Ankündigung: Neue Anthologie „Wenn Soziopathen träumen“

Am 24. Juli 2017 erscheint meine dritte Anthologie „Wenn Soziopathen träumen„, und ähnlich wie in Wahnsinn und Wahn, wird dieses Buch wieder eine Sammlung von obskuren, gruseligen und verstörenden Geschichten enthalten. Allerdings sind diesmal die Geschichten etwas anders, schließlich habe ich mich in der Zwischenzeit als Schriftsteller weiterentwickelt und mich von der klassischen Horrorliteratur etwas entfernt und mehr den surrealistischen und psychedelischen Texten zugewandt, wie mein vorletzter Roman Crackrauchende Hühner wohl am meisten verdeutlicht. Und es gibt eine weitere Neuerung, denn das erste Mal wird ein Buch von mir Illustrationen beinhalten. Meine Freundin, die Künstlerin Vivienne Feiler, hat für das Buch 13 verstörende Zeichnungen angefertigt, für jeden Texte eine.

Insgesamt wird die Anthologie 172 Seiten haben mit 13 Texten, davon zwei Novellen, neun Kurzgeschichten, ein surrealistisches Gedicht und ein abgefucktes Lexikon, zum nachschlagen unbekannter Begriffe. Eine der beiden Novellen erzählt die Lebensgeschichte des Magiers Mos Valamor, einem Charakter in meinen beiden Elirium-Saga Romanen.

Für die Veröffentlichung sind Gewinnspiele, Kooperationen mit Bloggern, Interviews und weitere Aktionen und Events geplant. Infos dazu werden zeitnah auf meinem Blog und in den Sozialen Netzwerken, insbesondere auf Instagram, wo ich am aktivsten bin, verkündet. Vorbestellungen können bei mir via Mail an autor@leveret-pale.de getätigt werden. Bezahlung ist via PayPal und Überweisung möglich. Alle Vorbestellungen werden von der Illustratorin und mir, dem Autor, exklusiv signiert und erhalten auf Wunsch eine persönliche Widmung von mir. Der Preis für ein Taschenbuchexemplar liegt bei 9,99€. Da ich allerdings in der letzten Juliwoche auf Studienreise in Weimar bin, werden die Vorbestellungen erst am ersten August verschickt. Trotzdem erhalten die Vorbesteller die Bücher höchstwahrscheinlich früher, als die regulären Käufer, da erfahrungsgemäß die meisten Buchhändler, und auch Amazon, das Buch erst nach einer Woche, also ab Anfang August auf Lager haben werden.

Fotos vom Testdruck: https://www.instagram.com/p/BWAP-ysDJ8K/

Coverentwurf für die Anthologie




Drogen & kreatives Schreiben

Ich würde nie jemandem zu Drogen, Alkohol, Gewalt oder Wahnsinn raten, aber für mich hat es immer funktioniert. –Hunter S. Thompson

Ein populärer Mythos lautet, Drogen könnten als kreativer Treibstoff dienen. Zahlreich sind die Legenden, die sich um den Missbrauch und den Gebrauch von psychoaktiven Substanzen bei Schriftstellern ranken, angefangen bei den Opiumessern der Antike und Laudanumtrinkern der Romantik, über die Acidheads der Beat-Generation und die zigarrenrauchenden Machos der Lost Generation bis hin zu dem Koksverbrauch bei Thompson, Freud, Stevenson und King.

Doch können Schriftsteller tatsächlich von dem Gebrauch psychoaktiver Substanzen profitieren?

Da die Psyche und der Körper jedes Individuums einzigartig sind, lassen sich zwar kaum Pauschalaussagen darüber machen, ob und welche Droge kreativitätssteigernd auf einen bestimmten Schriftsteller wirken könnte. Ich selbst habe allerdings eine Reihe Selbstversuche hinter mir, aus denen ich hier zumindest anekdotisch berichten und mit den Erfahrungen anderer Autoren vergleichen und daraus Schlussfolgerungen ableiten will. Ich rate von jeglicher Nachahmung ab.

 

Der Intellektuelle Aldous Huxley – Autor des Romans „Eine schöne neue Welt“ – beschrieb seine Erfahrungen mit den Psychedelika LSD und Meskalin in diversen Essays.

Psychedelika (insbesondere LSD)
Das letzte Mal, als ich versuchte, einen Text unter dem Einfluss von LSD zu schreiben, war ich von der Tatsache, dass das Papier Tinte blutete und die Luft von Regenbogenmandalas durchzogen war, so sehr abgefuckt, dass ich nur zwei krumme, kaum lesbare Sätze hinkritzelte – über deren Bedeutung ich bis heute rätsle. Zwar deuten aktuelle Studien darauf hin, dass Psychedelika wie LSD und Psilocybin die Kreativität nach dem Rausch beim Konsumenten für mehrere Monate signifikant erhöhen, aber der Rausch an sich ist absolut unproduktiv. Die Pseudohalluzinationen und die Störung der Wahrnehmung von Raum und Zeit, genauso wie das unkontrollierte Sprudeln an Bildern, Erinnerungen, Ideen und Eindrücken, machen es unmöglich sich auf eine Sache wie Schreiben zu konzentrieren – von konfusen, surrealistischen Textarten abgesehen.
Die Nachwirkungen auf die Kreativität und die Inspiration sind allerdings nicht zu unterschätzen. Psychedelika lösen die Grenze zum Unterbewusstsein auf und öffnen einem die Pforten der Wahrnehmung, wie Aldous Huxley es formulierte, und zeigen einem wortwörtlich eine komplett neue Welt. Steve Jobs nannte LSD eine seiner wichtigsten Lebenserfahrungen; Meskalin inspirierte Sartre zu seinem Roman Der Ekel, Philip K. Dick und Ken Kesey begannen beide ihre Schriftstellerkarrieren, nachdem sie LSD genommen hatten. Ich selbst habe mit dem Romanschreiben begonnen, nachdem ich bei einer Drogenüberdosis, bei der die Halluzinogene LSA, THC & diverse Tryptamine einen Anteil hatten, fast gestorben wäre und in einer Vision offenbart bekam, dass ich Schriftsteller werden will. (Ich sprach darüber bereits in einem Interview bei mordsbuch.net) Psychedelika haben allerdings, wie ich bereits in einem Essay erwähnte, nicht nur das Potential das Bewusstsein zu erweitern. Sie können die Psyche auch komplett durcheinanderbringen und sind nicht ungefährlich. Nur wer weiß, was er tut, sollte sich diesen Substanzen nähern. Es kann sich z.B.: eine HPPD entwickeln.

Hunter S. Thompson mit einer Zigarette

Schwache Stimulanzien (Nikotin & Koffein)
Tabak & Kaffee treiben die moderne Leistungsgesellschaft an, also warum auch nicht den modernen Schriftsteller? Wer mal einigen Autoren auf Instagram folgt, der wird nicht selten Bilder von großen, dampfen Kaffeetassen sehen. Koffein ist die am meisten konsumierte Droge der Welt. Es steigert die Leistung, macht wach, produktiv und laut einigen Studien erhöht es auch die Fähigkeit assoziativ und kreativ zu denken. Abgesehen vom mittelmäßigen Suchtpotential, ist Koffein vergleichsweise nebenwirkungsarm. Für mich persönlich hat sich 85%igeSchokolade als in der Regel perfekte Stimulanz zum kreativen Arbeiten herausgestellt. Dunkle Schokolade enthält große Mengen wachmachendes Koffein, stimmungsaufhellendes Theobromin und Tryptophan und eine Menge an Fetten und Vitaminen, die die Hirnleistung ankurbeln. Sehr selten paffe ich einen Zigarrillo oder eine Zigarre dazu, was mir noch zusätzlich hilft, konzentriert zu bleiben. Allerdings tue ich das selten, denn eigentlich bin ich Nichtraucher und habe vor es zu bleiben. Ich steige bei Bedarf eher auf stärkere Stimulanzien um, die ich aufgrund einer ADHS-Diagnose verschrieben bekommen habe, dies geschieht höhstens alle zwei Monate. Nikotin hat lediglich den Vorteil, dass es durch die Konsumform und kurze Wirkdauer leicht zu dosieren und einfacher zu handhaben ist. Des Weiteren haben die schwachen Stimulanzien Nikotin & Koffein keine starken akuten Nebenwirkungen. Dafür ist Tabak aber von den gängigen Drogen, diejenige, die wohl am giftigsten und tödlichsten für den Körper ist.

Robert Louis Stevenson (1850 – 1894) schrieb die berühmte Geschichte innerhalb eines einzigen, dreitägigen Kokainrausch. Genauso wie Dr. Jekylls Trank Mr. Hyde und damit das Schlimmste in ihm heraufbeschwört, offenbart Drogenmissbrauch oft die schlimmsten Seiten einer Person.

Starke Stimulanzien (Kokain, Amphetamine & Methylphenidat)
Hell Yeah, das klingt gut. Stevenson schrieb Dr. Jekyll & Mr. Hyde in einem einzigen, mehrtägigen Kokainrausch; Jack Kerouac schrieb sein legendäres, recht dickes On the Road innerhalb von zwei Wochen auf Amphetamin; und ich schrieb meinen letzten Roman Crackrauchende Hühner im Methylphenidatrausch innerhalb von 21 Tagen. Normalerweise brauche ich für einen Roman Monate und obwohl ich das Buch in so einer Rekordzeit geschrieben habe, ist es wahrscheinlich der komplexeste und beste Roman, den ich bisher veröffentlicht habe. Nach dem Fertigstellen von CrH & Absetzen des Medikaments verbrachte ich dafür aber zwei Monate in einem psychotischen Auf und Ab zwischen Manie und schwerer Depression, Wahnvorstellungen und Suizidgedanken. Starke Stimulanzien sind auf jeden Fall in der Lage, die Produktivität und Kreativität signifikant zu erhöhen und fast jederzeit einen Flow künstlich herzustellen. Man ist zu übermenschlichen Leistungen fähig. Der Preis, den man dafür bezahlt, ist jedoch enorm. Nichts ist in der Lage, die Psyche so schnell und gewaltig durcheinanderzubringen, wie der Dauergebrauch von Stimulanzien. Auch die akuten Nebenwirkungen, wie Hirnblutungen, Herzrasen, Appetitmangel, Panikattacken, Größenwahn, Paranoia (siehe Scarface) und die lange Wirkungsdauer, die zu Schlafstörungen führt, machen den Gebrauch von starken Stimulanzien problematisch. Fürs kreative Schreiben ist auch problematisch, dass die Fähigkeit zur Selbstkritik mit zunehmenden Konsum dahinschwindet, genauso wie die Distanz zum Werk. Man steht durch die Stimulanzien stetig unter Strom und ist hochfokusiert & tief in die Arbeit versunken, aber dadurch fehlt eben das assoziative Herumschweifen des Verstandens und die Distanz zum Werk, sodass Eingebungen, Ideen und Aha-Momente ausbleiben und man konstant auf einer Spur bleibt, ohne auf andere & damit potentiell bessere Ideen zu kommen. Dies kann man sehr gut bei Sartre beobachten, der in seinen letzten Lebensjahrzehnten massenweise Amphetamin konsumierte und ein Essay nach dem nächsten publizierte, allerdings mit stetig sinkender Qualität. Irgendwann stellt sich auch ein Gewöhnungseffekt und eine Sucht ein, sodass der Autor im schlimmsten Fall am Ende ohne seine Stimulanzien gar nicht mehr schreiben kann. Stephen King ist sich zusammen mit den meisten seiner Kritikern darin einig, dass die Bücher, die er während seiner Kokainsuchtzeit schrieb, zu seinen Schlechtesten gehören. (Dies thematisiert er unter anderem in seinem Autobiographie-Schreibratgeber-Hybrid Das Leben und das Schreiben. Ein dringender Lesetipp für alle aufstrebenden Autoren.) Ich persönliche setzte starke Stimulanzien nur noch ein, wenn es sich nicht mehr vermeiden lässt, weil ich z.B.: eine Deadline erreichen muss. Prinzipiell richten sie nämlich langfristig mehr Schaden an, als das sie nutzen und ich kann von dem Gebrauch nur abraten.

