Paranoia(3): Hunger

Es waren Pollen in der Luft und mir tränten die Augen, juckte die Haut und ich hatte überall Ausschläge. Es ist scheiße Allergiker zu sein. Das Immunsystem hat einfach einen paranoiden Knall, greift harmlose Proteine an, die es für feindlich hält und zerstört dabei den Körper mit Stresshormonen und Histamin. Gegen die Histaminausschüttung, die für den Juckreiz und die Schwellugen ursächlich ist, kann man Antihistaminika nehmen. Zum Beispiel Cetirizin. Mein Begleiter im Frühling und Sommer seit Kindheitstagen. Ich ging in die Küche und nahm eine Schachtel des Wundermittels aus dem Arzneimittelschrank. Ich drückte aus dem Blister eine Tablette auf meine Handfläche und wandte mich dem Waschbecken zu, um mir ein Glas Wasser einzuschenken. Plötzlich erstarrte ich wie vom Blitz getroffen. Was waren eigentlich die Nebenwirkungen bei Cetirizin? Ich suchte den Beipackzettel. Sehr selten rief das Mittel allergische Reaktionen hervor.
Ich spürte, wie meine Poren Schweiß aussonderten und meine Lungen verkrampften. Was, wenn ich allergisch darauf reagierte? Stark allergisch? So dass ich einen anaphylaktischen Schock erlitt und starb? Ich hatte das Mittel zwar bereits hunderte Male genommen, aber Allergien konnten sich auch spontan entwickeln und dann würde ich sterben. Ich konnte mich selbst vor meinem inneren Augen sehen, wie ich mit geschwollenem Hals zuckend am Boden erstickte. Tod durch Allergie auf ein Antiallergikum. Ich warf die Tablette in den Müll. Tief durchatmend stolperte ich davon. Gerade noch war ich dem Tod entronnen. Glaubte ich zumindest.

Eines Abends gab es Tortillas zu essen. Meine Leibspeise bis zu diesem Tag. Ich zerschnitt eine Tortilla mit Messer und Gabel, während meine Eltern und Geschwister sich die Tortillas mit den Händen in den Mund schoben.
»Warum isst du nicht mit den Händen?«, fragte mich einer meiner Brüder verwundert.
»Wegen dem Dreck an den Fingern… Krankheiten und so…«, murmelte ich und er nickte verwirrt, bevor er sich von mir abwandte. Ich war für meine Familie schon immer ein Sonderling mit komischen Macken gewesen, also verwunderte meine neue Essgewohnheit keinen. Ich kaute gerade genüsslich meinen dritten oder vierten Bissen, als ein Gedanke in meinen Kopf schoss. Was wenn der Fladen abgelaufen war oder doch nicht aus purem Mais bestand, schließlich war ich auf Weizen allergisch? Mein Kiefer erstarrte und mir wurde übel. Ich nuschelte etwas und stand auf.
In der Küche spuckte ich den Speisebrei aus meinem Mund in den Biomüll und begann den Plastikmüll zu durchwühlen. Ich fand die Tortillapackung und erblasste. Sie war vor neun Tagen abgelaufen. Mit zittrigen Fingern drehte ich sie um. Weizenmehl (20%) stand fettgedruckt bei den Zutaten. Ich ließ die Packung fallen und stürzte schreiend ins Bad. Meine Familie rief mir verwundert hinterher. Ich fiel auf die Knie und rammte mir die Hände in den Rachen. Immer und immer wieder, bis sich mein schmerzender und malträtierter Verdauungsapparat aufbäumte und ich die paar wenigen Bissen erbrach. Ich weinte.
»Was ist…«, hörte ich die besorgte Stimme meiner Mutter.
»Was ist?«, brüllte ich und der Tränenschleier vor meinen Augen bebte. »Du hättest mich fast umgebracht! Die Tortillas enthalten Weizen und sind abgelaufen«
Meine Mutter sah mich an, als hätte ich den Verstand verloren. »Du hast die immer gegessen. Das bisschen hat dir nie geschadet und ein paar Tage…«
»Ich bin allergisch und es sind neun Tage! Ich werde sterben! Ruft den Krankenwagen!«
Kreischend stürzte ich ins Wohnzimmer zum Telefonhörer, um den Notruf zu wählen. Mein Bruder stellte sich mir in den Weg. Meine Eltern schickten mich aufs Zimmer, wo ich weinend auf meinen Tod wartete – der nicht eintrat. Seit dem Tag an kochte ich für mich selber.

