Eine Kritik des postmodernen Denkens

Überlegungen zu einer potentiell ungesunden Entwicklung
Um ein glückliches und als sinnvoll wahrgenommenes Leben führen und ein starkes Terror-Management und Selbstbewusstsein entwickeln zu können, brauchen Individuen ein stabiles Werte- und Symbolsystem, an dem sie sich selbst bewerten, identifizieren, orientieren und an dem sie wachsen können. Das postmoderne Denken zerstört allerdings solche Werte und verhindert die Entstehung von neuen Werten, was zu einer gefährlichen Entwicklung führen könnte.

Die Wurzeln des postmodernen Denkens
In den vergangenen Jahrtausenden haben in der westlichen Welt Ideologien wie Religionen und gesellschaftliche Konventionen und Überzeugungen den Individuen solche Werte dogmatisch vermittelt, oft zugunsten der herrschenden Gesellschaftsschichten.
Seit dem Beginn der Aufklärung haben aufklärerische und skeptizistische Bewegungen versucht diese Unterdrückung durch Rationalismus aufzubrechen & zu widerlegen, und ebneten so den Pfad zur Französischen Revolution. Diese markierte den Beginn der Moderne, die ihre eigene Wert-Konstrukte, namentlich den Idealismus, den Glauben an den Fortschritt, die Rationalität, die Individualität und die Aufklärung und den Historismus mit sich brachte.
Allerdings waren die skeptizistischen und relativistischen philosophischen Überlegungen, der technologische Wandel und ihre eigenen Versprechen neuer Werte, die die Moderne ermöglichte, auch diejenigen, die sich bald gegen sie wendeten. Durch die Entwertung der Religionen verloren die Menschen die Orientierung im Leben, gleichzeitig kam es zu einer Umwälzung der alten Ständesystem. Diese gesellschaftliche existenzialistische Krise führte zu existentialistischen Krankheiten. Derer kennt man drei: Nihilismus, Dahinvegetieren und Kreuzrittertum.
Der schwierigen Umständen entsprechend, konnten sich die meisten Menschen der ersten beiden nicht lange widmen, sodass die dritte, also Kreuzrittertum, das Stürzen auf neue, amoralische Werte und das radikale Einsetzen und Aufopfern für eine „höhere“ Sache, sich epidemisch ausbreitete. (Dies wurde auch durch die Nihilisten verstärkt, die sich vor allem in der Kunst und Literatur niederschlugen und vor allem in der Strömung des Dadaismus ein Sprechrohr fanden.) Die Leute sehnten sich nach einem totalitären Weltbild, welches ihn einen neuen Sinn und Platz in der Welt geben konnte. Dies führte zu der Entstehung von kollektivistischen Ideologien wie Nationalismus und Kommunismus, die die Werte und Erkenntnisse der Moderne korrumpierten und instrumentalisierten. Mit dem Ausbruch der beiden Weltkriege und den ideologischen Verwerfungen, gesellschaftlichen Dekonstruktionen und dem Niedergang des Idealismus, ging die Moderne unter, und aus ihr ging die von Poststrukturalismus, Existenzialismus und Dekonstruktionsmus geprägte Postmoderne hervor, die sich nun fast zyklisch wie die Moderne einem ähnlichen Ende neigt. Sie war und ist geprägt von großen gesellschaftlichen Umwälzungen und Entwertungen. Konventionen und Repressionen wurden dekonstruiert, die kollektivistischen Hassideologien nach dem Fall des eisernen Vorhangs für einige Jahrzehnte weitestgehend überwunden, und das Individuum ist in der ersten Welt so frei wie noch nie.
Die Menschen der Postmoderne sehen auf die Schrecken der Vergangenheit zurück, und sehen sich mit Problemen neuer Art konfrontiert, die sich auf den höchsten Ebenen der Maslowpyramide abspielen. Jeder möchte sich selbst entfallen können. Jeder bekommt erzählt, er wäre einzigartig und besonders und möchte entsprechend leben. Jeder will das Recht auf seine eigene Meinung haben. Jeder kann sich über das Internet selber und ungefiltert alle möglichen Ideen und Konzepte holen. Und das führt nicht nur zu positiven Effekten.

Das Problem
Radikale Dekonstruktion, wie sie von den Vertretern der Postmoderne vorangetrieben wurde, führt nicht nur zu Befreiung von Dogmen und starren Konventionen und Freiheit. Auf Dauer führt sie bei maßloser Anwendung ins Nichts, in Nihilismus, greift Wissenschaft und Logik, Identität und Rationalismus an, und macht somit eine Gesellschaft unmenschlich, ziel- und inhaltslos und damit letztendlich nicht mehr lebensfähig. Der wertloseste Wert, der von Nietzsche bereits für den Niedergang der Moderne angekündigte Verlust der Wahrheit „Nicht ist wahr, alles ist erlaubt.“ tritt wieder wie vor den Weltkriegen stärker ein und zersetzt mehr als je zuvor Gesellschaft, Politik und Philosophie.

