Ankündigung: Neue Anthologie „Wenn Soziopathen träumen“

Am 24. Juli 2017 erscheint meine dritte Anthologie „Wenn Soziopathen träumen„, und ähnlich wie in Wahnsinn und Wahn, wird dieses Buch wieder eine Sammlung von obskuren, gruseligen und verstörenden Geschichten enthalten. Allerdings sind diesmal die Geschichten etwas anders, schließlich habe ich mich in der Zwischenzeit als Schriftsteller weiterentwickelt und mich von der klassischen Horrorliteratur etwas entfernt und mehr den surrealistischen und psychedelischen Texten zugewandt, wie mein vorletzter Roman Crackrauchende Hühner wohl am meisten verdeutlicht. Und es gibt eine weitere Neuerung, denn das erste Mal wird ein Buch von mir Illustrationen beinhalten. Meine Freundin, die Künstlerin Vivienne Feiler, hat für das Buch 13 verstörende Zeichnungen angefertigt, für jeden Texte eine.

Insgesamt wird die Anthologie 172 Seiten haben mit 13 Texten, davon zwei Novellen, neun Kurzgeschichten, ein surrealistisches Gedicht und ein abgefucktes Lexikon, zum nachschlagen unbekannter Begriffe. Eine der beiden Novellen erzählt die Lebensgeschichte des Magiers Mos Valamor, einem Charakter in meinen beiden Elirium-Saga Romanen.

Für die Veröffentlichung sind Gewinnspiele, Kooperationen mit Bloggern, Interviews und weitere Aktionen und Events geplant. Infos dazu werden zeitnah auf meinem Blog und in den Sozialen Netzwerken, insbesondere auf Instagram, wo ich am aktivsten bin, verkündet. Vorbestellungen können bei mir via Mail an autor@leveret-pale.de getätigt werden. Bezahlung ist via PayPal und Überweisung möglich. Alle Vorbestellungen werden von der Illustratorin und mir, dem Autor, exklusiv signiert und erhalten auf Wunsch eine persönliche Widmung von mir. Der Preis für ein Taschenbuchexemplar liegt bei 9,99€. Da ich allerdings in der letzten Juliwoche auf Studienreise in Weimar bin, werden die Vorbestellungen erst am ersten August verschickt. Trotzdem erhalten die Vorbesteller die Bücher höchstwahrscheinlich früher, als die regulären Käufer, da erfahrungsgemäß die meisten Buchhändler, und auch Amazon, das Buch erst nach einer Woche, also ab Anfang August auf Lager haben werden.

Fotos vom Testdruck: https://www.instagram.com/p/BWAP-ysDJ8K/

Coverentwurf für die Anthologie




Paranoia(4): Das Monster zeigt sein wahres Gesicht

Es kreischte. Ich rannte weg, hörte hinter mir das Schnaufen der lodernden Nüster und das Kratzen der Krallen. Es kam immer näher, holte mich ein. Ich stolperte über Wurzeln durch den nebelverhangenen Wald, während ich den glühenden Atem in meinem Rücken spüren konnte. Es griff nach mir. Ich schrie und fiel hin. Der Boden gab unter mir nach, wie schwarzer Pudding und schreiend versank ich in der Finsternis.