Frei erhältliche Schlaftabletten (Diphenhydramin & Doxylamin)
Ich leide episodenweise unter Manie und damit auch unter Insomnie, bei der ich tagelang kaum oder gar nicht schlafe. In den vergangenen Jahren habe ich daher auch erfolglos verschiedene Schlaftabletten ausprobiert. Statt mich einschlafen zu lassen, versetzen mich gängige Schlaftablette allerdings oft in einen verwirrten, traumartigen Halbwachzustand, der bei höherer Dosierung zu Halluzinationen führt. Wenn ich dann nicht zu sehr damit beschäftigt bin, dem wegschwimmenden Bücherregal hinterherzustarren, schreibe ich merkwürdige, surrealistische Gedichte, Traumgeschichten und Assoziationsketten. Über deren literarischen Wert habe ich allerdings noch so meine Zweifel.

Viele Schriftsteller, die abhängig von starken Stimulanzien waren, wie Marcel Proust oder Jean-Paul Sartre, nutzten auch diverse Schlaftabletten, um die Nebenwirkungen der Stimulanzien zu bekämpfen. Dies führt zu dem zerstörerischen Teufelskreis einer polytoxen Drogenabhängigkeit. Zwei, drei Wochen lang versuchte ich selber einmal die Nebenwirkungen meiner Ritalinmedikamentation mit Schlaftabletten zu kompensieren. Dies führte zu tagelangen Erinnerungslücken, dissoziativen Episoden, Kreativitätsproblemen, dem temporären Verlust des Körper- und Temperaturgefühls sowie Erbrechen und Schweißausbrüchen. Viel schreiben konnte ich in der Zeit nicht. Erst als ich meine Medikamentation abbrach und danach mehrere Wochen clean war, kam die Kreativität und Produktivität in voller Stärke zurück.

Hypnotika (insbesondere Benzodiazepine)
Die verschreibungspflichtigen Beruhigungs- und Schlafmittel, also Barbiturate, Benzodiazepine & die modernen Z-Drugs wirken alle, ähnlich wie Alkohol, auf das GABA-System des Körpers ein und bewirken so eine Sedierung und Enthemmung, allerdings viel direkter und ohne viele der unangenehmen Effekte des Alkohols. Das berühmteste dieser Mittel ist das Benzodiazepine Diazepam, bekannt als Valium. Einige Autoren, auch aus meinem Bekanntenkreis, benutzen gelegentlich diese Mittel, um Schreibblockaden zu überwinden, da sie den inneren Kritiker ausschalten und sie in einen leicht verträumten Zustand versetzten, in dem ihnen Metaphern und Ideen schneller und klarer kommen. Ich persönlich habe nie mit einem Mangel an Ideen oder mit Schreibblockaden zu kämpfen, sondern oft nur mit einem Mangel an Motivation und Konzentration. Entsprechend sind bei mir diese Mittel nur kontraproduktiv, weil sie die Konzentration und Motivation noch weiter herabsetzen und mich zu müde zum Arbeiten machen.

Da Benzodiazepine auch Ängste, Panikattacken, Hemmungen, Unsicherheit und Nervosität unterdrücken und einen selbst zur Ruhe kommen lassen, wenn man total unter Spannung steht, sind sie unter Kreativen vor allem im Musik-, Film- & Showgeschäft beliebt; also Berufen, die nicht so introvertiert und ruhig wie das Schreiben sind. Amy Winehouse, Heath Ledger, Whitney Houston & Eminem missbrauchten Benzodiazepine, die ersten drei starben daran, Eminem überlebte eine Überdosis in Kombination mit dem Opioid Methadon und ging danach auf Entzug.

Zwar werden Benzos in Deutschland sehr oft und schnell verschrieben, allerdings haben sie bei Daueranwendung ein enormes Abhängigkeitspotential, weshalb es hierzulande mittlerweile weit über eine Millionen Benzodiazepineabhängige gibt. Die Entzugserscheinungen bei einer schweren Abhängigkeit äußern sich in epileptischen Anfällen, Psychosen, Insomnie und Krämpfen und können tödlich sein.

William S. Burroughs (1914 – 1997) war über 60 Jahre lang opioidabhängig. Er gilt als Begründer der Beat-Generation und einer der einflussreichsten postmodernen Schriftsteller.

Opioide (Opium, Morphin, Kratom, Kodein, Tramadol usw.)
Im Opioid- und insbesondere im Opiumrausch ist man den Fantasiereichen und der Welt der Träume so nah, wie man es im Wachzustand nur sein kann. Alles wirkt poetisch und göttlich, als würde ein Engel einen in den Armen halten. Der Konsument ist komplett in sich gekehrt und durchwandert in furchtloser Ruhe die sonderbaren Welten seiner Vorstellungskraft und seines Unterbewusstseins. Ideen können präzise ausformuliert werden und die Realität wird absolut bedeutungslos. Die Fähigkeit klar zu denken ist bei normaler Dosierung nicht bis kaum beeinträchtigt, nur emotional fühlt man sich geborgen, sorgenlos und frei. Der berühmte römische Kaiser, Schriftsteller, Philosoph, Feldherr & Stoiker Marc Aurel nahm zweimal am Tag Theriak, eine Opiumzubereitung, zu sich, was ihm die nötige seelische Ruhe für sein pflichterfülltes und intellektuelles Leben gab. Die meisten Romantiker, von Novalis, Keats über Byron bis Poe waren Opiumsüchtige. Die Opiate Morphin und Heroin trieben auch viele moderne Schriftsteller, wie Hans Fallada und William S. Burroughs an. Burroughs beschreibt die Wirkung in seinem autobiographischen Roman Junkie wie Folgend: „Wenn Gott jemals etwas Besseres erschaffen haben sollte, dann hat er es für sich selbst behalten.“, verflucht und porträtiert die Auswirkungen der Sucht in seinem späteren Werk Naked Lunch und beendet das Nachwort mit einer Warnung vor dem Opiatgebrauch und den Worten „Blick hinunter, blick jene Straße des Opiats hinunter, bevor du sie entlangreist und dich mit den Falschen Haufen einlässt … Wer schlau ist, läßt sich das gesagt sein.

Der göttliche Rausch kommt nämlich mit dem höllischen Preis der körperlichen und geistigen Abhängigkeit, die sich beim häufigen Gebrauch sehr schnell einstellt. Der Rausch hat definitiv etwas Kreatives und Inspirierendes, die Ideen und Wörter strömen in goldenen Flüssen direkt aus Elysium auf einen herab und die berühmten Aha-Momente, bei denen neue Ideen entstehen, treten öfters auf als sonst, allerdings war ich im Opioidrausch in der Regel nicht in der Lage die Motivation und Disziplin aufzubringen, um etwas aufzuschreiben. Die introvertierende und träumerische Wirkung ist zu stark, um mehr hinzukriegen, als Gedichte oder Fragmente. Die häufig sehr wirren und langen, teilweise inceptionartigen Träume, die dem Opioidrausch folgen, empfand ich dagegen als sehr inspirierend und habe deren Erfahrung bereits in mehreren surrealen Geschichten und meinem Roman Crackrauchende Hühner und den Geschichten in Wahnsinn und Wahn verarbeitet. Mit Opioiden werde ich allerdings nicht mehr experimentieren, das Abhängigkeitspotential ist mir zu groß. Der nüchterne oder leicht stimulierte Zustand ist kreativer und produktiver, als die süßen Träumereien der Opioide, die mehr zu Ablenkung einladen und selten nur zu einem wirren Geschreibsel führen.

Cannabis rauchen
Viele werden mir widersprechen, allerdings lässt sich meine Erfahrung mit dieser Substanz so zusammenfassen: Cannabis ist eine Pflanze, und wer sie raucht, wird selbst zu einer Pflanze, die nur noch faul herumliegt und nichts Produktives mehr tut. Und wenn man nicht faul herumliegt, dann kauert man paranoid mit Herzrasen und nach Luft schnappend in einer Ecke. Auf Cannabis kommen zwar einem oft unglaublich viele Ideen und man fühlt sich extrem kreativ, aber sobald man nüchtern ist, realisiert man, dass 99,9999999% der Cannabisideen total langweiliger Bullshit sind, die einem nur im Cannabisrausch gut erschienen.

Cannabis oral
Oral konsumiertes Cannabis wirkt anders, als gerauchtes. Dieser Rausch hat mehr mit dem der Halluzinogene gemein und lässt einen wirklich tief in Ideen und Fantasiegebilden versinken. Die Produktivität und die Fähigkeit, kreative Ideen in eine apollinische Kunstform einzufangen, werden jedoch genauso zerstört, wie beim Rauchen. Bereits Baudelaire merkte in seinem Essay Die künstlichen Paradiese an, dass gegessenes Haschisch zwar die Vorstellungskraft in unermeßliche Höhen treiben würde, aber genauso sehr jegliche Fähigkeit diese produktiv oder kreativ umzusetzen zerstört.

Alkohol
Viele Autoren nutzten Alkohol, um sich zu enthemmen und sich Mut zum Schreiben anzutrinken, allerdings in der Regel mit schlechten Ergebnissen. Selbst Hemingway, welcher ein schwerer Trinker und später Alkoholiker war, betonte in Interviews, dass er immer nüchtern schreiben würde. Ich persönlich fühle mich auf Alkohol in der Regel zu demotiviert und geistig blockiert, um irgendetwas zu schreiben. Der Alkoholrausch ist fürs Schreiben eher hinderlich.