Ich nahm ein Glas aus dem Schrank und wollte Wasser einfüllen, als ich etwas sah, was mich innehalten ließ. Am Boden des Glases war eine halbdurchsichtige Schicht. Kalk? Vielleicht aber auch getrocknetes Spülmittel? Ich stellte das Glas weg, um direkt aus dem Hahn zu trinken. Mein Herz stockte. Am Filter des Hahns war ein großer weißer Klumpen mit einem Gelbstich. Schimmel? Nein. Das war Kalk. Ganz normale Kalkablagerungen. Aber was für Krankheitserreger mochten darauf leben?
Ich ging zum Supermarkt Wasserflaschen kaufen.

Ich sah mir ein YouTube Videos an und aß dazu Chips mit einer Gabel aus der Tüte. Mit der Gabel, damit ich die Chips nicht mit meinen Fingern kontaminierte. Nach einiger Zeit hatte ich das Gefühl, dass die Chips merkwürdig schmeckten. Sie waren zwar noch lange haltbar, aber vielleicht verunreinigt oder so. Ich schmiss die halbe Packung weg und kotzte.

Am Mittwoch war ich mit meiner Mutter in der Stadt einkaufen. Immer wieder sah ich mich um. Ich spürte ein merkwürdiges Ziehen in meinem Kopf, als würde jemand versuchen meine Gedanken zu lesen. Die meiste Zeit des Einkaufes verbrachte ich dann damit möglichst kompliziert oder gar nicht zu denken, um die Gedankenleser zu verwirren.

Die Klospülung rauschte hinter mir und ich ging zurück in mein Zimmer. Ich setzte mich wieder an meinen PC und griff nach einer offenen Flasche, als mich ein fürchterlicher Gedanke ergriff.
Was, wenn irgendjemand LSD, NBOMEs oder Gift in mein Wasser getan hatte, während ich kaken war? Vielleicht mein Bruder? Vielleicht Tim? Ich konnte bereits vor meinem geistigen Auge sehen, wie ich auf einem Badtrip schreiend und kotzend elendig durchdrehen würde. Ich rümpfte die Nase, dann verschloss ich die Flasche, warf sie in den Mülleimer und öffnete eine neue. Ich trank und plötzlich hatte ich das Gefühl beobachtet zu werden. Ich stellte die Flasche ab und griff langsam unter dem Tisch nach dem Messer, welches ich dort befestigt hatte. Ich drehte mich wie zufällig um. Unsere Blicke trafen sich und ich knurrte wütend. Der Zivi auf dem Balkon gegenüber, mit seiner ah so coolen Sonnenbrille, gab wieder mal vor ein Sonnenbad zu nehmen. Ich ließ das Messer los und grinste. Keine Beweise mehr, außer das Salvia in der Post, aber deren Bestellung könnt ihr mir nicht nachweisen. Ich weiß zumindest wie man Bitcoins wäscht. Scheiß Bierprollos.
Ich ging zum Fenster und ließ die Rollladen für immer herunter. Ich hatte nichts zu verbergen, aber beschatten lassen musste ich mich auch nicht.

