Indie Lesefestival 2017 – „Das Erwachen des letzten Menschen“ im Sonderangebot

Den ganzen Februar 2017 feiert Amazon das Indie Lesefestival und jeden Tag gibt es neue eBooks unabhängiger Autoren im Sonderangebot. Eines der Bücher, die dafür ausgewählt wurden, ist meine Novelle „Das Erwachen des letzten Menschen„, die es nun vom 22.02.2017 12:00 Uhr bis 01.03.2017 11:59 Uhr mit verschiedenen hohen Rabatten im Sonderangebot gibt. Wer die von der Kritik hochgelobte Novelle noch nicht gelesen hat, hat nun die Gelegenheit das günstig nachzuholen.

Hier findet ihr die Novelle auf Amazon als eBook: http://amzn.to/2fbe3Uv 

und hier Rezensionen und Co. : Das Erwachen des letzten Menschen




Paranoia(3): Hunger

Es waren Pollen in der Luft und mir tränten die Augen, juckte die Haut und ich hatte überall Ausschläge. Es ist scheiße Allergiker zu sein. Das Immunsystem hat einfach einen paranoiden Knall, greift harmlose Proteine an, die es für feindlich hält und zerstört dabei den Körper mit Stresshormonen und Histamin. Gegen die Histaminausschüttung, die für den Juckreiz und die Schwellugen ursächlich ist, kann man Antihistaminika nehmen. Zum Beispiel Cetirizin. Mein Begleiter im Frühling und Sommer seit Kindheitstagen. Ich ging in die Küche und nahm eine Schachtel des Wundermittels aus dem Arzneimittelschrank. Ich drückte aus dem Blister eine Tablette auf meine Handfläche und wandte mich dem Waschbecken zu, um mir ein Glas Wasser einzuschenken. Plötzlich erstarrte ich wie vom Blitz getroffen. Was waren eigentlich die Nebenwirkungen bei Cetirizin? Ich suchte den Beipackzettel. Sehr selten rief das Mittel allergische Reaktionen hervor.
Ich spürte, wie meine Poren Schweiß aussonderten und meine Lungen verkrampften. Was, wenn ich allergisch darauf reagierte? Stark allergisch? So dass ich einen anaphylaktischen Schock erlitt und starb? Ich hatte das Mittel zwar bereits hunderte Male genommen, aber Allergien konnten sich auch spontan entwickeln und dann würde ich sterben. Ich konnte mich selbst vor meinem inneren Augen sehen, wie ich mit geschwollenem Hals zuckend am Boden erstickte. Tod durch Allergie auf ein Antiallergikum. Ich warf die Tablette in den Müll. Tief durchatmend stolperte ich davon. Gerade noch war ich dem Tod entronnen. Glaubte ich zumindest.

Eines Abends gab es Tortillas zu essen. Meine Leibspeise bis zu diesem Tag. Ich zerschnitt eine Tortilla mit Messer und Gabel, während meine Eltern und Geschwister sich die Tortillas mit den Händen in den Mund schoben.
»Warum isst du nicht mit den Händen?«, fragte mich einer meiner Brüder verwundert.
»Wegen dem Dreck an den Fingern… Krankheiten und so…«, murmelte ich und er nickte verwirrt, bevor er sich von mir abwandte. Ich war für meine Familie schon immer ein Sonderling mit komischen Macken gewesen, also verwunderte meine neue Essgewohnheit keinen. Ich kaute gerade genüsslich meinen dritten oder vierten Bissen, als ein Gedanke in meinen Kopf schoss. Was wenn der Fladen abgelaufen war oder doch nicht aus purem Mais bestand, schließlich war ich auf Weizen allergisch? Mein Kiefer erstarrte und mir wurde übel. Ich nuschelte etwas und stand auf.
In der Küche spuckte ich den Speisebrei aus meinem Mund in den Biomüll und begann den Plastikmüll zu durchwühlen. Ich fand die Tortillapackung und erblasste. Sie war vor neun Tagen abgelaufen. Mit zittrigen Fingern drehte ich sie um. Weizenmehl (20%) stand fettgedruckt bei den Zutaten. Ich ließ die Packung fallen und stürzte schreiend ins Bad. Meine Familie rief mir verwundert hinterher. Ich fiel auf die Knie und rammte mir die Hände in den Rachen. Immer und immer wieder, bis sich mein schmerzender und malträtierter Verdauungsapparat aufbäumte und ich die paar wenigen Bissen erbrach. Ich weinte.
»Was ist…«, hörte ich die besorgte Stimme meiner Mutter.
»Was ist?«, brüllte ich und der Tränenschleier vor meinen Augen bebte. »Du hättest mich fast umgebracht! Die Tortillas enthalten Weizen und sind abgelaufen«
Meine Mutter sah mich an, als hätte ich den Verstand verloren. »Du hast die immer gegessen. Das bisschen hat dir nie geschadet und ein paar Tage…«
»Ich bin allergisch und es sind neun Tage! Ich werde sterben! Ruft den Krankenwagen!«
Kreischend stürzte ich ins Wohnzimmer zum Telefonhörer, um den Notruf zu wählen. Mein Bruder stellte sich mir in den Weg. Meine Eltern schickten mich aufs Zimmer, wo ich weinend auf meinen Tod wartete – der nicht eintrat. Seit dem Tag an kochte ich für mich selber.