Ernest Hemingway beim Schreiben

Sobald die Alkoholwirkung allerdings abgeklungen ist, erlebe ich oft sehr intensive, kreative Phasen, als ob sich die ganze Kreativität und Motivation während des Alkoholrausches irgendwo aufgestaut hätte. Von diesem Phänomen berichteten mir auch einige befreundete Autoren & Künstler.

Obwohl Alkohol legal ist, ist es eine der stärksten und gefährlichsten Drogen mit einem nicht zu unterschätzbaren Sucht- und Abhängigkeitspotential. Es wirkt bereits bei minimalsten Mengen akut neuro- und zytotoxisch ergo als Nerven- und Zellgift und verursacht bei häufigen Gebrauch diverse Krankheiten, von Immunschwächte über Organversagen bis Krebs. Alkoholentzug bei Alkoholismus („delirium tremens“) kann genauso schlimm werden wie der Entzug bei einer Benzodiazepin- oder Opioidabhängigkeit und kann tödlich enden.

Irish Cream (Alkhol+Koffein) + Ritalin (Methylphenidat)

Einmal probierte ich die Mischung von Bailey´s und Ritalin beim Schreiben aus. Alkohol verursacht eine Dopaminausschüttung im Gehirn, Ritalin fungiert, wie Kokain, als Dopaminwiederaufnahmehemmer, blockiert also den Abbau von Dopamin im synaptischen Spalt. Die Kombination der beiden Substanzen führt daher zu einem sehr intensiven Rausch, der bei mir starke Motivation, Euphorie und gesteigerte Kreativität auslöste. Ich schrieb und zeichnete sehr viel, allerdings lediglich von normaler Qualität. Kein Meisterwerk entstand in diesem Rausch. Am nächsten Tag fühlte ich mich dafür wie ein Zombie, der von einem Bulldozzer überfahren worden war. Nicht empfehlenswert.

Blauer Lotus
Bereits in Homers Odyssee saßen die Lotophage nur geistlos wie Idioten herum und vergaßen alle ihre Verpflichtungen und Sehnsüchte. Es hat sich in den letzten zweieinhalbtausend Jahren nichts an der Rauschwirkung geändert. Einer der stupidesten Räusche, den ich kenne. Man sitzt mehr oder weniger nur apathisch herum und ist nicht einmal mehr in der Lage wirklich zu denken. Man starrt auf ein leeres Blatt Papier und fragt sich, was man damit überhaupt anfangen soll. Cannabis macht einen Menschen zu einer Pflanze, Lotus zu einem Stein.

Blauer Lotus + Alkohol
Mit Alkohol gemischt, wirkt Lotus durch eine synergetische Pharmakokinetik anders. Man verfällt in ein schwachhalluzinogenes Delirium, man verspürt Ekstase anstatt Apathie, die Farben werden intensiver, die Gedanken klarer als beim Solokonsum, aber der Rausch bleibt stupide. Man ist zwar nun in der Lage, zu verstehen was Papier ist und was Schreiben ist, aber alles was man schreibt, hat zehn Ausrufezeichen und keinen Inhalt, ganz abgesehen davon, dass man fünfzig Tippfehler pro Zeile macht, weil man dauernd daneben tippt.

 

Fazit:

Die meisten Drogen sind für den kreativen Prozess unterm Strich störend. Sie können zwar als Inspiration dienen, so wie jedes Erlebnis im Leben, und sie können kurzzeitig die Umsetzung einer Idee erleichtern, aber sie verursachen auf Dauer nur einen Einbruch der Kreativität & Produktivität oder andere unangenehme Nebenwirkungen. Für mich persönlich können Drogen als Quelle der Inspiration dienen, allerdings schreibe ich aus der Erfahrung meine besten Sachen nüchtern oder unter dem Einfluss von Stimulanzien, wobei man hier jedoch anmerken muss, dass ich ein (wenn auch umstrittene) ADHS-Diagnose habe und Nikotin und Amphetamine daher bei mir theoretisch die störenden Symptome des ADHS unterdrücken. Die perfekte Schreibdroge ist für mich Schokolade, die ich auch zu mir genommen habe, während ich diesen Artikel schrieb; allerdings hat selbst Schokolade negative Nebenwirkungen. Härtere Sachen kann man theoretisch ausprobieren und die daraus gewonnen Erfahrungen später literarisch verarbeiten, aber um zu schreiben und gute Texte zu verfassen, braucht man letztendlich Konzentration und einen klaren, funktionierenden und nüchternen Kopf. Wenn man solchen Experimenten nachgeht, muss man darauf achten, dass es beim Experimenten und einem sinnvollen Drogengebrauch bleibt, und der Konsum nicht zu einem hedonistischen, selbstzerstörerischen Substanzmissbrauch ausartet, der letztendlich zur Sucht & damit zu Degeneration & damit zu verminderter Produktivität & verminderter Kreativität führt. (Die Prinzipien hinter einem sinnvollen Drogengebrauch habe ich in meinem Essay „Die Ethik des rationalen Drogenkonsums“ erläutert). Willensschwachen Autorn, bzw. Menschen im Allgemeinem, ist daher das Experimentieren mit bewusstseinsverändernden Substanz abzuraten. In der Regel lassen sich die gleichen und sogar besseren Ergebnisse erzielen, wenn man auf den Konsum von Drogen während des kreativen Prozesses verzichtet. Vor allem Schriftsteller, die statistisch gesehen häufig an psychischen Krankheiten wie Depressionen, Schizophrenie und Bipolaren Affektstörungen leiden, sind oft suchtgefährdet.

Der schweizer Autor Friedrich Glauser, der im Alter von 42 Jahren seiner Morphinsucht erlag, fand in seinem autobiographischen Buch Morphium die passende Beschreibung der Sucht und des Drogenmissbrauchs als Schriftsteller: Alle Gründe, die man erfindet, um die Sucht zu entschuldigen, können sich literarisch und poetisch sehr gut machen. Konkret ist es eine Schweinerei. Denn man ruiniert sich sein Leben damit.

Und auch die Lebensläufe anderer Autoren, wie Jack Kerouac oder Hans Fallada, die großartige Werke im Drogenrausch schufen, enden oft im Wahnsinn und frühen Tod durch eben diesen, oder in einem Verlust der Fähigkeit zu Schreiben wie bei Hunter S. Thompson oder Ernest Hemingway. Es gibt einige wenige Ausnahmen, wie vielleicht William S. Burroughs, der sich noch mit 83 Jahren sein Heroin spritzte, schrieb und in Filmen mitspielte und mit anderen Künstlern tätig war, aber das sind eben die wenigen Ausnahmen, nicht die Regel. Und man sollte niemals den Fehler zu machen, die wenigen, besonderen Ausnahmen zu sehr zu romantisieren und zur universellen Gültigkeit zu erheben.

Wer trotzdem noch mehr zu diesem Thema erfahren will, dem kann ich diese Doku von ARTE empfehlen: Im Rausch – Die etwas andere Kulturgeschichte

 

Wenn dir dieser Artikel weitergeholfen oder dich unterhalten hat, dann würde es mich freuen, wenn du mir einen Kaffee spendieren würdest, mit dem ich noch mehr solcher Artikel schreiben kann 😉
Kaffee spendieren via Ko-Fi





‚Crackrauchende Hühner‘ ist da … alle heißen Infos zu Lesungen, Leserunden und Co.

Es ist soweit, seit dem 28. Februar 2017 ist mein neuster Roman „Crackrauchende Hühner: Nihilist Punk“ als Taschenbuch offiziell veröffentlicht und seit Freitag den 17. März 2017,  ist nun auch die eBook-Fassung draußen. Die eBook-Fassung wird die ersten paar Wochen nur 2,99€ kosten, danach wird der Preis auf 5,49€ erhöht. Wann genau? Nun, das ist ein Geheimnis 😉 Ich würde aber schnell zuschlagen, solange das Sonderangebot noch besteht. Hier geht`s zur Amazonseite des Buches, ihr findet es aber auch bei allen anderen größeren Händlern.

Um die Veröffentlichung zu zelebrieren und das Buch unters Volk zu bringen, habe ich einiges an Aktionen geplant. Updates und Infos dazu werden kontinuierlich hier auf meinem Blog, im DSFo-Vorstellungsthread zum Buch und in meinen sozialen Netzwerken verkündet. Da bin ich vor allem auf Instagram aktiv.

Zuallererst startete eine Leserunde zu dem Buch auf Lovelybooks, bei der die Teilnehmer eins von zehn signierten Exemplaren bekommen haben. Die Bewerbungsphase endete am 12.03.2017, also leider bereits fast eine Woche bevor dieser Post online ging. Aber natürlich kann jeder zu jeder Zeit der Leserunde noch nachträglich beitreten und sich engagieren und mit mir und den anderen Lesern den Inhalt diskutieren, allerdings sind die Freiexemplare auf die zehn Gewinner der Leserunde beschränkt. Alle anderen müssen sich das Buch auf anderen Wegen beschaffen. (legalen Wegen selbstverständlich. Alles andere schadet uns Autoren, aber darüber habe ich bereits ausführlich geschrieben). Der Link zur Leserunde: https://www.lovelybooks.de/autor/Leveret-Pale/Crackrauchende-H%C3%BChner-1435926326-w/leserunde/1435989199/

Und natürlich werde ich auch wieder mit verschiedenen Bloggern zusammenarbeiten und mich ihrer harten Kritik stellen. (Ich erwarte sehr gespaltene Meinungen. CrH ist doch ein sehr polarisierendes Werk. Ich warte eigentlich nur auf die ersten Klagen und Zensurversuche^^). Den Beginn machen die Bloggerinnen Traeumenvonbuechern und WurmsuchtBuch. Weitere werden folgen.

Natürlich wird es auch Interviews geben, aber dazu kann ich leider noch nichts Konkretes schreiben, sondern nur auf die letzten Interviews verweisen.

Zusätzlich werde ich auch noch auf meinem YouTube-Kanal Videos von Lesungen, Vertonungen und zur Backgroundstory des Romans posten. Regelmäßig werden diese Videos jedoch nicht erscheinen, dazu lässt mir der Klausurenstress nicht genug Zeit und als Schriftsteller will und muss ich mich mehr aufs Schreiben konzentrieren. Schließlich steht ja noch die Veröffentlichung von Königsgambit an und ich habe auch schon neue Projekte in Arbeit.

