Eine Kritik des postmodernen Denkens

Überlegungen zu einer potentiell ungesunden Entwicklung
Um ein glückliches und als sinnvoll wahrgenommenes Leben führen und ein starkes Terror-Management und Selbstbewusstsein entwickeln zu können, brauchen Individuen ein stabiles Werte- und Symbolsystem, an dem sie sich selbst bewerten, identifizieren, orientieren und an dem sie wachsen können. Das postmoderne Denken zerstört allerdings solche Werte und verhindert die Entstehung von neuen Werten, was zu einer gefährlichen Entwicklung führen könnte.

Die Wurzeln des postmodernen Denkens
In den vergangenen Jahrtausenden haben in der westlichen Welt Ideologien wie Religionen und gesellschaftliche Konventionen und Überzeugungen den Individuen solche Werte dogmatisch vermittelt, oft zugunsten der herrschenden Gesellschaftsschichten.
Seit dem Beginn der Aufklärung haben aufklärerische und skeptizistische Bewegungen versucht diese Unterdrückung durch Rationalismus aufzubrechen & zu widerlegen, und ebneten so den Pfad zur Französischen Revolution. Diese markierte den Beginn der Moderne, die ihre eigene Wert-Konstrukte, namentlich den Idealismus, den Glauben an den Fortschritt, die Rationalität, die Individualität und die Aufklärung und den Historismus mit sich brachte.
Allerdings waren die skeptizistischen und relativistischen philosophischen Überlegungen, der technologische Wandel und ihre eigenen Versprechen neuer Werte, die die Moderne ermöglichte, auch diejenigen, die sich bald gegen sie wendeten. Durch die Entwertung der Religionen verloren die Menschen die Orientierung im Leben, gleichzeitig kam es zu einer Umwälzung der alten Ständesystem. Diese gesellschaftliche existenzialistische Krise führte zu existentialistischen Krankheiten. Derer kennt man drei: Nihilismus, Dahinvegetieren und Kreuzrittertum.
Der schwierigen Umständen entsprechend, konnten sich die meisten Menschen der ersten beiden nicht lange widmen, sodass die dritte, also Kreuzrittertum, das Stürzen auf neue, amoralische Werte und das radikale Einsetzen und Aufopfern für eine „höhere“ Sache, sich epidemisch ausbreitete. (Dies wurde auch durch die Nihilisten verstärkt, die sich vor allem in der Kunst und Literatur niederschlugen und vor allem in der Strömung des Dadaismus ein Sprechrohr fanden.) Die Leute sehnten sich nach einem totalitären Weltbild, welches ihn einen neuen Sinn und Platz in der Welt geben konnte. Dies führte zu der Entstehung von kollektivistischen Ideologien wie Nationalismus und Kommunismus, die die Werte und Erkenntnisse der Moderne korrumpierten und instrumentalisierten. Mit dem Ausbruch der beiden Weltkriege und den ideologischen Verwerfungen, gesellschaftlichen Dekonstruktionen und dem Niedergang des Idealismus, ging die Moderne unter, und aus ihr ging die von Poststrukturalismus, Existenzialismus und Dekonstruktionsmus geprägte Postmoderne hervor, die sich nun fast zyklisch wie die Moderne einem ähnlichen Ende neigt. Sie war und ist geprägt von großen gesellschaftlichen Umwälzungen und Entwertungen. Konventionen und Repressionen wurden dekonstruiert, die kollektivistischen Hassideologien nach dem Fall des eisernen Vorhangs für einige Jahrzehnte weitestgehend überwunden, und das Individuum ist in der ersten Welt so frei wie noch nie.
Die Menschen der Postmoderne sehen auf die Schrecken der Vergangenheit zurück, und sehen sich mit Problemen neuer Art konfrontiert, die sich auf den höchsten Ebenen der Maslowpyramide abspielen. Jeder möchte sich selbst entfallen können. Jeder bekommt erzählt, er wäre einzigartig und besonders und möchte entsprechend leben. Jeder will das Recht auf seine eigene Meinung haben. Jeder kann sich über das Internet selber und ungefiltert alle möglichen Ideen und Konzepte holen. Und das führt nicht nur zu positiven Effekten.