Ich nahm ein Glas aus dem Schrank und wollte Wasser einfüllen, als ich etwas sah, was mich innehalten ließ. Am Boden des Glases war eine halbdurchsichtige Schicht. Kalk? Vielleicht aber auch getrocknetes Spülmittel? Ich stellte das Glas weg, um direkt aus dem Hahn zu trinken. Mein Herz stockte. Am Filter des Hahns war ein großer weißer Klumpen mit einem Gelbstich. Schimmel? Nein. Das war Kalk. Ganz normale Kalkablagerungen. Aber was für Krankheitserreger mochten darauf leben?
Ich ging zum Supermarkt Wasserflaschen kaufen.

Ich sah mir ein YouTube Videos an und aß dazu Chips mit einer Gabel aus der Tüte. Mit der Gabel, damit ich die Chips nicht mit meinen Fingern kontaminierte. Nach einiger Zeit hatte ich das Gefühl, dass die Chips merkwürdig schmeckten. Sie waren zwar noch lange haltbar, aber vielleicht verunreinigt oder so. Ich schmiss die halbe Packung weg und kotzte.

Am Mittwoch war ich mit meiner Mutter in der Stadt einkaufen. Immer wieder sah ich mich um. Ich spürte ein merkwürdiges Ziehen in meinem Kopf, als würde jemand versuchen meine Gedanken zu lesen. Die meiste Zeit des Einkaufes verbrachte ich dann damit möglichst kompliziert oder gar nicht zu denken, um die Gedankenleser zu verwirren.

Die Klospülung rauschte hinter mir und ich ging zurück in mein Zimmer. Ich setzte mich wieder an meinen PC und griff nach einer offenen Flasche, als mich ein fürchterlicher Gedanke ergriff.
Was, wenn irgendjemand LSD, NBOMEs oder Gift in mein Wasser getan hatte, während ich kaken war? Vielleicht mein Bruder? Vielleicht Tim? Ich konnte bereits vor meinem geistigen Auge sehen, wie ich auf einem Badtrip schreiend und kotzend elendig durchdrehen würde. Ich rümpfte die Nase, dann verschloss ich die Flasche, warf sie in den Mülleimer und öffnete eine neue. Ich trank und plötzlich hatte ich das Gefühl beobachtet zu werden. Ich stellte die Flasche ab und griff langsam unter dem Tisch nach dem Messer, welches ich dort befestigt hatte. Ich drehte mich wie zufällig um. Unsere Blicke trafen sich und ich knurrte wütend. Der Zivi auf dem Balkon gegenüber, mit seiner ah so coolen Sonnenbrille, gab wieder mal vor ein Sonnenbad zu nehmen. Ich ließ das Messer los und grinste. Keine Beweise mehr, außer das Salvia in der Post, aber deren Bestellung könnt ihr mir nicht nachweisen. Ich weiß zumindest wie man Bitcoins wäscht. Scheiß Bierprollos.
Ich ging zum Fenster und ließ die Rollladen für immer herunter. Ich hatte nichts zu verbergen, aber beschatten lassen musste ich mich auch nicht.