Doch auch live werde ich mit Crackrauchende Hühner unterwegs sein. Mehrere Lesungen sind geplant. Bisher kann ich aber nur von einer mit Sicherheit sagen, dass sie stattfinden wird: Am 11. November 2017 werde ich ( und elf andere Autoren, darunter meine Kollegin Monika Loerchner) bei der Langen Lesenacht in  Billerbeck auftreten, mich präsentieren, über mein Schreiben, Leben und meine Projekte reden und auch etwas aus meinem neusten Roman vorlesen dürfen. Auf dieses Event freue ich mich bereits besonders.

Aber es gibt eine Veranstaltung, auf die ich mich noch mehr freue: Die Leipziger Buchmesse 2017, die bereits in nichtmal einer Woche stattfindet. Ich werde dabei sein! Was ich dort genau alles machen werde, dazu kommt die Tage noch ein ausführlicher Artikel. Es wird aber ziemlich awesome, mein Zeitplan ist rappelvoll, ich bin mit dutzend Kollegen verabredet und habe keine Ahnung, wie ich das alles schaffen soll  😆 –  aber wenn jemand ein Autogramm will, dann bekomme ich das bestimmt noch irgendwo unter. Wenn ihr einen konfusen, jungen Autor in einem schwarzen Mantel durch die Gegend irren seht, der ungefähr so aussieht wie die Person auf meinen Instagrambildern nur ohne Brille, dann bin das wahrscheinlich ich. Sprecht mich einfach an. Meistens beiße ich nicht. 😉 und wahrscheinlich bin ich sogar froh über die kleine Ablenkung vom Termin- und Messestress. Ich freue mich schon darauf, möglich viele meiner mir noch unbekannten Leser mal persönlich zu treffen.

Und ab dem 07.04 bin ich dann auch eine Woche lang in Berlin, einem der wichtigsten Schauplätze des Romans. Dabei werde ich nicht nur Urlaub machen und mit Freunden unterwegs sein und Inspiration für das nächste Stück Literatur ( wahrscheinlich „Angst und Schrecken in Las Vegas Berlin“ XD) suchen, sondern auch mich mit Kollegen und Lesern treffen.

Ich freue mich schon auf euch 😀 




Paranoia(4): Das Monster zeigt sein wahres Gesicht

Es kreischte. Ich rannte weg, hörte hinter mir das Schnaufen der lodernden Nüster und das Kratzen der Krallen. Es kam immer näher, holte mich ein. Ich stolperte über Wurzeln durch den nebelverhangenen Wald, während ich den glühenden Atem in meinem Rücken spüren konnte. Es griff nach mir. Ich schrie und fiel hin. Der Boden gab unter mir nach, wie schwarzer Pudding und schreiend versank ich in der Finsternis.

Keuchend und zitternd richtete ich mich in meinem Bett auf. Um mich herum Schwärze. Kalter Angstschweiß tränkte Laken und Decke. Ich konnte Es noch immer wahrnehmen. Panisch tastete ich nach dem Lichtschalter meiner Nachttischlampe. Das Licht ging an, die Dämonen zogen sich mit stummen Schreien in die Schatten zurück und ich griff nach der Axt neben meinem Bett. Meine Brust bebte, als ich mit meinen abgemagerten Armen die schwere Waffe hob. Ich konnte spüren, dass Es noch da war. Ich drehte mich langsam um, aber da war nur die Wand. Ich wirbelte herum, mein Zimmer war noch immer ins bedrohliche Halbdunkle getaucht. Ich wagte es nicht auch nur zu blinzeln, denn ich wusste, dass der kleinste Fehler mein letzter sein könnte. Und dann hörte ich Sie. Sie flüstert meinen Namen.
Ein Schauder rieselte wie schmelzender Schnee über meinen Rücken. »Wer… Wer ist da?«, stammelte ich. Mein Herz klopfte panisch in meiner Brust wie ein lebendig Vergrabener ins seinem Sarg. Ich sprang aus dem Bett und schwang die Axt. »Wer ist da?«, brüllte ich mit angsterfüllter Stimme.
Sie flüsterte meinen Namen und kicherte.
»Verschwinde«, sagte ich, aber aus meinem verengten Hals kam nicht mehr als ein furchtsames Krächzen. Schweiß rann an meinem ganzen Körper hinab und alles begann sich zu drehen, zu tanzen wie ein Jahrmarktkarussell, aber zugleich verschwand Es. Erleichtert seufzte ich auf, die Sicht stabilisierte sich. Die Tür wurde aufgerissen. Ich kreischte und schwang die Axt durch die Luft.
»Was zur Hölle machst du da?«, fragte mich meine Mutter, die im Türrahmen stand. Ich ließ die Axt sinken, atmete schwer:
»Ich… Ich…. also. hatte… einen Albtraum. Sorry«
»Aha«, sagte sie und zeigte auf die Axt. Sie öffnete den Mund, doch bevor sie etwas sagen konnte, kam ich ihr zuvor:
»Kannst du bitte gehen. Ich will jetzt schlafen«, sagte ich mit ungewollter Intensität und Wut.
»Okay. Gute Nacht. Wenn du aber Probleme hast, dann können wir…«
»Gute Nacht«, schnauzte ich und drängte sie aus dem Zimmer.
Als sie draußen war, verbarrikadierte ich die Tür von innen mit einem Stuhl. Dann knipste ich die Deckenlampe an und durchsuchte das Zimmer, verschob Schränke und durchwühlte Klamotten. Egal wie lange ich suchte, ich konnte das Audiogerät nicht finden mit dem meine Mutter die Stimme abgespielt hatte. Ich war mir mittlerweile ziemlich sicher, dass meine Familie mich wahnsinnig machen wollte, damit sie mich, den Scheißjunkie und Troubleboy, loswerden konnten. Dazu versetzten sie das Wasser im Restaurant mit NBOMEs, spielten Tonbänder mit Stimmen ab und hatten mich bei der Polizei angezeigt, damit die Zivis mich paranoid machten. Das würde ich mir aber nicht gefallen lassen und durch meine umsichtige Selbstversorgung hatte ich ihnen bereits einen ordentlichen Strich durch die Rechnung gemacht.
»Nur weiter so und die Wichser geben bald auf«, murmelte ich zu mir selbst, als ich gerade eine weitere Schublade ausleerte. Nichts. Ich fand das Tongerät am Ende nicht und gab auf. Ich legte mich wieder in mein Bett, um etwas zu schlafen, aber sobald ich die Augen schloss, hatte ich das Gefühl, dass eine Präsenz versuchte sich in mein Zimmer zu schleichen. Ich riss die Augen wieder auf, spürte, dass etwas sich auf mich stürzen wollte und knipste noch rechtzeitig das Licht an. Die Finsternis und mit ihr das Gefühl der Bedrohung, verschwanden. Bis zum Morgen saß ich in meinem Bett, schwitzend und die Axt fest umklammert. Erst als die Sonne aufgegangen war, verschwand das Gefühl der Bedrohung und ich nickte erschöpft ein.
Am Abend verließ ich das Zimmer nur einmal, um mir mehr Wasser zu besorgen und einen Eimer zum reinscheißen. Mittlerweile hatte meine verfluchte Familie überall im Haus Tonbänder versteckt, denn ich konnte immer wieder die Frauenstimme hören. Sie hatte etwas Erotisches an sich, aber ich ignorierte es.
Damit würden sie mich nicht drankriegen. Als dann aber sogar im Radio der Moderator anfing über mich zu reden, rastete ich fast aus und zerschnitt das Stromkabel. Selbst die Öffentlichkeit hatte meine Familie auf ihre Seite gezogen. Alle sprachen hinter vorgehaltenen Händen über mich, dass ich Drogen nehmen, durchdrehen und Stimmen hören würde. Bullshit. Ich ging in mein Zimmer und nagelte die Tür von innen zu. Scheiß Wichser, ab jetzt hatte ich alle Karten in der Hand, war in Sicherheit – hoffte ich.