Das Problem
Radikale Dekonstruktion, wie sie von den Vertretern der Postmoderne vorangetrieben wurde, führt nicht nur zu Befreiung von Dogmen und starren Konventionen und Freiheit. Auf Dauer führt sie bei maßloser Anwendung ins Nichts, in Nihilismus, greift Wissenschaft und Logik, Identität und Rationalismus an, und macht somit eine Gesellschaft unmenschlich, ziel- und inhaltslos und damit letztendlich nicht mehr lebensfähig. Der wertloseste Wert, der von Nietzsche bereits für den Niedergang der Moderne angekündigte Verlust der Wahrheit „Nicht ist wahr, alles ist erlaubt.“ tritt wieder wie vor den Weltkriegen stärker ein und zersetzt mehr als je zuvor Gesellschaft, Politik und Philosophie.

Die individuelle Freiheit bringt nämlich auch Verantwortung mit sich; und immer weniger Menschen sind gewillt diese Verantwortung anzuerkennen und zu übernehmen, sondern lassen sich von ihren Trieben leiten und versinken in Konformität des Konsums und der schnellen Befriedigungen, dabei den Nihilismus als Rechtfertigung für amoralischen Handeln hochhaltend. Hedonismus und Faulheit werden gerechtfertigt mit dem Motto You only live once – das ist wahr, allerdings ist die schnellste und spaßigste Herangehensweise an das Leben nicht immer die beste und die, die langfristig zu Glück und Eudaimonia führt.
Die sexuelle Befreiung und der Postfeminismus haben beispielsweise dazu beigetragen, dass die Menschen der Industrienationen so frei sind ihre sexuelle Identität und Partner zu wählen, wie noch nie, doch dadurch wurden nicht nur irrationale patriarchalische Wertesysteme weitestgehen umgewandelt und Freiheit generiert, sondern auch Freiheit und Sicherheit genommen. Die Postmoderne hat auch das monogame Lebensmodell angegriffen und zusammen mit den technologischen Neuerungen, zu der leichteren Verfügbarkeit von Sex, Pornographie, Datingseiten, Tinder und Affärenvermittlungsdiensten beigetragen. Es ist einfacher den je Sex zu haben. Und doch sind die Menschen, was ihre Liebesleben angeht, immer unglücklicher. Die Anzahl an Menschen im Alter zwischen 18 und 29, die Single sind, ist allein zwischen 2005 und 2014 von 52% auf 64% gestiegen; während die Anzahl der Ehen sich fast halbiert hat. Die Menschen leben immer häufiger alleine und sind immer seltener in Beziehungen, sehnen sich Umfragen folgend aber genauso so sehr wie die Generationen vor ihnen nach Liebe, Intimität und einem Lebenspartner, teilweise hat sogar die Sehnsucht nach romantischen Beziehung angefeuert durch Idealisierung in Filmen und Romane Hochkonjunktur, was stark der einsamen Realität widerspricht.
Viele Menschen wollen eine Beziehung haben, sind allerdings nicht mehr gewillt die Zeit und die Energie und die entsprechende Verantwortung, die dabei mitentsteht aufzunehmen und gehen stattdessen schnellerer Triebbefriedigung durch Pornographie oder Tinder nach, wodurch sie letztendlich allerdings noch mehr vereinsamen und auch keine Beziehung knüpfen, sondern sich stattdessen oft nur emotional selbst verletzten.
Diese Isolierung wird durch den Druck der individualistischen Leistungsgesellschaft und dem breiten Angebot unsozialer Unterhaltungsmedien (Netflix usw.) vorangetrieben.
