Soziale Konformität und Bilanzsuizid

Soziale Konformität und Bilanzsuizid als Zeichen der selbstbestimmten Persönlichkeit

Man unterscheidet zwischen zwei Formen der Konformität. Bei der inneren / privaten Akzeptanz, akzeptiert das Individuum in Folge der Sozialisation die von seinem Umfeld geforderten Ansichten und Handlungen als richtig und glaubt von sich selbst daran. Dies wird häufig von Unmündigkeit und kognitiver Dissonanz begleitet und von Propaganda, Hierarchie und sozialen Einflüssen gefördert und gefestigt.
Bei der öffentlichen Folgsamkeit / compliance handelt das Individuum ebenfalls konform und befolgt die Normen, allerdings ohne selbst an die Richtigkeit der Handlung zu glauben. Es läuft einfach aufgrund von Faktoren wie Gruppenzwang und Angst vor negativer Resonanz mit und handelt nach außen konform, obwohl es innerlich dagegen ist. Man spricht hier in der Extremform von Mitläufertum oder innerer Migration.
Konformität kann in Form der inneren Akzeptanz für das durchschnittliche Individuum im Rahmen der Sozialisation förderlich sein, da ein glückliches und erfolgreiches Leben innerhalb einer Gesellschaft für jemanden ohne besondere Talente oder Fähigkeiten nur möglich ist, wenn man sich in diese Gesellschaft integriert und seine Rolle akzeptiert und sich der Konsensillusion hingibt. Wer absolut konform mit dem System ist, der braucht keinen eigenen Willen, um glücklich zu werden, sondern kann sich von den Medien, sozialen Happenings und Prestige berieseln lassen. Für die, wie sie Nietzsche nannte, „letzten Menschen“ ist die Herdentierexistenz die geeigneteste und bequemste.
Compliance hingegen ist für die persönliche Entwicklung schädlich, da sie voraussetzt, dass es sich bei dem betroffenen Individuum um einen Andersdenker handelt, der sich permanent von der Gesellschaft bevormunden lässt und so auf Dauer seine Mündigkeit abgibt und seine Willenskraft und die Möglichkeiten zur Selbstbestimmung verliert.
Compliance muss, genauso wie die innere Akzeptanz, daher überwunden werden, wenn das Individuum sich zu einer mündigen und selbstbestimmten Persönlichkeit entwickeln soll, die in der Lage ist ihr volles Potential auszuschöpfen, und Eudaimonia zu erreichen. Vor allem bei Querdenkern und Hochintelligenten, führt Konformität zu einem immensen Verlust an potentieller kultureller und wissenschaftlicher Errungenschaften. Erst das Ausbrechen aus der Norm ermöglicht die Geburt des Neuen, ebnet die Wege für die persönliche Freiheit und lässt das innere Potential des begabten Individuums aufblühen.
Für die persönliche Entwicklung ist daher jegliche Art von unkritischer Konformität kontraproduktiv (nicht nur die soziale Konformität; auch die Konformität mit sich selbst und den eigenen Schwächen).
Als Beispiele für die Folgen von Konformität auf die persönliche Selbstbestimmung und die Charakterentwicklung die fiktive Person „Otto Normalbürger“ und der real existierende Gonzo-Journalist Hunter S. Thompson gegenüberzustellen.
Otto N. verhält sich sein ganzes Leben lang konform; er geht zur Schule, lässt sich manchmal aus Compliance von seiner Peer-Group zum Schwänzen überreden, aber damit bewegt er sich noch in der Norm, und letztendlich macht er seinen Abschluss und beginnt irgendwann zu arbeiten. Als Jugendlicher träumt er davon, Rockstar zu werden und übt fleißig auf der Gitarre. Er ist auch sehr gut und hat Talent, aber seine Eltern und sein Umfeld überzeugen ihn, dass eine Musikerkarriere zu unsicher ist. Aus Konformität zu sich selbst und der Gesellschaft, gibt er nach, und entscheidet sich für ein Studium eines Faches, das seine Eltern ihm vorgeschlagen haben. Nach einiger Zeit und Fehlschlägen findet er einen normalen Beruf, denn er dann bis zum Rentenalter ausführt, da er weder die Kraft aufbringen kann/will sich nach etwas besseren umzuschauen und er auch nicht seine Peer-Group verlieren will. Er spielt nur noch selten Gitarre, da das Studium, die Partys zu den er eingeladen wird, die Beziehungen und Familientreffen und später die Jobs zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Nach einigen Beziehungen, gelegentlichen Alkoholeskapaden an den Wochenenden, wird er mit dem Alter den Erwartungen der Gesellschaft entsprechend ruhiger, heiratet eine Frau und bekommt mit ihr Kinder. Diese stecken ihn im hohen Alter in ein Altersheim, wo er aus Compliance und arbeitsbedingter Erschöpfung bleibt, obwohl er eigentlich vor seinem Tod nochmal die Welt bereisen will. Nach einigen Jahren stirbt er in geistiger Umnachtung.
Otto N. führte ein durch und durch konformes Leben, welches stark fremdbestimmt war. Er absolvierte die vom Staat und der Gesellschaft vorgegebenen Sozialisationsinsanzen und war ein konformer Teil der Gesellschaft, bis diese ihn letztendlich entwürdigte, bis er nicht einmal mehr seinen Lebensabend selbstbestimmen konnte. Man kann in keiner Weise Otto N. eine selbstbestimmte Persönlichkeit attestieren, denn dadurch, dass er immer auf die ein oder andere Art und Weise konform handelte, konnte sich so eine gar nicht herausbilden.

Der amerikanische Schriftsteller Hunter S. Thompson kann hingegen als Paradebeispiel eines Nonkonformisten benutzt werden. Angefangen bei seiner von Straftaten und Schulabbrüchen geprägten Jugend über eine Karriere als berühmter Romancier, politischer Aktivist und Journalist bis hin zum offenen Konsum sozial geächteter Drogen. Er schöpft sein Potential voll aus, schreibt Romane, die ganze Generationen prägen und bereist die Welt. H. S. Thompsons Nonkonformität gipfelt in seinem Bilianzsuizid im Alter von 67 Jahren. H. S. T. war zu dem Zeitpunkt wohlhabend und wurde weder von äußeren Krisen noch von physischen oder psychischen Problemen zu seinem Suizid getrieben. Nach eigenen Angaben begann er ihn, um selbstbestimmt aus dem Leben zu scheiden und nicht langsam am Alter sterben zu müssen. Dieser Akt (den man klar von einem Suizid aus Verzweiflung differenzieren muss) ist der der höchsten Selbstbestimmung und kann nur von einer durch und durch selbstbestimmten Persönlichkeit vollführt werden. Damit steht Hunter S. Thompson in einer langen Reihe an Persönlichkeiten, die aus Bilanz Suizid beginnen und die über Sigmund Freud geht und bis zu Sokrates und Seneca zurückgeht. Und so eine radikal selbstbestimmt Persönlichkeit kann sich nur durch radikale Nonkonformität entwickeln.

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