasser rann meine verdorrte Kehle hinab. Es hatte einen bitteren Beigeschmack. Ganz schwach, aber ziemlich sicher da. Mein Kiefer verkrampfte sich. Ich stand auf und nuschelte etwas von Klo.
Mit schnellen Schritten bahnte ich mir meinen Weg zur Restauranttoilette. Ich versicherte mich allein zu sein und verriegelte die Tür hinter mir. Dann spuckte ich das Wasser aus meinen Mund ins Waschbecken. Ich atmete tief durch und strich mir die langgewordenen Haare aus dem Gesicht. Der Spiegel irritierte mich. Ich glaubte mich darin zu sehen, abgemagert und mit eingefallenen Wangen und dicken Augenringen. Ich war definitiv nicht gesund und das lag an den andauernden Vergiftungsversuchen und dem Stress, den die Überwachung durch Zivis mit sich bringt. Ich starrte mich selber genauer an, aber wenn ich versuchte Teile meines Gesichtes zu erfassen, verschwammen sie, schienen zu schwimmen und ihre Form zu ändern. Ich konnte nur eine Abstraktion meiner selbst erkennen. Meine Handflächen wurden feucht und ich musste einen Schrei unterdrücken. Das im Spiegel war kein Gesicht. Es war ein unförmiges Etwas, das mir Angst machte. Übelkeit und tiefer Ekel stiegen in mir auf. Ich stürzte aus der Toilette nach draußen, wo ich sofort mein Tempo bremste und langsam ging, um keine Aufmerksamkeit zu erregen – was zwecklos war. Ich konnte die Blicke aller spüren, als ich mich zu meinem Platz begab und mich setzte, als wäre nie etwas passiert. Als wäre nie etwas passiert! Als ob!
Das Essen war in der Zwischenzeit bereits gebracht worden. Ich sah zu meinen Familienmitgliedern auf und versuchte unauffällig ihre Gesichter zu studieren. Mein Herz machte einen Satz. Auch diese waren unförmig. Wenn ich kurz hinsah, erkannte ich die mir vertrauten Züge, doch, wenn ich sie genauer betrachtete, verschwammen sie. Ich starrte die Nase meines Bruders an. Sie atmete, wurde größer und wieder kleiner, verschwand und verschmolz mit seinem Gesicht. Sein Gesicht! Wie sah es überhaupt aus? Ich konnte es nicht erkennen. Ein Schüttelfrost überkam mich. Das unförmige Etwas sah auf, entdeckte mich: »Alles in Ordnung? Habe ich etwas im Gesicht?«, fragte mich eine weit entfernte Stimme, die in meinem Kopf widerhallte.
»Ja. Ja. Nein… Ähm… Ich habe nur vor mich hingestarrt.«, antwortete meine ferne Stimme, die mit dem allem überfordert war.
»Aha«, sagte das Etwas, sagte mein Bruder und widmete sich wieder dem Essen. Ich tat ihm gleich. Vor mir auf dem Teller lagen vier große Garnelen und ein kleiner Haufen Reis. Sie sahen merkwürdig aus. Ich war mir nicht sicher, aber ich glaubte einen leichten Gelbstich ausmachen zu können.
Zögerlich schnitt ich ein kleines Stück des weißen Fleisches heraus und schob es in den Mund. Kaute. Verzog das Gesicht. Es schmeckte… merkwürdig. Wie schmeckten normale Garnelen? Und reagierte ich auf Garnelen vielleicht allergisch? Tödlicher anaphylaktischer Schock, schoss mir durch den Kopf. Meerestiere waren von klein auf meine Leibspeise gewesen, aber ich war mir plötzlich nicht mehr ganz sicher und griff nach einer Serviette, drehte mich um und gab vor, mir die Nase zu putzen. Ich spuckte aus und hungerte bis zum Abend, wo ich Maiswaffeln und Vitamintabletten aß.




Paranoia (1): Der Trip

Das ist eine vierteilige Novelle, von der ich jede Woche eine Episode veröffentlichen werde. Die Handlung und die Charaktere sind fiktiv.