In der gleichen Zeit breiten sich soziale Isolation und damit psychische Krankheiten, vor allem Angststörungen und Depressionen, epidemische in der postmodernen Gesellschaft aus – allein von 1985 bis 2004 hat sich die Anzahl der Menschen, die sagen, sie hätten niemanden, mit dem sie ernsthafte Probleme besprechen könnten, verdreifacht – was ironisch ist, wenn man bedenkt, dass Bevölkerung immer größer wird und so auch die Peergroups größer sein müssten.
Und die Entwertung greift nicht nur die privaten Leben der Menschen enorm an, sondern auch die Politik der großen Industrienationen; da die Postmoderne auch einen gefährlichen Relativismus und damit eine Toleranz gegenüber Unwahrheiten mit sich gebracht hat, wodurch persönliche, subjektive Falschmeldung (Fake News) und Verschwörungstheorien aufblühen. Der postmoderne Mensch kann aus zigmillionen von Weltbildern auswählen. Er kann an Buddhismus, Christentum, gar nichts, den Islam, die Wissenschaft, New Age Esoterik oder sonst irgendetwas glauben und wird von allen möglichen Seiten mit verschiedenen Optionen belagert, gleichzeitig greifen verschieden subversive, poststrukturalistische Bewegungen selbst biologische Wahrheiten wie Geschlechter oder physikalische Grundsätze oder wissenschaftliche Erkenntnisse wie den Klimawandel an, um sie für nichtig zu erklären, oder diese als Verschwörungen zu diffamieren, zugleich verfolgen sie mit faschistischer Gnadenlosigkeit jene, die von der Meinungsfreiheit Gebrauch machen und sich deren aufgezwungenen Egalitarismus entgegenstellen. In Schulen und Universitäten wird ein realitätsferner Egalitarismus vorangetrieben, der die Jugend von sowohl von der Bürde aber auch der Orientierung und Struktur einer gesellschaftlichen Hierarchie befreit, sie aber nicht davon abhalten kann danach real mit dem Konkurrenzwettkampf und der Kompetenzhierarchie der Arbeitswelt konfrontiert zu werden. Gleichzeitig wird versäumt eigenständiges, logisches und kritisches Denken beizubringen, sondern man überlässt Menschen ihrer Meinung, während jedoch jede Idee in einem multikulturellen Umfeld angegriffen und dekonstruiert wird. Das Angreifen und zerstören von kulturellen Systemen wie Religion im Namen der wissenschaftlichen Wahrheit führt jedoch nicht zwangsläufig zu mehr Aufgeklärtheit und Toleranz.
Diese Entscheidungsfreiheit und Strukturlosigkeit zwischen den unzähligen Meinungen und die Dekonstruktion aller Wahrheiten führt zu einer Überforderung und Abstumpfung des Individuums. Es kann nicht mehr erkennen, was wahr ist oder zumindest wahr sein sollte und es kann sich nicht auf das kompetitive Leben in der Leistungsgesellschaft einstellen. Langfristig zersetzt dies das kritische Denken und führt zu Apathie und Nihilismus und zu einer Verdreifachung der Suizidraten unter Teenagern von 1950 bis 2015.
Da das Selbstbewusstsein nicht mehr aus der Erfüllung und Anpassung an Wertsysteme (welche denn?) seine Kraft und seinen Sinn beziehen kann, führt dies zu Labilität und egozentrischen, hedonistischen und rücksichtslosen Denken; auf individuellere Ebene damit zu Depression und zu Suizid; und auf gesellschaftlicher zu Faschismus, Unruhen und Machtstreben. Der Nihilismus der der scheiternden Moderne folgte, führte zum Aufstieg des Nationalsozialismus und Kommunismus; der Nihilismus, der sich in der Postmoderne im 21 Jahrhundert, führt ebenso zum Aufstieg neuer totalitärer Ideologien wie Neomarxismus (SJW), einer faschistischen Political Correctness Culture, Neofaschismus und Islamismus; aber auch zur Explosion an psychischen Krankheiten und Drogengebrauch, wie die aktuelle Opioidkrise beweist.