Das letzte Mal verließ ich das Haus zu einem gemeinsamen Familienfahrradtrip zu einem griechischen Restaurant ein paar Kilometer entfernt. Ich fühlte mich fiebrig und schwindelig, als würde ich gleich zusammenbrechen. Mein Herz raste wegen der Angst vorm Zusammenzubrechen und Schweiß rann in Strömen an mir herab. Die Sonne brannte gnadenlos. Meine Beine hatten wenig Kraft, weil ich seit längerem nicht mehr trainiert und mehrere Kilo Körpergewicht verloren hatte.
Ein paar Zivilcops kamen uns entgegen und einmal sah ich sogar einen Einsatzwagen am Straßenrand, aber ich behielt souveräne Ruhe und fuhr meiner Familie hinterher. Keuchend und schnaufend hielt ich irgendwie mit und war erleichtert, als wir endlich ankamen.
Wir setzten uns in den Biergarten. Überall waren Menschen, die ihre drecks Droge Ethanol tranken und ich könnte wetten, dass nicht wenige von Ihnen der Polizei nahestanden.
Der Kellner kam zu uns. Er grinste suspekt. Wir bestellten Getränke und nach einigem Zaudern entschied ich mich für Garnelen. Der Typ notierte sich alles, lächelte verschwörerisch und verschwand Richtung Küche. Meine Familie redete und redete, aber ich hörte nicht zu. Ich hatte das Gefühl zu ersticken und mir war ganz schummrig, während gleichzeitig mein Herz panisch gegen die Rippen pochte. Ich hielt die Augen geschlossen, versuchte ruhig zu atmen. Ich würde jeden Moment einen Schlaganfall oder Herzinfarkt bekommen, das spürte ich. Vielleicht war es sogar bereits passiert, aber daran konnte ich sowieso nichts ändern, also versuchte ich ruhig zu bleiben. Auf die Fragen meiner Familienmitglieder antwortete ich mit einem geknurrten: »Hab Kopfschmerzen… Jetzt nicht. In Ordnung«
Der Kellner brachte die Getränke. Er stellte ein Glas Mineralwasser vor mich. Kein Saft, schließlich könnte ich auf die Früchte darin allergisch reagieren, und mit Sprudel, der zumindest ein paar Bakterien abtötete.
Ich hatte Durst und merkte, dass ich komplett dehydriert war, aber ich musterte das Glas misstrauisch. War es sauber? Vielleicht hatten die Angestellten des Restaurants vergessen es richtig auszuspülen und es war noch mit Hepatitis kontaminierte Spucke eines anderen Gastes oder karzinogene Spülmittelrückstände darin? Oder? Ich sah misstrauisch in die Runde. Vielleicht war es vergiftet, aber selbst wenn, ich durfte mir nichts anmerken lassen. Ich griff nach dem Glas und nahm einen Schluck. Das Wasser rann meine verdorrte Kehle hinab. Es hatte einen bitteren Beigeschmack. Ganz schwach, aber ziemlich sicher da. Mein Kiefer verkrampfte sich. Ich stand auf und nuschelte etwas von Klo.
Mit schnellen Schritten bahnte ich mir meinen Weg zur Restauranttoilette. Ich versicherte mich allein zu sein und verriegelte die Tür hinter mir. Dann spuckte ich das Wasser aus meinen Mund ins Waschbecken. Ich atmete tief durch und strich mir die langgewordenen Haare aus dem Gesicht. Der Spiegel irritierte mich. Ich glaubte mich darin zu sehen, abgemagert und mit eingefallenen Wangen und dicken Augenringen. Ich war definitiv nicht gesund und das lag an den andauernden Vergiftungsversuchen und dem Stress, den die Überwachung durch Zivis mit sich bringt. Ich starrte mich selber genauer an, aber wenn ich versuchte Teile meines Gesichtes zu erfassen, verschwammen sie, schienen zu schwimmen und ihre Form zu ändern. Ich konnte nur eine Abstraktion meiner selbst erkennen. Meine Handflächen wurden feucht und ich musste einen Schrei unterdrücken. Das im Spiegel war kein Gesicht. Es war ein unförmiges Etwas, das mir Angst machte. Übelkeit und tiefer Ekel stiegen in mir auf. Ich stürzte aus der Toilette nach draußen, wo ich sofort mein Tempo bremste und langsam ging, um keine Aufmerksamkeit zu erregen – was zwecklos war. Ich konnte die Blicke aller spüren, als ich mich zu meinem Platz begab und mich setzte, als wäre nie etwas passiert. Als wäre nie etwas passiert! Als ob!
Das Essen war in der Zwischenzeit bereits gebracht worden. Ich sah zu meinen Familienmitgliedern auf und versuchte unauffällig ihre Gesichter zu studieren. Mein Herz machte einen Satz. Auch diese waren unförmig. Wenn ich kurz hinsah, erkannte ich die mir vertrauten Züge, doch, wenn ich sie genauer betrachtete, verschwammen sie. Ich starrte die Nase meines Bruders an. Sie atmete, wurde größer und wieder kleiner, verschwand und verschmolz mit seinem Gesicht. Sein Gesicht! Wie sah es überhaupt aus? Ich konnte es nicht erkennen. Ein Schüttelfrost überkam mich. Das unförmige Etwas sah auf, entdeckte mich: »Alles in Ordnung? Habe ich etwas im Gesicht?«, fragte mich eine weit entfernte Stimme, die in meinem Kopf widerhallte.
»Ja. Ja. Nein… Ähm… Ich habe nur vor mich hingestarrt.«, antwortete meine ferne Stimme, die mit dem allem überfordert war.
»Aha«, sagte das Etwas, sagte mein Bruder und widmete sich wieder dem Essen. Ich tat ihm gleich. Vor mir auf dem Teller lagen vier große Garnelen und ein kleiner Haufen Reis. Sie sahen merkwürdig aus. Ich war mir nicht sicher, aber ich glaubte einen leichten Gelbstich ausmachen zu können.
Zögerlich schnitt ich ein kleines Stück des weißen Fleisches heraus und schob es in den Mund. Kaute. Verzog das Gesicht. Es schmeckte… merkwürdig. Wie schmeckten normale Garnelen? Und reagierte ich auf Garnelen vielleicht allergisch? Tödlicher anaphylaktischer Schock, schoss mir durch den Kopf. Meerestiere waren von klein auf meine Leibspeise gewesen, aber ich war mir plötzlich nicht mehr ganz sicher und griff nach einer Serviette, drehte mich um und gab vor, mir die Nase zu putzen. Ich spuckte aus und hungerte bis zum Abend, wo ich Maiswaffeln und Vitamintabletten aß.

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