Das letzte Mal verließ ich das Haus zu einem gemeinsamen Familienfahrradtrip zu einem griechischen Restaurant ein paar Kilometer entfernt. Ich fühlte mich fiebrig und schwindelig, als würde ich gleich zusammenbrechen. Mein Herz raste wegen der Angst vorm Zusammenzubrechen und Schweiß rann in Strömen an mir herab. Die Sonne brannte gnadenlos. Meine Beine hatten wenig Kraft, weil ich seit längerem nicht mehr trainiert und mehrere Kilo Körpergewicht verloren hatte.
Ein paar Zivilcops kamen uns entgegen und einmal sah ich sogar einen Einsatzwagen am Straßenrand, aber ich behielt souveräne Ruhe und fuhr meiner Familie hinterher. Keuchend und schnaufend hielt ich irgendwie mit und war erleichtert, als wir endlich ankamen.
Wir setzten uns in den Biergarten. Überall waren Menschen, die ihre drecks Droge Ethanol tranken und ich könnte wetten, dass nicht wenige von Ihnen der Polizei nahestanden.
Der Kellner kam zu uns. Er grinste suspekt. Wir bestellten Getränke und nach einigem Zaudern entschied ich mich für Garnelen. Der Typ notierte sich alles, lächelte verschwörerisch und verschwand Richtung Küche. Meine Familie redete und redete, aber ich hörte nicht zu. Ich hatte das Gefühl zu ersticken und mir war ganz schummrig, während gleichzeitig mein Herz panisch gegen die Rippen pochte. Ich hielt die Augen geschlossen, versuchte ruhig zu atmen. Ich würde jeden Moment einen Schlaganfall oder Herzinfarkt bekommen, das spürte ich. Vielleicht war es sogar bereits passiert, aber daran konnte ich sowieso nichts ändern, also versuchte ich ruhig zu bleiben. Auf die Fragen meiner Familienmitglieder antwortete ich mit einem geknurrten: »Hab Kopfschmerzen… Jetzt nicht. In Ordnung«
Der Kellner brachte die Getränke. Er stellte ein Glas Mineralwasser vor mich. Kein Saft, schließlich könnte ich auf die Früchte darin allergisch reagieren, und mit Sprudel, der zumindest ein paar Bakterien abtötete.
Ich hatte Durst und merkte, dass ich komplett dehydriert war, aber ich musterte das Glas misstrauisch. War es sauber? Vielleicht hatten die Angestellten des Restaurants vergessen es richtig auszuspülen und es war noch mit Hepatitis kontaminierte Spucke eines anderen Gastes oder karzinogene Spülmittelrückstände darin? Oder? Ich sah misstrauisch in die Runde. Vielleicht war es vergiftet, aber selbst wenn, ich durfte mir nichts anmerken lassen. Ich griff nach dem Glas und nahm einen Schluck. Das Wasser rann meine verdorrte Kehle hinab. Es hatte einen bitteren Beigeschmack. Ganz schwach, aber ziemlich sicher da. Mein Kiefer verkrampfte sich. Ich stand auf und nuschelte etwas von Klo.
Mit schnellen Schritten bahnte ich mir meinen Weg zur Restauranttoilette. Ich versicherte mich allein zu sein und verriegelte die Tür hinter mir. Dann spuckte ich das Wasser aus meinen Mund ins Waschbecken. Ich atmete tief durch und strich mir die langgewordenen Haare aus dem Gesicht. Der Spiegel irritierte mich. Ich glaubte mich darin zu sehen, abgemagert und mit eingefallenen Wangen und dicken Augenringen. Ich war definitiv nicht gesund und das lag an den andauernden Vergiftungsversuchen und dem Stress, den die Überwachung durch Zivis mit sich bringt. Ich starrte mich selber genauer an, aber wenn ich versuchte Teile meines Gesichtes zu erfassen, verschwammen sie, schienen zu schwimmen und ihre Form zu ändern. Ich konnte nur eine Abstraktion meiner selbst erkennen. Meine Handflächen wurden feucht und ich musste einen Schrei unterdrücken. Das im Spiegel war kein Gesicht. Es war ein unförmiges Etwas, das mir Angst machte. Übelkeit und tiefer Ekel stiegen in mir auf. Ich stürzte aus der Toilette nach draußen, wo ich sofort mein Tempo bremste und langsam ging, um keine Aufmerksamkeit zu erregen – was zwecklos war. Ich konnte die Blicke aller spüren, als ich mich zu meinem Platz begab und mich setzte, als wäre nie etwas passiert. Als wäre nie etwas passiert! Als ob!
Das Essen war in der Zwischenzeit bereits gebracht worden. Ich sah zu meinen Familienmitgliedern auf und versuchte unauffällig ihre Gesichter zu studieren. Mein Herz machte einen Satz. Auch diese waren unförmig. Wenn ich kurz hinsah, erkannte ich die mir vertrauten Züge, doch, wenn ich sie genauer betrachtete, verschwammen sie. Ich starrte die Nase meines Bruders an. Sie atmete, wurde größer und wieder kleiner, verschwand und verschmolz mit seinem Gesicht. Sein Gesicht! Wie sah es überhaupt aus? Ich konnte es nicht erkennen. Ein Schüttelfrost überkam mich. Das unförmige Etwas sah auf, entdeckte mich: »Alles in Ordnung? Habe ich etwas im Gesicht?«, fragte mich eine weit entfernte Stimme, die in meinem Kopf widerhallte.
»Ja. Ja. Nein… Ähm… Ich habe nur vor mich hingestarrt.«, antwortete meine ferne Stimme, die mit dem allem überfordert war.
»Aha«, sagte das Etwas, sagte mein Bruder und widmete sich wieder dem Essen. Ich tat ihm gleich. Vor mir auf dem Teller lagen vier große Garnelen und ein kleiner Haufen Reis. Sie sahen merkwürdig aus. Ich war mir nicht sicher, aber ich glaubte einen leichten Gelbstich ausmachen zu können.
Zögerlich schnitt ich ein kleines Stück des weißen Fleisches heraus und schob es in den Mund. Kaute. Verzog das Gesicht. Es schmeckte… merkwürdig. Wie schmeckten normale Garnelen? Und reagierte ich auf Garnelen vielleicht allergisch? Tödlicher anaphylaktischer Schock, schoss mir durch den Kopf. Meerestiere waren von klein auf meine Leibspeise gewesen, aber ich war mir plötzlich nicht mehr ganz sicher und griff nach einer Serviette, drehte mich um und gab vor, mir die Nase zu putzen. Ich spuckte aus und hungerte bis zum Abend, wo ich Maiswaffeln und Vitamintabletten aß.