Keuchend und zitternd richtete ich mich in meinem Bett auf. Um mich herum Schwärze. Kalter Angstschweiß tränkte Laken und Decke. Ich konnte Es noch immer wahrnehmen. Panisch tastete ich nach dem Lichtschalter meiner Nachttischlampe. Das Licht ging an, die Dämonen zogen sich mit stummen Schreien in die Schatten zurück und ich griff nach der Axt neben meinem Bett. Meine Brust bebte, als ich mit meinen abgemagerten Armen die schwere Waffe hob. Ich konnte spüren, dass Es noch da war. Ich drehte mich langsam um, aber da war nur die Wand. Ich wirbelte herum, mein Zimmer war noch immer ins bedrohliche Halbdunkle getaucht. Ich wagte es nicht auch nur zu blinzeln, denn ich wusste, dass der kleinste Fehler mein letzter sein könnte. Und dann hörte ich Sie. Sie flüstert meinen Namen.
Ein Schauder rieselte wie schmelzender Schnee über meinen Rücken. »Wer… Wer ist da?«, stammelte ich. Mein Herz klopfte panisch in meiner Brust wie ein lebendig Vergrabener ins seinem Sarg. Ich sprang aus dem Bett und schwang die Axt. »Wer ist da?«, brüllte ich mit angsterfüllter Stimme.
Sie flüsterte meinen Namen und kicherte.
»Verschwinde«, sagte ich, aber aus meinem verengten Hals kam nicht mehr als ein furchtsames Krächzen. Schweiß rann an meinem ganzen Körper hinab und alles begann sich zu drehen, zu tanzen wie ein Jahrmarktkarussell, aber zugleich verschwand Es. Erleichtert seufzte ich auf, die Sicht stabilisierte sich. Die Tür wurde aufgerissen. Ich kreischte und schwang die Axt durch die Luft.
»Was zur Hölle machst du da?«, fragte mich meine Mutter, die im Türrahmen stand. Ich ließ die Axt sinken, atmete schwer:
»Ich… Ich…. also. hatte… einen Albtraum. Sorry«
»Aha«, sagte sie und zeigte auf die Axt. Sie öffnete den Mund, doch bevor sie etwas sagen konnte, kam ich ihr zuvor:
»Kannst du bitte gehen. Ich will jetzt schlafen«, sagte ich mit ungewollter Intensität und Wut.
»Okay. Gute Nacht. Wenn du aber Probleme hast, dann können wir…«
»Gute Nacht«, schnauzte ich und drängte sie aus dem Zimmer.
Als sie draußen war, verbarrikadierte ich die Tür von innen mit einem Stuhl. Dann knipste ich die Deckenlampe an und durchsuchte das Zimmer, verschob Schränke und durchwühlte Klamotten. Egal wie lange ich suchte, ich konnte das Audiogerät nicht finden mit dem meine Mutter die Stimme abgespielt hatte. Ich war mir mittlerweile ziemlich sicher, dass meine Familie mich wahnsinnig machen wollte, damit sie mich, den Scheißjunkie und Troubleboy, loswerden konnten. Dazu versetzten sie das Wasser im Restaurant mit NBOMEs, spielten Tonbänder mit Stimmen ab und hatten mich bei der Polizei angezeigt, damit die Zivis mich paranoid machten. Das würde ich mir aber nicht gefallen lassen und durch meine umsichtige Selbstversorgung hatte ich ihnen bereits einen ordentlichen Strich durch die Rechnung gemacht.
»Nur weiter so und die Wichser geben bald auf«, murmelte ich zu mir selbst, als ich gerade eine weitere Schublade ausleerte. Nichts. Ich fand das Tongerät am Ende nicht und gab auf. Ich legte mich wieder in mein Bett, um etwas zu schlafen, aber sobald ich die Augen schloss, hatte ich das Gefühl, dass eine Präsenz versuchte sich in mein Zimmer zu schleichen. Ich riss die Augen wieder auf, spürte, dass etwas sich auf mich stürzen wollte und knipste noch rechtzeitig das Licht an. Die Finsternis und mit ihr das Gefühl der Bedrohung, verschwanden. Bis zum Morgen saß ich in meinem Bett, schwitzend und die Axt fest umklammert. Erst als die Sonne aufgegangen war, verschwand das Gefühl der Bedrohung und ich nickte erschöpft ein.
Am Abend verließ ich das Zimmer nur einmal, um mir mehr Wasser zu besorgen und einen Eimer zum reinscheißen. Mittlerweile hatte meine verfluchte Familie überall im Haus Tonbänder versteckt, denn ich konnte immer wieder die Frauenstimme hören. Sie hatte etwas Erotisches an sich, aber ich ignorierte es.
Damit würden sie mich nicht drankriegen. Als dann aber sogar im Radio der Moderator anfing über mich zu reden, rastete ich fast aus und zerschnitt das Stromkabel. Selbst die Öffentlichkeit hatte meine Familie auf ihre Seite gezogen. Alle sprachen hinter vorgehaltenen Händen über mich, dass ich Drogen nehmen, durchdrehen und Stimmen hören würde. Bullshit. Ich ging in mein Zimmer und nagelte die Tür von innen zu. Scheiß Wichser, ab jetzt hatte ich alle Karten in der Hand, war in Sicherheit – hoffte ich.

