Paranoia(4): Das Monster zeigt sein wahres Gesicht

Es kreischte. Ich rannte weg, hörte hinter mir das Schnaufen der lodernden Nüster und das Kratzen der Krallen. Es kam immer näher, holte mich ein. Ich stolperte über Wurzeln durch den nebelverhangenen Wald, während ich den glühenden Atem in meinem Rücken spüren konnte. Es griff nach mir. Ich schrie und fiel hin. Der Boden gab unter mir nach, wie schwarzer Pudding und schreiend versank ich in der Finsternis.

Keuchend und zitternd richtete ich mich in meinem Bett auf. Um mich herum Schwärze. Kalter Angstschweiß tränkte Laken und Decke. Ich konnte Es noch immer wahrnehmen. Panisch tastete ich nach dem Lichtschalter meiner Nachttischlampe. Das Licht ging an, die Dämonen zogen sich mit stummen Schreien in die Schatten zurück und ich griff nach der Axt neben meinem Bett. Meine Brust bebte, als ich mit meinen abgemagerten Armen die schwere Waffe hob. Ich konnte spüren, dass Es noch da war. Ich drehte mich langsam um, aber da war nur die Wand. Ich wirbelte herum, mein Zimmer war noch immer ins bedrohliche Halbdunkle getaucht. Ich wagte es nicht auch nur zu blinzeln, denn ich wusste, dass der kleinste Fehler mein letzter sein könnte. Und dann hörte ich Sie. Sie flüstert meinen Namen.
Ein Schauder rieselte wie schmelzender Schnee über meinen Rücken. »Wer… Wer ist da?«, stammelte ich. Mein Herz klopfte panisch in meiner Brust wie ein lebendig Vergrabener ins seinem Sarg. Ich sprang aus dem Bett und schwang die Axt. »Wer ist da?«, brüllte ich mit angsterfüllter Stimme.
Sie flüsterte meinen Namen und kicherte.
»Verschwinde«, sagte ich, aber aus meinem verengten Hals kam nicht mehr als ein furchtsames Krächzen. Schweiß rann an meinem ganzen Körper hinab und alles begann sich zu drehen, zu tanzen wie ein Jahrmarktkarussell, aber zugleich verschwand Es. Erleichtert seufzte ich auf, die Sicht stabilisierte sich. Die Tür wurde aufgerissen. Ich kreischte und schwang die Axt durch die Luft.
»Was zur Hölle machst du da?«, fragte mich meine Mutter, die im Türrahmen stand. Ich ließ die Axt sinken, atmete schwer:
»Ich… Ich…. also. hatte… einen Albtraum. Sorry«
»Aha«, sagte sie und zeigte auf die Axt. Sie öffnete den Mund, doch bevor sie etwas sagen konnte, kam ich ihr zuvor:
»Kannst du bitte gehen. Ich will jetzt schlafen«, sagte ich mit ungewollter Intensität und Wut.
»Okay. Gute Nacht. Wenn du aber Probleme hast, dann können wir…«
»Gute Nacht«, schnauzte ich und drängte sie aus dem Zimmer.
Als sie draußen war, verbarrikadierte ich die Tür von innen mit einem Stuhl. Dann knipste ich die Deckenlampe an und durchsuchte das Zimmer, verschob Schränke und durchwühlte Klamotten. Egal wie lange ich suchte, ich konnte das Audiogerät nicht finden mit dem meine Mutter die Stimme abgespielt hatte. Ich war mir mittlerweile ziemlich sicher, dass meine Familie mich wahnsinnig machen wollte, damit sie mich, den Scheißjunkie und Troubleboy, loswerden konnten. Dazu versetzten sie das Wasser im Restaurant mit NBOMEs, spielten Tonbänder mit Stimmen ab und hatten mich bei der Polizei angezeigt, damit die Zivis mich paranoid machten. Das würde ich mir aber nicht gefallen lassen und durch meine umsichtige Selbstversorgung hatte ich ihnen bereits einen ordentlichen Strich durch die Rechnung gemacht.
