Paranoia (1): Der Trip

Das ist eine vierteilige Novelle, von der ich jede Woche eine Episode veröffentlichen werde. Die Handlung und die Charaktere sind fiktiv.

Man könnte die Anfänge und Ursachen bereits in meiner Kindheit oder in den vorhergegangenen,
experimentierfreudigen Monaten suchen, aber ich glaube, dass es an jenem heißen Julitag begann.
Die Sonne brannte vom wolkenlosen Himmel auf uns herab, der Schweiß tränkte mein T-Shirt.
»Also ich weiß nicht«, sagte ich.
»Ah komm, Alter, das wird schon nice«, erwiderte Tim.
»Das ist mir irgendwie zu sinnlos.«
»Alle außer uns werden saufen. Ich werde den scheiß Alk safe nicht anrühren – du sowieso nicht, aber wir können uns ja damit einstimmen und zugleich was Neues ausprobieren.«
Er zog das glänzende Tütchen hervor und wedelte damit vor meiner Nase herum, keine zwei Meter vor einer dicht befahrenen Kreuzung. Mein Herz machte einen Sprung.
»Pack das weg. Du kannst doch damit nicht in der Öffentlichkeit rumwedeln«, fuhr ich ihn wütend an.
»Ist doch sowieso legal«, maulte Tim.
»Und das weiß ja auch jeder in diesem alkoholistischen Scheißland, oder was? Die sehen nur zwei verschwitzte Teenager mit Sonnenbrillen, die Pillen aus einem bunten Tütchen schlucken. Ich habe keinen Bock auf Stress mit den Bierproleten von der Polizei oder irgendeinem Spießer.«
»Okay. Okay.«, lenkte er ein und steckte es weg. »Nimmst du es? Es wäre eine Pflanze mehr aus der Enzyklopädie zum Abhaken. Kanna.«
»Sceletium tortuosum. Genau. Aber es ist nicht nur das stark stimulierende Kanna. In den Pillen ist noch dieses Synephrin und Koffein. Und wir haben erst letzte Woche auf Holzrose und Weed getrippt. Wir haben uns nicht nur absolute Ethanolabstinenz, sondern auch 6-wöchige Konsumpausen zwischen den einzelnen Experimenten geschworen«
»Und wenn du dich einmal nicht daran hältst, geht die Welt unter oder was? Jetzt puss nicht rum. Du hast mir das Zeug ja sogar verkauft.«
Ich seufzte und wischte mir den Schweiß von der Stirn. Da hatte er recht. Ein Dealer, der den eigenen Stoff nicht nehmen wollte, war alles Mögliche, aber kein Qualitätsversprechen. »Okay. Ich bin dabei, aber nur, wenn wir es dort auf dem Klo nehmen, ich habe nämlich keinen Bock auf unnötige Aufmerksamkeit.« Ich zeigte auf die Rolltreppen zur U-Bahn.
»Was? Wie so scheiß Junkies auf dem Bahnhofsklo? Arm. Einfach nur eine arrrme Aktion.«
Ich stellte mich stur.

»Bei Leary, verdammt«, sagte Tim und rümpfte die Nase. »Hier stinkt es ja übelst«
Ich zuckte mit den Schultern. Es war eine Bahnhofstoilette. Es roch nach Pisse, schwarzer Dreck klebte in den Fugen der Kachelwände und -böden, eine Kabinentür war zerbrochen, Zeitungspapier fledderte herum und gleich neben der Tür war einer dieser schmuddeligen Sexspielzeug-und-Kondom-Automaten Ich sondierte die Lage. Kein Penner, den wir beim Schlafen störten, keine Junkies, die mit der Nadel im Arm sabbernd in der Ecke lagen.
Der Gestank hatte wohl alle potenziellen Bewohner verscheucht. »Die Luft ist rein«, sagte ich »gib her«.
Tim riss das silberne Tütchen mit dem buntem Logo auf und schüttete den Inhalt auf seine Handfläche aus. Vier große, braune Pillen. Jeder nahm zwei und spülte sie mit Mineralwasser runter. Ich schloss die Augen, spürte wie das Adrenalin heiß durch meine Adern schoss und mich zittrig machte, wie jedes Mal, wenn ich eine unbekannte Substanz zum ersten Mal konsumierte. Ich lächelte und sagte: »Ich muss pissen.«