Die Nacht verbrachte ich unruhig mit der Axt durchs Zimmer streifend. Immer wieder fielen mir die Augen zu und dann ergriff mich eine unerträgliche Panik. Mittlerweile hatte die Stimme der Frau an Intensität zugenommen und sie sprach von anzüglichen Dingen, aber ich war zu erschöpft um zuzuhören. Meine Beine waren dünn, die Haut hing schlaff von ihnen herab. Ich schwitzte und hatte Mühe die Axt zu halten, aber die Angst vor Es war größer, als meine körperliche Schwäche. Irgendwann gegen Morgengrauen, setzte ich mich vor das Fenster. Immer wieder hörte ich Geräusche hinter mir und drehte mich um, aber da war nichts. Als die ersten Sonnenstrahlen sich über den Horizont erhoben, hörte ich einen Wagen näherkommen und Stimmen.
Kurz darauf hielt ein großes gepanzertes Fahrzeug vor unserem Haus. Vermummte Kämpfer mit Maschinenpistolen und Polizeiabzeichen begleitet von Zivis sprangen heraus. Mein Herz begann zu rasen. Nein. Die Bullen hatten beschlossen zum finalen Schlag auszuholen, mich wegen dem Salvia Divinorum, welches sie aus der Post abgefangen hatten, ins Gefängnis zu stecken. Meine Mutter kam aus dem Haus und sprach mit den Polizisten, die kurz darauf unter mir in der Haustür verschwanden. Ich schrie und zeterte, schlug mit der Faust gegen die Wand. Verfluchte Wichser! Lebend würden die mich nicht kriegen. Ich erhob mich und nahm die Axt. Meine Sicht schwankte, die Wände waberten, meine Augen fielen immer wieder zu und ich spürte ein Ziehen in meinem Kopf, aber zeitgleich raste mein Herz. Kampfbereit positionierte ich mich vor der Tür.
Es klopfte.
»Kommen Sie heraus«, brüllte ein Polizist auf der anderen Seite. Ich schwieg. Ich war zu müde und jede Antwort wäre sowieso nur ein gefundenes Fressen für die Anklage.
»Wir kommen jetzt herein«, rief die Stimme. Es rüttelte an der Tür.
»Er hat sie von Innen zugenagelt«, hörte ich meine Mutter flüstern. Verfluchte Verräterin. Ich biss mir auf die Lippen bis ich Blut schmeckte.
»Scheiße, das ist ernst. Da haben wir keine andere Wahl«
Die Tür erzitterte unter einem Schlag. Meine degenerierten Muskeln zuckten unwillkürlich. Ich fühlte mich, als würde ich auf einer Wolke stehen, die sich jeden Augenblick auflösen könnte. Noch ein Schlag oder Tritt. Das Holz ächzte. Ich konnte sehen, wie sich die Nägel an der Tür langsam herausschoben, wie ausgedrückte Mitesser. Die Tür wurde von einer weiteren Erschütterung erfasst. Nägel sprangen zu Boden, mein Kiefer verkrampfte sich. Mit einem lauten Krachen zersplitterte die Tür.
Ein halbes Dutzend Polizisten in Kampfmonturen stürzten sich mit bloßen Händen auf mich. Ich riss schreiend die Axt in die Höhe und ließ sie niedersausen. Sie verfehlte einen Cop nur knapp, der sich wegduckte. Bevor ich den Fehler korrigieren konnte, sprang von der anderen Seite einer auf mich und riss uns beide zu Boden. Die Axt flog weg und ich schrie, während zwei weitere Cops mich packten und hochzogen. Ich strampelte mit den Beinen und kreischte, als ein dritter sein Messer zog und auf mich zuging. Die Klinge versank in meinem Bauch. Ich brüllte vor Schmerzen, dann zog der Cop das Messer heraus und es begann zu schmelzen. Ich verstummte erstaunt. Es wurde zu einer Spritze. Die Uniformen der Cops schmolzen zu weißen Sanitätermonturen. Verwirrt sah ich mich um, spürte wie müde ich war. Meine Gliedmaßen erschlafften, die Gedanken versanken unter einer dicken Decke aus Watte. Man schleppte mich die Treppe runter und hievte meinen schweren Körper auf eine Bahre. Meine Mutter kam zu mir und ergriff meine Hand. Sie weinte.
Ich sah zu ihr auf und murmelte: »Das Salvia… das tut mir leid… Dafür werde ich ins Gefängnis kommen.«
»Keine Sorge, das wird nicht passieren.«
»Warum sollten sie mich sonst mitnehmen?«
»Weil du Hilfe brauchst. Das… Das Salvia habe ich vor drei Wochen in der Post gefunden und weggeworfen. Du hättest uns erzählen können, dass du ein Drogenpro…« Weiter kam sie nicht. Ich lachte wie Irre. Das scheiß Salvia war gar nicht von der Polizei beschlagnahmt worden? Es war… es war die ganze Zeit von meiner Mutter abgefangen und entsorgt gewesen? Ich hatte mich unnötig gestresst. All die Sorgen vor den Zivis waren unbegründet, sinnlos wie der ganze Wahn. Ich lachte und lachte und begann unkontrolliert mit den Armen um mich zu schlagen. Ich konnte einfach nicht mehr. Das war zu komisch, zu abgefuckt. All der Stress und die Verzweiflung explodierten aus mir heraus im wahnhaften und sinnlosen Gelächter. Ich lachte noch immer lauthals und stammelte: »abgefangen… es war die ganze Zeit abgefangen… mein… Hirn ist gefickt… hahaha abgefangen, dass Salvia, die Zivis… meine Mam«, als man mich in den Krankenwagen schob und jemand sagte: »Mehr Diazepam. Der Typ dreht komplett durch«. Kurz darauf sank ein dunkler Schleier über die Welt und ich schlief ein, starb?