Paranoia (2): Der Tag danach

Ich grübelte an meinem Schreibtisch, hielt inne und ließ meinen Blick aus dem Fenster schweifen. Ich zuckte zusammen. Auf einem Balkon gegenüber saß ein Mann mit Sonnenbrille. Er gab den Anschein sich zu sonnen, aber instinktiv wusste ich, dass er mich beobachtete. Ich stand auf und rollte die Jalousie herunter. Scheiße, das war sicher ein Zivi. Sie hatten die Aztekensalbei abgefangen oder irgendein Scheißer hatte ihnen gesteckt, ich würde dealen, um für sich selbst eine Strafmilderung rauszuschlagen. Es durchfuhr mich heißkalt und ich bekam eine Gänsehaut. Ich ging zu meinem Bett und legte mich auf den Boden davor. Kurz darauf lag der aufgeschlossene Koffer vor mir. Massenweise Ritalin – die Basis meines Business, die ich mit dreizehn verschrieben bekommen und abgesetzt hatte – und stapelweise Döschen mit verschiedenen Pillen und Kräutern. Manche legal, manche nicht. Kokablätter, Blauer Lotus, ein braunes Hustensaftfläschchen gefüllt mit selbstsynthetisiertem Chloroform, Holzrosesamen, Kratom und eine Platte Hasch, normale Schoki und Knaster, fünf LSD Blotter, 200g pharmazeutisch 100% reines Koffeinpulver zum strecken oder sniffen, Testkits, um Ware auf Streckmittel zu testen, selbstverständlich eine Feinwaage und hunderte durchsichtige Apothekertütchen. Viel. Sehr viel, aber das meiste davon nahm ich selber gar nicht oder nur ein einziges Mal und nie wieder. Ich war Forscher und Unternehmer zusammen mit Tim. Aber das war jetzt Geschichte. Ich würde das Geschäft vollkommen an ihn abtreten. Die Bierproleten hingen mir am Arsch, ich wurde langsam paranoid und Tim… Nein. Tim nahm mich nicht ernst und war ein amoralistischer Psycho, fuhr es mir durch den Kopf. Er hatte mich dazu gebracht die Kanna-Pillen zu nehmen, mich auf dem Horrortrip ausgelacht und im Stich gelassen. Warum sollte ich das Zeug Tim geben? Wir hatten zwar beide zusammen das Business aufgebaut, aber ich hatte die Quellen und Kontakte, kaufte Bitcoins und im DarkNet ein und traf mich mit Großhändlern. Er lieferte nur an die Kunden aus und war selber einer der größten. Er lebte von meinem Geld. Und er nutzte mich aus, realisierte ich. Ich lagerte bei mir, ließ an meine Adresse liefern und er war der Nutznießer, wenn es jedoch hart auf hart kam, ließ er mich in Stich. Ich konnte ihm nicht trauen. Ich spülte die Drogen die Toilette runter. Ich ging zum Gartenschuppen und holte 2kg Thermit aus einer Tüte, die ich dort versteckte. Bevor ich mit Drogen gehandelt hatte, waren Sprengstoffe meine Leidenschaft gewesen, aber ich hatte vor langer Zeit die letzte Rohrbombe gezündet und die letzten Chemikalien in den Restmüll gekippt. Ich packte den Koffer mit dem verbliebenen Beweismaterial voll mit Thermit. Ich entnahm meinem Laptop die verschlüsselte Festplatte und warf sie mit rein. Schade um die Bitcoins.
Bevor ich mich auf den Weg machte, fiel mein Blick auf die Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen von Christian Rätsch in meinem Regal. Dieses verdammte, scheiß Buch war zu teuer und schwer, um es zu vernichten. Ich würde es vorerst behalten müssen und später verkaufen.