Man könnte die Anfänge und Ursachen bereits in meiner Kindheit oder in den vorhergegangenen,
experimentierfreudigen Monaten suchen, aber ich glaube, dass es an jenem heißen Julitag begann.
Die Sonne brannte vom wolkenlosen Himmel auf uns herab, der Schweiß tränkte mein T-Shirt.
»Also ich weiß nicht«, sagte ich.
»Ah komm, Alter, das wird schon nice«, erwiderte Tim.
»Das ist mir irgendwie zu sinnlos.«
»Alle außer uns werden saufen. Ich werde den scheiß Alk safe nicht anrühren – du sowieso nicht, aber wir können uns ja damit einstimmen und zugleich was Neues ausprobieren.«
Er zog das glänzende Tütchen hervor und wedelte damit vor meiner Nase herum, keine zwei Meter vor einer dicht befahrenen Kreuzung. Mein Herz machte einen Sprung.
»Pack das weg. Du kannst doch damit nicht in der Öffentlichkeit rumwedeln«, fuhr ich ihn wütend an.
»Ist doch sowieso legal«, maulte Tim.
»Und das weiß ja auch jeder in diesem alkoholistischen Scheißland, oder was? Die sehen nur zwei verschwitzte Teenager mit Sonnenbrillen, die Pillen aus einem bunten Tütchen schlucken. Ich habe keinen Bock auf Stress mit den Bierproleten von der Polizei oder irgendeinem Spießer.«
»Okay. Okay.«, lenkte er ein und steckte es weg. »Nimmst du es? Es wäre eine Pflanze mehr aus der Enzyklopädie zum Abhaken. Kanna.«
»Sceletium tortuosum. Genau. Aber es ist nicht nur das stark stimulierende Kanna. In den Pillen ist noch dieses Synephrin und Koffein. Und wir haben erst letzte Woche auf Holzrose und Weed getrippt. Wir haben uns nicht nur absolute Ethanolabstinenz, sondern auch 6-wöchige Konsumpausen zwischen den einzelnen Experimenten geschworen«
»Und wenn du dich einmal nicht daran hältst, geht die Welt unter oder was? Jetzt puss nicht rum. Du hast mir das Zeug ja sogar verkauft.«
Ich seufzte und wischte mir den Schweiß von der Stirn. Da hatte er recht. Ein Dealer, der den eigenen Stoff nicht nehmen wollte, war alles Mögliche, aber kein Qualitätsversprechen. »Okay. Ich bin dabei, aber nur, wenn wir es dort auf dem Klo nehmen, ich habe nämlich keinen Bock auf unnötige Aufmerksamkeit.« Ich zeigte auf die Rolltreppen zur U-Bahn.
»Was? Wie so scheiß Junkies auf dem Bahnhofsklo? Arm. Einfach nur eine arrrme Aktion.«
Ich stellte mich stur.

»Bei Leary, verdammt«, sagte Tim und rümpfte die Nase. »Hier stinkt es ja übelst«
Ich zuckte mit den Schultern. Es war eine Bahnhofstoilette. Es roch nach Pisse, schwarzer Dreck klebte in den Fugen der Kachelwände und -böden, eine Kabinentür war zerbrochen, Zeitungspapier fledderte herum und gleich neben der Tür war einer dieser schmuddeligen Sexspielzeug-und-Kondom-Automaten Ich sondierte die Lage. Kein Penner, den wir beim Schlafen störten, keine Junkies, die mit der Nadel im Arm sabbernd in der Ecke lagen.
Der Gestank hatte wohl alle potenziellen Bewohner verscheucht. »Die Luft ist rein«, sagte ich »gib her«.
Tim riss das silberne Tütchen mit dem buntem Logo auf und schüttete den Inhalt auf seine Handfläche aus. Vier große, braune Pillen. Jeder nahm zwei und spülte sie mit Mineralwasser runter. Ich schloss die Augen, spürte wie das Adrenalin heiß durch meine Adern schoss und mich zittrig machte, wie jedes Mal, wenn ich eine unbekannte Substanz zum ersten Mal konsumierte. Ich lächelte und sagte: »Ich muss pissen.«