Die Schwierigkeiten der Problemlösung
Die Erkenntnis der Relativität von Wahrheit, Werten und Sinn und der daraus resultierende Nihilismus sind erkenntnistheoretisch logisch, allerdings können sie nicht die Endstation sein, da sie in keine Richtung weisen, keinen Halt und keinen Sinn geben, und so die grundlegenden Fragen des menschlichen Lebens und damit der Philosophie, nämlich wie man zu leben hat, verneinen. Das postmoderne Denken ist zu sehr auf das Dekonstruieren und Entlarven von Werten und Ansichten fokussiert, und zu sehr auf seinem nihilistischen Stolz gestützt, um das ganze Bild zu sehen, um die Notwendigkeit von Wahrheit und Werten für das Individuum und seine Psyche und seine Entwicklung zu erkennen und anzuerkennen, um in eine produktive, glückliche, weiterführende Richtung zu zeigen. Die letzten Jahrhunderte wurde unentwegten kritisiert, zerstört, dekonstruiert und entwertet, und diese Kritik war und ist oft berechtigt gewesen, allerdings richtete sich auch gegen fundamentale Werte wie Archetypen und Moral und unterhöhlte damit das Menschliche in der Gesellschaft. Des Weiteren wurde wenig konstruktive Kritik geübt. Was die Menschheit braucht, ist eine neue Aufrichtigkeit, eine neue Richtung anhand derer sie die Negativität und Destruktivität des Nihilismus und die Entwertung der Postmoderne überwinden kann. In den 60ern des letzten Jahrhunderts haben bereits Bewegungen wie die der Beatniks und Hippies und der von Philosophen wie Alan Watts versucht einen neuen existenzialistischen Spiritualismus in die westliche Welt zu bringen, diese Versuche sind allerdings weitgehend gescheitert und haben sich zu einem Nischenphänomen entwickelt, während der Bedarf nach einer stützenden Ideologie weiterhin besteht, und weshalb auch totalitäre und menschenverachtende Ideologien wie der Islamismus an Zulauf gewinnen.
Die Aufgabe der Philosophie des 21. Jahrhunderts ist es aus dem Trümmerfeld der Postmoderne eine neue, aufrichtige Leitlinie zu entwickeln, ein neues Wertsystem, an dem sich die Menschen orientieren können ohne dabei die positiven Effekte der Postmoderne – die Freiheit, den Individualismus – zu verlieren.
Das größten Schwierigkeiten werden dabei sein den Machtzulauf faschistoider und totalitärer Gedanken wie des Islamismus oder des Faschismus einzudämmen und gleichzeitig eine humane und emphatische Symbolfigur zu schaffen, die den Menschen einen neuen Glauben bringt. Leider landen heutzutage die meisten Propheten in der Anstalt, dabei leben wir in Zeiten, in denen wir so dringend wie noch nie einen neuen Christ brauchen, der uns das Paradies, die Liebe und den Frieden verspricht und für uns als Märtyrer stirbt, um eine neue Metaphysik einzuleiten; denn der Existenzialismus und die verwandten Existenzphilosophien sind als Modelle für die gesamte Gesellschaft gescheitert. Der Verantwortung der Freiheit und dem Schmerz des Nihilismus sind einige sehr gewissenhafte und intelligente Menschen, wie Sartre und Camus sie selber waren, gewachsen, allerdings nicht die Massen.

 

Quellen:

http://www.gallup.com/poll/183515/fewer-young-people-say-relationship.aspx

http://happierhuman.wpengine.netdna-cdn.com/wp-content/uploads/2014/06/P13.-Social-Isolation-in-America-Changes-in-Core-Discussion-Networks-over-Two-Decades.pdf

https://link.springer.com/article/10.1023/A:1006923418502

http://www.euro.who.int/de/health-topics/noncommunicable-diseases/mental-health/news/news/2012/10/depression-in-europe

https://de.wikipedia.org/wiki/Postmoderne

Friedrich Nietzsche: Die Genealogie der Moral