Ich fuhr zu dem ehemaligen, verlassenen Militärflughafen bei Neubiberg, südlich von München. Ich erinnerte mich, wie ich früher dort mit dem Rucksack voll HMTD oder Apex hingefahren war, um zum Spaß Hundekotmülleimer zu sprengen und Betrunkenen mit Pyrotechnik, Flares und Benzinlachen einen Höllenschiss einzujagen. Allein bei dem Gedanken wurde mir übel und ich bekam trotz der Hitze eine Gänsehaut. Wie hatte ich so leichtsinnig sein können, so etwas Gefährliches zu tun? Allein der Koffer voller Beweismaterial in meiner Hand ließ das Blut in meine Eier sacken. Ich sah mich die ganze Zeit um und schlug Haken durchs Gebüsch, um die Zivis abzuschütteln.
Und früher war ich hier sorglos durch die Gegend gefahren, sogar, wenn ich genug Sprengstoff um eine U-Bahn zu räumen in meinem Rucksack hatte. Warum war ich plötzlich so verdammt ängstlich?

Ich steckte eine Zündschur in den Koffer, und sah mich gehetzt um. Der kleine, durch Gebüsche isolierte Asphaltstreifen lag gut versteckt, dennoch hatte ich Angst, jemand könnte vorbeikommen. Ich wartete. Nichts geschah, also zündete ich die grüne Schnur an, die sofort funkensprühend loszischte.
Ich rannte zu meinem Fahrrad. Das Herz schlug mir bis zum Hals. Die zischenden Funken verschwanden mit einer kleinen Rauchwolke im Inneren des Koffers. Ich hielt den Atem an. Würde es zünden? Falls nicht, hatte ich ein Problem. Just in dem Moment, als ich glaubte, versagt zu haben, gab es ein lautes Knastern und Zischen. Der Koffer riss auf und eine 2600C° heiße Flammensäule schoss zum Himmel. Ich trat aufs Pedal, raste davon. Meine Schläfen pulsierten. Ich hatte das Gefühl, jeden Moment würde ein Zivi mich vom Rad reißen und mich wegen Brandstiftung einkerkern. Naja, besser als Drogenhandel; den würden sie mir nicht mehr nachweisen können. Ich stürzte mit quietschenden Reifen, keuchend und schweißgebadet von einem Trampelpfad aus dem Gebüsch auf die Straße. Ich bremste und atmete tief durch. Dann fuhr ich langsam und unauffällig weg. Ein Mann mit Sonnenbrille kam mir entgegengeschlendert. Mein Magen verkrampfte sich, aber ich musste trotzdem ein Lächeln unterdrücken. Der war sicher ein Zivi, der mich überwachen sollte, aber alle Beweise und Fingerabdrücke waren gerade eben in Rauch aufgegangen. Sie konnten mir nix mehr. Zu spät, du Hurensohn.

Ich verbrachte viel Zeit auf Wikipedia und las dort über Krankheiten und Vergiftungen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass etwas mit meiner Gesundheit nicht stimmte. Auch brach ich den Kontakt zu Tim und den anderen Dealern ab. Ich hatte das Gefühl, dass er mich nur ausnutzen und irgendwann umbringen wollte. Er hatte mich in die Welt der Drogen eingeführt, aber nur um meiner Gesundheit zu schaden und Profit aus meinen Geschäfts- und Technologieverständnis zu schlagen. Ich war mir plötzlich sicher, dass er beim Klassentreffen die Pillen gar nicht geschluckt hatte und sich nur an meinem Leiden erfreute. Dreckiger, sadistischer Bastard. Wahrscheinlich, nein, ziemlich sicher, würde er mich eines Tages umbringen, denn er war von Serienkillern fasziniert und hatte oft gesagt, er würde gerne wissen, wie es sich anfühlt, zu töten. Ich hatte mir früher dabei nicht viel gedacht, da meine Interessen ähnlich waren und er mein bester Freund, aber seitdem ich entdeckt hatte, dass er mich nur ausnutzte und manipulierte, misstraute ich ihm.

[Fortsetzung folgt]

Hier geht es zu Teil 3 ===>




Paranoia (1): Der Trip

Das ist eine vierteilige Novelle, von der ich jede Woche eine Episode veröffentlichen werde. Die Handlung und die Charaktere sind fiktiv.

