Paranoia (2): Der Tag danach

Ich grübelte an meinem Schreibtisch, hielt inne und ließ meinen Blick aus dem Fenster schweifen. Ich zuckte zusammen. Auf einem Balkon gegenüber saß ein Mann mit Sonnenbrille. Er gab den Anschein sich zu sonnen, aber instinktiv wusste ich, dass er mich beobachtete. Ich stand auf und rollte die Jalousie herunter. Scheiße, das war sicher ein Zivi. Sie hatten die Aztekensalbei abgefangen oder irgendein Scheißer hatte ihnen gesteckt, ich würde dealen, um für sich selbst eine Strafmilderung rauszuschlagen. Es durchfuhr mich heißkalt und ich bekam eine Gänsehaut. Ich ging zu meinem Bett und legte mich auf den Boden davor. Kurz darauf lag der aufgeschlossene Koffer vor mir. Massenweise Ritalin – die Basis meines Business, die ich mit dreizehn verschrieben bekommen und abgesetzt hatte – und stapelweise Döschen mit verschiedenen Pillen und Kräutern. Manche legal, manche nicht. Kokablätter, Blauer Lotus, ein braunes Hustensaftfläschchen gefüllt mit selbstsynthetisiertem Chloroform, Holzrosesamen, Kratom und eine Platte Hasch, normale Schoki und Knaster, fünf LSD Blotter, 200g pharmazeutisch 100% reines Koffeinpulver zum strecken oder sniffen, Testkits, um Ware auf Streckmittel zu testen, selbstverständlich eine Feinwaage und hunderte durchsichtige Apothekertütchen. Viel. Sehr viel, aber das meiste davon nahm ich selber gar nicht oder nur ein einziges Mal und nie wieder. Ich war Forscher und Unternehmer zusammen mit Tim. Aber das war jetzt Geschichte. Ich würde das Geschäft vollkommen an ihn abtreten. Die Bierproleten hingen mir am Arsch, ich wurde langsam paranoid und Tim… Nein. Tim nahm mich nicht ernst und war ein amoralistischer Psycho, fuhr es mir durch den Kopf. Er hatte mich dazu gebracht die Kanna-Pillen zu nehmen, mich auf dem Horrortrip ausgelacht und im Stich gelassen. Warum sollte ich das Zeug Tim geben? Wir hatten zwar beide zusammen das Business aufgebaut, aber ich hatte die Quellen und Kontakte, kaufte Bitcoins und im DarkNet ein und traf mich mit Großhändlern. Er lieferte nur an die Kunden aus und war selber einer der größten. Er lebte von meinem Geld. Und er nutzte mich aus, realisierte ich. Ich lagerte bei mir, ließ an meine Adresse liefern und er war der Nutznießer, wenn es jedoch hart auf hart kam, ließ er mich in Stich. Ich konnte ihm nicht trauen. Ich spülte die Drogen die Toilette runter. Ich ging zum Gartenschuppen und holte 2kg Thermit aus einer Tüte, die ich dort versteckte. Bevor ich mit Drogen gehandelt hatte, waren Sprengstoffe meine Leidenschaft gewesen, aber ich hatte vor langer Zeit die letzte Rohrbombe gezündet und die letzten Chemikalien in den Restmüll gekippt. Ich packte den Koffer mit dem verbliebenen Beweismaterial voll mit Thermit. Ich entnahm meinem Laptop die verschlüsselte Festplatte und warf sie mit rein. Schade um die Bitcoins.
Bevor ich mich auf den Weg machte, fiel mein Blick auf die Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen von Christian Rätsch in meinem Regal. Dieses verdammte, scheiß Buch war zu teuer und schwer, um es zu vernichten. Ich würde es vorerst behalten müssen und später verkaufen.