Paranoia (1): Der Trip

Das ist eine vierteilige Novelle, von der ich jede Woche eine Episode veröffentlichen werde. Die Handlung und die Charaktere sind fiktiv.

Man könnte die Anfänge und Ursachen bereits in meiner Kindheit oder in den vorhergegangenen,
experimentierfreudigen Monaten suchen, aber ich glaube, dass es an jenem heißen Julitag begann.
Die Sonne brannte vom wolkenlosen Himmel auf uns herab, der Schweiß tränkte mein T-Shirt.
»Also ich weiß nicht«, sagte ich.
»Ah komm, Alter, das wird schon nice«, erwiderte Tim.
»Das ist mir irgendwie zu sinnlos.«
»Alle außer uns werden saufen. Ich werde den scheiß Alk safe nicht anrühren – du sowieso nicht, aber wir können uns ja damit einstimmen und zugleich was Neues ausprobieren.«
Er zog das glänzende Tütchen hervor und wedelte damit vor meiner Nase herum, keine zwei Meter vor einer dicht befahrenen Kreuzung. Mein Herz machte einen Sprung.
»Pack das weg. Du kannst doch damit nicht in der Öffentlichkeit rumwedeln«, fuhr ich ihn wütend an.
»Ist doch sowieso legal«, maulte Tim.
»Und das weiß ja auch jeder in diesem alkoholistischen Scheißland, oder was? Die sehen nur zwei verschwitzte Teenager mit Sonnenbrillen, die Pillen aus einem bunten Tütchen schlucken. Ich habe keinen Bock auf Stress mit den Bierproleten von der Polizei oder irgendeinem Spießer.«
»Okay. Okay.«, lenkte er ein und steckte es weg. »Nimmst du es? Es wäre eine Pflanze mehr aus der Enzyklopädie zum Abhaken. Kanna.«
»Sceletium tortuosum. Genau. Aber es ist nicht nur das stark stimulierende Kanna. In den Pillen ist noch dieses Synephrin und Koffein. Und wir haben erst letzte Woche auf Holzrose und Weed getrippt. Wir haben uns nicht nur absolute Ethanolabstinenz, sondern auch 6-wöchige Konsumpausen zwischen den einzelnen Experimenten geschworen«
»Und wenn du dich einmal nicht daran hältst, geht die Welt unter oder was? Jetzt puss nicht rum. Du hast mir das Zeug ja sogar verkauft.«
Ich seufzte und wischte mir den Schweiß von der Stirn. Da hatte er recht. Ein Dealer, der den eigenen Stoff nicht nehmen wollte, war alles Mögliche, aber kein Qualitätsversprechen. »Okay. Ich bin dabei, aber nur, wenn wir es dort auf dem Klo nehmen, ich habe nämlich keinen Bock auf unnötige Aufmerksamkeit.« Ich zeigte auf die Rolltreppen zur U-Bahn.
»Was? Wie so scheiß Junkies auf dem Bahnhofsklo? Arm. Einfach nur eine arrrme Aktion.«
Ich stellte mich stur.