Man könnte die Anfänge und Ursachen bereits in meiner Kindheit oder in den vorhergegangenen,
experimentierfreudigen Monaten suchen, aber ich glaube, dass es an jenem heißen Julitag begann.
Die Sonne brannte vom wolkenlosen Himmel auf uns herab, der Schweiß tränkte mein T-Shirt.
»Also ich weiß nicht«, sagte ich.
»Ah komm, Alter, das wird schon nice«, erwiderte Tim.
»Das ist mir irgendwie zu sinnlos.«
»Alle außer uns werden saufen. Ich werde den scheiß Alk safe nicht anrühren – du sowieso nicht, aber wir können uns ja damit einstimmen und zugleich was Neues ausprobieren.«
Er zog das glänzende Tütchen hervor und wedelte damit vor meiner Nase herum, keine zwei Meter vor einer dicht befahrenen Kreuzung. Mein Herz machte einen Sprung.
»Pack das weg. Du kannst doch damit nicht in der Öffentlichkeit rumwedeln«, fuhr ich ihn wütend an.
»Ist doch sowieso legal«, maulte Tim.
»Und das weiß ja auch jeder in diesem alkoholistischen Scheißland, oder was? Die sehen nur zwei verschwitzte Teenager mit Sonnenbrillen, die Pillen aus einem bunten Tütchen schlucken. Ich habe keinen Bock auf Stress mit den Bierproleten von der Polizei oder irgendeinem Spießer.«
»Okay. Okay.«, lenkte er ein und steckte es weg. »Nimmst du es? Es wäre eine Pflanze mehr aus der Enzyklopädie zum Abhaken. Kanna.«
»Sceletium tortuosum. Genau. Aber es ist nicht nur das stark stimulierende Kanna. In den Pillen ist noch dieses Synephrin und Koffein. Und wir haben erst letzte Woche auf Holzrose und Weed getrippt. Wir haben uns nicht nur absolute Ethanolabstinenz, sondern auch 6-wöchige Konsumpausen zwischen den einzelnen Experimenten geschworen«
»Und wenn du dich einmal nicht daran hältst, geht die Welt unter oder was? Jetzt puss nicht rum. Du hast mir das Zeug ja sogar verkauft.«
Ich seufzte und wischte mir den Schweiß von der Stirn. Da hatte er recht. Ein Dealer, der den eigenen Stoff nicht nehmen wollte, war alles Mögliche, aber kein Qualitätsversprechen. »Okay. Ich bin dabei, aber nur, wenn wir es dort auf dem Klo nehmen, ich habe nämlich keinen Bock auf unnötige Aufmerksamkeit.« Ich zeigte auf die Rolltreppen zur U-Bahn.
»Was? Wie so scheiß Junkies auf dem Bahnhofsklo? Arm. Einfach nur eine arrrme Aktion.«
Ich stellte mich stur.

»Bei Leary, verdammt«, sagte Tim und rümpfte die Nase. »Hier stinkt es ja übelst«
Ich zuckte mit den Schultern. Es war eine Bahnhofstoilette. Es roch nach Pisse, schwarzer Dreck klebte in den Fugen der Kachelwände und -böden, eine Kabinentür war zerbrochen, Zeitungspapier fledderte herum und gleich neben der Tür war einer dieser schmuddeligen Sexspielzeug-und-Kondom-Automaten Ich sondierte die Lage. Kein Penner, den wir beim Schlafen störten, keine Junkies, die mit der Nadel im Arm sabbernd in der Ecke lagen.
Der Gestank hatte wohl alle potenziellen Bewohner verscheucht. »Die Luft ist rein«, sagte ich »gib her«.
Tim riss das silberne Tütchen mit dem buntem Logo auf und schüttete den Inhalt auf seine Handfläche aus. Vier große, braune Pillen. Jeder nahm zwei und spülte sie mit Mineralwasser runter. Ich schloss die Augen, spürte wie das Adrenalin heiß durch meine Adern schoss und mich zittrig machte, wie jedes Mal, wenn ich eine unbekannte Substanz zum ersten Mal konsumierte. Ich lächelte und sagte: »Ich muss pissen.«