Die individuelle Freiheit bringt nämlich auch Verantwortung mit sich; und immer weniger Menschen sind gewillt diese Verantwortung anzuerkennen und zu übernehmen, sondern lassen sich von ihren Trieben leiten und versinken in Konformität des Konsums und der schnellen Befriedigungen, dabei den Nihilismus als Rechtfertigung für amoralischen Handeln hochhaltend. Hedonismus und Faulheit werden gerechtfertigt mit dem Motto You only live once – das ist wahr, allerdings ist die schnellste und spaßigste Herangehensweise an das Leben nicht immer die beste und die, die langfristig zu Glück und Eudaimonia führt.
Die sexuelle Befreiung und der Postfeminismus haben beispielsweise dazu beigetragen, dass die Menschen der Industrienationen so frei sind ihre sexuelle Identität und Partner zu wählen, wie noch nie, doch dadurch wurden nicht nur irrationale patriarchalische Wertesysteme weitestgehen umgewandelt und Freiheit generiert, sondern auch Freiheit und Sicherheit genommen. Die Postmoderne hat auch das monogame Lebensmodell angegriffen und zusammen mit den technologischen Neuerungen, zu der leichteren Verfügbarkeit von Sex, Pornographie, Datingseiten, Tinder und Affärenvermittlungsdiensten beigetragen. Es ist einfacher den je Sex zu haben. Und doch sind die Menschen, was ihre Liebesleben angeht, immer unglücklicher. Die Anzahl an Menschen im Alter zwischen 18 und 29, die Single sind, ist allein zwischen 2005 und 2014 von 52% auf 64% gestiegen; während die Anzahl der Ehen sich fast halbiert hat. Die Menschen leben immer häufiger alleine und sind immer seltener in Beziehungen, sehnen sich Umfragen folgend aber genauso so sehr wie die Generationen vor ihnen nach Liebe, Intimität und einem Lebenspartner, teilweise hat sogar die Sehnsucht nach romantischen Beziehung angefeuert durch Idealisierung in Filmen und Romane Hochkonjunktur, was stark der einsamen Realität widerspricht.
Viele Menschen wollen eine Beziehung haben, sind allerdings nicht mehr gewillt die Zeit und die Energie und die entsprechende Verantwortung, die dabei mitentsteht aufzunehmen und gehen stattdessen schnellerer Triebbefriedigung durch Pornographie oder Tinder nach, wodurch sie letztendlich allerdings noch mehr vereinsamen und auch keine Beziehung knüpfen, sondern sich stattdessen oft nur emotional selbst verletzten.
Diese Isolierung wird durch den Druck der individualistischen Leistungsgesellschaft und dem breiten Angebot unsozialer Unterhaltungsmedien (Netflix usw.) vorangetrieben.
In der gleichen Zeit breiten sich soziale Isolation und damit psychische Krankheiten, vor allem Angststörungen und Depressionen, epidemische in der postmodernen Gesellschaft aus – allein von 1985 bis 2004 hat sich die Anzahl der Menschen, die sagen, sie hätten niemanden, mit dem sie ernsthafte Probleme besprechen könnten, verdreifacht – was ironisch ist, wenn man bedenkt, dass Bevölkerung immer größer wird und so auch die Peergroups größer sein müssten.
Und die Entwertung greift nicht nur die privaten Leben der Menschen enorm an, sondern auch die Politik der großen Industrienationen; da die Postmoderne auch einen gefährlichen Relativismus und damit eine Toleranz gegenüber Unwahrheiten mit sich gebracht hat, wodurch persönliche, subjektive Falschmeldung (Fake News) und Verschwörungstheorien aufblühen. Der postmoderne Mensch kann aus zigmillionen von Weltbildern auswählen. Er kann an Buddhismus, Christentum, gar nichts, den Islam, die Wissenschaft, New Age Esoterik oder sonst irgendetwas glauben und wird von allen möglichen Seiten mit verschiedenen Optionen belagert, gleichzeitig greifen verschieden subversive, poststrukturalistische Bewegungen selbst biologische Wahrheiten wie Geschlechter oder physikalische Grundsätze oder wissenschaftliche Erkenntnisse wie den Klimawandel an, um sie für nichtig zu erklären, oder diese als Verschwörungen zu diffamieren, zugleich verfolgen sie mit faschistischer Gnadenlosigkeit jene, die von der Meinungsfreiheit Gebrauch machen und sich deren aufgezwungenen Egalitarismus entgegenstellen. In Schulen und Universitäten wird ein realitätsferner Egalitarismus vorangetrieben, der die Jugend von sowohl von der Bürde aber auch der Orientierung und Struktur einer gesellschaftlichen Hierarchie befreit, sie aber nicht davon abhalten kann danach real mit dem Konkurrenzwettkampf und der Kompetenzhierarchie der Arbeitswelt konfrontiert zu werden. Gleichzeitig wird versäumt eigenständiges, logisches und kritisches Denken beizubringen, sondern man überlässt Menschen ihrer Meinung, während jedoch jede Idee in einem multikulturellen Umfeld angegriffen und dekonstruiert wird. Das Angreifen und zerstören von kulturellen Systemen wie Religion im Namen der wissenschaftlichen Wahrheit führt jedoch nicht zwangsläufig zu mehr Aufgeklärtheit und Toleranz.
Diese Entscheidungsfreiheit und Strukturlosigkeit zwischen den unzähligen Meinungen und die Dekonstruktion aller Wahrheiten führt zu einer Überforderung und Abstumpfung des Individuums. Es kann nicht mehr erkennen, was wahr ist oder zumindest wahr sein sollte und es kann sich nicht auf das kompetitive Leben in der Leistungsgesellschaft einstellen. Langfristig zersetzt dies das kritische Denken und führt zu Apathie und Nihilismus und zu einer Verdreifachung der Suizidraten unter Teenagern von 1950 bis 2015.
Da das Selbstbewusstsein nicht mehr aus der Erfüllung und Anpassung an Wertsysteme (welche denn?) seine Kraft und seinen Sinn beziehen kann, führt dies zu Labilität und egozentrischen, hedonistischen und rücksichtslosen Denken; auf individuellere Ebene damit zu Depression und zu Suizid; und auf gesellschaftlicher zu Faschismus, Unruhen und Machtstreben. Der Nihilismus der der scheiternden Moderne folgte, führte zum Aufstieg des Nationalsozialismus und Kommunismus; der Nihilismus, der sich in der Postmoderne im 21 Jahrhundert, führt ebenso zum Aufstieg neuer totalitärer Ideologien wie Neomarxismus (SJW), einer faschistischen Political Correctness Culture, Neofaschismus und Islamismus; aber auch zur Explosion an psychischen Krankheiten und Drogengebrauch, wie die aktuelle Opioidkrise beweist.

Die Schwierigkeiten der Problemlösung
Die Erkenntnis der Relativität von Wahrheit, Werten und Sinn und der daraus resultierende Nihilismus sind erkenntnistheoretisch logisch, allerdings können sie nicht die Endstation sein, da sie in keine Richtung weisen, keinen Halt und keinen Sinn geben, und so die grundlegenden Fragen des menschlichen Lebens und damit der Philosophie, nämlich wie man zu leben hat, verneinen. Das postmoderne Denken ist zu sehr auf das Dekonstruieren und Entlarven von Werten und Ansichten fokussiert, und zu sehr auf seinem nihilistischen Stolz gestützt, um das ganze Bild zu sehen, um die Notwendigkeit von Wahrheit und Werten für das Individuum und seine Psyche und seine Entwicklung zu erkennen und anzuerkennen, um in eine produktive, glückliche, weiterführende Richtung zu zeigen. Die letzten Jahrhunderte wurde unentwegten kritisiert, zerstört, dekonstruiert und entwertet, und diese Kritik war und ist oft berechtigt gewesen, allerdings richtete sich auch gegen fundamentale Werte wie Archetypen und Moral und unterhöhlte damit das Menschliche in der Gesellschaft. Des Weiteren wurde wenig konstruktive Kritik geübt. Was die Menschheit braucht, ist eine neue Aufrichtigkeit, eine neue Richtung anhand derer sie die Negativität und Destruktivität des Nihilismus und die Entwertung der Postmoderne überwinden kann. In den 60ern des letzten Jahrhunderts haben bereits Bewegungen wie die der Beatniks und Hippies und der von Philosophen wie Alan Watts versucht einen neuen existenzialistischen Spiritualismus in die westliche Welt zu bringen, diese Versuche sind allerdings weitgehend gescheitert und haben sich zu einem Nischenphänomen entwickelt, während der Bedarf nach einer stützenden Ideologie weiterhin besteht, und weshalb auch totalitäre und menschenverachtende Ideologien wie der Islamismus an Zulauf gewinnen.
Die Aufgabe der Philosophie des 21. Jahrhunderts ist es aus dem Trümmerfeld der Postmoderne eine neue, aufrichtige Leitlinie zu entwickeln, ein neues Wertsystem, an dem sich die Menschen orientieren können ohne dabei die positiven Effekte der Postmoderne – die Freiheit, den Individualismus – zu verlieren.
Das größten Schwierigkeiten werden dabei sein den Machtzulauf faschistoider und totalitärer Gedanken wie des Islamismus oder des Faschismus einzudämmen und gleichzeitig eine humane und emphatische Symbolfigur zu schaffen, die den Menschen einen neuen Glauben bringt. Leider landen heutzutage die meisten Propheten in der Anstalt, dabei leben wir in Zeiten, in denen wir so dringend wie noch nie einen neuen Christ brauchen, der uns das Paradies, die Liebe und den Frieden verspricht und für uns als Märtyrer stirbt, um eine neue Metaphysik einzuleiten; denn der Existenzialismus und die verwandten Existenzphilosophien sind als Modelle für die gesamte Gesellschaft gescheitert. Der Verantwortung der Freiheit und dem Schmerz des Nihilismus sind einige sehr gewissenhafte und intelligente Menschen, wie Sartre und Camus sie selber waren, gewachsen, allerdings nicht die Massen.