Wir gingen über die Straße. Es war heiß. Ich schwitzte, ich schwitzte extrem und spürte ein Drücken auf meiner Brust. Ich hatte das unbestimmte Gefühl einen Fehler gemacht zu haben, aber noch konnte ich nicht genau den Finger darauf legen, was es war. Tims Stimme drang zu mir durch, aber ich hörte nicht zu, bis er geendet hatte und ich am Ton merkte, dass er mich etwas gefragt hatte.
»Was?«, fragte ich gedankenverloren.
»Ob alles mit dir in Ordnung ist? Du siehst ziemlich verstimmt aus«
»Ahso. Ne, alles gut.«, sagte ich und zwang mir ein breites Grinsen ab. Ich durfte mich nicht zu sehr auf die negativen Gedanken einlassen, sonst würde mein Set kippen und alles nur schlimmer werden. Ich gab mein Bestes die Zweifel zu unterdrücken, aber ich schwitzte in Strömen und spürte, wie mir immer heißer wurde. Ich nahm mein Handy heraus und googelte die Inhaltsstoffe des Legal Highs. Ich kannte sie zwar bereits auswendig, aber ich hatte plötzlich das dringende Verlangen zu überprüfen, ob ich nicht irgendetwas übersehen hatte. Enthalten war ein Extrakt der Sceletium tortuosum – Kanna, eine euphorisch und stark stimulierend wirkende Pflanze, von der Wirkung mit Kokain vergleichbar, Synephrin, ein Ephedrinersatz, welcher als Kreislaufstimulanz und Fatburner verwendet wird, und Unmengen an Koffein. Scheiße, dachte ich. Ich hatte sowieso schon gelegentlich Kreislaufprobleme und bei der Hitze Stimulanzien? Wo ich Upper ohnehin schlecht vertrage? Warum hatte ich mich dazu überreden lassen? Auf einmal war mir richtig schlecht. Mein ganzer Körper versteifte sich. Das Blut sackte in die Beine. Bevor ich weiterdenken konnte, riefen Stimmen unsere Namen. Ich sah auf und erkannte meine ehemaligen Klassenkameraden. Das würde ein schreckliches Grundschulklassentreffen sein. Ich begrüßte die Personen, die mich teilweise seit sechs Jahren nicht mehr gesehen hatten und nun erleben würden, wie ich austickte. Fucking Gonzo.

Wir gingen alle zusammen in den EDEKA an der Tierparkstraße. Mittlerweile waren wir zu zehnt, der Rest würde gleich eintreffen. Ich irrte nervös zwischen den Regalen umher und griff mir eine Milch – das beste natürliche Entgiftungsmittel, wenn ich Albert Hoffmanns Anekdote zu seinem ersten, ungewollten Trip auf Acid richtig in Erinnerung hatte.
Dazu noch eine Schachtel Müsli. Auf das geplante Grillen an der Isar hatte ich plötzlich keine Lust mehr.
Bei dem Anblick von Fleisch wurde mir übel, als müsste ich mich gleich übergeben. Schwitzend und schwer atmend stellte ich mich an der Kasse an. Ich wippte nervös und aufgekratzt auf meinen Fersen hin und her. Vor mir war eine ehemalige Klassenkameradin, die über irgendetwas aufgeregt und fröhlich schwafelte, aber ihre Worte drangen nicht durch das Gedankenchaos in meinen Verstand. Ich nickte stumm, meine Kehle fühlte sich wie zugeschnürt an. Plötzlich klatschte mir jemand auf die Schultern. Erschrocken wirbelte ich herum. Tim stand hinter mir. Er grinste und flüsterte: »Es flutet an. Geil, geil, geil. Spürst du es auch?« Ich nickte. Ich musste sofort weg, die scheiß Droge aus meinem Körper kriegen.

Während die anderen sich an einer Eisdiele anstellten und lachend Neuigkeiten austauschten, stürzte ich davon, um mir etwas abseits die Finger in den Rachen zu rammen. Mein Magen bäumte sich auf, weigerte sich, aber letztendlich schoss ein Strahl gallenbitterer Kotze vor meine Füße. Nicht viel. Ich hörte jemanden mich rufen. Vorerst hatte ich genug gekotzt. Ich wischte mir den Magensaft vom Mund, trank einen Schluck Milch hinterher und machte mich mit wackeligen Beinen auf den Weg zurück zur Gruppe. Ich lächelte und fühlte mich hinter meiner Sonnenbrille viel selbstbewusster. Dann spürte ich, wie die Wirkung stärker wurde, sich alles in meinem Kopf drehte und noch mehr Schweiß aus meinen Poren schoss. Mein Lächeln wurde schief, das eines Verdammten.

Als wir in der prallen Sonne die Thalkirchener Brücke überquerten, glaubte ich, an einem Hitzeschlag zu sterben. Mein Fleisch, die Luft und meine Augen glühten, meine Kehle fühlte sich trocken an. Ich hätte am liebsten geschrien.

Wir saßen auf Steinen am Ufer der Isar. Mein Herz lief unkontrolliert Amok und schlug wild gegen meine Brust. Still saß ich in der Runde, die sich um Einweggrille und Bierkästen versammelt hatte. Tim grinste wie ein Honigkuchenpferd. In meinem Magen grummelte es. Ich fasste mir an den Mund, sprang auf und lief zum Fluss und reiherte hinein. Ich wischte mir den Mund ab und begann nervös herumzulaufen. Mein Körper brannte, so heiß war er. Meine Shorts klebten mir an den Schenkeln. Scheiße. Ich zog mein Handy und googelte Substanzen, Tripberichte und Drogennotfälle, stolperte über das durch Stimulanzien kombiniert mit Monoaminoxidase-Hemmer verursachte tödliche Serotoninsyndrom. Hatte ich MAO Hemmer genommen? Passionsblumenkraut drei Tage zuvor, oder? Nein, das lag schon mehrere Monate zurück. Ich war mir plötzlich nicht mehr sicher. Meine Gedanken wirbelten, Erinnerungen und Befürchtungen, Ängste, Lügen und Wahrheiten verschmolzen miteinander. Wie lange wirkte das nach? War es ein reversibler oder irreversibler MAO-Hemmer? Der Schweiß verrann auf dem Display.