Wir gingen über die Straße. Es war heiß. Ich schwitzte, ich schwitzte extrem und spürte ein Drücken auf meiner Brust. Ich hatte das unbestimmte Gefühl einen Fehler gemacht zu haben, aber noch konnte ich nicht genau den Finger darauf legen, was es war. Tims Stimme drang zu mir durch, aber ich hörte nicht zu, bis er geendet hatte und ich am Ton merkte, dass er mich etwas gefragt hatte.
»Was?«, fragte ich gedankenverloren.
»Ob alles mit dir in Ordnung ist? Du siehst ziemlich verstimmt aus«
»Ahso. Ne, alles gut.«, sagte ich und zwang mir ein breites Grinsen ab. Ich durfte mich nicht zu sehr auf die negativen Gedanken einlassen, sonst würde mein Set kippen und alles nur schlimmer werden. Ich gab mein Bestes die Zweifel zu unterdrücken, aber ich schwitzte in Strömen und spürte, wie mir immer heißer wurde. Ich nahm mein Handy heraus und googelte die Inhaltsstoffe des Legal Highs. Ich kannte sie zwar bereits auswendig, aber ich hatte plötzlich das dringende Verlangen zu überprüfen, ob ich nicht irgendetwas übersehen hatte. Enthalten war ein Extrakt der Sceletium tortuosum – Kanna, eine euphorisch und stark stimulierend wirkende Pflanze, von der Wirkung mit Kokain vergleichbar, Synephrin, ein Ephedrinersatz, welcher als Kreislaufstimulanz und Fatburner verwendet wird, und Unmengen an Koffein. Scheiße, dachte ich. Ich hatte sowieso schon gelegentlich Kreislaufprobleme und bei der Hitze Stimulanzien? Wo ich Upper ohnehin schlecht vertrage? Warum hatte ich mich dazu überreden lassen? Auf einmal war mir richtig schlecht. Mein ganzer Körper versteifte sich. Das Blut sackte in die Beine. Bevor ich weiterdenken konnte, riefen Stimmen unsere Namen. Ich sah auf und erkannte meine ehemaligen Klassenkameraden. Das würde ein schreckliches Grundschulklassentreffen sein. Ich begrüßte die Personen, die mich teilweise seit sechs Jahren nicht mehr gesehen hatten und nun erleben würden, wie ich austickte. Fucking Gonzo.

Wir gingen alle zusammen in den EDEKA an der Tierparkstraße. Mittlerweile waren wir zu zehnt, der Rest würde gleich eintreffen. Ich irrte nervös zwischen den Regalen umher und griff mir eine Milch – das beste natürliche Entgiftungsmittel, wenn ich Albert Hoffmanns Anekdote zu seinem ersten, ungewollten Trip auf Acid richtig in Erinnerung hatte.
Dazu noch eine Schachtel Müsli. Auf das geplante Grillen an der Isar hatte ich plötzlich keine Lust mehr.
Bei dem Anblick von Fleisch wurde mir übel, als müsste ich mich gleich übergeben. Schwitzend und schwer atmend stellte ich mich an der Kasse an. Ich wippte nervös und aufgekratzt auf meinen Fersen hin und her. Vor mir war eine ehemalige Klassenkameradin, die über irgendetwas aufgeregt und fröhlich schwafelte, aber ihre Worte drangen nicht durch das Gedankenchaos in meinen Verstand. Ich nickte stumm, meine Kehle fühlte sich wie zugeschnürt an. Plötzlich klatschte mir jemand auf die Schultern. Erschrocken wirbelte ich herum. Tim stand hinter mir. Er grinste und flüsterte: »Es flutet an. Geil, geil, geil. Spürst du es auch?« Ich nickte. Ich musste sofort weg, die scheiß Droge aus meinem Körper kriegen.

Während die anderen sich an einer Eisdiele anstellten und lachend Neuigkeiten austauschten, stürzte ich davon, um mir etwas abseits die Finger in den Rachen zu rammen. Mein Magen bäumte sich auf, weigerte sich, aber letztendlich schoss ein Strahl gallenbitterer Kotze vor meine Füße. Nicht viel. Ich hörte jemanden mich rufen. Vorerst hatte ich genug gekotzt. Ich wischte mir den Magensaft vom Mund, trank einen Schluck Milch hinterher und machte mich mit wackeligen Beinen auf den Weg zurück zur Gruppe. Ich lächelte und fühlte mich hinter meiner Sonnenbrille viel selbstbewusster. Dann spürte ich, wie die Wirkung stärker wurde, sich alles in meinem Kopf drehte und noch mehr Schweiß aus meinen Poren schoss. Mein Lächeln wurde schief, das eines Verdammten.

Als wir in der prallen Sonne die Thalkirchener Brücke überquerten, glaubte ich, an einem Hitzeschlag zu sterben. Mein Fleisch, die Luft und meine Augen glühten, meine Kehle fühlte sich trocken an. Ich hätte am liebsten geschrien.

Wir saßen auf Steinen am Ufer der Isar. Mein Herz lief unkontrolliert Amok und schlug wild gegen meine Brust. Still saß ich in der Runde, die sich um Einweggrille und Bierkästen versammelt hatte. Tim grinste wie ein Honigkuchenpferd. In meinem Magen grummelte es. Ich fasste mir an den Mund, sprang auf und lief zum Fluss und reiherte hinein. Ich wischte mir den Mund ab und begann nervös herumzulaufen. Mein Körper brannte, so heiß war er. Meine Shorts klebten mir an den Schenkeln. Scheiße. Ich zog mein Handy und googelte Substanzen, Tripberichte und Drogennotfälle, stolperte über das durch Stimulanzien kombiniert mit Monoaminoxidase-Hemmer verursachte tödliche Serotoninsyndrom. Hatte ich MAO Hemmer genommen? Passionsblumenkraut drei Tage zuvor, oder? Nein, das lag schon mehrere Monate zurück. Ich war mir plötzlich nicht mehr sicher. Meine Gedanken wirbelten, Erinnerungen und Befürchtungen, Ängste, Lügen und Wahrheiten verschmolzen miteinander. Wie lange wirkte das nach? War es ein reversibler oder irreversibler MAO-Hemmer? Der Schweiß verrann auf dem Display.