 

Quellen:

http://www.gallup.com/poll/183515/fewer-young-people-say-relationship.aspx

http://happierhuman.wpengine.netdna-cdn.com/wp-content/uploads/2014/06/P13.-Social-Isolation-in-America-Changes-in-Core-Discussion-Networks-over-Two-Decades.pdf

https://link.springer.com/article/10.1023/A:1006923418502

http://www.euro.who.int/de/health-topics/noncommunicable-diseases/mental-health/news/news/2012/10/depression-in-europe

https://de.wikipedia.org/wiki/Postmoderne

Friedrich Nietzsche: Die Genealogie der Moral

 




Die progressive Universalpoesie in der digitalisierten Postmoderne

Auf den ersten Blick erscheint die Welt seit der Aufklärung und spätestens nach der Niederlage der Hippies und dem globalen Siegezug des Kapitalismus und der Digitalisierung, wie ein kalter, unromantischer Ort: Technik überall, Bildschirme, Vereinsamung. Maschinen übernehmen die Arbeit. Der Mensch wird durch Technologie entmenschlicht. Nur einige störrische Ethikräte verhindern bisher, dass der feuchte Traum aller Transhumanisten, ein genetisch modifizierter Übermensch, im Labor gezüchtet wird. Gott ist tot, und dank der Wissenschaft können wir uns einigermaßen sicher sein, dass es keine Einhörner gibt.
Jegliche Magie und Mystik scheinen auf den ersten Blick aus der Welt verschwunden oder werden nur noch von esoterischen Spinnern verfolgt. Die Ideen der Romantik, der Gegenbewegung zur gefühlslosen, rationalen Aufklärung scheinen überholt.* Der Ansatz der progressiven Universalpoesie die Realität mit Kunst, die Wissenschaft mit den Gefühlen, und die Kunstformen untereinander zu vermischen, und so das Leben zu poetisieren, scheint auf den ersten Blick gescheitert.
Das ist allerdings nur der Schein, denn tatsächlich ist unser Leben heutzutage in den westlichen Ländern so von Universalpoesie durchzogen, wie noch nie. Zwar sind aufklärerische, nüchterne Gedanken extrem dominant in Politik und Beruf, allerdings ist das irrationale und romantische Antidot immer da und dominiert jede freie Sekunde, das Denken und die Freizeit, auch wenn tatsächlich leider eine ziemliche emotionale Abkühlung feststellbar ist.
Natürlich ist das auch eine Frage der subjektiven Herangehensweise des Individuums, allerdings ermöglicht unsere moderne multikulturelle Gesellschaft, jedem Individuum seine eigene Weltsicht zu wählen. Und so kann man auch argumentieren, dass es heutzutage so viele Wege und Türen zur Romantik, zur Poesie, zur Ästhetik, zur Fantasie und zur Metaphysik gibt, wie noch nie in der Menschheitsgeschichte; sodass die meisten von uns die Universalpoesie bereits leben, ohne sich dessen bewusst zu sein.
Das fängt damit an, dass Ästhetik und Kunst in Form von Produktdesign überall um uns herum sind; geht weiter damit, dass wir über unsere Smartphones jeden Tag mehr Bilder, Geschichten, Ideen, Musikstücke und Kunstwerke, kurz: Poesie, konsumieren, als in früheren Zeitaltern ein Mensch in seiner gesamten Lebensspanne; und endet noch lang nicht damit, dass wir umgebend sind, von einer riesigen Blase aus fiktiven Geschichten, Symbolen und Welten; seien es Emoticons, Lieder und Instagrampics oder Videospiele, Filme und Serien, die an Komplexitität, Quantität, Qualität und Tiefe sämtliche Sagen der Antike und mitunter sogar die Stücke Shakespeares in den Schatten stellen und dabei auch noch die Ansprüche der romantischen, progressiven Universalpoesie erfüllen, indem sie Philosophie, Wissenschaft, Bildung und verschiedene Kunstformen miteinander fusionieren.
Dies alles wird durch den technologischen Fortschritt erst ermöglicht und beschleunigt. Die größte dieser technologischen Errungenschaften, nämlich das Internet, ist dabei selbst ein universalpoetischer Kochtopf, der Technologie, Realität, Kunst, Gesellschaft, Individuum, Literatur und Fiktion miteinander verkocht und verbindet und das Leben um eine gewaltige metaphysische Ebene erweitert.
Die zweitegrößte, das Smartphone, integriert diese Universalpoesie komplett in unseren Alltag und ermöglicht es uns, jederzeit darauf zuzugreifen. Genug Akku und Kopfhörer vorausgesetzt, können wir unser Leben konstant mit Musik aus unserer Spotifyplaylist poetisieren und emotional aufladen, oder uns an den unendlichen verschiedenen Medienenformen zerstreuen und erfreuen. FanArt, Kommentarfunktion, Cosplay, Conventions und SocialMedia intergrieren den Konsumenten in die Fiktion und tragen sie in die Realität.
Insbesondere sind hier Serien interessant zu betrachten, wie zum Beispiel das avantgardistische Hackerdrama Mr. Robot, welches man exemplarisch als Ausblick darauf nehmen kann, was auf uns zukommt, und wie die progressive Universalpoesie in unserer postmodernen Medienlandschaft aufblüht. (Zum Trailer auf YouTube)
Mr. Robot vereint wie die meisten Serien die Künste Literatur, Filmkunst, digitale Poesie, Musik, Tontechnik, Baukunst, Animationstechnik und viele mehr miteinander – damit hätten wir die universale, romantische Vermischung der Künste.
Des Weiteren fließen auch philosophische und sozialkritische Konzepte in die Serie ein. Der Zuschauer wird beiläufig über Themen gebildet, mit denen er sich sonst wahrscheinlich nicht beschäftigen würde: Psychische Krankheiten, Netzwerksicherheit, Nihilismus, Isolation, Kritik an der digitalisierten, anonymisierten Welt und der Dekadenz des Establishments, sowie der Vereinsamung in der Leistungsgesellschaft.
Mr. Robot kritisiert den Status Quo und spielt mit philosophischen Ideen herum – damit erfüllt sie Schlegels Forderung, Kunst&Literatur müssten nicht nur unterhalten, sondern auch bilden und philosophische Fragen stellen.
Außerdem verschmilzt die Serie einmal mit der Handlung und durch SocialMedia, die Marketingaktionen und FanFics auch mit der Realität und mit anderen Formen der Kunst.
In der Serie kommt es zum Einsatz postmoderner Stilmittel wie Metafiktion und Metareferenzen. Der Protagonist spricht direkt mit Zuschauer und Episoden parodieren stellenweise andere Serien. Dadurch werden die Grenzen zwischen Zuschauer, Protagonist, Handlung und Realität aufgelöst; dabei entwickelt sich die Handlung und die Komplexität progressiv mit jeder weiteren Staffel.
Solch ein intelligentes Filmerlebnis, das dem Zuschauer nicht nur auf innovative Art und Weise unterhält, sondern auch interessante philosophische Fragen aufstellt und mit anderen Kunstformen verschmilzt, wird zunehmend populärer. Als Beispiele dafür kann einmal Serien wie Westworld nehmen, aber insbesondere auch Quantum Break, welches sowohl als Serie als auch als Videospiel erzählt wird, wie mittlerweile auch die meisten größeren Franchise wie GoT oder The Walking Dead, oder aber auch die kommenden Umsetzungen von Stephen Kings Der dunkle Turm Romanreihe als Serien, Comics und Filme. Die Medien werden anspruchsvoller und gleichzeitig universaler. Die Geschichten werden parallel in mehreren Medien erzählt, ganze fiktive Universen kreiert. Die Grenzen verwischen, wie es die Romantiker forderten, auch wenn ihnen noch die Technologie dafür fehlte. Sie konnten Musik nicht mit Bild und Text verschmelzen, das ermöglichte erst die moderne Filmkunst. Sie konnten nicht den Alltag der Leser mit den Geschichten ausfüllen, das ermöglichten erst das moderne Merchandising und Smartphoneapps.
Flaches, pures Entertainment wird weniger, gleichzeitig entwickeln sich gegenwärtige Film- und Kunstformen weiter. Neue Technologien, wie OculusRift und ArgumentedReality ermöglichen es komplett in fiktiven Welten zu versinken. StartUps tüfteln am intelligenten Lesen und eReadern, die die Augen der Leser tracken und bei entsprechenden Stellen Hologramme, Geräusche und Grafiken aufpoppen lassen. Sogar das klassische Lesen wird digitalisiert und um neue poetische und ästhetische Ebenen erweitert. Durch das Smartphone und seine Kameralinsen, Snapchat, WhatsApp, Instagram, Pinterest, reddit, 9gag, sind wir mittlerweile konstant mit dem Internet und seiner reichen Fülle an Ästhetik und Poesie verbunden. Das Individuum wird konstant mit digitalem Entertainment und Kunst konfrontiert und verschmilzt dabei selber mit dem Internet und seiner eigenen digitalen Persona.
Und sobald Technologien wie VirtualReality, ArgumentedReality und Videospiele noch besser werden, wird unser Leben immer mehr mit der Fiktion und dem Internet und der Wissenschaft verschmelzen; wir werden durch Implantate, Wohlstand,Schulbildung und Smartphones immer klüger, freier, aufgeklärter und gebildeter und haben ununterbrochen Zugang zu dem gesamten Wissensschatz der Menschheit. Gleichzeitig versinken wir immer dichter einem Netz aus Fiktion, Entertainment und Ästhetik und werden immer freier dabei unsere Gefühle auszudrücken. Jeder** kann heute Bücher veröffentlichen, einen tumblr-Blog führen, sich selbst künstlerisch in seiner Freizeit und im Rahmen seiner Kompetenzen verwirklichen und mit jeder Person eine Liebesbeziehung eingehen, ohne Verfolgung fürchten zu müssen oder reich zu sein, wie noch die adeligen Autoren der Romantik. Auch steht uns eine viel größere Breite an kreativen Stimuli und Umsetzungsmöglichkeiten zur Verfügung, sodass auch die Fiktion immer komplexer wird.
Klingt das nicht, wie eine moderne Umsetzung der progressiven Universalpoesie?

„Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie. Ihre Bestimmung ist nicht bloß, alle getrennten Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in Berührung zu setzen. Sie will und soll auch Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen, die Poesie lebendig und gesellig und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen, den Witz poetisieren und die Formen der Kunst mit gediegnem Bildungsstoff jeder Art anfüllen und sättigen und durch die Schwingungen des Humors beseelen. Sie umfaßt alles, was nur poetisch ist, vom größten wieder mehrere Systeme in sich enthaltenden Systeme der Kunst bis zu dem Seufzer, dem Kuß, den das dichtende Kind aushaucht in kunstlosem Gesang. […] Nur die romantische Dichtkunst kann ein Spiegel der ganzen umgebenden Welt, ein Bild des Zeitalters werden.“
-Friedrich Schlegel, 116tes Athenaeumsfragment (1799)

Und auch das Mystische und das Unendliche sind noch immer am Leben; anders, aber nicht weniger als vor dreihundert Jahren. Außerirdische, Psychedelizismus, die Frage nach dem Sinn des Lebens, nach der Kontinuität von Zeit&Raum, Multiversen und was überhaupt real ist und was nicht, sind die neuen romantischen und unlösbaren Fragen, die uns in die dunklen und fantastischen Reiche des Unbekannten führen, wie eindrucksvoll Arrival, Matrix, Doctor Strange und die geniale Serie Rick and Morty porträtieren. Quantenphysik ist die neue Alchemie; Existentialismus die neue Quelle der Angst; Game of Thrones ist das neue Hamlet; der Tod ist noch immer der Übergang ins Ungewisse.

Dabei dringen wir tiefer zu den eigentlichen, existentialistischen und wichtigsten Fragen um die menschliche Natura vor. Moderne Medien konzentrieren sich verstärkt auf die Psychologie und das Individuum. Damit kommen sie wieder der romantischen Unviersalpoesie und dem Menschen näher:
„Das wunderbarste, das ewige Phänomen, ist das eigene Dasein. Das größeste Geheimnis ist der Mensch sich selbst […]. Die höchste Aufgabe der Bildung ist, sich seines transzendentalen Selbst zu bemächtigen, das Ich seines Ich’s zugleich zu sein. Um so weniger befremdlich ist der Mangel an vollständigem Sinn und Verstand für Andre. Ohne vollendetes Selbstverständnis wird man nie andere wahrhaft verstehn lernen.“
Novalis, Fragmente und Studien (1797)

Das Mystische lebt z.B.: auch weiter in Horrorserien wie Stranger Things oder Fantasiereichen von Videospielen wie The Witcher 3 oder Skyrim, oder dem Konsum von Legal Highs und Halluzinogenen wie LSD, wie er in den letzten Jahren wieder populärer geworden ist. Und auch die Wissenschaft verschmilzt mit der Fiktion, wie man zum Beispiel daran sehen kann, das selbst renommierte Dozenten, mitunter Serien und Filme benutzen, um ihren Schülern komplexe Sachverhalte zu erkläre. So z.B.: der Psychiater Dr. Eric Bui, der den StarWars-Charakter Anakin Skywalker als Musterbeispiel benutzt, um die Borderline-Persönlichkeitsstörung zu erklären; oder aber auch der YouTube-Kanal WiseCrack mit seiner Serie The Philosophy of …., der anhand von Serien, Animes und Filmen komplexe soziologische und philosophische Fragen erläutert. (Beispiel: The Philosophy of Attack on Titan – WiseCrack Edition)

Zusammenfassend kommt man zu dem Schluss, dass die Ideen Schlegels in unserer heutigen, postmodernen Welt schleichend Realität werden. Zwar können wir durch die Aufklärung nicht mehr an Märchen und Sagen glauben, aber es gibt noch immer Dinge, die wir niemals verstehen können werden; wie z.B.: dissoziative, außerkörperliche Rauschzustände, auch genannt Astralprojektion, wie sie intensive Meditation oder der Konsum von Atztekensalbei induzieren; oder was sich nach dem Tod befindet, oder was vor dem Urknall war, oder wie Zeit eine Dimension sein kann, oder ob wir in einer Matrix sind; oder ob wir überhaupt real sind und nicht das Hirngespinst eines bekifften Einhorns, das im Garten Eden chillt und Äpfel mampft. Die Welt, die Abgründe unserer Psyche und der Ursprung der Welt bleiben für immer mystisch, egal wie viel wir erforschen. Des Weiteren kreieren wir mehr Kunst und Ästhetik, als je zuvor und erschaffen uns damit metaphysische Reiche. Technologie, Kultur und Mensch gehen eine Synergie ein, sie verschmelzen, und damit auch die Welt des rationalen Verstandes und die Welt der Gefühle und das Mystische, wie es die Romantiker wollten. Denn die Romantik wollte keine Herrschaft der Emotionen, sondern einen harmonischen Ausgleich zwischen ihnen und dem Verstand. Sie forderten ein Equilibrium, und es sieht so aus, als würde dies nun Wirklichkeit werden. Man muss sich nur darauf einlassen.

Wir werden eins mit der Technik, und dadurch werden wir eins mit unserer Kultur und damit mit der Poesie. Gentechnik und Digitalisierung werden uns zu Göttern machen und mit Computern werden wir unsere eigenen Welten erschaffen. Das ist etwas Wunderschönes. Das ist positiv, das ist die Verwirklichung des uralten Menschheitstraums, Gott zu werden.

Dass das Gefahren birgt und schief gehen kann und wahrscheinlich auch wird, ist allerdings offensichtlich. Megakonzerne, die uns mit Fiktion beliefern, werden zu totalitären Regimes wachsen; die Menschheit wird im schlimmsten Fall in einen berauschten Dämmerzustand abgleiten, in der sie nur noch konsumiert und faulenzt, während K.I.s sie am Leben erhalten. Die Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen denen, die sich Implantate leisten können und denen, die es nicht können, wird die Menschheit zerreißen und wie immer in Blut versenken. Naja, die geringe Chance besteht, dass alles gut ausgeht.
Was das aber für den Menschen an sich bedeutet, und was überhaupt menschlich ist, und welche Rolle Transhumanismus und Emotionen in der Zukunft spielen werden; und warum K.I.s niemals menschlich werden können; dazu werde ich meine Gedanken in einem zweiten Essay erläutern. Hierbei wird vor allem die Serie Westworld interessant, also wer schon mal etwas spicken will 😉
* (Hier ist nicht der moderne, kitschige Romantikbegriff gemeint, sondern der literarische. Die Romantiker waren der Meinung, dass alles in der Poesie, also Kunst, Kultur, Musik und Literatur, danach strebt, eins zu werden: Die Universalpoesie, und dass die Welt poetisiert werden muss)

** Mit Jeder meine ich natürlich nicht wirklich jeden, sondern nur die privilegierten Menschen der ersten Welt Länder, wie USA, Deutschland, Frankreich, Großbritannien oder Dänemark.