Wir gingen über die Straße. Es war heiß. Ich schwitzte, ich schwitzte extrem und spürte ein Drücken auf meiner Brust. Ich hatte das unbestimmte Gefühl einen Fehler gemacht zu haben, aber noch konnte ich nicht genau den Finger darauf legen, was es war. Tims Stimme drang zu mir durch, aber ich hörte nicht zu, bis er geendet hatte und ich am Ton merkte, dass er mich etwas gefragt hatte.
»Was?«, fragte ich gedankenverloren.
»Ob alles mit dir in Ordnung ist? Du siehst ziemlich verstimmt aus«
»Ahso. Ne, alles gut.«, sagte ich und zwang mir ein breites Grinsen ab. Ich durfte mich nicht zu sehr auf die negativen Gedanken einlassen, sonst würde mein Set kippen und alles nur schlimmer werden. Ich gab mein Bestes die Zweifel zu unterdrücken, aber ich schwitzte in Strömen und spürte, wie mir immer heißer wurde. Ich nahm mein Handy heraus und googelte die Inhaltsstoffe des Legal Highs. Ich kannte sie zwar bereits auswendig, aber ich hatte plötzlich das dringende Verlangen zu überprüfen, ob ich nicht irgendetwas übersehen hatte. Enthalten war ein Extrakt der Sceletium tortuosum – Kanna, eine euphorisch und stark stimulierend wirkende Pflanze, von der Wirkung mit Kokain vergleichbar, Synephrin, ein Ephedrinersatz, welcher als Kreislaufstimulanz und Fatburner verwendet wird, und Unmengen an Koffein. Scheiße, dachte ich. Ich hatte sowieso schon gelegentlich Kreislaufprobleme und bei der Hitze Stimulanzien? Wo ich Upper ohnehin schlecht vertrage? Warum hatte ich mich dazu überreden lassen? Auf einmal war mir richtig schlecht. Mein ganzer Körper versteifte sich. Das Blut sackte in die Beine. Bevor ich weiterdenken konnte, riefen Stimmen unsere Namen. Ich sah auf und erkannte meine ehemaligen Klassenkameraden. Das würde ein schreckliches Grundschulklassentreffen sein. Ich begrüßte die Personen, die mich teilweise seit sechs Jahren nicht mehr gesehen hatten und nun erleben würden, wie ich austickte. Fucking Gonzo.

Wir gingen alle zusammen in den EDEKA an der Tierparkstraße. Mittlerweile waren wir zu zehnt, der Rest würde gleich eintreffen. Ich irrte nervös zwischen den Regalen umher und griff mir eine Milch – das beste natürliche Entgiftungsmittel, wenn ich Albert Hoffmanns Anekdote zu seinem ersten, ungewollten Trip auf Acid richtig in Erinnerung hatte.
Dazu noch eine Schachtel Müsli. Auf das geplante Grillen an der Isar hatte ich plötzlich keine Lust mehr.
Bei dem Anblick von Fleisch wurde mir übel, als müsste ich mich gleich übergeben. Schwitzend und schwer atmend stellte ich mich an der Kasse an. Ich wippte nervös und aufgekratzt auf meinen Fersen hin und her. Vor mir war eine ehemalige Klassenkameradin, die über irgendetwas aufgeregt und fröhlich schwafelte, aber ihre Worte drangen nicht durch das Gedankenchaos in meinen Verstand. Ich nickte stumm, meine Kehle fühlte sich wie zugeschnürt an. Plötzlich klatschte mir jemand auf die Schultern. Erschrocken wirbelte ich herum. Tim stand hinter mir. Er grinste und flüsterte: »Es flutet an. Geil, geil, geil. Spürst du es auch?« Ich nickte. Ich musste sofort weg, die scheiß Droge aus meinem Körper kriegen.

Während die anderen sich an einer Eisdiele anstellten und lachend Neuigkeiten austauschten, stürzte ich davon, um mir etwas abseits die Finger in den Rachen zu rammen. Mein Magen bäumte sich auf, weigerte sich, aber letztendlich schoss ein Strahl gallenbitterer Kotze vor meine Füße. Nicht viel. Ich hörte jemanden mich rufen. Vorerst hatte ich genug gekotzt. Ich wischte mir den Magensaft vom Mund, trank einen Schluck Milch hinterher und machte mich mit wackeligen Beinen auf den Weg zurück zur Gruppe. Ich lächelte und fühlte mich hinter meiner Sonnenbrille viel selbstbewusster. Dann spürte ich, wie die Wirkung stärker wurde, sich alles in meinem Kopf drehte und noch mehr Schweiß aus meinen Poren schoss. Mein Lächeln wurde schief, das eines Verdammten.

Als wir in der prallen Sonne die Thalkirchener Brücke überquerten, glaubte ich, an einem Hitzeschlag zu sterben. Mein Fleisch, die Luft und meine Augen glühten, meine Kehle fühlte sich trocken an. Ich hätte am liebsten geschrien.