»Bei Leary, verdammt«, sagte Tim und rümpfte die Nase. »Hier stinkt es ja übelst«
Ich zuckte mit den Schultern. Es war eine Bahnhofstoilette. Es roch nach Pisse, schwarzer Dreck klebte in den Fugen der Kachelwände und -böden, eine Kabinentür war zerbrochen, Zeitungspapier fledderte herum und gleich neben der Tür war einer dieser schmuddeligen Sexspielzeug-und-Kondom-Automaten Ich sondierte die Lage. Kein Penner, den wir beim Schlafen störten, keine Junkies, die mit der Nadel im Arm sabbernd in der Ecke lagen.
Der Gestank hatte wohl alle potenziellen Bewohner verscheucht. »Die Luft ist rein«, sagte ich »gib her«.
Tim riss das silberne Tütchen mit dem buntem Logo auf und schüttete den Inhalt auf seine Handfläche aus. Vier große, braune Pillen. Jeder nahm zwei und spülte sie mit Mineralwasser runter. Ich schloss die Augen, spürte wie das Adrenalin heiß durch meine Adern schoss und mich zittrig machte, wie jedes Mal, wenn ich eine unbekannte Substanz zum ersten Mal konsumierte. Ich lächelte und sagte: »Ich muss pissen.«

Wir gingen über die Straße. Es war heiß. Ich schwitzte, ich schwitzte extrem und spürte ein Drücken auf meiner Brust. Ich hatte das unbestimmte Gefühl einen Fehler gemacht zu haben, aber noch konnte ich nicht genau den Finger darauf legen, was es war. Tims Stimme drang zu mir durch, aber ich hörte nicht zu, bis er geendet hatte und ich am Ton merkte, dass er mich etwas gefragt hatte.
»Was?«, fragte ich gedankenverloren.
»Ob alles mit dir in Ordnung ist? Du siehst ziemlich verstimmt aus«
»Ahso. Ne, alles gut.«, sagte ich und zwang mir ein breites Grinsen ab. Ich durfte mich nicht zu sehr auf die negativen Gedanken einlassen, sonst würde mein Set kippen und alles nur schlimmer werden. Ich gab mein Bestes die Zweifel zu unterdrücken, aber ich schwitzte in Strömen und spürte, wie mir immer heißer wurde. Ich nahm mein Handy heraus und googelte die Inhaltsstoffe des Legal Highs. Ich kannte sie zwar bereits auswendig, aber ich hatte plötzlich das dringende Verlangen zu überprüfen, ob ich nicht irgendetwas übersehen hatte. Enthalten war ein Extrakt der Sceletium tortuosum – Kanna, eine euphorisch und stark stimulierend wirkende Pflanze, von der Wirkung mit Kokain vergleichbar, Synephrin, ein Ephedrinersatz, welcher als Kreislaufstimulanz und Fatburner verwendet wird, und Unmengen an Koffein. Scheiße, dachte ich. Ich hatte sowieso schon gelegentlich Kreislaufprobleme und bei der Hitze Stimulanzien? Wo ich Upper ohnehin schlecht vertrage? Warum hatte ich mich dazu überreden lassen? Auf einmal war mir richtig schlecht. Mein ganzer Körper versteifte sich. Das Blut sackte in die Beine. Bevor ich weiterdenken konnte, riefen Stimmen unsere Namen. Ich sah auf und erkannte meine ehemaligen Klassenkameraden. Das würde ein schreckliches Grundschulklassentreffen sein. Ich begrüßte die Personen, die mich teilweise seit sechs Jahren nicht mehr gesehen hatten und nun erleben würden, wie ich austickte. Fucking Gonzo.

Wir gingen alle zusammen in den EDEKA an der Tierparkstraße. Mittlerweile waren wir zu zehnt, der Rest würde gleich eintreffen. Ich irrte nervös zwischen den Regalen umher und griff mir eine Milch – das beste natürliche Entgiftungsmittel, wenn ich Albert Hoffmanns Anekdote zu seinem ersten, ungewollten Trip auf Acid richtig in Erinnerung hatte.
Dazu noch eine Schachtel Müsli. Auf das geplante Grillen an der Isar hatte ich plötzlich keine Lust mehr.
Bei dem Anblick von Fleisch wurde mir übel, als müsste ich mich gleich übergeben. Schwitzend und schwer atmend stellte ich mich an der Kasse an. Ich wippte nervös und aufgekratzt auf meinen Fersen hin und her. Vor mir war eine ehemalige Klassenkameradin, die über irgendetwas aufgeregt und fröhlich schwafelte, aber ihre Worte drangen nicht durch das Gedankenchaos in meinen Verstand. Ich nickte stumm, meine Kehle fühlte sich wie zugeschnürt an. Plötzlich klatschte mir jemand auf die Schultern. Erschrocken wirbelte ich herum. Tim stand hinter mir. Er grinste und flüsterte: »Es flutet an. Geil, geil, geil. Spürst du es auch?« Ich nickte. Ich musste sofort weg, die scheiß Droge aus meinem Körper kriegen.