Die Nacht verbrachte ich unruhig mit der Axt durchs Zimmer streifend. Immer wieder fielen mir die Augen zu und dann ergriff mich eine unerträgliche Panik. Mittlerweile hatte die Stimme der Frau an Intensität zugenommen und sie sprach von anzüglichen Dingen, aber ich war zu erschöpft um zuzuhören. Meine Beine waren dünn, die Haut hing schlaff von ihnen herab. Ich schwitzte und hatte Mühe die Axt zu halten, aber die Angst vor Es war größer, als meine körperliche Schwäche. Irgendwann gegen Morgengrauen, setzte ich mich vor das Fenster. Immer wieder hörte ich Geräusche hinter mir und drehte mich um, aber da war nichts. Als die ersten Sonnenstrahlen sich über den Horizont erhoben, hörte ich einen Wagen näherkommen und Stimmen.
Kurz darauf hielt ein großes gepanzertes Fahrzeug vor unserem Haus. Vermummte Kämpfer mit Maschinenpistolen und Polizeiabzeichen begleitet von Zivis sprangen heraus. Mein Herz begann zu rasen. Nein. Die Bullen hatten beschlossen zum finalen Schlag auszuholen, mich wegen dem Salvia Divinorum, welches sie aus der Post abgefangen hatten, ins Gefängnis zu stecken. Meine Mutter kam aus dem Haus und sprach mit den Polizisten, die kurz darauf unter mir in der Haustür verschwanden. Ich schrie und zeterte, schlug mit der Faust gegen die Wand. Verfluchte Wichser! Lebend würden die mich nicht kriegen. Ich erhob mich und nahm die Axt. Meine Sicht schwankte, die Wände waberten, meine Augen fielen immer wieder zu und ich spürte ein Ziehen in meinem Kopf, aber zeitgleich raste mein Herz. Kampfbereit positionierte ich mich vor der Tür.
Es klopfte.
»Kommen Sie heraus«, brüllte ein Polizist auf der anderen Seite. Ich schwieg. Ich war zu müde und jede Antwort wäre sowieso nur ein gefundenes Fressen für die Anklage.
»Wir kommen jetzt herein«, rief die Stimme. Es rüttelte an der Tür.
»Er hat sie von Innen zugenagelt«, hörte ich meine Mutter flüstern. Verfluchte Verräterin. Ich biss mir auf die Lippen bis ich Blut schmeckte.
»Scheiße, das ist ernst. Da haben wir keine andere Wahl«
Die Tür erzitterte unter einem Schlag. Meine degenerierten Muskeln zuckten unwillkürlich. Ich fühlte mich, als würde ich auf einer Wolke stehen, die sich jeden Augenblick auflösen könnte. Noch ein Schlag oder Tritt. Das Holz ächzte. Ich konnte sehen, wie sich die Nägel an der Tür langsam herausschoben, wie ausgedrückte Mitesser. Die Tür wurde von einer weiteren Erschütterung erfasst. Nägel sprangen zu Boden, mein Kiefer verkrampfte sich. Mit einem lauten Krachen zersplitterte die Tür.
Ein halbes Dutzend Polizisten in Kampfmonturen stürzten sich mit bloßen Händen auf mich. Ich riss schreiend die Axt in die Höhe und ließ sie niedersausen. Sie verfehlte einen Cop nur knapp, der sich wegduckte. Bevor ich den Fehler korrigieren konnte, sprang von der anderen Seite einer auf mich und riss uns beide zu Boden. Die Axt flog weg und ich schrie, während zwei weitere Cops mich packten und hochzogen. Ich strampelte mit den Beinen und kreischte, als ein dritter sein Messer zog und auf mich zuging. Die Klinge versank in meinem Bauch. Ich brüllte vor Schmerzen, dann zog der Cop das Messer heraus und es begann zu schmelzen. Ich verstummte erstaunt. Es wurde zu einer Spritze. Die Uniformen der Cops schmolzen zu weißen Sanitätermonturen. Verwirrt sah ich mich um, spürte wie müde ich war. Meine Gliedmaßen erschlafften, die Gedanken versanken unter einer dicken Decke aus Watte. Man schleppte mich die Treppe runter und hievte meinen schweren Körper auf eine Bahre. Meine Mutter kam zu mir und ergriff meine Hand. Sie weinte.
Ich sah zu ihr auf und murmelte: »Das Salvia… das tut mir leid… Dafür werde ich ins Gefängnis kommen.«
»Keine Sorge, das wird nicht passieren.«
»Warum sollten sie mich sonst mitnehmen?«
»Weil du Hilfe brauchst. Das… Das Salvia habe ich vor drei Wochen in der Post gefunden und weggeworfen. Du hättest uns erzählen können, dass du ein Drogenpro…« Weiter kam sie nicht. Ich lachte wie Irre. Das scheiß Salvia war gar nicht von der Polizei beschlagnahmt worden? Es war… es war die ganze Zeit von meiner Mutter abgefangen und entsorgt gewesen? Ich hatte mich unnötig gestresst. All die Sorgen vor den Zivis waren unbegründet, sinnlos wie der ganze Wahn. Ich lachte und lachte und begann unkontrolliert mit den Armen um mich zu schlagen. Ich konnte einfach nicht mehr. Das war zu komisch, zu abgefuckt. All der Stress und die Verzweiflung explodierten aus mir heraus im wahnhaften und sinnlosen Gelächter. Ich lachte noch immer lauthals und stammelte: »abgefangen… es war die ganze Zeit abgefangen… mein… Hirn ist gefickt… hahaha abgefangen, dass Salvia, die Zivis… meine Mam«, als man mich in den Krankenwagen schob und jemand sagte: »Mehr Diazepam. Der Typ dreht komplett durch«. Kurz darauf sank ein dunkler Schleier über die Welt und ich schlief ein, starb?




Paranoia(3): Hunger

Es waren Pollen in der Luft und mir tränten die Augen, juckte die Haut und ich hatte überall Ausschläge. Es ist scheiße Allergiker zu sein. Das Immunsystem hat einfach einen paranoiden Knall, greift harmlose Proteine an, die es für feindlich hält und zerstört dabei den Körper mit Stresshormonen und Histamin. Gegen die Histaminausschüttung, die für den Juckreiz und die Schwellugen ursächlich ist, kann man Antihistaminika nehmen. Zum Beispiel Cetirizin. Mein Begleiter im Frühling und Sommer seit Kindheitstagen. Ich ging in die Küche und nahm eine Schachtel des Wundermittels aus dem Arzneimittelschrank. Ich drückte aus dem Blister eine Tablette auf meine Handfläche und wandte mich dem Waschbecken zu, um mir ein Glas Wasser einzuschenken. Plötzlich erstarrte ich wie vom Blitz getroffen. Was waren eigentlich die Nebenwirkungen bei Cetirizin? Ich suchte den Beipackzettel. Sehr selten rief das Mittel allergische Reaktionen hervor.
Ich spürte, wie meine Poren Schweiß aussonderten und meine Lungen verkrampften. Was, wenn ich allergisch darauf reagierte? Stark allergisch? So dass ich einen anaphylaktischen Schock erlitt und starb? Ich hatte das Mittel zwar bereits hunderte Male genommen, aber Allergien konnten sich auch spontan entwickeln und dann würde ich sterben. Ich konnte mich selbst vor meinem inneren Augen sehen, wie ich mit geschwollenem Hals zuckend am Boden erstickte. Tod durch Allergie auf ein Antiallergikum. Ich warf die Tablette in den Müll. Tief durchatmend stolperte ich davon. Gerade noch war ich dem Tod entronnen. Glaubte ich zumindest.

Eines Abends gab es Tortillas zu essen. Meine Leibspeise bis zu diesem Tag. Ich zerschnitt eine Tortilla mit Messer und Gabel, während meine Eltern und Geschwister sich die Tortillas mit den Händen in den Mund schoben.
»Warum isst du nicht mit den Händen?«, fragte mich einer meiner Brüder verwundert.
»Wegen dem Dreck an den Fingern… Krankheiten und so…«, murmelte ich und er nickte verwirrt, bevor er sich von mir abwandte. Ich war für meine Familie schon immer ein Sonderling mit komischen Macken gewesen, also verwunderte meine neue Essgewohnheit keinen. Ich kaute gerade genüsslich meinen dritten oder vierten Bissen, als ein Gedanke in meinen Kopf schoss. Was wenn der Fladen abgelaufen war oder doch nicht aus purem Mais bestand, schließlich war ich auf Weizen allergisch? Mein Kiefer erstarrte und mir wurde übel. Ich nuschelte etwas und stand auf.
In der Küche spuckte ich den Speisebrei aus meinem Mund in den Biomüll und begann den Plastikmüll zu durchwühlen. Ich fand die Tortillapackung und erblasste. Sie war vor neun Tagen abgelaufen. Mit zittrigen Fingern drehte ich sie um. Weizenmehl (20%) stand fettgedruckt bei den Zutaten. Ich ließ die Packung fallen und stürzte schreiend ins Bad. Meine Familie rief mir verwundert hinterher. Ich fiel auf die Knie und rammte mir die Hände in den Rachen. Immer und immer wieder, bis sich mein schmerzender und malträtierter Verdauungsapparat aufbäumte und ich die paar wenigen Bissen erbrach. Ich weinte.
»Was ist…«, hörte ich die besorgte Stimme meiner Mutter.
»Was ist?«, brüllte ich und der Tränenschleier vor meinen Augen bebte. »Du hättest mich fast umgebracht! Die Tortillas enthalten Weizen und sind abgelaufen«
Meine Mutter sah mich an, als hätte ich den Verstand verloren. »Du hast die immer gegessen. Das bisschen hat dir nie geschadet und ein paar Tage…«
»Ich bin allergisch und es sind neun Tage! Ich werde sterben! Ruft den Krankenwagen!«
Kreischend stürzte ich ins Wohnzimmer zum Telefonhörer, um den Notruf zu wählen. Mein Bruder stellte sich mir in den Weg. Meine Eltern schickten mich aufs Zimmer, wo ich weinend auf meinen Tod wartete – der nicht eintrat. Seit dem Tag an kochte ich für mich selber.

Ich nahm ein Glas aus dem Schrank und wollte Wasser einfüllen, als ich etwas sah, was mich innehalten ließ. Am Boden des Glases war eine halbdurchsichtige Schicht. Kalk? Vielleicht aber auch getrocknetes Spülmittel? Ich stellte das Glas weg, um direkt aus dem Hahn zu trinken. Mein Herz stockte. Am Filter des Hahns war ein großer weißer Klumpen mit einem Gelbstich. Schimmel? Nein. Das war Kalk. Ganz normale Kalkablagerungen. Aber was für Krankheitserreger mochten darauf leben?
Ich ging zum Supermarkt Wasserflaschen kaufen.

Ich sah mir ein YouTube Videos an und aß dazu Chips mit einer Gabel aus der Tüte. Mit der Gabel, damit ich die Chips nicht mit meinen Fingern kontaminierte. Nach einiger Zeit hatte ich das Gefühl, dass die Chips merkwürdig schmeckten. Sie waren zwar noch lange haltbar, aber vielleicht verunreinigt oder so. Ich schmiss die halbe Packung weg und kotzte.

Am Mittwoch war ich mit meiner Mutter in der Stadt einkaufen. Immer wieder sah ich mich um. Ich spürte ein merkwürdiges Ziehen in meinem Kopf, als würde jemand versuchen meine Gedanken zu lesen. Die meiste Zeit des Einkaufes verbrachte ich dann damit möglichst kompliziert oder gar nicht zu denken, um die Gedankenleser zu verwirren.

Die Klospülung rauschte hinter mir und ich ging zurück in mein Zimmer. Ich setzte mich wieder an meinen PC und griff nach einer offenen Flasche, als mich ein fürchterlicher Gedanke ergriff.
Was, wenn irgendjemand LSD, NBOMEs oder Gift in mein Wasser getan hatte, während ich kaken war? Vielleicht mein Bruder? Vielleicht Tim? Ich konnte bereits vor meinem geistigen Auge sehen, wie ich auf einem Badtrip schreiend und kotzend elendig durchdrehen würde. Ich rümpfte die Nase, dann verschloss ich die Flasche, warf sie in den Mülleimer und öffnete eine neue. Ich trank und plötzlich hatte ich das Gefühl beobachtet zu werden. Ich stellte die Flasche ab und griff langsam unter dem Tisch nach dem Messer, welches ich dort befestigt hatte. Ich drehte mich wie zufällig um. Unsere Blicke trafen sich und ich knurrte wütend. Der Zivi auf dem Balkon gegenüber, mit seiner ah so coolen Sonnenbrille, gab wieder mal vor ein Sonnenbad zu nehmen. Ich ließ das Messer los und grinste. Keine Beweise mehr, außer das Salvia in der Post, aber deren Bestellung könnt ihr mir nicht nachweisen. Ich weiß zumindest wie man Bitcoins wäscht. Scheiß Bierprollos.
Ich ging zum Fenster und ließ die Rollladen für immer herunter. Ich hatte nichts zu verbergen, aber beschatten lassen musste ich mich auch nicht.