»Tim.«, flüsterte ich und hatte dabei das Gefühl zu ersticken. »Tim. Tim!«
Er saß mit dem Rücken zu mir in der Runde und hörte anscheinend zu, wie eins der Mädchen irgendetwas von ihrem Freund erzählte. »Tim!«, wimmerte ich verzweifelt und zupfte an seinem T-Shirt.
Er drehte sich zu mir um.
»Ich muss ins Krankenhaus. Mir ist richtig schlecht.«
Er lächelte und winkte ab. »Ah was. Chill mal«.
»Was ist mit ihm los?«, fragte ein Mädchen und sah mich besorgt an.
»Ah, der schiebt nur Paras, weil er auf nem Trip ist. Wird schon wieder.«
»Was? Ihr nehmt Drogen?« Unsere ehemaligen Klassenkameradinnen starrten uns entsetzt an, einer, Franz, lächelte wissend, ich taumelte davon und kotzte.

Ich war dabei zu sterben. Ich würde gleich an einem Serotoninsyndrom zugrunde gehen, sabbernd und bewusstlos. Ich lief im Kreis. Fraß mehr Müsli zur Beruhigung, bis ich nach der halben Packung bemerkte, dass es Haselnüsse enthielt. Ich reagiere allergisch auf Haselnüsse. Ich fing wieder an zu kotzen.

»Ich muss ins Krankenhaus… Bitte!«
»Ah was.«
»Im Ernst, ich krepiere.«
»Dann geh allein.«
»Ich habe Angst unterwegs zu kollabieren.«

Tim baute sich mit Franz einen Joint. Ich kotzte das halbe Ufer voll.
»Ich muss ins Krankenhaus«, schrie ich.
Tim lachte und zog am Joint.
Krankenhaus. Koffein. Die Welt drehte sich… und drehte sich und mein Herz setzte aus. Kotzen. Kotzen. Lachen. Grinsen… Tim raucht Joint… tototum.. Schweiß alles voller Schweiß. Pisse. meine Hände zitterten… Krankenhaus… muss… Kanna… Tim lacht… Kotzen..Serotoninsyndrom…MAO..Sterben… Mama… Hilf mir! Ich will nicht… tot… Zieh mal. SterbenTodKrankenhausDrogentodLeben ist finito. Ich hatte Angst. Die Erinnerungen sind nichts als ein verschwommener Schleier fiebriger Panik.

Die S-Bahn fuhr ratternd davon. Hauptbahnhof. Ich nippte vorsichtig an einer Flasche Wasser.
»Und? Fühlst du dich besser?«, fragte mich Tim.
Ich nickte. »Ja, aber ab jetzt halten wir uns an die Konsumpausen. Und keine Upper mehr.«
»Okay. Du hast übrigens noch immer Tellerpupillen.«
Ich lachte. Fünf Stunden zuvor hatte ich die Pillen geschluckt. Die S3 fuhr ein und wir erhoben uns.

Ich fühlte mich körperlich ausgelaugt, aber mein Geist war wachsam. Tim schlurfte auf dem Weg nach Hause schweigend neben mir her. Es war dunkel und ich sah mich dauernd um. Ich wurde das Gefühl nicht los, beobachtet zu werde. Es war niemand hinter uns. Meine Gedanken drifteten zu der Wahrsagersalbei bzw. Salvia divinorum. Die Lieferung aus der Niederlande hätte längst ankommen sollen. Vielleicht hatte der Zoll sie abgefangen? Vielleicht durchsuchten in diesem Moment Polizisten mein Zimmer, fanden meinen Vorrat an Drogen und meine Dealerutensilien. Panik stieg in mir auf.
Meine Brust verkrampfte sich und meine Hände wurden feucht. Eine unerträgliche Angst ergriff mich, je näher wir meinem Haus kamen. Jeden Moment würden Zivis mich ergreifen. Nichts geschah. Wir verabschiedeten uns. Ich sperrte auf. Es war dunkel, meine Familie schlief zum Glück bereits. Erschöpft brach ich auf meinem Bett zusammen.

[Fortsetzung folgt]

Diese und weitere Geschichten findest du in diesem Buch: http://amzn.to/2fWoeKI

Hier geht es zu Teil 2 ==> Paranoia (2)