 

Ich habe übrigens vor einiger Zeit eine SciFi Novelle geschrieben, die im Jahre 2137 spielt und Themen wie Nihilismus und Transhumanismus behandelt: Das Erwachen des letzten Menschen




Die Ethik des rationalen Drogenkonsums (5) Zusammenfassung

Zusammenfassung

Wenn man diese Prinzipien und Differenzen betrachtet und versucht universelle Regeln für einen rationalen Drogengebrauch daraus abzuleiten, so kommt man zu den folgenden Grundsätzen:

  • Drogen im hedonistischen Prinzip zu konsumieren ist irratonal, da die potenziellen Schäden und Risiken den möglichen Nutzen überwiegen
  • Drogen im zielorientierten Prinzip zu konsumieren kann bei Alternativlosigkeit rational sein
  • Drogen im psychonautischen Prinzip zu konsumieren kann rational sein, wenn der Konsument darauf vorbereitet ist und ein klares Ziel besteht, dem dieser psychoanalytische Eingriff dienen soll
  • es muss immer das Nutzen-Risiko-Verhältnis abgewogen werden und auf deren Basis entschieden werden
  • wenn es eine bessere Alternative zum Drogenkonsum gibt, sollte diese benutzt werden

=> Drogenkonsum lässt sich rational begründen, allerdings nur in wenigen Fällen, nämlich denen, die dem Zielorientierten oder Psychonautischen Prinzip zugeordnet werden können und bestimmte Auflagen, erfüllen.

Hier gibt es eine Grafik: Und unter diesem Link geht es zu Teil 6, wo ich erkläre, warum das hier alles in der Realität, wie alle ethischen Überlegungen, nur begrenzt umsetzbar und gültig ist. Ja, klingt sehr produktiv sich selbst zu widerlegen, ich weiß, aber lest selbst.

drei-familien

Verschiedene Drogen lassen sich verschiedenen Prinzipien zuordnen




Die Ethik des rationalen Drogenkonsums (4) Das Psychonautische Prinzip

Das Psychonautische Prinzip

Die psychonautische oder erforschende Anwendung von Drogen ist heutzutage relativ selten. Sie ist am häufigsten bei intellektuellen Individuen und bei indigenen Völkern anzutreffen. Der Konsument verwendet hierbei Drogen, um seine eigene Psyche zu erforschen oder philosophische, spirituelle oder pharmakologische Experimente durchzuführen.

Für diese Ziele sind vor allem Psychedelika am besten geeignet und damit maßgebend. Das Wort psychedelisch bzw. psychedelic wurde 1956 von dem Psychiater Humphry Osmond und dem Schriftsteller Aldous Huxley geprägt und leitet sich von den griechischen Wörtern psychḗ‚ (Seele) und dẽlos (offenkundig, offenbar, manifestiert) ab. Damit soll beschrieben werden, dass Psychedelika die Grenze zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein auflösen. Das bekannteste Psychedelikum ist Lysergsäurediethylamid (LSD), welches, wie die meisten anderen auch, an den Serotoninrezeptoren 5-HT2A/C im Thalamus wirkt. Der Thalamus ist so etwas wie das Kontroll- und Zensurzentrum im Gehirn. Er entscheidet, welche Informationen aus der Umwelt und aus dem Unterbewusstsein ins Bewusstsein gelangen und welche nicht. Durch die Wirkung eines serotogenen Psychedelikum wie LSD oder Meskalin wird der Thalamus hyperaktiv und leitet viel mehr Informationen weiter als sonst. Dies führt bei höheren Dosierungen zu den bekannten Pseudohalluzinationen, wie atmenden Wänden, spirituellen Visionen und Synästhesie, da der Visuelle Cortex irgendwann mit der Menge an Informationen überfordert ist. Hierbei handelt es sich allerdings meistens eher um eine Nebenwirkung. Die Hauptwirkung von Psychedelika besteht nämlich dabei, dass der Konsument mit seinem Unterbewusstsein konfrontiert wird. Erinnerungen, Schwächen, eigenen Fehler und mentale Blockaden tauchen auf und werden bewusst. Dies kann ein sehr belastender Zustand sein und unter Umständen, insbesondere bei schlechtem Set (physische Umgebung) und Setting (psychischer Zustand) zu sogenannten Horrortrips führen, bei dem der Konsument überfordert ist und in Panik ausbricht. Solche Horrortrips können zu langfristigen Schäden wie Traumata und Depressionen führen oder latente Psychosen auslösen (auch wenn sie keine Psychosen direkt verursachen können).

Wenn allerdings ein gutes Set und Setting eingehalten wird und der Konsument den Rausch ernsthaft angeht, kann er aus ihm sehr viel über sich selbst lernen, insbesondere über seine Probleme und wie er sie lösen kann. Auch vermögen Psychedelika den Konsumenten zu rekonditionieren, also tiefsitzende Verhaltensmuster und Gewohnheiten zu verändern. Dies macht man sich in der psycholitischen Psychotherapie zunutze. Dabei wird dem Patienten MDMA[i], Psilocybin oder LSD verabreicht. Während des Rauschzustands nutzt ein dafür ausgebildeter Therapeut dann den Zugang zum Unterbewusstsein, um gezielt Fragen zu stellen und so die Ursache psychischer Probleme zu finden. Diese Therapieform hat sich als höchst effektiv bei der Behandlung von PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung), Depressionen und Drogenabhängigkeit erwiesen. Psychedelikakonsumenten haben sogar statistisch gesehen im Vergleich zum Rest der Bevölkerung ein niedrigeres Depressionsrisko[ii].

Psychedelika können allgemein als zweischneidiges Schwert betrachtet werden. Sie können bei der psychonautischen Anwendung viel Heil bringen, aber auch viel Schaden anrichten, weshalb der Konsum immer gut vorbereitet werden muss. Der Konsument sollte sich gut über das jeweilige Wirkungsspektrum der Substanz informieren und dafür sorgen, dass er während des Rausches sich auf sich selbst konzentrieren kann und nicht gestört wird. Auch setzt die sinnvolle Verwendung von Psychedlika eine gewisse geistige Reife und Stabilität voraus. Sind diese Bedingungen gegeben, so spricht eigentlich rational nichts gegen einen Psychedelikakonsum, da der Nutzen der Selbsterforschung höher ist, als die Risiken, von dem, was man in seinem Unterbewusstsein vorfinden könnte, langfristig geschädigt zu werden.

Auch wenn die körperliche Belastung der meisten Psychedelika sehr gering ist, so ist es bei LSD unmöglich eine tödliche Überdosis zu konsumieren, ist die psychische Belastung enorm.[iii] Der Konsument braucht nach einem psychedelischen Rausch in der Regel eine längere Zeit, um die daraus gewonnen Erkenntnisse zu verarbeiten. Aus empirischen Erfahrungen vieler Konsumenten, ist es nicht sinnvoll und sicher Psychedlika öfters als vier Mal im Jahr zu nehmen. Die meisten Psychedelika sind nicht suchterzeugend oder abhängigmachend und ihr Konsum reguliert sich selber, da die meisten Konsumenten den Konsum von Psychedlika nach einiger Zeit von selbst einstellen, weil sie keine neuen Erkenntnisse mehr daraus gewinnen können.

Einige Substanzen, wie MDMA oder gerauchtes Cannabis, weisen allerdings sowohl psychedelische, als auch euphorisierende und damit hedonistische Merkmale auf und können auch zur Sucht führen. Ihr Konsum sollte vorsichtig betrieben werden, da er schnell von einem psychonautischen zu einem hedonistischen Konsum werden kann und damit an Mehrwert verliert.

Neben den Psychedelika gibt es noch zwei weitere Substanzklassen, die sich für eine psychonautische Verwendung eignen. Dies wären einmal die Dissoziativa, von denen die wichtigsten Vertreter Ketamin, Salvinorin A und PCP sind. Von ihnen ist nur Salvinorin A eine reine psychonautische Droge, während die beiden anderen auch euphorisierend, suchterzeugend und schmerzstillend wirken und daher von den meisten Konsumenten ihm Rahmen des hedonistischen Prinzips benutzt werden. Auch sind Ketamin und PCP neurotoxisch und giftig, während bei Salvinorin A keine giftigen Effekte bekannt sind, weshalb Salvinorin A das einzige Dissoziativum ist, dessen Konsum mehr Nutzen bringen als Schaden anrichten kann, allerdings gelten hier die gleichen Sicherheitsbedingungen von Set und Setting wie bei den Psychedelika.