Ich fuhr zu dem ehemaligen, verlassenen Militärflughafen bei Neubiberg, südlich von München. Ich erinnerte mich, wie ich früher dort mit dem Rucksack voll HMTD oder Apex hingefahren war, um zum Spaß Hundekotmülleimer zu sprengen und Betrunkenen mit Pyrotechnik, Flares und Benzinlachen einen Höllenschiss einzujagen. Allein bei dem Gedanken wurde mir übel und ich bekam trotz der Hitze eine Gänsehaut. Wie hatte ich so leichtsinnig sein können, so etwas Gefährliches zu tun? Allein der Koffer voller Beweismaterial in meiner Hand ließ das Blut in meine Eier sacken. Ich sah mich die ganze Zeit um und schlug Haken durchs Gebüsch, um die Zivis abzuschütteln.
Und früher war ich hier sorglos durch die Gegend gefahren, sogar, wenn ich genug Sprengstoff um eine U-Bahn zu räumen in meinem Rucksack hatte. Warum war ich plötzlich so verdammt ängstlich?

Ich steckte eine Zündschur in den Koffer, und sah mich gehetzt um. Der kleine, durch Gebüsche isolierte Asphaltstreifen lag gut versteckt, dennoch hatte ich Angst, jemand könnte vorbeikommen. Ich wartete. Nichts geschah, also zündete ich die grüne Schnur an, die sofort funkensprühend loszischte.
Ich rannte zu meinem Fahrrad. Das Herz schlug mir bis zum Hals. Die zischenden Funken verschwanden mit einer kleinen Rauchwolke im Inneren des Koffers. Ich hielt den Atem an. Würde es zünden? Falls nicht, hatte ich ein Problem. Just in dem Moment, als ich glaubte, versagt zu haben, gab es ein lautes Knastern und Zischen. Der Koffer riss auf und eine 2600C° heiße Flammensäule schoss zum Himmel. Ich trat aufs Pedal, raste davon. Meine Schläfen pulsierten. Ich hatte das Gefühl, jeden Moment würde ein Zivi mich vom Rad reißen und mich wegen Brandstiftung einkerkern. Naja, besser als Drogenhandel; den würden sie mir nicht mehr nachweisen können. Ich stürzte mit quietschenden Reifen, keuchend und schweißgebadet von einem Trampelpfad aus dem Gebüsch auf die Straße. Ich bremste und atmete tief durch. Dann fuhr ich langsam und unauffällig weg. Ein Mann mit Sonnenbrille kam mir entgegengeschlendert. Mein Magen verkrampfte sich, aber ich musste trotzdem ein Lächeln unterdrücken. Der war sicher ein Zivi, der mich überwachen sollte, aber alle Beweise und Fingerabdrücke waren gerade eben in Rauch aufgegangen. Sie konnten mir nix mehr. Zu spät, du Hurensohn.

Ich verbrachte viel Zeit auf Wikipedia und las dort über Krankheiten und Vergiftungen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass etwas mit meiner Gesundheit nicht stimmte. Auch brach ich den Kontakt zu Tim und den anderen Dealern ab. Ich hatte das Gefühl, dass er mich nur ausnutzen und irgendwann umbringen wollte. Er hatte mich in die Welt der Drogen eingeführt, aber nur um meiner Gesundheit zu schaden und Profit aus meinen Geschäfts- und Technologieverständnis zu schlagen. Ich war mir plötzlich sicher, dass er beim Klassentreffen die Pillen gar nicht geschluckt hatte und sich nur an meinem Leiden erfreute. Dreckiger, sadistischer Bastard. Wahrscheinlich, nein, ziemlich sicher, würde er mich eines Tages umbringen, denn er war von Serienkillern fasziniert und hatte oft gesagt, er würde gerne wissen, wie es sich anfühlt, zu töten. Ich hatte mir früher dabei nicht viel gedacht, da meine Interessen ähnlich waren und er mein bester Freund, aber seitdem ich entdeckt hatte, dass er mich nur ausnutzte und manipulierte, misstraute ich ihm.

[Fortsetzung folgt]

Hier geht es zu Teil 3 ===>

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