Während die anderen sich an einer Eisdiele anstellten und lachend Neuigkeiten austauschten, stürzte ich davon, um mir etwas abseits die Finger in den Rachen zu rammen. Mein Magen bäumte sich auf, weigerte sich, aber letztendlich schoss ein Strahl gallenbitterer Kotze vor meine Füße. Nicht viel. Ich hörte jemanden mich rufen. Vorerst hatte ich genug gekotzt. Ich wischte mir den Magensaft vom Mund, trank einen Schluck Milch hinterher und machte mich mit wackeligen Beinen auf den Weg zurück zur Gruppe. Ich lächelte und fühlte mich hinter meiner Sonnenbrille viel selbstbewusster. Dann spürte ich, wie die Wirkung stärker wurde, sich alles in meinem Kopf drehte und noch mehr Schweiß aus meinen Poren schoss. Mein Lächeln wurde schief, das eines Verdammten.

Als wir in der prallen Sonne die Thalkirchener Brücke überquerten, glaubte ich, an einem Hitzeschlag zu sterben. Mein Fleisch, die Luft und meine Augen glühten, meine Kehle fühlte sich trocken an. Ich hätte am liebsten geschrien.

Wir saßen auf Steinen am Ufer der Isar. Mein Herz lief unkontrolliert Amok und schlug wild gegen meine Brust. Still saß ich in der Runde, die sich um Einweggrille und Bierkästen versammelt hatte. Tim grinste wie ein Honigkuchenpferd. In meinem Magen grummelte es. Ich fasste mir an den Mund, sprang auf und lief zum Fluss und reiherte hinein. Ich wischte mir den Mund ab und begann nervös herumzulaufen. Mein Körper brannte, so heiß war er. Meine Shorts klebten mir an den Schenkeln. Scheiße. Ich zog mein Handy und googelte Substanzen, Tripberichte und Drogennotfälle, stolperte über das durch Stimulanzien kombiniert mit Monoaminoxidase-Hemmer verursachte tödliche Serotoninsyndrom. Hatte ich MAO Hemmer genommen? Passionsblumenkraut drei Tage zuvor, oder? Nein, das lag schon mehrere Monate zurück. Ich war mir plötzlich nicht mehr sicher. Meine Gedanken wirbelten, Erinnerungen und Befürchtungen, Ängste, Lügen und Wahrheiten verschmolzen miteinander. Wie lange wirkte das nach? War es ein reversibler oder irreversibler MAO-Hemmer? Der Schweiß verrann auf dem Display.

»Tim.«, flüsterte ich und hatte dabei das Gefühl zu ersticken. »Tim. Tim!«
Er saß mit dem Rücken zu mir in der Runde und hörte anscheinend zu, wie eins der Mädchen irgendetwas von ihrem Freund erzählte. »Tim!«, wimmerte ich verzweifelt und zupfte an seinem T-Shirt.
Er drehte sich zu mir um.
»Ich muss ins Krankenhaus. Mir ist richtig schlecht.«
Er lächelte und winkte ab. »Ah was. Chill mal«.
»Was ist mit ihm los?«, fragte ein Mädchen und sah mich besorgt an.
»Ah, der schiebt nur Paras, weil er auf nem Trip ist. Wird schon wieder.«
»Was? Ihr nehmt Drogen?« Unsere ehemaligen Klassenkameradinnen starrten uns entsetzt an, einer, Franz, lächelte wissend, ich taumelte davon und kotzte.

Ich war dabei zu sterben. Ich würde gleich an einem Serotoninsyndrom zugrunde gehen, sabbernd und bewusstlos. Ich lief im Kreis. Fraß mehr Müsli zur Beruhigung, bis ich nach der halben Packung bemerkte, dass es Haselnüsse enthielt. Ich reagiere allergisch auf Haselnüsse. Ich fing wieder an zu kotzen.