Die dritte, große und gefährlichste Substanzklasse der Drogen, die sich für einen psychonautischen Konsum eignen, ist die der oneirogenen (=traumerzeugenden) Drogen. Träume sind Produkte unseres Unterbewusstseins und können uns daher sehr viel über uns erzählen. Es gibt verschiedene Drogen, die Träume auch im Wachzustand erzeugen oder im Schlaf intensivieren können und so einen intensiveren Blick ins Unterbewusstsein eröffnen.

Die stärkste Substanz dieser Art ist das Ibogain, welches einen bis zu zwei Tage andauernden Wachtraumzustand hervorrufen kann und, durch bisher nicht ganz geklärte Mechanismen, sämtliche Entzugserscheinung und das Verlangen nach Drogen bei Abhängigen schlagartig und dauerhaft beseitigt. Diese Substanz wurde lange Zeit in den USA in Entzugsklinken verwendet, wird allerdings heutzutage immer seltener eingesetzt, da sie, insbesondere in Kombination mit anderen Drogen, tödliche Nebenwirkungen haben kann und schwer zu dosieren ist. Ihre Verwendung ohne ärztliche Aufsicht ist kritisch zu betrachten, da die Sicherheit eher gering ist.[iv]

Des Weiteren können einige Opioide und Opiate, insbesondere Opium und Kratom, in höheren Dosierungen zu psychedelischen Halbwachzuständen oder zu intensiven Träumen führen, allerdings wird dies auch von Euphorie und einem hohen Abhängigkeitsrisiko begleitet, weshalb die psychonautische Anwendung dieser Mittel, wenn überhaupt, höchstens alle paar Monate und nur von Konsumenten betrieben werden sollte, die eine starke Willenskraft besitzen.

Fast alle Pflanzlichen Drogen aus dem psychonautischen Spektrum wurden und werden von verschiedenen Völkern auch als Sakramente verwendet, um durch ihre halluzinogene und spirituell reinigende Wirkung vermeintlichen Kontakt mit übernatürlichen Wesen herzustellen. Beispiele dafür sind Mutterkorn im antiken Rom, Peyote in Nordamerika und Ayahuasca in Südamerika. Dieser Konsum ist aus moderner, rationaler und wissenschaftlicher Sicht, eher kritisch zu betrachten, allerdings hängt dies auch davon ab, wie hoch man Kultur und Tradition beurteilt.

 

Als sichere und gesündere Alternative zum psychonautischen Drogenkonsum können philosophische Studien und Meditation, bei der sogar fast identische halluzinogene Zustände erreicht werden können, angeführt werden. Ihre erfolgreiche Anwendung bedarf allerdings Jahrzehnte an täglicher Praxis und hoher Konzentration auf das Ziel.

 

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[i] The safety and efficacy of ±3,4-methylenedioxymethamphetamine-assisted psychotherapy in subjects with chronic, treatment-resistant posttraumatic stress disorder: the first randomized controlled pilot study

  von Michael C Mithoefer, Mark T Wagner, Ann T Mithoefer, Lisa Jerome und  Rick Doblin

http://jop.sagepub.com/content/25/4/439

 

[ii] Universität Alabama, Journal of Psychopharmacology doi:10.1177/0269881114565653; Jan. 2015

  1. S. Hendricks, C. B. Thorne, C. B. Clark, D. W. Coombs, M. W. Johnson: Classic psychedelic use is associated with reduced psychological distress and suicidality in the United States adult population. In: Journal of Psychopharmacology. 29, 2015, S. 280, doi:10.1177/0269881114565653.

 

[iii] Lysergic acid diethylamide (LSD) for alcoholism: meta-analysis of randomized controlled trials, von Teri Krebs und Pål-Ørjan Johansen, veröffentlicht 2012

 

Safety and Efficacy of Lysergic Acid Diethylamide-Assisted Psychotherapy for Anxiety Associated With

Life-threatening Diseases, von Peter Gasser, MD,* Dominique Holstein, PhD,ÞYvonne Michel, PhD,þ Rick Doblin, PhD,§ Berra Yazar-Klosinski, PhD,§ Torsten Passie, MD, MA,|| und Rudolf Brenneisen, PhD, veröffentlicht 2014

 

[iv] Screening and safety in ibogaine treated patients, Dora Weiner Foundation, Staten Island, NY

K.R. Alper, H.S. Lotsof, G.M. Frenken, D.J. Luciano, J. Bastiaans 1999 234–42.

  Giannini, A. James: Drugs of Abuse, 2nd, Practice Management Information Corporation, 1997, ISBN 1-57066-053-0.H.S. Lotsof (1995). Ibogaine in the Treatment of Chemical Dependence Disorders: Clinical Perspectives

 




Die Ethik des rationalen Drogenkonsums (3) Das Zielorientierte Prinzip

Das Zielorientierte Prinzip

Das Zielorientierte-Pragmatische Prinzip ist das zweithäufigste Konsummuster in der westlichen Gesellschaft. Hierbei werden Drogen nicht zum Spaß oder um geistig zu wachsen benutzt, sondern als Werkzeuge, um bestimmte objektive, langfristige Ziele zu erreichen. Klassische zielorientierte Drogen sind Schmerzmittel und Stimulanzien, die genommen werden, um leistungsfähig zu bleiben und ein relevantes Ziel zu erreichen.

Diese Anwendung ist in den meisten Fällen als akzeptabel anzusehen, da sie nicht zu Konformität und Unmündigkeit verleitet und die Nutzen in der Regel die Risiken überwiegen.

Als weitverbreitetes Beispiel kann man hier den Konsum des Stimulans Koffein anführen, welches übrigens die am häufigsten konsumierte psychoaktive Substanz der Welt ist. Koffein erhöht die Leistungsfähigkeit, Konzentration und Ausdauer, sodass der Konsument in der Lage ist, mehr Arbeit in kürzerer Zeit und effektiver zu verrichten. Auf der körperlichen Seite, belastet es den Kreislauf und die Nebennieren, aber verursacht keine gravierenden körperlichen Schäden. Das größte Risiko bei Koffein ist, dass es körperlich abhängig macht, weshalb man es nicht jeden Tag konsumieren sollte, sondern nur, wenn es absolut nötig ist, da der Konsument sonst irgendwann nicht mehr in der Lage ist, ohne die Substanz zu funktionieren, was ihn unfrei macht und von vielen unangenehmen und hinderlichen Nebenwirkungen begleitet wird. Neben den Entzugserscheinungen sind die Begleiterscheinungen bei Koffeinabhängigkeit Reizbarkeit, Nervosität, Herzklopfen, Schlafstörungen und schneller Herzschlag. Psychisch ist Koffein bei moderaten Konsum ebenfalls relativ sicher. Erst bei regelmäßigen Konsum erhöht es, wie alle Stimulanzien, das Psychoserisiko. Die Nutzen-Risiken-Bilanz ist also bei unregelmäßigen Konsum höher, als bei absoluter Abstinenz und als beim regelmäßigen Konsum.

Weitere zielorientierte Drogen können andere Stimulanzien wie Methylphenidat, Amphetamin und Kokain sein, oder auch sogenannte Nootropika, Substanzen wie Modafilin, Phenibut und Kratom, die die Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit der Psyche erhöhen. Wie immer, sollte man den Konsum möglichst geringhalten und nur betreiben, wenn es situationsbedingt absolut nötig ist z.B.: wenn man eine Arbeit innerhalb kürzester Zeit verfassen muss, oder, wenn man ein Soldat im Krieg ist, der für einen strategischen Vorteil drei Tage ohne Schlaf durchstehen muss, während er sich durch ein feindliches Gebiet kämpft. (Dies wurde zum Beispiel von der Wehrmacht beim Blitzkrieg und den U.S. Streitkräften im Vietnamkrieg praktiziert, indem man den Soldaten Methamphetamin gab, was sie aggressiver und leistungsfähiger machte). Allerdings sollte es bei dem situationsbedingten, unregelmäßigen Konsum bleiben und nicht zu einem täglichen oder hedonistischen Konsum ausufern, da dies zur Sucht und damit zu mehr Schaden, als Nutzen führen kann und damit selbstzerstörerisch und irrational ist.