»Nur weiter so und die Wichser geben bald auf«, murmelte ich zu mir selbst, als ich gerade eine weitere Schublade ausleerte. Nichts. Ich fand das Tongerät am Ende nicht und gab auf. Ich legte mich wieder in mein Bett, um etwas zu schlafen, aber sobald ich die Augen schloss, hatte ich das Gefühl, dass eine Präsenz versuchte sich in mein Zimmer zu schleichen. Ich riss die Augen wieder auf, spürte, dass etwas sich auf mich stürzen wollte und knipste noch rechtzeitig das Licht an. Die Finsternis und mit ihr das Gefühl der Bedrohung, verschwanden. Bis zum Morgen saß ich in meinem Bett, schwitzend und die Axt fest umklammert. Erst als die Sonne aufgegangen war, verschwand das Gefühl der Bedrohung und ich nickte erschöpft ein.
Am Abend verließ ich das Zimmer nur einmal, um mir mehr Wasser zu besorgen und einen Eimer zum reinscheißen. Mittlerweile hatte meine verfluchte Familie überall im Haus Tonbänder versteckt, denn ich konnte immer wieder die Frauenstimme hören. Sie hatte etwas Erotisches an sich, aber ich ignorierte es.
Damit würden sie mich nicht drankriegen. Als dann aber sogar im Radio der Moderator anfing über mich zu reden, rastete ich fast aus und zerschnitt das Stromkabel. Selbst die Öffentlichkeit hatte meine Familie auf ihre Seite gezogen. Alle sprachen hinter vorgehaltenen Händen über mich, dass ich Drogen nehmen, durchdrehen und Stimmen hören würde. Bullshit. Ich ging in mein Zimmer und nagelte die Tür von innen zu. Scheiß Wichser, ab jetzt hatte ich alle Karten in der Hand, war in Sicherheit – hoffte ich.

Die Nacht verbrachte ich unruhig mit der Axt durchs Zimmer streifend. Immer wieder fielen mir die Augen zu und dann ergriff mich eine unerträgliche Panik. Mittlerweile hatte die Stimme der Frau an Intensität zugenommen und sie sprach von anzüglichen Dingen, aber ich war zu erschöpft um zuzuhören. Meine Beine waren dünn, die Haut hing schlaff von ihnen herab. Ich schwitzte und hatte Mühe die Axt zu halten, aber die Angst vor Es war größer, als meine körperliche Schwäche. Irgendwann gegen Morgengrauen, setzte ich mich vor das Fenster. Immer wieder hörte ich Geräusche hinter mir und drehte mich um, aber da war nichts. Als die ersten Sonnenstrahlen sich über den Horizont erhoben, hörte ich einen Wagen näherkommen und Stimmen.
Kurz darauf hielt ein großes gepanzertes Fahrzeug vor unserem Haus. Vermummte Kämpfer mit Maschinenpistolen und Polizeiabzeichen begleitet von Zivis sprangen heraus. Mein Herz begann zu rasen. Nein. Die Bullen hatten beschlossen zum finalen Schlag auszuholen, mich wegen dem Salvia Divinorum, welches sie aus der Post abgefangen hatten, ins Gefängnis zu stecken. Meine Mutter kam aus dem Haus und sprach mit den Polizisten, die kurz darauf unter mir in der Haustür verschwanden. Ich schrie und zeterte, schlug mit der Faust gegen die Wand. Verfluchte Wichser! Lebend würden die mich nicht kriegen. Ich erhob mich und nahm die Axt. Meine Sicht schwankte, die Wände waberten, meine Augen fielen immer wieder zu und ich spürte ein Ziehen in meinem Kopf, aber zeitgleich raste mein Herz. Kampfbereit positionierte ich mich vor der Tür.
Es klopfte.