Wir saßen auf Steinen am Ufer der Isar. Mein Herz lief unkontrolliert Amok und schlug wild gegen meine Brust. Still saß ich in der Runde, die sich um Einweggrille und Bierkästen versammelt hatte. Tim grinste wie ein Honigkuchenpferd. In meinem Magen grummelte es. Ich fasste mir an den Mund, sprang auf und lief zum Fluss und reiherte hinein. Ich wischte mir den Mund ab und begann nervös herumzulaufen. Mein Körper brannte, so heiß war er. Meine Shorts klebten mir an den Schenkeln. Scheiße. Ich zog mein Handy und googelte Substanzen, Tripberichte und Drogennotfälle, stolperte über das durch Stimulanzien kombiniert mit Monoaminoxidase-Hemmer verursachte tödliche Serotoninsyndrom. Hatte ich MAO Hemmer genommen? Passionsblumenkraut drei Tage zuvor, oder? Nein, das lag schon mehrere Monate zurück. Ich war mir plötzlich nicht mehr sicher. Meine Gedanken wirbelten, Erinnerungen und Befürchtungen, Ängste, Lügen und Wahrheiten verschmolzen miteinander. Wie lange wirkte das nach? War es ein reversibler oder irreversibler MAO-Hemmer? Der Schweiß verrann auf dem Display.

»Tim.«, flüsterte ich und hatte dabei das Gefühl zu ersticken. »Tim. Tim!«
Er saß mit dem Rücken zu mir in der Runde und hörte anscheinend zu, wie eins der Mädchen irgendetwas von ihrem Freund erzählte. »Tim!«, wimmerte ich verzweifelt und zupfte an seinem T-Shirt.
Er drehte sich zu mir um.
»Ich muss ins Krankenhaus. Mir ist richtig schlecht.«
Er lächelte und winkte ab. »Ah was. Chill mal«.
»Was ist mit ihm los?«, fragte ein Mädchen und sah mich besorgt an.
»Ah, der schiebt nur Paras, weil er auf nem Trip ist. Wird schon wieder.«
»Was? Ihr nehmt Drogen?« Unsere ehemaligen Klassenkameradinnen starrten uns entsetzt an, einer, Franz, lächelte wissend, ich taumelte davon und kotzte.

Ich war dabei zu sterben. Ich würde gleich an einem Serotoninsyndrom zugrunde gehen, sabbernd und bewusstlos. Ich lief im Kreis. Fraß mehr Müsli zur Beruhigung, bis ich nach der halben Packung bemerkte, dass es Haselnüsse enthielt. Ich reagiere allergisch auf Haselnüsse. Ich fing wieder an zu kotzen.

»Ich muss ins Krankenhaus… Bitte!«
»Ah was.«
»Im Ernst, ich krepiere.«
»Dann geh allein.«
»Ich habe Angst unterwegs zu kollabieren.«

Tim baute sich mit Franz einen Joint. Ich kotzte das halbe Ufer voll.
»Ich muss ins Krankenhaus«, schrie ich.
Tim lachte und zog am Joint.
Krankenhaus. Koffein. Die Welt drehte sich… und drehte sich und mein Herz setzte aus. Kotzen. Kotzen. Lachen. Grinsen… Tim raucht Joint… tototum.. Schweiß alles voller Schweiß. Pisse. meine Hände zitterten… Krankenhaus… muss… Kanna… Tim lacht… Kotzen..Serotoninsyndrom…MAO..Sterben… Mama… Hilf mir! Ich will nicht… tot… Zieh mal. SterbenTodKrankenhausDrogentodLeben ist finito. Ich hatte Angst. Die Erinnerungen sind nichts als ein verschwommener Schleier fiebriger Panik.

Die S-Bahn fuhr ratternd davon. Hauptbahnhof. Ich nippte vorsichtig an einer Flasche Wasser.
»Und? Fühlst du dich besser?«, fragte mich Tim.
Ich nickte. »Ja, aber ab jetzt halten wir uns an die Konsumpausen. Und keine Upper mehr.«
»Okay. Du hast übrigens noch immer Tellerpupillen.«
Ich lachte. Fünf Stunden zuvor hatte ich die Pillen geschluckt. Die S3 fuhr ein und wir erhoben uns.

Ich fühlte mich körperlich ausgelaugt, aber mein Geist war wachsam. Tim schlurfte auf dem Weg nach Hause schweigend neben mir her. Es war dunkel und ich sah mich dauernd um. Ich wurde das Gefühl nicht los, beobachtet zu werde. Es war niemand hinter uns. Meine Gedanken drifteten zu der Wahrsagersalbei bzw. Salvia divinorum. Die Lieferung aus der Niederlande hätte längst ankommen sollen. Vielleicht hatte der Zoll sie abgefangen? Vielleicht durchsuchten in diesem Moment Polizisten mein Zimmer, fanden meinen Vorrat an Drogen und meine Dealerutensilien. Panik stieg in mir auf.
Meine Brust verkrampfte sich und meine Hände wurden feucht. Eine unerträgliche Angst ergriff mich, je näher wir meinem Haus kamen. Jeden Moment würden Zivis mich ergreifen. Nichts geschah. Wir verabschiedeten uns. Ich sperrte auf. Es war dunkel, meine Familie schlief zum Glück bereits. Erschöpft brach ich auf meinem Bett zusammen.

[Fortsetzung folgt]

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Hier geht es zu Teil 2 ==> Paranoia (2)

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