Ein weiteres Anwendungsgebiet des Zielorientierten Prinzips ist die Medizin, in der z.B.: Narkotika verwendet werden, um Operationen sicherer und schmerzlos durchführen zu können. Dies ist in der Regel rational und ethisch absolut in Ordnung, da das Wohlergehen des Patienten damit sichergestellt wird. Allerdings muss natürlich auch hier je nach Situation abgewogen werden, ob es sinnvoll ist bestimmte Substanzen zu verwenden oder nicht.

Ein umstrittenes Gebiet ist hier besonders die Psychiatrie, in der häufig mit Drogen/Medikamenten lediglich die Symptome einer Störung unterdrückt werden, allerdings oft auf Kosten des langfristigen Wohlergehens des Patienten und ohne auf die eigentlichen psychologischen Ursachen der Probleme einzugehen.

Einen Schizophrenen mit Neuroleptika ruhigzustellen, ist für die Ärzte und sein Umfeld einfacher, schneller und billiger, als ihn mit einer langwierigen und anstrengenden psychoanalytischen Behandlung zu kurieren. Allerdings führt die Behandlung von Neuroleptika auf Dauer zu einer Degeneration des Gehirns und nicht selten zu einer Verschlimmerung der Symptome beim Absetzen der Mittel. Ähnliches lässt sich über die Behandlung von unruhigen Kindern mit ADHS durch Methylphenidat sagen. Hier werden die Erwartungshaltungen der Gesellschaft durch chemische Methoden auf ein Kind forciert, welches sich der Konsequenz noch gar nicht bewusst sein kann. Dies führt häufig dazu, dass diese Kinder unfreiwillig abhängig werden von Medikamenten und starke Nebenwirkungen entwickeln, an denen sie mehr leiden, als an dem nüchternen Anderssein.

In Fällen von echten psychischen Beeinträchtigungen, wie wirklich stark ausgeprägtem ADHS, ist es natürlich sinnvoll und sogar wegweisend, entsprechende Medikamte zu nehmen.

Auch ist die tendenziell immer häufigere und leichtsinnige Verschreibung von Antidepressiva anzuführen und kritisch zu betrachten, bei denen eine der häufigsten Nebenwirkungen Suizid ist.

Psychopharmaka sollten in der Psychiatrie nur dann eingesetzt werden, wenn es unausweichlich ist.

Hier muss man daher die tendenzielle Herangehensweise der modernen Psychiatrie verurteilen sofort und immer häufiger, ohne Alternativen abzuwägen, Medikamente zu verschreiben. Dies macht den Patienten häufig, statt ihn wirklich zu kurieren, zu einem Abhängigen, bei dem lediglich die Symptome unterdrückt werden, so dass er für die Gesellschaft noch vom Nutzen ist, aber er nicht mit sich selbst ins Reine kommen kann.

Ähnliches muss man aber auch denjenigen Individuen vorwerfen, die sich selbst mit Drogen behandeln. Wer zum Beispiel an einer Sozialphobie leidet und, statt diese zu konfrontieren und für alle Zeit zu überwinden, sich mit Beruhigungsmitteln selbsttherapiert, der verschlimmert diese Phobie auf Dauer nur und stürzt sich selbst in eine Abhängigkeit. Ergo er handelt langfristig gesehen selbstzerstörerisch und damit irrational.

Generell ist der Einsatz von Drogen im Zielorientierten Prinzip oft der Weg des geringsten Widerstandes, um ein Problem zu lösen, aber auch häufig der, der langfristig gesehen eher schadet als nützt. Zielorientierter Konsum ist nur akzeptabel und rational, wenn er die beste mögliche Option darstellt.

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Die Ethik des rationalen Drogenkonsums (2) Das Hedonistische Prinzip

Das Hedonistische Prinzip

Das am weitesten verbreitete Prinzip des Drogenkonsums in der modernen westlichen Gesellschaft ist das Hedonistisch-Soziale. Das Motiv des Drogenkonsums ist hier das Erreichen von Freude, und das Vergessen von Sorgen und, aber nicht zwangsläufig, die Sozialisierung mit anderen Individuen. Dies wird auch häufig betrieben, um Gruppenzwang zu entsprechen oder um Schwächen zu kompensieren oder um sich in Feierstimmung zu versetzen, was aber alles letztendlich auch auf das Ziel Freude heruntergebrochen werden kann.

Das Individuum strebt also primär schnelles Glück und Freude an, und konsumiert entsprechend primär euphorisierende Drogen.

(An dieser Stelle muss angemerkt werden, dass, entgegen eines weitverbreiteten Irrglaubens, nicht alle Drogen euphorisierend und betäubend wirken. Vor allem im Psychonautischen Spektrum findet man viele Drogen, wie z.B.: Salvinorin A[i], die dysphorisch und psychedelisch wirken.)

Die am häufigsten konsumierte und markanteste der hedonistisch genutzten Droge ist in den Industrienationen kulturell bedingt Ethanol/Trinkalkohol in Form von Wein, Bier und Spirituosen, weshalb dessen Betrachtung am geeignetsten ist, um das hedonistische Prinzip zu veranschaulichen.

Ethanol betäubt die Sinne, versetzt den Konsumenten in ein angeheitertes Delirium, bei dem er mit steigender Berauschung die Kontrolle über seine Handlung verliert. In diesem Zustand ist er nicht in der Lage klar zu denken und neigt zu emotionalen Ausbrüchen, was sich unter anderem daran widerspiegelt, dass 40% aller Gewalttaten in Deutschland von alkoholisierten Tätern begangenen werden.[ii] Dieser Zustand hat, abgesehen von Euphorie und der verstärkten Sozialisierung mit anderen Berauschten, die aber auch nüchtern erreicht werden können, keinen erkennbaren Mehrwert. Des Weiteren schadet Alkohol der persönlichen Entwicklung und kann einen Menschen unmündig machen, da es ihn vergessen lässt, was ihn an sich selbst und seinem Leben missfällt, statt ihn damit zu konfrontieren oder die Kraft zu geben sein Leben zu verändern. Wie alle euphorisierenden und betäubenden Drogen, verleitet Ethanol zur Konformität und Akzeptanz von Missständen. Wer das Glück einfach aus der Flasche kriegen kann, ist prinzipiell weniger daran interessiert Glück und Erfolg durch harte Arbeit zu erringen. Sich selbst mithilfe einer Substanz glücklich zu machen, ist Selbstbetrug, da man eigentlich nichts getan hat, worüber man glücklich sein könnte. Des Weiteren senkt ein einziger Vollrausch die Leistungsfähigkeit für mehrere Wochen und erhöht die Wahrscheinlichkeit an Depressionen zu erkranken signifikant.

Auf der körperlichen Seite verursacht dieses Mittel als Zellgift bereits in nicht berauschenden Dosierungen Schäden im gesamten Körper des Konsumenten, was sich daran wiederspeigelt, dass allein in Deutschland jedes Jahr 74.000 Menschen an den Folgen von Ethanolkonsum sterben. Hinzu kommt, dass Ethanol als GABA-errege Droge körperlich abhängig machen kann und ein hohes Sucht- und Abhängigkeitspotenzial besitzt. Dieses hohe Abhängigkeitspotential wird durch die hohe kulturelle Akzeptanz und Integration der Substanz in den westlichen Industrienationen abgemindert, trotzdem gibt es allein in Deutschland 9,5 Millionen Menschen, die einen problematischen Ethanolkonsum aufweisen, von denen ungefähr 1,3 Millionen abhängig sind.[iii] Der Entzug bei Alkoholabhängigkeit kann mitunter tödlich verlaufen.