»Kommen Sie heraus«, brüllte ein Polizist auf der anderen Seite. Ich schwieg. Ich war zu müde und jede Antwort wäre sowieso nur ein gefundenes Fressen für die Anklage.
»Wir kommen jetzt herein«, rief die Stimme. Es rüttelte an der Tür.
»Er hat sie von Innen zugenagelt«, hörte ich meine Mutter flüstern. Verfluchte Verräterin. Ich biss mir auf die Lippen bis ich Blut schmeckte.
»Scheiße, das ist ernst. Da haben wir keine andere Wahl«
Die Tür erzitterte unter einem Schlag. Meine degenerierten Muskeln zuckten unwillkürlich. Ich fühlte mich, als würde ich auf einer Wolke stehen, die sich jeden Augenblick auflösen könnte. Noch ein Schlag oder Tritt. Das Holz ächzte. Ich konnte sehen, wie sich die Nägel an der Tür langsam herausschoben, wie ausgedrückte Mitesser. Die Tür wurde von einer weiteren Erschütterung erfasst. Nägel sprangen zu Boden, mein Kiefer verkrampfte sich. Mit einem lauten Krachen zersplitterte die Tür.
Ein halbes Dutzend Polizisten in Kampfmonturen stürzten sich mit bloßen Händen auf mich. Ich riss schreiend die Axt in die Höhe und ließ sie niedersausen. Sie verfehlte einen Cop nur knapp, der sich wegduckte. Bevor ich den Fehler korrigieren konnte, sprang von der anderen Seite einer auf mich und riss uns beide zu Boden. Die Axt flog weg und ich schrie, während zwei weitere Cops mich packten und hochzogen. Ich strampelte mit den Beinen und kreischte, als ein dritter sein Messer zog und auf mich zuging. Die Klinge versank in meinem Bauch. Ich brüllte vor Schmerzen, dann zog der Cop das Messer heraus und es begann zu schmelzen. Ich verstummte erstaunt. Es wurde zu einer Spritze. Die Uniformen der Cops schmolzen zu weißen Sanitätermonturen. Verwirrt sah ich mich um, spürte wie müde ich war. Meine Gliedmaßen erschlafften, die Gedanken versanken unter einer dicken Decke aus Watte. Man schleppte mich die Treppe runter und hievte meinen schweren Körper auf eine Bahre. Meine Mutter kam zu mir und ergriff meine Hand. Sie weinte.
Ich sah zu ihr auf und murmelte: »Das Salvia… das tut mir leid… Dafür werde ich ins Gefängnis kommen.«
»Keine Sorge, das wird nicht passieren.«
»Warum sollten sie mich sonst mitnehmen?«
»Weil du Hilfe brauchst. Das… Das Salvia habe ich vor drei Wochen in der Post gefunden und weggeworfen. Du hättest uns erzählen können, dass du ein Drogenpro…« Weiter kam sie nicht. Ich lachte wie Irre. Das scheiß Salvia war gar nicht von der Polizei beschlagnahmt worden? Es war… es war die ganze Zeit von meiner Mutter abgefangen und entsorgt gewesen? Ich hatte mich unnötig gestresst. All die Sorgen vor den Zivis waren unbegründet, sinnlos wie der ganze Wahn. Ich lachte und lachte und begann unkontrolliert mit den Armen um mich zu schlagen. Ich konnte einfach nicht mehr. Das war zu komisch, zu abgefuckt. All der Stress und die Verzweiflung explodierten aus mir heraus im wahnhaften und sinnlosen Gelächter. Ich lachte noch immer lauthals und stammelte: »abgefangen… es war die ganze Zeit abgefangen… mein… Hirn ist gefickt… hahaha abgefangen, dass Salvia, die Zivis… meine Mam«, als man mich in den Krankenwagen schob und jemand sagte: »Mehr Diazepam. Der Typ dreht komplett durch«. Kurz darauf sank ein dunkler Schleier über die Welt und ich schlief ein, starb?

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