Das letzte Mal verließ ich das Haus zu einem gemeinsamen Familienfahrradtrip zu einem griechischen Restaurant ein paar Kilometer entfernt. Ich fühlte mich fiebrig und schwindelig, als würde ich gleich zusammenbrechen. Mein Herz raste wegen der Angst vorm Zusammenzubrechen und Schweiß rann in Strömen an mir herab. Die Sonne brannte gnadenlos. Meine Beine hatten wenig Kraft, weil ich seit längerem nicht mehr trainiert und mehrere Kilo Körpergewicht verloren hatte.
Ein paar Zivilcops kamen uns entgegen und einmal sah ich sogar einen Einsatzwagen am Straßenrand, aber ich behielt souveräne Ruhe und fuhr meiner Familie hinterher. Keuchend und schnaufend hielt ich irgendwie mit und war erleichtert, als wir endlich ankamen.
Wir setzten uns in den Biergarten. Überall waren Menschen, die ihre drecks Droge Ethanol tranken und ich könnte wetten, dass nicht wenige von Ihnen der Polizei nahestanden.
Der Kellner kam zu uns. Er grinste suspekt. Wir bestellten Getränke und nach einigem Zaudern entschied ich mich für Garnelen. Der Typ notierte sich alles, lächelte verschwörerisch und verschwand Richtung Küche. Meine Familie redete und redete, aber ich hörte nicht zu. Ich hatte das Gefühl zu ersticken und mir war ganz schummrig, während gleichzeitig mein Herz panisch gegen die Rippen pochte. Ich hielt die Augen geschlossen, versuchte ruhig zu atmen. Ich würde jeden Moment einen Schlaganfall oder Herzinfarkt bekommen, das spürte ich. Vielleicht war es sogar bereits passiert, aber daran konnte ich sowieso nichts ändern, also versuchte ich ruhig zu bleiben. Auf die Fragen meiner Familienmitglieder antwortete ich mit einem geknurrten: »Hab Kopfschmerzen… Jetzt nicht. In Ordnung«
Der Kellner brachte die Getränke. Er stellte ein Glas Mineralwasser vor mich. Kein Saft, schließlich könnte ich auf die Früchte darin allergisch reagieren, und mit Sprudel, der zumindest ein paar Bakterien abtötete.
Ich hatte Durst und merkte, dass ich komplett dehydriert war, aber ich musterte das Glas misstrauisch. War es sauber? Vielleicht hatten die Angestellten des Restaurants vergessen es richtig auszuspülen und es war noch mit Hepatitis kontaminierte Spucke eines anderen Gastes oder karzinogene Spülmittelrückstände darin? Oder? Ich sah misstrauisch in die Runde. Vielleicht war es vergiftet, aber selbst wenn, ich durfte mir nichts anmerken lassen. Ich griff nach dem Glas und nahm einen Schluck. Das Wasser rann meine verdorrte Kehle hinab. Es hatte einen bitteren Beigeschmack. Ganz schwach, aber ziemlich sicher da. Mein Kiefer verkrampfte sich. Ich stand auf und nuschelte etwas von Klo.
Mit schnellen Schritten bahnte ich mir meinen Weg zur Restauranttoilette. Ich versicherte mich allein zu sein und verriegelte die Tür hinter mir. Dann spuckte ich das Wasser aus meinen Mund ins Waschbecken. Ich atmete tief durch und strich mir die langgewordenen Haare aus dem Gesicht. Der Spiegel irritierte mich. Ich glaubte mich darin zu sehen, abgemagert und mit eingefallenen Wangen und dicken Augenringen. Ich war definitiv nicht gesund und das lag an den andauernden Vergiftungsversuchen und dem Stress, den die Überwachung durch Zivis mit sich bringt. Ich starrte mich selber genauer an, aber wenn ich versuchte Teile meines Gesichtes zu erfassen, verschwammen sie, schienen zu schwimmen und ihre Form zu ändern. Ich konnte nur eine Abstraktion meiner selbst erkennen. Meine Handflächen wurden feucht und ich musste einen Schrei unterdrücken. Das im Spiegel war kein Gesicht. Es war ein unförmiges Etwas, das mir Angst machte. Übelkeit und tiefer Ekel stiegen in mir auf. Ich stürzte aus der Toilette nach draußen, wo ich sofort mein Tempo bremste und langsam ging, um keine Aufmerksamkeit zu erregen – was zwecklos war. Ich konnte die Blicke aller spüren, als ich mich zu meinem Platz begab und mich setzte, als wäre nie etwas passiert. Als wäre nie etwas passiert! Als ob!
Das Essen war in der Zwischenzeit bereits gebracht worden. Ich sah zu meinen Familienmitgliedern auf und versuchte unauffällig ihre Gesichter zu studieren. Mein Herz machte einen Satz. Auch diese waren unförmig. Wenn ich kurz hinsah, erkannte ich die mir vertrauten Züge, doch, wenn ich sie genauer betrachtete, verschwammen sie. Ich starrte die Nase meines Bruders an. Sie atmete, wurde größer und wieder kleiner, verschwand und verschmolz mit seinem Gesicht. Sein Gesicht! Wie sah es überhaupt aus? Ich konnte es nicht erkennen. Ein Schüttelfrost überkam mich. Das unförmige Etwas sah auf, entdeckte mich: »Alles in Ordnung? Habe ich etwas im Gesicht?«, fragte mich eine weit entfernte Stimme, die in meinem Kopf widerhallte.
»Ja. Ja. Nein… Ähm… Ich habe nur vor mich hingestarrt.«, antwortete meine ferne Stimme, die mit dem allem überfordert war.
»Aha«, sagte das Etwas, sagte mein Bruder und widmete sich wieder dem Essen. Ich tat ihm gleich. Vor mir auf dem Teller lagen vier große Garnelen und ein kleiner Haufen Reis. Sie sahen merkwürdig aus. Ich war mir nicht sicher, aber ich glaubte einen leichten Gelbstich ausmachen zu können.
Zögerlich schnitt ich ein kleines Stück des weißen Fleisches heraus und schob es in den Mund. Kaute. Verzog das Gesicht. Es schmeckte… merkwürdig. Wie schmeckten normale Garnelen? Und reagierte ich auf Garnelen vielleicht allergisch? Tödlicher anaphylaktischer Schock, schoss mir durch den Kopf. Meerestiere waren von klein auf meine Leibspeise gewesen, aber ich war mir plötzlich nicht mehr ganz sicher und griff nach einer Serviette, drehte mich um und gab vor, mir die Nase zu putzen. Ich spuckte aus und hungerte bis zum Abend, wo ich Maiswaffeln und Vitamintabletten aß.




Paranoia (2): Der Tag danach

Ich grübelte an meinem Schreibtisch, hielt inne und ließ meinen Blick aus dem Fenster schweifen. Ich zuckte zusammen. Auf einem Balkon gegenüber saß ein Mann mit Sonnenbrille. Er gab den Anschein sich zu sonnen, aber instinktiv wusste ich, dass er mich beobachtete. Ich stand auf und rollte die Jalousie herunter. Scheiße, das war sicher ein Zivi. Sie hatten die Aztekensalbei abgefangen oder irgendein Scheißer hatte ihnen gesteckt, ich würde dealen, um für sich selbst eine Strafmilderung rauszuschlagen. Es durchfuhr mich heißkalt und ich bekam eine Gänsehaut. Ich ging zu meinem Bett und legte mich auf den Boden davor. Kurz darauf lag der aufgeschlossene Koffer vor mir. Massenweise Ritalin – die Basis meines Business, die ich mit dreizehn verschrieben bekommen und abgesetzt hatte – und stapelweise Döschen mit verschiedenen Pillen und Kräutern. Manche legal, manche nicht. Kokablätter, Blauer Lotus, ein braunes Hustensaftfläschchen gefüllt mit selbstsynthetisiertem Chloroform, Holzrosesamen, Kratom und eine Platte Hasch, normale Schoki und Knaster, fünf LSD Blotter, 200g pharmazeutisch 100% reines Koffeinpulver zum strecken oder sniffen, Testkits, um Ware auf Streckmittel zu testen, selbstverständlich eine Feinwaage und hunderte durchsichtige Apothekertütchen. Viel. Sehr viel, aber das meiste davon nahm ich selber gar nicht oder nur ein einziges Mal und nie wieder. Ich war Forscher und Unternehmer zusammen mit Tim. Aber das war jetzt Geschichte. Ich würde das Geschäft vollkommen an ihn abtreten. Die Bierproleten hingen mir am Arsch, ich wurde langsam paranoid und Tim… Nein. Tim nahm mich nicht ernst und war ein amoralistischer Psycho, fuhr es mir durch den Kopf. Er hatte mich dazu gebracht die Kanna-Pillen zu nehmen, mich auf dem Horrortrip ausgelacht und im Stich gelassen. Warum sollte ich das Zeug Tim geben? Wir hatten zwar beide zusammen das Business aufgebaut, aber ich hatte die Quellen und Kontakte, kaufte Bitcoins und im DarkNet ein und traf mich mit Großhändlern. Er lieferte nur an die Kunden aus und war selber einer der größten. Er lebte von meinem Geld. Und er nutzte mich aus, realisierte ich. Ich lagerte bei mir, ließ an meine Adresse liefern und er war der Nutznießer, wenn es jedoch hart auf hart kam, ließ er mich in Stich. Ich konnte ihm nicht trauen. Ich spülte die Drogen die Toilette runter. Ich ging zum Gartenschuppen und holte 2kg Thermit aus einer Tüte, die ich dort versteckte. Bevor ich mit Drogen gehandelt hatte, waren Sprengstoffe meine Leidenschaft gewesen, aber ich hatte vor langer Zeit die letzte Rohrbombe gezündet und die letzten Chemikalien in den Restmüll gekippt. Ich packte den Koffer mit dem verbliebenen Beweismaterial voll mit Thermit. Ich entnahm meinem Laptop die verschlüsselte Festplatte und warf sie mit rein. Schade um die Bitcoins.
Bevor ich mich auf den Weg machte, fiel mein Blick auf die Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen von Christian Rätsch in meinem Regal. Dieses verdammte, scheiß Buch war zu teuer und schwer, um es zu vernichten. Ich würde es vorerst behalten müssen und später verkaufen.

Ich fuhr zu dem ehemaligen, verlassenen Militärflughafen bei Neubiberg, südlich von München. Ich erinnerte mich, wie ich früher dort mit dem Rucksack voll HMTD oder Apex hingefahren war, um zum Spaß Hundekotmülleimer zu sprengen und Betrunkenen mit Pyrotechnik, Flares und Benzinlachen einen Höllenschiss einzujagen. Allein bei dem Gedanken wurde mir übel und ich bekam trotz der Hitze eine Gänsehaut. Wie hatte ich so leichtsinnig sein können, so etwas Gefährliches zu tun? Allein der Koffer voller Beweismaterial in meiner Hand ließ das Blut in meine Eier sacken. Ich sah mich die ganze Zeit um und schlug Haken durchs Gebüsch, um die Zivis abzuschütteln.
Und früher war ich hier sorglos durch die Gegend gefahren, sogar, wenn ich genug Sprengstoff um eine U-Bahn zu räumen in meinem Rucksack hatte. Warum war ich plötzlich so verdammt ängstlich?