Wenn man nun den Nutzen und die Risiken des Ethanolkonsums miteinander abwägt, so stellt man fest, dass die Risiken und Schäden an Körper und Geist sehr hoch sind, der Konsum aber keinen langfristigen Nutzen oder Mehrwert für die persönliche Entwicklung hat, sondern lediglich einige Stunden sinnloser Euphorie und Verwirrung bescheren kann. Ähnlich verhält es sich mit anderen, rein hedonistischen Drogen, wie Tabak und Heroin und auch mit der hedonistischen Verwendung von tendenziell zielorientierten Drogen wie Kokain oder psychonautischen wie Cannabis. Immer besteht ein hohes Risiko von Sucht, körperlicher Degeneration und moralischer und willentlicher Korrumpierung.

Manch einer mag hierauf gegenargumentieren, dass gelegentlicher und mäßiger hedonistischer Konsum zur Erholung vom Alltagsstress für die psychische Gesundheit und das allgemeine Wohlbefinden förderlich sei. Hierbei handelt es sich jedoch um einen Trugschluss. Die von Opioiden, Ethanol oder anderen Drogen verursachte Euphorie fühlt sich zwar subjektiv erholend an, stellt aber immer eine zusätzliche objektive Belastung für das Nervensystem dar und untergräbt auf Dauer damit die Stressresistenz des Individuums. Für das allgemeine Wohlbefinden ist absolute Abstinenz von Drogen in der Regel am förderlichsten.

Ein weiteres, starkes Argument, welches hedonistischen Konsum befürwortet, ist, dass dieser häufig enthemmend wirkt und so bestimmte soziale Interaktionen überhaupt erst ermöglicht. Auch ist er ein Teil der westlichen Kultur und des Soziallebens, den man, wenn man daran teilhaben will, nur schwer übergehen kann. Aus rationaler Sicht aber, wäre es für ein Individuum und die Gesellschaft psychisch und gesundheitlich besser, wenn auf euphorisierende Drogen verzichtet werden würde und die Menschen lernen würden, sich selbst ohne chemische Hilfe zu überwinden und daran zu wachsen. Und, jeder kann willentlich entscheiden, ob er nüchtern oder nicht nüchtern am Sozialleben teilnimmt. Beides ist möglich, weshalb es rational gesehen nicht zwingend notwendig ist Ethanol und andere Drogen zu konsumieren.

Die reinrationale Schlussfolgerung hieraus ist also, dass man diese Drogen beziehungsweise das gesamte hedonistische Prinzip, meiden sollte und Drogen niemals aufgrund von Gruppenzwang oder zum Spaß nehmen sollte, da dies Missbrauch von Drogen ist, der mehr schadet, als nützt.

Hier geht es weiter mit Teil 3

 

[i] Bronwyn Kivell, Zeljko Uzelac, Santhanalakshmi Sundaramurthy, Jeyaganesh Rajamanickam, Amy Ewald, Vladimir Chefer, Vanaja Jaligam, Elizabeth Bolan, Bridget Simonson, Balasubramaniam Annamalai, Padmanabhan Mannangatti, Thomas E. Prisinzano, Ivone Gomes, Lakshmi A. Devi, Lankupalle D. Jayanthi, Harald H. Sitte, Sammanda Ramamoorthy, Toni S. Shippenberg, :

Salvinorin A regulates dopamine transporter function via a kappa opioid receptor and ERK1/2-dependent mechanism,

Neuropharmacology, Volume 86, November 2014, Pages 228-240,

ISSN 0028-3908,

http://dx.doi.org/10.1016/j.neuropharm.2014.07.016.

 

[ii] Laut der Webseite der Drogenbeauftragten der Bundesregierung und den Polizeilichen Kriminalstatistiken 2012, veröffentlicht vom Bundesministerium des Inneren (BMI); Stand: Oktober 2016

 

[iii] Quelle: Statistiken der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), veröffentlicht im Rahmen des Weltdrogentages 2010

 




Die Ethik des rationalen Drogenkonsums (1) Einleitung

Die Ethik des rationalen Drogenkonsums

Teil 1 von 6: Einleitung

Der Konsum von psychoaktiven Substanzen/Drogen ist Teil fast jeder Kultur, egal ob es sich dabei um indigene Völker, religiöse Vereinigungen oder die moderne Gesellschaft handelt. Die einen konsumieren Drogen, um mit ihren Vorfahren in Verbindung zu treten, andere aus historischen und kulturellen Gründen oder des puren Genusses wegen. Dabei wird der Drogenkonsum je nach Substanz und Weltbild verschieden moralisch bewertet. Während für die Indianer Nordamerikas zum Beispiel der meskalin- und antibiotikahaltige San Pedro Kaktus ein Sakrament darstellt, mit dem sie Krankheiten heilen und spirituelle Erfahrungen induzieren, ist dieser und sein aktives Alkaloid Meskalin in den meisten westlichen Ländern ein verpöntes und illegales Halluzinogen. Mormonen dürfen keine abhängig machenden Drogen nehmen, und damit auch kein Kaffee, Tabak oder Alkohol konsumieren, dafür ist Mormonentee, hergestellt aus der Ephedrapflanze, deren Wirkstoff nah verwandt mit Amphetamin ist, ein fester Bestandteil ihrer Glaubensgemeinschaft. Im Islam ist der Konsum sämtlicher berauschender und benebelnder Drogen, insbesondere Alkohol, verboten, während im Christentum Wein und Myrre eine wichtige Rolle spielen. Im Amerika und Großbritannien des 19. Jahrhunderts war Opium eine Massendroge, die überall erhältlich war und von Millionen von Menschen konsumiert wurde. Im darauffolgenden Jahrhundert wurde sie verboten. Wie man sehen kann, ist die Herangehensweise an Drogen von Kultur zu Kultur und von Zeitgeist zu Zeitgeist verschieden und unterliegt starken Schwankungen.

Im Folgendem wird versucht, den Konsum von Drogen frei von kulturellen oder ideologischen Vorurteilen ethisch und rational zu bewerten. Ausgeklammert sind dabei der Drogenerwerb und -besitz, sowie die daraus resultierenden Fragen bezüglich der Rechtslage und des Ursprungs der Drogen. Es geht in diesem Essay ausschließlich um den Konsum und seine Folgen für den Konsumenten und ob es für den Konsumenten rational ist überhaupt und wenn ja, unter welchen Umständen, Drogen zu konsumieren.

Zu berücksichtigen ist bei der ethischen Betrachtung des Drogenkonsums, dass man differenzierend vorgehen muss. Nicht für jede Substanz und jedes Individuum und jedes Motiv und jeden Einzelfall lassen sich universelle Regeln anwenden, weshalb der Leser und Konsument dazu angehalten wird, stets selber nachzudenken und seine Urteile demnach zu fällen, statt sich dogmatisch an Idee von Autoritäten zu orientieren.

Generell kann man sich aufgrund rationaler Überlegungen darauf einigen, dass Drogenkonsum immer eine Belastung für die Psyche und den Körper des Konsumenten darstellt und daher nach Möglichkeiten vermieden werden sollte. Es gilt also herauszuarbeiten, wann Drogenkonsum gerechtfertigt werden kann und er so sinnvoll ist, dass sein Nutzen die negativen Effekte und Risiken überwiegt. Dazu muss man sich ansehen, welche Arten von Drogen es gibt und wann und wozu sie genommen werden.

Die Varietät der Motive und der Arten von Drogen scheint auf den ersten Blick unüberschaubar. Wenn man allerdings genauer betrachtet, warum Menschen Drogen nehmen und dies vergleicht mit der Art der Drogen, die sie nehmen, sowie deren Wirkung, so kann man drei Muster erkennen. Diese drei werden hier Prinzipen genannt, namentlich das Hedonistisch-Soziale, das Zielorientierte-Pragmatische und das Psychonautisch-Erforschende, auch wenn es zwischen den drei Prinzipien Überschneidungen gibt. Im Folgenden werden wir uns mit den einzelnen Prinzipien beschäftigen.

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