»Tim.«, flüsterte ich und hatte dabei das Gefühl zu ersticken. »Tim. Tim!«
Er saß mit dem Rücken zu mir in der Runde und hörte anscheinend zu, wie eins der Mädchen irgendetwas von ihrem Freund erzählte. »Tim!«, wimmerte ich verzweifelt und zupfte an seinem T-Shirt.
Er drehte sich zu mir um.
»Ich muss ins Krankenhaus. Mir ist richtig schlecht.«
Er lächelte und winkte ab. »Ah was. Chill mal«.
»Was ist mit ihm los?«, fragte ein Mädchen und sah mich besorgt an.
»Ah, der schiebt nur Paras, weil er auf nem Trip ist. Wird schon wieder.«
»Was? Ihr nehmt Drogen?« Unsere ehemaligen Klassenkameradinnen starrten uns entsetzt an, einer, Franz, lächelte wissend, ich taumelte davon und kotzte.

Ich war dabei zu sterben. Ich würde gleich an einem Serotoninsyndrom zugrunde gehen, sabbernd und bewusstlos. Ich lief im Kreis. Fraß mehr Müsli zur Beruhigung, bis ich nach der halben Packung bemerkte, dass es Haselnüsse enthielt. Ich reagiere allergisch auf Haselnüsse. Ich fing wieder an zu kotzen.

»Ich muss ins Krankenhaus… Bitte!«
»Ah was.«
»Im Ernst, ich krepiere.«
»Dann geh allein.«
»Ich habe Angst unterwegs zu kollabieren.«

Tim baute sich mit Franz einen Joint. Ich kotzte das halbe Ufer voll.
»Ich muss ins Krankenhaus«, schrie ich.
Tim lachte und zog am Joint.
Krankenhaus. Koffein. Die Welt drehte sich… und drehte sich und mein Herz setzte aus. Kotzen. Kotzen. Lachen. Grinsen… Tim raucht Joint… tototum.. Schweiß alles voller Schweiß. Pisse. meine Hände zitterten… Krankenhaus… muss… Kanna… Tim lacht… Kotzen..Serotoninsyndrom…MAO..Sterben… Mama… Hilf mir! Ich will nicht… tot… Zieh mal. SterbenTodKrankenhausDrogentodLeben ist finito. Ich hatte Angst. Die Erinnerungen sind nichts als ein verschwommener Schleier fiebriger Panik.

Die S-Bahn fuhr ratternd davon. Hauptbahnhof. Ich nippte vorsichtig an einer Flasche Wasser.
»Und? Fühlst du dich besser?«, fragte mich Tim.
Ich nickte. »Ja, aber ab jetzt halten wir uns an die Konsumpausen. Und keine Upper mehr.«
»Okay. Du hast übrigens noch immer Tellerpupillen.«
Ich lachte. Fünf Stunden zuvor hatte ich die Pillen geschluckt. Die S3 fuhr ein und wir erhoben uns.

Ich fühlte mich körperlich ausgelaugt, aber mein Geist war wachsam. Tim schlurfte auf dem Weg nach Hause schweigend neben mir her. Es war dunkel und ich sah mich dauernd um. Ich wurde das Gefühl nicht los, beobachtet zu werde. Es war niemand hinter uns. Meine Gedanken drifteten zu der Wahrsagersalbei bzw. Salvia divinorum. Die Lieferung aus der Niederlande hätte längst ankommen sollen. Vielleicht hatte der Zoll sie abgefangen? Vielleicht durchsuchten in diesem Moment Polizisten mein Zimmer, fanden meinen Vorrat an Drogen und meine Dealerutensilien. Panik stieg in mir auf.
Meine Brust verkrampfte sich und meine Hände wurden feucht. Eine unerträgliche Angst ergriff mich, je näher wir meinem Haus kamen. Jeden Moment würden Zivis mich ergreifen. Nichts geschah. Wir verabschiedeten uns. Ich sperrte auf. Es war dunkel, meine Familie schlief zum Glück bereits. Erschöpft brach ich auf meinem Bett zusammen.

[Fortsetzung folgt]

Diese und weitere Geschichten findest du in diesem Buch: http://amzn.to/2fWoeKI

Hier geht es zu Teil 2 ==> Paranoia (2)