Ich steckte eine Zündschur in den Koffer, und sah mich gehetzt um. Der kleine, durch Gebüsche isolierte Asphaltstreifen lag gut versteckt, dennoch hatte ich Angst, jemand könnte vorbeikommen. Ich wartete. Nichts geschah, also zündete ich die grüne Schnur an, die sofort funkensprühend loszischte.
Ich rannte zu meinem Fahrrad. Das Herz schlug mir bis zum Hals. Die zischenden Funken verschwanden mit einer kleinen Rauchwolke im Inneren des Koffers. Ich hielt den Atem an. Würde es zünden? Falls nicht, hatte ich ein Problem. Just in dem Moment, als ich glaubte, versagt zu haben, gab es ein lautes Knastern und Zischen. Der Koffer riss auf und eine 2600C° heiße Flammensäule schoss zum Himmel. Ich trat aufs Pedal, raste davon. Meine Schläfen pulsierten. Ich hatte das Gefühl, jeden Moment würde ein Zivi mich vom Rad reißen und mich wegen Brandstiftung einkerkern. Naja, besser als Drogenhandel; den würden sie mir nicht mehr nachweisen können. Ich stürzte mit quietschenden Reifen, keuchend und schweißgebadet von einem Trampelpfad aus dem Gebüsch auf die Straße. Ich bremste und atmete tief durch. Dann fuhr ich langsam und unauffällig weg. Ein Mann mit Sonnenbrille kam mir entgegengeschlendert. Mein Magen verkrampfte sich, aber ich musste trotzdem ein Lächeln unterdrücken. Der war sicher ein Zivi, der mich überwachen sollte, aber alle Beweise und Fingerabdrücke waren gerade eben in Rauch aufgegangen. Sie konnten mir nix mehr. Zu spät, du Hurensohn.

Ich verbrachte viel Zeit auf Wikipedia und las dort über Krankheiten und Vergiftungen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass etwas mit meiner Gesundheit nicht stimmte. Auch brach ich den Kontakt zu Tim und den anderen Dealern ab. Ich hatte das Gefühl, dass er mich nur ausnutzen und irgendwann umbringen wollte. Er hatte mich in die Welt der Drogen eingeführt, aber nur um meiner Gesundheit zu schaden und Profit aus meinen Geschäfts- und Technologieverständnis zu schlagen. Ich war mir plötzlich sicher, dass er beim Klassentreffen die Pillen gar nicht geschluckt hatte und sich nur an meinem Leiden erfreute. Dreckiger, sadistischer Bastard. Wahrscheinlich, nein, ziemlich sicher, würde er mich eines Tages umbringen, denn er war von Serienkillern fasziniert und hatte oft gesagt, er würde gerne wissen, wie es sich anfühlt, zu töten. Ich hatte mir früher dabei nicht viel gedacht, da meine Interessen ähnlich waren und er mein bester Freund, aber seitdem ich entdeckt hatte, dass er mich nur ausnutzte und manipulierte, misstraute ich ihm.

[Fortsetzung folgt]

Hier geht es zu Teil 3 ===>




Paranoia (1): Der Trip

Das ist eine vierteilige Novelle, von der ich jede Woche eine Episode veröffentlichen werde. Die Handlung und die Charaktere sind fiktiv.

Man könnte die Anfänge und Ursachen bereits in meiner Kindheit oder in den vorhergegangenen,
experimentierfreudigen Monaten suchen, aber ich glaube, dass es an jenem heißen Julitag begann.
Die Sonne brannte vom wolkenlosen Himmel auf uns herab, der Schweiß tränkte mein T-Shirt.
»Also ich weiß nicht«, sagte ich.
»Ah komm, Alter, das wird schon nice«, erwiderte Tim.
»Das ist mir irgendwie zu sinnlos.«
»Alle außer uns werden saufen. Ich werde den scheiß Alk safe nicht anrühren – du sowieso nicht, aber wir können uns ja damit einstimmen und zugleich was Neues ausprobieren.«
Er zog das glänzende Tütchen hervor und wedelte damit vor meiner Nase herum, keine zwei Meter vor einer dicht befahrenen Kreuzung. Mein Herz machte einen Sprung.
»Pack das weg. Du kannst doch damit nicht in der Öffentlichkeit rumwedeln«, fuhr ich ihn wütend an.
»Ist doch sowieso legal«, maulte Tim.
»Und das weiß ja auch jeder in diesem alkoholistischen Scheißland, oder was? Die sehen nur zwei verschwitzte Teenager mit Sonnenbrillen, die Pillen aus einem bunten Tütchen schlucken. Ich habe keinen Bock auf Stress mit den Bierproleten von der Polizei oder irgendeinem Spießer.«
»Okay. Okay.«, lenkte er ein und steckte es weg. »Nimmst du es? Es wäre eine Pflanze mehr aus der Enzyklopädie zum Abhaken. Kanna.«
»Sceletium tortuosum. Genau. Aber es ist nicht nur das stark stimulierende Kanna. In den Pillen ist noch dieses Synephrin und Koffein. Und wir haben erst letzte Woche auf Holzrose und Weed getrippt. Wir haben uns nicht nur absolute Ethanolabstinenz, sondern auch 6-wöchige Konsumpausen zwischen den einzelnen Experimenten geschworen«
»Und wenn du dich einmal nicht daran hältst, geht die Welt unter oder was? Jetzt puss nicht rum. Du hast mir das Zeug ja sogar verkauft.«
Ich seufzte und wischte mir den Schweiß von der Stirn. Da hatte er recht. Ein Dealer, der den eigenen Stoff nicht nehmen wollte, war alles Mögliche, aber kein Qualitätsversprechen. »Okay. Ich bin dabei, aber nur, wenn wir es dort auf dem Klo nehmen, ich habe nämlich keinen Bock auf unnötige Aufmerksamkeit.« Ich zeigte auf die Rolltreppen zur U-Bahn.
»Was? Wie so scheiß Junkies auf dem Bahnhofsklo? Arm. Einfach nur eine arrrme Aktion.«
Ich stellte mich stur.

»Bei Leary, verdammt«, sagte Tim und rümpfte die Nase. »Hier stinkt es ja übelst«
Ich zuckte mit den Schultern. Es war eine Bahnhofstoilette. Es roch nach Pisse, schwarzer Dreck klebte in den Fugen der Kachelwände und -böden, eine Kabinentür war zerbrochen, Zeitungspapier fledderte herum und gleich neben der Tür war einer dieser schmuddeligen Sexspielzeug-und-Kondom-Automaten Ich sondierte die Lage. Kein Penner, den wir beim Schlafen störten, keine Junkies, die mit der Nadel im Arm sabbernd in der Ecke lagen.
Der Gestank hatte wohl alle potenziellen Bewohner verscheucht. »Die Luft ist rein«, sagte ich »gib her«.
Tim riss das silberne Tütchen mit dem buntem Logo auf und schüttete den Inhalt auf seine Handfläche aus. Vier große, braune Pillen. Jeder nahm zwei und spülte sie mit Mineralwasser runter. Ich schloss die Augen, spürte wie das Adrenalin heiß durch meine Adern schoss und mich zittrig machte, wie jedes Mal, wenn ich eine unbekannte Substanz zum ersten Mal konsumierte. Ich lächelte und sagte: »Ich muss pissen.«

Wir gingen über die Straße. Es war heiß. Ich schwitzte, ich schwitzte extrem und spürte ein Drücken auf meiner Brust. Ich hatte das unbestimmte Gefühl einen Fehler gemacht zu haben, aber noch konnte ich nicht genau den Finger darauf legen, was es war. Tims Stimme drang zu mir durch, aber ich hörte nicht zu, bis er geendet hatte und ich am Ton merkte, dass er mich etwas gefragt hatte.
»Was?«, fragte ich gedankenverloren.
»Ob alles mit dir in Ordnung ist? Du siehst ziemlich verstimmt aus«
»Ahso. Ne, alles gut.«, sagte ich und zwang mir ein breites Grinsen ab. Ich durfte mich nicht zu sehr auf die negativen Gedanken einlassen, sonst würde mein Set kippen und alles nur schlimmer werden. Ich gab mein Bestes die Zweifel zu unterdrücken, aber ich schwitzte in Strömen und spürte, wie mir immer heißer wurde. Ich nahm mein Handy heraus und googelte die Inhaltsstoffe des Legal Highs. Ich kannte sie zwar bereits auswendig, aber ich hatte plötzlich das dringende Verlangen zu überprüfen, ob ich nicht irgendetwas übersehen hatte. Enthalten war ein Extrakt der Sceletium tortuosum – Kanna, eine euphorisch und stark stimulierend wirkende Pflanze, von der Wirkung mit Kokain vergleichbar, Synephrin, ein Ephedrinersatz, welcher als Kreislaufstimulanz und Fatburner verwendet wird, und Unmengen an Koffein. Scheiße, dachte ich. Ich hatte sowieso schon gelegentlich Kreislaufprobleme und bei der Hitze Stimulanzien? Wo ich Upper ohnehin schlecht vertrage? Warum hatte ich mich dazu überreden lassen? Auf einmal war mir richtig schlecht. Mein ganzer Körper versteifte sich. Das Blut sackte in die Beine. Bevor ich weiterdenken konnte, riefen Stimmen unsere Namen. Ich sah auf und erkannte meine ehemaligen Klassenkameraden. Das würde ein schreckliches Grundschulklassentreffen sein. Ich begrüßte die Personen, die mich teilweise seit sechs Jahren nicht mehr gesehen hatten und nun erleben würden, wie ich austickte. Fucking Gonzo.

Wir gingen alle zusammen in den EDEKA an der Tierparkstraße. Mittlerweile waren wir zu zehnt, der Rest würde gleich eintreffen. Ich irrte nervös zwischen den Regalen umher und griff mir eine Milch – das beste natürliche Entgiftungsmittel, wenn ich Albert Hoffmanns Anekdote zu seinem ersten, ungewollten Trip auf Acid richtig in Erinnerung hatte.
Dazu noch eine Schachtel Müsli. Auf das geplante Grillen an der Isar hatte ich plötzlich keine Lust mehr.
Bei dem Anblick von Fleisch wurde mir übel, als müsste ich mich gleich übergeben. Schwitzend und schwer atmend stellte ich mich an der Kasse an. Ich wippte nervös und aufgekratzt auf meinen Fersen hin und her. Vor mir war eine ehemalige Klassenkameradin, die über irgendetwas aufgeregt und fröhlich schwafelte, aber ihre Worte drangen nicht durch das Gedankenchaos in meinen Verstand. Ich nickte stumm, meine Kehle fühlte sich wie zugeschnürt an. Plötzlich klatschte mir jemand auf die Schultern. Erschrocken wirbelte ich herum. Tim stand hinter mir. Er grinste und flüsterte: »Es flutet an. Geil, geil, geil. Spürst du es auch?« Ich nickte. Ich musste sofort weg, die scheiß Droge aus meinem Körper kriegen.