»Ich muss ins Krankenhaus… Bitte!«
»Ah was.«
»Im Ernst, ich krepiere.«
»Dann geh allein.«
»Ich habe Angst unterwegs zu kollabieren.«

Tim baute sich mit Franz einen Joint. Ich kotzte das halbe Ufer voll.
»Ich muss ins Krankenhaus«, schrie ich.
Tim lachte und zog am Joint.
Krankenhaus. Koffein. Die Welt drehte sich… und drehte sich und mein Herz setzte aus. Kotzen. Kotzen. Lachen. Grinsen… Tim raucht Joint… tototum.. Schweiß alles voller Schweiß. Pisse. meine Hände zitterten… Krankenhaus… muss… Kanna… Tim lacht… Kotzen..Serotoninsyndrom…MAO..Sterben… Mama… Hilf mir! Ich will nicht… tot… Zieh mal. SterbenTodKrankenhausDrogentodLeben ist finito. Ich hatte Angst. Die Erinnerungen sind nichts als ein verschwommener Schleier fiebriger Panik.

Die S-Bahn fuhr ratternd davon. Hauptbahnhof. Ich nippte vorsichtig an einer Flasche Wasser.
»Und? Fühlst du dich besser?«, fragte mich Tim.
Ich nickte. »Ja, aber ab jetzt halten wir uns an die Konsumpausen. Und keine Upper mehr.«
»Okay. Du hast übrigens noch immer Tellerpupillen.«
Ich lachte. Fünf Stunden zuvor hatte ich die Pillen geschluckt. Die S3 fuhr ein und wir erhoben uns.

Ich fühlte mich körperlich ausgelaugt, aber mein Geist war wachsam. Tim schlurfte auf dem Weg nach Hause schweigend neben mir her. Es war dunkel und ich sah mich dauernd um. Ich wurde das Gefühl nicht los, beobachtet zu werde. Es war niemand hinter uns. Meine Gedanken drifteten zu der Wahrsagersalbei bzw. Salvia divinorum. Die Lieferung aus der Niederlande hätte längst ankommen sollen. Vielleicht hatte der Zoll sie abgefangen? Vielleicht durchsuchten in diesem Moment Polizisten mein Zimmer, fanden meinen Vorrat an Drogen und meine Dealerutensilien. Panik stieg in mir auf.
Meine Brust verkrampfte sich und meine Hände wurden feucht. Eine unerträgliche Angst ergriff mich, je näher wir meinem Haus kamen. Jeden Moment würden Zivis mich ergreifen. Nichts geschah. Wir verabschiedeten uns. Ich sperrte auf. Es war dunkel, meine Familie schlief zum Glück bereits. Erschöpft brach ich auf meinem Bett zusammen.

[Fortsetzung folgt]

Diese und weitere Geschichten findest du in diesem Buch: http://amzn.to/2fWoeKI

Hier geht es zu Teil 2 ==> Paranoia (2)




Musiktipp: Cryo Chamber

Heute gibt es mal einen Musiktipp von mir, der vor allem für die Horrorautoren  und -leser unter euch interessant sein sollte. Denn das, was die Künstler des Labels Cryo Chamber produzieren, bewegt sich irgendwo zwischen Musik, Dark Epic Ambient (oder so), sogenannten Soundspaces (Landschaften aus Tönen) und übernatürlichen Klängen, die durch Mark und Bein gehen.

So haben die Künstler bereits Lovecrafts „Alten“ mit den Alben Cuthulhu, Azathoth, The Untold und Nyarlathotep vertont. Diese Klänge beschwören, insbesondere im Dunkeln, Visionen von zerbröckelnden, toten Städten, sterbenden Welten und unbenennbaren Schrecken, die durch Zeit und Raum kriechen.

Und wer danach noch nicht genug hat oder bereits dem Wahnsinn verfallen ist, kann sich auf stundenlange, hypnotische Musikstücke mit so wolligen Titeln wie Alien Abduction Music, Dungeon Music, Nightmare Music, Psychosis und Within Ruins freuen. Ein heißer Tipp ist auch der Halloween Mix 2016, denn es wie fast alle Stücke der Cyro Chamber auch kostenlos und offiziell auf YouTube gibt. Wer aber die Künstler unterstützen will, kann sich die Stücke als CD oder Download auch auf deren offiziellen Website oder bei  Amazon kaufen.

Ph’nglui mglw’nafh Cthulhu R’lyeh wgah’nagl fhtagn!