Während die anderen sich an einer Eisdiele anstellten und lachend Neuigkeiten austauschten, stürzte ich davon, um mir etwas abseits die Finger in den Rachen zu rammen. Mein Magen bäumte sich auf, weigerte sich, aber letztendlich schoss ein Strahl gallenbitterer Kotze vor meine Füße. Nicht viel. Ich hörte jemanden mich rufen. Vorerst hatte ich genug gekotzt. Ich wischte mir den Magensaft vom Mund, trank einen Schluck Milch hinterher und machte mich mit wackeligen Beinen auf den Weg zurück zur Gruppe. Ich lächelte und fühlte mich hinter meiner Sonnenbrille viel selbstbewusster. Dann spürte ich, wie die Wirkung stärker wurde, sich alles in meinem Kopf drehte und noch mehr Schweiß aus meinen Poren schoss. Mein Lächeln wurde schief, das eines Verdammten.

Als wir in der prallen Sonne die Thalkirchener Brücke überquerten, glaubte ich, an einem Hitzeschlag zu sterben. Mein Fleisch, die Luft und meine Augen glühten, meine Kehle fühlte sich trocken an. Ich hätte am liebsten geschrien.

Wir saßen auf Steinen am Ufer der Isar. Mein Herz lief unkontrolliert Amok und schlug wild gegen meine Brust. Still saß ich in der Runde, die sich um Einweggrille und Bierkästen versammelt hatte. Tim grinste wie ein Honigkuchenpferd. In meinem Magen grummelte es. Ich fasste mir an den Mund, sprang auf und lief zum Fluss und reiherte hinein. Ich wischte mir den Mund ab und begann nervös herumzulaufen. Mein Körper brannte, so heiß war er. Meine Shorts klebten mir an den Schenkeln. Scheiße. Ich zog mein Handy und googelte Substanzen, Tripberichte und Drogennotfälle, stolperte über das durch Stimulanzien kombiniert mit Monoaminoxidase-Hemmer verursachte tödliche Serotoninsyndrom. Hatte ich MAO Hemmer genommen? Passionsblumenkraut drei Tage zuvor, oder? Nein, das lag schon mehrere Monate zurück. Ich war mir plötzlich nicht mehr sicher. Meine Gedanken wirbelten, Erinnerungen und Befürchtungen, Ängste, Lügen und Wahrheiten verschmolzen miteinander. Wie lange wirkte das nach? War es ein reversibler oder irreversibler MAO-Hemmer? Der Schweiß verrann auf dem Display.

»Tim.«, flüsterte ich und hatte dabei das Gefühl zu ersticken. »Tim. Tim!«
Er saß mit dem Rücken zu mir in der Runde und hörte anscheinend zu, wie eins der Mädchen irgendetwas von ihrem Freund erzählte. »Tim!«, wimmerte ich verzweifelt und zupfte an seinem T-Shirt.
Er drehte sich zu mir um.
»Ich muss ins Krankenhaus. Mir ist richtig schlecht.«
Er lächelte und winkte ab. »Ah was. Chill mal«.
»Was ist mit ihm los?«, fragte ein Mädchen und sah mich besorgt an.
»Ah, der schiebt nur Paras, weil er auf nem Trip ist. Wird schon wieder.«
»Was? Ihr nehmt Drogen?« Unsere ehemaligen Klassenkameradinnen starrten uns entsetzt an, einer, Franz, lächelte wissend, ich taumelte davon und kotzte.

Ich war dabei zu sterben. Ich würde gleich an einem Serotoninsyndrom zugrunde gehen, sabbernd und bewusstlos. Ich lief im Kreis. Fraß mehr Müsli zur Beruhigung, bis ich nach der halben Packung bemerkte, dass es Haselnüsse enthielt. Ich reagiere allergisch auf Haselnüsse. Ich fing wieder an zu kotzen.

»Ich muss ins Krankenhaus… Bitte!«
»Ah was.«
»Im Ernst, ich krepiere.«
»Dann geh allein.«
»Ich habe Angst unterwegs zu kollabieren.«

Tim baute sich mit Franz einen Joint. Ich kotzte das halbe Ufer voll.
»Ich muss ins Krankenhaus«, schrie ich.
Tim lachte und zog am Joint.
Krankenhaus. Koffein. Die Welt drehte sich… und drehte sich und mein Herz setzte aus. Kotzen. Kotzen. Lachen. Grinsen… Tim raucht Joint… tototum.. Schweiß alles voller Schweiß. Pisse. meine Hände zitterten… Krankenhaus… muss… Kanna… Tim lacht… Kotzen..Serotoninsyndrom…MAO..Sterben… Mama… Hilf mir! Ich will nicht… tot… Zieh mal. SterbenTodKrankenhausDrogentodLeben ist finito. Ich hatte Angst. Die Erinnerungen sind nichts als ein verschwommener Schleier fiebriger Panik.

Die S-Bahn fuhr ratternd davon. Hauptbahnhof. Ich nippte vorsichtig an einer Flasche Wasser.
»Und? Fühlst du dich besser?«, fragte mich Tim.
Ich nickte. »Ja, aber ab jetzt halten wir uns an die Konsumpausen. Und keine Upper mehr.«
»Okay. Du hast übrigens noch immer Tellerpupillen.«
Ich lachte. Fünf Stunden zuvor hatte ich die Pillen geschluckt. Die S3 fuhr ein und wir erhoben uns.

Ich fühlte mich körperlich ausgelaugt, aber mein Geist war wachsam. Tim schlurfte auf dem Weg nach Hause schweigend neben mir her. Es war dunkel und ich sah mich dauernd um. Ich wurde das Gefühl nicht los, beobachtet zu werde. Es war niemand hinter uns. Meine Gedanken drifteten zu der Wahrsagersalbei bzw. Salvia divinorum. Die Lieferung aus der Niederlande hätte längst ankommen sollen. Vielleicht hatte der Zoll sie abgefangen? Vielleicht durchsuchten in diesem Moment Polizisten mein Zimmer, fanden meinen Vorrat an Drogen und meine Dealerutensilien. Panik stieg in mir auf.
Meine Brust verkrampfte sich und meine Hände wurden feucht. Eine unerträgliche Angst ergriff mich, je näher wir meinem Haus kamen. Jeden Moment würden Zivis mich ergreifen. Nichts geschah. Wir verabschiedeten uns. Ich sperrte auf. Es war dunkel, meine Familie schlief zum Glück bereits. Erschöpft brach ich auf meinem Bett zusammen.

[Fortsetzung folgt]

Diese und weitere Geschichten findest du in diesem Buch: http://amzn.to/2fWoeKI

Hier geht es zu Teil 2 ==> Paranoia (2)




Das NpSG ist in Kraft getreten

In einem meiner letzten Artikel habe ich über das NpSG und seine Auswirkungen geschrieben. Mittlerweile ist das Gesetz wie erwartet am 26.11.2016 im Bundesgesetzblatt verkündet worden und ist damit in Kraft getreten. Welche Auswirkungen dieses Gesetz hat, erfährst du in dem verlinkten Artikel.




Die Ethik des rationalen Drogenkonsums (6) Widerlegung und Bilanz

Widerlegung und Bilanz

oder

Ein letztes Wort zum menschlichen Drogenkonsum

Drogenkonsum mag in den meisten Fällen irrational, selbstzerstörerisch und sinnlos sein, aber das hat er leider mit der menschlichen Natur gemeinsam, denn der Mensch ist mehr als nur eine rationale, biochemische Rechenmaschine. Vielleicht geht die Menschheit deshalb trotz allem, seit jeher Hand in Hand mit Drogen durch ihre Geschichte, von den Opiumfeldern im heutigen Österreich in der Jungsteinzeit vor 8 000 Jahren, zu den Lotusessern und Bierbrauern des alten Ägyptens, über den LSD-Kult in den 1970er Jahren bis hin zu dem boomenden Research Chemical und Legal High Markt im 21. Jahrhundert.

Aber Rationalität und trockener Rationalismus vermögen alleine nicht viel vollbringen, das Geordnete, Vernünftige, Apollinische alleine führt nur zur Stagnation, Trübsal und Bilanzsuizid. Der Rausch, ob durch Drogen oder durch das Leben an sich, ist die dionysische Quelle alles Schönen, Künstlerischen und Lebenswerten. Drogen und Kunst sind ein Beispiel dafür, dass es auf den verko(r)ksten Pfaden der Menschlichkeit rational sein kann, irrational zu handeln. Allerdings ist es auch rational diese Irrationalität und damit den Drogenkonsum auf den niedrigst möglichen Niveau zu halten.




Die Ethik des rationalen Drogenkonsums (5) Zusammenfassung

Zusammenfassung

Wenn man diese Prinzipien und Differenzen betrachtet und versucht universelle Regeln für einen rationalen Drogengebrauch daraus abzuleiten, so kommt man zu den folgenden Grundsätzen:

  • Drogen im hedonistischen Prinzip zu konsumieren ist irratonal, da die potenziellen Schäden und Risiken den möglichen Nutzen überwiegen
  • Drogen im zielorientierten Prinzip zu konsumieren kann bei Alternativlosigkeit rational sein
  • Drogen im psychonautischen Prinzip zu konsumieren kann rational sein, wenn der Konsument darauf vorbereitet ist und ein klares Ziel besteht, dem dieser psychoanalytische Eingriff dienen soll
  • es muss immer das Nutzen-Risiko-Verhältnis abgewogen werden und auf deren Basis entschieden werden
  • wenn es eine bessere Alternative zum Drogenkonsum gibt, sollte diese benutzt werden

=> Drogenkonsum lässt sich rational begründen, allerdings nur in wenigen Fällen, nämlich denen, die dem Zielorientierten oder Psychonautischen Prinzip zugeordnet werden können und bestimmte Auflagen, erfüllen.

Hier gibt es eine Grafik: Und unter diesem Link geht es zu Teil 6, wo ich erkläre, warum das hier alles in der Realität, wie alle ethischen Überlegungen, nur begrenzt umsetzbar und gültig ist. Ja, klingt sehr produktiv sich selbst zu widerlegen, ich weiß, aber lest selbst.

drei-familien

Verschiedene Drogen lassen sich verschiedenen Prinzipien zuordnen